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Kritik des Kapitalismus als der Theologie der Moderne


erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
am 2. August 1999

Jörg Ulrich

Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar

Die Managementtheorie erscheint heute als Theologie nach dem Tode Gottes: Stan Davis und Christopher Meyer erteilen den Rat erfahrener Männer

Theoretisch vorbelasteten Leserinnen und Lesern des Buches "Das Prinzip Unschärfe" von den beiden Managern des Ernst & Young Konzerns Davis und Meyer werden möglicherweise während ihrer Lektüre öfter folgende Sätze eines älteren Autorenduos einfallen, die den Anfang eines Prozesses beschreiben, dessen Konsequenzen hier dargestellt und gleichsam abgefeiert werden. "Unsicherheit und Bewegung", so Marx und Engels vor mehr als hundertfünfzig Jahren über den sich gerade mit aller Macht durchsetzenden Industriekapitalismus, "zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen zu sehen."

Waren diese Formulierungen optimistisch gemeint, weil die Autoren davon ausgingen, dass die Menschen ihre Verhältnisse auch verändern können, wenn sie denn schon gezwungen sind, sie "mit nüchternen Augen" zu sehen, so erfahren wir bei Davis und Meyer nun, was passiert, wenn Bewegung und Veränderung in ihrer maßlosen Beschleunigung auf der Höhe der Entwicklung eines umfassend technifizierten, globalisierten, vernetzten Kapitalismus zu derjenigen Instanz werden, der sich die Individuen bedingungslos unterwerfen müssen. Veränderung und Bewegung sind für die Autoren das zum Prozess verflüssigte Absolute, das man nicht beeinflussen, dem man nicht gegensteuern und das man auch nicht begreifen kann. "Versuchen Sie nicht", wird den Leserinnen und Lesern geraten, "die Entwicklungen zu verlangsamen, und versuchen Sie auch nicht, sie zu verdeutlichen, in einen Code zu pressen oder sie zu erklären. Sie müssen sie einfach akzeptieren und die neuen Regeln lernen."

"Vernetzung", "Geschwindigkeit" und "das nicht Greifbare" sind die Komponenten eines selbstläufigen Prozesses, in den hinein alles physisch Greifbare verdampft, und zwar samt den Subjekten, welche sich selbst aufzugeben haben zugunsten der reflexiven Bindung an die Heteronomie von "Kräften" und "Gesetzen", die sie nicht steuern können. Die vernetzte Echtzeit-Ökonomie lässt uns "in die Welt der Grenzenlosigkeit" eintreten, wobei Grenzen nicht überschritten, sondern "unscharf" werden und sich auflösen. Die ganze Welt zerstaubt ins Übersinnliche jenes Prozesses, für den als Chiffre die nicht greifbaren "Kräfte des Marktes" stehen.

Managementtheorie erscheint als Theologie nach dem Tod Gottes. Das Absolute ist in die Welt gekommen. Gott steht nicht mehr als unbewegter Beweger außerhalb, er ist die Bewegung selbst, und es genügt nicht mehr, in der stillen Einkehr des Gebetes mit ihm Zwiesprache zu halten, denn er offenbart sich nicht, er spricht weder aus den Wolken noch aus einem brennenden Dornbusch. Die Menschen müssen sich anstrengen und "komplizierte Mechanismen" ersinnen, "um die Stimme des Marktes hören zu können." Da nimmt es kaum wunder, dass auch die Sprache der Autoren ins Theologische abgleitet. "Die Dreieinigkeit des Prinzips Unschärfe" - Vernetzung, Geschwindigkeit und nicht Greifbares - "stellt die treibende Kraft dar." Vorbei die idyllischen Zeiten, in denen Menschen sich wenigstens noch der Illusion hingeben konnten, sie seien in der Lage, ihre Angelegenheiten selbst zu lenken und zu bestimmen. "Warum sollten wir so tun, als bestimmten wir unsere Zukunft, wenn sie doch offensichtlich nicht in unseren Händen liegt?"

