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Historische Entwicklung & Ende der Modernisierung


veröffentlicht in JungleWorld 9.1.2002

Robert Kurz

Der Knall der Moderne
Innovation durch Feuerwaffen, Expansion durch Krieg: Ein Blick in die Urgeschichte der abstrakten Arbeit.

Hartnäckig hält sich das aufklärerische Gerücht, das Waren produzierende System der Moderne habe seinen Ursprung in einem »Prozess der Zivilisation« (Norbert Elias), es sei im Gegensatz zur Totschlägerkultur des so genannten Mittelalters ein Produkt friedlichen Handels und Wandels, bürgerlichen Fleißes, wissenschaftlicher Neugierde, wohlfahrtssteigernder Erfindungen und wagemutiger Entdeckungen gewesen. Und als Träger all dieser schönen Dinge könne das moderne »autonome Subjekt« gelten, das sich aus ständisch-agrarischen Bindungen zur »Freiheit des Individuums« emanzipiert habe. Nur zu dumm, dass die aus einer solch geballten Ladung von schieren Tugenden und Fortschritten hervorgegangene Produktionsweise von Massenarmut und globaler Verelendung, Weltkriegen, Weltkrisen und Weltzerstörung gekennzeichnet ist.

Die wirklichen destruktiven und mörderischen Resultate der Modernisierung verweisen auf einen anderen Anfang als den offiziellen aus der ideologischen Kinderfibel. Seitdem Max Weber auf den geistigen Zusammenhang von Protestantismus und Kapitalismus hingewiesen hat, ist die Urgeschichte der Moderne erst sehr grob und keineswegs kritisch klassifiziert worden.

Mit einer gewissen »bürgerlichen Schläue« hat man die Motive und Entwicklungen, von denen die moderne Welt hervorgebracht wurde, weitgehend ausgeblendet, um die Morgenröte der bürgerlichen Freiheit und der Entfesselung des Waren produzierenden Systems in falscher Reinheit erstrahlen zu lassen.

Es gibt allerdings einen zum offiziellen Geschichtsbild konträren historischen Ansatz, der erkennen lässt, dass die wirklichen Ursprünge des Kapitalismus in der frühen Neuzeit keineswegs einer friedlichen Ausdehnung der Märkte geschuldet, sondern wesentlich kriegsökonomischer Natur waren. Tatsächlich gab es Geld und Warenbeziehungen, Fernhandel und Märkte schon seit der Antike in manchmal kleinerem, manchmal größerem Umfang, ohne dass daraus aber jemals ein totalitäres System von Markt- und Geldwirtschaft wie in der Moderne entstanden wäre. Es handelte sich dabei immer nur, wie Marx festgestellt hat, um eine ökonomische »Nischenform« am Rande agrarischer Naturalwirtschaften. Dass der eigentliche take off eines Systems, in dem das Geld als »automatisches Subjekt« (Marx) auf sich selbst rückgekoppelt wird, nicht allein in der ideellen Revolution des Protestantismus, sondern auch in der Feuerwaffen-Innovation des frühmodernen Militärwesens zu suchen sein könnte, erscheint als Faktum und Gedanke durchaus bis zu einem gewissen Grad auch in Max Webers Untersuchungen.

Aber Weber hatte als notorischer Ideologe des alten deutschen Imperialismus offensichtlich kein Interesse, diesen Gedanken zuzuspitzen und zu systematisieren. Schon 1913 hatte der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Werner Sombart in seinem Werk »Krieg und Kapitalismus« explizit auf die kriegsökonomischen Wurzeln der Moderne aufmerksam gemacht. Aber auch er führte diesen Ansatz nicht weiter, weil er schon kurze Zeit später selbst zu den führenden Kriegsideologen gehörte und anschließend als dezidierter Antisemit zu den Nazis überging. Es dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert, bis der Zusammenhang von kapitalistischer Genesis und »politischer Ökonomie der Feuerwaffen« erneut aufgegriffen wurde, so vom Ökonomen Karl Georg Zinn (»Kanonen und Pest«, 1989) im deutschen und vom Neuhistoriker Geoffrey Parker (»Die militärische Revolution«, 1990) im englischen Sprachraum. Allerdings sind auch diese Untersuchungen nicht frei von apologetischen Zügen, obwohl sie vernichtendes Material enthalten. Das seit der Aufklärung tradierte schönfärberische Weltbild der Modernisierung darf weiter die Köpfe verkleistern.


Defizite des historischen Materialismus

Man sollte meinen, dass die radikale Gesellschaftskritik Marxscher Provenienz dafür prädestiniert gewesen wäre, den von der bürgerlichen Theorie liegen gelassenen Ansatz aufzugreifen und weiterzuentwickeln. Schließlich war es Marx, der nicht nur die destruktive Funktionslogik des »automatischen Subjekts« und die darin eingeschlossene, von den Bedürfnissen losgelöste Tätigkeitsform der »abstrakten Arbeit« analysiert, sondern auch - etwa im Kapitel über die »so genannte ursprüngliche Akkumulation« - die alles andere als zivilisatorische Vorgeschichte des Kapitalismus ungeschminkt dargestellt hat.

