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Roswitha Scholz


Erscheint in EXIT! Heft 12

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Roswitha Scholz

FETISCH ALAAF!

Zur Dialektik der Fetischismuskritik im heutigen Prozess des „Kollaps der Modernisierung“. Oder: Wieviel Establishment kann radikale Gesellschaftskritik ertragen?

1. Die „Neue Marxlektüre“ – eine kurze Geschichte der Fetischismuskritik seit 1965 und ihre Vervielfältigung/Vermassung heute.

Nach dem Ende des Ostblocks Ende der 1980er Jahre war der orthodoxe Marxismus realsozialistischer Machart diskreditiert. Nun wurde gewissermaßen ein alternatives Verständnis des Marxschen Werkes, insbesondere des Kapital, gesucht, das man nicht zuletzt in einer „Neuen Marxlektüre“ fand, die Mitte der 1960er begann und nach einer Latenzphase seit Mitte der 2000er Jahre zunehmend von sich reden macht. Sieht man von den Vorläufern Rosdolsky, Paschukanis und Rubin einmal ab, kann der Startschuss der „Neuen Marxlektüre“ mit dem Fund der Marxschen Erstausgabe des Kapital in einer Frankfurter Bibliothek durch Hans-Georg Backhaus gesehen werden, die erhebliche Abweichungen zu den bislang bekannten Kapitalausgaben zeigte. Backhaus, ein Adorno-Schüler, nahm sich zudem primär der Aufgabe seines Lehrers an, die Tausch- bzw. Wertform als Kernstück der Marxschen Theorie unter die Lupe zu nehmen. Auf ihn geht der Begriff der „Neuen Marxlektüre“ überhaupt zurück (daran ist heute bereits zu erinnern!). In diesem Sinne machte seitdem die Rekonstruktion eines authentischen Marxschen Denkens die „subversive Runde“. Ein Abstoßungspunkt war dabei der Engelsche Historismus. Es ging um die Kritik einer Einheit zwischen Logischem und Historischem, um Fragen der Marxschen Darstellungsweise und zu Gegenstand und Methode des Kapitals.

An dieser Rekonstruktion beteiligten sich vielerlei Autoren, bekannte und weniger bekannte. Zu nennen ist hier vor allem auch Reichelt, der in intensiver Diskussion mit Backhaus arbeitete, aber auch Brentel, Pohrt und Breuer, Rakowitz, Wolf und Heinrich (die nicht alle aus der Frankurter Ecke kommen, so bezieht sich Heinrich nicht zuletzt auf ein Althussersches Wissenschaftsverständnis). Die Diskussion um die „Neue Marxlektüre“ ebbte Ende der 1970er Jahre ab, bis sie mit der Veröffentlichung des Aufsatz-Bandes Dialektik der Wertform von Hans-Georg Backhaus (1997) wieder an Fahrt gewann; der Durchbruch gewissermaßen in den 2000er Jahren kam mit Michael Heinrichs Die Wissenschaft vom Wert, ebenfalls in den 1990er Jahren in erster Auflage erschienen (Heinrich, 1999). Mittlerweile ist Heinrich zu so etwas wie einer Leitfigur für eine Kapitallesebewegung geworden. Er und auch Ingo Elbe stehen vor allem für eine Marxauffassung, die als besonders seriös-wissenschaftlich gilt und sich deshalb besonders gut als „Studentenfutter“ eignet, wie Joachim Bruhn (2007) treffend schreibt.1 Dabei war es der Ca-ira-Verlag, der zunächst Studien der „Neuen Marxlektüre“ veröffentlicht hatte, die lange Zeit gewissermaßen Geheimtipp waren und dem es im Gefolge der Frankfurter Schule um eine Publikation jenseits eines positivistisch und formallogisch ausgerichteten Wissenschaftsbetriebs mit seiner fabrikmäßigen Wissensproduktion ging.

Elbe will nun derartige werttheoretische Ansätze gewissermaßen in den etablierten Wissenschaftsbetrieb implementieren. Im Neu-Sprech der „Neuen Marxlektüre“ liest sich dies dann so: „Die Spezifik der neuen Marx-Lektüre besteht vor allem im politischen und ökonomischen Formbegriff. Reichtumsformen im Kapitalismus sind demnach gegenständlich vermittelte (Wert), von Gegenständen repräsentierte (Geld und andere Wertformen) und als bloße Dingeigenschaften erscheinende (Fetischismus/Mystifikation) soziale Verhältnisse zwischen Produzenten unter privat-arbeitsteiligen Vergesellschaftungsbedingungen der Arbeit. Neben der radikalen Historisierung der Reichtumsformen hat sich die Betonung des spezifischen Charakters ökonomisch-sozialer Gegenständlichkeit als von besonderer Bedeutung erwiesen. Nur mittels eines angemessenen Begriffs sachlicher Vermittlung sind sowohl die Formen gesellschaftlichen Reichtums mit ihren intrinsischen Verselbständigungstendenzen als auch deren Einfluss auf menschliche Willensverhältnisse, die Form monopolisierter Gewaltorganisation und die Denkformen innerhalb sozialer Bewegungen begreifbar“ (Elbe, 2008, S. 587).

Im Gegensatz hierzu entwickelte sich im außerakademischen Rahmen seit Mitte der 1980er Jahre auch eine fundamentale Wertkritik um Robert Kurz als Doyen mit einem Kreis von vor allem männlichen Youngsters heraus, deren publizistisches Organ zunächst die Zeitschrift Marxistische Kritik war (vgl. auch Krug, 2013), die Anfang der 1990er Jahre in Krisis umbenannt wurde. Robert Kurz charakterisiert dabei den Unterschied zur „Neuen Marxlektüre“ u.a. so: „Der Preis dafür (dass man sich auf die Analyse der verschiedenen Aspekte der Wertformanalyse konzentrierte, R.S.) war in vielerlei Hinsicht der fast vollständige Verzicht auf konkrete gesellschaftliche Prozessanalysen und Verortungen der eigenen gesellschaftlichen Situation“ (Kurz, 2012, S. 22). Kern dieser krisentheoretischen Intervention durch Kurz war der „prozessierende Widerspruch“ in der Einrechnung einer Zerfallsdimension des Kapitalismus vor dem Hintergrund einer Analyse des Verhältnisses von Tauschwert und Gebrauchswert, abstrakter Arbeit, Mehrwertproduktion und in diesem Zusammenhang der Produktivkraftentwicklung. Kurz schreibt, „daß das Kapital sich selbst in der Produktion des relativen Mehrwerts zur absoluten logischen Schranke wird … Sobald das Kapital die Wertschöpfung nicht mehr absolut ausdehnen kann durch Verlängerung des Arbeitstages, sondern nur durch seinen relativen Anteil innerhalb des geschöpften Neuwerts mittels Produktivkraftentwicklung zu steigern vermag, findet in der Produktion des relativen Mehrwerts eine gegenläufige Bewegung statt, die sich historisch selbst verzehren und auf den totalen Stillstand der Wertschöpfung selbst … hinauslaufen muß … [D]ie Produktion des relativen Mehrwerts als Verwissenschaftlichung des stofflichen Produktionsprozesses schließt die Tendenz zur Eliminierung lebendiger unmittelbarer Produktionsarbeit als einzige Quelle der gesamten Wertschöpfung ein“ (Kurz, 1986, S. 28)2.

Dieser Prozess brachte seit Anfang der 1970er Jahre mit der Aufgabe des Bretton-Woods-Abkommens und der Aufhebung der Golddeckung des US-Dollars ein Anwachsen der Spekulationstätigkeit mit sich. Kurz geht dementsprechend 1986 auch nicht davon aus, dass es zu einem jähen Zusammenbruch kommt, „obwohl plötzliche Einbrüche und Zusammenbrüche, z.B. Bankenkrachs, Massenpleiten etc. durchaus Bestandteile dieses Zusammenbruchs sein werden“, sondern von einem „historischen Prozeß, eine Epoche von vielleicht mehreren Jahrzehnten, in denen die kapitalistische Weltökonomie aus dem Strudel von Krise und Entwertungsprozessen, anschwellender Massenarbeitslosigkeit … nicht mehr herauskommen kann“ (Kurz, 1986, S. 35). Anfang der 2000er Jahre wurde sodann die Marxinterpretation von Moishe Postone übersetzt (Postone hat im Frankfurt der 1970er/80er Jahre studiert), der allerdings eine krisentheoretische Dimension für sich nicht weiterhin behandelt, sondern von einer Endlos-Reproduktion des Kapitalismus ausgeht und vielleicht u.a. auch deshalb in der aktuellen Marx-Renaissance-Debatte vergleichsweise viel Anklang findet (Postone, 2003).

Noch 2008 schrieb Ingo Elbe: „Wir erleben zumindest in der Bundesrepublik eine Situation, in der die Marx-Rezeption auf den Status eines subakademischen Hobbys zu regredieren droht … der universitäre Betrieb behandelt Marx lediglich am Rande, wenn überhaupt. Eine Ursache dieser Verflachung der Marx-Rezeption ist die Ignoranz gegenüber einer seit Mitte der 1960er Jahre anhebenden Marx-Lektürebewegung, die eine an Breite und Tiefe bis dato nicht dagewesene Rezeption des Marxschen Werkes vollzog“ (Elbe, 2008, S. 7 f.). Elbe geht es deshalb darum „die ‚bedeutenden Leistungen‘ der ‚zweiten Welle‘ der Kapital-Rezeption ‚in Erinnerung zu behalten und kritisch aufzuarbeiten‘. Einen auf wenige zentrale Punkte begrenzten Beitrag zu dieser Aufarbeitung soll die vorliegende Arbeit (Marx im Westen, R.S.) darstellen. Sie soll die Grundzüge der Debatte um ein adäquates Gegenstands- und Methodenverständnis der Marxschen Ökonomiekritik sowie ihrer staats- und revolutionstheoretischen Implikationen darlegen. Dabei konzentriert sich die Darstellung hinsichtlich der werttheoretischen Problematik auf die in der Bundesrepublik geleistete Erörterung der Grundfragen der ersten Kapitel des Kapital und der damit verbundenen Thematiken anderer Marxscher Arbeiten zur Kritik der politischen Ökonomie“ (ebd., S. 8 f.) Diese Situation hat sich seitdem völlig geändert. Veröffentlichungen zu den Themen Fetischismus, Wertkritik, Entfremdung, Verdinglichung u. ä. (zu denen auch Elbes Arbeit gehört) schießen seit Mitte der 2000er Jahre wie Pilze aus dem Boden. Elbes breit angelegtes sekundärliterarisches Werk hat dabei selbst viel dazu beitragen, dass die Marxsche Werttheorie die Hinterzimmer und Katakomben verließ und sich nun die Akademie endlich dieses großen Themas offiziell und „seriös“ annahm.

Wenn ich im Folgenden von Fetischismuskritik spreche, meine ich damit ein Syndrom, das sich diffus auf verschiedene Aspekte dieses Begriffs bezieht, wobei mit Kategorien wie Ware, Geld, Äquivalenztausch, Lohnarbeit u. ä. operiert wird, ohne dass deswegen der Begriff des Fetischismus fallen muss. Im weitesten Sinne ist hier die Annahme einer „Selbstverwertung des Werts“ als „basaler Logik“ im linken Wissenschaftsdiskurs gemeint, die sich nicht nur in einer Beschäftigung mit Verdinglichung, Entfremdung ausdrücken kann, samt einer – oberflächlichen – Kritik der (Erwerbs-)arbeit, sondern auch im Sinne einer Kapitallogik (G-W-G'), deren Grenzen man/frau zwar längst erkennt (ökonomisch, vor allem aber ökologisch); die zentrale Mainstream-Schlussfolgerung ist allerdings häufig: Ohne Marktwirtschaft geht nichts; ein bisschen Marktwirtschaft ist auch in einem postkapitalistischen „Utopie“-Szenario unumgänglich und nur vor diesem Hintergrund findet eine „grundsätzliche“, radikale Kapitalismuskritik statt.

Die Folge eines Fetischismus(-kritik)-Hypes ist, dass das Fetischthema selbst schon vom bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb aufgenommen worden ist – so weit ist dieses Thema schon aufgefächert. Insbesondere ist hier das Buch von Hartmut Böhme „Fetischismus und Kultur“ zu nennen (2006 – vgl. zur Kritik Ortlieb, 2007). Neben keynesianischen und regulationstheoretisch ausgerichteten Varianten wird auch eine Beweihräucherung kleiner Netze, der solidarischen Ökonomie, Commons und von Open-Source-Bewegungen im Medium von Fetischismuskritik betrieben, vergessend, dass es um die Kritik der gesellschaftlichen Realität, jenseits von Romantizismen gehen sollte, ohne deswegen auf den Aufklärungsdampfer zu springen (letzeres gilt vor allem für jene Richtungen, die sich in irgendeiner Weise auf die Wert-Abspaltungskritik beziehen). Dabei möchten manche ebenso die Wert-(Abspaltungs-)Kritik uni(hof-)fähig machen, selbst wenn das Problem der „truth“ einen irgendwie zwickt. Ein Weg von „mille marxismes“ (Tosel zit. n. Koch/Damitz, 2010, S. 24) zu „mille Fetischismus-/Wertkritik“ ist längst im Gange. Eine Marxrenaissance im Sinne einer „vielfältigen“ Fetischismuskritik durchtränkt spätestens seit 2005 weite Teile der Linken, ja sie vermasst geradezu.

Robert Kurz ging in seinem Text „Weltkrise und Ignoranz“ (2009) noch davon aus, dass Fetischismus- und Krisentheorie nur unzureichend beachtet würden, was für die von ihm bestimmte Zusammenbruchsthese auch zutrifft. Diese Situation stellt sich heute, nur wenige Jahre später, anders dar. Auf dem Jahrmarkt der Fetischismuskritiken wird auch eine Zusammenbruchsmöglichkeit des Kapitalismus von einigen Etablierten nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen, deren VerfechterInnen man noch nicht vor allzu langer Zeit den Vogel gezeigt hat. Die gesellschaftstheoretischen ProduzentInnen einer „zahnlosen Normalwissenschaft“ (Dörre/ Lessenich, Rosa, 2009) rüsten sich nun mit Marx auf. Wie einstmals Heerscharen von Marxo-Feministinnen zu Beginn der 1990er Jahre zu Dekonstruktivistinnen wurden, so hat man/frau heute wieder irgendwie einfach Marx drauf. Wenn die fundamentale Krise handgreiflich wird, kommt die Fetischismus-Einsicht gewissermaßen als Pfingst-Erlebnis auch über all jene Linke, die vorher davon nichts wissen wollten.

