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Robert Kurz


erschienen im Neuen Deutschland
am 14.11.2011

Robert Kurz

ABWERTUNGSWETTLAUF

Eine harte Währung mit hohem Außenwert gilt gemeinhin als Zeichen ökonomischer Überlegenheit. Sogenannte Weichwährungen dagegen gehören zu Verliererstaaten und Abstiegskandidaten auf dem Weltmarkt. Diese Regel scheint jedoch ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt zu haben. Überall fürchtet man sich davor, dass die eigene Währung zu stark werden könnte. In der Schweiz interveniert die Notenbank, um den steigenden Franken gegenüber dem maroden Euro herunterzudrücken. Dieselbe Politik betreiben die Notenbanken in Japan und anderen Ländern gegenüber dem Dollar. Auch Schwellenländer wie Brasilien kämpfen verzweifelt gegen die Aufwertung ihres Geldes. Umgekehrt ist man in den USA und in der EU alles andere als traurig über die Tendenz der gar nicht mehr so stolzen eigenen Währung nach unten. Man kann seit dem angeblichen Ende der Krise geradezu von einem Abwertungswettlauf sprechen.

Erklärbar wird die Sache durch die veränderte ökonomische Struktur des Krisenkapitalismus. Die Weltkonjunktur läuft nur noch über surreal aufgeblähte Kredite und damit verbundene außenwirtschaftliche Beziehungen. Überschussländer wie Japan, China oder die BRD sind von einseitigen Exporten abhängig, Defizitländer vom ebenso einseitigen Zufluss transnationalen Geldkapitals. Beides ist an Grenzen gestoßen. Nun versuchen alle, sich auf Kosten der anderen zu sanieren. Die einen wollen auf Biegen und Brechen ihre Exportüberschüsse retten, die anderen umgekehrt selber einen größeren Exportanteil gewinnen. Exporte aber werden umso billiger und damit konkurrenzfähiger, je schwächer die eigene Währung ist, während sich umgekehrt die Importe dadurch verteuern. Der Abwertungswettlauf zeigt, dass man überall die Binnenkonjunktur abschreibt und nur noch auf Exportsteigerung setzt.

In der Euro-Zone haben wir die besonders paradoxe Situation, dass die Defizitländer gegenüber dem Überschussland BRD nicht abwerten können, denn beide Seiten haben ja eine gemeinsame Währung. Überdies befeuert der gerade wegen der südeuropäischen Schuldenkrise relativ schwächere Euro zusätzlich die deutschen Exporte in die übrige Welt. Aber diese Erfolgsgeschichte ist kurzlebig, weil sie ihre eigenen Voraussetzungen zerstört. Es ist die deutsche Exportwalze, die den Euro platt macht. Dass so etwas nicht funktionieren kann, weiß sogar jedes Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaft. Eine Auflösung in die alten nationalen Währungen würde freilich die Außenschulden der Defizitländer ins Unermessliche steigern und zugleich die zurückgekehrte D-Mark derart drastisch aufwerten, dass die Exportmaschine zum Stillstand käme. Das Euro-Konstrukt war offensichtlich ein Himmelfahrtskommando.

Für Länder mit großen Exportüberschüssen ist eine Aufwertung nur dann für einige Zeit unproblematisch, wenn sie zugleich einen starken Binnenmarkt und/oder eine industrielle Monopolstellung haben. Das war für Großbritannien im 19. Jahrhundert und die USA Mitte des 20. Jahrhunderts der Fall. Deshalb konnten die Währungen dieser Weltmächte die Funktion des Weltgelds übernehmen. Nach dem Abstieg der hoch verschuldeten USA ist nirgendwo ein Nachfolge-Kandidat in Sicht, am allerwenigsten China. Die überfällige drastische Aufwertung der chinesischen Währung würde auch dort große Teile der Exportindustrien ruinieren und zugleich die riesigen Dollar-Devisenreserven entwerten. Keiner kann mehr von seiner Position herunter, aber objektiv sind dauerhaft einseitige Exporte in verschuldete Länder unmöglich. Der Abwertungswettlauf führt über die Euro-Krise hinaus in die Weltwährungskrise.




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