Editorial exit! #23 / 2026
Editorial und Spendenaufruf 2026
Neue Unübersichtlichkeit und autoritäre Zeitenwende
Seit Mitte der 2010er Jahre hat sich die Weltlage nach dem Crash von 2008 verändert. Es setzte eine massive Rechtsentwicklung ein. Dabei bestimmen Zölle, die selbst bürgerliche Ökonomen für äußerst problematisch halten, und Abschottung die Politik. Auch auf geopolitischer Ebene kam es zu bisher nicht gekannten Konstellationen. 2025 wurde Trump zum zweiten Mal gewählt. Seither macht er auch Expansionsabsichten geltend (Panama, Grönland, Kanada, Venezuela …) als Antwort darauf, dass die Weltmacht USA im Sinkflug begriffen ist (Make Amerika Great Again). Ein Imponiergehabe wird an den Tag gelegt, bei dem oft nicht klar ist, ob dem reale Taten folgen, allerdings hat Trump durch diverse Militärinterventionen gezeigt, dass ihm allerhand zuzutrauen ist, zuletzt durch den Angriff auf Venezuela. Was die Kraftmeierei betrifft, steht Putin dem in nichts nach, wie der Überfall auf die Ukraine zeigt. Nach dem Niedergang der Sowjetunion und dem Abtritt der USA als Welthegemon will man wieder zeigen, wo der Hammer hängt.
Sowohl beim Ukraine-Krieg als auch beim Israel-Gaza Krieg handelt es sich um Stellvertreterkriege. Nachdem die USA in ihren Weltordnungskriegen gescheitert sind, tut es der Trumpschen Seele gut, wenn anderswo draufgehauen werden kann, und was wäre da naheliegender als der ›gute alte‹ Nahostkonflikt? Es handelt sich hierbei nicht um einen Konflikt zwischen Großmächten (wie etwa beim Korea-Kieg), sondern frühere Misserfolge sollen nun offenbar andernorts kompensiert werden. Das Massaker der Hamas am 7. Okt. 2023 kam da wie gerufen.
Wenn Trump die äußerst problematische Tabula-rasa-Kriegspolitik Netanyahus nach dem brutalen Hamas-Angriff unterstützt, dürfte es ihm weniger um das Existenzrecht Israels, das durch die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Holocaust durch und durch legitim ist, gegangen sein, sondern vor allem um die eigene Machtdemonstration. Denn ohne Einverständnis der USA wäre das martialische Vorgehen Netanyahus nicht möglich gewesen. Mit Netanyahu war’s gut kungeln, nachdem Israel, wie andere Staaten auch, in den Sog eines weltweiten Rechtsrucks geraten war. Es wäre ganz falsch, Trumps Befeuerung des Kriegs Netanyahus, der zur Zerstörung des Gaza-Streifens führte, israelfreundlich zu interpretieren.
Es fällt einem zu diesem Verhalten unwillkürlich der psychoanalytische Begriff der Reaktionsbildung ein: Man tut so, als stünde man auf Seiten Israels, in Wirklichkeit hat man jedoch ein antiisraelisches und antisemitisches Ressentiment und möchte Israel im Grunde genommen schaden. Denn Trump und die Rechten in den USA hätten wissen können, dass das Plattmachen Gazas die ganze Welt gegen Israel aufbringt und ohnehin vorhandene antisemitische Energien freisetzt. Zwar war es auch die Hamas, die dafür gesorgt hat, dass der Krieg möglichst lange dauert und viele Opfer bringt. Aber ebenso kommen in der militärischen Intervention von Trump und Netanyahu Zerstörungslust und Nihilismus zum Ausdruck – die Folgen interessieren nicht.
Somit kann es nicht darum gehen, Israels und Trumps Vorgehen zu unterstützen, wie manche Antideutsche es getan haben. Die ganze Situation muss in einen anderen Kontext gestellt werden, gerade wenn es um das Existenzrecht Israels geht, wobei ›Israel‹ nicht in der rechten Politik Netanyahus aufgeht. Dem Krieg folgte ein falscher Frieden, auch unterstützt durch einige islamische Staaten als Verbündete, der nicht zuletzt dadurch erkauft war, dass viele Hamas-Mitglieder, die in Israel inhaftiert waren, freikamen. Die Folgen dieser Operation für die weitere Zukunft im Nahen Osten, aber auch weltweit, sind noch gar nicht abzusehen. Der antisemitische Anschlag in Sydney könnte darauf hindeuten, dass ein islamischer Fundamentalismus noch mehr als bisher seine Aktivitäten nach außen verlagert, also außerhalb des Nahen Ostens intensiviert.
Dass dabei in den USA und auch andernorts der Antisemitismus den Rechten alles andere als fremd ist, wird immer deutlicher. Nicht nur gab es diesbezüglich schon längst Äußerungen von Trump und anderen Republikanern, neuerdings werden sie noch lauter, wie u. a. die Diskussionen um den Hitler-Fan und Holocaustleugner Nick Fuentes zeigen. Dennoch kommt man heute mit althergebrachten Erklärungen nur bedingt weiter. Es tun sich Widersprüche auf. Rechten geht es heute nicht nur in den USA um Abschottung und Festungsbau und die Abwehr von Migrant/-innen, die u. a. nach den gescheiterten Weltordnungskriegen zu ›uns‹ kommen, nicht selten mit einem islamischen Hintergrund. Von daher auch die rechte Zerrissenheit gegenüber Israel und dem Antisemitismus (Trump entzog Universitäten mit dem Argument, sie duldeten Antisemitismus und seien woke, die Finanzierung und schüchterte sie ein).