2. Der „neue Geist des Kapitalismus“, das „unternehmerische Selbst“ und Fetischismuskritik

Wenn hier mit Boltansky/Chiapello, aber auch mit Bröckling argumentiert wird, heißt dies keineswegs, ihre Konzepte in Sack und Pack zu kaufen. Die Amalgamierung von Marx und Weber etwa könnte bei Boltansky/Chiapello durchaus problematisiert werden. Jedoch muss die Frage gestellt werden, ob sich die heutige kapitalistische Totalität nicht einer einzigen Theorie entwindet (Adorno). Dies heißt keineswegs eklektisch „werkzeugkastenartig“ vorzugehen (von einem subjektivistischen, den Fetisch nicht zur Kenntnis nehmenden Beliebigkeitsstandpunkt aus), sondern der Tatsache Rechnung zu tragen, dass sich die kapitalistische Gesellschaft nicht allein mit Marxschen Kategorien bestimmen lässt, wenn es um die Bestimmung der „konkreten Totalität“ geht (vgl. auch Scholz, 2009). Die Überlegungen von Boltansky/Chiapello und Bröckling sind geeignet, phänomenologisch einen spät-postmodernen Kapitalismus zu beschreiben und die entsprechenden Mechanismen, Regulierungen, Praktiken, die Lebensführung u. ä. aufzuzeigen, wenn eine übergreifende Totalität und eine Individualisierung zugleich greifbar werden. Ging es mir in meinen bisherigen Arbeiten vor allem darum, die übergreifende Makro- bzw. Metaebene der Wert-Abspaltungskritik zu betonen, so sollen nun die Meso-Mechanismen und subjektiven Dimensionen in Zusammenhang mit der Formebene im Blickpunkt stehen, gerade im Hinblick auf den Gegenstand Fetischismuskritik selbst.

Boltansky/Chiapello bestimmen den Kern des Kapitalismus – wenngleich eben problematischerweise weberianisch gewendet – in Anlehnung an Heilbronner minimaldefinitorisch folgendermaßen: „Das Hauptmerkmal des Kapitalismus – das, was ihm die Handlungsdynamik und -kraft verleiht, die seine Beobachter und selbst seine größten Widersacher faszinierte – besteht darin, dass das Kapital mit dem Ziel der Profitmaximierung, d.h. der Mehrung des sodann erneut investierten Kapitals, immer wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeleitet wird. Die Kapitalakkumulation besteht nicht in einer Anhäufung von Reichtümern, d.h. aufgrund ihres Gebrauchswertes, ihres Status- bzw. Machtgehalts begehrten Objekten. Die konkreten Erscheinungsformen des Reichtums (Immobilien, Industriegüter, Waren, Geld usw.) sind an sich nicht von Interesse. Aufgrund ihrer mangelnden Liquidität stellen sie manchmal sogar ein Hindernis dar auf dem Weg zu dem einzigen, wirklich wichtigen Ziel: der ständigen Umwandlung des Kapitals der Industriegüter und anderer Einkaufsposten (Rohstoffe, Fertigteile, Dienstleistungen etc.) in Produktion, der Produktion in Geld und des Geldes in neue Investitionen. Diese Loslösung des Kapitals von den materiellen Erscheinungsformen des Reichtums verleiht ihm etwas eigentliches Abstraktes, was zur Verstetigung der Akkumulation beiträgt“ (Boltansky/Chiapello, 2006, S. 39). Dabei ist für Boltansky/Chiapello ebenso zentral: „Zum Erhalt seiner Mobilisierungkraft wird der Kapitalismus … aus ihm äußerlichen Ressourcen schöpfen müssen: aus den Glaubenssätzen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt eine hohe Überzeugungskraft besitzen, und aus den prägenden, ja sogar aus kapitalismusfeindlichen Ideologien, die Teil seines kulturellen Kontextes sind. Der Geist, der den Akkumulationsprozess zu einem gegebenen Zeitpunkt begünstigt, ist demnach durchdrungen von zeitgleichen kulturellen Erzeugnissen, die zumeist zu ganz anderen Zwecken entwickelt wurden als zur Rechtfertigung des Kapitalismus“ (ebd. S. 58 f.).3

Boltansky/Chiapello gehen davon aus, dass in den letzten Jahrzehnten eine Verschiebung von der „Sozialkritik“ zur „Künstlerkritik“ stattgefunden hat: „Was die Sozialkritik betrifft, so ist aus den kapitalistischen Verschiebungen eine Welt entstanden, die sich mit den Instrumenten der Protestbewegungen der zurückliegenden hundert Jahre nur schwer deuten und bekämpfen lässt. Ideologisch beruhten diese Instrumente auf einer Taxonomie der sozialen Klassen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt hatte, und praktisch stützten sie sich auf die politischen und gewerkschaftlichen Bewegungen, die eine andere Gesellschaftsinterpretation als die der Wirtschaftseliten vertreten konnten. Diese Schwierigkeiten wurden zusätzlich noch durch den Zusammenbruch der kommunistischen Regimes in der ganzen Welt verstärkt“ (ebd., S.373). Weiter heißt es bei ihnen: „Was die Künstlerkritik betrifft, so ist ihre Krise eher eine Folge ihres scheinbaren Erfolgs und der Leichtigkeit, mit der sie der Kapitalismus für sich vereinnahmen und für sich nutzen konnte … Die Forderung nach AUTONOMIE wurde in die neuen Unternehmensstrukturen integriert. … Die Forderung nach KREATIVITÄT wurde vor allem von den Angestellten mit hohem Bildungsabschluss – Ingenieure, Führungskräfte – erhoben und stieß vor … Jahren auf ein unverhofft positives Echo, als deutlich zu erkennen war, dass ein wachsender Teil der Unternehmensgewinne aus der Mobilisierung der Ressourcen Erfindungsgabe, Phantasie, Innovationsfähigkeit im Bereich der neuen Technologien erzielt werden würde und vor allem in dem stark expandierenden Dienstleistungs- und Kultursektor“ (ebd., S 375 f., Hervoheb. i. O). In diesem Zusammenhang sind das „Netzwerk“ und der „Projektarbeiter“ zentrale Figuren: „Vor allem die Sozialarbeiter oder die Mitglieder des Verwaltungspersonals sind den Gebietskörperschaften angeschlossen, mit denen sie bei LOKALEN und zeitlich begrenzten PROJEKTEN zusammenarbeiten“ (ebd., S. 386, Hervorheb. i. O). Boltansky/Chiapello sprechen dabei von einer „projektbasierten Polis“ heute.4

Dabei spielt ein Streben nach Unabhängigkeit und Unverbindlichkeit eine wichtige Rolle: „Der Ungebundenheitsimperativ setzt zuallererst einen Verzicht auf Stabilität und Verwurzelung, auf die Bindung an einen Ort und die Gewissheit langjähriger Kontakte voraus. Investieren bedeutet in dieser Hinsicht den Spatz aus der Hand fliegen zu lassen und auf die Taube auf dem Dach zu setzen, d.h. sich nicht von den bereits bestehenden Beziehungen vereinnahmen zu lassen, um offen zu sein für neue Kontakte, auch wenn diese vielleicht scheitern werden … Um sein Kontaktnetz auszuweiten, muss man demnach auf Freundschaften verzichten … Der hohe Wertigkeitsträger der projektorientierte Polis ist so ungebunden, weil er sich von der Last seiner Leidenschaften und Wertvorstellungen befreit hat und – anders als die unflexiblen, keinen Widerspruch duldenden und auf der Verteidigung universeller Werte beharrenden Persönlichkeiten – dem Anderen offen begegnet. Aus eben diesen Gründen ist er auch nicht kritisch veranlagt, es sei denn, es gilt für Toleranz und Andersartigkeit einzutreten. Nichts darf gegenüber dem Anpassungsimperativ in den Vordergrund treten oder seine Bewegungsfreiheit einschränken. … Der ungebundene Mensch opfert einen gewissen Aspekt seines Seelenlebens, seiner Beständigkeit sich selbst gegenüber, um sich so besser seinen Kontaktpersonen und den stets veränderlichen Situationen anzupassen“ (ebd., S. 169 ff., Hervorheb. i. O). Wer nicht in ein Netzwerk eingespannt ist, dem droht die Isolation, ja, der Bann.

Der postmodern-kreative Typus zeichnet sich nun folgendermaßen aus: „Es handelt sich dabei schlechthin um die Kompetenzen eines mobilen, ungebundenen Managers oder Projektleiters, der sich darauf versteht, viele unterschiedliche und bereichernde Kontakte herzustellen und aufrechtzuerhalten und der die Fähigkeit besitzt , Netze auszudehnen“ (ebd., S. 392). Mit einem Wort: „Die Tätigkeit des Vermittelns, Vernetzens, Kontakte-Herstellens wird zum Wert an sich und die Netzmetapher zu einer in allen Kontexten auftauchenden Heuristik“ (Künkler, 2008, S. 34, Anmerk. 1). Der Inhalt tritt zurück.

Ähnlich wie Boltansky/Chiapello geht Bröckling davon aus, dass Selbstverantwortung, Emanzipation, Autonomie, Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Wahlfreiheit zum neuen „unternehmerischen Selbst“ gehören und in den „Neuen sozialen Bewegungen“ ihre Wurzeln haben. Dabei untersucht Bröckling im Gegensatz zu Boltansky/Chiapello den „neuen Geist des Kapitalismus“ primär auf der Subjektebene: „Wichtig für die Genealogie des unternehmerischen Selbst ist der Hinweis auf die gegenkulturellen Wurzeln der neuen Selbständigkeit insbesondere, weil er repressionstheoretische Erklärungen der unternehmerischen Anrufung unterläuft. Als besonders perfide Zurichtung der Individuen im Dienste eines neuen Akkumulationsregimes wäre diese Subjektform gründlich missverstanden. Zu einer hegemonialen Gestalt konnte das unternehmerische Selbst … vielmehr nur werden, weil sie an ein kollektives Begehren nach Autonomie, Selbstverwirklichung und nichtentfremdeter Arbeit anschloss. Ohne die utopischen Energien und die praktischen Kämpfe der Neuen sozialen Bewegungen, ohne ihre Experimente mit nicht-hierarchischen Organisationsformen, ohne massenhafte Weigerung, das eigene Leben in den vorgezeichneten Bahnen einer fordistischen Normalbiographie zu führen, hätte dieses Rollenmodell niemals eine solche Anziehungskraft entwickeln können“ (Bröckling, 2007, S. 58). Ganz ähnlich hat dies übrigens schon Kurz formuliert (vgl. Kurz, 1988, S. 35 ff.). Im Neoliberalismus ist das so zunächst „von unten“ gelebte Protest-Selbst nun in einer Umformung zur gesellschaftlichen Leitfigur geworden, die sich nun auch in Regierungsprogrammen findet und vom Markt propagiert wird. Als Vorlage des neuen „unternehmerischen Selbst“ als seines Glückes Schmied neoliberaler Machart, das immer perfekter werden muss (lebenslanges Lernen, Selbstoptimierung etwa), führt Bröckling dabei ebenfalls den Künstler an.

Untersuchungen zum „unternehmerischen Selbst“ basieren dabei auf angelsächsischen Studien zur „Gouvernementalität“ im Rückgriff auf Michel Foucault. Die Kernfrage ist hier, wie „Regierungstechniken“ sich mit „Selbsttechnologien“ treffen: „In der Figur des unternehmerischen Selbst verdichten sich sowohl normatives Menschenbild wie eine Vielzahl gegenwärtiger Selbst- und Sozialtechnologien, deren gemeinsamen Fluchtpunkt die Ausrichtung des gesamten Lebens am Verhaltensmodell des Entrepreneursship (Unternehmertum, R.S.) bildet. Der Topos bündelt nicht nur einen Kanon von Handlungsmaximen, sondern definiert auch die Wissensformen, in denen Individuen die Wahrheit über sich erkennen, die Kontroll- und Regulationsmechanismen, denen sie ausgesetzt sind, sowie die Praktiken, mit denen sie auf sich selbst einwirken“ (Bröckling, 2007, S.47). Vor diesem Hintergrund arbeitet Bröckling die Konturen eines „Projekte-Ichs“ heraus, die Überlegungen von Boltansky/Chiapello mit einbeziehend: „Bezogen auf das Verhältnis des Einzelnen zu sich selbst ergibt sich so das Bild eines nicht nur pluralen, sondern auch höchst fluiden Ego, das sich in immer neuen Zusammenhängen rekombiniert. Das in den Subjektivitätstheorien der 80er und 90er Jahre verbreitete Schlagwort von der Patchworkidentität wäre noch zu radikalisieren: Nicht einem Flickenteppich, der, einmal genäht, sein Muster nicht mehr ändert, gleicht das sich als ‚Projekt-Ich‘ konstituierende Selbst, sondern einem Kaleidoskop, das bei jedem Schütteln ein neues Muster zeigt. Da dieses Projekt sich selbst wiederum aus vielfältigen Arbeits-, Beziehungs-, Freizeit-, Gesundheitsprojekten usw. zusammensetzt, avanciert seine Selbstführung zum Management des individuellen ‚Projektportfolios‘“ (ebd., S. 279).