Freilich bleibt auch in dieser Darstellung der kriegsökonomische Ursprung der Kapitallogik unterbelichtet. Und der Marxismus nach Marx hat diesen Ansatz nicht wieder aufgenommen; die vorindustrielle Konstitutionsgeschichte des Waren produzierenden Systems war ihm unheimlich, weil seltsam uneindeutig im Sinne der eigenen Doktrin.

Es gibt nämlich in der Marxschen Theorie selbst einen Grund, warum auch der Marxismus den für die bürgerlichen Apologeten unangenehmen Zusammenhang verdrängen musste. Denn ein wesentliches Moment im Konstrukt des historischen Materialismus besteht darin, die Geschichte als eine Abfolge von »notwendigen« Entwicklungsstufen zu deuten, in der auch dem Kapitalismus sein Platz und sogar eine »zivilisatorische Mission« (Marx) zugestanden wird. Zu diesem von der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie und von Hegel geerbten Konstrukt, das bloß materialistisch gewendet und sozialistisch verlängert wurde, passt aber äußerst schlecht eine völlig antizivilisatorische Gründungsgeschichte, in der das Kapital - wie Marx sagt - »aus allen Poren blut- und schmutztriefend« zur Welt gekommen ist.

Erst recht widerspricht es dem historischen Materialismus, wenn die Verwertungslogik und die abstrakte Arbeit nicht durch Produktivkraftentwicklung »aus dem Schoß« der vormodernen Agrargesellschaft geboren wurden, sondern ganz im Gegenteil als schiere »Destruktivkraftentwicklung«, die sich äußerlich als fremdes Prinzip erstickend über die agrarische Naturalwirtschaft legte, statt diese über ihre Beschränktheit hinaus weiterzuentwickeln.

Um das metatheoretische, geschichtsphilosophische Schema zu retten, haben auch die Marxisten die Vor- und Urgeschichte der kapitalistischen Konstitution im Dunkeln gelassen bzw. kontrafaktisch klassifiziert. Offensichtlich war dabei die Angst bestimmend, womöglich einem reaktionären Denken Vorschub zu leisten. Aber das ist eine falsche Alternative, wie sie stets von neuem aus den Widersprüchen bürgerlicher Ideologie hervorgeht. Aufklärerische Fortschrittsmythologie einerseits, reaktionärer Kulturpessimismus und Agrarromantik andererseits sind nur die beiden Seiten derselben Medaille. Beiden Denkweisen liegt das Bedürfnis nach einer positiven Ontologie zugrunde.

Wenn aber der negatorische Impuls durchgehalten wird, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes Wesen ist« (Marx), bedarf es keines ontologischen Konstrukts mehr. Daraus könnte gefolgert werden, dass die Essentials des historischen Materialismus im Grunde genommen nur für eine einzige Gesellschaftsformation gelten, nämlich die kapitalistische. Abgesehen davon stellt sich natürlich die Frage, wie eigentlich die kapitalistische Produktionsweise aus der »politischen Ökonomie der Feuerwaffen« hervorgegangen ist.


Unritterliche Waffen

Irgendwann im 14. Jahrhundert muss es irgendwo in einer südwestdeutschen Alchimistenküche einen gewaltigen Knall gegeben haben; eine unvorsichtig zusammengestellte Mischung aus Salpeter, Schwefel und anderen Chemikalien flog in die Luft. Der wissbegierige Mönch, der dieses Experiment veranstaltete, hieß Berthold Schwarz. Genaueres wissen wir nicht von ihm. Aber jene Explosion ist wahrscheinlich der eigentliche Urknall der Moderne gewesen. Die Chinesen kannten das Schießpulver übrigens schon lange vorher und nutzten es außer für prachtvolle Feuerwerke gelegentlich auch militärisch. Aber sie kamen nicht auf die Idee, mit Hilfe dieses Explosivstoffes weit tragende Distanzwaffen für Projektile herzustellen, deren Wirkung im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagend war. Diese Anwendung blieb den frommen Christen Europas vorbehalten. Nachgewiesen ist der Einsatz eines Geschützes erstmals für das Jahr 1334, als Bischof Nikolaus I. von Konstanz damit die Stadt Meersburg verteidigen ließ.

Damit war die »Feuerwaffe« geboren, bis heute das allgemein gebräuchliche Mordwerkzeug. Diese Basisinnovation der Moderne zog zunächst jene »militärische Revolution« (Parker) nach sich, die den historischen Aufstieg des Westens kennzeichnen sollte. Schon im Mittelalter hatte man die Folgen von wirksamen Distanzwaffen für die traditionelle gesellschaftliche Ordnung geahnt. Einschlägige ideologische Vorbehalte wurden geltend gemacht, als um das Jahr 1000 aus dem Orient die Armbrust als neuartige Distanzwaffe auftauchte. Das zweite Lateranische Konzil verbot 1129 den Einsatz dieses Kriegsinstruments als »unritterliche Waffe«. Nicht umsonst wurde seither die Armbrust zur Hauptwaffe der Räuber, Outlaws und Rebellen.

