Absturz einer Debatte
Zu Andreas Exners Versuch einer Auseinandersetzung mit der Krisentheorie
Auch und gerade in akademischen Debatten gibt es eine bekannte Taktik des kritisch daher kommenden Sich-dumm-Stellens. Sie kann darin bestehen, jede Argumentation mit einem „Das verstehe ich nicht“ zu kontern und immer weitergehende Begründungen einzufordern, bis am Ende auch noch Aussagen vom Typ „2+2=4“ begründet werden müssen, wodurch der in der Regel doch etwas komplexere Gegenstand der Debatte vollends aus dem Blick gerät, was wohl der eigentliche Sinn der Übung ist. Sie kann auch darin bestehen, Zitate ihres Kontextes und damit Argumentationszusammenhangs zu entkleiden zu dem einzigen Zweck, über das angebliche Fehlen von Begründungen nur umso lauter jammern zu können.
Die Taktik ist durchaus zweischneidig. Wer sie einschlägt, begibt sich in Gefahr, weil sich von außen die Frage, ob es sich um bloße Taktik oder um wirkliche Dummheit handelt, nicht immer leicht beantworten lässt. Um niemandem Unrecht zu tun, lasse ich in Hinblick auf das im Folgenden behandelte Beispiel diese Frage offen.
Es geht dabei um einen Beitrag von Andreas Exner, einem Autor, der auf den Internetseiten der „Wertkritischen Magazine“ Streifzüge und Krisis ein gewisses Gewicht einnimmt und auf seinem eigenen Blog,1 verlinkt mit der Streifzüge-Homepage, einen Text „Produktivität und Krise. Notizen zu einer Debatte“ publiziert hat. Er nimmt dort Bezug auf die von Kurz (1986 und 1995) entwickelte Krisentheorie, die Debatte zwischen Heinrich (1999 und 2000) und Trenkle (1999 und 2000) darüber sowie meinen neueren Text (Ortlieb 2008). Während er die älteren Texte zunächst bloß referiert (darauf, dass auch das in mehr als bloß schräger Art und Weise geschieht, gehe ich hier nicht ein), ändert er bei der Behandlung meines Artikels die Darstellungsweise:
Ich werde nun im Folgenden beginnen, die Argumente, die ich referiere, auch zu kommentieren, und leite damit zum Schlussteil dieser Debattenskizze über, in dem ich meine eigene Sicht der Dinge zur Diskussion stellen will.
Bei der folgenden Bewertung dieses Kommentierens setze ich die Kenntnis meines Textes „Ein Widerspruch von Stoff und Form“ voraus. Ich müsste hier sonst allzu Vieles daraus wiederholen.
1.
Michael Heinrich hat, wie geschildert, in der Debatte mit Trenkle die These von Kurz kritisiert, wonach aus der Zunahme unproduktiver Arbeit eine Abnahme der Mehrwertmasse folge. Man müsse bei einer solchen Behauptung auch die Entwicklung der Produktivität betrachten, so Heinrich:
die wachsende Produktivkraft sorgt dafür, dass die von einer ‘produktiven’ Arbeitskraft produzierte Mehrwertmasse beständig steigt, daß also eine ‘produktive’ Arbeitskraft eine ständig wachsende Masse unproduktiver Arbeit unterhalten kann.Ortlieb wendet dagegen ein:
Auf der Ebene des stofflichen Reichtums, auf den sich die wachsende Produktivkraft ausschließlich bezieht, wäre dieses Argument (als Möglichkeit) natürlich richtig, nur mit der ‘von einer produktiven Arbeitskraft produzierten Mehrwertmasse’ hat das nichts zu tun, denn diese bemisst sich nun einmal in der verausgabten Arbeitszeit, weshalb die von einer noch so produktiven Arbeitskraft an einem Arbeitstag produzierte Mehrwertmasse nie größer sein kann als eben ein Arbeitstag.Dieses Gegenargument von Ortlieb scheint mir nicht schlüssig. Denn bei steigender Produktivität erhöht sich der relative Mehrwert und damit die Mehrwertmasse, die den produktiven Arbeitern abgepresst wird. Während Robert Kurz die Behauptung, dass steigende Produktivität die Mehrwertmasse senke mit der Annahme begründet, dass steigende Produktivität auch eine absolute Abnahme der Zahl produktiver Arbeiter bewirke, fällt diese notwendige Zusatzhypothese in der Replik von Ortlieb an Heinrich weg.
