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Roswitha Scholz
Der Wert ist der Mann
Thesen zu Wertvergesellschaftung und Geschlechterverhältnis
1.
Nach 20 Jahren Frauenforschung
ist der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Patriarchat immer noch ein ungelöstes
Problem. Diejenigen Feministinnen, die sich diese Frage noch stellen und an
Marx und die Kritische Theorie anschließen, rekurrieren auf einen Arbeiterbewegungs-Marxismus,
dessen zentraler Kritikpunkt an der bürgerlichen Gesellschaft die Aneignung
des Mehrwerts durch das Kapital ist. Kritisiert wird an einem derartigen Marxismusverständnis
von linken Feministinnen lediglich, daß das Problem des Patriarchats unberücksichtigt
bleibt, d.h. daß einzig und allein der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital
als Zentralreferenz Gültigkeit besitzt. Demgegenüber werde jedoch
der Geschlechterproblematik als konstituierendem gesellschaftlichen Verhältnis
nicht der gebührende Platz eingeräumt. Die Patriarchatskritik wird
so in ein veraltetes, weitgehend unhistorisch gesetztes Marxismuskonzept gepackt,
in dem die Geschlechterproblematik letztendlich dann doch wieder als Fremdkörper
erscheinen muß, weil sie nur äußerlich hinzuaddiert wurde.
Häufig wird dabei
versucht, die in Kapitalanalysen nicht beachtete Hausarbeit in denselben Rang
wie Lohnarbeit, d.h. abstrakte Arbeit, zu heben und/oder den "Wert"
von Hausarbeit zu bestimmen (vgl. Haug 1990, S. 92 f. und Beer 1989, S. 190
ff.). Eine derartige Erweiterung des Begriffs der "produktiven Arbeit"
läuft m.E. allerdings Gefahr - entgegen der eigentlichen Intention - einer
weiteren Verdinglichung der sozialen Verhältnisse auf der theoretischen
Ebene zuzuarbeiten, da die fälschlicherweise so bezeichnete "Produktion
von Leben" auch noch mit Kategorien erfaßt werden soll, die auf die
Produktion von Waren zugeschnitten sind.
Einen Ausweg aus diesem
Dilemma könnte m.E. ein kritisches Verständnis der Marxschen Theorie
bieten, das gerade nicht den "Wert", d.h. die Darstellungsform
der abstrakten Arbeit, hochhält wie der Arbeiterbewegungsmarxismus, der
"Arbeit" auch noch zum Gattungsmerkmal schlechthin erklärt (und
an den obige Feministinnen anschließen). Vielmehr ginge es umgekehrt um
eine Kritik der "Arbeit", die als "abstrakte betriebswirtschaftliche
Vernutzung von Arbeitskraft und Naturstoffen" (R.Kurz) zunehmend obsolet
wird und in Frage gestellt werden muß. Denn es ist m.E. gerade der Aufstieg
des männlichen Prinzips (Männliches "Prinzip" verwende
ich hier nicht im Sinne eines Wesensapriori von Mann und Frau, sondern im Sinne
einer kulturell-historisch gewordenen sozialen "Tatsache" (s.u.).)
der "abstrakten Arbeit als tautologischer Selbstzweck" (R.Kurz), der
die Verhäuslichung und Unterdrückung der Frau in der abendländischen
Geschichte mit sich bringt und letztlich die Entsinnlichung der menschlichen
Verhältnisse, Naturzerstörung und atomare Kriegsgefahr erzeugt.
Insofern braucht sich
die Frauenbewegung gar nicht anschicken, weibliche Tätigkeit zum Beweis
ihres (moralischen und ökonomischen) Werts auch noch in "Arbeit"
umzudefinieren; denn "Arbeit" in diesem Sinne ist ja gewissermaßen
selbst die "Wurzel allen Übels". Dies soll indes wiederum nicht
heißen, daß weibliche Tätigkeit und die damit verbundenen patriarchalen
Zuschreibungen, so wie sie im hier und heute vorgefunden werden, irgendwie "besser"
wären und sich daraus Modelle für die Zukunft ableiten ließen,
wie dies manchen Feministinnen vorschwebt. Denn die "weibliche Sphäre"
und die den Frauen zugeordneten Eigenschaften stellen nur die andere Seite der
Medaille abstrakter "Arbeit" im wertförmigen Patriarchat dar.
Deshalb ist es m. E. ebenso verfehlt, positiv darauf Bezug nehmen zu wollen,
wie auf die "Arbeit" überhaupt (Wenn auch die sog. Beziehungs-
und Hausarbeit sowie die Kindererziehung gewissermaßen die Kehrseite der
abstrakten Arbeit darstellen und sie deshalb mit dem Begriff "Arbeit"
theoretisch nicht erfaßt werden können, so heißt dies dennoch
nicht, daß sie von zweckrationalen Momenten und "protestantischen"
Normen völlig frei wären. Deshalb müßte m.E. ein dritter
Begriff gesucht werden, mit dem die traditionelle Tätigkeit der Frau im
Reproduktionsbereich genauer theoretisch bestimmt werden kann, da auch der Terminus
"Tätigkeit" zu diffus ist und einen zu großen Allgemeinheitscharakter
besitzt. Überdies könnte durch den Begriff "Tätigkeit"
der alte Mythos von der müßiggängerischen Hausfrau genährt
werden. Diese - keineswegs irrelevante - Problematik kann hier jedoch nicht
weiter verfolgt werden. Solange eine derartige Klärung nicht erfolgt ist,
bediene ich mich deshalb weiterhin des unbefriedigenden Begriffs "Tätigkeit",
wenn von der "Arbeit" im Reproduktionsbereich die Rede ist.).
2.
Beim Rekurs auf den Ansatz
der "fundamentalen Wertkritik", wie ihn die KRISIS-Gruppe geleistet
hat (Zur Beschäftigung mit dem Thema Wertvergesellschaftung/Geschlechterverhältnis
veranlaßte mich der Zwiespalt, auf der einen Seite der KRISIS-Position
in zentralen Punkten zustimmen zu können, auf der anderen Seite jedoch
ein tiefes Unbehagen angesichts der theoretischen Behandlung der sog. "Frauenfrage"
zu empfinden. Dazu kam noch die Erfahrung, daß sich Frauen im Zusammenhang
der Männergruppe KRISIS-Redaktion nur schwer Gehör verschaffen
konnten. Der vorliegende Text verdankt daher seine Anregungen nicht den KRISIS-Männern,
sondern Diskussionen, die bewußt außerhalb des KRISIS-Zusammenhangs
mit Frauen geführt wurden.), ergibt sich allerdings das Problem, daß
er sich, insoweit ganz ähnlich wie der kritisierte Arbeiterbewegungsmarxismus,
zunächst geschlechtsneutral geriert. Er abstrahiert in den bisherigen
Arbeiten von seiner geschlechtsspezifischen Konnotation und sieht nicht, daß
es sich bei der von ihm kritisierten abstrakten "Arbeit" um ein grundsätzlich
männliches Prinzip handelt, das mit asymmetrischen Geschlechtsbeziehungen,
sprich mit Männerherrschaft, einhergeht. Die "Wertkritik" gibt
sich somit männlich-universalistisch, wie dies für okzidentales männliches
Denken ganz typisch ist, und suggeriert, daß sie für alle, für
jeden und für jede, gleichermaßen gelte.
Im geschlechtslosen Begriff des "punktförmigen" abstrakten Individuums
wird in den bisherigen KRISIS-Texten der geschlechtsspezifisch besetzte
Charakter der Wertlogik ausgeblendet (vgl. z.B. Peter Klein, Demokratendämmerung,
in: Krisis 11, S. 189 ff. Die Geschlechterproblematik ist hier nur in einer
Fußnote untergebracht. Anders ist dies freilich, wenn das Geschlechterverhältnis
neuerdings als Sonderproblem in Augenschein genommen wird, so in dem Aufsatz
"Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit" von Norbert Trenkle in Krisis
11. Aber auch hier wird das Geschlechterproblem nur im Hinblick auf die bürgerliche
Gleichheit als Strukturprinzip behandelt; dem Geschlechterverhältnis als
"eigenständigem" Strukturprinzip der bürgerlich-patriarchalen
Gesellschaft wird nicht Rechnung getragen. Es verschwindet trotz aller Kritik
an sexistischer Gewalt etc. hinter geschlechtsneutralen Allgemeinbegriffen und
existiert so letztendlich doch nur als bloßes Konkretisierungsphänomen.).
Meine Kritik bezieht sich ebenso darauf, daß der Begriff des Patriarchats
(und damit der Herrschaftscharakter des wertförmigen Geschlechterverhältnisses)
teilweise unter Berufung auf den Fetischcharakter der Warengesellschaft umgangen
oder sogar bewußt negiert wurde. Zwar wurden nach kritischer Intervention
der geschlechtslose Begriff des Werts und die direkte Ablehnung des Patriarchats-Begriffs
teilweise relativiert und zurückgenommen, aber die wirkliche Begriffsklärung
steht noch aus (Ernst Lohhoff z.B. lehnt nach wie vor den Begriff des Patriarchats
ab und beruft sich auf seine Argumentation in dem Artikel "Brüderchen
und Schwesterchen" in Krisis 11. Siehe dazu die folgende Anmerkung.). Das
Problem kann auf die Alternative zugespitzt werden, ob abstrakte Arbeit und
Wert schon in ihrem Konstitutionszusammenhang und damit in ihrem Wesenskern
als männliches Prinzip begriffen werden, oder ob doch wieder eine Begriffshierarchie
eingeführt wird, in der die geschlechtliche Besetzung als bloßes
"Ableitungs-" und "Konkretisierungsproblem" in einen Sekundärzusammenhang
verwiesen wird.
Um in diesem Kontext Mißverständnissen vorzubeugen, die aus dem Begriff
des Patriarchats entstehen könnten: Wenn hier von Männerherrschaft
die Rede ist, so ist damit freilich nicht gemeint, daß der Mann unentwegt
neben der Frau mit der Peitsche steht, um ihr seinen Willen aufzuzwingen. Herrschaft
im hier verstandenen Sinne basiert im wesentlichen auf Internalisierung kollektiv
gesetzter Normen und auf Institutionalisierung. Feministische Studien zeigen,
daß Frauen nicht selten in der Geschichte gerade im Rekurs auf ihre traditionelle
Rolle aufgetreten sind und von daher Widerstand geleistet und Forderungen erhoben
haben (vgl. Heintz/Honegger 1981). Männerherrschaft heißt somit auch
nicht, daß Frauen überhaupt ohne Einflußmöglichkeiten
sind. Diese allerdings bleiben weitgehend auf den ihnen zugeschriebenen Bereich
beschränkt.
Dieser differenzierte Herrschaftsbegriff steht auch keineswegs im Gegensatz
zum Fetisch-Charakter des Werts. In der KRISIS-Diskussion wurde aber
(zumindest bis vor kurzem) der Fetisch-Begriff direkt gegen den Herrschafts-
und damit Patriarchats-Begriff ausgespielt. Dabei muß ein simplifizierter,
subjektiv reduzierter Herrschaftsbegriff unterstellt werden (So schreibt Ernst
Lohhoff: "Der Terminus Patriarchat steht als Platzhalter für die Willkürherrschaft
der Männer über die Frauen. Diese Vorstellung mag einen gewissen propagandistischen
Wert haben. Wo sie aber gesellschaftstheoretisch werden will, blamiert sie sich
an der Realität der Fetischgestalten. Alle Fetischverhältnisse stellen
Mann und Frau einander gegenüber, sie umgreifen dabei aber beide Seiten
gleichermaßen. Die Männer führen kein patriarchales Willkürregiment,
sie exekutieren an den Frauen nur (!) das ihnen selbst vorausgesetzte fetischistische
Gewaltverhältnis. Der Zwang, den sie an den Frauen ausüben, hat seinen
Urgrund nicht im männlichen Willen, sondern in dem diesen ,Herrschenden`
immer schon vorausgesetzten gesellschaftlichen Syntheseprinzip" (Krisis
11, S. 99). Ganz davon abgesehen, daß die feministische Theoriebildung
in der Regel längst über ein derart krudes Herrschaftsverständnis
hinaus ist, wie E. Lohoff es unterstellt, wird hier das "gesellschaftliche
Syntheseprinzip" dem asymmetrischen Geschlechterverhältnis äußerlich
gegenübergestellt. Der Gedanke, daß das Geschlechterverhältnis
selbst das "gesellschaftliche Syntheseprinzip" zentral strukturiert,
wie dies meines Erachtens für das wertförmige Patriarchat zutrifft,
kann so gar nicht erst aufkommen. Überdies braucht sich Mann mit derartigen
Argumentationsfiguren (gerade in einer historischen Situation, in der der Geschlechterkampf
auf der Tagesordnung steht) nicht selber in Frage zu stellen. Denn er ist dann
ja buchstäblich nur eine "Marionette" des Wert-Fetischs.). Meinem
Verständnis nach ist dagegen Herrschaft ihrem Wesen nach subjektlos, d.h.
auch die Träger von Herrschaft sind keine selbst-bewußten Subjekte,
sondern handeln in einem historisch bewußtlos konstituierten Rahmen von
Gesellschaftlichkeit. Die Subjektlosigkeit des Werts verweist auf die Subjektlosigkeit
des Mannes, der in den geschichtsprägenden kulturellen und politischen
Institutionen als dominierender Initiator und "Macher" Mechanismen
in Gang gesetzt hat, die ihm selbst gegenüber ein Eigenleben zu führen
begannen (Die kritischen Anmerkungen zu verschiedenen Aspekten in den Texten
einiger KRISIS-Autoren können hier nicht weiter ausgeführt
werden. Im folgenden soll weder eine explizite Auseinandersetzung mit den bisherigen
KRISIS-Artikeln zum Geschlechterverhältnis noch mit Positionen der
feministischen Forschung im einzelnen geführt werden; beides geschieht
allenfalls am Rande. Mir ging es aus Selbstklärungsgründen zunächst
einmal nur um die erste positive Darstellung eines Grundgedankens, die bewußt
auf differenzierende Weiterungen verzichtet. Insofern handelt es sich um einen
Grobentwurf, der als Konzept vorläufigen Charakter besitzt.).