Die Feuerwaffe machte das stolze gepanzerte Rittertum vollends militärisch lächerlich. Noch im Dreißigjährigen Krieg lässt Grimmelshausen seinen »Simplicissimus« über die eigene militärische Karriere vom Waldbauernkind zum Offizier sagen: »Aber diese Ursach macht mich so groß, dass jetziger Zeit der geringste Roßbub den allertapfersten Helden von der Welt totschießen kann, wäre aber das Pulver noch nit erfunden gewesen, so hätt ich die Pfeife wohl im Sack müssen stecken lassen.«

Allerdings befanden sich die »Feuerrohre« nicht mehr in den Händen von Außenseitern. Denn sobald sich die Möglichkeiten der neuen Waffentechnik abzeichneten, gab es kein Halten mehr. Aus Furcht, ins Hintertreffen zu geraten, rissen sich die großen und kleinen Herrscher um die explosiven Wunderwaffen. Da hätte kein Konzil mehr geholfen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das know how der neuen Vernichtungsmaschinen. Besonders in den oberitalienischen Städten der Renaissance mit ihrer relativ fortgeschrittenen handwerklichen Kunstfertigkeit schritt auch die Technologie der Feuerwaffen rascher als anderswo voran. Alle Leistungen und Entdeckungen in dieser Geburtsepoche der modernen Welt wurden überlagert von der Kunst, Kanonen zu bauen und einzusetzen.

Am Anfang des 16. Jahrhunderts beschreibt der norditalienische Theoretiker Antonio Cornazano diese alles entscheidende Rolle der Feuerwaffen, er besingt die Kanone geradezu und bezeichnet sie recht persönlich als »Madama la bombarda, die zum Sohn das Gewehr hat. Diese teuflische Kunst hat alle anderen ausgeschaltet und öffnet den Feinden die befestigten Städte und macht mit ihrem Dröhnen ganze Armeen erzittern.« (Zit. nach: zur Lippe 1988, 37)

Immer bessere Gewehre wurden gebaut und vor allem immer größere Kanonen, die immer weiter schießen konnten. Die größten Feldgeschütze bekamen sogar Eigennamen. Im Gegenzug entwickelte sich die Technik des Festungsbaus. So war der erste Schub der Modernisierung identisch mit einem Rüstungswettlauf und dieser Vorgang hat sich bis heute geradezu als Wesensmerkmal der Moderne periodisch wiederholt. Je größer und technologisch ausgereifter aber die Kanonen und Bollwerke wurden, desto deutlicher trat auch der gesellschaftsverändernde Charakter der »militärischen Revolution« zutage.


Die herausgelöste Militärmaschine

Es stellte sich sehr schnell heraus, dass die Innovation der Feuerwaffen keineswegs bloß auf eine Veränderung der militärischen Technologie beschränkt blieb. Die daraus folgende Umwälzung in der Organisation und Logistik des Krieges schnitt noch viel tiefer in die Verhältnisse ein. Bis dahin waren in fast allen agrarischen Gesellschaften die bürgerliche und die militärische Organisationsform der Gesellschaft weitgehend identisch gewesen. In der Regel war jeder freie Vollbürger auch eine kriegspflichtige Militärperson. Ein Heer sammelte sich nur, wenn die jeweilige oberste Instanz in Gestalt von Kaiser, König, Herzog, Konsul usw. die Männer »zu den Waffen rief«, um einen Kriegszug zu führen. Zwischen diesen Gelegenheiten existierte normalerweise kein nennenswerter militärischer Apparat. Zwar hatten einige Großreiche wie das chinesische oder das spätrömische bereits mehr oder minder starke Armeen ständig unter Waffen. Aber so aufwendig diese militärische Dauerbelastung des Öfteren auch sein mochte, sie konnte doch die allgemeine Produktions- und Lebensweise nur äußerlich berühren.

Der entscheidende Unterschied liegt im Problem der Ausrüstung. Der vormoderne Krieger brachte seine Waffen mit und trug sie auch im Alltag oder bewahrte sie zu Hause auf. Helm, Schild und Schwert konnten nahezu in jeder Dorfschmiede produziert werden. Und jeder Hirtenjunge wusste, wie man Pfeil und Bogen oder eine Schleuder herstellt. Auch die gesamte Logistik der Kriegführung konnte dezentral organisiert werden. Dies entsprach ganz den weitgehend dezentralen Verhältnissen in einer agrarischen Hochkultur. Die Zentralgewalt, selbst die despotische, war hier immer nur begrenzt wirksam, und ihr Arm reichte kaum in das alltägliche Leben hinein.

Damit war es nun für immer vorbei. Musketen und vor allem Kanonen konnte man nicht mehr in jedem Dorf herstellen und zu Hause aufbewahren oder sie gar gewohnheitsmäßig bei sich tragen. Das Mordwerkzeug war plötzlich überdimensional geworden und überstieg den Rahmen der menschlichen Verhältnisse. In der Kanone finden wir also gewissermaßen den Archetypus der Moderne, nämlich das Werkzeug, das seinen Schöpfer zu beherrschen beginnt. Es entstand eine neuartige Rüstungs- und Todesindustrie, die das Urbild oder die Matrix der späteren Industrialisierung bildete und deren Leichengeruch die modernen Gesellschaften einschließlich der Weltmarktdemokratien unserer Tage nie mehr losgeworden sind.

