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Robert Kurz


erschienen in der Wochenzeitung „Freitag“
am 02.02.2007

Robert Kurz

MORALISCHE ABRÜSTUNG

Die Skandal-Kultur als Ausdruck gesellschaftlicher Perspektivlosigkeit

Nichts geht mehr, aber alles ist möglich. So könnte die postmoderne Devise für die deutsche demokratische Bananenrepublik lauten. Eine seifige Affäre jagt die nächste. Das Korruptionsnetz im Siemens-Konzern enthüllt sich in seinen Dimensionen erst allmählich. Kaum hat Vorstandschef Kleinfeld die jüngst entdeckten schwarzen Kassen mühsam heruntergeredet und die „Rechtschaffenheit“ des Unternehmens als Legende beschworen, ergeben sich neue Indizien für Bestechungsgelder zwecks Aufträgen in China ausgerechnet bei der Mobilfunksparte, die auf dubiose Weise an den taiwanesischen BenQ-Konzern verschenkt worden war. Mit dem bekannten Ergebnis einer ebenso dubiosen Pleite samt Massenentlassung. Wie es scheint, ist die Geldwäsche kein Privileg der Mafia mehr. Das gehört jetzt zum stinknormalen „business as usual“. Die Rekordgeldbuße der EU-Kommission gegen Siemens wegen Kartellabsprachen fällt da kaum noch auf.

War was? Und wenn schon, die aus dem Image-Olymp gestürzten Götter fallen weich. Deutsche-Bank-Chef Ackermann, der nach dem Mannesmann-Prozess die Rolle des medialen Buhmanns an Kleinfeld weiterreichen durfte, hat es vorgemacht: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert. Das gilt auch für Peter Hartz, der sich als geständiger Vorstandspensionär des Skandalkonzerns Volkswagen jetzt endlich „vorbestraft“ nennen darf. Seine subventionierten Bordellbesuche in trauter Gemeinschaft mit den Betriebsratsfürsten gehören noch zu den Peanuts der schmierig gewordenen Geschäfts- und Mitbestimmungspraktiken. Peinlich nur, dass es sich um den stolzen Erfinder des nach ihm benannten größten Sozialkahlschlags in der Nachkriegsgeschichte handelt. SPD-Bundestagsfraktionschef Peter Struck fällt dazu nur ein, dass die glorreiche Arbeitsmarktreform lieber nicht mehr „Hartz“ heißen soll. „Der Begriff ist diskriminierend“, so der gewaschene und rasierte Struck in aller Treuherzigkeit.

Die Wut ist groß, aber wo geht sie hin? Ein Vertreter der Siemens-Kleinaktionäre hat vor Kühnheit zitternd die Forderung nach „personellen Konsequenzen“ erhoben. Das Fußvolk will Köpfe rollen sehen. Und „Bild“ durfte sich über die Luxusrente des um eine Gefängnisstrafe herumgekommenen Sozialpartnerschafts-Kriminellen Hartz von 25.718 Euro monatlich erregen. Aber das hechelnd inszenierte Haberfeld-Treiben verliert seinen Unterhaltungswert, je mehr es inflationiert wird. Jede Gesellschaft hat die Personage, die sie verdient, wie schon Karl Marx wusste. Da nützt es auch nichts mehr, die Charaktermasken rotieren zu lassen. Es ist kein Zufall, dass mit Siemens und Volkswagen gerade die Ikonen des Wirtschaftswunders im Sumpf der Korruption versinken. In der Globalisierung des Krisenkapitalismus wird die Deutschland-AG abgewickelt. Das ist auch das Ende einer Unternehmenskultur, in der die „Siemens-Familie“ ebenso gedeihen konnte wie der VW-Korporatismus. Ohnehin war diese Kultur in der Volksgemeinschafts-Ideologie des Nationalsozialismus verwurzelt. Jetzt zerfällt die unwahre soziale Integration der fordistischen Epoche, ohne dass ein neues Paradigma an ihre Stelle tritt.

Die Auflösung des institutionellen Gefüges geht mit einer um sich greifenden moralischen Verwahrlosung einher. Das ist nichts Neues in der Geschichte. Und die Mafiotisierung der Verhältnisse ist auch keine Spezialität der untergehenden Deutschland-AG. Ob in Japan, in der EU, in Osteuropa oder in den angelsächsischen Ländern, ganz zu schweigen vom neuen Weltwirtschaftsstar China: Überall wird die Aufschwung-, Sachlichkeits- und Gerechtigkeitsrhetorik der offiziellen Repräsentanzen und ihrer Galionsfiguren konterkariert durch eine Lawine von Affären. Zumindest in der Korruptions-Weltmeisterschaft ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die „harten Hunde“ mit kantigem Durchsetzer-Kinn ebenso wie die coolen Karriere-Frauen in Management und politischer Klasse entpuppen sich als Attrappen einer nicht mehr vorhandenen Seriosität. Kein Wunder angesichts der Instabilität einer globalen Defizit-Konjunktur, in der es keine tragfähigen Strategien mehr gibt. Die Kurzatmigkeit von Quartalszahlen-Erfolgsdruck und simulativen Wahlkampagnen verführt dazu, nicht immer mit dem Gesetzbuch unter dem Arm herumzulaufen.

Es ist die gesellschaftliche Perspektivlosigkeit, in der die neue Skandal-Kultur blüht. Was in Wissenschaft und Medien an Bewältigungskonzepten verkauft wird, ist selber ein einziger intellektueller Gammelfleisch-Skandal. Und wenn es sachlich nichts mehr zu sagen gibt, wird es persönlich. Alle sägen am Stuhl der anderen und damit am eigenen. Die Affären werden begleitet von undurchsichtigen Machtrangeleien auf allen Ebenen, beim „Spiegel“ genauso wie im Hause Suhrkamp oder in der CSU. Jeder kann jedem etwas anhängen; Dreck am Stecken haben fast alle. Der Königsmord und das Guru-Legen werden zum Sport, weil niemand mehr weiter weiß. Und die Kronprätendenten sehen auch immer seltsamer aus.

Die Gesellschaft mutiert zu einem großen Gesamt-Intrigantenstadl. Wo Inhalte beliebig werden, entsteht ein „mentaler Kapitalismus“ mit seiner spektakulären „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. Da kommt es nur noch auf den kurzlebigen persönlichen Platz in den „Charts“ an, um für die berühmten fünf Minuten berühmt zu sein und schnell noch ein wenig Geltung samt Geldwert abzustauben. In dieser Situation wird das erlösende Wort einer neuen radikalen Gesellschaftskritik mit Sicherheit nicht von moralisierenden Linkspopulisten gesprochen. Nach dem Ende des Staatssozialismus bedarf es für die notwendige Umwälzung der Verhältnisse einer anderen Perspektive, als bei der allgemeinen Personalisierung der Krisenprobleme mitzumischen, weil nur noch die nostalgische Sehnsucht nach einem integren Arbeitsplatz-Kapitalismus auf der Agenda steht.




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