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Daniel Späth


Daniel Späth

Dialektik der Ideologien

Der Sturz ins Bodenlose: Dieses Bild steht nicht nur für einen materiellen Zusammenbruch; es steht für einen identitären Kollaps des bürgerlich-kollektiven Bewusstseins. Doch die über Jahrhunderte eingeschliffenen psychologischen Abwehrmechanismen greifen; reflexartig wird der Satz, es „wäre eine Ende“ in Sicht, der konjunktivische Anklang ans „Unmögliche“, verdrängt; es gibt ein danach, es „kann neu auf[ge]bau[t] [werden]“. Das Gefangen-Sein des bürgerlichen Denkens in seiner Subjektform und die dumpfe Ahnung, dass dieselbe historisch unhaltbar geworden ist, diese sich zuspitzende Widersprüchlichkeit des bürgerlichen Denkens unter den Bedingungen der Krise produziert eine eigentümliche Dialektik der Ideologien.

Die rapide Zunahme des Antisemitismus, Resultat der subjektivistischen Schuldzuweisung der Krise an gierige Banker und Spekulanten, hat eine eigene Dynamik gewonnen. Wenn ein Ahmadinejad mit einer Brandrede im UN-Hauptquartiert eine jüdische Weltverschwörung proklamieren kann und dafür Beifall erhält, wankt eine der letzten Schranken vor dem endgültigen Übergang der Moderne in die Barbarei: Das Existenzrecht Israels.2

Dieser (strukturelle) Antisemitismus war schon immer begleitet von der Affirmation eines kleinbürgerlichen Standpunktes, welcher zunehmend an Bedeutung gewinnt: Denn wenn eine Welt zusammenstürzt, wird eine neue entstehen, und in dieser neuen Welt sehen zum Beispiel die beiden Fraktionsvorsitzenden der Großen Koalition (…) eine Renaissance der deutschen Politik. Denn diese haben daheim ja die Alternative zum angelsächsischen Turbokapitalismus, wenn sie auch vernachlässigt wurde: die soziale Marktwirtschaft, die für Skrupel steht, für Rücksicht, für Ausgleich.3

Man „hat“ schon die Alternative. Entrüstet steht der Normalbürger vor dem Warenregal und erhofft sich von dem zukünftigen Produkt einiges: Nicht so viel Spaßfaktor zwar, aber dafür eine längere Gebrauchsgarantie. Das präformierte Bewusstsein kann „Kritik“ nur in dumpfer Hilflosigkeit artikulieren. Die Differenz zwischen dem Seienden und der Kritik desselben ist eingeebnet. Der kritisierte Gegenstand ist nicht Gegenstand der Kritik.

Diese reaktionäre Ideologie drückt sich im Anklang an das „schaffende Kapital“ und die Besinnung auf gute deutsche Handarbeit aus. Die keynesianistische Ideologie, Kehrseite des Neoliberalismus und in der Fundamentalkrise der 3. Industriellen Revolution genauso illusionär wie dieser, hat konjunkturellen Aufwind: Wie jede Krise verkündete Angela Merkel in der Regierungserklärung zur Finanzkrise bietet auch diese Krise des Finanzsektors eine Chance. Sie bietet die Chance, dass alle innerhalb und außerhalb Deutschlands die internationale Dimension der sozialen Marktwirtschaft erkennen, verstehen lernen und den Anspruch haben, sie gestalten zu wollen.4

Die Illusion einer „Weltpolitik“, einer internationalen Regulierung der globalen Wirtschaft, die dabei heraufbeschworen wird, verkennt vollkommen die Widerspruchsebene zwischen notwendig nationalem Bezugsrahmen des Kapitals und der Tendenz zur Schrankenlosigkeit desselben:

Schwadronierte sie zuvor noch von einer „internationale[n] Dimension der sozialen Marktwirtschaft“, fällt sie reflexartig auf die nationale Ebene zurück – das bürgerliche Bewusstsein ist hin- und her geschleudert in seiner Zerrissenheit: Solche Argumentation ist grotesk: Monate vor dieser Proklamation eines starken Deutschlands wurden Senkungen der Unternehmenssteuern und der Reallöhne noch mit dem Druck der Globalisierung auf den Staat begründet; die postulierte „Weltregierung“, in Form der sozialen Marktwirtschaft in guter deutscher Tradition, Widerspruch in sich, wird Minuten später zugunsten eines starken Deutschlands selbst in Frage gestellt. Einem Bewusstsein, welches sich von dem Anspruch jeglicher Stringenz in der eigenen Argumentation verabschiedet hat, ist alles zuzutrauen. Diese Sätze wären nicht ernst zu nehmen und in ihrer Lächerlichkeit zu ignorieren, wenn sie nicht rassistische Ressentiments schüren würden.

Wenn dabei Angela Merkel die „soziale Marktwirtschaft“ als deutsches Phänomen bemüht und dabei auf Bedeutung der „sozialen Marktwirtschaft eines Ludwig Ehrhards“6 hinweist, ist dies Ausdruck der historischen Verdrängungsleistung des bürgerlichen Bewusstseins: Das Nachkriegsdeutschland in seiner institutionellen Gestaltung war hauptsächlich Produkt der westlichen Alliierten. Aber dem Inhalt steht diese Ideologie sowieso gleichgültig gegenüber, da sie eine bloß abstrakte Identität konstituiert; man kann nur hoffen, dass dem historischen Erinnerungsvermögen dieser Funktionseliten die zwölf Jahre davor präsenter sind.

Der ideologische Stimmungsumschwung der bürgerlich-neoliberalen Funktionseliten, welcher in der Aufstiegsbewegung des Kapitalismus Jahre, oftmals Jahrzehnte dauerte, offenbart eine grauenhafte Dialektik der Ideologie. Die Irrationalität, dem (deutschen) Nationalstaat eine derartige Kohärenz und Handlungsfähigkeit unter den Bedingungen einer transnationalen Struktur des Kapitals zuzugestehen, zwingt das Bewusstsein zu neuer Ideologiebildung. Roswitha Scholz hat diesen Zusammenhang von Antiziganismus und sozialen Abstiegsprozessen analysiert:

Die reale Angst der Bevölkerung vor dem eigenen ökonomischen Untergang, kann nur noch schwer verdrängt werden. Es erfolgt eine Gegenbesetzung im psychoanalytischen Sinne: Es wird zunehmende Aggression frei:

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