Der militärische Apparat begann, sich von der bürgerlichen Organisation der Gesellschaft loszulösen. Das Kriegshandwerk wurde zum spezialisierten Berufsstand und die Armee zu einer ständigen Einrichtung, die die übrige Gesellschaft zu dominieren begann, wie Geoffrey Parker in seiner Untersuchung zeigt: »Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung nahm die Größe der Armeen in ganz Europa zu, die bewaffneten Streitkräfte einiger Staaten wuchsen zwischen 1500 und 1700 um das Zehnfache, und die Strategien für den Einsatz dieser größeren Armeen wurden ambitionierter und komplexer (...) Schließlich führte die militärische Revolution dazu, dass sich die Auswirkungen des Krieges auf die Gesellschaft in dramatischer Weise verschärften: Die Kosten stiegen, die Schäden mehrten sich und die größeren Armeen stellten höhere Anforderungen an die Verwaltung.« (Parker 1990, 20)

Auf diese Weise wurden die gesellschaftlichen Ressourcen in einem nie dagewesenen Umfang für militärische Zwecke umgeleitet. Sicherlich hatte es auch früher schon gelegentlich eine Art Vergeudungsmilitarismus gegeben, aber niemals derart dauerhaft und mit einem derart hohen Anteil am Sozialprodukt. Der neue Rüstungs- und Militärkomplex entwickelte sich rasch zum unersättlichen Moloch, der ungeheure Mittel verschlang und dem die besten gesellschaftlichen Möglichkeiten geopfert wurden. Trotz oder gerade wegen ihrer vielen Heldengesänge und ihres kriegerischen Habitus waren die vormodernen Kulturen in einem viel geringeren Ausmaß auf Rüstungskonsum zugeschnitten gewesen, und ihre Kriege könnten fast wie harmlose Raufereien erscheinen.

Karl Georg Zinn zieht in dieser Hinsicht einen für die Moderne wenig schmeichelhaften Vergleich: »Gemessen an der waffentechnischen Entwicklung vom 14. Jahrhundert an stellte das Mittelalter (...) eine relativ schwächliche Militärmacht bereit. Krieg und Rüstung belasteten die Gesellschaft im Mittelalter weitaus weniger als in der Neuzeit. Der Anteil des landwirtschaftlichen Mehrprodukts, der für die Vernichtungszwecke verbraucht wurde, blieb während des Mittelalters relativ gering, sonst hätten weder die für den agrartechnischen Fortschritt notwendigen Investitionen erfolgen können noch wären so viele Kathedralen, neue Städte und Stadtbefestigungen errichtet worden. Vor allem sticht aber beim Vergleich von Mittelalter und Neuzeit die grundlegend verschiedene Qualität des technischen Fortschritts hervor: landwirtschaftliche Neuerungen im Mittelalter und städtische Rüstungs- und Luxustechnik bei Vernachlässigung der Landwirtschaft in der Neuzeit.« (Zinn 1989, 58)

»Madama la bombarda« verschlang aber nicht nur einen unverhältnismäßig großen Teil des gesellschaftlichen Produkts, sondern sie gab auch der bis dahin sehr begrenzten Geldwirtschaft den entscheidenden Schub. Vermittels der steigenden landwirtschaftlichen und handwerklichen Produktivität allein wäre dieser Durchbruch des Geldes zur beherrschenden anonymen Macht niemals möglich gewesen. Über die Jahrtausende hinweg hat es zwar immer wieder technische Neuerungen gegeben. Aber in der Regel zogen es die Menschen vor, den Produktivitätsgewinn für Mußezeit und sinnliches Wohlleben statt für die Akkumulation von Geldkapital zu verwenden. Eine derart verrückte Form der Entwicklung von Produktivkräften konnte nur zwangsweise von außen durchgesetzt werden. Und die aus der Gesellschaft herausgelöste neue Rüstungs- und Militärmaschine bot die besten Voraussetzungen dafür.

Weil die Produktion der Feuerwaffen nicht mehr dezentral im Rahmen der agrarischen Haus- und Naturalwirtschaft zu betreiben war, musste sie gesellschaftlich konzentriert werden. Dasselbe galt für die stehenden Heere und Militärapparate, deren Angehörige nunmehr hauptberufliche Killer waren und sich aus keiner eigenen hauswirtschaftlichen Produktion mehr ernähren konnten. Das einzig mögliche Medium für die Reproduktion der herausgelösten Militärmaschine war das Geld. Der Abstraktion des Feuerwaffen-Apparats von den materiellen gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprach die Abstraktionsform Geld als adäquates Medium. Die permanente Rüstungsökonomie der Kanonen und strukturell verselbständigten Großarmeen wurde also gesellschaftlich in eine entsprechende Ausdehnung der Geldvermittlung übersetzt. Sie speiste sich zwar aus verschiedenen Quellen, die aber allesamt den Konsequenzen der »militärischen Revolution« entsprangen.


Kriegsfinanziers, Condottieri und Landsknechte

Die frühmodernen Söldnerführer (Condottieri) ebenso wie ihre Untergebenen, die einfachen Kanoniere und Musketiere, waren die ersten ganz aus der agrarischen naturalen Reproduktion freigesetzten und also bindungslos gewordenen Subjekte. Damit bildete ihre Daseinsform den Prototyp der Subjektform überhaupt, die erst in der Moderne als Abstraktion der Tätigkeit von den Bedürfnissen zum allgemeinen gesellschaftlichen Prinzip werden sollte.