Rassistische Haltungen und ein betonter Philosemitismus gehen dabei Hand in Hand. Dies unterscheidet heutige autoritäre Regime etwa vom Nationalsozialismus. Derartige Widersprüche sind mit zu reflektieren, um einen heutigen Antisemitismus adäquat analysieren und ihm entgegentreten zu können. Im Ganzen gesehen wird er heute zum Schmiermittel rechter Politiken, was sich im Fortgang des Verfalls des Kapitalismus, wenn eine materielle Verelendung noch mehr um sich greift, allerdings auch von offizieller Seite aus ändern könnte. Antisemitismus dürfte künftig noch mehr zunehmen. Mittlerweile scheint Venezuela Israel/Palästina in seiner Stellvertreterposition abgelöst zu haben. Bei dessen Annexion haben wohl u. a. auch Ölinteressen eine Rolle gespielt, zentral dürfte aber auch hier das Motto »Make Amerika Great Again« gewesen sein, in Frontstellung zu Russland und China, deren Einfluss Trump zurückdrängen will. Aber auch Grönland gerät ihm verstärkt ins Visier. Er schreckt mittlerweile also auch vor militärischen Drohungen innerhalb der Nato nicht zurück.
Zum anderen zeigt sich ein Stellvertreterkrieg im Ukraine-Krieg. Putin spricht ganz offen davon, dass es hier eigentlich um einen Konflikt mit der Nato handelt. So wird die Ukraine zwischen geopolitischen Interessen zerrieben und von Russland zugebombt, das, wie gesagt, nach dem Ende der Sowjetunion und der USA als Welthegemon Machtansprüche geltend macht. De facto dürfte es insofern ziemlich egal sein, ob die Ukraine nun zu Russland oder ›selbständig‹ zum Westen gehört, als es, was die materiellen Lebensumstände angeht, so oder so einen Sog nach unten geben dürfte, zumal ja auch der Westen in seinem ökonomischen und sozialen Verfall nach rechts rückt. Dabei geriert sich Trump zynisch allenthalben als Vermittler und Friedensengel, dem trotz Zollpolitik und MAGA die Welt doch am Herzen liegt.
Europa darf derweil am Katzentisch Platz nehmen, bibbernd vor Trump, nicht nur was seine Zollpolitik betrifft, sondern auch wegen seines tendenziellen Rückzugs aus der Nato, der eine exorbitante Ausweitung der Militärausgaben mit sich bringt, die mit einer ideologischen Mobilmachung einhergeht. Mittlerweile macht sich eine Kriegsbereitschaft – ja fast Kriegslüsternheit – breit, die einen schaudern lässt. Selbst Natomitglieder, siehe Grönland, sind für Trump, wie gesagt, potentielle Angriffsziele. Wenn allenthalben sichtbar wird, dass das kapitalistische System aus den Fugen gerät, ist der Krieg ein altbekanntes Ausweichmanöver, das man schon aus der Geschichte kennt, um sich dieser Tatsache nicht stellen zu müssen und nach einem anderen Vergesellschaftungssystem unter emanzipatorischen Gesichtspunkten zu suchen. Trump macht dabei auch im Inneren den Carl Schmitt und fährt das Militär bei ›inneren Unruhen‹ in verschiedenen Städten der USA auf
Allenthalben werden die Sozialausgaben – so auch hierzulande – gekürzt. Die Obdachlosigkeit nimmt zu, auch von Frauen und Kindern, in Deutschland wurde das Bürgergeld in eine ›Grundsicherung‹ mit strengen Auflagen umgewandelt usw. Wiederholt geraten u. a. die unproduktiven Alten in den Blick. Lohnt es sich noch, ihnen eine aufwendige medizinische Versorgung angedeihen zu lassen? Ein Sozialdarwinismus greift allgemein um sich.
China sitzt einstweilen am Fluss und wartet darauf, dass die Leichen vorbeitreiben, ist aber von inneren Problemen gebeutelt (Schulden- und Immobilienkrise, hohe Jugendarbeitslosigkeit, absehbarer demographischer Einbruch usw.) Es verhält sich außenpolitisch vergleichsweise still (auch wenn es mit Taiwan und Japan zu Scharmützeln kommt) und sucht ob der chaotischen geopolitischen Situation (Zölle, solitäre Europapolitik usw.) den Schulterschluss mit südostasiatischen und den erweiterten BRICS-Staaten sowie der SCO. Es streckt nicht zuletzt auch aus extraktivistischen Motiven seine Tentakel nach Afrika aus, allerdings müssen afrikanische Länder für Infrastruktur-Maßnahmen auch zahlen, was die Staatsverschuldung in die Höhe treibt. Staatsverschuldung und die damit einhergehende Inflation sind dabei in allen Ländern ein krisenträchtiges Problem mit Crash-Potentialen. Bezüglich KI hat China heute die Nase vor, was die USA mächtig wurmt und zur Päppelung der High-Tech-Branche in den USA führt. Die Welt ist so noch bei weitem komplizierter geworden als zu Zeiten der Pax Americana, in denen die USA noch unangefochtener Welthegemon waren. Sie gleicht nun einem Pulverfass. Das zeigt schon diese unvollständige Skizze. Es kommt nun zu einer »Krise der Hegemonie« (Tomasz Konicz).
Noch viel mehr als zu Zeiten der guten alten Globalisierung stellt sich für die Individuen die (Welt-)Gesellschaft als fix und fertiger Apparat dar, ein Verhältnis, das den Kapitalismus allgemein, nicht nur die geopolitische Sphäre, charakterisiert, aber in seiner heutigen Verfallsphase so deutlich wie nie zum Ausdruck kommt. »Ich blicke nicht mehr durch« ist dementsprechend oft zu hören. Geopolitische Interessen stieben nach dem Abstieg der USA heute in der Tat auseinander. Und in der Tat sind Prognosen, wie es weitergeht, ob der unklaren und verworrenen Situation und der Konfusität der politischen Akteure schwierig. Man muss stets auf allerhand gefasst sein.
