Startseite Krise und Kritik der Warengesellschaft


erschienen in: Folha August 2003

Robert Kurz

SCHLUSS MIT LUSTIG
Die Wende des westlichen Zeitgeistes: Von der "Selbstverantwortung" zurück zum zwanghaften Autoritarismus


Wenn die Verhältnisse sich ändern, dann folgen früher oder später auch die Ideen. Dieses Essential kritischer Theorie bezieht sich keineswegs bloß auf eine Veränderung zum Guten. Innerhalb der kapitalistischen Entwicklung ist immer wieder das Phänomen zu beobachten, daß sich zusammen mit den Verhältnissen auch die Ideen verschlechtern. In der Prosperität hat Menschenfreundlichkeit Konjunktur, man ergeht sich in frohen Zukunftserwartungen und Utopien der "Entwicklung", der Befreiung, der Erhebung des Menschengeschlechts usw., allerdings ohne die zugrunde liegende gesellschaftliche Form in Frage zu stellen. Warum auch, ist diese doch gerade die Form der Prosperität. Wer gut gegessen hat und satt ist, kann gar nicht anders, als optimistisch zu denken und ein allgemeines Wohlwollen an den Tag zu legen.

In der Krise dagegen verändert sich die Perspektive grundsätzlich. Wer schlecht ißt oder davon bedroht ist, in Zukunft schlecht essen zu müssen oder gar hungrig zu bleiben, verliert das Wohlwollen und den Optimismus. Aber gerade dann wird die zugrunde liegende gesellschaftliche Form erst recht nicht in Frage gestellt, obwohl sie doch jetzt die Form der Krise ist. Stattdessen haben Ideologien des Pessimismus, der Menschenfeindlichkeit und des Mißtrauens Konjunktur. Man kann es auch so sagen: Wenn es bergab geht, dann fällt die Maske, und die unverhüllte Brutalität der herrschenden Logik und ihres ökonomischen Terrors kommt zum Vorschein. Dieser Wechsel zum Schlechteren erscheint in den Aussagen der Politik ebenso wie im Diskurs der Medien, in den institutionellen Direktiven und in der "Philosophie" des Managements.

In demselben Maße, wie die Marktwirtschaft ihr Wohlstandsversprechen ganz offenkundig bricht, werden nicht ihre Ordnungsstrukturen und ihre irrationalen Zwänge zum Thema der Kritik gemacht, sondern es wird über die Notwendigkeit von Menschenopfern diskutiert. An die Stelle von falschen Ideen des Glücks, des Fortschritts und des allgemeinen Wohlstands treten Ideen des Opfers. Dabei wird die gesellschaftliche Krise als eine Naturkatastrophe betrachtet, auf die man nur reagieren kann wie auf ein Erdbeben: mit Notmaßnahmen, ohne die Ursachen verhindern zu können. Ein Held, wer kräftig mit anpackt; aber nicht etwa, um die falschen Zwänge zu durchbrechen und zu einem vernünftigeren Einsatz der Ressourcen zu gelangen, sondern um diese Zwänge an sich selbst und an anderen gerade in der Krise umso gnadenloser zu exekutieren. Und wie stets in der Moderne versteckt sich das archaische Ethos von Opfer und Selbstopfer hinter der Maske der Sachlichkeit.

In den 90er Jahren gab es ein eigenartiges Mißverhältnis zwischen der ökonomischen Verschlechterung einerseits und der ideologischen Entwicklung andererseits. Ausgerechnet in der Krise hatten Ideen des Optimismus Konjunktur. Der realen Verschlechterung sollte geradezu die allgemeine Emanzipation abgewonnen werden. Weder verschärfter bürokratischer Zwang noch Gesellschaftskritik standen auf der Tagesordnung, sondern die totale "Selbstverantwortung" in der Krise. Lauter autonome Individuen sollten jeweils für sich allein frisch-fromm-fröhlich-frei und vor allem "kreativ" mit allen Problemen fertig werden. Die Devise nach den "marktwirtschaftlichen Reformen" lautete: Der Kapitalismus soll eher noch mehr "losgelassen" werden; aber die Individuen und Institutionen müssen lernen, besser damit zurecht zu kommen. Propagiert wurde der Mensch als "Unternehmer seiner selbst".