In den Analysen des Kulturhistorikers Rudolf zur Lippe wird deutlich, wie sich die neuen blutigen »Handwerker des Todes« in die Urformen der modernen Lohnarbeit und ihres Managements verwandelten: »Die Planung von Kriegshandlungen (...) war bereits unter dem Primat von Gewinnkalkulation gebändigt. Ritterliche Ehrenvorstellungen und standesgemäßes Draufgängertum waren dafür nicht gefragt. (...) Der nicht funktionalisierte Rest feudaler Haltung, das heißt unmittelbarer Bezüge auf Personen und Sachen, für die man kämpfte, verschwand von einer Generation 'letzter Ritter' zur nächsten immer mehr. (...) Tatsächlich hatte die Masse der Krieger sich in Soldaten, das heißt Soldempfänger, verwandelt und die Führer wurden aus den Kassen der Staaten und Kontore bezahlt. Die erste technische Erfindung, die von einschneidender praktischer Bedeutung war, wurde auf dem Gebiet eingeführt, in dem längst so etwas wie abstrakte Arbeit, beliebig auswechselbare Lohnempfänger existierten: Die Kanone entsprach technisch dem Ziel von Kriegen, in denen es um etwas so vergleichsweise Abstraktes wie die Akkumulationschancen des Handelskapitals ging. (...) Da die Anzahl von Landsknechten in einer Streitmacht nur noch repräsentierte, wie viele der Auftraggeber bezahlen konnte, war die abstrakte Zusammenfassung von Schlagkraft in der Vernichtungsmaschine Kanone die logische Konsequenz.« (zur Lippe 1988, 37)

Für den Zusammenhang von Feuerwaffen-Innovation und abstrakter Arbeit war freilich nicht das alte Handelskapital die logische causa prima, wie es hier noch im Sinne einer Ontologie des historischen Materialismus behauptet wird. Nicht die abstrakte Tötungsmaschine Kanone entsprach einem bereits abstrakten Akkumulationsinteresse des Handelskapitals, sondern umgekehrt war die Entstehung dieser Interessenform selbst der »militärischen Revolution« und ihren gesellschaftlichen Folgeprozessen geschuldet.

An diesem Punkt müsste der historische Materialismus an sich selber irre werden, denn seine Unterstellung einer »ökonomischen Basis«, in diesem Fall des frühmodernen Handelskapitals, geht dabei nicht konform mit einer Dialektik von »Produktivkräften und Produktionsverhältnissen«, die in Wahrheit erst ein spätes Resultat der kapitalistischen Produktionsweise war. Welches sollen denn die Produktivkräfte gewesen sein, die ihrerseits das abstrakte Akkumulationsinteresse des frühmodernen Handelskapitals hervorgebracht haben? Der Kompass vielleicht oder die Erfindung der Brille? Es gibt den unterstellten Kausalnexus hier noch gar nicht.

In Wahrheit konnte das abstrakte Akkumulationsinteresse und damit das freie Unternehmertum der modernen Geldwirtschaft gar nicht unmittelbar aus den mittelalterlichen städtischen Kaufleuten und Handwerkern hervorgehen. Denn diese Gruppen in den Nischen der Agrargesellschaft blieben durch Gilden und Zünfte in ein borniertes System wechselseitiger Verpflichtungen und Traditionen eingebunden. Die entsprechenden Märkte waren nicht durch freie Konkurrenz gekennzeichnet, ebenso wenig durch eine abstrakte Akkumulationslogik. Erst in dem Maße, wie Clans von Kaufleuten - z.B. die berüchtigten Fugger - zu Kriegsfinanziers der Feuerwaffen-Herrschaft aufstiegen, wurde das Interesse auf schiere Geldakkumulation umgeschaltet. Als Gläubiger der Fürsten waren diese Finanziers an einer möglichst exorbitanten, zu versilbernden Kriegsbeute interessiert. Dieses von allen gesellschaftlichen Bindungen losgelöste abstrakte Gewinnkalkül wiederholte sich bei den Söldnerführern. Die abstrakte Rationalität der modernen Betriebswirtschaft kam aus den Gewehrläufen und Kanonenrohren von berufsmäßigen Mordbrennern, nicht aus dem Interesse an gesellschaftlicher Wohlfahrt.

Die Betätigung der Musketen und Kanonen war gewissermaßen die Frühform der »abstrakten Arbeit«. Vor diesem Ausdruck stutzen noch heute die meisten Menschen, obwohl nicht schwer zu begreifen ist, was er sagen will. »Abstrakte Arbeit« ist eine Tätigkeit, die gegen Geld verrichtet wird und bei der das Geldinteresse entscheidend, also der Inhalt relativ gleichgültig geworden ist. In der Urform moderner Geldsubjektivität ging diese Gleichgültigkeit unmittelbar bis zur Vernichtung, wobei auch die eigene in Kauf genommen wurde. Die Objektivierung der Welt für eine gleichgültige Plusmacherei schloss die Selbstobjektivierung durch das Todesrisiko ein. Das identische Subjekt-Objekt der Geschichte waren prototypisch die Todesunternehmer und Todesarbeiter gleichermaßen, die Söldnerführer alias Manager ebenso wie die Soldaten alias Lohnarbeiter. Es ist gleichgültig, gegen wen und wofür man Krieg führt, in welchen Produktionszweig investiert wird, welche Art von Arbeit man verrichtet, Hauptsache, die Kohle stimmt, mag darüber auch die eine oder andere Welt zugrunde gehen.