Die fällt natürlich nicht weg. Es handelt sich hier, wie aus dem Kontext meines Artikels eindeutig hervorgeht, um eine immanente Kritik an Heinrichs Argument, in welchem die „ständig wachsende Masse unproduktiver Arbeit“ als Hypothese ja konzediert wird. Und auf der Ebene des (in Arbeitszeit gemessenen) Mehrwerts ist es völlig klar, dass eine einzelne produktive Arbeitskraft nicht beliebig viele unproduktive Arbeitskräfte „unterhalten“, also deren Mehrwert mit produzieren kann. Worin Exners Probleme liegen, weiß ich nicht. Vielleicht hilft ihm
Eine eingekleidete Rechenaufgabe für wertkritische Quartaner (Achtung: Die Zahlenwerte sind fiktiv)
1. Vor 50 Jahren verbrachten produktive Arbeitskräfte 40% ihrer Arbeitszeit mit der Produktion von Mehrwert. Seither wurden zwei von drei Arbeitskräften eingespart.
2. Vor 30 Jahren verbrachten produktive Arbeitskräfte 60% ihrer Arbeitszeit mit der Produktion von Mehrwert. Seither wurden eine von zwei Arbeitskräften eingespart.
3. Vor 10 Jahren verbrachten produktive Arbeitskräfte 80% ihrer Arbeitszeit mit der Produktion von Mehrwert. Seither wurden eine von drei Arbeitskräften eingespart.
Fragen:
(a) Welchen Anteil ihrer Arbeitszeit müsste (bei gleicher Länge des Arbeitstages) eine produktive Arbeitskraft jeweils für die Mehrwertproduktion aufbringen, damit dieselbe Mehrwertmasse wie zuvor erzeugt wird?
(b) Ist das möglich?
Damit das nicht schon wieder schief geht, liefere ich die Antwort gleich mit. Sie lautet in allen drei Fällen (a) 120% , (b) Nein.
2.
Wie schon erwähnt setzt Ortlieb das Volumen der stofflichen Produktenmenge in seiner Überlegung bis hierher konstant oder, was nur ein anderer Ausdruck dafür ist, er nimmt an, dass mit steigender Produktivität die Zahl der Arbeiter abnimmt (daher das Produktenvolumen stofflich gleich bleibt).
An keiner Stelle habe ich „angenommen“, dass mit steigender Produktivität die Zahl der Arbeiter abnimmt. Und schon gar nicht würde daraus folgen, dass das Produktenvolumen stofflich gleich bleibt. Exner bringt hier – absichtsvoll oder ahnungslos – den ganzen Ansatz durcheinander, weil er den Unterschied zwischen Prämisse und Konklusion ignoriert oder wirklich nicht kennt. Bis zu diesem Punkt wurde in meinem Artikel bloß nachgewiesen, dass von einem bestimmten (durch die Mehrwertrate m‘=1 gekennzeichneten) Produktivitätsniveau an jede weitere Produktivitätserhöhung dazu führt, dass zur Produktion derselben Mehrwertmasse ein immer höherer stofflicher Output erforderlich ist.
Die kapitalistische Realität sieht aber anders aus. Denn tatsächlich wird neue Maschinerie, die produktiver als die alte arbeitet, nicht dazu verwendet dieselbe stoffliche Produktenmenge mit weniger Arbeitskraft herzustellen, sondern ein größeres Produktvolumen. (Ob dabei der Arbeitskraftbedarf sinkt, gleich bleibt oder sogar steigt, ist eine separate Frage.) Darauf hebt auch Michael Heinrich ab, den Ortlieb wie folgt zitiert:
Die zur Produktion der einzelnen Ware nötige Arbeitszeit kann durchaus sinken, der Wert der Ware abnehmen, sofern nur der von seinem Kapital produzierte Mehrwert bzw. Profit wächst. Ob sich der Mehrwert/Profit auf eine kleinere Zahl von Produkten mit hohem Wert oder auf eine größere Zahl von Produkten mit niedrigerem Wert verteilt, ist dabei unerheblich.(Michael Heinrich, Kritik der Politischen Ökonomie, 2005, S.177/178)Ortlieb hält den letzten Satz im Zitat “für gewagt”.