Die Begriffe von Emanzipation, Freiheit, Selbstverantwortung und Reform wurden umdefiniert und semantisch neu besetzt im Sinne eines ökonomistischen Hardcore-Liberalismus. Nicht die alte und neue Armut sollte abgeschafft werden, sondern das Verhältnis der Armen zu ihrer Armut sollte sich ändern. Der Imperativ lautete: Verhaltet euch "positiv" zu den Bedingungen, wie sie der anonyme Markt euch vorgibt. Allen wurde die Erlaubnis gegeben oder in Aussicht gestellt, ihr eigenes Elend ganz unbürokratisch selbst zu verwalten. Der neueste "neue Mensch" in der neuesten "Brave New World" des 21. Jahrhunderts wurde gedacht als ein Wesen, das 24 Stunden am Tag ökonomisch denkt und träumt, sich ununterbrochen selbst verwertet und alle Beziehungen, sogar die persönlichen und intimen, als "Kundenbeziehungen" betrachtet.

Auch der übrig gebliebenen staatlichen Bürokratie wurde die Aufgabe gestellt, sich nicht bloß immer weiter zu "verschlanken", sondern auch "Bürgernähe" zu demonstrieren. Die Verwaltung sollte sich ebenso wie die Eisenbahn, die kommunale Wasserversorgung, die Krankenhäuser oder die Bibliotheken nicht mehr als öffentliche Infrastruktur betrachten, sondern handeln wie ein Marktunternehmen der Service-Industrie. Den Beamten wurde in extra Schulungen eingeschärft, sie müßten ihre Klientel als "Kunden" behandeln und sich ein professionelles Verkäufer-Grinsen antrainieren. Kostensenkung sollte verbunden werden mit höherer Effizienz, bürokratische Menschenverwaltung umdefiniert werden in eine Art Geschäft der "Beratung", um den Klienten den Weg in die glorreiche Selbstverantwortung zu ebnen und sie in ein strahlendes Dasein als "Selbstunternehmer" zu entlassen, die sich in Zukunft ganz ohne staatliche Hilfe freudig den Erfordernissen des totalen Marktes hingeben würden.

Geboren wurde dieser Zeitgeist der 90er Jahre nicht wie früher in den universitären Wissenschaften, in der Literatur oder in den maßgeblichen Medien, sondern in den ideologischen Hexenküchen der so genannten "Unternehmenskultur". Im Zuge der neoliberalen Wende war die geistige Führung seit den 80er Jahren von der akademischen, literarischen und journalistischen Intelligenz auf die "ökonomischen Intellektuellen" des Managements übergegangen. Das war nur logisch: Wenn alle Lebensbereiche gleichermaßen "ökonomisiert" werden, dann steigt die Ökonomie zur "Königswissenschaft" auf und nimmt einen Platz ein wie einst die Theologie und später die Philosophie. Jeweils dominierende Methoden des Managements werden zur "Leitkultur" der ganzen Gesellschaft und bestimmen die Konjunkturen der intellektuellen Mode. Die Unternehmen erscheinen nicht mehr als banale Stätten der Warenproduktion, sondern werden mit universeller "Bedeutung" aufgeladen.

In der "Philosophie" des Managements drückte sich der seltsame Zeitgeist der 90er Jahre als neuer Zwang zur Zwanglosigkeit aus. Arbeit wurde in Freizeit und Freizeit in Arbeit umdefiniert. An die Stelle traditioneller Strukturen der Autorität sollten "flache Hierarchien" treten, der kantige und gefürchtete Chef von einst wurde durch frei schwebende "Teams" ersetzt. Die distanzierte Förmlichkeit der entfremdeten Arbeitswelt ging in einen distanzlosen familiären Ton über; alle sagten "Du" zueinander, von der Putzfrau bis zum "kreativen" Designer, vom Büroboten bis zum milliardenschweren Investor. Was schon bald als "Spaßrevolte" eine ganze Jugendkultur kreierte und in Orgien des anspruchsvollen Blödelns oder der unverschämten "Trash-Culture" durch die Medien tobte, hatte seinen Ursprung im sozialen Design der kapitalistischen Menschenführung durch die neuen Methoden des Managements.

