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erschienen im Neuen Deutschland
am 30.06.2006

Robert Kurz

WIRTSCHAFTS- UND FUSSBALLPATRIOTISMUS

Je weiter die Globalisierung des Krisenkapitalismus fortschreitet und soziale Verwerfungen mit sich bringt, desto größer wird der ideologische Drang, patriotische Gefühle zu revitalisieren. Der klassische politisch-militärische Nationalismus, wie er die Epoche der imperialen Kriege zwischen kapitalistischen Großmächten gekennzeichnet hatte, findet sich allerdings nur noch am rechten Rand. Unter den Bedingungen transnationaler Wertschöpfungsketten und einer gesamtkapitalistischen Weltpolizei erscheint die neue Vaterlandsliebe in erster Linie als Wirtschaftspatriotismus. Sattsam bekannt ist die Variante keynesianischer Nostalgie, wie sie von großen Teilen der Antiglobalisierungsbewegung bevorzugt wird. Die Beschwörung einer Rückkehr zur Regulation hat faktisch den Nationalstaat als einzigen ernsthaften Adressaten. Bis in die Gewerkschaften und die politische Linke hinein möchte man gegen den Neoliberalismus von sozialer Geborgenheit im nationalen Gehäuse träumen und denunziert die Global Players als „vaterlandslose Gesellen“.

Stefan Baron, Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, hält der patriotischen Linken den Spiegel vor: „Aus der internationalistischen SPD, einst selbst als vaterlandslos gescholten, ist eine in nationalen Kategorien denkende Partei geworden. Aus den einst in patriotischen Gesellschaften organisierten Unternehmensführern dagegen Anhänger des Internationalismus...So ändern sich die Zeiten“. Allerdings wissen die Propagandisten der Globalisierung, dass in Krisenzeiten der soziale Zynismus gefährlich werden kann. Deshalb hat auch der neoliberale Mainstream den Patriotismus als Opium der Verlierer entdeckt. In dieser Variante geht es aber nicht um das Phantasma einer Rückkehr zur nationalkeynesianischen Regulation, sondern um eine Art sozialen Leidenspatriotismus: Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu verarmen. Als Ergänzung bietet sich eine paradoxe Denkfigur für die soziale Spaltung an: Auch die minoritären Aufsteiger in die „globalisierte Klasse“ sollen als Krisengewinnler „für Deutschland“ interpretiert werden. Und jeder kann bei genügend Leistungsbereitschaft dazugehören, ungefähr wie jeder im Prinzip Lottogewinner sein kann. So suggerierte es zumindest die Medienkampagne „Du bist Deutschland“.

Gezogen hat das zunächst nicht besonders. Der Durchbruch kam erst mit der Fußball-WM „im eigenen Land“. Tatsächlich scheint der Fußballpatriotismus die ideale Andockstation für den Wirtschaftspatriotismus zu sein. Nach einhelliger Auffassung der Ökonomen geht zwar der reale Wachstumseffekt der WM gegen Null, aber als emotionaler Kitt für einen „Zustand des patriotischen Optimismus“ (Jürgen Klinsmann) war die Wirkung enorm. Die BRD ertrinkt in schwarzrotgoldener Volksbeflaggung. Die transnationalen Fußballprofis, im Sportjargon als die „Galaktischen“ bezeichnet, dürfen Tränen der nationalen Rührung weinen, und die Massen weinen mit. Der Katzenjammer wird nicht ausbleiben; wenn nicht der sportliche, so doch der sozialökonomische. Dann droht die scheinbar weltoffen-selbstzufriedene schwarzrotgoldene Flut in Aggression umzuschlagen. Der Weg in den nationalimperialen Krieg ist versperrt, aber ein Verstärker für den Rassismus nach innen können die national kanalisierten Emotionen jederzeit werden. Für die Sozial- und Gesellschaftskritik gilt, dass sie endlich so vaterlandslos werden muss, wie es die Sozialdemokratie real nie war. Angesagt sind Patriotismusverweigerung und Flaggenverweigerung.