3.
Bei der Bestimmung des
Patriarchats gehe ich davon aus, daß die sozialen Geschlechtsunterschiede
Kulturprodukt sind, also nicht auf biologischen Gegebenheiten (z.B. Gebärfähigkeit)
beruhen (Freilich ist es nicht so, daß die biologischen Geschlechtsunterschiede
völlig belanglos sind. In allen Kulturen heften sich an die biologischen
Geschlechtsmerkmale bestimmte Vorstellungen und findet eine Tätigkeitsverteilung
danach statt. Wie diese Vorstellungen und Tätigkeitsverteilungen jedoch
aussehen, ist von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Stamm zu Stamm höchst
unterschiedlich und kann sich sogar widersprechen. Auch gibt es in manchen Kulturen
drei und mehr Geschlechter. Geschlecht ist also sozial konstruiert (vgl. Gildemeister
1992). In diesem Zusammenhang sollen die interessanten Versuche, Klarheit über
die Existenz früherer Matriarchate und die "Entstehung des Patriarchats"
(Gerda Lerner) zu gewinnen, nicht weiter verfolgt werden. Meines Erachtens ist
gerade hier die Gefahr von Rückprojektionen besonders groß; und dies
nicht nur im Hinblick auf Idealisierungen. So spricht etwa Gerda Lerner von
"Frauentausch", "Verdinglichung der weiblichen Gebärfähigkeit"
und ähnlichem in vorwertförmigen Gesellschaften. Denkmuster, die erst
im wertförmigen Patriarchat entstanden sind, werden so auf nicht-wertförmige
Gesellschaften übertragen. Ich halte dies für sehr problematisch (vgl.
Lerner 1991).). Die Existenz eines Patriarchats darf nicht ontologisiert werden,
wie kulturvergleichende Studien zeigen:
"Wenn die ethnologischen Beispiele für gleichwertige und ausgewogene
Beziehungen zwischen den Geschlechtern insgesamt auch eine deutliche Minderheit
darstellen, so sind sie doch andererseits zu zahlreich, um noch in Bausch und
Bogen als bloße Ausnahmen abgetan werden zu können, welche die allgemeingültige
Regel von der weiblichen Unterordnung bestätigen" (Arbeitsgruppe Ethnologie
Wien 1989, S. 15 f.).
Selbst dort, wo Elemente des Patriarchats auftreten, besitzen sie nicht überall
dieselbe Bedeutung. Ein Patriarchat im Sinne einer patriarchalen Bestimmtheit
sozialer Verhältnisse durch abstrakte Arbeit und Wert ist nur für
die abendländische Gesellschaft typisch. Deshalb muß diese gesondert
in Augenschein genommen werden.
Meine Kernthese dazu lautet: Der Grundwiderspruch der Wertvergesellschaftung
von Stoff (Inhalt, Natur) und Form (abstrakter Wert) ist geschlechtsspezifisch
bestimmt. Alles, was in der abstrakten Wertform an sinnlichem Inhalt nicht aufgeht,
aber trotzdem Voraussetzung gesellschaftlicher Reproduktion bleibt, wird an
die Frau delegiert (Sinnlichkeit, Emotionalität usw.). Dieser Zusammenhang
wird zwar in der feministischen Literatur seit langem als Mechanismus der Abspaltung
thematisiert (Faßbar wird das Phänomen der geschlechtsspezifischen
Abspaltung u.a. bei der Analyse der Entstehung der (Natur)Wissenschaften zu
Beginn der Neuzeit, bei der Untersuchung von Konzepten der Aufklärung und
literarischen Entwürfen; ferner bei der Forschung über die Persönlichkeit
des männlichen Wissenschaftlers und in der psychotherapeutischen Praxis.
Aber auch empirische Untersuchungen etwa zu Tendenzen unterschiedlichen moralischen
Verhaltens bei Männern und Frauen oder im Bereich der Koedukation stehen
in einem Naheverhältnis zur hier behaupteten Abspaltungsthese (vgl. aus
der reichhaltigen Literatur zu diesem Thema u.a. Richter 1979, Bovenschen 1980,
Gilligan 1984, Bennent 1985, Nölleke 1985, Norwood 1986, Brehmer 1988,
Woesler de Panafieu 1989, Bublitz 1990, Kofmann 1990, List 1990, Weisshaupt
1990). Bei derartigen Untersuchungen wird nicht selten die psychoanalytische
Methode angewandt. Sogar die eher traditionelle Marxistin Frigga Haug spricht
davon, daß Tätigkeiten und Verhaltensweisen von Frauen "von
der gesellschaftlichen Gesamtarbeit abgespalten, ausgelagert (werden)"
(Haug 1990, S. 91), wobei sie allerdings altmarxistisch von einer "Ontologie
der (Gesamt)Arbeit" ausgeht, in die dann das Abgespaltene als "anerkannte
Arbeit" reintegriert werden soll - von einer "Wertkritik" ist
diese Position natürlich weit entfernt.), meines Wissens jedoch nirgendwo
auf die negative Konstitution der Wertvergesellschaftung im Sinne einer Kritik
von Arbeit und Wert bezogen. Erst durch diesen Bezug könnte jedoch die
Abspaltungsproblematik über die bloße Erscheinungsebene hinaus auch
begrifflich erklärt werden (Hier sollen jedoch zunächst hauptsächlich
die historische Dimension und die gesellschaftlichen Ausdrucksformen des Geschlechterverhältnisses
im wertförmigen Patriarchat behandelt werden, um überhaupt Voraussetzungen
für eine weitere begriffliche Klärung zu gewinnen.).
Indes kann die geschlechtsspezifische Abspaltung nicht unmittelbar aus der Wertform
selbst abgeleitet werden. Stattdessen ist sie gewissermaßen der Schatten,
den der Wert wirft, der aber durch das "positive" Marxsche Begriffsinstrumentarium
gar nicht erfaßt werden kann. Die Abspaltung des sog. Weiblichen, der
weibliche Lebenszusammenhang und die Frauen zugeordneten Tätigkeitsbereiche
(Haushalt, Kindererziehung, "Beziehungsarbeit" usw.) sind so einerseits
Bestandteile der Wertvergesellschaftung, befinden sich andererseits außerhalb
derselben. Da jedoch die Abspaltung notwendig zum Wert gehört, mit ihm
gesetzt ist, wäre ein neues Verständnis von Vergesellschaftung nötig,
das gerade mit dem patriarchalen Abspaltungsmechanismus rechnet: eben nicht
im Sinne eines äußerlichen Hinzuaddierens, sondern im Sinne einer
qualitativen Veränderung der (dann patriarchatskritischen) Werttheorie
selbst.
Durch diese geschlechtsspezifische Konstitution des Werts werden letztlich die
bekannten Geschlechtsrollen hervorgebracht; das so zugeordnete "Weibliche"
wird zur Bedingung der Möglichkeit für das männliche Prinzip
der abstrakten "Arbeit". Die Asymmetrie dieses Verhältnisses,
in dem das sinnliche Moment durch die weibliche Zuordnung gleichzeitig abgedrängt
und als inferior eingestuft wird, rechtfertigt für das subjektlose Patriarchat
die vielleicht etwas reißerische Kurzformel: "Der Wert ist der Mann".
Allerdings, und das muß ausdrücklich betont werden, geht es mir dabei
um die Untersuchung einer kulturellen Struktur. Es stehen somit weniger die
empirischen Männer und Frauen im Blickpunkt, wenngleich natürlich
die empirischen Beziehungen zwischen Männern und Frauen von dieser Struktur
bestimmt werden, ohne daß sie darin völlig aufgehen.
4.
Diese Basisstruktur des
Wertverhältnisses korrespondiert mit der Ausbildung einer privaten und
einer öffentlichen Sphäre. Die private Sphäre ist demzufolge
idealtypisch "weiblich" besetzt (Familie, Sexualität etc.), die
öffentliche Sphäre (abstrakte "Arbeit", Staat, Politik,
Wissenschaft, Kunst etc.) dagegen "männlich". Idealiter wäre
die Frau so das soziale "Ruhekissen" des in der öffentlichen
Sphäre agierenden Mannes. Aus diesem (auf der Erscheinungsebene altbekannten)
Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit läßt sich
eine kulturelle und historische Differenzierung des Patriarchatsbegriffs ableiten,
wenn es nicht mehr als ein für alle bisherigen Gesellschaften selbstverständliches
verstanden wird.
In agrarischen Gesellschaften, selbst wenn sie patriarchal sind, ist die Trennung
von privater und öffentlicher Sphäre noch gar nicht oder erst in geringem
Maße ausgebildet; insofern hat die Frau noch relativ große Einflußmöglichkeiten,
solange die formaljuristische, öffentlich-männliche Sphäre sich
nicht verselbständigt und zur dominierenden aufgeschwungen hat, und daher
informelle Strategien eher greifen können:
"Frauen haben unter den Bedingungen bäuerlicher Familienwirtschaft
mehr Macht und Einfluß, als die öffentliche Zurschaustellung männlicher
Dominanz und Herrschaft erwarten ließe ... Weibliche Macht in agrarischen
Zusammenhängen beruht ... auf Produktion und direkter Kontrolle lebendiger
Ressourcen sowie auf einer indirekten Steuerung sozial relevanter Entscheidungen"
(Heintz/Honegger 1981, S. 15; vgl. hierzu ähnlich auch: Nadig 1988).
Das Patriarchat kann insoweit noch nicht denselben Stellenwert erlangen und
nicht derart durchgängig strukturbestimmend werden wie in der abendländischen
Wertvergesellschaftung. Damit sollen nicht die manchmal rohen Verhältnisse
in diesen nichteuropäischen (oder auch alteuropäischen, vor-wertförmigen)
Gesellschaften beschönigt oder gar verherrlicht werden; vielmehr geht es
um die Bedeutung der Sphärentrennung von Privatheit und Öffentlichkeit
für die Struktur des wertförmigen Patriarchats.
Stark vereinfacht könnte also gesagt werden: Sphärentrennung und Patriarchat
verhalten sich reziprok zueinander. Je geringer die öffentliche Sphäre
entwickelt ist, desto diffuser und weniger eindeutig ist das Patriarchat gesamtgesellschaftlich
ausgeprägt. Und umgekehrt: je mehr das Wertverhältnis entwickelt ist,
je deutlicher Privatheit und Öffentlichkeit geschieden sind, desto eindeutiger
wird die patriarchale Struktur. Dabei entsteht jedoch die Möglichkeit einer
widersprüchlichen Entwicklung, je nachdem, ob von der Gesamtgesellschaft
oder nur von der öffentlich-rechtlichen Sphäre für sich genommen
gesprochen wird: während das wertförmige Patriarchat sich durch die
Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit erst voll ausbildet, und die
früheren informellen Einflußmöglichkeiten der Frau sich verringern,
kann sich gleichzeitig die Stellung der Frau innerhalb der öffentlichen
Sphäre (bzw. überhaupt ihr Zugang zu dieser Sphäre) durchaus
partiell verbessern.
Das patriarchale Wert- und damit Geschlechterverhältnis hat also eine lange
und widersprüchliche Durchsetzungsgeschichte. Auf diese Geschichte soll
im folgenden in einem knappen historischen Überblick unter Berücksichtigung
von Kontinuitäten und Brüchen eingegangen werden. Dabei geht es mir
um einen historisch-systematischen Zugang, d.h. ich werde nicht detailreich
"Facts" aufzählen, sondern schlaglichtartig auf die "Highlights"
im Drift zur Verhäuslichung der Frau und der Ausgrenzung des "Weiblichen"
von der Antike bis heute eingehen.
5.
Die Voraussetzungen des
wertförmigen, christlich-abendländischen Patriarchats entstanden im
antiken Griechenland. Es ist unsinnig zu glauben, nur die naturwissenschaftlichen
und mathematischen Grundlagen seien hier gelegt worden. Diese entstanden vielmehr
ihrerseits erst auf dem Boden einer spezifischen, männlich-warenförmigen
Rationalität. Schon die geographische Lage Griechenlands, seine Zersplitterung
durch Inseln und der wegen Nahrungsmangel vorherrschende Schiffsverkehr begünstigten
eminent die "Intensivierung des Warentauschs" (Sohn-Rethel 1978, S.