Die Überlegungen von Boltansky/Chiapello und Bröckling haben auch Folgen für die FetischismuskritikerIn. Wenn sie dergestalt im Kontext eines verfallenden Kapitalismus zur ProjektarbeiterIn und UnternehmerIn ihrer selbst in einem Netzwerkkontext wird, besteht die Gefahr einer betulich-netzopportunistischen Orientierung von Fetischismuskritik. Vor diesem Hintergrund kann man/frau schon mal vom einen zum anderen wert-/fetischismuskritischen Projekt springen unter dem Deckmäntelchen doch nicht so dogmatisch sein zu können! Dabei kann er/sie nach Bedarf – ganz flexibel – auch bestimmt und „authentisch“ fetischismuskritisch auftreten, wenn es in der jeweiligen Projekt-Netzwerkgemengelage opportun ist. Dies kann nicht mit dem alten Apparatschik des Ostblockmarxismus, trotz mancher Ähnlichkeiten, verwechselt werden. Auch dieser musste auf einer sich verändernden Linie bleiben, um als solcher als Funktionär einen Machtstatus vielleicht bis in die Regierungsspitze hinein zu erlangen. Heute indes ist nicht mehr klar, was Linie ist. Fetischismuskritik zerstiebt in der postmodernen Vielfalt, die dennoch eine affirmative Falllinie im zerfallenden kapitalistischen Patriarchat als diffuser Bezugspunkt sein kann (darauf komme ich noch zurück).

Eine radikale Fetischismuskritik und ihre VertreterInnen sind nun aber gerade in Zeiten einer Inflationierung von Fetischismuskritik im Gegensatz zu ihren Ursprüngen neuen Anpassungszwängen ausgesetzt. Nichts darf nun mehr die „Bewegungsfreiheit“ der FetischkritikerIn einschränken; er/sie darf sich nicht von „bereits bestehenden Beziehungen, aber auch bereits bestehenden Inhalten vereinnahmen lassen“. Er/sie muss „flexibel sein“ und sich als „hoher Wertigkeitsträger“ von Leidenschaften und fixen Kritiksubstanzialitäten befreien (Boltansky/Chiapello, 2006, S. 169 ff.)

Dabei scheint es für mich nicht entscheidend, ob in einem wissenschaftlichen Kontext der „Projektarbeiter“ als „Idealtyp“, wie bei Boltansky/Chiapello, oder als „Anrufungsfigur“, wie bei Bröckling, firmiert, sondern dass die entsprechenden REALEN fetischismuskritischen Subjekte im Kontext der Einsicht einer übergreifenden Fetischismuskritik tendenziell in den Sog der von Boltanksy/Chiapello und Bröckling fetischistisch bestimmten Regularien, Mechanismen, Selbsttechnologien, Praktiken usw. geraten. In diesem Sinne geht die so verstandene FetischismuskritikerIn quer durch die verschiedensten fetischismuskritischen Richtungen und „Projekte“.

3. Fetischismuskritik und Wissenschaftsbetrieb

Bröckling schreibt: „Der Wissenschaftsbetrieb liefert für das Studium der Projektwelten überhaupt reichlich Anschauungsmaterial. … Die Notwendigkeit, seine Forschungen als Projekt auszuweisen und immer neue Projekte zu akquirieren, treibt eigene Semantiken, Sozialcharaktere und Ereignistypen hervor … Forschungsprojekte zeitigen hochartifizielle Textgattungen wie die ‚Antragsprosa‘, die Kunst, gleich welche Fragestellungen auf die Passform eines DFG-Merkblatts zuzuschneiden und dabei zunächst jene Lücken zu konstruieren, die man dann zu schließen verspricht. Sie produzieren jene in Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereichen und Nachwuchsgruppen erprobten, sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangelnden Forschungsveteranen, ohne deren Routinen und Tricks kaum ein Projekt eine Begutachtung überstehen und einen Abschlussbericht fertig bekommen würde, auf deren prekäre Existenz aber die universitäre Planstellenaristokratie meist mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung herabschaut“ (Bröckling, 2007, S.249 f.). Bröckling zitiert Joachim Matthes, der schon 1988 geschrieben hat: „Es entstehen ‚Schnelle Brüter‘ von Projekten für Versorgungszwecke, nicht selten unterstützt durch eingetragene Forschungsvereine aus dem Kreis der zu Versorgenden“ (Matthes z. n. Bröckling, 2007, S. 250). „Forschungsprojekte tragen schließlich auch die Hauptverantwortung für das grassierende akademische Tagungswesen. Weil die Budgets Mittel dafür vorsehen, weil man für den nächsten Verlängerungsantrag ja irgendwelche Aktivitäten nachweisen muss und nicht zuletzt weil wissenschaftliche Communities schon um des Networking willen geradezu süchtig nach Vergemeinschaftungsgelegenheiten sind, tourt das wissenschaftliche Personal von Konferenz zu Konferenz zu Workshop zu Symposium und produziert dabei Sammelband um Sammelband. Mit effizienter Forschungskommunikation, geschweige denn Erkenntnis hat all das wenig zu tun, umso mehr aber mit Präsentationszwängen projektförmig organisierter Wissenschaft“ (Bröckling, 2007, S. 250.). Freilich gab und gibt es – dreimal darf man/frau raten – viele eifrige Tagungen und Kongresse zum „neuen Geist des Kapitalismus“ und zum „unternehmerischen Selbst“, wenngleich dieser Hype mittlerweile auch schon wieder etwas abgeebbt ist.

Unter heutigen Bologna-, Bachelor- und Masterbedingungen zeigt sich zudem deutlich, „dass die Logik: ‚Qualifizierungsphase – Befristung und Teilzeit; Postdoc-Phase – Dauerbeschäftigung in Vollzeit‘ mindestens für einen großen Teil der Disziplinen nicht mehr aufgeht. Mit dem Wachstum der Drittmittelforschung – und mit neuer Dynamik seit der Einführung der ‚Drittmittelregelung‘ … wächst der Anteil von promovierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die weiterhin Zeit- und Teilverträge besitzen. Die steigende Anzahl von Personen, die die Wissenschaft zu ihrem Beruf gemacht haben, erhöht bei einer bestenfalls stagnierenden Zahl von Stellen keinesfalls die Wahrscheinlichkeit, dass die vorherrschenden ‚Befristungskarrieren‘ im Normalfall in eine Dauerbeschäftigung einmünden. Unbefristete Beschäftigungsverhältnisse im akademischen ‚Mittelbau‘ jedenfalls können bei der derzeitigen Einstellungspraxis kaum noch als reale Alternative zu einer Professur gelten, denn hier zeigt die zahlenmäßige Entwicklung deutlich nach unten. Es ist geübte Praxis an vielen Hochschulen, solche Positionen, wenn sie frei werden, durch Personen mit befristeten Arbeitsverträgen zu besetzen und auf diese Weise die Konkurrenz um dauerhafte Beschäftigungspositionen an den Hochschulen weiter zu verschärfen“ (Banscherus u.a., 2009, S. 31). Im Kontext der Fetischismuskritik heißt das: Selbst wenn es noch ausnahmsweise zum Universitätsprofessor/zur Universitätsprofessorin reichen sollte, auch dann ist die Geldbeschaffung für das „Projekt“ zentrales Moment der Profession bzw. des Jobs. Man/frau hat primär Lerntiere zu züchten, und sei es qua minutiöser Kapitallektüre, die dann zugleich unter großem Druck andererseits „selbstverantwortlich“ ultrakreativ und radikalinnovativ sein sollen, freilich im Rahmen des vorgegebenen „linken“ Instituts/Professors.

4. Fetischismuskritik, Wahrheit und Inhalt

Dass die konventionelle Universitätsfinanzierung dabei tendenziell den Bach runtergeht und nun Stiftungen, wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Finanzierung übernehmen könnten, macht die Sache nicht besser. So sagte mir eine eher antideutsch angehauchte Bekannte schon vor einigen Jahren: Eigentlich müssten wir jetzt „Die Linke“ wählen, um weiter finanziert zu werden.

Mittlerweile sind auch Verlage der „seriösen“ Wissenschaft voll mit wertformanalytischen/werttheoretischen Auswalzungen. Unter verschiedenen Aspekten wird versucht alles Mögliche durch die werttheoretische Mühle zu jagen, nicht zuletzt auch den sperrigen Zusammenhang von Rasse, Klasse, Geschlecht (vgl. etwa Lindner, 2011). Im Vorfeld der auch bloß etwaigen Ergatterung von Unistellen, die unter heutigen Zerfallsbedingungen des kapitalistischen Patriarchats dünn gesät sind, geht es dabei zunächst einmal darum, überhaupt eingeladen zu werden, Kontakte zu anderen FetischkritikerInnen aufzunehmen, mit denen man netzwerkeln kann, und darum zu Tagungen und Kongressen eingeladen zu werden und in entsprechenden Zeitschriften und Sammelbänden auch außerhalb der Universität publizieren zu können. Unter prekären Bedingungen heißt dies auch, dass das, was für universitäre Kontexte schon immer galt, nun noch mehr gilt: eine Einschleimung beim Prof ist unabdingbar, damit aus man/frau „etwas wird“. Und wenn es an der Universität nicht klappt, ist heute eine Reputation als fetischismuskritische FreelancerIn auch schon was! Auch da macht sich etwa eine fetischismuskritische Doktorarbeit nicht schlecht. Man kann getrost davon ausgehen, dass auch eine fetischismuskritische Wissenschaft/Theorie im Kontext eines „Management des individuellen ‚Projektportfolios‘“ längst den „Präsentationszwängen einer projektartig organisierten Wissenschaft“ erliegt, was auch ein freies unternehmerisches Fetischmuskritikertum erlaubt. Nahezu keine linke Doktorarbeit kommt – und sei es bloß als Hintergrundrauschen, oder auch in Abgrenzung gegen sie – ohne einen Bezug auf eine wie auch immer formulierte Fetischismuskritik aus. Fetischismuskritik hat sich längst etabliert, ja ist längst unverzichtbarer Bestandteil der „unternehmerischen Universität“. So ist Fetischismuskritik heute in allerlei Amalgamierungen zu finden, sei es, natürlich, mit Foucault, aber auch mit Luhmann, Bourdieu und anderen Theoretikern. Stoff für derartige Doktorarbeiten gibt es genügend.

Vor diesem Hintergrund möchte ich nun vor allem auf drei Tendenzen und Strömungen eingehen, die sich bislang als „fetischismuskritische“ Hauptlinien abzeichnen.

Wie bereits erwähnt hat sich eine sozusagen fetischismus-/wertheoretische Funktionsintelligentia á la Elbe, Heinrich u.a. herausgebildet, die ihre Gegenstände entsprechend zurichtet, wodurch Fetischismus-/Wertkritik erstarrt. Dabei werden Fragen der Marxschen Darstellungsweise, Fragen zu Gegenstand und Methode des „Kapital“ und Fragen nach der Einheit zwischen Logischen und Historischen zugunsten einer (u.a. Althusserschen) Struktur beantwortet. Probleme einer wissenschaftlichen Tragfähigkeit werden in DIESE RICHTUNG gestellt. Die historischen Kapitel im „Kapital“ sind demnach bloße Illustrationen. Gesellschaftliche, prozesshafte WIRKLICHKEIT interessiert dabei nur sekundär, entscheidend ist bei dieser Interpretation, dass das Marxsche „Kapital“ vor allem als denkerisches Modell gilt. Die Marxschen Kategorien werden nicht als Realkategorien aufgefasst. Der Kapitalismus überlebt eigentlich ewiglich, automatisch aus sich selbst heraus, bloß das Gesicht ändert sich. Fetischismuskritik wird in eine verdinglichte, starre Methodenexistenz eingebannt; mit der Folge eines Verlustes der Kritiksubstanz (vgl. zur Kritik Kurz, 2012).

Als Gegenpol dazu fetischt es aber auch in der Tradition von Habermas handlungstheoretisch und ethisch mittlerweile gewaltig. Axel Honneth höchstselbst steht hierfür explizit mit der Aufsatzsammlung „Verdinglichung. Eine anerkennungstheoretische Studie“, in der er vor einer Verheiratung mit Heidegger nicht zurückschreckt (Honneth, 2005). In dieselbe Kerbe schlägt Rahel Jaeggi in ihrem Buch „Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems“. Unter Entfremdung versteht sie dabei „Indifferenz und Entzweiung, Machtlosigkeit und Beziehungslosigkeit sich selbst und einer als gleichgültig und fremd erfahrenen Welt gegenüber“ (Jaeggi, 2005, Klappentext). Nachdem tiefgreifende Krisentendenzen nun nicht mehr geleugnet und verdeckt werden können, wird eifrig versucht, Marx ins eigene (ehedem zahnlose) Konzept einzubauen. Jahrelang hatte man ihn als nicht mehr zeitgemäßen Theoretiker beiseitegelegt, nun sollen IHM Defizite, insbesondere ein ethisches und normatives Defizit, zur Last gelegt werden. So schreibt etwa Jaeggi eine „ethische Perspektive“ in der Tradition einer frankfurterischen Habermas-Interpretation beschwörend: „Es scheint aber geradezu charakteristisch für den Kapitalismus zu sein, dass er diesen Wertcharakter und damit den Umstand, dass es sich bei ihm um eine bestimmte Lebensform handelt – die man dementsprechend auch bewerten kann und muss und die dementsprechend auch Alternativen haben muss – leugnet. Vielleicht ist schon das – das wäre eine Art Metagrund – Grund genug zu der Annahme, dass am Kapitalismus etwas faul ist: ‚Wer etwas verdeckt, hat etwas zu verbergen‚“ (Jaeggi, 2013, S. 343 f., Hervorheb. i.O). In Umkehrung eines Aphorismus von Brecht, könnte man sagen: Es kommt doch erst die Moral und dann das Fressen! Auch drängt sich einem unwillkürlich der Leninspruch auf: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn die Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte.“

Backhaus/Reichelt, Kurz und andere Pioniere der Wertformanalyse/Wertkritik werden dabei völlig „vergessen“, die doch in geduldiger Hinterzimmer-Existenz mit dem Habermasschen/Honnethschen Strang in der Aufmerksamkeitsökonomie der scientific community nicht mithalten konnten (und wollten). Es wird so getan, als hätte es eine Frontstellung – hier Marx, Kritik der politischen Ökonomie, Verdinglichungskritik und dort Habermas mit seiner soziologisch analytisch ausformulierten „Theorie des kommunikativen Handelns“ – nie gegeben.5 Dementsprechend ist Moral/Ethik und Normativität zentrales Thema in derartigen Marxinterpretationen. Es wird weniger gesehen, dass man selbst Defizite hat, und sich jahrelang auf normativen Nebenschauplätzen herumgetrieben hat, was wohl an der „Pazifizierung des Klassenkonflikts“ (Habermas) gelegen hat – durch die wohlfahrtsstaatliche Grundierung sind im Grunde alle versorgt – und man kann nun unbesorgt auf dieser Ebene Schlittschuhlaufen und Normativität zum Grundproblem machen. Vermutet werden kann nämlich, dass bei Jaeggi weniger dem Kapitalismus als vielmehr marxistischen TheoretikerInnen, die Ethik selbst als kapitalismusimmanent betrachten, die eigentliche Kritik gilt. Diesen Kritiken muss man nun handlungstheoretisch-moralisch Beine machen, als wäre Kant als immerwährende Instanz und philosophisches Fundament der bürgerlichen Gesellschaft nicht selbst schwer ideologieverdächtig. Wenn ein Marxsches Denken aufgrund der Kriseneinbrüche nicht umgangen werden kann, muss es so interpretiert werden, dass ihm just diese „normative“ Dimension fehlt und ES insofern erweiterungsbedürftig ist bzw. wird der junge Marx gegen den alten ins Feld geführt und bevorzugt (siehe etwa Honneth, 2013). So kann man seine eigene Identität als ehedem (un-)marxistische TheoretikerIn retten, die irgendwie eigentlich schon immer MarxtheoretikerIn war. Honneth wird so von Brunkhorst neuerdings gar als Hegelmarxist bezeichnet (vgl. Brunkhorst, 2013, S.415). Vielleicht ist er das, aber primär auf einer HANDLUNGSTHEORETISCH begründeten Anerkennungs-PRAGMATIK als eigentlichem GRUND.