Dieser Nihilismus des Geldes verkleidete sich zuerst noch in Bilder des bäuerlichen Lebens. Vor der »Kohle« war das »Heu« der Slang-Ausdruck für das abstrakte Geldinteresse. »Geld wie Heu« wollte man »machen«, sonst war alles egal, wie ein Lied der Landsknechte verrät:

Wir haben keine Sorgen
Wohl um das röm'sche Reich
Es sterb heut oder morgen,
Das gilt uns alles gleich.
Und ging es auch in Stücke,
Wenn nur das Heu gerät,
Draus drehen wir ein Stricke,
Der es zusammen näht.

Die einfachen Soldaten in den entstehenden Militärapparaten verrohten und wurden gleichzeitig mangels eigener Produktionsmittel sozial degradiert. Sie waren auch die Ersten, die arbeitslos werden konnten. Wenn kein Geld mehr in den Kassen der Kriegsherren war, schmolzen die Arbeitsplätze in den Armeen dahin. Viele Musketiere und Kanoniere wurden Opfer von Massenentlassungen; sie standen dann ohne jede Absicherung buchstäblich auf der Straße und waren gefürchtet als herumstromernde Bettler, Räuber und Gelegenheitstotschläger. Der Typus des entwurzelten und oft arbeitslosen Soldaten war eine Massenerscheinung.


Monetarisierung der Gesellschaft

Kriegsbeute und Verschuldung bei den handelskapitalistischen Kriegsfinanziers waren aber unzureichend, um die Militärmaschine am Laufen zu halten. In demselben Maße, wie diese Maschine gefüttert werden musste, wurde die gesamte gesellschaftliche Reproduktion für diesen Zweck abgeschöpft und eben deshalb gleichzeitig der Geldform unterworfen. Zunächst hieß das, die bisherigen naturalen Abgaben zu monetarisieren. War die naturalwirtschaftliche Steuer noch an den realen agrarischen Ertrag gebunden, so abstrahierte die Geldsteuer völlig von den natürlichen Bedingungen und übertrug damit die Logik des militärischen Apparats auf den lebensweltlichen Alltag.

Der unersättliche Geldhunger der Feuerwaffen-Herrschaft wurde zum bestimmenden Moment. Nach neueren Berechnungen stieg die steuerliche Belastung zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert um nicht weniger als 2 200 Prozent. Dass dieses Aufzwingen der Geldform die Menschen demoralisierte, geht aus zahlreichen Zeugnissen hervor.

Noch Rousseau erzählt in seinen autobiographischen »Bekenntnissen«, wie er in seiner Jugend auf der Vaga-bondage durch Europa die Leiden der ausgepowerten Landbevölkerung kennen lernte: »Nach mehreren Stunden (...) trat ich, müde und vor Hunger und Durst fast sterbend, bei einem Bauern ein. (...) Ich bat den Bauern, mir ein Mittagessen gegen Bezahlung zu geben. Er bot mir abgerahmte Milch und grobes Gerstenbrot an und sagte mir, das sei alles, was er habe. (...) Der Bauer, der mich ausfragte, schloss aus meinem Appetit auf die Wahrheit meiner Angaben. Nachdem er erklärt hatte, er sehe wohl, dass ich ein guter, ehrlicher junger Mann sei und nicht gekommen, um ihn zu betrügen, öffnete er eine kleine Falltür neben seiner Küche, stieg hinab und kam einen Augenblick danach mit einem (...) sehr einladenden Schinken und einer Flasche Wein zurück. (...) Dazu fügte er noch einen ziemlich dicken Eierkuchen. (...) Als es zum Bezahlen kam, erfasste ihn seine Unruhe und seine Furcht wieder, er wollte kein Geld, sondern wies es mit außerordentlicher Verlegenheit zurück, (...) und ich konnte mir nicht denken, wovor er sich fürchtete. Endlich stieß er schaudernd die schrecklichen Worte: 'Kommissar' und 'Kellerratten' hervor. Er gab mir zu verstehen, dass er seinen Wein wegen der Beamten, sein Brot wegen der Steuer verstecke und dass er ein verlorener Mann sei, wenn man den Verdacht hege, dass er nicht Hungers sterbe. (...) Ich verließ sein Haus, so entrüstet wie gerührt, und beklagte das Los dieser schönen Gegenden, an die die Natur ihre Gaben verschwendet hat, um sie zur Beute der barbarischen Steuerpächter zu machen.«

Diese Steuerpächter bildeten nach den Kriegsfinanziers und Condottieri einen weiteren Prototypen des freien Unternehmertums, indem sie dem Staat gegen eine Pauschale das Recht zur Eintreibung des Geldes abkauften. Und wer nicht bezahlen konnte, dem wurde vom Gerichtsvollzieher notfalls die letzte Kuh oder das Handwerkszeug konfisziert, um daraus Geld zu machen.