111), wodurch sich auch die Geldform entwickelte. In diesem Raum entstand zuerst
die Münzprägung (Lydien) und wurde von den Griechen übernommen:
bekanntlich nach Sohn-Rethel eine historische Voraussetzung für abstrakt-rationales,
vom Mythos abgelöstes Denken. In diesem gesellschaftlichen Milieu wurde
der alte Agraradel vor allem in den ionischen Städten entmachtet; damit
Verträge im allseitigen Warenverkehr abgeschlossen werden konnten, war
die Ausbildung eines Rechtswesens und einer öffentlichen Gerichtsbarkeit
notwendig.
Diese Institutionen konstituierten eine neue Form und Bedeutung von Öffentlichkeit.
Die Rede vor Gericht und vor der Volksversammlung wurde wichtig; man (n) mußte
abstrakt-rational argumentieren können, um Macht und Einfluß zu gewinnen.
Diese öffentliche Sphäre, die zur Ausbildung der Dialektik, der formalen
Logik usw. führte, war aber allein den männlichen Bürgern vorbehalten.
Athenische Frauen waren in das Haus verbannt, das sie möglichst nie verlassen
sollten. Die zentrale Aufgabe der Frau war es, einen Sohn zu gebären; geschah
dies nicht, so hatte sie ihren Lebenssinn verfehlt. Die Hypostasierung der neuen
öffentlichen Sphäre, die abstrakt rationales Verhalten erforderte,
ging mit einer Degradierung der Sexualität überhaupt einher (vgl.
Reinsberg 1989). Der Aufstieg des rationalen Denkens fand so schon an seiner
Wiege weitgehend unter Ausschluß von Frauen statt.
Die öffentliche Sphäre, in die auch die Wissensbildung fiel, brauchte
in Gestalt der Privatsphäre einen Gegenbereich, auf den sie schief herunterschauen
konnte. Der Mann brauchte die Frau als geschlechtliches "Gegenwesen",
in das er all das hineinprojizierte, was im öffentlichen Bereich und den
davon abgeleiteten Sphären nicht zugelassen war. So galt die Frau im antiken
Athen bereits als lüstern, ethisch minderwertig, irrational, intellektuell
minderbegabt usw. (vgl. Reinsberg 1989, S. 42 f. und Pommeroy 1985, S. 362);
alles Zuschreibungen, die sich weithin bis in die Moderne gehalten haben. Bis
in die abstraktesten Begriffsbildungen der antiken Philosophie hinein läßt
sich diese Abspaltung nachweisen. So ist für Plato die Materie ein formloses,
für das Denken kaum faßbares Etwas, das weiblich bestimmt wird als
"Aufnehmerin oder Amme für die Ideen". Auch für Aristoteles
ist das Formlose als Hyle (von Cicero als materia ins Lateinische übersetzt,
woraus die uns geläufige Bezeichnung wurde) ein weiblicher Begriff (vgl.
Pauli 1990, S. 197).
6.
Mit dem Untergang der
antiken Gesellschaft ging der Waren- und Geldverkehr drastisch zurück.
Dabei verfiel auch die in der griechisch-römischen Gesellschaft ausgebildete
Sphäre einer gesonderten und ausdifferenzierten Öffentlichkeit weitgehend.
Die germanischen Stämme waren noch nicht wertförmig strukturiert.
Trotz stark patriarchaler Momente besaß die Frau bei den Germanen eine
Art mystische Bedeutung. Bereits Tacitus berichtet, daß germanische Frauen
hohes Ansehen genossen als Zauberinnen, Seherinnen und Heilerinnen. Das wertförmige
Patriarchat mußte sich also erst wieder neu formieren und zu einem neuen
Anlauf unter veränderten Verhältnissen ansetzen.
In der mittelalterlichen Gesellschaft gab es im Patriarchat noch längere
Zeit germanische "quasi-matriarchale" Relikte. Die Frau war einerseits
rechtlich dem Mann unterstellt, sie brauchte einen gesetzlichen Vertreter, den
Vater oder den Ehemann, und konnte sogar prinzipiell wie Vieh, Sklaven und Sachen
veräußert werden. Es wäre jedoch trügerisch, daraus den
Schluß zu ziehen, daß derartiges im alltäglichen Leben an der
Tagesordnung gewesen wäre. Denn andererseits spielten Recht und Öffentlichkeit
ja eine ganz andere und viel geringere Rolle als bei stärker entwickelter
Wertform. Im Hochmittelalter durften Frauen auch Handel treiben und einem Gewerbe
nachgehen, wenngleich auch keineswegs in demselben Maße wie Männer.
Obwohl die Ehe zutiefst ein Gewaltverhältnis war, hatte die Frau in der
Familie wahrscheinlich eine gewisse Autorität; sie besaß die sogenannte
Schlüsselgewalt als Leiterin des Hauswesens. Schwangere standen nach germanischem
Recht unter besonderem Schutz (vgl. Becker u.a, 1977, S. 41 ff.). Auch das Bild
der Hexe war im Mittelalter nicht von vornherein negativ bestimmt. Man nahm
die Existenz einer guten wie einer bösen Magie an. Die Heilkunst und das
Hebammenwesen lagen fest in weiblicher Hand.
In dieser Epoche war es vor allem die Kirche, in deren Lehren das eindeutige
antike Negativbild der Frau gewissermaßen "überwinterte".
Als Nachfolgerin Evas wurde sie als Urheberin allen Unheils und als ewige Verführerin
des Fleisches denunziert. Der sündigen Eva wurde seit dem 12. Jahrhundert
die heilige Maria gegenübergestellt. Danach sollte die Frau am besten ein
entsexualisiertes Wesen sein. Nach dem Pauluswort, daß die Frau in der
Gemeinde zu schweigen habe, hatte sie in der Öffentlichkeit nichts zu suchen.
Da sich aber "Öffentlichkeit" praktisch auf die Kirche reduzierte,
während sich das wirkliche Leben auf die "Produktionsfamilie"
zentrierte, war die gesellschaftliche Bedeutung dieses Frauenbildes eher begrenzt.
Bei den bäuerlichen Massen, in denen heidnisch-germanische Relikte noch
lange lebendig blieben, konnte die kirchliche Vorstellung von der Frau als "Gefäß
der Sünde" nicht recht Fuß fassen. Überhaupt waren die
sexuellen Sitten bei weitem nicht so streng, wie von der Kirche vorgeschrieben
(vgl. Becker 1977, S. 57 ff.).
7.
War die Stellung der Frau
in den patriarchalen Verhältnissen des Mittelalters noch widersprüchlich,
so verschlechterte sich ihre Lage zu Beginn der Neuzeit dramatisch. Das von
der Kirche transportierte negative Frauenbild wurde unter neuen Bedingungen
stärker praktisch wirksam. Die Renaissance war nicht nur die "Wiedergeburt"
der antiken Geisteswelt, sondern auch mit einer entsprechenden Veränderung
der gesellschaftlichen Grundlagen verbunden. Warenproduktion und Geldverkehr
dehnten sich wieder aus und leiteten zu jenen Umstrukturierungsprozessen über,
wie sie Marx in seiner Analyse der ursprünglichen Akkumulation beschrieben
hat. Damit konstituierte sich auch wieder eine gesellschaftliche Öffentlichkeit:
"Obwohl die Entwicklungsstadien des Mittelalters auch in bezug auf die
Frau sehr unterschiedlich, ja oft widersprüchlich sind und kein einheitliches
Bild ergeben, können wir zu Beginn der Neuzeit doch feststellen, daß
sich die Lage der Frauen deutlich verschlechtert hat und sie in allen gesellschaftlichen
Bereichen zurückgedrängt werden. Je mehr sich eine überregionale
gesellschaftliche Öffentlichkeit, eine staatliche Rechtsprechung, eine
institutionalisierte Wissenschaft ausbilden, desto mehr verschärft sich
die Außenseiterrolle der Frau" (Becker u.a. 1977, S. 79).
Geradezu revolutionär war der Sprung, den vor allem die Naturwissenschaften
zu dieser Zeit machten. Das magisch-mystische Weltbild wurde durch die objektiven,
experimentellen Wissenschaften ersetzt. Diese Veränderungen wiederholten
nicht einfach die antike griechisch-römische Entwicklung, sondern gingen
weit darüber hinaus. Die Wissenschaften stellten mit ihrer Rationalität
nicht nur das überlieferte Weltbild in Frage, sondern wurden als experimentelle
im Unterschied zur Antike auch unmittelbar praktisch; die damit verbundene Ausdehnung
technischen Wissens begann, sich mit der Ausdehnung der Warenproduktion zu verbinden.
Sprunghaft wurde dieser Prozeß durch die Entdeckung neuer Kontinente beschleunigt.
Die gesellschaftlichen Einschnitte in die Agrargesellschaft waren also viel
tiefer als in der Antike und ließen bereits den beginnenden Kapitalismus
ahnen. Demzufolge verschlechterte sich aber die Stellung der Frau nicht bloß
mit diesem erneuten Schub wertförmiger Vergesellschaftung, sondern es wurde
buchstäblich in Gestalt der Hexenverfolgung ein Vernichtungsfeldzug gegen
das "Weibliche" eröffnet, der die Weichen für eine weit
in die Zukunft reichende Entwicklung stellte:
"Der ,neue Mensch` des industrialisierten Zeitalters war der Mann. Das
magisch-mystische Bild von der Frau blieb in bürgerlicher Zeit erhalten,
aber sie galt in keiner Weise fürderhin als Subjekt der Naturaneignung,
sondern als Objekt der Naturbeherrschung" (Bovenschen 1977, S. 292).
Die Frau dagegen hatte, gerade in Gestalt der Hexe, ein "sympathetisches"
Verhältnis zur Natur, und sie stand gewissermaßen für die Natur.
Damit sich also die neuzeitliche männliche Rationalität im Anschluß
an das antike Erbe und darüber hinaus durchsetzen konnte, mußten
die Frau und das, was sie repräsentierte (das Sinnliche, Diffuse, Unberechenbare,
Kontingente etc.) buchstäblich aus dem Weg geräumt werden. Es ging
also keineswegs nur darum, daß das empirische medizinische Wissen etc.
der Frauen gewaltsam durch Männer enteignet werden sollte, sondern damit
war ein grundsätzlich anderes Konzept von Naturbeziehung verbunden (vgl.
Bovenschen 1977) (Ich halte diese schon "bejahrte" Interpretation
von Bovenschen immer noch für sehr einleuchtend, im Gegensatz zu neueren
Erklärungsversuchen wie etwa dem von Gerhard Schormann. Schormann sieht
(hauptsächlich hinsichtlich der "Sündenbockfunktion") Berührungspunkte
zwischen den mittelalterlichen Judenpogromen, der Hexenverfolgung und dem Holocaust
der Nazis. Dieser Vergleich erscheint mir jedoch sehr oberflächlich, denn
damit kann nicht erklärt werden, welche Gruppe aus welchen Gründen
gerade zu einer bestimmten Zeit der Verfolgung ausgesetzt ist. Nebenbei bemerkt
hält es Schormann auch nicht für nötig, sich mit wissenschaftlichen
Arbeiten zum Thema Hexenverfolgung und den darin angebotenen Deutungen auseinanderzusetzen
(vgl. Schormann 1991).). Die theoretische Begründung lieferte vor allem
der sogenannte Hexenhammer, 1487 von den Kirchenmännern Institoris und
Sprenger verfaßt. Kirchenväter, antike Dichter und Denker wurden
herbeizitiert, um die Inferiorität des Weibes und seine Anfälligkeit
für Hexerei und Satansbündnis plausibel zu machen. Der Frau wurden
dabei wiederum Eigenschaften wie Wankelmütigkeit, Triebhaftigkeit, Schwäche
des Verstandes, Launenhaftigkeit, Hinterlist und Leichtgläubigkeit zugeschrieben
(vgl. Becker u.a. 1977, S. 342 ff.) (Die Hexenverfolgungen müssen im Zusammenhang
mit den Ketzerbewegungen gesehen werden, die die Kirche schon im 13. Jhd. in
Legitimationszwang brachten. In den Ketzerbewegungen befanden sich viele Frauen.
Hexensabbat, Satansbündnis und Geschlechtsverkehr mit den Dämonen
wurden erst im späten Mittelalter erfunden. Es handelt sich hierbei nicht
um heidnische Relikte. Auf diese Zusammenhänge kann hier nicht näher
eingegangen werden (vgl. dazu Honegger 1978, S. 34 ff.).).