Er läuft darauf hinaus, der Volkswagen AG beispielsweise könne es egal sein, ob sie 4 Millionen oder 15 Millionen Autos im Jahr produzieren und verkaufen muss, um denselben Mehrwert/Profit zu realisieren. Insbesondere auf bereits gesättigten Märkten könnte sich hier ein Absatzproblem auftun mit der Folge einer Vernichtungskonkurrenz, wie sie auf dem Automarkt in der Tat seit Jahren im Gange ist.Das kann ich nicht nachvollziehen. Heinrich argumentiert ja nicht auf der Ebene einzelbetrieblicher Kalküle, sondern behandelt die Frage, ob bei erhöhter Produktivität der Mehrwert bzw. Profit sinken (müssen) oder nicht.
Das Beispiel der Volkswagen AG sollte der Veranschaulichung dienen, aber deshalb geht es hier noch lange nicht um die Ebene einzelbetrieblicher Kalküle, sondern darum, dass das Kapital an die Produktion und den Verkauf stofflichen Reichtums gebunden bleibt und daher, um seine Mehrwertmasse auch nur konstant halten zu können, sich immer weiter neue Märkte mit immer neuen Produkten erschließen müsste. „Gewagt“ ist die in Heinrichs Aussage enthaltene Annahme, dass eine solche grenzenlose Expansion auf Dauer gelingen kann.
Erst im folgenden Satz kommt Ortlieb auf die kapitalistische Realität der Ausdehnung der Produktenmenge bei steigender Produktivität zu sprechen.
Heinrich hat freilich darin recht, dass sich der vom Kapital produzierte Mehrwert erst aus der Multiplikation des Mehrwerts der einzelnen Ware mit dem stofflichen Umfang der Produktion ergibt.Und auch die Schlussfolgerung, die er daraus zieht, ist im Grundsatz stimmig:
Je höher die Produktivität, desto geringer der in der einzelnen Ware enthaltene Mehrwert, desto größer der auch nur für eine konstante Mehrwertproduktion erforderliche stoffliche Output, desto schärfer die Konkurrenz, desto größer der Zwang zur weiteren Produktivitätssteigerung usw.Warum der Zwang zu weiterer Produktivitätssteigerung und die Konkurrenz zunehmen müssen, ist mir allerdings nicht verständlich. Für Ortlieb ist damit jedenfalls die “absolute logische und historische Schranke des Kapitals”, die Kurz 1986 zu begründen versucht hatte, bewiesen.
Ist die Schlussfolgerung nun „stimmig“ oder nicht? In meinem Text wurde eine wechselseitige Verstärkung von Konkurrenzdruck und dem Zwang zur weiteren Produktivitätssteigerung begründet. Indem Exner diesen Zusammenhang auflöst und die Einzelphänomene nur noch mit einem „und“ verbindet, wird ihm auf einmal unverständlich, was ihm wenige Sätze vorher noch „stimmig“ war. Da kann ich jetzt auch nicht mehr weiterhelfen.
Das Wort „bewiesen“ ist übrigens Exners Erfindung, in meinem Text wird es nicht verwendet, aber das nur nebenbei.
3.
Ergänzend führt Ortlieb im Anschluss noch die ökologische Problematik des Kapitalwachstums aus. Er meint:
Wenn zur Realisierung des gleichen Mehrwerts die Produktion von immer mehr stofflichem Reichtum erforderlich wird, dann muss der stoffliche Output des Kapitals entsprechend noch stärker wachsen als die Mehrwertmasse. Wie gesehen, gilt das für die schon seit längerer Zeit erreichte Abstiegsphase der Produktion des relativen Mehrwerts. Stößt diese Expansionsbewegung nun auf Grenzen, weil der ständig zunehmende stoffliche Reichtum ja nicht bloß produziert, sondern auch zahlungsfähige Abnehmer finden muss, so kommt eine irreversible Krisendynamik in Gang: Ein konstant bleibender oder auch bloß weniger schnell als die Produktivität wachsender stofflicher Output hat eine immer geringer werdende Mehrwertproduktion zur Folge, wodurch sich wiederum die Möglichkeiten des Absatzes des stofflichen Outputs verringern, was dann verstärkt auf das Sinken der Mehrwertmasse durchschlägt usw.Hier scheint mir Ortlieb zwei nicht zusammengehörige Argumente zu vermischen: (1) wachsender stofflicher Output, (2) Grenzen der zahlungsfähigen Nachfrage. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist mir nicht verständlich. Warum der stoffliche Output stärker wachsen muss als die Mehrwertmasse, ist mir nicht plausibel. Unklar ist mir auch, warum der stoffliche Output überhaupt weniger schnell als die Produktivität wachsen können soll, wenn Ortlieb, so ich das recht verstehe, Produktivität ja als stoffliche Produktivität auffasst.
