Die Entwertung des Werts

erschienen im Neuen Deutschland
am 10.06.2005

Kapitalismus ist nichts anderes als die unaufhörliche „Verwertung des Werts“, erscheinend als die selbstzweckhafte Verwandlung von Geld in mehr Geld. Und worin besteht der Wert? Laut Marx in der von den Waren repräsentierten „abstrakten Arbeit“, der im Produktionsprozeß verausgabten Masse von „Nerv, Muskel, Hirn“. Aber gültig ist nur diejenige Arbeit, die dem gesellschaftlichen Standard der Produktivität entspricht. Gemessen wird das durch den Markt und den dort herrschenden „stummen Zwang der Konkurrenz“ (Marx). Auf dem Weltmarkt setzt sich mangels eines anderen Maßstabs das höchste Produktivitätsniveau der kapitalistischen Kernländer durch. Die peripheren Länder können, wenn überhaupt, nur durch brutalen Verschleiß ihrer Arbeitskraft mithalten. Als gültiges Wertprodukt ist unter diesen Bedingungen das Arbeitsprodukt von tausend chinesischen Billigarbeitern vielleicht nicht größer als das von einem westlichen High-Tech-Arbeiter. Deshalb ist es eine optische Täuschung, zu meinen, die massenhafte Anwendung von Billigarbeit in China, Indien usw. würde das globale Wertprodukt in demselben Ausmaß nach oben katapultieren.

In den drei industriellen Revolutionen wurde durch die Konkurrenzvermittlung der Standard der Produktivität immer höher geschraubt. Je größer aber die Produktivität, desto geringer die von jeder einzelnen Ware repräsentierte gültige Arbeitsmenge und desto kleiner somit ihr Wert. Darin zeigt sich der logische Selbstwiderspruch des Kapitalismus: Einerseits besteht sein Ziel in der unendlichen Anhäufung von Wert, andererseits höhlt er selbst fortschreitend die Wertsubstanz der Waren aus. Kompensiert wurde dieser Widerspruch historisch durch die kapitalistische Expansion: Je geringer der Wert der einzelnen Ware, desto mehr Waren müssen produziert und verkauft werden. Aber dabei ist eine logische innere Grenze gesetzt. Irgendwann nützt es auch nichts mehr, die Welt mit Waren zuzuschütten. Zusammen mit der Wertsubstanz verfällt auch die Kaufkraft, die ja nur ein Moment davon ist. In der 3. industriellen Revolution geht die Gleichung nicht mehr auf: Der globalen Massenarbeitslosigkeit entspricht die innere Entwertung der Waren. Bei einer homöopathisch gewordenen Dosis der Wertsubstanz sind die Produkte eigentlich nur noch naturale Güter; sie können daher auch nur noch künstlich in die Form von Geldpreisen gezwungen werden.

Geld aber ist nichts anderes als die zum „allgemeinen Äquivalent“ gemachte, ausgesonderte Königsware. In letzter Instanz erfordert die Geldfunktion als „Wertaufbewahrungsmittel“ eine eigene Wertsubstanz. Historisch rückten die Edelmetalle in diese Funktion, weil sie in besonders verdichteter Weise „abstrakte Arbeit“ repräsentierten. Aber trotz beschleunigter Geldzirkulation konnte alles Gold der Welt die anschwellende Warenmasse nicht mehr darstellen. Im 20. Jahrhundert wurde das Geld von der Wertsubstanz der Edelmetalle entkoppelt; der letzte Faden riß, als 1973 die Goldbindung des Weltgeldes Dollar gekappt wurde. Die bloße staatlich-juristische Garantie des Geldes blieb jedoch brüchig. Daher die zunehmenden Inflationen, Geld- und Währungskrisen. Hinter dem Dollar steht heute nur noch die US-Militärmaschine; hinter dem Euro steht gar nichts; und die meisten anderen Währungen sind sowieso schon verfallen. Die drohende große Weltwährungskrise ist nicht durch die Konkurrenz zwischen Dollar und Euro bedingt, sondern durch die Entsubstantialisierung des Geldes überhaupt. Der Entwertung der Arbeitskraft entspricht die Entwertung der Waren, und diese führt zur Entwertung des Geldes. Damit steht das gesellschaftliche Fetischverhältnis der Moderne insgesamt zur Disposition.