Nicht nur das andersgeartete Naturwissen der mittelalterlichen "weisen
Frauen", sondern die patriarchal zugeschriebenen "weiblichen"
Eigenschaften überhaupt mußten für die beginnende männliche
Moderne als Bedrohung erscheinen, auch im Affekt- und Triebhaushalt des Mannes
selbst. Im Mittelalter war die Affekt- und Triebkontrolle allgemein gering:
man aß und trank buchstäblich bis zum Umfallen, entleerte sich an
jedem Ort und in aller Öffentlichkeit usw. Jetzt mußten zunehmend
nicht nur die Tischsitten geändert werden. Die Selbstkontrolle des Individuums
ist auch Voraussetzung eines wissenschaftlich-rationalen Natur- und Gesellschaftsverständnisses
überhaupt; denn dabei muß von den Objekten des Interesses Abstand
genommen werden, was eine Gefühlskontrolle miteinschließt. Auch Handel,
Geldwirtschaft, Arbeitsteilung und die Begegnung mit Fremden machten ein erhöhtes
Maß an Affektaufschub und Triebkontrolle erforderlich (vgl. Elias 1976).
Es waren also bei der Hexenverfolgung offensichtlich Projektionen am Werk: die
Angst vor den eigenen Trieben und Affekten äußerte sich in der Denunziation
der Frau.
Das 16. und 17. Jahrhundert waren auch äußerlich eine krisengeschüttelte
Zeit der Umwälzungen. Bauernkriege, Inflation und Nahrungsmittelknappheit,
die Auflösung der Zünfte usw. prägten das Bild der Gesellschaft;
große Teile der Bevölkerung verelendeten. Dieser anomische Zustand
war wohl maßgeblich dafür verantwortlich, daß die zunächst
von der Kirche eingeleitete Hexenverfolgung auch in der Bevölkerung (bei
Männern wie Frauen) durchaus Zuspruch fand:
"Als der Stoffwechselprozeß der Menschen mit der Natur in sein neues
Stadium trat ..., war die Zerstörung des alten Verhältnisses zur Natur,
speziell des innigen Bündnisses der Frauen mit ihr, notwendig geworden.
Die Individuen mußten an die neuen Zeit- und Arbeitsnormen ausgerichtet
werden ... Die Hexe steht an jenem Schnittpunkt der historischen Entwicklung,
an dem die Ausbeutung der Natur ihren systematischen Charakter erhielt. Sie
fiel der notwendig fortschreitenden Naturbeherrschung und, damit einhergehend,
dem Sieg der abstrakten Vernunft, der formalen Synthesis von Identität
und Nichtidentität, zum Opfer. Sie verschwand in der Allgemeinheit der
Begriffe, mit denen das moderne Denken die Natur organisierte" (Bovenschen
1977, S. 290 u. 292).
Es zeigt sich so, daß die alte Vorstellung von der Hexenverfolgung als
einem letzten Teil des "finsteren Mittelalters" in keiner Weise zutreffend
ist. Im Gegenteil handelte es sich gewissermaßen um ein erstes Modernisierungsphänomen,
um eine mörderische Voraussetzung für den neuzeitlichen Aufstieg männlicher
Rationalität. Wie in jeder historisch-gesellschaftlichen Umwälzung
waren die tragenden Kräfte in ihrer Ideologie widersprüchlich. Die
Kirche war zwar einerseits den neuen (naturwissenschaftlichen) Ideen, soweit
sie das eigene Weltbild in Frage stellten, feindlich gesinnt. Aber ihre Funktion
im tatsächlichen gesellschaftlichen Umwälzungsprozeß war ambivalent.
Denn durch die Hexenverfolgung half sie entscheidend bei der Zerstörung
des alten magischen Weltbilds, und insofern war sie den neuen Mächten und
Ideen durchaus zuträglich. Auf diese Weise war gerade die Kirche trotz
ihrer "Fortschrittsfeindschaft" gewissermaßen ein Folterknecht
der frühen Modernisierung. Das zeigt sich auch daran, daß "der
Hexenwahn nicht ländlichen Gebieten entsprungen ist, sondern den industriell
am weitesten entwickelten und intellektuell fortschrittlichsten Gebieten Europas"
(vgl. Heinemann 1989, S. 37), während der "Hexenhammer" z.B.
von der spanischen Inquisition abgelehnt wurde. Die Aufklärung als nächster
Schub patriarchaler, wertförmiger Modernisierung konnte also die Hexenverfolgung
vor allem deswegen mit ehrlicher Entrüstung verdammen, weil diese "Arbeit"
sozusagen schon getan war.
8.
Das Reglementierungspotential
der Kirche, im Mittelalter der Gesellschaft noch weitgehend äußerlich,
wurde mit beginnender Neuzeit objektiv benötigt; dabei gab erst der Protestantismus
dem Über-Ich der neuen Verhältnisse den letzten Schliff. In der Reformation
wurde die Religion individualisiert, in der protestantischen Ethik die Erlangung
des Heils durch moralisches Handeln proklamiert. In diesem Zusammenhang nahmen
die patriarchalen Zuordnungen im Geschlechtsrollen-Verständnis eine neue
Qualität an. Der gewaltsame Feldzug gegen das "Weibliche" erwies
sich (ergänzend zum wissenschaftlichen Konzept der "Naturbeherrschung")
als Tendenz, die Frau als "Naturwesen" zu domestizieren, also die
Frau als Repräsentantin der Natur (und die Natur als Bestimmungsort des
Weiblichen) einem gezähmten, verhäuslichten, patriarchal kontrollierten
Dasein zuzuführen.
Parallel zur Hexenverfolgung entwickelte sich so das Mutterideal als neues Frauenbild.
Dafür zeichneten die Reformation und insbesondere Luther verantwortlich.
Nach Luther war die Frau für das Hauswesen (dessen Bedeutung sich relativ
verkleinerte), der Mann dagegen für Rechtshändel, Politik etc. (deren
Bedeutung sich relativ vergrößerte) zuständig. Mutterschaft
war für Luther der Beruf der Frau. Obwohl Luther die Frau innerhalb ihrer
beschränkten Rolle in gewissem Sinne rehabilitierte (im Gegensatz zur Minderwertigkeitsvorstellung
der katholischen Kirche), indem er ihrer Tätigkeit als Ehefrau und Mutter
Wert beimaß, beinhaltete seine Konzeption doch gleichzeitig, daß
die Frau und mit ihr die Sexualität und Sinnlichkeit im Gegensatz zum Mittelalter
in die Enklave Ehe eingesperrt wurden.
Es vollzog sich so seit Luther eine neuartige Codierung und Funktionalisierung
von Sexualität und Sinnlichkeit. In Luthers Hausmutterideal verbanden sich
das Bild der Hexe und der Jungfrau Maria (das Luther in seiner katholischen
Fassung ablehnte). Es entstand das Bild der domestizierten bürgerlichen
Frau, die einerseits Demut, Liebesfähigkeit und Gehorsam repräsentiert,
andererseits aber auch eine häuslich gemäßigte Fassung von Leidenschaft
und Erotik (vgl. Höher 1983, S. 49 ff.). In dieser Konzeption zeigt sich
die Weiterentwicklung des patriarchalen Frauenbildes gegenüber den Vorstellungen
der Antike und der mittelalterlichen Kirche, die den neuen bürgerlichen
Verhältnissen entsprach.
Natürlich handelte es sich bei Luther noch um eine relativ rohe "erste
Annäherung" an ein modernes bürgerlich-patriarchales Frauenbild,
das zunächst erst bei einer schmalen Schicht in Erscheinung trat. Es waren
vor allem Patrizier und Handwerksmeister, bei denen sich die Tätigkeiten
der Frau zunehmend auf Mann und Kind beschränkten; damit einher ging ein
Wandel der Gefühle - Liebe zwischen Eheleuten und zwischen Eltern und Kindern
wurde als domestizierter Emotionshaushalt entdeckt:
"... ,Domestizierung` bedeutet somit nicht das physische, sondern tendenziell
das psychische Verschwinden der Ehefrau als Person hinter der des Ehemannes.
Selbstdarstellung als Person war ihr nur in der Öffentlichkeit des Hauses
gestattet, aber solange das Haus noch Öffentlichkeitsfunktionen besaß,
war dies kein vollständiger Ausschluß von Öffentlichkeit"
(Wunder 1991, S. 24).
Vor allem auf dem Land war eine strenge Differenzierung der Tätigkeitsbereiche
im Hinblick auf "Privatheit" und "Öffentlichkeit" noch
auf lange Zeit nicht möglich. Dennoch durchdrang der bürgerliche,
familienorientierte Weiblichkeits-Entwurf allmählich alle Klassen und Schichten,
und die weitere Entwicklung war davon geprägt.
9.
Das Zeitalter der Aufklärung
brachte den nächsten Schub in der Verhäuslichung der Frau. Zwar gab
es bei den Frühaufklärern zunächst noch Positionen, die das egalitäre
Emanzipationskonzept auch auf die Frauen ausdehnen wollten. Diese ideologisch
auf eine vermeintlich geschlechtsneutrale Rationalität zielenden Konzepte
innerhalb der Aufklärung konnten sich jedoch gegen die Schwerkraft ihrer
eigenen gesellschaftlichen Grundlage, nämlich der weitergehenden wertförmigen
Vergesellschaftung, nicht durchsetzen. Denn diese forderte eine weitere Ausdifferenzierung
der patriarchalen Geschlechtsrollen, und so bildete sich in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts ein Frauenbild heraus, das wiederum die Frau zum Naturwesen
machte. Allerdings nahm dieses Bild insofern eine neue Färbung und eine
neue Qualität an, als die Frau nun zur Gattin, Hausfrau und Mutter "von
Natur aus" bestimmt wurde:
"Etwa seit der Mitte des 18. Jahrhunderts trat an die Stelle restriktiver
Verhaltensgebote der Kirche die Lehre vom sittlichen Naturwesen des Weibes,
dem ein Drang zur willenlosen Aufopferung immanent sei. Auch wenn das sich konturierende
neue Charakterbild die Frau wie zuvor primär als gefühlsgelenktes,
irrationales Wesen beschrieb, war eine entscheidende Wende eingetreten, denn
ihren dumpfen Regungen wurde nun mehr und mehr ein sittliches Konzept unterlegt"
(Bennent 1985, S. 44).
Der doppelte Begriff der Frau als Heilige und Hure wurde konserviert und befestigt.
Bei Rousseau, der weithin als ideologischer Begründer des modernen Patriarchats
gilt, erscheinen Zurückhaltung, Gehorsam gegenüber dem Mann, Bescheidenheit
und Keuschheit als Kardinaltugenden der Frau; gleichzeitig bestimmt er sie aber
auch als listig und kokett "von Natur aus". Diese zuletzt genannten
Eigenschaften sollten bei ihr (in Grenzen, versteht sich) nach Rousseau "kultiviert"
werden, als Ausgleich für ihre Unterlegenheit dem Mann gegenüber,
für ihre körperliche, Verstandes- und Charakterschwäche (vgl.
Rousseau 1986, S. 719 ff.).
Indem der Frau so erneut Eigenschaften wie Passivität und Emotionalität
zugeschrieben wurden, jetzt aber im engen Kreis der bürgerlichen Familie,
dem Mann dagegen Aktivität und Rationalität im öffentlichen Raum
der beginnenden Industriegesellschaft, kam es zu einer "Polarisierung der
Geschlechtscharaktere". Frau und Familie sollten Gegenwelten zu der zunehmend
von Zweckrationalität beherrschten "Außenwelt" werden.
Die Frau sollte nicht nur eine vorbildliche Hausfrau sein, sondern dem Mann
auch noch durch Teilnahme, Pflege und Fürsorge das Leben angenehm machen.
Diese zusätzlichen Aufgaben stellten ein Novum dar (vgl. Hausen 1978).
Sie zeigen im Abstand zum Beginn des wertförmigen Patriarchats in der Antike,
wo der Mann sein Behagen noch in der öffentlichen Sphäre selbst fand,
wie sehr die wertförmig-patriarchale Rationalität inzwischen dem Mann
selber über den Kopf zu wachsen begann, wie sehr er jetzt auf ein von der
Frau bereitetes "häusliches Behagen" angewiesen war.
10.
Im 19. Jahrhundert trat
der bürgerliche "Mutterberuf" der Frau noch mehr in den Vordergrund.
Produktions- und Reproduktionssphäre traten immer mehr auseinander. Die
geschlechtlichen Zuordnungen nahmen quasi-berufliche Züge an: die Frau
sollte mehr für personenbezogene Tätigkeiten "geeignet"
sein, der Mann für produktive Tätigkeiten in Wissenschaft, Technik
und Kultur:
"Je rascher und tiefgreifender sich die Außenwelt veränderte
..., je beweglicher und lebhafter also das berufliche und öffentliche Engagement
von Männern wurde, desto deutlicher machte sich die Diskrepanz zwischen
weiblicher Familienexistenz und männlicher Berufsorientierung bemerkbar.
Spielte der mit Ehrgeiz und Leistungsanspruch ausgestattete Mann die Rolle des
vorwärtsstrebenden Weltentdeckers und -veränderers, sah sich die bürgerliche
Frau mit der Aufgabe konfrontiert, die Familie im Gleichgewicht zu halten, die
sich täglich wiederholende Hausarbeit zu verrichten und wie ein regelmäßig
tickendes Uhrwerk zu funktionieren" (Frevert 1986, S. 65).