Mit der „ökologischen Problematik des Kapitalwachstums“ hat die hier zitierte Stelle nichts zu tun. In meinem Text wird diese Frage erst danach behandelt. Ansonsten wächst sich Exners Fähigkeit, Begründungen, die er vor Augen hat, nicht zur Kenntnis zu nehmen, und solche, die er bereits zustimmend zur Kenntnis genommen hat, wieder zu vergessen, hier zur Demenz aus:
- Der Zusammenhang zwischen (1) und (2) ist im Zitat selbst hergestellt. Er besteht darin, dass für eine gelingende Kapitalverwertung Waren nicht nur produziert, sondern auch verkauft werden müssen.
- Exner hatte vorher zustimmend zur Kenntnis genommen, dass die Mehrwertmasse je stofflicher Einheit mit wachsender Produktivität abnimmt, für dieselbe Mehrwertmasse also ein immer größerer stofflicher Output erforderlich ist. Ergo muss, um ein bestimmtes Wachstum der Mehrwertmasse zu erreichen, der stoffliche Output noch stärker wachsen.
- Wenn Exner sich nicht vorstellen kann, dass der stoffliche Output weniger schnell als die Produktivität wächst, geht er offenbar von dem Dogma aus, dass die Menge an produktiv eingesetzter Arbeitskraft nicht abnehmen kann. Dieses Dogma wird, wie Exner wissen könnte, in meinem Text selbstverständlich nicht geteilt.
4.
Anders als noch im vorhergegangenen Abschnitt seines Artikels, wo er meinte, die “absolute logische und historische Schranke” des Kapitals wie Kurz 1986 schon bewiesen zu haben, räumt Ortlieb nun eine Unsicherheit ein. Man könne nicht wissen, ob die Krise tatsächlich so weit fortgeschritten sei wie die Empirie zu indizieren scheint.
Aber natürlich kann der empirische Schein trügen und das Kapital sich noch einmal berappeln, es fragt sich dann nur, mit welchen Folgen für sich selbst und die Menschheit.Diese Begründung für die Unsicherheit in der Einschätzung der Krise finde ich eigenartig. Denn die Krise wird ja theoretisch analysiert, ihre wesentlichen Prozesse theoretisch konstruiert. Dann kann die Empirie aber nicht das Urteil über die Haltbarkeit der theoretischen Erklärung fällen. Wenn sich das Kapital “noch einmal berappelt”, dann nicht, weil der “empirische Schein” trügt, sondern weil die Theorie falsch ist bzw. die Empirie eben kein bloßer “Schein” ist, sondern die Realität schlechthin. Die Unsicherheit in der Kriseneinschätzung wirkt noch merkwürdiger, wenn Ortlieb fortfährt:
Diese Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Krisendynamik ändert nämlich nichts daran, dass das Kapital an seiner eigenen Dynamik zugrunde gehen muss, wenn es nicht vorher durch bewusste menschliche Handlungen überwunden wird. Das folgt allein schon aus seinem schrankenlosen Wachstumszwang auf der einen und der Endlichkeit menschlicher und stofflicher Ressourcen, auf die es angewiesen bleibt, auf der anderen Seite.Zum Einen liest sich das wie ein Widerspruch zur vorher getroffenen Aussage, wonach das Kapital sich durchaus “noch einmal berappeln” könne. Zum Anderen führt Ortlieb an dieser Stelle ein neues Argument ein, das in der Krisenbegründung bis jetzt nicht erwähnt worden ist, wiewohl er diese eigentlich schon für ausreichend erklärt hat, um die “absolute logische und historische Schranke” des Kapitals zu beweisen – nämlich die Endlichkeit menschlicher und stofflicher Ressourcen.
Die Endlichkeit menschlicher Ressourcen bedeute, dass die gesamtgesellschaftliche Profitrate bzw. Akkumulationsrate fallen müsse, “eine konstante Profitrate aber eine exponentiell wachsende Arbeitsbevölkerung zu ihrer Voraussetzung hätte”. Ortlieb verweist auf eine Arbeit von Hüller, die ich nicht kenne. Für sich genommen, müsste man fragen, wie Profit- und Akkumulationsrate zusammenhängen. Michel Husson hat zum Beispiel gezeigt, dass im postfordistischen Akkumulationsregime eine relativ hohe Profitrate mit einer im Vergleich mit dem Fordismus sehr niedrige Akkumulationsrate einhergeht. Davon abgesehen, würde diese Grenze des Kapitalwachstums in sehr ferner Zukunft liegen. Schließlich liegt die Erwerbsquote noch lange nicht bei 100% der arbeitsfähigen Weltbevölkerung. Worin die stofflichen Ressourcengrenzen bestehen und inwiefern sie sich negativ auf die Mehrwertmasse auswirken, darauf geht Ortlieb jedoch gar nicht ein.