Auch Demirovic springt seit einiger Zeit auf den Zug der Fetischismuskritik auf. So will er, der nicht unbedingt in der Tradition von Habermas zu verorten ist, neuerdings darauf hinaus, dass Herrschaft nicht „allein als Ergebnis der Logik des sich selbst verwertenden Werts und des automatischen Kapitalsubjekts“ zu verstehen ist, also nicht „einfach auf Marx’ Begriff des ‚stummen Zwangs der ökonomischen Verhältnisse‘“ zurückgegriffen werden kann: „Es geht … darum, mit Gramsci über Gramsci und seine Analysen hinauszugehen“ (Demirovic, 2013, S. 135). Fast scheint es so, als ginge Fetischismuskritik gänzlich im affirmativen Mainstream auf, der noch versucht, etwa Demokratiekritik demokratisch zu untermauern bzw. den eigenen bislang immanenten Überlegungen ein wahres Jenseits des Kapitalismus zu verschaffen.

In der gleichen Ignoranz einer neuen marxistischen Traditionslinie, die primär jenseits des etablierten Wissenschaftsbetriebs entstanden ist, hat in der Soziologie noch eine weitere Hinwendung zu Marx und dem „Fetisch“ in Gestalt der Jenaer Soziologie stattgefunden (Dörre/ Lessenich/ Rosa, 2009). Zentral für Dörre, Lessenich und Rosa ist, dass bei ihnen – etwa im Gegensatz zu Elbe und Heinrich – die Prozesshaftigkeit in den Vordergrund gerückt wird: „Ausgangspunkt unserer gemeinsamen Anstrengung war und ist die Überzeugung, dass die basale Logik der in sich selbst unabschließbaren Kapitalbewegung die kapitalistische Gesellschaftsformation in all ihren Phasen (und mithin auch in und nach der gegenwärtigen Finanzmarktkrise) bestimmt und nicht nur in der ökonomischen Entwicklung, sondern auch in ihren politischen und kulturellen Gestaltungs- und Formierungsmöglichkeiten prägt“ (Dörre/Lessenich/Rosa, 2009a, 296, Hervorheb. i.O). Offensichtlich wird davon ausgegangen, dass sich der Kapitalismus endlos reproduzieren kann: „In der Sachdimension lässt sich diese Bewegung, wie Klaus Dörres Analyse gezeigt hat, als fortwährender Prozess der inneren und äußeren ‚Landnahme‘ bestimmen: Der Kapitalismus erweist sich gleichsam als ‚gierige Einverleibungs- und Ausscheidungsmaschine‘, die in ihrer systemischen Funktionsweise dazu gezwungen ist, unablässig neue Märkte zu erschließen, die sie dann früher oder später als entwertete ‚verbrannte Erde‘ hinterlässt, welche zu einem späteren Zeitpunkt und in einer anderen kapitalistischen Formation neu erschlossen werden kann. Über alle Formationsgrenzen hinweg ist dieser Landnahmeprozess, wie Hartmut Rosa zu zeigen versucht, in der Zeitdimension unaufhebbar mit einer stetigen Tendenz zur sozialen ‚Beschleunigung‘ verwoben, die sich als Zwang zur Steigerung der Zirkulationsgeschwindigkeit verstehen lässt und dabei die Logik nicht nur der ökonomischen, sondern auch noch der kulturellen und politischen Veränderungen bestimmt … Die Kapitalbewegung führt zu einer fortdauernden, gerichteten und stufenweisen Veränderung des sozialen Raum-Zeit-Regimes … Die anhaltende Dynamisierung der sozialen, materiellen und geistigen Verhältnisse macht nun ihrerseits ‚entgegenkommende‘ Subjekt- und Subjektivierungsformen notwendig, welche die resultierenden Steigerungszwänge mitvollziehen. Das von Stephan Lessenich identifizierte spätkapitalistische Regime der ‚Aktivierung‘ erscheint so in der Sozialdimension als die konsequente Vollendung jener fundamentalen Mobilisierungstendenz der Moderne, welche den lähmenden Fremdzwang repressiver Sozialformationen mittels … politischer Steuerung unablässig … in ruhelosen Selbstzwang verwandelt“ (ebd., S. 296 f., Hervorheb. i.O).

Man bezieht die Kritik von Boltansky/Chiapello bzw. von Gouvernementalitätstheorien an der Universität von vornherein auf sich und bindet sie ins eigene Konzept ein. So knabbert man ach so unzufrieden an dieser Kritik, weswegen man eigentlich über sie hinaus ist und so kann man dann erst recht gruselig-unbehaglich ein feines „Jenaer Institut“ aufbauen, das bisher brave SozialwissenschaftlerInnen prinzipiell aus aller Welt einladen kann. In diesem Sinne grenzt man sich auch von einem „wohlfeilen, verbalradikalen ‚Professorensozialismus‘ ab“ (Lessenich, 2009a, S. 231). Man stellt vermeintlich die „Systemfrage“, kann sich ein „Ende des Kapitalismus“ jedoch bloß in seiner Regulierung vorstellen, die vor nicht allzu langer Zeit sich ganz ehrlich als das, was sie war, nämlich reformistisch-immanent, präsentiert hatte und nun als radikal kapitalkritisch ausgegeben wird. So schreibt Lessenich: „Das fundamentale Problem … liegt nun darin, dass die unbegriffenen und ungesteuerten Folgewirkungen des Kapitalverwertungsprozesses ‚den Fortbestand des Kapitals sowie der durch es strukturierten sozialen Formation insgesamt in Frage stellen‘, sprich: dass sie sich soweit und solange sie unkontrolliert bleiben, irreversibel verschärfen und tendenziell selbstdestruktiv werden“ (Lessenich, 2009b, S. 142). Vor diesem Hintergrund schreibt er: „Die Möglichkeit des ganz Anderen, die Denkbarkeit des fundamental Alternativem ist es, worauf Gesellschaftskritik heute, nach wie vor, zielen muss – auf die Emanzipation von Herrschaftswissen, die Subversion der Aktivgesellschaft, das Ende des Kapitalismus“ (ebd., S. 177).

So ist einem ein „Distinktionsgewinn“ (Bourdieu) auf Seiten der „linksradikalen“ Universität gegenüber dem außerakademischen Intellektuellen-Pöbel schon immer sicher: Man/frau hat es in der Kritik ja schon immer gegenüber sich selbst drauf, wenn die Soziologie als verdinglichte Teilwissenschaft oder auch interdisziplinär gedacht, selbst noch verwoben mit Philosophie, Politologie, Ökonomie wieder auf die Beine kommen soll. So kann verdeckt werden, dass man seine Ursprünge in ehemaligen Hinterzimmern einer wertformanalytischen/wertkritischen Tradition hat, und will von den längst stattgefundenen Theoriebildungen außerhalb der Universität bzw. in ihrem Halbdunkel entstandenen Marx-Ausarbeitungen nichts wissen, die aber den stillen Hintergrund des eigenen Ansatzes bilden6. So will Dörre kein Originalitäts-Prädikat weder für sich noch für andere neu entdeckte Soziologen-Marxisten gelten lassen (Dörre, 2009, S. 45). Ein solcher Verzicht ist allerdings kein Kunststück, wenn man selbst auf Grundfesten steht, die man allerdings nicht kenntlich macht. Man tut so, als habe man es ganz originell selbst erfunden in einer Kritik der Soziologie, die man selbst noch als solche weiter zu betreiben gedenkt, mit ganz viel „Kritik“, „Eigensinn“ und „Unbehagen“, die der Soziologie als „zahnlos“ gewordener „Normalwissenschaft“ zu trotzen versucht, sich dabei aber gerade auf „seriöse Kapitalismuskritiker“ stützt, die eine dröge, langweilig gewordene Gesellschaftskritik bislang WESENTLICH mitkonstituierten (so etwa Honneth und Demirovic bei Lessenich , 2009a, S. 224, 2009b, S. 127).

Radikale Fetischismuskritik, ja gar ein Einrechnen eines Zusammenbruchs des Kapitalismus muss so noch durch gängige Theoriekonzeptionen gejagt werden, etwa dem Konzept der „langen Wellen“, der Regulationstheorie, die bis dato nicht gerade durch eine radikale Kapitalismuskritik hervorgestochen sind, sondern automatisch von der Grundahme ausgingen, der Kapitalismus ändere von Zeit zu Zeit sein Gesicht und man müsse ihm durch linke politische Eingriffe ein menschliches Antlitz verschaffen (siehe etwa Dörre, 2009, S. 41 ff.).

Ja, mit derartigen Theorien wurde jahrelang der Behauptung einer Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus widersprochen, für deren Analyse vor allem das Label „Wertkritik“ und die Person Robert Kurz stehen, die aber als spinnert abgetan und ins Reich des Absurden verwiesen werden. Nun reserviert ein ignorantes gesellschaftstheoretisches Establishment die Spinnertheit im Sinne eines radikalen nonkonformistischen Intellektuellentums für sich selbst: „Die effektivste Art einen Anspruch zurückzuweisen, ist nicht, gegen ihn zu argumentieren, sondern ihn in den Bereich des Anormalen zu verweisen. Radikalere Ansprüche stehen immer in der Gefahr, als verrückt angesehen zu werden, weil sie nicht in die vorhandene Realität passen“ (Boltanksky, z. n. Maihofer, 2013, S. 165). Wenn der Zusammenbruch und Verfall des Kapitalismus schon längst zum großen Thema des Feuilletons geworden ist, kann sich auch die seriöse, hochakademische Soziologie dem nicht mehr versperren. Eine langweilige Sozialwissenschaft soll so durch eine fetischismuskritische Radikalinski-Spritze gerettet werden. Mittlerweile gilt die Jenaer Gesellschaftskritik schon als Avantgarde und Speerspitze einer neuen Gesellschaftskritik, ja in dieser Hinsicht als Elite-Universität. Dabei wird das alte Konzept der „Landnahme“ in Bezug auf Rosa Luxemburg und Harvey aufgewärmt und so modifiziert, dass dieser Begriff für die Analyse der heutigen Verhältnisse einen Zentralbegriff abgibt (Dörre, 2009). Auch bei den Jenaern wird „das Normative“ als großes Problem gesehen. Wie rechtfertigt man/frau eine Kapitalismuskritik, wenn einem schon das Haus über dem eigenen Kopf zusammenbricht? In diesem Kontext spielt Entfremdung – mittelschichtsgriffig – auch bei Rosa eine große Rolle: „Die Ungerechtigkeit resultiert aus der Entfremdung, aus einem verfehlten Weltverhältnis des Menschen; daher gibt es auch gute Gründe, dass sie wieder verschwindet“ (Rosa, 2013, S. 411).

So tut (marxistische) Kritik in der Krise der Soziologie dieser wieder als Legitimationsmittel gut. Nun schreibt man sich die „Wiederbelebung des kritischen Impetus der akademischen Soziologie“ (Dörre/Lessenich/Rosa, 2009b, S. 12) aufs Banner. Nach dem Ende der Großgruppensoziologie, wesentlich verkündet von Ulrich Beck, der in Form nicht zuletzt der Individualisierungsthese gewissermaßen als eine Art literarischer Antisoziologie seiner Disziplin in den 1990er Jahren weltweit Respekt einbrachte, soll nun eine Fetischismuskritik (auch wenn sie diesen Begriff nicht verwenden) einer diskreditierten Soziologie „Tiefe“ und somit wieder Glanz und Gloria, um nicht zu sagen, Glamour verleihen. Von Beck haben die Jenaer dabei die literarische Form und suggestive Sprache übernommen, die scheinbar gesellschaftliche Fetischismuskritik mit Subjektivität vereint, nun aber verbunden mit einer radikalen Verbalakrobatik. So schreibt Dörre im Grunde aus einer sozialdemokratischen Perspektive (auch wenn er den möglichen Zusammenbruch – wie gesagt – einberechnet): „Während der zurückliegenden Jahre haben die Soziologen den Kapitalismus vor allem variiert; Wirtschaftsdemokratie bedeutet, seine Überwindung zu denken“ (Dörre, 2009, S. 86).