Ehe und Mutterschaft wurden jetzt zum einzigen sozialen Ort, an dem sich die
(bürgerliche) Frau bewegen konnte; sie war gänzlich von ihrem Mann
abhängig. Die Domestizierung der Frau erreichte im 19. Jahrhundert eine
derart krasse Ausprägung, daß ihr jetzt sogar die stärkere sexuelle
Triebhaftigkeit, die ihr lange Zeit nachgesagt worden war, abgesprochen wurde.
Es kam zu absurden "naturwissenschaftlichen" Männerdebatten darüber,
ob die Frau überhaupt sexuell empfindungsfähig sei. Die Domestizierung
wurde also übersteuert als Tendenz zu einem völlig entsexualisierten
Wesen (vgl. Frevert 1986, S. 128 ff.).
Das 19. Jahrhundert brachte jedoch auch die erste Frauenbewegung hervor, deren
Anfänge schon auf die Französische Revolution zurückgehen. Die
Mündigkeitsforderung der Aufklärung, die in ihrer Abstraktheit das
männliche Subjekt der Wertvergesellschaftung zur Grundlage hatte, wurde
nun von Frauen auf ihre eigene, "abweichende" (ihrer gesellschaftlichen
Stellung entsprechende) Art und Weise eingeklagt. Die Verbannung ins Haus blieb
daher nicht unwidersprochen. So forderte im Zuge der Revolution von 1848 Luise
Otto das Recht der Frauen "auf Selbständigkeit und Mündigkeit
im Staat". Nach ihrem Verbot formierte sich die bürgerliche Frauenbewegung
in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts aufs neue. Gefordert wurden vor allem
eine bessere Mädchenbildung und das Recht auf Erwerbstätigkeit, wobei
Frauen jedoch vor allem in Berufen tätig sein sollten, die ihrer "natürlichen
Bestimmung" entsprachen (kaufmännischer und Lehrbereich, später
auch Sozialfürsorge). Ein wichtiger Grund, das Recht auf Erwerbstätigkeit
zu fordern, war die Tatsache, daß immer mehr bürgerliche Frauen unverheiratet
blieben. Auch wandelte sich in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die Familienstruktur:
vieles, was vorher selbst hergestellt werden mußte, gab es nun zu kaufen,
und die Bedeutung des Haushalts verringerte sich dadurch (Frevert 1986, S. 73
ff. u. S. 174 ff.).
Die weibliche Reproduktionstätigkeit sollte so in die Arbeitssphäre
hineinverlängert werden. Es ging also der großen Mehrheit in der
ersten Frauenbewegung gar nicht um volle Gleichberechtigung. "Mutterschaft"
war als "natürlicher Beruf" der Frau bereits internalisiert;
die vermeintlichen "natürlichen Geschlechtsunterschiede" sollten
nicht angetastet werden. Auch das gesamtgesellschaftliche Ziel der ersten Frauenbewegung
bestand insofern nur in der gesellschaftlichen Verlängerung der domestizierten
Weiblichkeit: die kalte und allein von Männern gemachte Welt sollte durch
die "natürliche Mütterlichkeit" der Frau menschlicher werden
(vgl. Frevert 1986, S. 124 ff.). Neben dieser Mehrheit der bürgerlichen
Frauenbewegung gab es noch eine allerdings kleine radikale Minderheit, für
die Helene Stöcker mit ihrer "Neuen Ethik" steht. Diese Position
stellte die patriarchale Domestizierung grundsätzlicher in Frage, forderte
ein eigenes Recht der Frauen auf Sexualität und die Abschaffung des <185)218,
proklamierte freie Beziehungen als Alternative zur Ehe, wandte sich gegen die
rechtliche und soziale Stigmatisierung unehelicher Kinder und klagte das Frauenstimmrecht
im Unterschied zur gemäßigten Mehrheit massiv ein (vgl. Schenk 1980,
S. 32 ff.).
Von der Ausgangslage, nicht aber vom Ergebnis her stellte sich die Lage der
Arbeiterinnen anders dar. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein existierte die
mit der Industrialisierung entstandene Arbeiterklasse quasi als Fremdkörper
neben der offiziellen bürgerlichen Gesellschaft und wurde von dieser bewußt
ausgeschlossen. In diesem Sektor gab es die Verhäuslichung der Frau in
weit geringerem Grade, aber auch die alten agrarischen Existenzformen von Weiblichkeit
waren zerstört; an ihre Stelle war teilweise die mörderische Fabrikarbeit
von Frauen und Kindern getreten. Es waren zunächst die bürgerlichen
Frauenvereine, die sich um die Arbeiterinnen kümmerten, während die
beginnende männliche Arbeiterbewegung sich aus Konkurrenzgründen eher
reserviert verhielt (Schenk 1980, S. 48). Da die objektive Haupttendenz der
Arbeiterbewegung darin bestand, die Arbeiterklasse vollwertig in die bürgerliche
Wertvergesellschaftung einzubeziehen, mußte sie auch die bürgerlichen
Geschlechtsrollenmuster reproduzieren. Die "Frauenfrage" wurde unter
die "Klassenfrage" subsumiert. Die dadurch hervorgerufenen Widersprüche
blieben ungelöst. So forderte die Sozialdemokratie zwar einerseits das
Frauenstimmrecht und Verbesserungen in der Erwerbstätigkeit der Frau, andererseits
aber sollte der Lohn eines männlichen Arbeiters auch für die "Ernährung
einer Familie" ausreichen, wobei die bürgerliche Verhäuslichung
der Arbeiterfrau impliziert war. Diesen Widerspruch wurde auch die proletarische
Frauenbewegung nicht los, die trotz mehr oder minder vehementer Forderungen
nach Zugang zum Erwerbsleben größtenteils Mutterschaft als "natürlichen
Beruf" der Frau affirmierte (vgl. Frevert 1986, S. 134 ff.). Der hier angelegte
Widerspruch verschärfte sich gegen Ende des 19. und bis zur Mitte des 20.
Jahrhunderts weiter.
Die steigende Einbeziehung von Frauen in entlohnte Tätigkeiten erlebte
im 1. Weltkrieg einen Höhepunkt, weil Frauen die zum Militärdienst
eingezogenen Männer in den Betrieben ersetzen mußten. Diese Tendenz
setzte sich keineswegs linear fort. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs und in der
Weltwirtschaftskrise waren besonders die Frauen von Arbeitslosigkeit betroffen
("zurück an den Herd"). Im Gegensatz zu seiner Propagierung des
Hausfrauen- und Mutterideals war dann im Faschismus, nicht zuletzt im Zuge der
Kriegsvorbereitungen ab 1935, faktisch wieder eine Zunahme der Frauen-Berufstätigkeit
zu beobachten (vgl. Däubler-Gmelin 1977, S. 28 ff.). Trotz aller Veränderungen
in der Frauenerwerbstätigkeit blieben aber die Geschlechtsrollenmuster
ziemlich stabil. Die gemäßigte Frauenbewegung, die immer konservativer
das Mutterideal propagiert hatte, löste sich 1933 bei Machtübernahme
der Nazis auf. Es kann mit einem gewissen Recht behauptet werden, daß
sie mit ihrer Mütterlichkeitsideologie dem Frauenbild des Faschismus zuträglich
war.
11.
In der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts scheint sich das Geschlechterverhältnis noch einmal
grundsätzlich zu wandeln. Die neuen Problemlagen können anhand der
beliebten "Individualisierungsthese" von Ulrich Beck dargestellt werden.
Unter "Individualisierung" versteht Beck, daß die Menschen aus
den verinnerlichten Geschlechtsrollen, die ihnen "die Industriegesellschaft"
zugeordnet habe, freigesetzt werden. Sie müssen nun, notfalls auch gegen
familiäre Bindungen, eine Existenz über Arbeitsmarkt, Ausbildung und
Mobilität aufbauen (Beck/Beck-Gernsheim 1990, S. 13 f. Vgl. zum folgenden
Beck 1990). Diese Entwicklung wurde wesentlich dadurch mit vorbereitet, daß
nach dem 2. Weltkrieg eine starke Ausdehnung weiblicher Erwerbstätigkeit
stattfand. Damit entsteht ein neues Widerspruchspotential. Denn nach Beck sind
einerseits die Kleinfamilie und ihre Geschlechtsrollen Grundlage der Industriegesellschaft,
andererseits aber ergreift der von den blinden Marktmechanismen erzeugte Individualisierungsschub
zunehmend auch die Frau und macht die bisherige Rollenverteilung mehr als bisher
problematisierbar. Dabei spielen auch Momente wie die Möglichkeit von Empfängnisverhütung,
Rationalisierungsprozesse im Haushalt etc. eine Rolle. Gleichzeitig wird die
Frau jedoch in ihrer traditionellen Rolle durch die ihr weiterhin zugewiesene
Zuständigkeit für die Kinder ebenso festgehalten wie etwa durch den
Sachverhalt, daß Frauen bei Massenarbeitslosigkeit stärker betroffen
sind als Männer:
"Wir stehen also - mit allen Gegensätzen, Chancen und Widersprüchen
- erst am Anfang der Freisetzung aus den ,ständischen` Zuweisungen des
Geschlechts. Das Bewußtsein der Frauen ist den Verhältnissen vorweggeeilt.
Daß die Uhren ihres Bewußtseins zurückgedreht werden können,
bleibt unwahrscheinlich. Viel spricht für die Prognose eines langen Konflikts:
Das Gegeneinander der Geschlechter bestimmt die kommenden Jahre" (Beck
1990, S. 24, Hervorheb. im Original).
Beck belegt empirisch die unterschiedlichen Lagen von Männern und Frauen,
die mit widersprüchlichen Daten hinsichtlich der Frauenemanzipation korrespondieren.
So haben z.B. in der Bildung die Frauen mit den Männern zwar bei den Schulabschlüssen
gleichgezogen, aber die Studienbereitschaft von jungen Frauen ging gleichzeitig
zurück. Junge Frauen sind heute besser ausgebildet als ihre Mütter,
häufig wählen sie aber "brotlose" Fachrichtungen im sprach-,
geistes- und erziehungswissenschaftlichen Bereich bzw. ergreifen nichtakademische
Berufe, die stark von Rationalisierung bedroht sind (z.B. Sekretärin).
Generell gilt, daß Frauen in den dominanten Bereichen der Gesellschaft
(Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien) vornehmlich nur in den unteren Etagen
anzutreffen sind. Männer reagieren auf die höherqualifizierte Berufstätigkeit
von Frauen, indem sie nicht selten unter Rückgriff auf biologische Begründungen
auf die alten Zuständigkeiten pochen.
Nach Beck ist es gerade die stärkere Angleichung von Männern und Frauen
im Individualisierungsprozeß, die alle weiterbestehenden Asymmetrien im
Geschlechterverhältnis schärfer ins Bewußtsein hebt. Wer die
Kinder erzieht, wer die Familie ernährt, wer bei beruflichem Mobilitätszwang
dem Partner folgt, ob Kinder innerhalb oder außerhalb der Ehe erzogen
werden: all das ist nicht mehr eindeutig klar und festgelegt:
"In allen Dimensionen der Biographie brechen Wahlmöglichkeiten und
Wahlzwänge auf. Die dafür nötigen Planungen und Absprachen sind
prinzipiell aufkündbar und in den ungleichen Belastungen, die in ihnen
enthalten sind, legitimationsabhängig. In darauf bezogenen Aus- und Absprachen,
Fehlern und Konflikten schälen sich immer deutlicher die unterschiedlichen
Risiken und Folgen für Männer und Frauen heraus" (Beck 1990,
S. 52, Hervorhebungen im Original).
Diese zutiefst konfliktträchtige Konstellation führt jedoch keineswegs
ausschließlich zum Scheidungsrichter und ins Singledasein:
"Die Hoffnung auf Zweisamkeit ist die überdimensionale Restgemeinschaft,
die die Moderne den Privatmenschen in der enttraditionalisierten, ausgedünnten
Sozietät gelassen hat. Hier und vielleicht sogar nur noch hier werden soziale
Erfahrungen gemacht, durchlitten, in einer Gesellschaft, deren Wirklichkeiten,
Gefahren und Konflikte ins Abstrakte verrutscht sind, sich der sinnlichen Wahrnehmung
und Beurteilung mehr denn je entziehen" (Beck 1990, S. 21, Hervorhebung
im Original).
Nach Beck kann daher insofern eher von einer "Freisetzung zur Familie"
die Rede sein, als der in die Familie eingreifende Individualisierungsmechanismus
die Formen des Zusammenlebens ändert und instabiler macht. Die Beziehung
zwischen individuellem Lebenslauf und Familie wird eine andere. Die Familie
löst sich nicht auf, aber sie ist auch nicht mehr der festgefügte
Normalzustand, nach dem Männer und Frauen ihr ganzes Leben ausrichten.
