Startseite Krise und Kritik der Warengesellschaft


erschienen im Neuen Deutschland
am 05.04.2007

Robert Kurz

ZEIT IST MORD

Dass Zeit Geld ist und sonst nichts, hat der Kapitalismus schon vor Karl Marx gewusst. Die abstrakte Fließzeit der Betriebswirtschaft entspricht der „abstrakten Arbeit“, der Verausgabung von „Nerv, Muskel, Hirn“, die für den Selbstzweck der Verwertung von Geldkapital zu optimieren ist - gleichgültig gegen den Inhalt und gegen die Gesundheit der Arbeitenden. Die kapitalistische Gesellschaftsmaschine macht auch den Menschen zur Maschine. Schon zu Wirtschaftswunderzeiten wurde bemerkt, dass der Takt der Arbeitszeit auf die „Freizeit“ übergreift. Allgemeine Zeithetze ist erst recht zum Signum der postmodernen Beschleunigungsgesellschaft geworden. Vom „rasenden Stillstand“ sprach der Philosoph Paul Virilio. In Japan machte „Karoshi“ von sich reden, der plötzliche Leistungstod am geheiligten Arbeitsplatz.

Die Weltkrise der 3. industriellen Revolution treibt den Leistungswahn auf die Spitze. Je mehr Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung um sich greifen, desto hemmungsloser wird aus den stolzen Arbeitsplatzbesitzern das Letzte herausgeholt. Ob in den Fabrikhallen der Konzerne oder bei den Putzkolonnen der Service-Unternehmen, ob bei der privatisierten Post und Bahn oder selbst in den Tempeln des Finanzkapitals: Überall soll einer das durchpowern, was vorher drei oder vier erledigt haben. In den USA und Argentinien wurde bekannt, dass Einzelhandelskonzerne an Kassiererinnen Windeln verteilen lassen, damit sie nicht durch körperliche Elementarbedürfnisse der Betriebswirtschaft „Zeit stehlen“. Die totale Auslastung geht mit Demütigung einher, alles im Namen der Rendite-Notwendigkeiten.

Aber die Leistungshetze betrifft keineswegs nur die unteren Chargen in den globalen Wertschöpfungsketten. Da es außer um „Muskel“ auch um „Nerv und Hirn“ der menschlichen Verbrennungsmaschinen geht, werden die „Offiziere und Unteroffiziere“ der viel beschworenen Wissensgesellschaft nicht ausgespart. Als sich Anfang 2007 ein junger Finanzanwalt der renommierten Kanzlei „Freshfields Bruckhaus“ aus dem 7. Stock des Londoner Museums Tate Modern stürzte, hieß es bedauernd: „Die City frisst ihre Kinder“. Der aufstrebende Elitemensch hatte bei 7 Arbeitstagen mit je 16 Stunden den Imperativ „up or out“ nicht mehr ausgehalten, trotz der Aussicht auf ein baldiges Jahresgehalt von 1 Million Pfund. Zur selben Zeit wurde eine Selbstmordserie beim Technologiezentrum von Renault bekannt. Ein führender Informatiker stürzte sich in den Tod, ein hochqualifizierter Ingenieur ertränkte sich in einem nahe gelegenen Teich, ein anderer erhängte sich in seiner Wohnung. Als Hintergrund gilt das Sanierungsprogramm „Renault Contrat 2009“, das auf Psychoterror unter den Spitzenkräften mit Negativbeurteilungen in Anwesenheit der Kollegen hinausläuft.

Solche medial in aller Hilflosigkeit erörterten Vorkommnisse sind nur die Spitze des Eisbergs. Zeit ist Geld, also Mord. Womöglich werden wir es noch erleben, dass sich vorbildliche Manager frühmorgens die Windeln anlegen, damit sie ihre wertvolle Hirnzeit nicht mit dem überflüssigen Gang zur Toilette verplempern. Pampers für alle und „Karoshi“ für alle, dann lässt sich vielleicht auch die extreme Spreizung der Einkommen leichter aushalten und der „Aufschwung“ kann weitergehen. Dass sich dabei die Pannen und Katastrophen häufen, ist in Kauf zu nehmen, denn auf inhaltliche Qualität kommt es im virtuellen Kapitalismus sowieso nicht mehr an. Für eine universelle Verbrennungskultur gilt eben auch die Pflicht zur tapferen Selbstverbrennung.