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Robert Kurz


erschienen in Konkret 2/2012

Robert Kurz

DIE KLIMAX DES KAPITALISMUS

Kurzer Abriss der historischen Krisendynamik

In der Krise ist fast schon nach der Krise. Das war die Botschaft des positiven Denkens seit der Lehman-Pleite. Warum sollte der größte Finanzkrach seit den 1930er Jahren irgendeine krisentheoretische Überlegung hervorrufen? Mal geht es eben rauf und mal runter. Sowieso ändert sich dauernd alles; aber nur damit es bleibt wie es ist. Die Krisen kommen und gehen, aber der Kapitalismus bleibt ewig bestehen. Deshalb interessiert nicht die Krise als solche, sondern was als nächstes kommt, wenn sie wieder vorbei ist wie all die langweiligen Krisen zuvor. Wer sind die Aufsteiger und wer die Absteiger der neuen Ära? Steht endlich das Wirtschaftswunder in Afrika bevor, kommt das pazifische Jahrhundert mit China als neuer Weltmacht oder doch eher die Wiedergeburt der USA aus dem Geist des Tellerwaschens? Werden wir vielleicht gar den Aufstieg der wiedergeborenen Lira zur Leitwährung erleben? Anything goes. Man wird ja wohl ein bisschen mutige Trendforschung betreiben dürfen, wenn die ihrerseits übermütig gewordenen Finanzmärkte Aschewolken ausstoßen wie der Ätna zu seinen besten Zeiten.

Wen schert schon der innere historische Zusammenhang kapitalistischer Entwicklung: Glücklich ist, wer vergisst. Dass 1982 mit der ersten Zahlungsunfähigkeit Mexikos ein bis heute andauernder Krisenzyklus neuer Qualität begonnen haben könnte, der sich von der Peripherie in die Zentren durchfrisst, darf nicht einmal gedacht werden. Die postmoderne Wahrnehmungsstruktur schließt jede Einsicht aus, die über den Horizont einer Trendsaison hinausginge. Was Marx im Vorwort zum ersten Band des „Kapital“ als Voraussetzung gesellschaftstheoretischer Erkenntnis bezeichnet hat, nämlich die „Abstraktionskraft“, gilt längst als anrüchiger Essentialismus. Die diskursdominante Mikroökonomie kennt wie Margret Thatcher keine Gesellschaft mehr, sondern nur noch Individuen. Wo alles Betriebswirtschaft ist, sogar das Verhältnis zum eigenen Ich, schrumpfen Raum und Zeit auf den Horizont von Mausklicks und Erlebniseinkäufen. Vom negativen Ganzen soll nicht gesprochen werden, damit es in gnädiger Unsichtbarkeit verharrt. So mancher Kapuzenpulliträger fragt womöglich: Welche Lehman-Pleite? War das vor oder nach dem Ersten Weltkrieg? Wenn man sich ohne Vergangenheits- und Zukunftsbewusstsein nur noch zwischen zusammenhanglosen Ereignispunkten im medialen Raum bewegt, kann man sich die Krise auch wegdenken, solange noch Geld aus dem Automaten kommt.

Aber allmählich riecht es derart brenzlig, dass sogar der Unterhaltungswert der Trendscouts als Wahrsager gesunken ist. Die Krise scheint im neuen Jahrhundert alt werden zu wollen. Eine Rezession und eine falsche Entwarnung jagt die nächste, während die Hüter des globalen Bankensystems ihre Leichen im Keller zählen und am liebsten den Schlüssel wegwerfen möchten. Nicht einmal der deutsche Exportchauvinismus ist sich ganz sicher, ob die BRD wirklich mit sich allein in einer anderen Liga spielt als der Rest der Euro-Zone. Niemand weiß, wo morgen oder übermorgen das Feuer unterm Dach auflodern wird. Aber alle wissen, dass die Brandherde überall lauern und anscheinend auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden sind. Das postmoderne Urvertrauen in den Kapitalismus bröckelt, auch wenn seine Blamage noch nicht zum Leitthema geworden ist.