Was für ein Wirrwarr! Exner erzeugt es dadurch, dass er die kategoriale und die empirische Ebene wild durcheinander wirft bzw. als braver Positivist (Empirie als „Realität schlechthin“) sowieso nur die empirische Ebene kennt. Dann allerdings ließe sich über den Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaftsformation erst reden, wenn er stattgefunden hat. So weit sind wir noch nicht.
Auf der kategorialen Ebene lässt sich, ausgehend vom Wert als Form des Reichtums im Kapitalismus, die dessen historisch spezifisches Wesen ausmacht, ein „prozessierender Widerspruch“ (Marx) nachweisen (oder eben auch nicht, wenn man Heinrich folgt, hier genau liegt die Kontroverse). Er besteht darin, dass die Akkumulation von immer mehr Mehrwert ein immer stärker wachsenden Verbrauch an menschlichen und stofflichen Ressourcen erfordert, der nicht ad infinitum möglich ist, da diese Ressourcen nun einmal endlich sind. Der Logik nach ergibt sich hieraus die Notwendigkeit einer finalen Krise des Kapitals auch dann, wenn es nicht durch bewusste menschliche Handlungen überwunden wird. Es lässt sich natürlich nicht mit absoluter Sicherheit ausschließen, dass bereits Marx mit seiner Bestimmung des Werts als Wesenskern des Kapitals daneben lag und wir, die ihm darin folgen, nur verrückt oder zumindest verblendet sind. Dann wäre alle Wertkritik und -theorie (allerdings auch die von Michael Heinrich) nur ein Haufen Scheiße. Davon gehe ich ebenso wenig aus, wie es die bisherigen Debattenteilnehmer taten. Ob Exner davon ausgeht, ist mir angesichts seines positivistischen Rekurses auf die Empirie als einzig gültiges Wahrheitskriterium nicht klar. Wenn das so sein sollte, müsste er es offen sagen, dann ließe sich die Diskussion nur noch auf einer erkenntniskritischen Ebene führen.
Auf der kategorialen Ebene lässt sich freilich nicht klären,
- ob wir uns heute bereits in der historischen Situation dieser finalen Krise befinden,
- an welche der verschiedenen stofflichen Grenzen die kapitalistische Dynamik zuerst stößt und welche Verlaufsform die finale Krise schließlich nimmt (ökonomische und/oder ökologische Krise, Nuklearkrieg, …).
Hierfür (aber auch nur hierfür) sind vielmehr analytisch-empirische Untersuchungen erforderlich. Auf diese Ebenen (die übrigens einen unterschiedlichen Grad der Bestimmtheit von Aussagen zulassen) habe ich in meinem Text ausdrücklich hingewiesen. Exner übergeht das, wohl weil ihm dafür jegliches Verständnis fehlt.
Die Möglichkeit, dass sich das Kapital entgegen dem derzeitigen empirischen Anschein „noch einmal berappeln“ könnte, bezieht sich ausdrücklich auf die empirische Ebene und hieße nur, dass die notwendige Endkrise noch nicht erreicht wäre, sondern später kommt. Mehr nicht.
Noch eine Bemerkung zum „postfordistischen Akkumulationsregime“, mit dem ja wohl das gerade zusammengebrochene finanzgetriebene Akkumulationsregime gemeint ist. Exners Hinweis auf die Arbeit von Husson, der zufolge die hohen Profitraten (in Geld ausgedrückte Renditen der Einzelbetriebe) mit einer sehr niedrigen Akkumulationsrate (des Gesamtkapitals) einhergingen, zeigt ja gerade die Unmöglichkeit eines solchen „Akkumulationsregimes“: Offensichtlich beruhten die hohen Profitraten nur noch auf spekulativen Finanzblasen, denen jetzt die Luft entweicht.
5.