Stattdessen kommt es zu einem zeitlichen Neben- und Nacheinander von differierenden
Lebensformen wie Familie, Single, Wohngemeinschaft, wieder Familie usw., durch
die all die individualisierten Frauen und Männer hindurchgehen. Jede (r)
muß so seine Biographie auf prekäre Weise selber machen. Es ist für
Beck kein Zufall, daß die Geschlechterbeziehung erst in der Spätmoderne
konflikthaft wird (er sieht darin den "Jahrhundertkonflikt"), da erst
jetzt die Klassen "enttraditionalisiert" sind und die abstrakte Rationalität
der Industriegesellschaft in die bisherige Privatsphäre von Ehe und Familie
einzudringen beginnt.
Die Untersuchung von Beck eignet sich zwar gut dafür, die empirischen Veränderungen
im Geschlechterverhältnis der letzten beiden Jahrzehnte bzw. ihre Vorgeschichte
seit dem 2. Weltkrieg aufzuzeigen. Die patriarchale Struktur wird prekär,
je mehr die Frauen sich durch die gesellschaftliche Entwicklung selbst von ihrer
Rolle distanzieren können, die aber dadurch eben nicht aufgehoben wird
(Die Konsequenzen für den weiblichen Sozialcharakter, die sich aus Analysen
zum sozialen Wandel ergeben, wie sie auch Beck erstellt hat, spricht R. Gildemeister
an. Nach ihr tritt nun "neben die Einübung in geschlechtsgebundene
Handlungsmuster zugleich die zunehmende Erkenntnismöglichkeit von deren
Relativität". Dies jedoch "ohne daß dabei das grundlegende
binäre Konstruktionsprinzip des Geschlechterverhältnisses angetastet
wird". Damit ist mit "der Ausbildung von ,Geschlechtsidentität`...
heute offensichtlich ein hohes Ausmaß von Konflikthaftigkeit bei Frauen
verbunden, das in vielen Versuchen zur positiv gewerteten Bestimmmung des ,weiblichen
Sozialcharakters` nur unzureichend reflektiert wird". In Anlehnung an Hagemann-White
sieht Gildemeister deshalb jetzt den "... ,weiblichen Sozialcharakter`
als doppelbödig (gekennzeichnet)". Es entsteht in ihm eine "Spannung"
(Gildemeister 1992, S. 235 f.).). Dennoch ist Becks Analyse m.E. vom theoretischen
Bezugsrahmen her grundsätzlich falsch. Obwohl Beck im theoretischen Kontext
davon spricht, daß die gegebenen Geschlechtsrollen "Basis der Industriegesellschaft"
sind, vermeidet er sorgfältig den Begriff des Patriarchats. Ebensowenig
setzt er natürlich die nur indirekt benannte patriarchale Grundlage in
eine Beziehung zur Wertvergesellschaftung, von der er gar keinen Begriff hat.
Er spricht beständig nur diffus von "der Moderne", "der
Industriegesellschaft" etc. und kommt so nie zu einer Bestimmung der Gesellschaft
vor dem Hintergrund ihres androzentrisch-wertförmigen Gewordenseins. Letztendlich
sind für ihn das patriarchale Geschlechterverhältnis und seine Rollenzuweisungen
überhaupt nur empirisch zu konstatierende "Phänomene". Er
sieht darin nur ein Problem unter vielen in der "Risikogesellschaft"
(vgl. hierzu auch Beck 1986).
Weil Beck dergestalt in letzter Instanz auf einem geschlechtsneutralen theoretischen
Bezugsrahmen ("Industriegesellschaft") beharrt, kann er schließlich
auch den empirischen Wandel der Geschlechtsbeziehungen mit dem abstrakt-universalistischen
Begriff der "Individualisierung" totschlagen, der bei ihm den "theoretischen
Rang" in der Analyse der Veränderungen einnimmt. Auf der begrifflichen
Ebene wird so, im Beck'schen Argumentationszusammenhang nur konsequent, das
asymmetrische Geschlechterverhältnis nochmals mit einer geschlechtsindifferenten
Kategorie in Schach gehalten. "Individualisierung" scheint auf diese
Weise das "eigentliche", tiefere Problem zu sein, nicht die Geschlechterproblematik.
Die Beck'sche Argumentation trifft sich hier wieder mit dem ebenfalls geschlechtsneutralen
Begriff des "abstrakten Individuums" in der bisherigen Wertkritik
der KRISIS-Gruppe. Es wird nicht gesehen, daß dieses "abstrakte
Individuum" gerade in seiner wertförmigen Konstituiertheit seine geschlechtliche
Besetzung gar nicht loswerden kann, weil der Wert (die Warenförmigkeit
der Gesellschaft) selber geschlechtlich konstituiert ist.
Solange dieser Zusammenhang nicht auf der begrifflich-theoretischen Ebene selber
festgehalten wird, muß die Argumentation immer wieder dahin abgleiten,
die Krisenhaftigkeit der Geschlechtsrollen bloß soziologisch festzustellen
wie Beck, oder gar von einer weitgehenden "Auflösung" der Geschlechtsrollen
(Auch Gildemeister stellt derartige Interpretationen im Zusammenhang mit "Individualisierungstendenzen"
in Frage: "So ist etwa die Flexibilisierung auf der Oberfläche der
Rollenzuschreibungen nicht in entsprechendem Ausmaß gekoppelt mit einer
realen Öffnung von Handlungsräumen. Individualisierungstrends scheinen
Teile eines gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses zu sein, in dem auf z.T.
vernebelnde Weise der Blick auf soziale Tatsachen verstellt wird, hier auf die
weiterhin dominierende Realität des Geschlechterverhältnisses und
ihrer asymmetrischen Relation ... Und darin wird die Freisetzung unter Umständen
auch zur Falle: Reproduktionsaufgaben etwa werden in noch stärkerem Maße
an Frauen abgegeben bzw. auch von diesen besetzt. Unter diesen Bedingungen läuft
die Polarisierung der Geschlechter auf eine notwendige - weitere - Politisierung
der Geschlechterdifferenz hinaus" (Gildemeister 1992, S. 236, Hervorhebung
im Original). Wenn freilich auch Gildemeister meinen gesellschaftstheoretischen
Bezugsrahmen nicht teilt, so hat sie doch nachgewiesen, daß von einer
"Auflösung" der Geschlechtsrollen in jüngerer Zeit nicht
die Rede sein kann.) und der patriarchalen Bestimmungen schon "in"
der Wertvergesellschaftung zu sprechen, die dann "zu guter Letzt"
allein als geschlechtsneutrales "eigentliches" Grundproblem der Moderne
übrigbleiben würde (so in Grundzügen bei Türcke 1991). Stattdessen
müßte die patriarchale Konstitution des Wertverhältnisses selber
ins Visier genommen werden, d.h. die geschlechtlich-patriarchale Voraussetzung
von Warenproduktion und Warentausch, die immer schon in die wertförmige
Vergesellschaftung mit eingeht und mit einem "soziologistisch" verkürzten
Verständnis der Geschlechtsrollen (wie bei Beck) gar nicht erfaßt
werden kann.
12.
Je versachlichter die
menschlichen Verhältnisse sich darstellen, je entfalteter also das subjektlose
patriarchale Wertverhältnis ist, desto mehr treten die patriarchalen Abspaltungen,
die heute nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit wie ehedem entlang
der Mann-Frau-Beziehung verlaufen, offen zutage und werden nicht bloß
zum individuellen, sondern zum öffentlichen Problem: zum Politikum. Besonders
die "neuen sozialen Bewegungen", die in den 70er und 80er Jahren auf
der gesellschaftlichen Bildfläche erschienen, verstanden sich als Gegenbewegung
zur Anonymisierung und Abstraktifizierung der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Sieht man sich die Themenfelder an, um die sich diese Bewegungen gruppieren,
so fällt ins Auge, daß sie sich erstaunlich mit den patriarchalen
Zuschreibungen auf "die Frau" decken.
Die Problemstellungen der Friedens-, Öko- und Psychobewegung korrespondieren
mit den Vorstellungen, die Frau sei ein Naturwesen, sie sei friedlicher als
der Mann und emotionaler. Auch in der Alternativbewegung ist die "Frauenfrage"
insofern enthalten, als sie sich gegen die entfremdete abstrakte Arbeit wendet,
eine Sphäre, der trotz aller Veränderungen in der Erwerbstätigkeit
Frauen noch nie mit derselben Eindeutigkeit wie Männer zugeordnet waren;
zudem gilt Hausarbeit weithin immer noch als Gegenbereich zur abstrakten Arbeit.
Daß unter diesen Bedingungen auch die neue Frauenbewegung als solche unter
den Protestbewegungen auftaucht, ist kaum verwunderlich. Wenn sich gesamtgesellschaftlich
das Unterdrückte, Abgespaltene massiv Gehör verschafft, muß
notwendig auch die soziale Trägerin dieses Unterdrückten, "die
Frau", rebellisch werden. Die versachlichten Mechanismen der patriarchalen
Wertvergesellschaftung selbst sind es also, die nicht nur zur Rollendistanz
der Frau (und damit zu einer Bedingung ihres Emanzipationskampfes) geführt
haben, sondern die gleichzeitig ihr historisch entwickeltes "Entsinnlichungspotential"
durch soziale und ökologische Katastrophen auch gesamtgesellschaftlich
zum Kritikgegenstand machen. Insofern könnte man sogar so weit gehen, die
Protestbewegungen der 70er und 80er Jahre als ideelle Gesamtfrau zu betrachten,
auch wenn dies von ihren TrägerInnen nicht unbedingt so gesehen wird, und
der Geschlechterkampf selbstverständlich auch in diesen Bewegungen virulent
ist. Nach K.W. Brand stehen die neuen sozialen Bewegungen "nicht mehr in
der Traditionslinie der Arbeiterbewegung". Stattdessen
" (entzünden sie) sich vorrangig an Problemen der gesellschaftlichen
Reproduktion ... Fortschreitende industrielle Zerstörung natürlicher
und sozialer Lebensräume, zunehmende Verdichtung technokratischer Kontroll-
und Systemzwänge, wachsende atomare Kriegsgefahr einerseits; Versuche autonom
organisierte, an den eigenen Bedürfnissen orientierte Lebenszusammenhänge
aufzubauen, individuelle Selbstgestaltungs- und politische Partizipationsmöglichkeiten
auszuweiten, andererseits: das sind die Themen, die in den gegenkulturellen
und politischen Protestbewegungen ... im Vordergrund standen" (Brand 1984,
S. 9).
Nun wäre der Einwand möglich, daß ja die neuen Protestbewegungen
und ihre Themen so neu gar nicht sind. Wie auch die Frauenbewegung selbst hatten
sie ihre historischen Vorläufer. Der gesamte Modernisierungsprozeß
seit dem 19. Jahrhundert war vom Auftreten zivilisationskritischer Strömungen
mit vergleichbaren Inhalten begleitet. In Deutschland sind hier z.B. die Lebensreformbewegung,
die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, und die zu Beginn
des 20. Jahrhunderts auftretende Jugendbewegung zu nennen:
"Die Lebensreformbewegung setzte sich aus kleineren Teilbewegungen ...
zusammen, deren gemeinsames Ziel - bei aller Heterogenität - in der Wiederherstellung
einer die Einheit von Natur und Mensch sichernden ,natürlichen` Lebensweise
über den Weg individueller Verhaltensänderung bestand. Gesunde Ernährung,
Wohnen in natürlicher Umwelt, Heilung durch Naturkräfte, körperlicher
Kontakt mit den Naturelementen Licht, Wasser und ein Leben in Gemeinschaft waren
die Orientierungspunkte dieser spezifischen Lebensauffassung" (Raschke
1985, S. 44).
Die Jugendbewegung suchte die "Einheit mit der Natur" ebenfalls durch
Wandern und das gemeinsame Gruppenerlebnis herzustellen. In gewisser Weise klingt
hier der "sympathetische Zugang zur Natur" wieder an, wie ihn einst
die Frau/Hexe gehabt haben soll. Vermeintlich natürliche Lebensräume
wurden in ebenso vermeintlichen außerindustriellen Räumen gesucht.
Es ist allerdings auffallend, daß die damaligen zivilisationskritischen
Bewegungen nicht nur hinsichtlich ihrer Mitgliedschaft ein männliches Bias
aufweisen, sondern auch ihr Verlangen nach einer veränderten Naturbeziehung
gewissermaßen in phallisch verkehrter Form ausdrückten. So kamen
in der Jugendbewegung, die ursprünglich Abstand zu Patriotismus und Deutschtümelei
hatte, bald starke antisemitische, rassistische und nationalistische Strömungen
auf. Die "bündische Jugend", die aus der Jugendbewegung hervorgegangen
war, forderte eine
"Umgestaltung der Nation entsprechend den Organisationsformen der Jugend.
Aus der Gemeinschaft der Wandergruppe wurde auf diesem Wege die Volksgemeinschaft,
aus dem Gruppenführer der Führer des Volkes. Kameradschaft, Treue
und Gefolgschaft wurden militärisch überhöht und zu allgemeinverbindlichen
politischen Tugenden erhoben" (Raschke 1985, S. 49).
Die Gründe dafür können teilweise in einer epochenspezifischen
Ausdifferenzierung des damaligen Mittelstandes gesucht werden, der von der Ausdehnung
abstrakter Arbeit ergriffen und umgewälzt wurde. Gerade die männlichen
"Verlierer" dieser Zeit fühlten sich durch die Modernisierungsprozesse
bedroht und reagierten mit "Regression".