Sogar der Foucault-Linken beginnt es zu dämmern, dass sie von der Kritik der politischen Ökonomie ungefähr so viel Ahnung hat wie Karl Marx vom Motorradfahren. Deshalb durfte die Krise immerhin den Diskurs auf ein Terrain lenken, das bislang als „ökonomistisch“ verschrien war und grundsätzlich gemieden wurde. Was also ist los mit dem Kapitalismus? Leider hat Marx keine handliche Krisentheorie im Merve-Bändchen-Format hinterlassen. Weil der Drang groß ist, den dekonstruktiven Realitätsverlust mit einer möglichst billigen Wiederentdeckung der schnöden Ökonomie zu vereinigen, schlägt man am besten bei den etwas seichteren Versionen der marxistischen Überlieferung nach.

Diesen zufolge tritt das Kapital von Zeit zu Zeit in eine Phase der sogenannten Überakkumulation ein. Es wurde zu viel Kapital angehäuft, das sich nicht ausreichend weiter verwerten lässt, weil der produzierte Mehrwert mangels gesellschaftlicher Kaufkraft nicht mehr in seine Geldform verwandelt oder „realisiert“ werden kann. Die Investitionen in Maschinen und Arbeitskraft waren für das Fassungsvermögen des Marktes zu groß, es sind Überkapazitäten der Produktion entstanden, überall liegen unverkäufliche Waren herum, das Geldkapital flüchtet in die Finanzmärkte und treibt dort Blasen. Das überschüssige Kapital in allen seinen Bestandteilen (Sachkapital, Arbeitskraft, Warenkapital, Geldkapital) muss nun krisenhaft entwertet werden. Danach kann alles wieder von vorn losgehen.

Diese Version ist die für den postmodernen Ungeist schmackhafteste. Denn die Krise erscheint dabei als ein ahistorischer Event in der ewigen Wiederkehr des Gleichen. So eine Bereinigung dann und wann tut dem Kapitalismus gut wie eine Schwitzkur. Die Krise gehört zu seinem wundersamen Funktionieren, wie die abgeklärte Linke schon lange weiß. Expansion und Kontraktion wechseln sich in unendlicher Reihung ab, ohne dass ein zusammenhängender und fortschreitender Prozess erkennbar wäre.

Aber bei Marx finden sich auch ganz andere Überlegungen. Danach ist langfristig nicht die periodisch mangelnde Realisierung des Mehrwerts auf dem Markt das Problem, sondern viel grundsätzlicher seine mangelnde Produktion selbst. Das Kapital ist prozessierender Selbstwiderspruch dadurch, dass es einerseits die unaufhörliche Anhäufung von Wert oder „abstraktem Reichtum“ (Marx) als einzigen Zweck hat, andererseits aber die Konkurrenz dazu zwingt, menschliche Arbeitskraft als ausschließliche Quelle dieses Werts durch Produktivkraftentwicklung zunehmend überflüssig zu machen und durch wissenschaftlich-technische Apparate zu ersetzen.

Die Produktivkraftentwicklung aber ist keine ewige Wiederkehr des Gleichen, sondern ein irreversibler historischer Prozess. Dieser treibt, wie Marx in den „Grundrissen“ zeigt, auf eine Situation zu, in der die Produkte zwar Gebrauchsgüter sind, aber als Waren keine ausreichende Menge vergangener menschlicher Arbeitsenergie repräsentieren können. Sie werden deswegen unverkäuflich, weil sie gar keinen abstrakten Wert mehr darstellen. Das ist keine Bereinigung, sondern eine „innere Schranke“ (Marx) des Kapitals. Dieser Aspekt der Marxschen Theorie war schon inakzeptabel für den traditionellen Marxismus, dem es um die „Planung des Werts“ statt um dessen Abschaffung ging. Für ein Bewusstsein vollends, das weder eine Geschichte kennt noch einen Begriff des Werts formulieren kann, sondern das von Ereignis zu Ereignis hechelt und sich den Zwang zur Selbstverwertung als grenzenlose Freiheit einreden möchte, ist eine objektive Schranke dieser Daseinsform umso weniger denkbar.