Überhaupt dominieren in heutigen Fetischismus-Verständnissen subjektivistische Ausdeutungen, die einen objektiven Fetischbegriff, egal ob bei Jaeggi, oder in den genannten aus dem Boden schießenden Marxinterpretation-Aufsatzbänden von der wissenschaftlichen Stange, etwa des „Westfälischen Dampfboots“, vernachlässigen. Der (Mehr-)Wert-Fetisch wird gemeinhin nicht etwa als verselbständigte, objektive Logik behandelt und kritisiert. Auch wenn er pro forma in Rechnung gestellt wird, ist das eigentliche Thema von vornherein ein subjektivistisches. Auch wenn der „Fetisch“ durch die Menschen gemacht ist, und hierbei von einer dialektischen Subjekt-Objekt-Beziehung ausgegangen werden muss, kann er jedoch nicht einfach von vornherein subjektivistisch belegt werden, seine Verselbständigung Nebensache sein, so nach dem Motto: Ich und der Wert, was mache ich als wissenschaftliches Subjekt mit Marx, bringt er was, RENTIERT er sich? Er bringt MIR was! Er RENTIERT sich! So schreiben Jaeggi/Loick: „Als solcher wird er (Marx, R.S.) im Lichte neuerer Tendenzen reinterpretiert, es wird auf dem Hintergrund neuerer Fragestellungen an ihn angeschlossen, er wird kritisiert und auf seine Anschlussfähigkeit hin befragt, man nimmt sich Stücke und Motive aus seinem vielfältigen Werk, die für die eigenen systematischen Interessen produktiv sind. Nicht orthodox – aber auch nicht einmal mehr offensiv unorthodox. Vielleicht wird erst durch diese neue `Unbefangenheit` erkennbar, wie vielseitig die Möglichkeiten sind, die das Marxsche Werk für systematische Anschlüsse an aktuelle Debatten liefert“ (Jaeggi/Loik, 2013, S. 13). So klingt es, wenn Marx und Fetischismuskritik neuerdings versuhrkampt werden, wobei ironischerweise auch dieser Verlag zu bankrottieren droht. Die Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Subjekt und Objekt ist weg, die es zu ihrer Überwindung erst bräuchte. Fetischismusgoutierung und -Kritik/Objektivität verschwinden im Subjekt, indem sie vor dem Hintergrund der Entfremdungsthematik vor allem praxeologisch und handlungstheoretisch gedeutet werden.

Die objektive Seite der Verselbständigung wird bei Jaeggi & Co als „funktionalistisch“ verpönt (als könnte Marx mit seiner dialektischen Verfahrensweise dem Funktionalismus zugerechnet werden). Dies ist die neue Marx-geläuterte Tendenz, wenn man eingesehen hat, was Terry Eagleton gegenüber den Postmodernen einmal sagte: „Die Totalität vergisst euch nicht“ – the subject takes it all! Dies trifft für einen großen Teil der Fetischismuskritik heute zu. Fetischismuskritik kann aber nicht nach Belieben in ein Wissenschaftskonzept hereingenommen werden oder nicht, vielmehr geht es hier um beinharte objektive Strukturen, die noch innerhalb des Verfalls der Strukturen das Subjekt innerhalb einer prinzipiellen fetischistischen Subjekt-Objekt-Struktur prägen. Diese Wahrheit ist etwas, das sich nicht einfach intersubjektiv-normativ bestimmen, vermitteln lässt. Die Fetisch-Wahrheit bestimmt so noch das individuell-subjektive Management eines „fetischismuskritisch“-bunten „Projektportfolio“ heute.

Eine subjektivistische Ausrichtung gilt übrigens auch in anderer Weise für die Elbes, Heinrichs & Co., die im Sinne des bürgerlichen Wissenschaftlers, den Fetisch/den Wert in gewisser Weise tatsächlich „funktionalistisch“ als äußerlichen Gegenstand betrachten, den es nun „methodisch“, formalogisch und darstellungstheoretisch richtig zu erfassen gälte. Hauptbezugspunkt ist hier das Kapital. Mit anderen Worten: der Fetisch wird auch hier ohne den Fetisch gedacht; er verbleibt im Subjektmodus einer bürgerlich wissenschaftlich angenommenen Subjekt-Objekt-Struktur in dualistischer Fassung. Dies ist gewissermaßen der Gegenpol zu primär handlungstheoretisch orientierten Positionen, wie die von Honneth (2013), die an den jungen Marx anzuknüpfen versuchen. In beiden Fällen wird im Grunde der Fetisch ohne den Fetischismus und seine Verselbständigungen gefasst. Dörre ist hier in der „Sachdimension“ und einer primären ökonomischen Analyse (s.o.) nicht ausgeschlossen, da er in der Tradition der gewerkschaftlichen Bewegung ein quasi-revolutionäres Subjekt im Ansprechpartner des „Leiharbeiters“ auszumachen versucht (Dörre, 2009). Dieser Leiharbeiter ist aber bekanntlich nicht gerade der Star der Gewerkschaften, die sich auf traditionelle Besitzstände zurückziehen. Dies beansprucht Dörre zu kritisieren, aber immer noch im Kontext des alt-arbeitermarxistischen (Klassensubjekt-)Rahmens.

Zumindest dem frühen Lukàcs und Adorno wäre es nicht eingefallen, den Kapitalismus vom Subjekt her zu deuten, vielmehr gehen sie (selbst Lukàcs noch, wenn er das Proletariat als Subjekt-Objekt der Geschichte sieht) von einer bereits verselbständigten Logik aus, wenn sie Subjektivität in den Blick nehmen und von hieraus eine (scheinbar) paradoxe Subjekt-Objekt-Dialektik (aber immer auch gleichzeitig vor dem Hintergrund ihrer objektiven Verselbständigung) bestimmen. Was mache ich mit Marx? – Diese Frage hätten sie verzweifelt als Ausgeburt der „instrumentellen Vernunft“ verhandelt.

5. Feminismus und Fetischismuskritik

Neuerdings scheint sich dies ansatzweise zu ändern. Beatrice Müller will die Wert-Abspaltungstheorie zum Ausgangspunkt nehmen und sie in eine „Wert-Abjektion“ überführen: „Eine theoretische Re-Konzeptualisierung scheint notwendig, da Scholz einerseits eine Marx-Lesart vertritt, die nicht ermöglicht, AkteurInnen und Kräfteverhältnisse neu zu denken, und auf der anderen Seite den psychoanalytischen Kontext nicht ausreichend theoretisiert. Als Ergebnis meiner Verschiebung erscheint der von mir in den Blick genommene Zusammenhang der patriarchalen Geschlechterverhältnisse und der kapitalistischen Produktionsweise als Wert-Abjektionsform (Abjektion: dt. Verwerfung)“ (Müller, 2013, S. 33). Und weiter schreibt sie: „Die Theorie von Scholz ist gleichwohl insoweit instruktiv, als sie versucht, die verflochtene Struktur von Kapitalismus und Geschlechterverhältnis zu analysieren, und damit auch eine strukturelle Erklärung für die Abwertung von Care-Arbeit liefert“ (ebd., S. 35). Um die psychoanalytische Ebene mit hereinzunehmen greift Müller vor allem auf Julia Kristeva zurück und wendet diese „wert-abjektivistisch“, um die Minderbewertung von Care-Tätigkeiten zu erklären: „Das Abjekt ist das beharrliche Zeichen der notwendigen Beziehung des Subjekts zum Animalischen, zur Materialität, und letztlich zum Tod. … Diese Bedrohungen müssen negiert und verworfen werden“, so Müller unter Rückgriff auf Grosz (ebd., S. 36). Dabei ist für sie „Abjektion“ ein grundsätzlicher Modus der symbolischen Ordnung.

Für Müller sind Care und Care-Arbeit Voraussetzung der ökonomischen Form des Kapitalismus. Dabei stützt sie sich vor allem auf Marx und das Fetischismus-Verständnis von Joachim Hirsch, das sie einer „fundamentalen Wertkritik“ entgegenstellt: „Ein Verständnis von Wert als sozialer Form…, wie es ein formanalytischer Zugang erlaubt, ermöglicht hingegen die Analyse von strukturellen Grenzen auf der einen Seite und sozialen Kämpfen und AkteurInnen auf der anderen Seite – Außerdem kann mit einer solchen Perspektive sehr deutlich auch die Limitierung der Reichweite des theoretischen Ansatzes begriffen werden. Diese liegt in ‚der allgemeine(n) Bestimmung sozialer Formen‘ … und nicht in der Analyse konkret-historischer Verhältnisse. Die Analyse sozialer Formen kann aber als Grundlage und Voraussetzung für konkrete Analysen dienen. Joachim Hirsch zufolge sind ‚soziale Formen … die verdinglichten und fetischisierten, nur durch theoretische Kritik zu entschlüsselnden Gestalten, die das wechselseitige Verhältnis der gesellschaftlichen Individuen in einer gegenüber ihrem bewussten Willen und Handeln verselbständigten Weise annimmt und die ihre unmittelbaren Wahrnehmungen und Verhaltensorientierungen prägen: Ware, Geld, Kapital, Recht, Staat.‘“ (ebd., S. 38)7. Zentral ist für Müller der Warentausch im Rückgriff auf Brentel und Heinrich und die auf dem Markt interagierenden Menschen. Der Wert entstehe hingegen bloß innerhalb eines gesellschaftlichen Verhältnisses. Im Rekurs auf Brentel schreibt sie: „Die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie sind damit ‚gegenüber dem Schein je vorgegebener SACHverhältnisse, als SPEZIFISCHE SOZIALE und HISTORISCHE VERHÄLTNISBESTIMMUNG DER MENSCHEN IN IHREN ARBEITEN zu dechiffrieren‘“ (ebd., S. 38, Hervorheb. i. O). Dabei bezieht sie sich u.a. auf Kannankulam, wenn sie Klassenverhältnisse als ein zentrales Verhältnis auf die Agenda setzt: „Marx analysiert gesellschaftliche Verhältnisse hinter der Erstarrung von starren Naturformen. Konkreter formuliert analysiert er Klassenverhältnisse, die als ‚Brennstoff‘ und ‚Inhalt‘ der Mehrwertproduktion bezeichnet werden können“ (ebd., S. 39).

Entscheidend ist für Müller dabei, dass der Prozess der Wertverwertung nicht nur von Klassenverhältnissen absieht, sondern auch von „Care“. Die Abjektion von Care-Arbeit ist für Müller somit die Voraussetzung für Mehrwertproduktion und wird unter kapitalistisch-patriarchalen Verhältnissen selbst versachlicht. Müller schreibt: „Wird so eine permanente Abjektion von Care und Care-Arbeit von der Wertproduktion angenommen, dann existiert auch – und dies erscheint mir zentral – eine entscheidend anders konzeptionalisierbare Grundstruktur der Gesellschaft. Denn als Konsequenz dieser Verschiebung kann als Brennstoff der ökomisch-patriarchalen Form nicht lediglich ein klassenbasierter Antagonismus angenommen werden, sondern vielmehr ein Klassenantagonismus und ein Antagonismus zwischen abjekten Anderen und Nicht-Abjekten“ (ebd., S. 39, Hervorheb. i. O). Weiter heißt es bei ihr: „Zu sprengen ist diese Form (des patriarchalen Kapitalismus, R.S.) letztlich nur durch gemeinsame Kämpfe von Klassen und abjekten Anderen.“ (ebd., S. 41)8.

Ich kann hier die Kritik aus wert-abspaltungskritischer Warte an Müllers Überlegungen nur grob umreißen, und keine ausführliche Auseinandersetzung leisten. Entscheidend ist, dass Müller eine regulationstheoretische Usurpation, eine „Landnahme“ der Wert-Abspaltungs-Kritik vornimmt, die anders aussieht als die implizite von Dörre und Co. hinsichtlich ehedem fetischismuskritischer Hinterzimmer-Existenzen. Innere Schranken des kapitalistischen Patriarchats, wie sie eine fundamentale Wertkritik/Wert-Abspaltungskritik zentral behauptet, werden mit Verweis auf Michael Heinrich zurückgewiesen, eine Prozesshaftigkeit im Sinne der Regulationstheorie angenommen, die keinen Zusammenbruch des Kapitalismus kennt, sondern prinzipiell davon ausgeht, dass schon immer irgendwie eine Akkumulationsmöglichkeit gefunden werden kann, der Kapitalismus also im Grunde endlos ist. So wird versucht, der Wert-Abspaltungs-Kritik den radikalen Stachel zu ziehen, indem sie in einen wertformanalytischen, regulationstheoretischen Kontext verpflanzt wird, dem noch ein Klassenantagonismus inhärent sei. Damit wird die Wert-Abspaltungskritik in einen theoretischen Kontext überführt, gegen den sie sich seit Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten abgrenzt und zwar in ausführlichen Auseinandersetzungen an vielerlei Orten (vgl. etwa Kurz in Bezug auf die Regulationstheorie, 2005, S, 423 f.; Kurz, 2012, in Hinblick auf bestimmte wertformanalytischen Verständnisse a la Michael Heinrich und Kurz/Lohoff, schon 1989 im Hinblick auf einen linken „Klassenkampffetisch“, vgl. allerdings zur Kritik Scholz, 2008). (Sogar bei Heinrich spielt ein Klassenwiderspruch allenfalls eine untergeordnete Rolle!). Dabei wird von ihr abstrakte Arbeit als Brennstoff und Inhalt der Mehrwertproduktion auf die Klassenverhältnisse bezogen, auf sie kommt es Müller in einem „Kämpfe“-Kontext letztlich an (siehe hierzu Kurz, der ebenfalls eine „abstrakt- materielle Substanz des Kapitalfetischs“ behauptet, allerdings aus einer wert-abspaltungskritischen Perspektive - Kurz, 2012, S.192.) Die Kritik einer radikalen Wertkritik an anderen marxistischen Ansätzen wird von Müller geflissentlich ignoriert. Ignoriert wird auch, dass eine umstandslose Konfundierung von Psychoanalyse und kritischer Gesellschaftstheorie problematisch ist und sie sich für die Wert-Abspaltungskritik in der identitätskritischen Tradition von Adorno verbietet. Da Psychoanalyse und kritische Gesellschaftstheorie zwei unterschiedlichen Ebenen angehören, müssen sie als solche getrennt und gleichzeitig auf der Metaebene der Wert-Abspaltung als gesellschaftliches Formprinzip negativ dialektisch zusammengedacht werden, ohne indes die (erkenntnistheoretischen) Prämissen gleichzumachen (vgl. Scholz, 2012, insbes. S .124 f.). Insofern ist eine „Lückenphobie“ (Christine Kirchhoff) bei Müller zu konstatieren. Im Grunde wird das Geschlechterverhältnis psychologisiert und wieder einmal ins Subjekt hinein verlagert. Es droht hier also eine satte Psychologisierung nicht nur von Gesellschaftstheorie/-kritik überhaupt, sondern insbesondere wieder einmal des asymmetrischen Geschlechterverhältnisses.

