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Roswitha Scholz: Der Hass auf Frauen nimmt wieder zu


Erschienen in konkret 3/2017

Roswitha Scholz

Der Hass auf Frauen nimmt wieder zu

Ist der Feminismus noch zu retten? Oder sind seine popkulturellen Sprachspiele ein Luxus, den sich nur jene leisten, die mehr nicht zu gewinnen hoffen? konkret sprach mit der feministischen Theoretikerin Roswitha Scholz über Queer- und Gendertheorie und die Notwendigkeit eines materialistischen Feminismus.

konkret: Wo steht der Feminismus im Jahr 2017?

Warum ist die Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis so zentral?

Lange wurde das Geschlechterverhältnis als Nebenwiderspruch behandelt. Aber man kann nicht die Tätigkeiten der Hälfte der Menschheit einfach außen vor lassen. Diese Verhältnisse müssen nicht bloß in die Kapitalismuskritik integriert werden, sondern der über die Kategorie Geschlecht vermittelten Abspaltung muss in der Theorie selbst eine neue Qualität als wesentliches Strukturprinzip des warenproduzierenden Patriarchats zugesprochen werden.

Statt eines Nebenwiderspruchs gibt es einen doppelten Hauptwiderspruch?

Die Kategorie der Krise spielt in Ihrer Theorie eine wichtige Rolle. Inwiefern wirken sich gesellschaftliche Krisensituationen geschlechtsspezifisch aus?

Der Aufstieg rechter Bewegungen geht auch mit dem Wunsch nach einer Rückkehr zu überkommenen Geschlechterbildern einher.

Ich finde an dieser Stelle interessant, wie sich Gender- und Queer-Theorien, die nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eine Art Höhenflug erlebt haben, an dieser Stelle blamieren. Sie haben in gewisser Weise eine Verharmlosung gesellschaftlicher Verhältnisse betrieben. Man hat geglaubt, die Liberalisierung der Gesellschaft und die Gleichstellung der Frauen seien weit fortgeschritten. Geschlechterhierarchien und die Struktur der Zwangsheterosexualität wurden eher mit zahnloser Kritik bedacht. Marxistische oder psychoanalytische Theorien wurden zugunsten einer Diskurstheorie, die sich auf die Analyse sprachlicher Zuschreibungen beschränkte, zumeist verworfen. Diese poststrukturalistischen Theorien haben in gewisser Weise dem neoliberalen Anforderungsprofil an flexible Identitäten in die Hände gespielt.

Heute sehen wir, dass die oberflächlichen, gesellschaftstheoretisch kaum fundierten Theorien der Queer- und Gender-Studies Fehleinschätzungen waren. Wenn ich nicht wahrnehme, dass es gesellschaftliche Tiefenstrukturen gibt, die zwar historisch ihr Gesicht verändern, aber letztlich als Zwangsstrukturen bestehen bleiben, dann tendiere ich dazu, Situationen, in denen es auch tatsächliche Emanzipationsgewinne gibt, schon mit der Befreiung zu verwechseln. In vielen Ländern werden derzeit die Errungenschaften von emanzipatorischen Kämpfen schlicht kassiert. Da muss die Diskurstheorie aus allen Wolken fallen.

In Polen, Lateinamerika und in den USA waren in den vergangenen Monaten Hunderttausende Frauen bei Demonstrationen auf der Straße. Ist das der Beginn einer neuen Frauenbewegung?




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