Aber der "Spaß" war von Anfang an ein ziemlich krampfhafter und verlogener. Es ging eigentlich nur darum, die für viele bereits spürbare Härte der Krise und die Verschärfung der Konkurrenz semantisch zu maskieren. Das schmeichlerische Postulat der "Selbstverantwortung" lief darauf hinaus, den Zwang zur permanent gesteigerten Leistung über das Menschenmögliche hinaus als freiwillige Selbstausbeutung zu konfigurieren. Der propagierte Freizeitwert der Arbeit sollte die Beschäftigten dazu veranlassen, sich mittels einer Unmenge unbezahlter Überstunden selber wie Zitronen auszupressen. Sich selbst auf dem Altar der Betriebswirtschaft zu opfern, galt als eine Form der Originalität von flexiblen, "souveränen" Individuen, die nach einem frühkapitalistischen Arbeitstag in der Firma ausgelassen Tischfußball spielen und sich überlegen, ob sie nicht noch ein paar Stündchen drauflegen sollten, weilīs grade so schön war.

Der merkwürdige Optimismus in der Krise war also nur eine paradoxe Variante der alten Krisen-Ideologie des Opfers; nur sollte es sich um "fröhliche Opfer" handeln, die ihre eigene soziale Degradation als eine Mordsgaudi in der "Spaßgesellschaft" erleben und sich für "Rebellen" halten, wenn sie mitmachen bis zum Gehtnichtmehr. Und der Imperativ der totalen Konkurrenz galt als besser bewältigbar in einer Atmosphäre falscher Egalität, wo sich wie in einem deutschen Werbespot der späten 90er Jahre der milchbärtige Chef einer Internet-Firma schon mal auf die Socken macht, um "für alle" Kaffee und Fastfood zu holen, damit sie ihre Maloche nicht unterbrechen müssen.

Überhaupt bildete die so genannte New Economy des damals noch hoffnungsfrohen Internet-Geschäfts den Hintergrund all dieser neuen Konzepte. Die Krise war nur deshalb kompatibel mit dem Kult des Optimismus, weil sie in bestimmten Sektoren, die zu ökonomischen "Leitsektoren" ausgerufen wurden, durch eine groteske Finanzblasen-Wirtschaft scheinbar kompensiert werden konnte. Verarmung und soziale Degradation gingen einher mit der Chance zum "schnellen Reichtum" für viele. Deshalb bestimmten trotz Krise die Glücksritter den Zeitgeist. In diesem Klima konnte der paradoxe Imperativ entstehen, den Niedergang als "Chance" und die Fremdbestimmung als Selbstbestimmung zu erleben. Mit dem glitzernden Versprechen des Finanzblasen-Booms vor Augen wollte man sich in der Unbehaustheit geborgen fühlen und in der universellen Feindschaft der Konkurrenz Freundlichkeit erblicken.

Seit jedoch in den westlichen Ländern nach dem Untergang der New Economy zusammen mit den Finanzblasen auch die Illusionen geplatzt sind, hat sich der Ton des Zeitgeistes nachhaltig geändert. Plötzlich entdeckt man, daß die New Economy und alle damit zusammenhängenden Ideen nur ein Blendwerk waren. Das Resultat ist aber nicht etwa die Erneuerung von Gesellschaftskritik. Stattdessen wird nur der falsche Optimismus abgeschminkt. Die Idee der "Selbstverantwortung" verwelkt und macht der Erkenntnis Platz, daß die Realität in den Konzernen und in der staatlichen Verwaltung nie damit übereingestimmt hat. Der Zeitgeist der 90er Jahre war nur postmodernes Spielverhalten in einem real unbedeutenden und ökonomisch unseriösen Sektor, der sich selbst zur "Kulturrevolution" hochstilisierte. Jetzt kommen die Ideen des Opfers ganz ohne emanzipatorische Maske daher. In den Unternehmen zeigt das Ancien Regime der Führungsdiktatur im Zeichen der Angst, das nie wirklich verschwunden war, wieder selbstbewußt Flagge.