Nun kommt es dem Kapital nicht auf den Wert schlechthin, sondern auf den Mehrwert an, den die Arbeitskraft über ihre eigenen Kosten hinaus produziert. Dieselbe Produktivkraftentwicklung, die Arbeitskraft fortschreitend überflüssig macht, verbilligt die Kosten der noch angewendeten Arbeitskraft. Damit vergrößert sich der relative Anteil des Mehrwerts an der verausgabten Gesamtarbeitszeit. Aber für die gesellschaftliche Mehrwertmasse kommt es nicht allein auf den relativen Anteil pro Arbeitskraft an, sondern auch auf die Zahl der anwendbaren Arbeitskräfte bei gegebenem Produktivitätsstandard.

Marx hat dieses Problem im dritten Band des „Kapital“ als Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate formuliert. Pro eingesetztem Geldkapital wächst der Anteil des Sachkapitals stetig an, während die Zahl der damit mobilisierbaren Arbeitskräfte ebenso stetig sinkt. Indirekt ist das an der bürgerlichen Statistik dadurch abzulesen, dass die Vorauskosten eines Arbeitsplatzes historisch unaufhaltsam steigen, weil ein immer größeres Aggregat von Maschinerie, Infrastruktur usw. eingesetzt werden muss, um eine Arbeitskraft anwenden zu können. Da nur die Arbeitskraft neuen Wert produziert, muss der durchschnittliche Profit im gesellschaftlichen Maßstab pro vorgeschossenem Geldkapital sinken, obwohl sich der relative Anteil des Mehrwerts an der Wertproduktion einer Arbeitskraft erhöht.

Im gesellschaftlichen Resultat kommt es auf das Größenverhältnis der beiden gegensätzlichen Tendenzen an. Zusammen mit der Theorie einer grundsätzlichen historischen Entwertung des Werts in den „Grundrissen“ gelesen, ist die skizzierte Argumentation allerdings derart unangenehm für das ahistorische Verständnis vom ewig abwechselnd expandierenden und kontrahierenden Kapital, dass die neueste neue Marxlektüre den tendenziellen Fall der Profitrate vorsichtshalber zu einem bloßen Hirngespinst von Marx erklärt hat.

Tatsächlich kann die fallende Profitrate bis zu einem gewissen Grad durch eine steigende Profitmasse kompensiert werden, wenn sich die kapitalistische Produktionsweise als solche ausdehnt und damit zusätzliches Geldkapital produktiv eingesetzt wird. Äußerlich ist diese Ausdehnung erschöpft durch die „Inwertsetzung“ des gesamten irdischen Raums. Es gibt aber diverse Konzepte einer qualitativen inneren Ausdehnung, die allesamt auf den bürgerlichen Ökonomen Joseph A. Schumpeter zurückgehen. Dieser beschrieb die kapitalistische Entwicklung als periodische Kreation neuer Produkte und Produktionszweige. Danach wird die Expansion von bestimmten Produktzyklen getragen, bis diese in Stagnation übergehen und innovative Unternehmer ihnen mit neuen Produkten für neue Bedürfnisse den Garaus machen. In der Phase der „schöpferischen Zerstörung“ kommt es zur Kontraktion. Erst allmählich wird der neue Produktzyklus tragfähig und die erneute Expansion auf der veränderten Grundlage kann einsetzen.

Schumpeters Theorie hat den kleinen Schönheitsfehler, dass sie in gar keiner Weise auf den Zusammenhang von Produktivkraftentwicklung und substantieller Mehrwertproduktion bezogen ist. Wie in der gesamten Volkswirtschaftslehre gilt die Marktoberfläche als einziger Gegenstand der ökonomischen Wissenschaft. So erscheint die Kreation neuer Produktionszweige und Bedürfnisse automatisch als Grundlage eines kapitalistischen Aufschwungs, ohne dass die Frage nach den konkreten Verwertungsbedingungen von Arbeitssubstanz unter einem veränderten Produktivitätsstandard überhaupt gestellt wird. Gerade deshalb greift die postmodernisierte Linke Schumpeters Idee und verwandte Theoreme so gern auf, um Marx ein bisschen anti-substantialistisch zu ergänzen. Neue Produktionszweige, neues Verwertungsglück, denn die Masse verausgabter Arbeitsenergie soll womöglich gar keine so wichtige Rolle spielen, wenn demnächst das Geld heruntergeladen werden kann wie alles andere auch. Man könnte es sich dann aussuchen, ob nun durch gentechnologische Monsterproduktion, Freundschaftsnetzwerke im Internet, Biosprit statt Brot für die Welt oder die Rettung der Eisbären das zentrale Feld für den kommenden Boom geschaffen wird.