Nicht nur, was das Verhältnis von Psychoanalyse und Gesellschaftstheorie betrifft, geht die Wert-Abspaltungstheorie, die nach Müller hermetisch sein soll, von, wie Müller selbst, nicht einfach zu glättenden Widersprüchen aus. Schon die Annahme eines prozessierenden Widerspruchs, der wert-abspaltungskritisch in seiner Widersprüchlichkeit noch einmal reformuliert werden muss, macht deutlich, dass die Kritik von Müller ins Leere geht; allerdings grenzt sich die Wert-Abspaltungs-Kritik von einer postmodernen Hypostasierung von Differenzen, Widersprüchen, Ambivalenzen und Ungleichzeitigkeiten ab, die die Anstrengung des Begriffs scheut wie der Teufel das Weihwasser. Dieser Widerspruch kann in der heutigen historischen Situation zu einer Dialektik der Fetischismuskritik führen, auch insofern machen „Widersprüche“ die Wert-Abspaltungskritik WESENTLICH aus.

Müller geht es jedoch, ihre Ausführungen legen dies nahe, wenn sie von „Widersprüchen“ ausgeht, vor allem regulationstheoretisch-gramscianisch orientiert, um „Kämpfe“ und „Kräfte und Gegenkräfte“ vor dem Hintergrund einer leeren relationalen Bestimmung, dass der Wert ein soziales Verhältnis sei, dem dann doch äußerlich eine körperliche Existenz zugeordnet wird. Derartige Theorien wurden und werden stets herangezogen, um einer Zusammenbruchsmöglichkeit im Kontext des „automatischen Subjekts“ auszuweichen. Dabei ist mit Form, wie sie Müller (bzw. Hirsch) versteht, eigentlich „Struktur“ gemeint, die von konkreten gesellschaftlichen Prozessen abgegrenzt wird, auch wenn sie diese sodann auf diese Form/Struktur zurückführen. Marxsche Kategorien sind so nicht Realkategorien, die einen wirklichen Prozess zu fassen versuchen und diesen somit als PROZESS auf den Begriff bringen, sondern es ist erst die Struktur da, auf deren Hintergrund sich sodann die tatsächliche Geschichte abbilden lässt. Mit anderen Worten: Es wird nicht gesehen, dass diese „Form“/Struktur ihrem ganzen Wesen nach als solche schon immer bloß eine PROZESSIERENDE sein kann. Altbacken altmarxistisch formuliert könnte man so sagen: Bei Müller handelt es sich um eine „revisionistische“ konservativ-rückwärtsgewandte Reformulierung der Wert-Abspaltungskritik, die partout nicht über bestehende marxistische Ansätze hinausgehen soll. Deutlich wird hier somit, dass die Wert-Abspaltungskritik als „kapitalismusfeindliche Ideologie“ um mit Boltansky/Chiapello zu sprechen, noch in postmodern-neomarxistische Ansätze eingehen soll, die an einer Annahme am Fortgang des kapitalistischen Patriarchats nicht zu rütteln wagen, ja eigentlich um dessen Erhalt bangen, um so reformistisch das „System“ stetig bis zur angeblichen Unkenntlichkeit verbessernd zivilisieren zu können, ungeachtet dessen, dass ihnen dieses „System“ real-objektiv im Zerfall einen Strich durch die Rechnung macht. So passen sie eigentlich voll in dieses System heute selbst hinein, das vor sich hin dümpelnd, seinen Verfall nicht wahrhaben will und ihm somit ideologisch und illusorisch „weiterhilft“. Damit fallen derartige Überlegungen sogar hinter einen Dörre zurück, der immerhin mit einer Zusammenbruchsmöglichkeit rechnet. Mit den Worten von Bröckling: Wert-Abspaltungskritik wird hier ins „Projektportfolio“ des „Projekt-Ichs“ im Kontext eines neu-marxistischen Netzwerk-Arrangements aufgenommen.

Was aber blüht einer Wert-Abspaltungskritik, wenn sie stur bei ihrer Radikalität bleibt? In der heutigen fetischismuskritischen Diskurslandschaft droht ihr der Ausschluss aus dem links-feministischen Netzwerk, ja der Bann. So schreibt in derselben Ausgabe der Femina Politica Kathrin Volk aus einer anderen Warte als Müller in einer Besprechung meines Buches „Das Geschlecht des Kapitalismus“: „Ihre grundsätzliche Kritik (also meine R.S.) bezieht sich … auf das Fehlen der ‚fetischistischen Grundkategorien des Kapitalismus‘ sowie deren Verhältnisbestimmung zu den Geschlechterverhältnissen. Einzig in Tove Soiland scheint Scholz eine angemessene Gesprächspartnerin zu finden, mit der sie die Debatte über ‚den inneren Zusammenhang‘ von Fetischismus und Geschlechterverhältnis führen kann (und will). Allerdings ist fraglich wie offen Scholz für eine solche Debatte ist, wenn sie letztendlich das Wert-Abspaltungsverhältnis für das alle Bereiche ‚durchdringende Grundprinzip‘ hält“ (Volk, 2013, S. 164). Scholz ist durchaus zu allerhand Gesprächen bereit; sie hat vielmehr den Eindruck, dass sie hier einem linken Netzwerkdruck ausgesetzt werden soll, wenn sie nicht den entsprechenden theoretisch und inhaltlich bestehenden links-feministischen „Frames“ im Kontext eines „Schnellen Brüter“-Zusammenhangs willfahrt und nicht von vornherein davon ausgegangen wird, dass das Gespräch postmodern-indifferent- harmonisch verläuft, so nach dem banalen Motto: „Gut, dass wir drüber geredet haben“, also nicht damit gerechnet wird, dass sie ihrer Umbiegung von vornherein zustimmt; sie sich also nicht eine Zwangsjacke anlegen lässt. Wie war das doch noch gleich weiter oben: „Radikale Ansprüche stehen immer in Gefahr, als verrückt angesehen zu werden, weil sie nicht in die vorhandene Realität passen.“

6. Der Drang möglichst „unfetischistisch“ zu leben …

Dies hat nun auch zu einer Wiederbelebung einer ehedem so genannten Alternativbewegung geführt, die selbst schon eine Geschichte hat. Auch für die unmittelbar praxisorientierte FetischismuskritikerIn ist – jenseits aller „abgehobenen“ Fetischismustheorie heute – etwas „im Katalog“, was allerdings voll ins Szenario eines verfallenden Kapitalismus passt. Bröckling schreibt: „Die alternative Aufhebung des Kapitalismus mündete in die Forderung, jeder Einzelne und die Projektgruppen als Ganze müssten sich als Kapitalisten in eigener Sache verhalten. Wie bei Max Webers protestantischen Sekten verblassten die alternativen Ideale und Ideologien, während das alternative Arbeitsethos und die daraus abgeleiteten Organisationsmodelle fortwirkten und einen ‚neuen Geist des Kapitalismus‘ generierten“ (Bröckling, 2007, S. 260). Und weiter schreibt er: „Angesichts der prekären, von Unterkapitalisierung und Selbstausbeutung geprägten ökonomischen Situation hatten die alternativen Projekte nur die Wahl sich entweder zu professionalisieren oder sich auf eine marginale Nischenexistenz zurückzuziehen oder aufzugeben. Nicht wenige selbstverwaltete Betriebe mauserten sich in der Folge zu innovativen Unternehmen, und dieser Schritt glückte ihnen umso leichter, desto mehr sie die Gemeinschaftsenergien, Kommunikationskompetenzen und Selbstverpflichtungsstrategien ihrer Projektvergangenheit nutzbar machen konnten“ (ebd., S. 259). Es ist also die Regel, dass Alternativprojekte allmählich den Weg von Professionalisierung, Bürokratisierung, Institutionalisierung und Ökonomisierung gehen, allerdings mit einer neuartigen Netzwerkstruktur, die sie selbst, gesamtgesellschaftlich gesehen, mit auf den Weg gebracht haben.

In Bewegungen und Projekten der solidarischen Ökonomie, von Commons, der Open-Source-Bewegung, der Umsonstläden u.ä. leben derartige Ideologien nun nicht selten mit einer fetischismuskritischen Begründung fort, als wäre die „Keimform“ derartiger Bewegungen, ihre Saat nicht schon längst im gegenwärtigen Kapitalismus aufgegangen. Vorher wurden sie noch u.a. subsistenztheoretisch untermauert, den Warentausch noch in einer befreiten Gesellschaft für unumgehbar haltend. Nun erfolgte in den 2000er Jahren eine wertkritische Umschrift. So nach dem Motto: Was liegt näher als die theoretische Wertkritik in entsprechenden Projekten praktisch werden zu lassen? Bereits John Holloway hat schon Anfang der 2000er Jahre das theoretische Plazet in Form einer vitalistisch-operaistisch gewendeten Wert- und Fetischismuskritik gegeben (Holloway 2002).

Dabei handelt es sich, wenn von Commons, solidarischer Ökonomie, Open-Source u. ä. die Rede ist, um diffuse Begriffe, die bestenfalls vage umrissen werden können: „In den letzten Jahrzehnten gab es in verschiedenen Lebensbereichen Einhegungen von Commons, die neue Widerstände nach sich zogen. In vielen dieser widerständigen Initiativen wird auf die Begriffe ‚Commons‘ und ‚solidarische Ökonomie‘ zurückgegriffen. Unter diesem Motto stellen AktivistInnen den Erfahrungen der Ohnmacht und Enteignung Momente der Wiederaneignung und Selbstbestimmung gegenüber. Viele haben das Vertrauen in die staatliche Politik ebenso wie in den Markt verloren. Sie glauben nicht mehr daran, dass sie die richtige Antwort auf die aktuellen globalen Probleme sein können und nehmen ihre Angelegenheiten stattdessen selbst in die Hand – ob es nun um die Nahrungsmittelversorgung, Medien, Wissen, das Gesundheits- oder Bildungssystem oder den Ausstieg aus der fossilen Energie geht. Sie alle verbindet ein gemeinsames Anliegen: Was Menschen für ihr tägliches Leben brauchen, darf nicht zu Privateigentum werden, sondern muss für alle zugänglich sein. Alle sollen über die Produktion und Verwendung lebensnotwendiger Dinge oder Dienste mitbestimmen können“ (Kratzwald, 2012). Bei Commons-Vorstellungen spielt dabei das Vorbild der mittelalterlichen Allmende eine Rolle; bei Peerökonomie geht es um einen freien Zugang zum Internet, um freie Software. Die Kritik der Erwerbsarbeit spielt dabei ebenfalls eine Rolle, noch mehr aber eine Geldkritik. Uralte Gemeinschaftsorientierungen kommen so wieder auf (siehe Tönnies, 2005/1881), die den Kapitalismus seit der Entfesselung des prozessierenden Widerspruchs begleiten, allerdings heute High-Tech-hochgebockt. Hintergrundtheoretiker sind dabei nicht selten eher auf die gesellschaftliche Oberfläche gerichtete Theoretiker wie Erich Fromm und André Gorz, aber auch postmoderne Theorie-Neuheiten.

So spricht auch Friederike Habermann etwa von „Halbinseln gegen den Strom“. Sie weiß, dass es ein richtiges Leben im Falschen nicht geben kann; dennoch setzt sie wider besseren Wissens doch emphatisch auf eine Politik der kleinen Netze im Hier und Heute; allen andersartigen Beteuerungen zum Trotz ist für sie die unmittelbare Alltagsebene das Entscheidende. Mittlerweile ist diese Kritik bei Gibson-Graham gelandet, die von einer kapitalzentrischen Logik ausgehen, wonach es auch eine Kehrseite des Kapitalismus gibt und „ökonomische Praktiken“, die dem Kapitalismus teilweise widersprächen. Diese „ökonomischen Praktiken“ müssten wahrgenommen und praktisch weiter verbreitet werden. Wertkritik, Poststrukturalismus, Queertheory u. ä. sind dann sozusagen per du (Habermann, 2009, S. 9 ff.). Wertkritik wird – Vermittlung bloß suggerierend – zur Barfuß-Wertkritik. Aus derartigen Kritiken hat man wiederum gelernt, und man panzert sich gegen Wohlfühlvorwürfe, um eine Kampfattitüde dieser bornierten Sichtweise zu betonen (vgl. etwa Voß, 2012). In Tausch-Rausch-Partys tauschte man/frau in den 1990er Jahren noch „gerecht“ eigene Sachen gegen andere. Dann in den 2000er Jahren „schenkte“ man/frau sich etwas im Kontext einer Umsonstökonomie.

Allmählich sind jedoch die (erneuten) Vereinnahmungs-Versuche DURCH Markt und Staat immer offensichtlicher geworden, so dass man sich zunehmend von ihnen abzugrenzen versucht, ebenso wie von obskuren freiwirtschaftlichen Ansätzen. So schreibt Kratzwald: „Zinsloses Geld soll ‚arbeitslosen‘ Reichtum verhindern, ohne das Kapitalverhältnis als solches infrage zu stellen und einer vermeintlich guten Marktwirtschaft wieder zu ihrer Geltung verhelfen. In all diesen Vorstellungen bleiben die Kernstrukturen des kapitalistischen Systems unangetastet, nämlich Lohnarbeit, Warenproduktion und Äquivalenztausch, und werden mit den Mitteln staatlicher Herrschaft gesichert. Genau diese Strukturen aber bedingen die grundsätzliche Krisenanfälligkeit des Kapitalismus und verkörpern seine Herrschaftsverhältnisse. Echte Alternativen, die zu einer sozialen Transformation über den Kapitalismus hinaus führen, müssen mit ihnen daher brechen. Commons und solidarische Ökonomie können diesen Anspruch mit Hilfe kooperativer Produktionsweisen, reziproker Beziehungen und nicht-hierarchischer Entscheidungsstrukturen erfüllen – sofern sie Teil kämpferischer sozialer Bewegungen sind, die sich nicht damit begnügen wollen, die Krisen des Kapitalismus abzufedern“ (Kratzwald, 2012). In diesem Zusammenhang grenzen sie sich auch gegen Vereinnahmung durch „Social Business oder Social Entrepreneurship“ ab, sowie gegen den „Appell an die Stärke der Gemeinschaft Sozialabgaben einzusparen, wie es der britische Premierminister David Cameron macht, der unter ‚Big Society‘ wesentliche, bisher staatlich organisierte Bereiche in Bildungs-, Pflege- und Gesundheitsbereich an den Freiwilligen-Sektor übertragen will. Eine Vorgehensweise, die im Zuge beginnender Kürzungsprogramme wohl auch in anderen EU-Ländern auf die Agenda kommen wird“ (Kratzwald, 2012).