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Gerade diese Komplexität führt nun zu einer personalisierenden Sicht der Dinge. Und der Augenschein scheint dem zunächst einmal Recht zu geben. Trump umgibt sich so mit High-Tech-Milliardären, die größenwahnsinnig sind und in ihrem Irresein die Welt in ein Großunternehmen verwandeln wollen. Der Neoliberalismus ist gescheitert und soll nun durch einen aberwitzigen autoritären Neoliberalismus gerettet werden. So ist denn auch viel von Oligarchen und Racket-Herrschaft die Rede (manche sprechen gar von einem Technik-Feudalismus). Insbesondere manche (Ex-)Antideutsche können so mit Bezug auf eine bloß rudimentär vorhandene Racket-Theorie von Horkheimer in den ohnehin mittlerweile gängigen Verschwörungs-Singsang einstimmen. Damit soll nicht bestritten werden, dass eine Cliquen-, Klüngel-, und Vetternwirtschaft generell immer mehr um sich greift. ›Vernetzung‹ ist heute Voraussetzung für Erfolg auf allen Ebenen, um Jobs, eine Wohnung oder einen frühen Termin beim Facharzt zu ergattern. Robert Kurz schrieb bereits 2005: »Die neo-existentialistische oder neo-situationistische Antwort auf den Nihilismus der Moderne entpuppt sich so als selber nihilistische. Die postmoderne ›Individualisierung‹ (Ulrich Beck) […], wird schon wieder obsolet. Aber die atomisierten Individuen, die als Könige ihrer selbst im Reich des persönlichen Warenkonsums abdanken müssen, sind zunächst einmal nicht wieder gesellschaftsfähig. Das Resultat ist die kasuelle Zusammenrottung im Mob. Nicht allein die antisemitische und rassistische Hetze hat unter Krisenbedingungen der Globalisierung weltweit neue Konjunktur in vielfältigen Erscheinungsformen. Überall formieren sich diejenigen, die sich zu kurz gekommen fühlen, die ihren Ehrgeiz nicht befriedigen können und die nicht mehr konkurrenzfähig sind; aber sie formieren sich nicht zur Solidarität, sondern zur ebenso unverbindlichen wie militanten Selbstbehauptung in mafiotischen Zusammenhängen, und zwar ganz unabhängig von jedem Inhalt. Die Gesetze des kriminellen Milieus verallgemeinern sich in allen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen. Das ist mehr als bloß die traditionelle Korruption. Im Management, in den politischen Parteien, im Wissenschaftsbetrieb und sogar in linken Theoriezirkeln sind die Personalisierung der Probleme, die Intrige, die gegenseitige Pathologisierung und der inszenierte Skandal an der Tagesordnung. Auf der Ebene des Alltags schlägt der Krieg aller gegen alle um in den ›molekularen Ausnahmezustand‹« (Kurz: Weltkrise und Ignoranz, 2013, 172f.).
Jedoch wäre es völlig falsch, sich die heutige gesellschaftliche Situation einfach aus der Bandenherrschaft zu erklären, so nach dem altlinken Motto: Hinter den Faschisten steht das Kapital. Dies galt schon für die Vergangenheit: »Die Interessen faschistischer Politiker und gewisser Kapitalfraktionen mögen sich überschnitten haben, und es gab durchaus Allianzen zwischen ihnen, aber der Faschismus agierte nicht im Namen des Kapitalismus. Er zielte eher auf eine grundsätzliche Erneuerung […] auf Basis der Volksgemeinschaft. Der Faschismus war auch keine Bewegung von dunklen Verführern und Verführten […] Menschen konvertierten massenweise freiwillig zum Faschismus, denn er bot Wärme, Identität und ein Gefühl der Zugehörigkeit in einer kalten Welt« (Amlinger/Nachtwey: Zerstörungslust, 2025, 251) – bis hin zur Eliminierung von ›Anderen‹ wäre hinzuzufügen.
Aus den Augen gerät einer traditionslinken Sicht auch, dass sich etliche, die das (Wahl-)Volk stellen, mit Figuren wie Trump, Musk oder Thiel identifizieren. »Überlebensgroße Einzelne sind als Avandgarde berechtigt, die Gesellschaft zu führen. Menschen identifizieren sich heute wieder und in modifizierter Form mit einer sakralen Führerfigur. In Trump und seiner zynischen Vernunft erkennen sich seine Anhänger:innen wieder; Tech-Milliardäre werden für ihre vermeintlich herausragenden Fähigkeiten bewundert, insbesondere für ihren hohen IQ« (ebd., 252f.) .
Eine heutige Gesellschaftskritik kommt so um eine Analyse des Verhältnisses zwischen »Mob und Elite« (Hannah Arendt) und eine komplexe und systemische Sicht des Desasters nicht herum, wenn die Gesellschaft und der Kapitalismus aus dem Leim gehen und zugleich durch absurde autoritäre und protektionistische Maßnahmen ›gerettet‹ werden sollen. Kapitalistische Subjektivität und subjektlose Formbestimmung bedingen sich gegenseitig.
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Heute beherrscht ein gehöriges Maß an Irrationalität den Zeitgeist. Nicht von ungefähr wird so auch die Ideologie der Trumps, Musks, Thiels usw. als »dunkle Aufklärung« bezeichnet. Nach 2008 ist der Kapitalismus in ein neues Verfallsstadium eingetreten. Bereits nach dem Crash 2008 kam es zu einer »Zeitenwende« und nicht erst 2022, beim Angriff Russlands auf die Ukraine, wie Olaf Scholz meinte. Gewissermaßen in einer dialektischen Kippbewegung wurde versucht, von der Globalisierung auf Deglobalisierung umzuschalten, was mit einer Rechtswende und damit einhergehenden Konsequenzen korrespondiert. So war es für die Wert-Abspaltungs-Kritik keineswegs unwahrscheinlich, »dass der Krisenprozess […] insofern zu einer ›Entglobalisierung‹ führt, als der Versuch unternommen wird […], sich auf einen protektionistischen Egoismus der nur noch formalen Nationalökonomien zurückzuziehen, begleitet von neo-nationalistischen Ideologien. Damit kann die Krise aber nicht bewältigt, sondern nur verschärft werden« (Kurz: Weltkrise und Ignoranz, 2013, 227f.).