Und dieser Wandel des Denkens zeigt sich natürlich zuerst dort, wo auch das kurzlebige Paradigma der neuen "antiautoritären Konzepte" seinen Ausgangspunkt genommen hatte: in der "Philosophie" des Managements. Die deutsche Unternehmerin und Publizistin Judith Mair hat ein Buch geschrieben, das den bezeichnenden Titel "Schluß mit lustig" trägt. Darin rechnet sie mit der "Spaßkultur" und mit den antiautoritären Umgangsformen im kurzen Zeitalter der New Economy ab. Ihre zentrale Erkenntnis: "Arbeit macht keinen Spaß", sondern muß erzwungen werden. Das wußte schon Marx, als er über die Entfremdung in der Arbeit sprach, die durch die Fremdbestimmung der Produktion hervorgerufen wird. Judith Mair allerdings will nicht die Fremdbestimmung abschaffen, sondern die "Arbeit" für den Selbstzweck der Verwertung wieder unter Kuratel stellen. Der schöne Schein der "Selbstverantwortung" verschwindet, Re-Hierarchisierung und autoritäre Disziplinierung sind angesagt.

Es ist nun einmal eine Tatsache: Kaum jemand ist freiwillig dazu bereit, sein Leben restlos zu verausgaben für Zwecke, die ihm fremd sind und über die er keine Kontrolle hat. Die wenigsten Menschen sind dazu bereit, sich in der Krise fröhlich selber zu opfern. Der alte Traum des monströsen Utilitaristen Jeremy Bentham (1748-1832), daß sich jedes Individuum zu seinem eigenen Aufseher und Antreiber pädagogisieren läßt, ist unerfüllbar; auch wenn dieser Traum in den Konzepten der New Economy fast schon Wirklichkeit zu werden schien. Daß solche Konzepte nicht aufgehen können, war dem traditionellen Liberalismus der Old Economy durchaus bewußt, der von Haus aus gleichzeitig auch konservativ und autoritär war. Im liberalen Frühkapitalismus galt die Devise: "Freiheit" für das Geld, Zwang für das "Menschenmaterial". Wirtschaftsfreiheit und autoritärer Staat gingen grundsätzlich Hand in Hand; Liberalismus reimte sich immer wieder auf Pinochet.

Nicht nur in den Unternehmen, sondern erst recht in den staatlichen Sozialbehörden der westlichen Länder ist die Stimmung zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder preußisch geworden. Die viel zu vielen "Überflüssigen" müssen noch härter diszipliniert und in ihr Schicksal hineingezwungen werden als die "Beschäftigten". Wie sich bei der Geburt des Kapitalismus äußere und innere Kolonisierung gegenseitig bedingten, so schlägt nun der neue äußere Krisen-Kolonialismus der westlichen Weltpolizei unter Führung der USA in einen inneren Krisen-Kolonialismus der Armutsverwaltung um.

Der sozialökonomische Prozeß der Individualisierung in den westlichen Industrie- und Dienstleistungs-Staaten wird dadurch nicht rückgängig gemacht. Aber all die gescheiterten "Selbstunternehmer" und Glücksritter der Selbstverwertung bekommen nun zu spüren, daß die Anonymität der Systemzwänge in der Realität der Krise dennoch das Gesicht von Aufsehern und Einpeitschern, von "Offizieren und Unteroffizieren des Kapitals" (Marx) annimmt. Der alte Kasernenhofton kehrt zurück: Es wird wieder angeschnauzt, zusammengestaucht, gedemütigt und herumgebrüllt, damit wir nicht vergessen, was die wunderbare marktwirtschaftliche Moderne ihrem Wesen nach ist: ein gesellschaftliches Zwangsverhältnis.