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Robert Kurz


   
Kurz, Robert
Geld ohne Wert
Grundrisse zu einer Transformation der Kritik der politischen Ökonomie
Geld ohne Wert  
Verlag :  Horlemann, B
ISBN :  978-3-89502-343-9
Einband :  Englisch Broschur
Seiten/Umfang :  ca. 420 Seiten - 21,0 × 14,8 cm
Erschienen :  1. Aufl. 30.07.2012
Preisinfo :  16,90 Eur[D] / 17,40 Eur[A]
Alle Preisangaben inkl. MwSt
  16,90 Eur[D]

Robert Kurz

GELD OHNE WERT

Grundrisse zu einer Transformation der Kritik der politischen Ökonomie

Vorwort

Vom 11. bis 13. März 2011 fand in der Universität Bremen ein Symposion unter dem Titel „Magie des Geldes. Seine Rationalität und Irrationalität“ statt, veranstaltet von Johannes Beck, Helmut Reichelt, Gert Sautermeister und Gerhard Vinnai im Rahmen des Instituts für Kulturforschung und Bildung. Der folgende Text fußt auf einem Referat, das für diesen Anlass vorgesehen war und wegen familiärer Verpflichtungen leider nicht gehalten werden konnte. Dieser Kern wurde in einer ausgearbeiteten, ergänzten und stark erweiterten Fassung zur Grundlage des vorliegenden Buches.

Über den ursprünglichen Anlass hinaus stellt der vorliegende Essay den Versuch dar, verschiedene Argumentationsstränge einer grundlegenden Neuinterpretation der Kritik der politischen Ökonomie in einer Art Übersicht oder Gesamtschau vorzustellen. Im Grunde sind es vier große Themen oder vielleicht auch Projekte, die hier in einem ersten Versuch zusammengeschlossen werden: Erstens das Problem der vormodernen oder vorkapitalistischen Sozietäten, die in der qualitativen Eigenheit ihrer geringen Vergesellschaftung mit ganz spezifischen Beziehungsformen und damit ihrer grundsätzlichen Differenz zur negativen „ökonomischen“ Vergesellschaftung der sogenannten Moderne gefasst werden müssen. Deshalb verbietet sich im Gegensatz zur Aufklärungsvernunft und ebenso zum Marxismus eine transhistorische Bestimmung vermeintlich übergreifender Grundkategorien („Arbeit“, Geldform, Warenform etc.), wie sie aus der bürgerlichen Geschichtsmetaphysik folgt. Zweitens der historische Konstitutionsprozess des Kapitals in der Frühmoderne, der als Übergangsform eine andere Logik bzw. eine andere Abfolge der Kategorien impliziert als das „fertige“ Kapitalverhältnis. Drittens die Logik und der kategoriale Zusammenhang oder „Kreislauf“ (Marx) des Kapitals als sein eigener Reproduktionsprozess oder „Gang in sich“, der sich aus einer veränderten Sicht der Grundbestimmungen auch anders darstellt als in den gängigen Lesarten der Marxschen Theorie. Und viertens der innere Selbstwiderspruch und die logische innere Schranke der kapitalistischen Dynamik, die sich schließlich auch historisch als manifestes Resultat einer fortschreitenden Binnengeschichte des Kapitalfetischs aufrichten muss.

Natürlich kann im relativ knappen Rahmen dieser Untersuchung der vierfache Themenbezug nur essayistisch formuliert werden und nicht in einem ausführlichen monographischen Verfahren. Dafür bietet der Essay aber die Skizze eines umfassenden historisch-logischen Zusammenhangs, der in dieser Form als ein Ganzes bei einem weiter greifenden Durchgang durch das Material und die Literatur wohl nicht noch einmal aufgenommen werden kann und deshalb seinen eigenen Wert hat.

Dabei geht es notwendigerweise zugleich um eine Auseinandersetzung im theoretischen Feld des Marxismus, und zwar hauptsächlich anhand der zeitgenössischen Debatten zwischen der neueren Orthodoxie (im weitesten Sinne) einerseits und der sogenannten Neuen Marxlektüre andererseits. Demgegenüber wird hier eine dritte Position eingenommen mit dem Anspruch, den bislang im Vordergrund stehenden Streit dieser beiden Lesarten kritisch zu transzendieren. Der zentrale Gesichtspunkt ist nicht die Marx-Philologie, sondern die Anforderung einer konkret-historischen Erklärung gesellschaftlicher Prozesse. Dies betrifft sowohl die Stellung des Kapitalismus in der Geschichte als auch seine eigene Geschichte und nicht zuletzt seine historischen Grenzen. Die Schärfe des theoretischen Konflikts speist sich daher vor allem aus gegensätzlichen Begriffen der Historizität des Gegenstands auf mehreren Ebenen. Obwohl die Ursachen epistemisch und inhaltlich viel tiefer liegen, muss sich der Konflikt in der Auseinandersetzung um die Marxsche Krisentheorie noch einmal besonders zuspitzen. In diesem Punkt stehen die neuere Orthodoxie und die Neue Marxlektüre zusammen mit nahezu dem gesamten übrigen Rest- und Postmarxismus nicht zufällig in einer Front gegen die hier vertretene theoretische Richtung.