Mit Schlagworten wie „kooperative Produktionsweise“, „reziproke Beziehung“ und „nicht-hierarchische Entscheidungsstrukturen“ im Sinne der „echten Alternativen“ ist derartigen Tendenzen jedoch nicht beizukommen. Ganz abgesehen davon, dass Zweifel an diesen angeblich nicht-hierarchischen Entscheidungsstrukturen angebracht sind. So konstatierten bereits in den 1980er Jahren Sozialarbeitswissenschaftler die Gefahr des „Gruppendrucks“, von „autoritären“ Führungsstrukturen sowie des „blaming the victim“ in Selbsthilfeprojekten des Sozialsektors (Olk/Heinze, 1985, S. 248 f.).

Um derartige Projekte am Laufen zu halten, braucht es Geld und so ist die Verbandelung mit Markt und Staat (Sozialstaat, Stiftungen usw.) unumgänglich. Dabei schert sich die Krisenverwaltung wenig um die hehren Intentionen der BewegungsakteurInnen. Was die Berliner sozialdemokratische Sozialsenatorin Ingrid Mielenz 1981 für die alternative Szene und die Hausbesetzerbewegung damals apodiktisch formulierte, kann erst recht für die Krisenverwaltung im Stadium eines fortgeschrittenen Verfalls des Kapitalismus und seiner Strukturen und Institutionen gelten: „Auf interne Konflikte, Möglichkeiten und Grenzen der Alternativbewegung (‚Selbstausbeutung‘, ‚Staatsknete‘), auf Finanzierungsprobleme (‚Spaltergeld‘) und Organisationsstreitigkeiten (‚Vernetzung‘) einzugehen, ist hier nicht Aufgabe. Selbsthilfe und kommunale Politik sind (sic!) notwendige, unverzichtbare Bestandteile sozialer Arbeit und kein Gegensatz“ (Mielenz, 1981, S. 60). In diesem Zusammenhang ist es einfach naiv zu glauben, dass man/frau sich von einem heutigen „Social Entrepreneurship“, Social Business u.ä. zum Behufe der Krisenverwaltung fernhalten kann.

Eine problematische feministische Arbeitskritik kann sich dabei auch hier äußern, indem sie abstrakte Arbeit/Erwerbsarbeit selbst bloß abstrakt in Frage stellt, sie nur eine androzentrische Arbeitsvorstellung fokussiert und kritisiert, bei der der Feminismus sich insofern geltend zu machen hat, als er „informelle“ Fürsorgetätigkeiten schon immer in den Mittelpunkt stellt. Dies müsse nun in der Form verallgemeinert werden, dass Ehrenamt, Commons u.ä. in den Mittelpunkt der Perspektive einer „großen Transformation“ – so Dölling in Anlehnung an Polanyi9 –, gestellt werden, wenn die kapitalistisch-patriarchalen Institutionen zu kollabieren drohen (vgl. Dölling, 2012). Viel wahrscheinlicher ist aber zunächst einmal die Cameronsche „Big Society“, die keine (mehr) ist.

Dabei gehen wertkritische Begründungen und eine Fetischismuskritik, wie ich aus mündlichen Diskussionen mit Verfechtern einer „solidarischen Ökonomie“ weiß, unter der Hand längst in einen Entfremdungsbegriff über. Der Fetischbegriff wird sozusagen auf einer Alltagsebene eingeschmolzen. Ein übergreifendes Totalitätsverständnis verschwindet so tendenziell bzw. gerät zur Nebensache.

Während sich etwa die Zeitschrift „Streifzüge“ noch mit einer fetischismuskritischen Wesensschau begnügt, die im Grunde auf Entfremdungskritik hinausläuft, um noch dem imaginierten letzten Ottonormalbürger seine Fetischexistenz klarzumachen (vgl. Streifzüge, 58, 2013), sind derartige Kritiken schon längst in Alltag, Theorie und Wissenschaft präsent. Dieser Absturz in eine unmittelbaristische Wertkritik und der primäre Wille zu einer Verbreiterung der Wertkritik ohne gesellschaftlich-historische Verortung ihrer selbst, war übrigens nicht zuletzt ein Grund für die Krisis-Spaltung vor zehn Jahren, die zur Gründung der Zeitschrift Exit! führte. Diesbezügliche Kritiken, insbesondere an Robert Kurz, werden häufig bloß auf der Yellow-Press-Ebene wahrgenommen. Es handele sich bloß um Probleme der Gruppendynamik und auf der Beziehungsebene, die Theorie und der Inhalt mit Rest-Krisis seien indes dasselbe. Jedoch hat u.a. Robert Kurz sehr deutlich gesehen, wie die von ihm maßgeblich mitbegründete fundamentale Wertkritik regrediert und in eine krisenverwalterisch-revisionistische Ecke rast. Fetischismuskritik wurde nicht bloß zum oberflächlichen „Zeitgeist“, sondern könnte zu einem krisenverwalterischen Grundelement werden. Dabei sollte seinerzeit von „Krisis“ der Vielfältigkeit wertkritischer Bezugnahmen Rechnung getragen werden und sowohl subsistenzlerische, solidarökonomische u. ä. Ansätze goutiert als auch gleichzeitig einem strukturellen Antisemitismus kritisch begegnet werden. Verschiedene Wertkritiken können so unter einen Hut gebracht werden und zugleich unverbindlich in der „konnexionistischen Welt“ mit ihrem Selbstunternehmertum für sich bestehen. Man ging davon aus, dass die Wertkritik im Grunde ausbuchstabiert ist und sie nur in alle Welt verkündet werden müsse (vgl. zur Kritik auch Scholz, 2005b ). Damit waren Krisis und Streifzüge Vorreiter von anderen meines Erachtens bloß pseudoradikalen Fetischkritiken.

6. Resümee: Fetischismuskritik als Widerspruchsbearbeitung oder radikale Kritik?

Nun könnte gut hegelisch vielleicht gesagt werden: Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben nun die Krisenreife, so dass es sogar dem Mann und der Frau auf der Straße auffällt – so sehr ist der Fetisch und der Wert nun zu sich gekommen; seine Wahrnehmung drängt sich geradezu auf. Fetischismuskritik liegt somit in der Luft. Könnte man/frau da nicht vielleicht sogar so etwas wie einen fetischismuskritischen runden Tisch machen?

Sieht man/frau indes genauer hin, wird ein „kategorialer Bruch“, ein Programm der Abschaffungen, nicht ins Auge gefasst; vielmehr soll eine große Transformation bloß innerhalb kapitalistischer Verhältnisse und nicht gegen sie stattfinden. Es geht in der Wissenschaft wie auch in den Szenenmilieus um Wirtschaftsdemokratie, solidarische Ökonomie, wie schon in uralten kapitalistisch-sozialdemokratischen (Genossenschafts-)Zeiten. Alter Wein wird nun in neuen (fetischismuskritischen) Schläuchen präsentiert. Mit Fetischismuskritik im Zentrum kann man heute nicht nur im Einklang mit einem bürgerlichen Wissenschaftsverständnis sein (Elbe, Heinrich und Co.) und eine Habermasianisch unterlegte Ethik-Hypostasierung propagieren, sondern auch regulationstheoretisch mit Ewigakkumulationsannahmen operieren, eine Gramsciisierung, ja auch wieder Klassenkampf betreiben. Im Grunde ist es eine positivistische Fetischismuskritik, die um sich greift.

Längst hat sich im linken akademischen Kontext, aber auch im Szenekontext im weitesten Sinne ein fetischismuskritisches Establishment herausgebildet. Fetischismuskritik ist längst Bestandteil eines „netzopportunistischen“ Kontextes. Es werden Tagungen, Kongresse, Workshops aller Art und rund um die Welt veranstaltet und dementsprechend Sammelbände mit Artikeln von der Stange veröffentlicht.

Dabei verkommen derartige Veranstaltungen immer mehr zu Festivals, Party- und Urlaubcamps. Wurde ehedem die linke Vergnügung von den kopfgesteuerten, „hirnwichserischen“ Theoretikern abgegrenzt, so gruppiert sich nun um diese „hirnwichserischen“ Veranstaltungen geradezu die Party; Leute aller Art kommen von weit her, um derartige „Events“ zu erleben. Dabei ist nicht zuletzt der Tenor, dass sich ein Queer- und Vielheits-Poststrukturalismus doch mit Fetischismuskritik aufs Vortrefflichste vereinbaren ließen! Links-bürgerliche akademische Honoratioren, ein diffuser wie auch immer gearteter (Uni)-Szenenmittelbau und ein „buntes (Szenen-)Völkchen“ (Elmar Flatschart) geben sich hier ein Stelldichein. Es fehlt nicht viel und man kann an Marktständen bei derartigen Kongressen und Festivals Buttons kaufen, mit einem durchgestrichen Geldstück drauf mit der Unterschrift „Fetisch? Nein Danke“, das man sich als Szenenlinke(r) neben andere an die buttonbestickte Brust heften kann (für eine oberflächliche „Arbeitskritik“ gibt es das wahrscheinlich schon, ganz zu schweigen von der Botschaft „Die Welt ist keine Ware“, die schon lange existiert). Fetischismuskritik ist heute „cool“, sie ist zum Bestandteil des „Spektakels“ geworden. Darum wusste schon Guy Debord, allerdings konnte er sich wahrscheinlich nicht vorstellen, welches Ausmaß dies annehmen kann. Fetischismuskritik ist längst im Kontext „Postmoderne, Lifestyle-Linke und die Ästhetisierung der Krise“, einer „Welt als Wille und Design“, angekommen (Kurz, 2013 a). Die FetischkritikerIn wird zum „Lurch“ im Sinne der bloßen „Selbsterhaltung“ (Horkheimer/Adorno, 1997, S. 53).

Die Behauptung einer Fetischismuskritik als einer „rücksichtslosen Kritik des Bestehenden“ (Marx) gegenüber einer affirmativen Fetischismuskritik, resultiert dabei allerdings selbst aus aufbrechenden Widersprüchen der heutigen Fetischvergesellschaftung, wobei sich aus der Subjekt-Objekt-Dialektik des Fetischs ergibt, dass auch Entscheidungs- und Handlungsoptionen existieren und keine und keiner opportunistisch den Dogmen einer scheinbar – man muss schon fast sagen – fetischismuskritischen Kirche in ihrer Immanenz nachgeben muss, die ihre Ursprünge noch in den Sektenstatus und den Status eines „subakademisches Hobbys“ rücken muss. Andersherum formuliert: Eine Kritik heute gängiger Fetischismuskritiken lässt vermutlich gerade die realhistorische Entwicklung der Fetischverhältnisse zu, die notwendigerweise Widersprüche mit sich bringt. Dabei tut man/frau gut daran, sich handlungspraktischen Anweisungen zu enthalten, wenn sie objektiv einfach momentan nicht gegeben werden können. Dies heißt, derartige Widersprüche auszuhalten und nicht zu glätten, um eine „wirkliche Bewegung“ jenseits heutiger Zumutungszustände überhaupt erst möglich zu machen10. „Mille Fetischismuskritik“ kann somit heute gerade nicht einfach bejubelt werden, weil hier doch immerhin irgendwie „Fetischismuskritik“ betrieben wird. Stattdessen müssen die vermeintlich „kleinen Unterschiede“ aufgezeigt werden und eine dementsprechende Auseinandersetzung stattfinden, um der Passförmigkeit einer Fetischismuskritik im Niedergang des Kapitalismus die Stirn zu bieten.

Dabei geht es, wenn man/frau sich ins Handgemenge begibt, gerade nicht um Kämpfe und Gegenkämpfe etwa im Sinne eines Gramscis; vielmehr sind derartige Begriffe und Anleihen heute selbst affirmativ und zu Schlagworten und nichtssagenden Ideologemen geworden, wenn einem nichts mehr einfällt und Politik nach wie vor der sicherste Hafen der linken Kritik am „Ende der Politik“ (Kurz, 1993) zu sein scheint. Kampf ist so durchaus angesagt, aber jenseits herkömmlicher politizistischer Phrasen, besonders, wenn es tatsächlich „Ums Ganze“ geht, eine Formulierung, die ebenfalls längst zur Phrase geworden ist. Einer radikalen kämpferischen Wert-Abspaltungskritik geht es grundsätzlich, gerade wenn sie sich einmischt, um die Überwindung einer Politik-Illusion, wenn eine objektive gesellschaftliche Entwicklung dies offenbar selbst auf die Tagesordnung setzt. Es geht ihr auch nicht um die Rettung der Soziologie, Politologie und anderer sozial- und geistesgeschichtlicher Disziplinen als Teilbereiche, vielmehr weiß sie, dass sich in ihnen Verdinglichung selbst ausdrückt.