Aber auch die Verwandlung der Naturalleistungen in Geldsteuern und deren exorbitante Erhöhung konnte den Geldhunger der Kriegsmaschinen nicht befriedigen. Die Militärdespotien der Modernisierung gingen dazu über, eigene Produktionsunternehmen außerhalb der Gilden und Zünfte zu gründen, deren Zweck nicht mehr Bedürfnisbefriedigung, sondern einzig und allein Geldbeschaffung war. Diese staatlichen Manufakturen und Plantagen produzierten erstmals für einen großräumigen anonymen Markt, der schließlich zur Voraussetzung der freien Konkurrenz werden sollte. Und weil sich niemand freiwillig für die billige Lohnarbeit hergab, setzte man Sträflinge, gefangen gehaltene Geisteskranke und in der Peripherie auch Sklaven ein. Es wurden sogar eigens Delikte erfunden, um massenhaft Zwangsarbeiter zu bekommen. Die Herren Direktoren der neuen Zucht- und Arbeitshäuser für den im Zuge der gesellschaftlichen Zwangsmonetarisierung entstehenden freien Markt vervollständigte die illustre Gesellschaft von Prototypen des freien Unternehmertums.


Krieg zur Staatsbildung

Die Condottieri, die sich und ihre Privatarmeen an den meistbietenden Stadt- oder Landesherrn verkauften, waren eine Übergangserscheinung. Bald nahmen die zunächst nur als Auftraggeber in Erscheinung tretenden fürstlichen Administrationen die Sache selbst in die Hand. Was später zum Entwicklungsgesetz der modernen Ökonomie werden sollte, setzte sich zuerst auf der Ebene der mit Feuerwaffen Krieg führenden Mächte durch; die großen Fische fraßen die kleinen.

Einmal durch die selbst tragende Dynamik der »militärischen Revolution« in Gang gesetzt, prallten die frisch gebackenen frühmodernen Staatsgebilde in einer Expansionsbewegung aufeinander. In bis dahin beispiellosen Blutbädern maßen sie ihre erstmals großtechnologisch fundierten Kräfte, um die Vorherrschaft in Europa neu auszukämpfen. Zutreffend hat der liberalkonservative Schweizer Historiker Jacob Burckhard vom »Staatsbildungskrieg« der frühen Neuzeit gesprochen, denn damals entstanden die Grundstrukturen der heute noch gültigen Machtgebilde und dessen, was wir - als Kehrseite der monetarisierten Reproduktion - Politik nennen.

Beschleunigt wurde diese Dynamik durch die Entdeckung Amerikas. In demselben Maße, wie die moderne Kriegstechnik ins Rollen kam, entwickelte sich aus dem Geldhunger der Militärmaschinen auch die koloniale Expansion in die beiden Teile Amerikas, die ohne Feuerwaffen undenkbar gewesen wäre. Bekanntlich metzelten Abenteurer wie Pizarro mit ein paar Kanonen und einer Hand voll Musketiere ganze Indianervölker nieder. Rüstungsökonomie und Kolonialismus schaukelten sich gegenseitig hoch. Der permanente Transit über den Atlantik erforderte riesige Flottenprogramme, die wiederum nur mit abstrakter Geldökonomie bewerkstelligt werden konnten. Der »Staatsbildungskrieg« nahm transkontinentale Dimensionen an. Hinter der Logik der Kanonen lauerte die Hybris der Weltherrschaft. So war der Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 zwischen Preußen und England auf der einen und Österreich, Russland und Frankreich auf der anderen Seite der erste eigentliche Weltkrieg, weil er gleichzeitig in Europa und in den Kolonien der Neuen Welt stattfand.

Die Geschichte bestand nun aus einer immer rascheren Folge von militärischen Konflikten. Geoffrey Parker zufolge ist die Neuzeit sowohl hinsichtlich der Häufigkeit als auch der Dauer und des Ausmaßes der Kriege die am wenigsten friedliche in der gesamten Menschheitsgeschichte. Diese Verdichtung des Krieges und die Militarisierung der Ökonomie gingen notwendigerweise mit einer Zentralisierung der Gesellschaft einher. Nicht nur äußerlich, also im zwischenstaatlichen Bereich, fraßen die großen Fische die kleinen. Auch im Inneren der von der Kanone definierten Staatsgebilde wurde die Herrschaft neu formiert. Bis zum 16. Jahrhundert hatte es keine organisierte Verwaltung von oben nach unten gegeben. Die Leute mussten Abgaben leisten in Form von Naturalien oder Arbeitsdiensten, ansonsten blieben sie in ihrem Alltag sich selbst überlassen. Die meisten Angelegenheiten wurden von ebenso beschränkten wie autonomen Institutionen geregelt. Es existierten sogar große Regionen mit freien Bauern und Handwerkern, die selbständig bewaffnet waren und gar keinen Feudalismus kannten; der repressive Charakter der Strukturen bestand hier vor allem in der Enge der blutsverwandtschaftlichen Verhältnisse.

