Antworten an die „Jüdische Zeitung“
Vorbemerkung: Die Journalistin Nina Körner arbeitet an einem Beitrag über die „Antideutschen“ für die Jüdische Zeitung (Berlin), der in der Oktoberausgabe erscheinen soll. Dazu hat sie verschiedene Leute befragt, darunter auch mich als Autor des Buches „Die antideutsche Ideologie“ (2003). Nachfolgend die Fragen und Antworten nach Rücksprache innerhalb von EXIT!. R.K.
Sie sind Kritiker der Antideutschen – warum beschäftigen Sie sich mit der Thematik? Was „verbindet“ Sie mit dieser Gruppierung?
Es gibt eine gemeinsame Herkunft aus der marxistischen Linken im allgemeinen und einer Rezeption der Kritischen Theorie Adornos im besonderen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Shoa, mit der NS-Geschichte und deren Fortwirken. Ein wesentlicher Punkt ist die Kritik und Analyse der antisemitischen Ideologie. In diesem Sinne teile ich grundsätzliche Motive der sog. Antideutschen, die bei dieser Gruppierung jedoch meines Erachtens ihren durchaus gar nicht ernst genug zu nehmenden Gegenstand verfehlen.
Was hat Sie zu einem ganzen Buch bewegt?
Nach dem 11. September gab es in der Linken eine große Verwirrung, die bis heute anhält. Die sog. Antiimperialisten deuteten die islamistische Barbarei in eine Art Fortsetzung der Dritte-Welt-Bewegungen, in einen antikapitalistischen „Widerstand“ um (ähnliche Bezüge finden sich heute zum Ahmadinedschad- oder zum Chavez-Regime). Die Antideutschen reagierten aber bloß sozusagen seitenverkehrt, indem sie krampfhaft eine Analogie zur Konstellation des 2. Weltkriegs konstruierten und zu Hurra-Ideologen der westlichen Weltordnungskriege wurden. Mit dem Buch „Die antideutsche Ideologie“ wollte ich diesem Bellizismus eine theoretische Analyse entgegenstellen, gerade um die Kritik des Antisemitismus bzw. Islamismus von der Weltpolizei-Ideologie zu trennen.
Was wollen die Antideutschen eigentlich?
Die paradoxe Namensgebung zeigt schon an, dass es eine sehr deutsche Angelegenheit ist. Das hat auch eine historische Dimension. Die Antideutschen haben den NS aus dem Kapitalismus herauspräpariert und zu einer „deutschen Wesenheit“ jenseits der Geschichte fixiert, unter die auch die heutige BRD subsumiert wird, die quasi ein „natürlicher Verbündeter“ des Islamismus sei. Ich halte das für eine wahnhafte Wahrnehmung. Mir geht es eher darum, den Kampf gegen den Antisemitismus in den Kontext der globalen Krisenentwicklung zu stellen und universalisierbar zu machen, ohne die deutschen Besonderheiten außer Acht zu lassen. Für das antideutsche Sektenbewusstsein scheint aber der eigene Bauchnabel die Welt zu sein.
Was kritisieren sie an den Antideutschen? Was ist berechtigt, was überzogen?
Modifiziert wirken antisemitische Denkfiguren unter den heutigen Krisenbedingungen bis in die Linke und die sozialen Bewegungen hinein, vor allem in Gestalt einer „verkürzten Kapitalismuskritik“, die das Problem auf „das Finanzkapital“ reduziert und dabei dem NS-Deutungsmuster vom „raffenden Kapital“ (etwa in der Heuschrecken-Metapher) nahe kommt, dem das „schaffende (produktive) Kapital“ gegenübergestellt wird. In meinem Buch „Das Weltkapital“ (2005) habe ich diesem „strukturellen Antisemitismus“ ein Kapitel gewidmet. Dabei geht es mir um eine klare Position in einem Feld der Auseinandersetzung. Die Antideutschen erklären aber jede soziale Kritik und Bewegung pauschal als per se „antisemitisch“, sie finden inzwischen neoliberale Modelle und neokonservative Positionen im Rahmen ihrer bellizistischen Ausrichtung akzeptabel. Sie wollen gar nicht im Sinne des Kampfes gegen den Antisemitismus auf die Gesellschaft einwirken, sondern in ziemlich deutscher Manier nur 150-prozentige Anhänger sammeln und sich als heroische einsame Instanz imaginieren.
Wie wirkt es, wenn Deutsche sich als Verfechter israelischer Interessen in die vorderste Reihe stellen?
Israel muss als jüdischer Staat verteidigt werden, weil es nicht einfach ein Staat unter Staaten ist, sondern dafür steht, dass es den Juden aufgrund des weltweiten Antisemitismus nicht möglich war, ohne eigenen Staat zu leben. Das ist umso mehr zu betonen, als der Palästinakonflikt vielfach zum „Stellvertreterkonflikt“ mit antisemitischen Besetzungen gemacht und der Antisemitismus als Massenideologie bei den Palästinensern selbst ausgeblendet wird. Das ändert nichts daran, dass die israelische Gesellschaft innere Widersprüche hat wie alle anderen in der globalen Krisenwelt. Die Antideutschen machen aber den notwendigen solidarischen Bezug auf Israel zur „absoluten Identität“. Es geht ihnen gar nicht um das reale Israel, sondern um die eigene Identitätspolitik. Sie wollen auch noch die besseren Israelis sein. Da wird es nur noch peinlich.
Die Antideutschen werden vom Verfassungsschutz beobachtet, ihnen wird Rassismus vorgeworfen – ist beides berechtigt?
Eigentlich müssten die Antideutschen von der offiziellen Gesellschaft einen Preis bekommen, weil sie längst Hardcore-Ideologen der selbstdestruktiven herrschenden Weltordnung sind. Die Kritik des Islamismus ist etwas anderes, als Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Habitus etc. zu diskriminieren. Bei den Antideutschen ist diese Grenze zum Rassismus fließend geworden. Sie glorifizieren sogar die blutige Geschichte des Kolonialismus als „zivilisatorische Mission“, alles im Namen des Kampfes gegen den Antisemitismus, dem sie damit einen Bärendienst leisten.
Geht es bei der Gruppierung „nur“ um eine Auffassung, also um die Sache, oder hängt es an Personen?
In der manichäischen Weltdeutung der Antideutschen werden alle Widersprüche glattgebügelt und die Sachverhalte dem persönlichen Streben nach „moralischem Mehrwert“ untergeordnet. Man will unangreifbar obenauf sein, was auf eine autoritäre Disposition hindeutet.
Die meisten „Antideutschen“ haben wahrscheinlich einen deutschen Paß? Können sie damit überhaupt glücklich sein oder spielt das keine Rolle?
In der Imagination der Antideutschen, die selbst Deutsche sind, muss sich die ganze Welt vor ihnen als moralischer Instanz rechtfertigen, einschließlich aller jüdischen Menschen. Statt die Instrumentalisierung linker Positionen in Israel durch sog. Antizionisten zu kritisieren, schrecken sie nicht einmal davor zurück, oppositionelle Israelis selber als „Antisemiten“ zu denunzieren. Am (anti)deutschen Wesen soll die Welt genesen. Sie sind wirklich die Kinder ihrer Eltern.