So schreibt Ortlieb, dass bei einer Produktivitätssteigerung durch Maschinerie (der im Kapitalismus übliche Fall, da ist Ortlieb zuzustimmen) nicht nur der Warenoutput (z.B. von Hemden) wächst,
sondern darüber hinaus zusätzliche Maschinen und Energie kapitalistisch produziert werden müssten, die im Produktionsprozess verbraucht würden. Das bedeutet, dass für denselben Mehrwert ein immer größerer Ressourcenverbrauch nötig wird, der größer ist und noch schneller wächst als der erforderliche stoffliche Output.Dem kann ich nicht zustimmen. Denn die Maschinen und die Energie, die für die Erhöhung der Hemdenproduktion eingesetzt werden, sind ja ebenfalls Waren, die Mehrwert enthalten. Mir ist nicht klar, wie man eine Grenze zwischen der Produktion von z.B. Hemden und der von z.B. Nähmaschinen ziehen soll. Aus Sicht des Kapitalismus macht das ja keinen Unterschied, es geht nur um den Mehrwert, nicht um seine stofflichen Träger.
Ist es wirklich zu viel verlangt, von einer Aussage, der einer „nicht zustimmen“ kann, zunächst einmal die Begründung zur Kenntnis zu nehmen und sich mit ihr auseinander zu setzen? Exner übergeht sie mal wieder und unterstellt mir am Ende eine absurde Unterscheidung von Hemden und Nähmaschinen hinsichtlich ihrer Rolle für die Kapitalverwertung, die ihm – wen wundert‘s – „nicht klar“ ist.
In aller Kürze noch einmal: Wenn mit einer neuen Technik Arbeit durch Maschinen ersetzt werden kann, dann wird ein Kapitalist diese nur dann einsetzen, wenn sich dabei seine Gesamtkosten bei der Produktion verringern, wenn also zusätzlich eingesetzte Maschinen und Energie einen geringeren Wert haben als die Arbeitskräfte, die er damit einspart. Daraus folgt, dass die Wertproduktion (und bei einer Mehrwertrate m‘>1 auch die Mehrwertproduktion) je stofflichem Output insgesamt (also einschließlich Maschinen und Energie) durch die Einführung der neuen Technik sinkt, während der stoffliche Gesamtaufwand zunimmt. In meinem Text hatte ich das am Beispiel einer Hemdenproduktion exemplifiziert. Aber für Nähmaschinen gilt es natürlich genauso.
Ortlieb jedenfalls zieht den Schluss:
Hätte Kurz (1986) also unrecht und würde die Kapitalakkumulation unbeschränkt weitergehen, so wäre über kurz oder lang die Zerstörung der stofflichen Grundlagen der Kapitalverwertung, aber eben auch menschlichen Lebens überhaupt die unausweichliche Folge.Obwohl wir in “Die Grenzen des Kapitalismus” durchaus zu düsteren Perspektiven kommen, sofern der Kapitalismus nicht überwunden wird, und mein Einwand gegen diese Stelle keiner Schönrednerei der Umweltzerstörung geschuldet ist, möchte ich ihn dennoch machen: ich finde, Ortlieb nimmt die Potenz der ökologischen Beschränkung als eigenständige Krisenursache nicht ganz für voll, denn es ist für mich nicht denkbar, dass die “Kapitalakkumulation unbeschränkt weitergeht” während sie “über kurz oder lang die stofflichen Grundlagen der Kapitalverwertung zerstört”. Letzteres muss erstere sehr empfindlich treffen. Dass das menschliche Leben dadurch überhaupt zerstört würde, ist denke ich nicht begründbar. Da ist die Gefahr eines atomaren Kriegs sehr viel ernster zu nehmen.
Ich muss zugeben, dass ich hier ein wenig forsch formuliert habe. Zum einen habe ich es für derart banal gehalten, dass die Kapitalakkumulation nicht unbeschränkt weitergehen könne, wenn sie ihre eigenen Grundlagen zerstört hat, dass ich glaubte, darauf nicht extra hinweisen zu müssen. Zum anderen ist der Bezug des Genitivs „menschlichen Lebens“ nicht eindeutig. Gemeint war, dass die Kapitalakkumulation nicht nur ihre eigenen, sondern auch die stofflichen Grundlagen menschlichen Lebens überhaupt (z. B. Trinkwasser und Nahrungsressourcen) zerstört. Ob am Ende eines solchen Zerstörungsprozesses menschliches Leben noch möglich oder aus welchen Gründen es letztlich unmöglich sein wird, wage ich nicht vorherzusagen. Exner scheint da mehr zu wissen.