Modernisierung hieß zunächst nichts anderes, als diese Formen einer »bornierten Autonomie« von oben und außen gewaltsam zu zerstören, um die Menschen den Erfordernissen jener »politischen Ökonomie der Feuerwaffen« zu unterwerfen, also der monetären Besteuerung, und sie schließlich in direkte Verausgabungseinheiten von abstrakter Arbeit zwecks Geldvermehrung zu verwandeln. Von den Bauernkriegen des 15. und 16. Jahrhunderts bis zu den »Maschinenstürmern« des frühen 19. Jahrhunderts wehrten sich die unabhängigen Produzenten in verzweifelten Aufständen gegen ihre Zurichtung zum Funktionsmaterial der Kriegsmaschine und ihrer abstrakten Geldökonomie. Dieser Widerstand wurde blutig erstickt. Die auf der Basis der Feuerwaffen-Innovation entstandenen absolutistischen Staatsapparate setzten ihre Imperative gewaltsam durch.


Die herausgelöste Ökonomie

Hinter dem allgegenwärtigen modernen Zwang zum Geldverdienen steht letztlich die Logik der donnernden Kanone. Die davon ausgelöste Dynamik gesellschaftlicher Veränderungen begann im 18. Jahrhundert, ihre Väter zu fressen. Das System der »politischen Ökonomie« eines aus der Gesellschaft herausgelösten, nur noch mittels abstrakter Arbeit zu betreibenden Rüstungs- und Militärapparats verselbständigte sich von seinem ursprünglichen Zweck. Aus dem Geldhunger der frühmodernen Militärdespotien wurde das Prinzip der »Verwertung des Werts«, das seit dem frühen 19. Jahrhundert als Kapitalismus firmierte. Die starre Hülle des staatlich-militärischen Dirigismus wurde nur gesprengt, um die nunmehr verselbständigte Geldmaschine als puren Selbstzweck einer aus allen sozialen und kulturellen Bindungen »herausgelösten Ökonomie« (Karl Polanyi) weiterlaufen zu lassen und der anonymen Konkurrenz freie Bahn zu geben.

Dieser totalen Konkurrenz sind bis in ihren Begriffsapparat hinein die Kainsmale ihrer Abkunft aus dem totalen Krieg ins Gesicht geschrieben. Nicht umsonst hat Thomas Hobbes als Begründer der modernen liberalen Staatstheorie den »Krieg aller gegen alle« als den menschlichen Naturzustand bezeichnet. Es waren die Protagonisten der so genannten Aufklärung, die im 18. Jahrhundert die Imperative der »herausgelösten Ökonomie« in eine abstrakte philosophische Ontologie des »autonomen Subjekts« übersetzten, das doch immer schon als ein von der totalitären Wertform vordefiniertes gesetzt ist. Der Sozialismus andererseits machte sich nur die Staatsmetaphysik als den anderen Pol derselben bürgerlichen Ontologie zu Eigen und damit die kriegsökonomischen Ursprünge der modernen Welt. Nicht umsonst hat der Arbeiterbewegungsmarxismus ganz unbefangen und positiv von den »Armeen der Arbeit« gesprochen.

Für die heutigen Weltmarktdemokratien ist der »herausgelöste« Selbstzweck von Wertverwertung und abstrakter Arbeit als eine längst verinnerlichte Zumutung vollends selbstverständlich geworden. Sie haben nicht nur die Monetarisierung aller Lebensbereiche, sondern auch die dazugehörige bürokratische Menschenverwaltung auf die Spitze getrieben. Alle Rechte und Freiheiten, alle angebliche Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, alle Politik und alle Parteiprogramme sind immer schon auf dieses stumme Apriori bezogen.

Radikale Kapitalismuskritik bleibt so lange blockiert, wie sie die ontologische Basis bürgerlicher Subjektivität teilt. Die meisten linken Kritiker der bürgerlichen Ontologen sind selber welche. Implizit oder sogar explizit wollen sie sich immer noch bei den ontologischen Konstrukten der bürgerlichen Aufklärung rückversichern und nehmen deshalb eine agnostische Haltung gegenüber den wirklichen Ursprüngen der Moderne ein, indem sie den Kapitalismus kontrafaktisch direkt aus der Agrargesellschaft hervorgehen lassen.

Eine emanzipatorische Antimoderne wird demgegenüber nicht etwa eine rückwärtsgewandte Ideologie pflegen, sondern mit der »negativen Dialektik« über Adorno und über den historischen Materialismus hinaus Ernst machen, d.h. mit der aufklärerischen Subjektontologie endgültig brechen. Und dazu gehört auch eine Neubewertung der Geschichte, von der die Abkunft der Moderne aus der »politischen Ökonomie der Feuerwaffen« nicht mehr ausgespart wird.

 

Literatur:

Norbert Elias: »Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen«. Frankfurt/Main 1990, zuerst 1936.
Rudolf zur Lippe: »Vom Leib zum Körper. Naturbeherrschung am Menschen in der Renaissance«. Reinbek bei Hamburg 1988, zuerst 1974.
Karl Marx: »Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie«, Erster Band. Berlin 1965, zuerst 1867.
Geoffrey Parker: »Die militärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500-1800«. Frankfurt/Main 1990, zuerst 1988.
Karl Polanyi: »The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen«. Frankfurt/ Main 1995, zuerst 1944.
Werner Sombart: »Krieg und Kapitalismus«. München 1913.
Max Weber: »Die protestantische Ethik«. Tübingen 1984, zuerst 1920.
Max Weber: »Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie«. Tübingen 1985, zuerst 1922.
Karl Georg Zinn: »Kanonen und Pest. Über die Ursprünge der Neuzeit im 15. und 16. Jahrhundert«. Opladen 1989.




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