Entscheidend ist auf jeden Fall für eine emanzipatorische Fetischismuskritik, die es mit der Überwindung des patriarchalen Kapitalismus ernst meint und einer repressiven Krisenverwaltung trotzen will, sich dem institutionellen Zugriff und entsprechenden Mechanismen und Regeln, so weit wie möglich, zu entziehen. Freilich ist eine solch radikale Fetischismuskritik auf alle möglichen Ressourcen angewiesen und sie will auch nicht im stillen Kämmerlein versauern; eine absolute Kompromisslosigkeit des Inhalts ist aber trotz einer unumgänglichen „Projektpolitik“ notwendig. Man/frau muss z.B. nicht in möglichst vielen Sammelbänden im Kontext fragwürdiger Uni- und Szenenpolitiken vertreten sein und auch nicht auf allen möglichen Tagungen und Kongressen herumhüpfen, die primär der Profilierung dienen und in denen im Grunde ein Profil gegen das andere ausgetauscht werden kann, woraus scheinbar paradoxerweise folgt, dass eine Wert-Abspaltungskritik ihr Profil entschieden und mit entsprechendem Temperament behaupten muss, auch um den Preis des Außenseitertums, wenn sie sich in derartigen Kontexten bewegt.

Fetischismuskritik darf heute nicht darauf aus sein, sich mit allem Möglichen zu amalgamieren, weil scheinbar das, was sie schon immer gesagt hat, in verschiedensten Formen und Farben vorzufinden ist. Vielmehr muss sie sich selbst reflektieren und das heißt auch, sie darf auf gar keinen Fall darauf verzichten, etwas und vor allem sich selbst auf den Begriff zu bringen, ansonsten wird sie passförmig und arbeitet womöglich autoritären Tendenzen im verfallenden Kapitalismus zu. Das heißt, sie muss es sich nicht nur weiterhin erlauben, sich selbst „zu erheben“, sondern es ist nach wie vor ihr oberstes Gebot, gerade auch die heutige (pseudo-) fetischismuskritische Situation auf „den Begriff“ zu bringen, was auch konkretere Analysen wie die von Boltansky/Chiapello und Bröckling einschließt als Vermittlung zur „konkreten Totalität“. In dieser Hinsicht muss sich Fetischismuskritik jedoch genauso ihre „Nutzlosigkeit“ – Ulrich Bröckling spricht von „Spielen der Nutzlosigkeit“, die er jedoch bloß im hilflosen Konstrukt einer Partisanentätigkeit im Foucaultschen Sinne auflöst (Bröckling, 2007, S. 286) – und Überheblichkeit bewahren, nicht im Sinne eines l’art pour l’art oder einer wissenschaftsbedachten fetischistischen Jongliererei von Begriffen wie Ware, Wert, abstrakter Arbeit, Fetisch u. ä.; vielmehr geht es um eine Kritik im Sinne Adornos, die sich unverblendet nicht mit dem Bestehenden gemein macht. Das heißt, sich nicht auf eine heute weit verbreitete, auf vielerlei Art platt und positivistisch gewendete Fetischismuskritik einzulassen, sondern sie tatsächlich als solche zu verstehen und ernst zu nehmen. Es kann nicht darum gehen, sich in ein allgemeines Fetisch-Palaver im Niedergang des Kapitalismus einzuklinken, sondern vielmehr ist zu fragen, welche Funktion ein Marx- und Fetischismushype in der heutigen Zerfalls-Epoche selbst hat.

In den vielfältigen Fetischismuskritiken heute finden dabei zwar auch nicht selten Züge, Elemente, Versatzstücke und Motive, die sich mit einer fundamentalen Wert-Abspaltungskritik decken, und es lassen sich Analysen und Untersuchungen finden, die diese auch konkretisieren können, da ein Marxsches Begriffsinstrumentarium nicht hinreicht, die konkrete Totalität in vielerlei Hinsicht näher auszuleuchten. Dies gilt etwa für Boltansky/Chiapello, Bröckling oder Banscherus u.a. (zu denen übrigens auch Dörre gehört), wenn es um die Analyse einer „konnexionischen“ Welt, um eine Netzwerkstruktur und Mentalität, den „Projektarbeiter“ und das „unternehmerische Selbst“ oder um die Funktionsweise der „unternehmerischen Universität“ geht. Insofern sind solche Analysen durchaus wertvoll und wurden deshalb auch hier aufgegriffen11. So lässt sich auch die affirmative Seite einer Dialektik der Fetischismuskritik deutlich machen. Allerdings glauben etwa Boltansky/Chiapello, dass gewissermaßen eine emanzipatorische Kritik nur mit dem Ziel eines reformierten Kapitalismus gedacht werden kann. Dabei ist Kritik für sie immer in Gefahr vom Kapitalismus einverleibt zu werden, den sie sich als endlos weitergehend imaginieren. Boltansky/Chiapello empfehlen eine Verschmelzung der „Künstlerkritik“ mit der „Sozialkritik“, auch im Sinne einer im Grunde alten Verteilungsgerechtigkeit. Dabei kann man/frau sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, dass hier dem alten Blaumann nachgetrauert wird. Banscherus u.a. machen sich zu Bildungspolitikberatern; sie geben immanente Empfehlungen für eine bessere Bildungspolitik/Universität. Deshalb müssen derartige Überlegungen im Kontext einer radikalen Fetischismuskritik gegen den eigenen Strich gebürstet werden und ihr eigener Status innerhalb der heutigen konkreten historischen Situation mit den ihnen eigenen Mitteln und Instrumenten untersucht werden. Dies gilt jedoch für das allgemeine Fetischkritikszenario überhaupt und in gewissem Sinne selbst für die bisherige Wert(Abspaltungs)kritik, die den Mut haben muss auch „gegen sich selbst zu denken“ (Adorno).

Auf Vortragsreisen habe ich allerdings auch die Erfahrung gemacht, dass sich heute, auch wenn dies im Kontext einer problematischen Marx-Renaissance und Fetischismuskritik geschieht, etliche einen marxtheoretischen Kontext jenseits der Lerntierebene erarbeitet haben. Sie fallen zum Beispiel nicht einem Ethik-Diktat anheim und sind für eine fetischismuskritische Fetischkritik eben im Medium der Fetischkritik offen, nicht zuletzt weil sie sehen, wie es auch an einer fetischmuskritischen Universität oder in Projekten einer „solidarischen Ökonomie“ mit ihrer Doppelmoral zugeht, die realiter alles andere als antihierarchisch sind, und sie ebenfalls bemerken, dass nicht nur die Finanzierungs-, sondern auch die Profilierungsfrage zu faulen Kompromissen führt. Mit anderen Worten: Das Affirmativ-Werden und ein falscher Zungenschlag einer (Pseudo-)Fetischismuskritik fallen längst auf. Dies gilt keineswegs bloß für FetischismuskritikerInnen in der „PreDoc-Phase“, wo man sichs noch locker leisten kann. Es drängt sich auch auf, wenn man/frau mehrjährige wissenschaftliche Ochsentouren auf sich nimmt und am Ende nicht viel herausschaut, was man eigentlich schon immer wusste, auch wenn nicht wenige Verbissene an der Talar-Vorstellung festhalten. Dies zeigt ebenso, dass von einer Dialektik der Fetischismuskritik ausgegangen werden muss. Sie kann auch andere Wege gehen als den der Affirmation im verfallenden Kapitalismus, die objektiven gesellschaftlichen Widersprüche erzwingen eine solche Möglichkeit wahrscheinlich geradezu. Warum nicht, wenn man/frau die Möglichkeit hat ein Doktorarbeitsstipendium mitzunehmen, aber dennoch nicht den Unsinn zu glauben, den es dabei zu verzapfen gilt?

Auf jeden Fall aber gilt es diese Zwiespältigkeit erst einmal überhaupt zu erkennen. Erst im Kontext derartiger Analysen wäre sodann die Frage nach Vernetzung und Vermittlung möglich, die sich nicht mit karriereorientierten, kongresstouristischen und Unmittelbarkeits-Fetischismuskritiken gemein macht, die mit wahrscheinlichen barbarischen Varianten einer gesellschaftlichen Zersetzung zusammen gehen könnten. Auch für eine Wert-Abspaltungskritik gilt so längst, was Friedericke Küster feministischer Theorie und Kritik ins Stammbuch schreibt: „Sie (feministische Kritik, R.S.) ist trotz dissidentem Impuls auf staatlich alimentierte Reflexionsräume angewiesen und bleibt deshalb auch nicht unbeschadet von der Trockenlegung der Biotope intellektueller Kreativität“ (Küster, 2013, S. 117).

Eine Konsequenz einer derart einfältigen und eindimensionalen Fetischismuskritik im Kontext des „Kollaps der Modernisierung“ könnte nicht zuletzt sein, dass es zu einer Goutierung eines „alternativen Arbeitsethos kommt“, nicht bloß im Sinne eines „Selbstunternehmertums“, von dem Bröckling spricht, sondern nun im Sinne von „Nichtarbeit“, d.h. ehrenamtlicher Arbeit, Umsonstökonomie u. ä., bei einem Grundeinkommen, das zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. Entsprechende Pseudoantworten zu geben, könnte u. a. eine Folge der ständigen Nörgelei an der Wert-Abspaltungskritik sein, die ihr die Beantwortung der Frage „Was tun?“ abverlangt.12

Die Möglichkeiten, die einem im Hier und Jetzt einfallen bis hin zur Herausnahme von elementaren Grundbedürfnissen aus dem Verwertungsprozess, könnten gut von einer Krisenverwaltung instrumentalisiert werden, mit einem kräftigen Schuss fetischismuskritischer Begründung, wie einst die rot-grüne Regierung die Forderungen der neuen sozialen Bewegungen ins Hartz IV-Programm aufnahm. Das, was diese einst gewollt hatten, wird nun nicht nur ihnen, sondern der ganzen Gesellschaft reingedrückt. Längst sind heute schon staatlich-autoritäre Tendenzen sichtbar, die auf leisen Sohlen kommen, nicht unbedingt Carl Schmitt-martialisch, zumindest nicht im Merkel-Deutschland. Kreativität, Erfindungsgabe, Mobilisierung von Ressourcen, Innovationsfähigkeit im Sinne informeller kleiner Netze könnten nun sogar noch, wenn auch geringfügig, vom Staat gefördert werden. Dies ist in einigen Zusammenbruchs-Gesellschaften innerhalb und außerhalb Europas längst der Fall. Während hierzulande Theorie und Praxis einer solidarischen Ökonomie usw. häufig von Mittelschichts-Sprösslingen betrieben wird, geht es bei derartigen Projekten in Ländern des Südens wie Brasilien, Venezuela, aber auch in Griechenland ums Überleben – wie oftmals betont wird. Ein plakativer Umgang und eine Beweihräucherung von Care, Ehrenamt, Commons u.ä. im Feminismus könnte Frauen so teuer zu stehen kommen. Sie könn(t)en nun krisenverwalterisch zur Verantwortung für „Geld und Überleben“ (Irmgard Schultz) verdonnert werden. Stattdessen wäre auf einer kategorialen Kritik zu bestehen, die darauf pocht, dass die Wert-Abspaltung als Formprinzip durch alle gesellschaftlichen Bereiche geht. Demgegenüber ist eine Überführung der Wert-Abspaltungskritik in herkömmliche marxistische Theorien, auch eines Postmarxismus, einfach als revisionistisch zu veranschlagen.

Sprach Robert Kurz schon in den 1980er Jahren im Hinblick auf die Alternativen und Grünen von „Turnschuh-Noskes“ (Kurz, 1988), was sich im Kosovokrieg auf das Trivialste bestätigte, aber auch in „Hartz IV“-Regelungen, so ist es keineswegs unvorstellbar, dass ein fetischismuskritischer Noske im Niedergang des Kapitalismus zu dessen Erhalt Widerständigkeiten niederzukartätschen versucht.

Es geht dabei nicht bloß um eine „kategoriale Kritik“ und ein Programm der Abschaffungen im Sinne eines hehren idealistischen Ziels und eines gesellschaftskritischen Heroentums, das Sollensvorschriften macht, sondern einiges deutet darauf hin, dass Fetischismuskritik ein wichtiger ideologischer Bestandteil einer peitschenschwingenden Krisenverwaltung sein könnte, mit – gelinde formuliert – repressiven Folgen im Hinblick auf die konkreten Subjekte, wobei eine derartige Entwicklung noch durch eine „ethische“ und auch reformistisch orientierte verbalradikale Fetischismuskritik in der Theorie womöglich legitimiert und gerechtfertigt wird.

Nachtrag: Nach der Erstfassung dieses Artikels stellte sich heraus, dass das Thema „Marx und Akademisierung“ in der Linken heute breit diskutiert wird. So gab es z.B. eine Ausgabe der „Phase 2“, die sich explizit hiermit beschäftigt hat (Nr. 46, 2013). In Berlin gab es eine Konferenz „Zur Lage des Marxismus“, bei der die Problematik Universität und (westlicher) Marxismus im Mittelpunkt stand und der Bezug zu nichtakademischen Kontexten Gegenstand sein sollte. Dabei ist es bezeichnend, dass bloß Uni-ProfessorInnen/Promis, StudentInnen und Promovierende eingeladen waren. Dies unterstreicht noch einmal, dass eine quasi „ständisch“ orientierte (fetischismuskritische) scientific community zur (disziplinären) Selbstrettung auf jeden Fall unter sich bleiben will und ein außerakademisches widerständiges Theorie-Potential im Grunde dezidiert fern gehalten werden soll (Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung, 2013). Aber auch sonst wird dem Verhältnis zwischen Akademie und außerakademischen linken Debatten gegenwärtig auffällig viel Aufmerksamkeit geschenkt. Behandelt wird dabei allerdings weniger die Beziehung von Wahrheit, Inhalt und fatale In-Wert-Setzung, nicht nur des eigenen Wissens und der objektiven Wert-Abspaltungsverhältnisse, sondern im Zentrum steht der eigene elende Betroffenheitsstatus als (angehende) prekäre AkademikerInnen, denen ansonsten das Hartz IV-Schicksal womöglich dauerhaft droht. Insofern imaginiert man sich selbst als „Staatsfeind an der Universität“, wie Wolfgang Pohrt einmal geschrieben hat. Es fällt einem unwillkürlich der Spruch ein: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist“.

Literatur

Voß, Elisabeth: Solidarische Ökonomie als wirtschaftliche Selbsthilfe und in gesellschaftlicher Dimension. In: Kurz-Scherf, Ingrid/Scheele, Alexandra (Hrsg.): Macht oder ökonomisches Gesetz? Zum Zusammenhang von Krise und Geschlecht, Münster, 2012, S. 243-259.





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