Auf der anderen Seite unterschätzt er die Möglichkeiten der Effizienzsteigerung. Eine Analyse von Adriaanse et al. (1998, “Stoffströme”) zeigt, dass die Materialintensität in den Niederlanden, den USA, Japan und Deutschland zwischen 1975 und 1994 sinkt (S. 34). Die Materialintensität ist in diesem Fall das Verhältnis des Direkten Materialinput zum BIP. Der Direkte Materialinput ist der “Fluß von verwertbaren Primärmaterialien, der zur Weiterverarbeitung in die jeweilige Volkswirtschaft eintritt” (S. 23). Es wird also eine immer größere Wertmenge in derselben stofflichen Menge dargestellt, sofern man das BIP als einen Indikator des Wertprodukts einer Nationalökonomie interpretiert. Andere Studien zeigen ähnliche Tendenzen.
Es ist nur noch grotesk, wenn einer der Autoren des oben bereits zitierten Buches „Die Grenzen des Kapitalismus“, in dem immerhin auf einigen Seiten (S. 96 ff) eine Auseinandersetzung mit dem BIP als Wirtschaftsindikator geführt wird, das BIP in der Weise ins Feld führt, wie Exner es hier tut. Womöglich hat er, wie so Vieles, auf das er sich bezieht, auch diesen Abschnitt seines eigenen Buches nicht gelesen oder schon wieder vergessen. Das BIP mag ja vielseitig einsetzbar sein, aber als „Indikator des Wertprodukts einer Nationalökonomie“ taugt es ganz gewiss nicht. Bekanntlich wird in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung die Arbeitsproduktivität gemessen als Quotient von (realem) BIP und Arbeitsvolumen (das sich am ehesten noch als proportional zur Wertmasse interpretieren ließe), und bekanntlich wächst diese Größe (Verdopplung in den letzten ungefähr 35 Jahren). Exner identifiziert nun einfach das BIP mit der Wertmasse und zaubert damit das gesamte hier behandelte Problem des Produktivitätswachstums weg, das nach seiner Rechnung gar nicht stattfinden kann (da BIP/BIP=1). So lässt sich in der Tat jede gewünschte Behauptung „empirisch“ belegen.
Bei der „Effizienzsteigerung“, von der hier die Rede ist, handelt es sich um eine Verringerung des Inputs an Primärmaterialien im Vergleich zu dem im BIP erfassten Output. Diese ergäbe sich freilich bereits als rechnerische Folge einer Erhöhung des Anteils unproduktiver Arbeit, die keine Primärmaterialien verbraucht, deren Entgelte aber im BIP erfasst werden. Sie kann aber auch ganz andere Gründe haben.
6.
Am letzten Punkt wird in zweierlei Hinsicht deutlich, welche Schwierigkeiten es macht, die „Realität schlechthin“ in den Griff zu kriegen, wenn sie allein in der Empirie liegen soll und diese dann auch noch von vornherein auf VWL-Statistiken und -Indikatoren reduziert wird.
Grundsätzlich sind derartige Zahlen nur mit großer Vorsicht zu genießen. Sie wurden mit bestimmten Methoden erhoben, und ihre Erhebung ist durch Theorien über die ökonomische Realität geleitet, die mit Werttheorie und -kritik ganz gewiss nichts zu tun haben. Wann immer man sie verwendet (und andere Daten haben wir nicht), sollte man vorher zumindest klären, wie sie zustande kamen und wie sie daher im Lichte der eigenen Theorie zu interpretieren sind.
Darüber hinaus scheint Exner, wie seine schlichte Gleichsetzung BIP=Wertmasse zeigt, sie in einer Weise einzusetzen, die auch allen üblichen, nur wenig methodendenkritischen Standards der empirischen VWL Hohn sprechen. Wenn die Zahlen passen, werden sie gegriffen und einfach im eigenen Sinne ausgelegt.
In Exners „Vorläufigem Resümee“, das etwa ein Drittel seines Beitrags ausmacht, bekommen solche Zahlen Gewicht. Exner fasst dort zunächst den Stand der Debatte aus seiner Sicht (also falsch) zusammen und stellt ihr dann empirische Untersuchungen gegenüber. Auffällig ist die unterschiedliche Behandlung von Theorie und Empirie: Während sich Exner den werttheoretischen Beiträgen gegenüber scheinkritische Urteile („unzureichend“, „Schwachstelle“, „Schwachpunkt“ usw.) erlaubt, für die er allerdings (s.o.) kein Argument aufbringt, übernimmt er die Ergebnisse empirischer Studien als schlichte Fakten, an denen sich eine Theorie zu bewähren habe.