Die Krisen-Analysen der Wert-(Abspaltungs-)Kritik in den letzten 40 Jahren waren freilich zunächst mit der Situation während der neoliberalen Globalisierungsära beschäftigt. Mit der Prognose eines Crashs, der dann 2008 eintrat, lag sie völlig richtig. Dieser Crash führte zu neuen Verwerfungen, Widersprüchen und »Disruptionen«, wie es auf Neudeutsch heißt, und ist ein Resultat davon – und dies ist ein Kernstück der Wert-Abspaltungs-Kritik –, dass aufgrund von Rationalisierung bei vermehrtem Produktenausstoß immer mehr Arbeitskräfte überflüssig werden, was letztlich zum Kollaps des Systems führt. Irrationalismen, ein Nihilismus und eine Zerstörungslust, die auch die Selbstzerstörung in Kauf nehmen, machen sich nun allenthalben bemerkbar. Man wählt rechts, selbst wenn man dann durch entsprechende Maßnahmen selbst der Gelackmeierte ist. Die AfD liegt derzeit (Dez./25) mit 27% mit der CDU/CSU gleich auf. Ein Insistieren auf dier guten alten Demokratie hilft hier wenig, die meisten Faschismusforscher sind sich einig, dass rechte Tendenzen heute der Demokratie selbst entspringen. Die heutigen Widersprüche sind dabei keine mehr, die die kapitalistische Entwicklung auf neuer Stufenleiter weitertreiben könnten, wie etwa im Übergang zum Fordismus, sondern sie sind gänzlich disparat und stehen einander gewissermaßen undialektisch gegenüber.
Dies zeigt sich etwa, wenn die KI gefördert und gleichzeitig die Industrie zurückgeholt werden soll, wobei doch durch die KI Arbeitsplätze wegrationalisiert werden. Ein Neoliberalismus soll nach seinem Ende protektionistisch weitergeführt werden, was jedoch dem neoliberalen Credo des freien Marktes widerspricht und erst recht in die Krise führt. Der Nationalsozialismus konnte im Aufwind von Fordismus und Keynesianismus den ›Volksgenossen‹ noch via Sozialausgaben Wohltaten zukommen lassen. Der autoritäre Neoliberalismus möchte den Sozialstaat indessen weitgehend abschaffen, was über kurz oder lang Unruhen provozieren dürfte, die auch bisherige Anhänger der Rechten umfassen könnten. Der Untergang des Welthegemons USA führt nicht zu einem harmonischen Gleichgewicht einer multipolaren Weltordnung. Beim Aufstieg Chinas handelt es sich um einen relativen Aufstieg, weil er im Kontext eines niedergehenden Kapitalismus stattfindet; dies gilt ebenso für Russlands Großmachtgelüste. Es kommt nun eben zu einer ›Krise der Hegemonie‹ und nicht zu einem Wiederaufleben stabiler hegemonialer Weltverhältnisse. Dies sind nur einige Widersprüche und Problemkonstellationen, die hier noch einmal explizit benannt werden sollten und immanent nicht mehr bewältigt werden können; denn es gibt auch kein Zurück mehr zum Globalisierungsmodus, der längst diskreditiert ist, worauf eine Deglobalisierungspolitik ja bereits eine Reaktion ist. Die heutige Krise zeigt sich ökonomisch und sozial u. a. in einer Senkung der Exporte, was zu einem Rückgang der Investitionstätigkeit führt, einer Senkung der Importe mit der Konsequenz von Preissteigerungen, in Rezession, einer hohen Staatsverschuldung, nicht zuletzt durch Militärausgaben, der Gefahr eines großen Crashs an den Finanzmärkten, Massenarmut und Kriegsgefahr. Kriege und Kriegsdrohungen gegenüber anderen Nationen dürften dabei auch die Funktion haben, von binnengesellschaftlichen Konflikten und Spannungen abzulenken. All dies geht, ceterum censeo, mit Nihilismus, Irrationalität und Zerstörungslust einher.
Widersprüchlich geriert sich heute auch die neue Rechte, die sich paradoxerweise in der Regel philosemitisch gibt, nicht zuletzt in Frontstellung zu Flüchtlingen aus dem Nahen Osten, was längst schon zu Konflikten im rechten Lager führt. Im Fortgang dieser Krisenentwicklung könnte es jedoch gut sein, dass auch alte antisemitische Welterklärungen, die ohnehin schon im Umlauf sind, noch stärker zutage treten. Schon heute ist von einem Bündnis zwischen Wallstreet und Silicon Valley die Rede. Kommt es zu einem Finanzcrash bzw. wird immer sichtbarer, dass KI viele Arbeitsplätze killt, könnten auch die High-Tech-Milliardäre und die Superreichen, so sehr sie sich auch auf Inseln zurückzuziehen versuchen, Opfer des Ressentiments werden. Gerade KI in ihrer weitgehenden Suspendierung von Menschen eignet sich besonders zur Anprangerung des Abstrakten. Gesellschaftliche Verhältnisse bleiben dabei außen vor. Dementsprechend zeigen sich heute weitere Widersprüche. Autoritäre Neoliberale, Superreiche und Spekulanten hetzen gegen Spekulanten, den Deep State u. ä. George Soros ist nach wie vor der zentrale Angriffspunkt der Trumps, Orbans und Netanyahus. Letztlich könnten sie ihrem eigenen Verdikt anheimfallen, und die autoritäre High-Tech-Revolution könnte ihre Kinder fressen. Das Kapital als »automatisches Subjekt« (Marx) macht auch vor ihnen nicht Halt. Dabei zeigt sich ein Verfall des Kapitalismus keineswegs bloß in der Ökonomie, sondern in der viel beschriebenen Polykrise, also auch ökologisch, sozial und politisch, ja, dem Weiterbestehen der westlichen Zivilisation (falls man sie denn überhaupt als solche bezeichnen will) schlechthin. Dies wurde schon in etlichen wert-abspaltungs-kritischen Texten dargelegt. Bürgerkrieg, Krieg, noch mehr Notstandsverwaltung und Kriegswirtschaft könnten das Resultat dieses Prozesses auch in den westlichen Ländern sein, da sich die Widersprüche nicht mehr systemimmanent lösen lassen und der Kapitalismus keine neue Entwicklungsstufe erklimmen kann. Über all dem steht eine weltweite (Re-)Maskulinisierung, die zwar auch eine Antwort auf ein Mehr an geschlechtlicher Gleichheit ist, aber auch Ausdruck davon, dass das hierarchische Geschlechterverhältnis eine Basisform patriarchal-kapitalistischer Vergesellschaftung darstellt, die nicht innerkapitalistisch überwunden werden kann, wie manche dachten oder immer noch denken, auch wenn sich das Rad mit Sicherheit nicht zurückdrehen lässt, wie es eine Tradewife-Ideologie suggeriert. Diese Tendenz macht überdeutlich, dass von der Wert-Abspaltung und nicht vom Wert auszugehen ist als Basisprinzip, das letztlich nicht nur das hierarchische Geschlechterverhältnis im engeren Sinne strukturiert, sondern die Gesellschaft insgesamt.