In der alten Friedensbewegung, die sich ab 1890 zu formieren begann, war demgegenüber
der Frauenanteil relativ hoch, und es gab personelle Überschneidungen mit
der Frauenbewegung (vgl. Raschke 1985, S. 42). Auch in der Frauenbewegung war
allerdings zivilisationskritisches Gedankengut zu finden. Dabei wurden Vermassung,
Entseelung und Versachlichung zwar als Resultate männlicher Rationalität
angesehen; die Frauenbewegung wollte diesen negativen Erscheinungen mit "geistiger
Mütterlichkeit" begegnen. Diese Kritik war jedoch in manchen Texten
der gemäßigten Frauenbewegung durchaus mit "völkischem"
Gedankengut versetzt. Die Kritik männlicher Rationalität war also
keineswegs frei von "phallischen Identifikationen" (Haß 1988,
S. 85). Illustriert werden kann dies anhand einer Textstelle von Gertrud Bäumer
aus dem Jahre 1914:
"Was hat eigentlich diese Zeit aus uns gemacht? ... Wie hat sie uns verwandelt?
... Die stärkste, allgemeinste, überwältigendste Erfahrung ist
die Offenbarung des Volksbewußtseins in uns. Nein, wir sind keine Einzelmenschen,
trotz aller trennenden Verfeinerung ... heute sind wir nicht einzelne, heute
sind wir nur Volk, nur Einheit des Blutes und des Stammes, der Gesinnung und
der Kultur" (Bäumer, zit. nach Haß 1988, S. 84).
Es könnte insofern die Aussage gewagt werden, daß die verdrängte
Hexe auf einer bestimmten Entwicklungsstufe des wertförmigen Patriarchats
um die Jahrhundertwende sozusagen in phallischer Verkleidung wiederkehrte, selbst
in der Frauenbewegung. Das abgedrängte Sinnliche, das gesellschaftlich
in die Frau gepackt wurde, und um dessentwillen sie einst auf dem Scheiterhaufen
gelandet war, floß zu dieser Zeit phallisch verkehrt ins Völkische,
ja geradezu ins Männerbündisch-Militärische. An dieser paradoxen
Verkehrung zeigt sich aber nur, daß die verdrängte Sinnlichkeit,
Emotionalität und Unmittelbarkeit etc. nicht "weibliche" Eigenschaften
schlechthin darstellen. Vielmehr handelt es sich um abgespaltene Momente innerhalb
des gesellschaftlich-historischen Gattungswesens, die in bizarrer Form auch
auf dem anderen Geschlechts-Pol erscheinen können. Gewiß kann in
diesem Zusammenhang mit einiger Plausibilität behauptet werden, daß
ebenso wie die Mütterlichkeitsideologie der ersten Frauenbewegung im besonderen
auch die zivilisationskritischen Strömungen seit dem späten 19. Jahrhundert
im allgemeinen halfen, dem Faschismus den Boden zu bereiten (obwohl hier im
einzelnen differenziert werden müßte, um falsche Pauschalisierungen
zu vermeiden). Aber nicht die Thematisierung des gesellschaftlich-historisch
Verdrängten schlechthin war von Übel und führte in die Katastrophe,
sondern die bewußtlose, phallisch pervertierte Form, in der dies geschah.
Vor diesem historisch reflektierten Hintergrund müßte diskutiert
werden, wenn in den "neuen sozialen Bewegungen" schon seit den 70er
Jahren Blut-und Boden-Elemente gesichtet und kritisiert wurden, so auch an feministischen
Konzepten. Diese Kritik wird unscharf und falsch, wenn sie selber in falscher
Unmittelbarkeit weder die patriarchale, wertförmige Struktur als solche
noch deren historische Entwicklung einbezieht. Daß das Einklagen von Natur
und Sinnlichkeit bis zum Faschismus noch in phallisch verkehrter Form erscheinen
konnte, hängt m.E. damit zusammen, daß damals das männliche
Prinzip der abstrakten "Arbeit" noch im Aufstieg begriffen war. Wenn
die Abspaltungen entlang der Mann-Frau-Beziehung seit den 70er und 80er Jahren
erneut gesamtgesellschaftlich hervorbrechen, so ist dies mittlerweile aber mit
dem Obsoletwerden der abstrakten "Arbeit" selbst verbunden.
Aus dieser veränderten historischen Situation ergeben sich trotz ähnlicher
Inhalte wichtige Unterschiede zwischen den damaligen und den heutigen zivilisationskritischen
Strömungen. Im Gegensatz zu ersteren zeichnen sich die neuen Bewegungen
am Ende des 20. Jahrhunderts gerade durch scharfen Antirassismus und Antinationalismus
aus; ihre Wertpräferenzen betonen Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung;
autoritäre Führerstrukturen können sich (trotz ihres gelegentlichen
Auftretens etwa in Psychosekten) viel weniger durchsetzen; auch der numerische
Frauenanteil ist überall sehr hoch. Insgesamt haben die neuen Bewegungen
wohl eher eine "weiche" Schlagseite im Gegensatz zu den früheren.
Alle diese Unterschiede können nicht einfach ignoriert werden.
Ebenso falsch wäre es, die Irrationalität sowohl in den früheren
wie in den heutigen zivilisationskritischen Bewegungen bloß von einer
aufklärerisch-rationalistischen Warte aus (und insofern wieder "männlich")
zu kritisieren, also das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn in dieser
Irrationalität kommt eben die abgespaltene und deshalb dunkle "andere
Seite" der patriarchalen Wertvergesellschaftung und somit des männlichen
Rationalismus und der männlichen Vernunft selbst zum Ausdruck. In verzerrter
Form bergen die zivilisationskritischen Bewegungen insofern Wahrheitsmomente,
als sie einen irrationalen, unmittelbaren Protest gegen die "betriebswirtschaftliche
Vernutzungslogik" und die abstrakte "Mittelbarkeit" des Geldes
darstellen. Der Faschismus zeigt allerdings auch, in welche Bahnen ein derart
bewußtloser, verzerrter Protest gelenkt werden kann. In ihrer falschen
Unmittelbarkeit enthalten diese Bewegungen möglicherweise immer ein Potential
zur Barbarei, auch wenn sich dies heute in anderer Gestalt als vor der Jahrhundertmitte
zeigen würde.
Es kann also nicht darum gehen, den zivilisationskritischen Bewegungen einfach
zu huldigen, auch in ihrer heute veränderten Form nicht. Ein plattes "Zurück
zur Natur" ist nicht nur unmöglich, es wäre eben auch reaktionär
und barbarisch. Das heuristische Konstrukt "Verdrängung von innerer
und äußerer Natur", das zur Kennzeichnung der patriarchalen
Struktur durchaus geeignet ist, muß selber historisch begriffen werden.
Der Mensch (und zwar der Mann ebenso wie die Frau) ist Teil der Natur. Die Aneignung
dieser scheinbar banalen Erkenntnis ist heute dringender denn je. Dennoch gibt
es Natur schlechthin insofern nicht, als die Vorstellungen, die sich darum ranken,
immer einen kulturell-historischen Charakter aufweisen. Das Rad der Geschichte
kann nicht einfach "zurückgedreht" werden. Die patriarchale abendländische
Kultur brachte in ihrer Entwicklung nicht nur Destruktionspotentiale mit sich,
sondern auch Fortschrittsmomente in einem durchaus positiven Sinne, etwa eine
Erweiterung der Bedürfnisse, medizinische Verbesserungen usw. Deshalb kann
das Ziel der Kritik nicht sein, hinter das erreichte zivilisatorische Niveau
wieder zurückzufallen. Insofern stellen die platt zivilisationskritischen
Strömungen auch in ihrer heutigen veränderten Form bestenfalls nur
ein Durchgangsstadium dar. Aber diese Veränderung in den Präferenzen
der neuen sozialen Bewegungen könnte eine Chance oder ein Anhaltspunkt
dafür sein, statt nach rückwärts endlich über das wertförmige
Patriarchat hinauszugehen.
Die Momente gesellschaftlicher Reproduktion, die im wertförmigen Patriarchat
an "die Frau" delegiert wurden, enthalten "schon immer"
die essentiellen Problemlagen, wie sie im Endstadium der Wertvergesellschaftung
unabweisbar und offen sichtbar auftauchen. Möglich wird diese Erkenntnis
aber erst heute. Denn in der bisherigen Geschichte konnten bislang zwar alle
möglichen Disparitäten problematisiert werden: das Verhältnis
Herr-Sklave, Grundherr-Leibeigener, Kapitalist-Proletarier; bezeichnenderweise
aber lagen diese alle auf der Ebene Mann-Mann. Erst nach der Mitte des 20. Jahrhunderts
konnte die bis dahin verdeckte Basisproblematik des wertförmigen Patriarchats,
die Abspaltung entlang der Mann-Frau-Beziehung, in den Blick geraten. Erst jetzt
geht es ans Eingemachte, weil die patriarchalen Mechanismen der Wertvergesellschaftung
sich notwendig auf allen Ebenen ad absurdum führen müssen. Zwar stand
die "Frauenfrage" als vermeintlich isoliertes Problem bereits im vorigen
Jahrhundert auf der Tagesordnung, sie konnte damals aber noch (vor allem durch
die "Klassenfrage") auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe der Wertvergesellschaftung
in die zweite Reihe verwiesen werden. Erst seitdem die alte Klassenfrage in
den Hintergrund rückt und sich als immanent bleibendes Problem des wertförmigen
Patriarchats erweist, kann das Patriarchat als solches und damit der Wert als
solcher ins Zentrum der Kritik rücken.
Gewiß befinden sich die neuen Protestbewegungen in ihrer bisherigen Form
falscher Unmittelbarkeit (der wohl keine Träne nachgeweint werden muß)
schon jahrelang im Niedergang und haben sich teilweise verflüchtigt. Ihre
Inhalte diffundierten in die Gesamtgesellschaft hinein, damit einher ging eine
weitgehende Entradikalisierung. Es ist jedoch mehr als wahrscheinlich, daß
die Themenfelder, derer sie sich annahmen, auch künftig wieder soziale
Bewegungen hervorrufen werden. Denn die Ökologieproblematik, die Friedensproblematik
und die Beziehungsproblematik zwischen den Geschlechtern werden sich ebenso
verschärfen wie die ökonomische Krise der abstrakten "Arbeit"
im Weltmaßstab, je mehr der "Kollaps der Modernisierung" (Kurz
1991), je mehr die Krise des wertförmigen Patriarchats sichtbar wird.
13.
"Der Wert ist der
Mann", nicht der Mann als biologisches Wesen, sondern der Mann als historischer
Träger der wertförmigen Versachlichung. Es waren nahezu ausschließlich
Männer, die als Initiatoren und Macher der Wertvergesellschaftung auftraten.
Sie setzten, freilich ohne es zu wissen, fetischistische Mechanismen in Gang,
die ein immer stärkeres Eigenleben hinter ihrem Rücken (und natürlich
auch dem der Frauen) zu führen begannen. Weil die Frau in diesem Prozeß
als das objektive Gegenwesen zum abstrakten "Arbeiter" gesetzt war,
das "weibliche" Unterstützungsleistungen im Verborgenen und in
inferiorer Position zu erbringen hatte, ist die wertförmige Fetisch-Konstitution
schon an ihrer Basis geschlechtlich asymmetrisch besetzt und wird dies bis zu
ihrem Untergang bleiben. Heute scheint der Zeitpunkt erreicht, an dem dieses
Ende historisch näherrückt, weil der Mann seiner selbstgeschaffenen
Monster und damit seiner selbst buchstäblich nicht mehr "Herr"
wird. Der Mann erscheint so als Zauberlehrling, nur daß mittlerweile kein
patriarchaler Meister mehr kommt, der "es" richten könnte.
Georg Simmel war ein Mann, der schon Anfang unseres Jahrhunderts kritisch bemerkt
hat, daß "unsere" (offizielle) Kultur asymmetrisch männlich
geprägt ist. Wie sehr dabei der männliche Sozialcharakter die abstrakte
"Arbeit" zum Zentrum hat, bringt Simmel essayistisch-zugespitzt auf
den Punkt:
"... die Spezialisierung, die unsere Berufe und unsere Kultur überhaupt
charakterisieren, ist ganz und gar männlichen Wesens. Denn sie ist keineswegs
etwas bloß Äußerliches, sondern ist nur möglich durch
die tiefste psychologische Eigenart des männlichen Geistes: sich zu einer
ganz einseitigen Leistung zuzuspitzen, die von der Gesamtpersönlichkeit
differenziert ist, so daß das sachlich-spezialisierte Tun und die subjektive
Persönlichkeit, jedes gleichsam ein Leben für sich leben. Alle weit
getriebene Arbeitsteilung bedeutet die Lösung des Subjekts von seiner Leistung,
diese wird in einen objektiven Zusammenhang hineingegeben, sie fügt sich
den Anforderungen eines unpersönlichen Ganzen, während die eigentlich
subjektiven und inneren Bewegungen des Menschen eine eigene Welt bilden und
sozusagen eine Privatexistenz führen" (Simmel 1985, S. 162).
