Karl Abraham

Barbarische Normalität

Die Krise des globalen Kapitalismus hat objektive Dimensionen angenommen, welche die noch vor Wochen in den Medien und der politischen Landschaft zirkulierenden Verdrängungsprozesse verunmöglichen (vgl. Christian Mielenz, „Optimismus-Anfälle“). Sie kann nicht mehr geleugnet werden. Das bürgerliche Bewusstsein jedoch kettet sich an das System mit einer Vehemenz, welche die Brutalität von dreihundertfünfzig Jahren kapitalistischer Domestizierung und die Prägung von zweitausend Jahren abendländischer Kultur erahnen lässt2. So schreibt Jan Ross in der ZEIT: „Dieser Traum [der amerikanische Traum] hat Schaden genommen. Durch politische und militärische Überdehnung, moralisches Versagen, schamlose Gier. Und doch: Wer würde ihn nicht retten wollen?“3

Das bedrohte bürgerliche Subjekt, dessen Ideologiebildung schon immer aus dem Fetischcharakter des Systems und dem Mechanismus der universellen Konkurrenz resultierte, schlägt blind um sich. Struktureller Antisemitismus und (klein-)bürgerliches Bewusstsein stehen, je drastischer die Dimension der Krise zu Tage tritt, in einer gefährlichen Wechselwirkung. Dirk Kurbjuweit hat im SPIEGEL vom 06.10.2008 einen Artikel unter der Überschrift „Zeit der Krokodile“ verfasst. Der Untertitel lässt die Befürchtung wahr werden: „Die Finanzkrise lässt nicht nur Vermögen schwinden, sondern auch das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft und die Reformfähigkeit Deutschlands. Der alte Gesellschaftsvertrag wird brüchig, für einen neuen fehlt womöglich die Kraft. Das alles ist ein Werk von Spielern.“4 Würden einem solche Zeilen nicht permanent in jeglichen Wochen- und Tageszeitungen entgegenspringen, könnte man angesichts der brutalen Naivität dieser Argumentation fassungslos werden. Die Thesen gleichen sich beängstigend; der Schuldige ist schon ausgemacht. Das Bild von Krokodilen gliedert sich in die Reihe der Heuschrecken ein.

„Das alles ist ein Werk von Spielern“ sagt der kleinbürgerliche Zeitungsjournalist, der doch am liebsten seine Artikel weiter schreiben würde, ohne von der lästigen Krise bedrängt zu werden. „Was jetzt geschieht, ist das Horrorszenario einer Globalisierung, die sich in zwei Bereichen abspielt. Es gibt einen realen Bereich, der in einem verstärkten Warenaustausch besteht“, in dem man ungefährdet Zeitungsartikel schreiben kann, „also in einer schärferen Konkurrenz um Arbeitsplätze, um Wohlstand, um Umweltverbrauchsrechte (!). Dies wirkt für den Einzelnen oft schon furchterregend genug, obwohl es unvermeidlich und sinnvoll sein kann.“6

Der gute alte rheinische Kapitalismus wird zurückersehnt, wenn auch in einer durch die Globalisierung verschärften Situation. Diese Argumentation wird an der Beliebigkeit des Gegenstandes, den sie herbeirufen möchte, obsolet. Und wiederum schlägt die Identifikation mit dem System in plumpe, extrem gefährliche Ideologie um: „So richtig unheimlich ist aber der andere Bereich. Das ist der See mit den Krokodilen. Man sieht nichts, der See liegt glatt. Aber im Dunkeln darunter passiert eine Menge. Unbemerkt haben die Bankenschnösel (!) ein Netz gespannt, haben durch Verkäufe in aller Herren Länder Zusammenhänge geschaffen, unkontrolliert, elektronisch. Sie sind stille Meister der Globalisierung (!). Sie haben eine zweite, eine heimliche Welt gebaut.“7

Das ökonomische Unverständnis, welches aus der Rettung des partikularen, kleinbürgerlichen Standpunktes eines Journalistenschnösels resultiert, muss die Totalität und Vermitteltheit des Systems gewaltsam ignorieren. Die Sphäre der Realproduktion, mittlerweile auch „oft schon furchterregend genug“, wird von der des Finanzkapitals einfach abgekoppelt. Die theoretische Begriffslosigkeit flüchtet sich in Dämonisierung: Das Finanzkapital wird beherrscht von den „Meister[n] der Globalisierung“, die im „Dunkeln“ agieren und ominöse „Zusammenhänge“ geschaffen haben – Verschwörungstheorie und der Anklang an den „internationalen Juden“ gehen Hand in Hand. Diese Sätze sind beängstigend und barbarisch, vor allem, da sie Ausdruck des normalen, mittlerweile alltäglich einem begegnenden (klein-)bürgerlichen Bewusstseins sind. Die „Dialektik der Aufklärung“ nimmt konkrete Züge an. Das Ausspielen der Realökonomie, des „realen Bereichs“, mit einem „verstärkten Warenaustausch“ gegen den finanzkapitalistischen Sektor ist aus zwei Gründen theoretisch völlig unzulässig:

Dies zeigt, dass über die „Hep-Hep-Unruhen“ des 19. und den Antisemitismus der 20er, 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinaus eine historisch neue, durch die Entwicklung des Finanzkapitals und der daraus entspringenden Ideologie des strukturellen Antisemitismus forcierte Dimension des Antisemitismus erreicht worden ist. Diese barbarische Normalität, welche sich bei den internationalen, politischen Funktionseliten während einer so offen antisemitischen Rede Ahmadinejads – Ausdruck eines inneren Einverständnisses – einstellt, ist kein passiver Antisemitismus mehr; Auschwitz kann man nicht vergessen. Es handelt sich hierbei um aktiven Antisemitismus.

Während dieser jedoch in den 20er und 30er Jahren ideologisch noch in den nationalstaatlichen Funktionsraum des Kapitals gebannt war12, so scheint heute, sollten sich derartige Vorfälle wiederholen, mit der UN eine Institution gegeben, welche dem transnationalen Antisemitismus ein neues Forum bietet. Es tritt somit eine gefährliche Reziprozität von strukturellem Antisemitismus, das heißt der Zuschreibung der Krisenursache des globalen Kapitalismus an gierige Banker und Spekulanten, und der Infrage-Stellung des Existenzrechts Israels zutage. Die Identifikation mit dem Angreifer und die daraus resultierende ideologische Kapitalismuskritik schlägt um in Barbarei.

Anmerkungen