Im ausgeblendeten Strang der Marxschen Argumentation sieht die Rechnung anders aus. Egal, welche Produktionsinhalte ausgeheckt werden: Für das Kapital kommt es allein auf die anwendbare Menge wertschöpfender Arbeitskraft an. Diese muss absolut steigen, wenn der vorausgesetzte Selbstzweck der Akkumulation gelingen soll. Die Kreation zusätzlicher Produktionszweige oder das Eingehen früherer Luxusprodukte in die Massenproduktion können aber das wissenschaftlich-technologische Wegrationalisieren von Arbeitskraft nur für einen historisch begrenzten Zeitraum kompensieren. Der Kapitalismus erreicht seine Klimax, wenn die innere Expansion von der Produktivkraftentwicklung eingeholt und überholt wird. Dann schlägt der relative Fall der Profitrate in einen absoluten Fall der gesellschaftlichen Mehrwert- und damit Profitmasse um und damit die vermeintlich ewige Verwertung des Werts in seine historische Entwertung.

Es lassen sich einige Indizien angeben, dass die kapitalistische Entwicklung mit der dritten industriellen Revolution seit den 1980er Jahren in diesen Zustand eingetreten ist. Modifiziert und gefiltert wird die Kulmination des inneren Widerspruchs durch die historische Expansion des Kreditsystems, die spiegelbildlich zu Stagnation und Rückgang der wertproduktiven Arbeitsmasse verläuft. Schon der permanente relative Anstieg des Sachkapitals trieb die toten Vorauskosten der Produktion allmählich derart in die Höhe, dass sie zu einem immer geringeren Teil aus den laufenden Profiten finanziert werden konnten. Der Kredit verwandelte sich aus einem Hilfstreibsatz der Mehrwertproduktion in deren Ersatz. Die Akkumulation speist sich seither weniger aus vergangener realer Arbeitssubstanz, sondern in wachsendem Ausmaß aus dem Vorgriff auf imaginäre der Zukunft. Mittels einer beispiellosen globalen Verschuldung und daraus entstandenen Finanzblasen werden Investitionen und Beschäftigung ohne reale Grundlagen finanziert. Das war auch die gesellschaftliche Bedingung der Möglichkeit für den Siegeszug der virtualistischen und dekonstruktivistischen Ideologien. Trotz zeitweiligen Anscheins wird dabei jedoch kein Kapital akkumuliert, wie sich an der Bauwirtschaft vieler Länder nach dem Platzen der Immobilienblasen gezeigt hat.

An der Oberfläche des Weltmarkts nahm der stetig weiter vorgeschobene Verbrauch zukünftiger Profite und Löhne die entsprechend absurde Verlaufsform einer Funktionsteilung von Überschuss- und Defizitländern an. Die einen kaufen mit Geld aus zukünftigen Einnahmen Waren, deren Produktion von den anderen durch Zugriff auf zukünftige Erlöse vorfinanziert wurde. Zwischen vergangener realer und fiktiv vorweggenommener zukünftiger Wertschöpfung klafft ein sich ausdehnendes schwarzes Loch. Dieses Konstrukt einer globalen Defizitkonjunktur hat zwei Schwerpunkte: einen größeren pazifischen Defizitkreislauf zwischen China/Ostasien und den USA sowie einen kleineren europäischen Defizitkreislauf zwischen der BRD und der übrigen EU bzw. dem Euro-Raum. Die dafür mobilisierte Beschäftigung, etwa in China, ist genauso wenig tragfähig wie die Bautätigkeit für den Immobilien-Hype. Im einen Fall hat Asien Dollar-Devisenreserven in astronomischer Größenordnung angehäuft, im anderen Fall hat das internationale Bankensystem ähnlich hohe Defizite innerhalb eines gemeinsamen Währungsraums finanziert. Diese berüchtigten „Ungleichgewichte“ sprechen sogar den Lehrbüchern der VWL Hohn, die allerdings sowieso niemand mehr ernst nimmt.