Zwar sind heute längst nicht mehr nur Männer in die Sphäre der
abstrakten "Arbeit" eingebunden. Aber die patriarchale Basis-Voraussetzung
des Wertverhältnisses ist damit nicht aufgelöst, sondern nur prekär
und konfliktträchtig geworden. Trotz aller Erwerbstätigkeit hat die
abstrakte "Arbeit" für Frauen bis heute nicht dieselbe identitätsstiftende
Macht wie für Männer. Es zeigt sich, daß der Fetischismus der
"Arbeit" als "tautologischer Selbstzweck" und die damit
gesetzten Erfolgskriterien geradezu in der Persönlichkeit des einzelnen
Mannes verankert sind. Das gilt natürlich besonders für die Träger
der politisch-ökonomischen und kulturellen Institutionen, nicht zuletzt
für den männlichen Theoretiker (weswegen die weiblichen Karrieren
gerade in diesen Bereichen einem besonders harten Anpassungsdruck unterliegen).
Die Aufspaltung: hier sachlich-spezialisiertes Tun, das in jenen überpersönlichen
Gesamtzusammenhang hineingegeben wird, dort die davon getrennte subjektive Persönlichkeit,
die sich in einer "Privatsphäre" aufhält, hat geradezu auf
der Ebene der gesellschaftlichen Formbestimmung ihre direkte Entsprechung. Denn
ebenso, wie der Mann in seiner sachlich-spezialisierten Tätigkeit von sich
als persönlichem Subjekt abstrahiert, so sind die produzierten Waren als
"Gesellschaftsdinge" keine sinnlich-stofflichen Gegenstände,
sondern nach Marx "gespenstische" Abstraktions-Gallerten. Hier wie
dort fällt die sinnliche Komponente aus der Gesellschaftsbeziehung heraus,
das subjektiv-empirische Substrat wird ausgegrenzt. Simmel geht übrigens
sogar so weit, freilich ohne diesen Zusammenhang in den analytischen Rahmen
einer Wertkritik zu stellen, Momente von "Entselbstung" im männlichen
Individuum auszumachen. Dabei deutet er an, welchen "neurotischen Gewinn"
gewissermaßen diese Entselbstung des Mannes abwirft: Macht und (vermeintliche)
"Souveränität" (vgl. Simmel 1985, S. 207).
Simmel nimmt freilich die bestehenden Geschlechtsunterschiede, nicht nur die
biologischen, wiederum als "naturgegeben" an. Im Gegensatz zum gespaltenen,
nicht-identischen Mann sieht er die Frau fast schon als das "an sich"
vollere Individuum, das durch die industrielle Entwicklung seiner Einflußmöglichkeiten
beraubt wurde. Damit verbaut er sich jede kritische Auflösung der asymmetrischen,
fetischistischen Geschlechtsbeziehung. Trotz seiner brillanten Beschreibung
der Geschlechterbeziehung, wie sie sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts zeigte,
sieht er (sicher auch zeitbedingt) nicht, daß die zugeschriebenen Fähigkeiten,
Eigenschaften und Verhaltensweisen von Männern und Frauen Produkte einer
langen historischen Entwicklung des wertförmigen Patriarchats sind. Die
Frau ist nicht das "vollere Individuum", sondern nur die andere, inferior
gesetzte Seite der patriarchalen Abspaltung, und deshalb ein mindestens genauso
reduziertes Wesen wie der Mann.
Erst vor diesem strukturell und historisch ausgeleuchteten Hintergrund kann
deutlich werden, wie falsch es ist, Frauen in ihrem gewordenen So-Sein zu affirmieren
und gar ihre Reduziertheit zur gesellschaftlichen Alternative umzudefinieren,
wie dies selbst bei manchen feministischen Strömungen der Fall ist. Insbesondere
Christina Thürmer-Rohr hat in den Analysen zu ihrer "Mittäterschaftsthese"
herausgearbeitet, wie sich die Entfremdung der Frau darstellt. Sie kritisiert
dabei die immer wieder sozialisationsbedingt durchbrechende Bereitschaft von
Frauen, sich mit der patriarchalen Realität durch die Identifizierung mit
ihrem reduzierten Dasein zu arrangieren (vgl. Thürmer-Rohr 1989, S. 143
ff., und dieselbe 1987, S. 42) (Auch Heidemarie Bennent kritisiert in diesem
Zusammenhang Emanzipationsvorstellungen wie etwa die von Marcuse oder Richter,
die auch noch in neuerer Zeit in "der Frau" ein weniger entfremdetes
Wesen als den Mann erblicken und ihr in letzter Instanz beinahe schon die Errettung
der Menschheit zumuten. Dabei benennt sie die negativen Seiten des traditionellen
weiblichen Sozialcharakters. Schlagwortartig sind dies im wesentlichen: Sensibilität,
die nur im Nahbereich des Privaten ihren Platz hat, nach dem Motto: das Hemd
ist mir näher als der Rock, bei gleichzeitig ungenügender Ausbildung
der intellektuell-vernunfthaften Seite; ausgeprägtes Konsumverhalten, womit
der Ausschluß aus dem öffentlichen Geschehen kompensiert werden soll;
Verzicht auf eigene Ansprüche ("Selbstlosigkeit"), um die Entfremdung
des Mannes in der Arbeitssphäre auszugleichen; Neigung zum Konservativismus
und zur Bejahung des Bestehenden durch die Abkapselung der Frau und aufgrund
der nur mangelhaften Ausbildung ihrer intellektuellen Fähigkeiten (vgl.
Bennent 1985, S. 227 ff.). Die Verherrlichung des weiblichen Sozialcharakters
als vermeintliche Alternative übersieht zudem völlig, daß er
durch den sozialen Wandel der letzten Jahre selber doppelbödig geworden
ist.). Allerdings muß m.E. hervorgehoben werden, daß die ihrerseits
neurotischen "Vorteile", die Frauen aus ihrer Rolle ziehen könnten,
durch die Möglichkeit weiblicher Rollendistanz heute konterkariert werden.
Die Frauen sind es, die im objektiv gesellschaftlich entstandenen Geschlechterkonflikt
immer wieder die Initiative ergreifen, wie die in vielfältigen Formen sich
entwickelnde Frauenbewegung zeigt.
Die vom Mann in dominierender Position in Gang gesetzten und in Gang gehaltenen
Mechanismen, die sich hinter seinem Rücken verselbständigt haben,
bringen es so schließlich mit sich, daß er seine eigene "Kastratorin"
mitproduziert. Das wertförmige Patriarchat war gezwungen, sich ein Refugium
zu schaffen, wohin es sich zu seinem Selbsterhalt vor sich selbst zurückziehen
konnte: die abstrakte Privatheit der Familie, immer noch der bevorzugte Wirkungskreis
der Frau. Es sind nun diese vom Mann bewußtlos hervorgebrachten Mechanismen
selbst, die dieses Refugium derart prekär machen, daß es seines (pathologischen)
"Behagens" verlustig geht, und die Frauen aus der Rollendistanz heraus
dazu veranlaßt werden, an den Gitterstäben zu rütteln. Denn
ihre Einbeziehung in die abstrakte "Arbeit" selbst bedeutet ja nicht
nur neue ("männliche") Entfremdung, sondern gleichzeitig auch
stärkere Unabhängigkeit gegenüber der bisherigen traditionellen
Rolle.
Gleichzeitig droht auch von der bisher identitätsstiftenden abstrakten
"Arbeit" selber "Kastrationsgefahr". Denn die in den letzten
beiden Jahrzehnten einsetzende Rationalisierungswelle durch neue Technologien
und die Globalisierung der Märkte trifft ja zwar in erster Linie, aber
eben nicht nur erwerbstätige Frauen, sondern zunehmend auch Männer.
Da es sich hier nicht mehr bloß um eine "zyklische", sondern
um eine strukturelle Arbeitslosigkeit handelt, wird auch in dieser Hinsicht
eine neue Qualität erreicht. Gleichzeitig tritt subjektiv wie objektiv
(ökologische Krise) die Sinnlosigkeit und Zerstörungskraft der abstrakten
"Arbeit" zutage. Die technologische und strukturelle Entwicklung selbst
macht also gerade jenes Merkmal zunehmend obsolet, das die männliche Identität
im wertförmigen Patriarchat vor allem konstituiert. So werden auf allen
Ebenen auch die Männer gezwungen, ihre traditionelle Identität zu
überdenken, sowohl subjektiv-persönlich als auch gesamtgesellschaftlich.
Abstrakte "Arbeit" kann dann nicht mehr das gesellschaftliche Feld
sein, an dem sich männliche Identität ausrichtet. Tatsächlich
stellt die zumindest ansatzweise schon existierende Männerbewegung die
bisherigen identitären Bezugspunkte in Frage.
Es kann also nicht darum gehen, die in der "Frauenfrage" enthaltenen
gesellschaftlichen Problemlagen abermals bloß ins abstrakt "Prinzipielle",
ins Männlich-Universalistische zu ziehen. Die vielfach (so z.B. von Soziologen
wie Ulrich Beck) auch neuerdings wieder beklagte "Entsinnlichung"
der Verhältnisse kann weder adäquat begriffen noch kritisiert werden,
wenn nicht das Basisproblem der patriarchalen Abspaltungen, das die wertförmige
Gesellschaft kennzeichnet, ins Zentrum der Kritik rückt. Die heutigen Problemlagen
der Gesamtgesellschaft sind, wie gezeigt, das Produkt der langen patriarchalen,
christlich-abendländischen Geschichte der Wertvergesellschaftung. Diese
obsolet gewordene Form aber kann nicht überwunden werden, ohne daß
die männliche Identität gebrochen wird. Jeder (offene oder klammheimliche)
Versuch, sich subjektiv wie theoretisch dieser Forderung zu entziehen und über
die Krise des Werts den Mantel der Geschlechtsneutralität zu breiten, ist
zum Scheitern verurteilt.
Daraus, daß die "Frauenfrage" alles andere als eine "Nur-Frauenfrage"
ist, ergibt sich andererseits, daß eine Perspektive aufgegeben werden
muß, in der die (soziologisch verstandene) "Gruppe" Frau bloß
als "Interessensubjekt" neben andere definierte soziale Gruppen gestellt
und sie so als "Randgruppe" oder Quasi-"Klasse" (bzw. Klassen-Ersatz
für altmarxistisch Inspirierte) behandelt wird. Dies nicht nur deshalb,
weil Frauen schlicht die andere Hälfte der Menschheit sind (was an sich
schon Grund genug wäre), sondern weil in der Frauenfrage heute die krisenhafte
Gesamtproblematik der Gesellschaft zum Ausdruck kommt. Denn die soziale und
ökologische Weltkrise ist das Produkt der heute nur noch destruktiven "Entsinnlichungspotentiale"
der Wertform; diese aber resultieren ihrerseits aus dem patriarchalen Abspaltungsmechanismus,
der dem ganzen Verhältnis historisch und strukturell zugrunde liegt.
Um zu einer anderen, "sinnlichen Vernunft" und zu einem entsprechenden
Gesellschaftsverhältnis zu kommen, das nicht mehr warenförmig strukturiert
ist, wäre es also nötig, über die bisherige Zivilisation hinauszugehen
und die patriarchalen Abspaltungen gewissermaßen auf der erreichten zivilisatorischen
Höhe der Weltgesellschaft wieder "hereinzuholen" in das Gattungswesen.
Um der Krise produktiv begegnen zu können, müßte sich eine "feministische
Linke" konstituieren, die sich des Abspaltungsmechanismus' subjektiv-persönlich
wie objektiv-gesamtgesellschaftlich bewußt ist. Ein Feminismus in diesem
Sinne kann es sich nicht mehr leisten, allein auf Frauen und die Frauenbewegung
beschränkt zu bleiben. Männer wie Frauen müssen einsehen, daß
und wie "unsere" Gesellschaft patriarchal-wertförmig bestimmt
ist.
Das schließt nicht aus bzw. es bleibt sogar dringend nötig, daß
sich Frauen auch weiterhin selbständig organisieren, oder Männer sich
in der Männerbewegung über sich selbst klarzuwerden versuchen. Denn
das Patriarchat steht uns ja nicht nur äußerlich "mechanismenhaft"
gegenüber, sondern wir selber, Männer und Frauen, sind das Patriarchat;
und der unmittelbare Geschlechterkampf ist ja ein zentrales Moment seiner Krise.
Darüberhinaus aber ist ein feministischer Kampf beider Geschlechter gegen
die gesamtgesellschaftlichen, verobjektivierten und versachlichten Daseinsformen
der wertförmigen patriarchalen Abspaltung notwendig. Die Aufhebung des
Patriarchats ist gleichzeitig die Aufhebung der fetischistischen Warenform,
weil dieser Form die patriarchale Abspaltung zugrunde liegt. Das revolutionäre
Ziel wäre also eine höhere Stufe der Zivilisation, auf der Männer
und Frauen jenseits des Fetischismus und seiner geschlechtsspezifischen Zuschreibungen
ihre Geschichte selber machen können.
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