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Wie reagiert nun die Linke auf all dies? Die Linke ist heute bekanntlich marginalisiert. Nach 2008 kam es zu Bewegungen wie Occupy, in Spanien machte Podemos von sich reden, in Griechenland kam Syriza an die Regierung; auch in den ›Arabischen Frühling‹ wurden zunächst Hoffnungen gesetzt, zuletzt sorgte die Klimabewegung für große Aufmerksamkeit. All diese Bewegungen sind gescheitert bzw. im Sande verlaufen. Dennoch schöpft man immer wieder bei kleinsten Anlässen Mut, so bei der Wahl von Mamdani zum Bürgermeister von New York (der übrigens auch eine antisemitische Schlagseite hat). In Deutschland hat die Linke bei der Bundestagswahl völlig wider Erwarten 9% errungen. Alles, was in der Linken kreucht und fleucht, scheint sich heute in ›Die Linke‹ zu flüchten, nicht zuletzt um ein Fanal gegen rechts zu setzen. Die hohe Inflation, steigende Lebensmittelpreise, Mieten und Gesundheitskosten sind in vielen Ländern ein großes Problem, auch dies dürfte der Partei ›Die Linke‹ Auftrieb gegeben haben. Es könnte jedoch gut sein, dass sich bei ›der Linken‹ ob ihres Charakters zwischen Bewegungspartei und parlamentarischer Mitwirkung Konflikte auftun, was sich im Punkt Israel-Palästina längst zeigt, und es zu Spaltungen kommt, auch wenn man sich in der Kritik der Eskapaden Trumps weitgehend einig ist. Auf jeden Fall dürfte eine Etablierung wie bei den Grünen unter diesen Bedingungen schwierig sein.
Ideologisch ist schon seit Jahren ein Rollback zu einem anachronistischen traditionellen Klassendenken zu verzeichnen. Man geriert sich ›links‹-populistisch und versucht so, den Rechten das Wasser abzugraben. Manche erschrecken mittlerweile, dass Rechte massiv auf sogenannte Minderheiten losgehen. Dabei hat dem eine Mainstream-Linke mit ihrem Behaupten von ›Klasse‹ als Hauptwiderspruch, wobei Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie und Antisemitismus zu Nebenwidersprüchen gemacht werden (Letzterer kommt nicht zuletzt auch in einem linken Antisemitismus zum Vorschein), selbst massiv zugearbeitet. Ob des Scheiterns der Demokraten und eines bisherigen linken Populismus in den USA fordert Nancy Fraser nun eine neue linke Partei. Dies ist viel zu kurz gegriffen, es bräuchte nämlich generell eine völlig neue Linke, die sich über das Obsoletwerden von Ökonomie, Politik gänzlich im Klaren ist und auch darüber, dass ein neuer Vergesellschaftungsmodus nötig ist, weil die Probleme immanent nicht mehr gehändelt werden können. Es ist zu hoffen, dass sich hier über kurz oder lang Risse und Widersprüche auftun, die in eine emanzipatorische Richtung weisen und entsprechende Kräfte freisetzen. Immerhin kam es schon zu großen Protesten etwa gegen Trump und in Deutschland gegen die AfD.
Aber auch nicht wenige ›Wertkritiker‹ gehen mit der – reaktionären – Zeit und sind zu einem Querdenkertum übergelaufen, wie von exit! wiederholt kritisiert wurde. Dabei schrecken sie vor sozialdarwinistischen und malthusianischen Annahmen nicht zurück. Dies betrifft vor allem Wertkritik.org und die Streifzüge. Mittlerweile wird auch darüber geklagt, dass man früher in der Wertkritik zu ›Israel‹ alles sagen durfte, was heute tabuisiert sei. Dabei ist ihnen nicht zuletzt der Begriff des strukturellen Antisemitismus ein Dorn im Auge. Tatsache ist, dass das Thema Antisemitismus in der Wertkritik lange in seiner Bedeutung heruntergespielt wurde. Erst seit Mitte der 1990er Jahre änderte sich dies allmählich und wurde der Stellenwert dieses Problems erkannt. Arbeiten von Moishe Postone hatten schon lange nahegelegt, dass im Antisemitismus in falscher Weise der Wert und die Abstraktion bekämpft wurden und im nationalsozialistischen Deutschland zur Vernichtung der Juden führten. Nun soll man also wieder zu einem längst überwundenen Standpunkt zurückkehren. Damit wird auch die intergenerationale Übertragung im Hinblick auf die Vernichtung der Juden im Holocaust ignoriert.
Bei Krisis ist dies nicht so. Allerdings konzentriert man sich hier vor allem auf die ›Vermittlung‹ und das Agieren in entsprechenden Netzwerken. Es fragt sich aber, Vermittlung von was überhaupt? Mittlerweile findet man auf der Krisis-Homepage verschiedenste Artikel, bei denen überhaupt nicht klar ist, was sie noch mit Wertkritik zu tun haben. Auch sitzt man weiterhin utopischen Pseudokonzepten auf, so etwa der solidarischen Ökonomie und auf Care bezogenen Praxisüberlegungen. ›Dabei sein ist alles‹ scheint das Motto zu sein.
Stattdessen ginge es gerade heute darum, die aktuelle desolate und konfuse Situation auf den Begriff zu bringen. Was und warum ist es so, wie es ist. Dies schließt ein praktisches Engagement keineswegs aus, sei es in Bezug auf Antifaschismus, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus, aber auch Antimilitarismus, Ökologie, Wohnen usw. Auch Bündnisse sind notwendig (ausgeschlossen mit Querdenkern/-innen und Querfrontlern/-innen).
Texte, die nicht haargenau zu wert-abspaltungs-kritischen Annahmen passen, sollten publiziert werden, wenn sie ansonsten weiterführende Gedanken beinhalten; bei all dem darf man sich aber nicht den Begriff aus der Hand schlagen lassen als Voraussetzung, überhaupt sinnvoll – auch in praktischer Hinsicht – intervenieren zu können. Ansonsten wird Wertkritik nur zum Treibgut in den verwildernden patriarchal-kapitalistischen Verhältnissen.