Nach Davis und Meyer liegt sie stattdessen in den nicht vorhandenen Händen jenes Gottes, den man nicht begreifen kann. Ergo kommt es, wie schon beim alten Gott des Christentums, einem Akt menschlicher Selbstüberhebung gleich, ihn qua Vernunft und Wissenschaft erkennen zu wollen. "Die Wirtschaftstheorien, die an den Universitäten gelehrt werden, eignen sich einfach nicht zur Beschreibung unserer heutigen Wirklichkeit. Sie gehen von endgültigen Voraussetzungen aus, und viele der Lehrsätze, an denen sie festhalten - die Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit, zwischen Schulden und Zinssätzen, zwischen Handelsbilanzdefiziten und dem Wert der Währungen oder zwischen dem Buch- und Börsenwert -, leben nur noch von ihrem guten Ruf, und nicht mehr von relevanten empirischen Beweisen."

Auch dieser Umstand ist aus der theologischen Tradition bekannt. Ontologische Gottesbeweise versagen. An Gott muss man glauben, beweisen lässt er sich nicht, nicht einmal benennen.

In der "Dreieinigkeit" von Vernetzung, Geschwindigkeit und Nichtgreifbarem ist er der, der er ist, ein flüchtiges Wesen, das sich so schnell bewegt, dass man ihm nur nachlaufen kann mit dem Bewusstsein, ihn doch niemals erreichen zu können. In der Wirtschaft "bewegt sich der Wert so schnell, dass man den Bestand nicht mehr vom Fluss unterscheiden kann." Mehr noch: Wirtschaft und Gesellschaft fallen in eins, alle herkömmlichen Trennungen verschmelzen, die Lebenswelt wird zur "Welt des Kapitals", in der "zwischen Strukturen und Prozessen" nicht mehr unterschieden werden kann, "zwischen Besitz und Verwendung, Wissen und Lernen, Wirklichkeit und Virtualität, Arbeitgeber und Arbeitnehmer" und so weiter. Daraus ergibt sich unmittelbar die Forderung danach, dass wir uns "von der Vorstellung stabiler Lösungen trennen" müssen. Der Prozess ist alles, die Subjekte sind nichts, sie sind allenfalls lebende, durch den Prozess bewegte Partikel, deren Autonomie darauf reduziert ist, sich freiwillig den Imperativen des "Nichtgreifbaren" anzupassen und zu unterwerfen - bei Strafe des Untergangs.

"Wir müssen alle in Bewegung bleiben" und immer daran denken, "dass der Tanz in vollem Tempo weitergeht." Basissätze einer modernen Prozessmetaphysik. Es gibt keine Tänzer, nur den Tanz. Anders gesagt: Die Tänzer tanzen nicht den Tanz, sondern der Tanz tanzt die Tänzer. "Hören Sie auf die Signale des Marktes, und passen Sie sich entsprechend an." Die Begründung dafür, wie man in diesem Zusammenhang von "einer Welt selbstbestimmender Individuen" sprechen kann, wird wohl auf immer das theologische Geheimnis der Autoren bleiben, die sich dementsprechend auch als "Visionäre" bezeichnen, als gewissermaßen Eingeweihte, die den Unwissenden die Wahrheit über die Welt offenbaren.

Interessant indes erscheint der Hinweis darauf, dass der Übergang von der Industriegesellschaft zur Informationsgesellschaft darin besteht, dass das Kapital sich von der materiellen Produktion löst und endgültig als übersinnliche Macht wirksam wird, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem "physisches Kapital nicht mehr ein Guthaben, sondern ein Hindernis darstellt." Die Emanzipation des Kapitals von seinen stofflichen Grundlagen macht die gespenstische Ungegenständlichkeit aus, von der die Gesellschaft in zunehmendem Maße bestimmt wird. Insofern das Kapital "dabei ist, sich in ein nicht greifbares Gut zu verwandeln", negiert es gleichsam die Existenz einer materiellen Realität. Das zu sich selbst gekommene, also das endgültig emanzipierte Kapital wäre so gesehen reine Bewegung, inhaltsleeres Fließen, eine Abstraktion, die nicht abstrakt ist gegenüber dem Konkreten, sondern Abstraktion von sich selbst, mithin abstrakte Abstraktion, ein nicht denkbarer Begriff, der in der philosophischen Tradition als "das Nichts" bezeichnet wird.

