Die zweite Krisenwelle

erschienen im „Neuen Deutschland“
am 26.11.2004

Eine tiefgehende sogenannte „große Krise“ des Kapitalismus, wie sie sich bei Strukturbrüchen des gesamten Gefüges von Produktion und Reproduktion manifestiert, verläuft stets in mehreren zeitversetzten Wellen. Zuerst wird das industrielle Zentrum der Mehrwertproduktion erfaßt, dann die nachgeordneten Bereiche der Zirkulation (Handel), der Dienstleistungen und der staatlichen Infrastrukturen. Dies gilt umso mehr in einer Situation wie heute, in der die 3. industrielle Revolution an Grenzen der „Verwertung des Werts“ überhaupt heranführt. Die fordistischen Industrien der Automobilproduktion, der „weißen Ware“ (Haushaltselektronik) und der „braunen Ware“ (Unterhaltungselektronik) haben sich als Träger der Akkumulation längst erschöpft. Mikroelektronische Rationalisierung, Massenentlassungen und Stillegungen höhlen hier die Basis der Wertschöpfung (Anwendung von Arbeitskraft, „variablem Kapital“) immer weiter aus, während die Kapazität zum Ausstoß von Produkten ins Unermeßliche gestiegen ist. Aber eine neue Basis ausreichender Wertschöpfung, das heißt eines neuen massenhaften Einsaugens von Arbeitskraft, ist nicht abzusehen. Die IT-Branche war in dieser Hinsicht ebenso ein Flop wie der Internet-Kommerz.

Die Illusion der Dienstleistungsgesellschaft konnte nur deshalb entstehen, weil die zweite Welle der Krise in den nachgeordneten Bereichen auf sich warten ließ. Das Loch zwischen realer Wertschöpfung und Waren- bzw. Dienstleistungskonsum wurde zunächst durch „geparktes“ Geld und fiktives Kapital aufgefüllt. Gesamtgesellschaftlich war und ist es vor allem die Staatsverschuldung, die einen Puffer bildet. Daran hängen große Massen von Arbeitsplätzen der Sekundärbereiche; vom Militär bis zum städtischen Schwimmbad, von den Verwaltungsapparaten bis zum Bildungswesen, vom Straßenbau bis zur Müllabfuhr. Und alle diese Beschäftigten kaufen Waren und Dienstleistungen. Aber auch die zunehmende Privatverschuldung schafft zunächst Kaufkraft. Wer andererseits Ersparnisse hat, beginnt diese aufzubrauchen (und viele werden jetzt durch Hartz IV sogar dazu gezwungen). Schließlich stirbt die Wirtschaftswundergeneration langsam aus und hinterläßt Erbschaften, die ebenfalls erst einmal abgeschmolzen werden. All diese Faktoren verlängern die kapitalistische Konsumtionsfähigkeit über die reale Basis der Wertschöpfung hinaus und erzeugen die optische Täuschung, daß es einen Zirkulations- und Dienstleistungskapitalismus ohne industrielle Massenarbeit geben könnte.

Aber das Leben aus zweiter Hand hält nicht ewig vor. Die staatliche Verschuldung stößt ebenso an Grenzen wie die private; irgendwann sind die Ersparnisse aufgebraucht und die Erbschaften durchgebracht. Die Krise beginnt unaufhaltsam Infrastrukturen, Zirkulation und Dienstleistungen zu erfassen. Postämter und Theater werden ebenso stillgelegt wie Bundeswehrstandorte und Behindertenwerkstätten, Nahverkehrszüge und Therapiezentren. Die Banken schließen Filialen und liquidieren ganze Geschäftszweige. Seit Jahren verfällt der Einzelhandel; die akute Krise bei Karstadt/Quelle ist hier ein Alarmzeichen. Das Kneipensterben hat ebenso begonnen wie das Zeitungssterben; auch der Tourismus befindet sich im Sinkflug. Die deutschen Weltmeister im Möbelkauf schwächeln sogar in dieser Branche: Seit Beginn des neuen Jahrzehnts mußten 10 Prozent der Firmen dicht machen; allein 2003 ging der Gesamtumsatz um 12 Prozent zurück, während im Verdrängungswettbewerb immer neue riesige Verkaufsflächen entstehen. Zusammen mit der Fata Morgana der Dienstleistungsgesellschaft schwindet auch die schnöde Option auf große Billiglohnsektoren dahin. Es mag noch manche Henkersmahlzeit verschuldeten, subventionierten oder aus der Substanz geschöpften Konsums geben; aber in absehbarer Zeit werden die in manchen sekundären und tertiären Branchen auf 50 Prozent geschätzten Überkapazitäten den Geist aufgeben. Die Kettenreaktion hat begonnen, die zweite Krisenwelle ist ins Rollen gekommen.