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Texte zur gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise


Erschienen in KONKRET 8/13

Claus Peter Ortlieb

Ende des Spiels

Warum eine allgemeine Geldentwertung nur eine Frage der Zeit ist

Die große Mehrheit der Ökonomen scheint auch 130 Jahre nach Marx „das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten“ anzusehen. Folgt man ihr, so begann die Krise, in der wir uns immer noch befinden, im Jahr 2008 mit dem Finanzcrash in der Folge der Lehman-Pleite. Ursache war demzufolge eine Krise des Bankensystems, dessen Finanztitel über Nacht zu großen Teilen nichts mehr wert waren. Um das Finanzsystem vor dem völligen Zusammenbruch zu bewahren, mussten die Staaten die Banken mit Steuergeldern retten.  Das Platzen der Spekulationsblasen führte zudem zu einer schweren realwirtschaftlichen Rezession. Zu ihrer Bekämpfung wurden allein im Folgejahr 2009 weltweit staatliche Konjunkturprogramme im Umfang von ungefähr 3 Billionen Dollar aufgelegt, womit - von bedauerlichen südeuropäischen Ausnahmen einmal abgesehen - eine Depression wie in den dreißiger Jahren verhindert wurde.

Seither haben wir es mit einer „Staatsschuldenkrise“ bei weiterhin schwächelnder Konjunktur zu tun, und zwischen „Neoliberalen“ und „Keynesianern“ tobt der Streit darüber, was in dieser Situation zu tun sei. Während die herrschende marktradikale Lehre in Verkennung selbst noch der auf die Zeit nach 2008 verkürzten Geschichte der Krise meint, nach dem mikroökonomischen Modell der „schwäbischen Hausfrau“ die Staatsschulden bekämpfen zu müssen, weil „wir über unsere Verhältnisse gelebt haben“, verweisen keynesianische Makroökonomen wie der Nobelpreisträger Paul Krugman auf ihre Lehrbücher: „Der Aufschwung, nicht der Abschwung ist der richtige Zeitpunkt für Sparmaßnahmen. Heute müssten Regierungen mehr Geld ausgeben, nicht weniger, und zwar so lange, bis der private Sektor wieder in der Lage ist, den Aufschwung zu tragen.“

Gemeinsamkeiten der Kontrahenten

In den neoklassischen Standardlehrbüchern kommt das Stichwort „Krise“ überhaupt nicht vor. Es kann sie nicht geben, weil dieser Lehre zufolge Märkte sich immer und überall, von kurzfristigen Störungen abgesehen, im Gleichgewicht befinden, Angebot und Nachfrage also übereinstimmen; und sollte die Empirie etwas anderes zeigen, so könne das nur an marktfremden Einflüssen liegen, die daher zu beseitigen seien, womit sich beispielsweise eine Austeritätspolitik zur Wiederherstellung der „Wettbewerbsfähigkeit“ begründet.

Der Keynesianismus dagegen kennt die Krisensituation, wie sie Keynes für die 1930er Jahre konstatierte, als „chronischen Zustand subnormaler Aktivität, die eine beträchtliche Zeit andauert, ohne eindeutig in Richtung Erholung oder vollständigen Zusammenbruch zu tendieren.“ Doch „dank der Analysen zeitgenössischer Wirtschaftswissenschaftler wie Keynes und der Erkenntnisse ihrer Nachfolger wissen wir heute, welche Maßnahmen die Politik damals hätte ergreifen müssen. Und diese Analysen sagen uns auch, was wir in der heutigen Krise tun müssten.“ Auch für den hier zitierten Paul Krugman gibt es die Krise als Dauerzustand also nur, wenn die Politik das Falsche beziehungsweise gar nichts tut, und genau darin liegt der Hauptvorwurf, den er in seinem Buch Vergesst die Krise insbesondere der deutschen Politik macht. Anzumerken ist noch, dass die Begründung der keynesianischen Maßnahmen praktisch ohne vorherige Bestimmung der Krisenursachen auskommt. Krisen scheinen Betriebsunfälle zu sein, wie sie immer mal wieder vorkommen können, aber wir wissen ja, was dann zu tun ist.

Das Fehlen eines systemischen Krisenbegriffs hat mit der falschen Auffassung vom Sinn und Zweck kapitalistischen Wirtschaftens zu tun, wie sie etwa in den Einleitungen volkswirtschaftlicher Lehrbücher verbreitet wird. Dort ist vom Kapitalismus nicht die Rede, sondern es wird festgestellt, von der Steinzeit bis heute sei das Ziel der Ökonomie die Bereitstellung und der Konsum von Gütern, die nun einmal leider knapp seien, weshalb nicht jeder Mensch alles haben könne, was er wolle. Nun weiß heutzutage jedes Kind, dass nicht die Güter knapp sind, sondern nur mein Geld zu ihrem Erwerb, und dass der Zweck allen kapitalistischen Wirtschaftens ausschließlich darin besteht, aus Geld mehr Geld zu machen, während die Befriedigung von Bedürfnissen allenfalls ein willkommener, wenngleich nicht immer erreichbarer Nebeneffekt ist. Nur Ökonomen wissen das nicht. Die Volkswirtschaftslehre kann insofern als der Versuch verstanden werden, ihren Studierenden dieses Wissen systematisch auszutreiben, was schon so manchen Unternehmer hat seufzen lassen, die sollten doch besser Marx lesen, der habe immerhin gewusst, wie Kapitalismus funktioniert.