Wenn hier Unterschiede zwischen verschiedenen Richtungen der Wertkritik aufgezeigt werden, handelt es sich nicht einfach um Sektenkämpfe. Es gilt sich klarzumachen, dass problematische ›wertkritische‹ Positionen durchaus international Beachtung finden, so etwa die von Anselm Jappe mit ihren rückwärtsgewandten und vitalistischen Implikationen oder aber auch die von Fabio Vighi, der u. a. Wertkritik verschwörungstheoretisch versetzt, ganz entgegen ihren ursprünglichen Intentionen. Hier gilt es, sich nachhaltig abzugrenzen und klarzumachen, dass exit! einen völlig anderen Weg geht (vgl. Böttcher, Herbert: Du musst Gesundheitsdiktatur sagen! Wer ist der beste im Regredieren?, 2022, auf exit-online.org).
Um dies umsetzen zu können, brauchen wir auch weiterhin dringend Spenden.
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Postkolonialismus und Dekolonialismus sind derzeit große Themen. War ab den 1980er Jahren die Rede vom Postkolonialismus hegemonial, so wird seit den 2010er Jahren vermehrt von Dekolonialismus gesprochen. Dabei sind die Unterschiede zwischen beiden Begriffen nicht immer so klar. Grob gesagt geht es beim Postkolonialismus um die Problematisierung von kolonialen Machtstrukturen und die (Dekonstruktion) kultureller Identitäten in einem universitären Kontext. Demgegenüber gibt sich der Dekolonialismus antiakademisch und soziale Bewegungen jenseits der Universität rücken in den Vordergrund, freilich selbst mit akademische Begründungen. Dabei bleibt eine Kritik der ›Subalternen‹ meist ausgespart.
Als ›Überblick und Einleitung‹ wird der 1993 geschriebene1 Essay von Robert Kurz »Die Aufhebung des weißen Mannes« wieder veröffentlicht, in welchem Kurz sich dem Kolonialismus und Antikolonialismus gewidmet hat. Die Minderheit der weißen Männer sah er als Vollstrecker der warenförmigen Logik und Rationalität – so seine These. Vor dem Hintergrund der Wert-Abspaltungs-Kritik kam er zu folgendem Resultat: »Die vom Marktsystem selbst hervorgetriebenen Produktivkräfte greifen so tief in die innere Bedürfnisstruktur des Menschen und in die äußere Natur von Boden, Luft, Wasser, Tier- und Pflanzenwelt ein, dass diese sinnlichen Inhalte nicht länger verdrängt und vergewaltigt werden können. Damit aber stößt auch die bisherige Emanzipationsbewegung der Lohnarbeiter und der ehemaligen Kolonialvölker an ihre Grenzen. Auch sie kommen nicht weiter, sobald sie die gesellschaftliche Form des weißen Mannes angenommen haben […] Dieselben Produktivkräfte, die in der Form des Marktsystems die ökologische Krise und die Krise des Geschlechterverhältnisses hervorgebracht haben, erzeugen eine globale Massenarbeitslosigkeit […] Und wieder dieselben Produktivkräfte haben den totalen Weltmarkt vorangetrieben und die Menschheit global vernetzt. Der alte Befreiungsnationalismus der alten antikolonialen Bewegungen läuft ins Leere […], Geschlechterkrieg, soziale und ökologische Katastrophen, pseudoreligiöser Fundamentalismus und ethnische Bürgerkriege zeigen an, dass die westliche Welt aus den Fugen gerät […] Die westlichen Gesellschaftsformen, wie sie sich seit dem Zeitalter der Entdeckungen herausgebildet hatten, sind nicht weit genug, um die Eine Welt in sich aufnehmen zu können, die ihr eigenes Produkt ist […] Das wirkliche Ende der äußeren und inneren Kolonialisierung liegt insofern noch vor uns, und es läßt sich als Zielsetzung für das 21. Jahrhundert auf die Formel bringen: Die Aufhebung des weißen Mannes«. Die Essentials dieses Textes gelten unseres Erachtens weithin immer noch, allerdings ist er auf dem Stand von 1993, die folgenden Artikel von Justin Monday und Herbert Böttcher beschäftigen sich dagegen mit der neueren Diskussion.
Der zweite Teil von »Diskontinuität des Kolonialismus – Zu Geschichtsphilosophie und Realgeschichte von Post- und Dekolonialismus« von JustIn Monday baut auf der Einordnung des Postkolonialismus in den gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb aus dem ersten Teil auf und betrachtet die Geschichte der Theoriebildung ab Mitte der 1980er-Jahre. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einer Untersuchung der historischen Entwicklung und der Motive, die zum einen zu einer Infragestellung der Nation aus befreiungsnationalistischer Perspektive und zum anderen zur dekonstruktivistisch-postmodernen Wende geführt haben. Diese Motivlage wird den Theorien der »Kolonialität« gegenübergestellt, deren Protagonist/-innen ahistorisch dazu aufrufen, mit der »Dekolonisierung« überhaupt erst zu beginnen. Diese Theorien dominieren inzwischen die Debatten und liefern die politischen Schlagworte, haben unter ideologiekritischen Gesichtspunkten aber weitaus weniger zu bieten. Mit ihnen ist die postkoloniale Antiontologie in Ontologie zurückgekippt, während die dekonstruktivistische Terminologie fast nur noch verwendet wird, um das ambivalente Verhältnis zur historischen Dekolonisierung aus ästhetischer Distanz in Szene zu setzen.
Ihren Zeitkern hat sie damit verloren. Allerdings bleibt der ideologie- und subjektkritischen Betrachtung dennoch die Verpflichtung, diejenigen Momente der postkolonialen Theorie herauszuarbeiten, in denen sie dazu auffordert, die Relativierungen im Begriff des Menschen zur Kenntnis zu nehmen, die die Verwandlung der ehemaligen Kolonien in selbständige Nationalstaaten mit sich gebracht hat. In einem Exkurs wird außerdem untersucht, welche Rolle der Postkolonialismus in der aktuellen antisemitisch-antizionistischen Welle an den Universitäten spielt. Dies erfolgt insbesondere in Form einer Beschäftigung mit Ingo Elbes Buch »Antisemitismus und Postkoloniale Theorie«.
