Das Elend der Zukunftsvisionen – Eine kritische Bemerkung zum Jahreswechsel

Seit die Zukunftsperspektiven des globalen Kapitalismus sich immer düsterer darstellen, seit selbst dem fetischistisch verkehrten Alltagsbewusstsein immer klarer wird, dass da nichts Gutes auf uns zukommt, wird Zukunft in zunehmendem Maße zu einer begehrten Ware. Zum Jahreswechsel vor allem marschieren selbst die letzten Reserven der mittlerweile allseits bekannten irrationalistischen Zukunftshändler haufenweise auf. Propheten, Sterndeuter und Hellseher haben Hochkonjunktur und bedienen ihre zahlreich vorhandene mythenhungrige und bekehrungsanfällige Klientel mit orakelnden, beschwörenden Publikationen, die sich seit Jahren schon mit geradezu kaninchenartiger Produktivität vermehren.

Wer sich zumindest einen Rest Verstand bewahrt hat, wird dies kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen und sich enerviert fragen, ob denn nichts Seriöseres auffindbar ist, wenn man denn schon einen interessierten Blick auf etwas werfen möchte, das es noch nicht gibt: Zukunft. Damit ist auch bereits das Dilemma aller so genannten Zukunftsforschung benannt, nämlich die Abwesenheit ihres zu erforschenden Gegenstandes. Die Zukunft ist noch nicht da, und wenn sie da ist, ist sie keine Zukunft mehr. Das macht ihre ernsthafte Erforschung so schwer, und diejenigen, die es dennoch wagen, sich dieser Schwierigkeit zu stellen, haben zunächst einmal das Problem, sich von den oben erwähnten Scharlatanen abzugrenzen. Doch die Verkünder des Fortschritts und der Innovation in der Warengesellschaft schrecken selbst vor den offensichtlichsten Paradoxien nicht zurück.

Und so mendelten sich in den letzten Jahren zwei neue, „seriöse“ Typen von Zukunftsdeutern heraus: der Visionär und der Trendforscher. Beide Typen sind allerdings kaum voneinander zu unterscheiden, denn auch die sich selber so nennenden Trendforscher leben von ihren Visionen, wie überhaupt alle, die heute etwas auf sich halten, permanent von Visionen umgetrieben werden, vor allem die wachsende Schar der Management“philosophen“ und Erfolgsgurus, welche die Visionen nicht nur haben, sondern sie eben auch noch publizieren, was massenhaft geschieht. Der Gang durch eine beliebig ausgewählte Buchhandlung liefert dafür den empirischen Nachweis.

Es zeigt sich einmal mehr, dass Aufklärung und Gegenaufklärung, Rationalismus und Irrationalismus nur zwei Seiten derselben Medaille darstellen. Ein Blick ins etymologische Wörterbuch gibt Auskunft über die Bedeutung des Wortes Vision: „Visionen von lateinisch vision (visionis), auch mittelhochdeutsch vision, visiun: Erscheinung, Trugbild, Traumgesicht.“ Da lässt sich legitimerweise fragen, wie denn Trugbilder und Traumgesichte mit Wissenschaft zusammengehen können, auf die sich die angeblich ernsthaften Visionäre und Trendforscher gegen ihre irrationalistischen Kolleginnen und Kollegen berufen. Waren die Wissenschaften nicht, wenn man auf die Vergangenheit blickt, von der man im Gegensatz zur Zukunft einiges wissen kann, einst angetreten, jeglichem Irrationalismus, also eben den Trugbildern und Traumgesichten, endgültig den Garaus zu machen? Eben dies hat ganz offensichtlich nicht funktioniert. Die Entzauberung der Welt hat, Max Weber hin, wissenschaftlich-technischer „Fortschritt“ her, nicht stattgefunden. Bevor die Aufklärung ihre Kinder endgültig frisst, lässt sie sie erst einmal zu visionssüchtigen Zukunftsnarren degenerieren, die trotz der katastrophalen Gegenwart daran glauben, dass es der Fortschritt für die Zukunft schon richten wird, ob hellseherisch, sterndeuterisch, esoterisch oder wissenschaftlich und „rational“. Walter Benjamin spricht in diesem Zusammenhang von einer „ganz neuen Armseligkeit“, die mit der Idee des Fortschritts über die Menschen gekommen sei (Gesammelte Schriften II, 214 f) und eröffnet an anderer Stelle eine Perspektive, die sich kritisches Denken heute zueigen machen muss, wenn es sich als solches nicht aufgeben will: „Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß ’es so weiter geht’, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene.“ (W. Benjamin, Zentralpark, in: ders., Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main 1977, 246)

Zukunftsvisionären jeder Art, und es gibt solche optimistisch-fortschrittsseligen Charakters genauso wie solche, die, Demut und Buße einfordernd, mit düsteren Untergangsprophetien hausieren gehen, ist zu misstrauen. Die Götterdämmerung des Kapitalismus ist in vollem Gange und als real existierende heute zu kritisieren. Die Zukunft als katastrophales Geschehen steht nicht mehr aus, und es geht nicht um das, was sein könnte oder sein sollte, sondern immer und in erster Linie um das, was ist.