Es mag auch wohlwollende InteressentInnen überraschen und befremden, dass sich die kritische Absicht dieses Essays im Kontext der Auseinandersetzung um die Marxsche Theorie in einigen zentralen Punkten gerade auch gegen die Version der Neuen Marxlektüre von Michael Heinrich und seiner „Wissenschaft vom Wert“ (Heinrich 2003/1999) wendet. Bei dieser handelt es sich jedoch nicht um ein unproblematisch verwandtes Denken, wie oberflächliche Betrachter oft meinen, sondern um die vielleicht wichtigste Gegenposition, weil sie dasselbe Terrain einer grundsätzlichen Neubewertung der Marxschen Theorie und der Geschichte des Marxismus mit völlig entgegengesetzten Konsequenzen hinsichtlich der kategorialen Bestimmungen zu besetzen beansprucht und daher den Zusammenstoß am meisten herausfordert. Über die früheren Ansätze einer Polemik hinaus, wie sie vorläufig in Texten der Theoriezeitschrift „Exit“ formuliert wurden (Kurz 2004, 2005 a), wird hier die Kritik an der zirkulationsideologischen und tauschidealistischen Heinrichschen Interpretation weitergeführt. Dessen „Lesart einer Lesart“ überwindet vor allem den „methodologischen Individualismus“ in der Kritik der politischen Ökonomie nicht, der als wesentliches Element bürgerlicher Episteme wie bei den neo-orthodoxen Kontrahenten unterbelichtet bleibt. Stattdessen wird die entsprechende, aus dem Marxschen „Darstellungsproblem“ folgende Verkürzung bloß mit dem postmodernen Denken kompatibel gemacht.

Dem essayistischen Charakter des Textes entsprechend sind auch in dieser Hinsicht die Zitate sparsam gehalten; noch einmal genauer aufgerollt wird die Argumentation in später folgenden Texten ähnlichen Umfangs mit spezifischen Fragestellungen, die einer gesamthistorischen Betrachtung weniger Raum geben und sich mehr auf die immanenten Probleme der Marxschen Theorie im engeren Sinne (insbesondere hinsichtlich des Substanzbegriffs) konzentrieren sollen. Geplant ist in diesem Zusammenhang eine Reihe von Publikationen zur Kontroverse um die Kritik der politischen Ökonomie im 21. Jahrhundert, die ursprünglich als ein einziges Buchprojekt mit dem vorläufigen Titel „Tote Arbeit“ konzipiert war.

Die veränderte Konzeption als Reihe von Texten mit jeweils begrenzter Thematik und entsprechendem Umfang ist nicht allein dem Zugeständnis an die Lesegewohnheiten eines Publikums geschuldet, das theoretische Werke mit dem Anspruch einer systematischen Gesamtdarstellung, begrifflichen Entwicklung und Analyse nicht mehr aushalten kann oder will. Das voluminöse Marxsche „Kapital“ hätte es heute wohl noch schwerer als bei der Erstauflage des ersten Bandes im Jahr 1867, über mehr als zweitausend verkaufte Exemplare hinauszukommen. Aber man kann die im postmodernen ideologischen Schmalspur-Positivismus verpönte „Großtheorie“ als ein transformatorisches Projekt, das bewusst dieses „Verbot“ missachtet, auch in kleineren Happen verabreichen. Nicht aus Gründen der Anpassung, sondern um der begrifflich-analytischen Darstellung stärker den Charakter einer Intervention im historisch aktuellen Konflikt um die Marxsche Theorie geben zu können.

Denn gerade heute empfiehlt es sich, die theoretische Distanz nicht so sehr in der Stille langjähriger Entfaltung des Begriffs zum Gesamtkunstwerk zu suchen, sondern als Konfliktformulierung im Handgemenge auf dem Feld der Auseinandersetzung. In einer Zeit realer Epochenbrüche geht es weniger denn je um ein bloß philologisches Verständnis im akademischen Sinne, sondern letzten Endes um die historische Praxis radikaler Kritik. Auch die Klärung des Verhältnisses zwischen dem Logischen und dem Historischen in der Marxschen Theorie, ein wichtiger Punkt in der hier angesprochenen Auseinandersetzung, hat entscheidende Konsequenzen für eine neu zu bestimmende Überwindung der kapitalistischen Fetischgesellschaft nach dem unrühmlichen Ende der bisherigen Programme von Sozialismus und Kommunismus.

Inhalt

Vorwort
Einleitung: Die unvollendete theoretische Revolution
1. Das Logische und das Historische
2. Monetäre und prämonetäre Werttheorie
3. Der Begriff der „Nischenform“ und der methodologische Individualismus
4. Vorkapitalistische Fetischverhältnisse
5. Ein Geld, das noch gar keines ist
6. Geld als historische Fundsache und die ursprüngliche Konstitution des Kapitals
7. Konstitution und Zirkulation
8. Das Verschwinden der Zirkulation und die Logik des Kapitals
9. Der gesamtgesellschaftliche Status der Kategorien und der methodologische Individualismus hinsichtlich des Kapitalbegriffs
10. Die abstrakt-materielle Substanz des Kapitalfetischs
11. Die Geldware oder das allgemeine Äquivalent als ausgesonderte Ware
12. Die doppelte Historizität und der objektive Charakter der Krisen
13. Der fragmentarische Charakter und die verkürzte Rezeption der Marxschen Krisentheorie
14. Relativer Mehrwert und Expansion des Kapitals. Der binnenhistorische Kompensationsmechanismus und seine logischen Grenzen
15. Das Ende der inneren Expansionsbewegung, die Weltkrise der dritten industriellen Revolution und die Blamage des linken Positivismus
16. Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate
17. Die doppelte Entwertung des Werts. Auf dem Weg zur historischen Krise des Geldes
18. Kategoriale Affirmation, Krisenignoranz und Mythologisierung der „Zusammenbruchstheorie“
19. Falscher Historismus und falscher Logizismus. Sozialismus und Ware-Geld-Beziehungen
20. Das Opfer und die perverse Rückkehr des Archaischen
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