Worauf die empirischen Ergebnisse im Einzelnen beruhen und ob Exner noch öfter derart unseriös vorgegangen ist wie oben, habe ich nicht überprüft. Nur zu einem Datensatz, mit dem ich mich schon in anderem Zusammenhang („Die Zahlen als Medium und Fetisch“) auseinandergesetzt habe, erlaube ich mir einen methodenkritischen Hinweis. Es geht dabei um die Daten der ILO (International Labor Organisation), die Exner als Beweis dafür nimmt, dass die Zahl der Erwerbstätigen in den letzten Jahrzehnten global angestiegen sei:
Die ILO steht bei der Erhebung von Erwerbslosenquoten bzw. der Anzahl von Erwerbstätigen vor dem Problem, dass diese Zahlen in vielen Ländern gar nicht und in den anderen nach ganz unterschiedlichen Kriterien erhoben werden. Also hat sie eine vereinheitlichte Methode ersonnen, mit der diese Zahlen überall auf die gleiche Weise ermittelt werden: Als erwerbstätig wird von ihr gezählt, wer mindestens eine Stunde pro Woche bezahlt arbeitet. Als arbeitslos gilt, wer in diesem Sinne nicht erwerbstätig ist, eine solche ihr/ihm angebotene „Arbeit“ innerhalb von 14 Tagen nach eigenen Angaben aber antreten würde. Festgestellt wird der eine oder andere Status durch repräsentative, in der Regel telefonische Umfragen. Ein weiterer Kommentar zum fehlenden Zusammenhang zwischen auf diese Weise gezählten Erwerbstätigen und global produzierter Mehrwertmasse erübrigt sich wohl.
Auch wenn es ihm nur um die Erfüllung der üblichen akademischen (also niedrigen) Standards ginge, hätte Exner sich um das Zustandekommen der von ihm angeführten Fakten zu bemühen, um zumindest die Chance zu haben, ihren „Realitätsgehalt“ beurteilen zu können. Ich werde ihm diese Aufgabe nicht abnehmen.
7.
Eine Debatte besteht nach meinem konservativen Verständnis im Austausch und der Konfrontation von Argumenten, ihr Ziel ist deren Prüfung und Abklärung, auch wenn das nicht immer erreichbar ist. Die Darstellung einer Debatte bestünde entsprechend in der Darstellung von angeführten Argumenten und Gegenargumenten und deren Prüfung. Das setzt ein gewisses Mindestmaß an logischen Fähigkeiten voraus, z. B. der, zwischen Prämisse und Konklusion zu unterscheiden.
Zu einer solchen Darstellung ist Exner nicht willens oder nicht in der Lage, ich lasse das offen. Er bevorzugt den Blog-Stil: Es werden Meinungen ausgetauscht bzw. gegeneinander gestellt („A meint …“, „B nimmt an …“, „Ich kann dem nicht zustimmen“ usw.). Auf Argumente kommt es nicht an, weil die sowieso niemand zur Kenntnis nimmt. Als einziges Wahrheitskriterium gelten Zahlen-Daten-Fakten, in diesem Fall die der etablierten empirischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaft. Jeder darf hier seine eigene Meinung zu allem und jedem haben, je origineller, desto besser, und alle fühlen sich wohl. Der eigentliche Zweck des Blogs ist Selbstdarstellung.
In dieser Hinsicht lässt Exner am Ende seines Blog-Beitrags dann auch die Katze aus dem Sack, indem er mit großem Stolz auf die eigenen Veröffentlichungen verweist. Der Schlusssatz allerdings ist nur noch unfreiwillig komisch:
Allerdings haben wir damit nicht nur den Betrachtungshorizont von Michael Heinrich überschritten, sondern auch die Kurzsche These von 1986 und 1995 hinter uns gelassen.
Aus irgendwelchen, mir unerfindlichen Gründen, nennt sich das Magazin, auf dessen Internetseite ich auf diesen Beitrag gestoßen bin, immer noch „wertkritisch“.
1 Der Originalbeitrag ist nicht mehr zu finden. Eine ähnliche Argumentation hat Exner in diesem Artikel vertreten: https://www.streifzuege.org/2009/krise-der-produktivitaet-grenzen-des-wachstums/