Systemischer Krisenbegriff bei Marx

Der von Marx entwickelte systemische Krisenbegriff beruht kurz gesagt darauf, dass die beiden kapitalistischen Reichtumsformen zueinander in Widerspruch geraten können und das auch immer wieder und in immer stärkerem Maße tun. Da die Vermehrung des abstrakten Reichtums die Produktion und den Verkauf stofflichen Reichtums erfordert, setzt eine gelingende Kapitalverwertung und -akkumulation die ständige Erweiterung der stofflichen Produktion und der Absatzmärkte voraus. Sobald dem wachsenden und prinzipiell unbeschränkten Warenangebot nur eine beschränkte zahlungsfähige Nachfrage gegenübersteht, gerät der Verwertungsprozess in die Krise. Die Folgen sind Überproduktion, also unverkäufliche Waren, und Überakkumulation, also nicht mehr auslastbare Kapazitäten, Massenentlassungen, Stilllegung von Produktionskapazitäten und schließlich die Flucht des real nicht mehr verwertbaren Kapitals in die Spekulation.

Bei diesen in der Geschichte des Kapitalismus immer wieder auftretenden Krisen handelt es sich nicht um die Wiederkehr des immer Gleichen, vielmehr treten die beiden Reichtumsformen mit wachsender Produktivität immer weiter auseinander, was Marx als „prozessierenden Widerspruch“ kennzeichnet: „Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch dadurch, daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren sucht, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt.“ (Grundrisse, MEW 42, S. 601) Das Kapital beruht auf der Ausbeutung der Arbeit und nimmt gleichzeitig die Arbeit nach und nach aus dem Produktionsprozess heraus, zerstört also seine eigene Basis. Weil die Arbeitszeit das Maß des Werts ist, hat die wachsende Produktivität zur Folge, dass zur Erzielung desselben abstrakten Reichtums ein immer größerer stofflicher Output produziert und verkauft werden muss. Die Krisen nehmen damit in räumlicher und zeitlicher Hinsicht zu und verschärfen sich: „Die kapitalistische Produktion strebt beständig, diese ihr immanenten Schranken zu überwinden, aber sie überwindet sie nur durch Mittel, die ihr diese Schranken aufs neue und auf gewaltigerm Maßstab entgegenstellen. Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst.“ (Karl Marx: Das Kapital Bd. 3, MEW 25, S. 260)

Die langfristigen Ursachen der Krise

Diese Zeit ist vorbei. Bereits in den 1970er Jahren stieß der fordistische Boom - bedingt auch durch das starke Wachstum der Produktivität - an seine Grenzen, wogegen sich die keynesianische Wirtschaftspolitik als machtlos erwies. Es folgte die Phase der „Stagflation“: Die staatlichen Konjunkturprogramme waren nicht mehr in der Lage, eine selbsttragende Kapitalakkumulation  anzustoßen, sondern führten nur zu teilweise zweistelligen Inflationsraten. Wer wie Krugman eine Wiederauflage solcher Programme als Weg aus der Krise propagiert, sollte sich zuallererst mit dem damaligen Scheitern des Keynesianismus auseinandersetzen. Hier nämlich - und nicht im Jahr 2008 - liegt der Ursprung der aktuellen Krise.

Der Neoliberalismus war die Antwort auf dieses Scheitern, eine Reaktion auf die Krise der Realwirtschaft mit dem Ziel, die Generierung von Profiten weiterhin zu ermöglichen, obwohl die kapitalistisch seriöse Basis dafür zu schrumpfen begann. Ein Bestandteil war die Deregulierung des Finanzsektors und damit die Erweiterung der Möglichkeiten zur kreditären Geldschöpfung. Es gehört zum normalen Krisenfahrplan, dass bereits realisierte Profite mangels realer Anlagemöglichkeiten in die Finanzmärkte strömen und dort die Spekulation anheizen. Der Neoliberalismus aber hat diese krisenaufschiebende Ausweichbewegung zum Programm erhoben und damit die Illusion von der neuen Regulationsweise eines „finanzgetriebenen Kapitalismus“ erzeugt. Die Verselbständigung des Finanzkapitals ist immer schon Symptom kapitalistischer Krisen gewesen, freilich nie deren Ursache. Die Besonderheit in der aktuellen, seit fast vierzig Jahren andauernden Krise ist die räumliche und zeitliche Größenordnung, in der sich dieser Prozess vollzieht. Historisch ohne Beispiel etwa ist die Deindustrialisierung ganzer Volkswirtschaften - wie die Großbritanniens unter Margaret Thatcher - zugunsten der neuen Finanz-„Industrie“.