Im Rahmen der Diskussion um eine postkolonial-dekoloniale Sicht des Kapitalismus und der europäisch geprägten Moderne wird immer wieder an Dussels »Philosophie der Befreiung« angeknüpft. Anziehend scheint seine praktische und auf Ethik bezogene Perspektive zu sein. Er entwickelt sie als »Gegendiskurs zur Moderne«, der an Erfahrungen und Einsichten indigener Kulturen in Lateinamerika anknüpft und auf in europäischer Philosophie (von Descartes zu Levinas) verwurzelte, aber eher marginal gebliebene Denktraditionen zurückgreift.
In seinem Beitrag »Ohne Begriff einer (welt-)gesellschaftlichen Totalität keine Befreiung – Zu Enrique Dussels Philosophie der Befreiung als Gegendiskurs der Befreiung« macht Herbert Böttcher deutlich, dass Dussel trotz des Gewichts, das er der politisch-ökonomischen Kontextualisierung seiner Reflexion gibt, diese in traditionsmarxistischen Kategorien (Arbeit vs. Kapital, Herrschende vs. Unterdrückte etc.) stecken bleibt. Mit diesen gebrochen zu haben, wirft er der frühen Kritischen Theorie vor, während er ihren Begriff einer gesellschaftlichen Totalität ignoriert. Entsprechend kann Dussel auch keinen Begriff einer (welt-)gesellschaftlichen Totalität entwickeln und schon gar nicht ihren Krisencharakter reflektieren. Stattdessen sucht er Zuflucht in einer am Anderen statt am Selbst orientierten Ethik und landet in einer gesellschaftlichen Transformation, die als Demokratisierung angepriesen wird. Das mag aktivistischen wie räsonierenden Akademikern entgegenkommen, kann aber nicht die in der Krise einbrechenden und dennoch chaotisch ›herrschenden‹ Verhältnisse emanzipatorisch sprengen. Ohne Begriff einer (welt-) gesellschaftlichen Totalität bleibt es bei Ethik, auch wenn diese sich »Ethik der Befreiung« nennt. Emanzipatorische Perspektiven können erst dann in den Blick kommen, wenn es zum Bruch mit der kapitalistischen Konstitution kommt, statt diese trotz der sich dramatisch zuspitzenden Krise in einer ›Wiederkehr des Gleichen‹ immer wieder neu zum immer enger werdenden Horizont ethischen Räsonierens zu machen.
Mit Hintergründen und Folgen der rechten Politik Italiens befasst sich Norma Mattarei in ihrem Aufsatz »Die rechte Regierung in Italien als verzweifelter Rettungsversuch vor dem gesellschaftlichen Zusammenbruch«. Wie in dem Rest der Welt ist die Rechte auch in Italien im Aufwind und regiert dort seit Herbst 2022. Dies ist Anlass für die Analyse der historischen und gesellschaftlichen Faktoren, die zu dieser verheerenden Lage geführt haben. Im Entstehungsland des Faschismus hat die Rechte eine lange Tradition und in ihrer Entwicklung zeigen sich die Widersprüche der italienischen Gesellschaft. Prekäre Arbeitsverhältnisse, Working-poors, mafiöse Strukturen sind Merkmale einer Wirtschaft, die selbst in den 1960er Boomjahren von staatlichen Subventionen abhängig war. Heute ist der italienische Staat enorm verschuldet, sind die Unternehmen privatisiert und die Schwarzarbeit überall verbreitet. Auf der psychosozialen Ebene zeigen sich die Probleme mit einer extremen Zunahme psychischer Leiden insbesondere unter den jüngeren Generationen. Materielle Probleme, alltägliche Disfunktionalitäten und eine allgemeine Demoralisierung haben zur Stärkung der Rechten beigetragen, die, nun an der Macht, alle Probleme lösen soll. In Anbetracht der nationalistischen und frauenverachtenden Stimmung, der ausländerfeindlichen Politik und der Kürzungen im sozialen Bereich wird schließlich der Frage nachgegangen, warum sich in der italienischen Linken eine emanzipatorische Perspektive jenseits von Markt und Staat nicht abzuzeichnen scheint.
Als Robert Kurz seinerzeit zum Bruch mit der Aufklärung aufforderte, löste dies einige Irritationen aus – auch im damaligen Kreis der Wertkritiker. Die Scheu davor, in das Fahrwasser einer reaktionären Antimoderne zu geraten, war groß, und den einen oder anderen verließ bei dieser Auseinandersetzung wohl auch der Mut zur Radikalität. In der initialen Kontroverse stellte Kurz sodann klar, dass eine emanzipatorische Kritik der Aufklärung in erster Linie die Form Subjekt betrifft. Der moderne Mensch als Subjekt der Aufklärung verkörpert ein vordergründig gefeiertes Ich, welches dennoch seine psychische Kapazität weitgehend ins Unbewusste verdrängt und damit zu jener Toten Seele wird, die titelgebend für einen berühmten Roman der russischen Literatur geworden ist. Der kapitalistische Todestrieb, der tendenziell alles zugunsten der leeren Form des Werts vernichtet, frisst letztlich die warenförmige Psyche selbst auf. Immer da, wo der psychoanalytische Begriff des Narzissmus genau dies bezeichnet, erhebt er sich über den modischen Unfug, dem er heutzutage sonst erliegt. Die russische Literatur genoss im 19. Jahrhundert das Ansehen einer Weltliteratur, als sie Werke hervorbrachte, die die schwer darstellbare Warenförmigkeit des modernen Subjekts dennoch widerspiegeln. Nils Meier zeigt dies in dem Essay »Raskol’nikovs Spaltung im Kontext der Wertabspaltungskritik – Dostoevskijs literarisches Bild der ›Blutigen Vernunft‹« an Dostojewkis Roman Schuld und Sühne (Verbrechen und Strafe). Einerseits dient sein Beitrag der Vorstellung eines Buches2, in welchem er das Thema intensiv behandelt hat, andererseits kommt er im Kontext von Kurz‘ Aufklärungskritik zu neuen Ergebnissen, die über das vorgestellte Buch hinausgehen.