Die gesamte Abhandlung von Davis und Meyer stellt eine Anleitung für Individuen und Unternehmen dar, sich diesem Nichts möglichst effektiv gleichzumachen, ihm immer mehr vom je konkreten Etwas zu opfern. Der Gott des Kapitals ernährt sich vom permanenten Opfer der Gläubigen. Das wertvollste Opfer aber, das Menschen bringen können, ist das Opfer ihrer Lebenszeit, welches die Autoren denn auch immer wieder fordern.

Und dies nicht nur in Gestalt der Forderung nach Aufhebung der Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Die dem Kapital geopferte Lebenszeit wird als "Aufmerksamkeitskapital" bezeichnet, dem man sogar eine juristische Grundlage verschaffen müsse, denn es stellt sich die Frage, "wie sich die Gesetze ändern werden, wenn einmal allgemein feststeht, dass die Aufmerksamkeit unser seltenstes Gut ist." Das dazugehörige Beispiel holen Davis und Meyer nicht ohne die nötige Bewunderung aus dem echtzeitökonomisch offenbar fortgeschrittenen Japan, indem sie ausführen: "Es gibt sogar Präzedenzfälle für die Ergreifung juristischer Maßnahmen auf Grund von Zeitverschwendung. Selbstmörder auf der ganzen Welt wundern sich bestimmt über die Geldstrafe von 10.000 Dollar, die in Japan von Familien von Personen zu zahlen ist, die sich vor einen Zug werfen. Die Botschaft lautet: So tragisch die Entscheidung für einen Selbstmord auch sein mag, sie verleiht dennoch nicht das Recht, Tausenden anderen Menschen die Aufmerksamkeit zu stehlen."

Erwünscht ist das umfassend funktionierende, flexible, fungible und rund um die Uhr zum Opfer seiner Lebenszeitressourcen bereite Individuum, dem im Anhang unter der Überschrift "Zehn Möglichkeiten, sich selbst zu verändern" nicht allein der kategorische Imperativ "Schluss mit der Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben" präsentiert wird, sondern auch die Empfehlung, die eigene Person zu kapitalisieren, ihr einen Markennamen zu geben und Wertpapiere auf sie anzubieten, wobei nicht versäumt wird, folgenden wohlmeinenden Rat anzuschließen: "Sie müssen jedoch immer mindestens 51 Prozent behalten, damit Sie Ihr Schicksal weiterhin selbst bestimmen können." Aber selbst dies garantiert natürlich nicht, dass man das Schicksal wirklich selbst bestimmen kann, da Schicksal ja dem Begriff nach das ist, das sich den eigenen Einflussmöglichkeiten entzieht, das einem bloß widerfährt. Der Rat steht für die durchgehende Tendenz der Abhandlung, Freiheit und Selbstbestimmung auf den Vollzug dessen zu reduzieren, was ohnehin wie ein Naturverhängnis den Weltlauf bestimmt: "das nicht Greifbare".

Wenn man dem Buch genügend "Aufmerksamkeitskapital", das heißt Lebenszeit, geopfert hat, dann weiß man spätestens an dieser Stelle nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll. Doch dies ist ein häufig auftretendes Phänomen bei der Lektüre theologischer Schriften. Man muss sich eben entscheiden. Auf jeden Fall erhalten die Leserinnen und Leser mit diesem Werk ein hervorragendes Beispiel modernen metaphysischen Denkens aus der Feder zweier Vordenker, denen nachzudenken sich lohnt. Denn schließlich lehrt uns schon die klassische Hermeneutik, dass man Autoren bisweilen besser verstehen kann als sie sich selbst. Niemand muss durch die Lektüre dieses Buches notwendigerweise dümmer werden.




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