Entgegen seiner eigenen monetaristischen Doktrin bestand der Neoliberalismus in dieser Hinsicht in einer Fortsetzung des Keynesianismus mit anderen Mitteln, nämlich auf privater Ebene. An die Stelle des Staates traten private Kreditgeber, die auch die Realwirtschaft durch Kredite finanzierten und so in Gang hielten. Durch die Verlagerung großer Geldmengen vom Massenkonsum in den Finanzsektor verschwand zugleich die Inflation, genauer gesagt verschob sie sich von den Konsumgüter- auf die Aktien- und Immobilienmärkte (asset inflation), ein durchaus willkommener Effekt, weil sich die Besitzer entsprechender Eigentumstitel damit reich rechnen konnten.

Das damit in Gang gesetzte „gigantischste kreditfinanzierte Konjunkturprogramm, das es je gegeben hat“ (Meinhard Miegel), letztlich die Finanzierung von Krediten durch neue Kredite, lässt sich natürlich ebenso wenig dauerhaft aufrechterhalten wie ein Versuch, Reichtum durch Kettenbriefe zu erzeugen. Im Ergebnis hat sich in den letzten dreißig Jahren das globale Geld- und Anlagevermögen wie durch Zauberhand auf das Zwanzigfache vermehrt, allerdings ohne dass ihm noch entsprechende reale Werte gegenüberstehen. Bereits das Platzen eines kleinen Teils dieser Blasen reichte 2008 aus, das Bankensystem beinahe in den Zusammenbruch zu treiben, vor dem es nur durch das Eingreifen der Staaten bewahrt werden konnte, die seitdem mit ihrer eigenen Schuldenkrise und einer mehr oder weniger schweren Rezession zu kämpfen haben.

Herumdoktern an Krisenfolgen

Angesichts dieser Situation wirken die vorgeschlagenen Gegenmaßnahmen, sollten sie denn wirklich als Weg aus der Krise gedacht sein, seltsam unwirklich. Auf beiden Seiten wird verkannt, dass die Realökonomie seit fast vierzig Jahren nur noch durch Schuldenmachen in Gang gehalten wurde. Eine Austeritätspolitik, die das beenden will, muss notwendigerweise in die Depression führen. Keynesianische Konjunkturprogramme laufen dagegen auf ein bloßes Weitermachen der Verschuldungspolitik ad infinitum hinaus, weil der private Sektor nie wieder in der Lage sein wird, den Aufschwung zu tragen.

In den letzten vierzig Krisenjahren hat sich (gemessen als Bruttowertschöpfung je Arbeitsstunde laut den deutschen Daten des Statistischen Bundesamts) die Produktivität in der Industrie noch einmal verdreifacht, in der Landwirtschaft sogar versechsfacht. Für die Produktion des stofflichen Reichtums wird die Arbeit immer unnötiger, die reale, auf der Ausbeutung der Arbeit beruhende Mehrwertproduktion damit aber ein Ding der Unmöglichkeit. Wie wenig die kapitalistische Produktionsweise mit der hier aufscheinenden Möglichkeit eines Lebens ohne Arbeit umgehen kann, zeigt sich etwa daran, dass um das Phantasma der „Wettbewerbsfähigkeit“ willen jetzt in Südeuropa die Siesta abgeschafft und dafür das protestantische Arbeitsethos endlich eingeführt werden soll.

Der Ausgang aus der Krise ist nur noch auf dem Weg der Überwindung der abstrakten Form des Reichtums und damit der kapitalistischen Produktionsweise möglich, die durch eine wie immer geartete gesellschaftliche Orientierung allein am stofflichen Reichtum zu ersetzen wäre. Solange eine solche Perspektive unrealistisch ist, wir also wirklich nur die Wahl zwischen Sparmaßnahmen und keynesianischen Konjunkturprogrammen zu haben scheinen, ist freilich letzteren der Vorzug zu geben. Die neoliberale Austeritätspolitik läuft darauf hinaus, die immer zahlreicher werdenden nicht mehr „systemrelevanten“, da im Sinne der Kapitalverwertung überflüssig gewordenen Menschen der Aufrechterhaltung eines Systems zu opfern, das unhaltbar geworden ist. Die keynesianischen Programme haben zwar ebenfalls das illusionäre Ziel einer Systemrettung, verfolgen es aber auf verträglichere Weise, weil sie den Aspekt der stofflichen Reichtumsproduktion nicht ganz aus dem Auge verlieren.

Bloß ein wenig intelligenter als bisher dürfen diese Programme schon sein: Da die letzten vierzig Jahre sehr zu Lasten der öffentlichen Infrastruktur gegangen sind, ließe sich für deren  partielle Wiederherstellung das letzte Geld sinnvoll verballern, ebenso für die heruntergefahrenen sozialen Sicherungssysteme. Nur bitte keine „Abwrackprämie“ mehr, schließlich gibt es da auch noch die ökologische Krise. Doch davon ein andermal.




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