Nach einer dichten Kette von Finanzkrisen, die in den letzten 30 Jahren einzelne Länder und ökonomische Sektoren erschüttert und die Defizitkonjunkturen begleitet hatten, nahm der Finanzkrach 2008 erstmals globale Ausmaße an. Das Reißen der Kreditketten setzte den großen Entwertungsschub auf die Tagesordnung. Es waren die selber schon hoch verschuldeten Staaten, die mit massivem Einsatz zusätzlicher Kredite und der Notenpressen den Abgang der Lawine aufhielten. Man ahnte zumindest, dass kein reinigendes Gewitter auf dem Weg war, sondern die Lichter des Weltkapitals auszugehen drohten. So wurden die faulen Kredite mit Hilfe von Staatsgarantien wie Atommüll gebunkert, die industriellen Überkapazitäten durch horrende Subventionen aufrecht erhalten und die Konjunktur durch staatliche Programme künstlich ernährt. Besonders der chinesische Staatskapitalismus zwang sein Bankensystem, gestützt auf den Devisenschatz, Investitionsruinen in Form von Geisterstädten, Geisterflughäfen, Geisterfabriken etc. zu finanzieren und die Mutter aller Immobilienblasen aufzupumpen.

Gelöst wurde mit all diesen abenteuerlichen Maßnahmen gar nichts, sondern der Entwertungsprozess nur hinausgeschoben und das Problem von den Finanzmärkten auf den Staat verlagert. Es war absehbar, dass den Staatsprogrammen schnell die Puste ausgehen würde. Der Euro-Raum machte als schwächstes Kettenglied den Anfang, aber auch alle anderen Staatsfinanzen wackeln und drohen Kettenreaktionen in Gang zu setzen. So wird sich der chinesische Dollarberg in Rauch auflösen, wenn die USA eingestehen müssen, dass sie klamm sind. Die unbedienbaren Staatsschulden addieren sich zu den faulen Krediten der Finanzmärkte; die Kernschmelze des Kreditsystems rückt näher. Die schon verbrauchte kapitalistische Zukunft ist zur Gegenwart geworden. Griechenland zeigt exemplarisch, dass die Menschen auf Jahre hinaus aufhören müssten zu leben, um weiterhin kapitalistischen Kriterien zu genügen.

Sobald die Notenpresse nicht mehr bloß die Entwertung der Schuldenpapiere verzögert, sondern unter Umgehung der Kredit-Simulation direkt die Konjunktur mit substanzlosem Geld füttert, wird sich das Geldmedium selbst entwerten. Auch die Inflation hat einen historischen Vorlauf. War sie seit der Industrialisierung bis zum Ersten Weltkrieg nahezu unbekannt, so konnten die Kriegswirtschaften nur noch kapitalistisch irregulär mit der Notenpresse finanziert werden. Aber nach der Weltkriegsepoche ist das Inflationsgespenst zum ständigen Begleiter des Kapitalismus geworden, weil das expandierende Kreditsystem auch für die gewöhnliche Warenproduktion konstitutiv wurde. Heute haben die Rettungspakete bereits die Dimensionen der Kriegswirtschaft überschritten und die direkte Geldschwemme der Notenbanken erweist sich als letzte Instanz. Selbst eine radikale Währungsreform, die alle Vermögen und Guthaben auflöst, würde nicht zu einem Nullpunkt und Neustart führen. Denn der im Wissensaggregat der Gesellschaft inkorporierte Produktivitätsstandard, der keine ausreichende Mehrwertproduktion mehr erlaubt, ist unhintergehbar. Die Entwertung würde sich nur in immer kürzeren Abständen wiederholen.

Mag da kommen, was will. Trotz alledem möchte das mediale Erlebnisbewusstsein nicht mit uncoolen Realitäten behelligt werden. Mehr Gaudi verspricht der nach dem Maya-Kalender 2012 zu erwartende Weltuntergang. Hauptsache, die eigene Kreditkarte wird nicht eingezogen. Auch die resozialdemokratisierte postmoderne Gesamtlinke kann sich inzwischen einen Kapitalismus ohne Welt leichter vorstellen als eine Welt ohne Kapitalismus. Die ultimative Selbstdekonstruktion wird bestimmt eine prickelnde Angelegenheit. Man gönnt sich ja sonst nichts.




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