Die vom traditionellen Marxismus angenommene Einheit von Marx und Engels bei allen inhaltlichen Fragen kann nicht länger vorausgesetzt werden. Das betrifft auch Inhalte einer ›marxistischen Philosophie‹ (Erkenntnis als Widerspiegelung, Dialektik der Natur, Einheit der Welt in der Materialität u. a.). Diese wurde von Engels in einigen populären Schriften entworfen und repräsentiert nicht das, was Marx unter Philosophie verstand. Engels’ marxistische Philosophie als Teil eines Weltanschauungsmarxismus war aus dem Bedürfnis entstanden, eine sinnhafte Orientierung nach dem Wegfall traditioneller Glaubensinhalte zu schaffen. Sie ist von einem zeitgebundenen Naturalismus und Szientifismus geprägt.
Betrachtet man die Beziehung von Marx zur Philosophie, dann fällt eine ambivalente Haltung zur ihr auf: Einerseits wies er sie schroff zurück, andererseits nahm er viele ihrer Inhalte in Anspruch. Nach der Deutschen Ideologie (1845) verdrängte Marx den Diskurs der Philosophie: Wider besseres Wissen erklärte er pauschal ihre Inhalte zur Ideologie. Es entstanden verschiedene Leerstellen der Kapitalismuskritik, so eine kritische Theorie des Menschen, der Natur, der Geschichte und der Methode bzw. des Wissens. Diesen Leerstellen und der erwähnten Reduktion der Philosophie durch den Marxismus widmet sich Norbert Walz in dem Aufsatz »Marx’ Verdrängung der Philosophie und die Aufgaben einer Postphilosophie der Gegenwart«. In einer solchen von ihm angedeuteten3 Postphilosophie der Gegenwart sollen diese Leerstellen aufgefüllt werden. Anzuschließen ist dabei zunächst an die von Marx verdrängten philosophischen Inhalte, die auf die abendländische Philosophie (Aristoteles, Kant, Hegel, Feuerbach bzw. perfektionistische Ethik, Anerkennung, Dialektik/Geschichte, Diesseitigkeit) zurückweisen. Während die Postphilosophie der Gegenwart die metaphysische Differenz zwischen Wesen und Erscheinung beibehalten muss, kann eine Postphilosophie der Zukunft auf diese Differenz verzichten. In ihr gäbe es keine Spaltung zwischen Wesen und Erscheinung mehr, da die Menschen ihr vergesellschaftetes Leben wie ihren Stoffwechsel mit der Natur selbst in die Hand nehmen und nicht mehr von sie dominierenden ›Wesen‹ beherrscht werden.
Mit einem Nachwort von Herbert Böttcher werden einige Aspekte dieses Textes aus wert-abspaltungskritischer Sicht näher beleuchtet.
In dem Artikel von Roswitha Scholz geht es um »Zwangshetereosexualität und Queer im kapitalistischen Patriarchat« als bislang unausgearbeitete Diskriminierungsdimension in der Wert-Abspaltungs-Kritik. In Auseinandersetzung mit einigen prominenten Theoriekonzpten vertitt sie die zentrale These, dass mit der Herausbildung der Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung und einer »Polarisierung der Geschlechtscharaktere« (Karin Hausen) Heterosexualität als dominierende Sexualitätsform gesetzt war, mit einer entsprechenden Tätigkeitsverteilung zwischen ›Mann und Frau‹. ›Deviante‹ Sexualitäten wurden dabei kriminalisiert und verworfen, was mit Disziplinierungsprozessen im kapitalistischen Patriarchat generell einherging. In der Postmoderne wurde die gängige heterosexuelle Zwangsmoral zwar aufgeweicht, aber nicht überwunden. Mit Martin Dannecker geht Scholz von einer Scheintoleranz aus, was sich heute in zunehmenden Attacken gehen Homosexuelle und Trans-Personen äußert. Aktuell muss so darum gehen, Homo- und Transphobie im Zuge der allgemeinen Rechtsentwicklung massiv entgegenzutreten.
Dabei reichen ›materialistische‹ Analysen, um Zwangsheterosexualität zu erfassen, nicht aus, vielmehr sind hier auch psychoanalytische Reflexionen, also die Subjektseite mit einzubeziehen. Dabei zeigt sich auch, dass z. B. Schwul- bzw. Lesbisch-Sein vor dem Hintergrund dichotomer Geschlechtervorstellungen anders situiert sind. Scholz plädiert im Gegensatz zu radikal-dekonstruktivistischen Ansätzen dafür, den Körper/Leib – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Ökologieproblematik – wieder im Sinne einer sex-gender-, Natur-Kultur-Dialektik zu begreifen. Dabei muss eine radikale Gesellschaftskritik davon ausgehen, dass sich Zwangsheterosexualität und Zwangshomosexualität im kapitalistischen Patriarchat entsprechen und derlei Unterteilungen in einer ›anderen Gesellschaft‹ in Anerkennung einer ›polymorphen Sexualität‹ nicht mehr nötig sind.
Von Roswitha Scholz ist ein Sammelband mit Aufsätzen der letzten 30 Jahre bei zu Klampen erschienen: Back to the roots? Zur Regression marxistisch-feministischer Theoriebildung heute; in französischer Übersetzung4: Homo sacer et les »Tsiganes« – L’antitsiganisme – Réflexion sur une variante essentielle et donc oubliée du racisme moderne, Crise et Critique/Albi 2025 und auf Griechisch: Πατριαρχία και Εμπορευματική Κοινωνία: Φύλο χωρίς το Σώμα (auf techspek999.blogspot.com).5 Bei Crise et Critique ist des Weiteren ein Sammelband zum Antisemitismus veröffentlicht worden mit Texten u. a. von Moishe Postone, Robert Kurz und Clément Homs: Collectif – Le Péril antisémite: Antisémitisme structurel dans la modernité capitaliste.
Von Nils Meier sind zwei Bücher erschienen: Dostoevskijs Studien zum autoritären Charakter: Der Roman Prestuplenie i nakazanie im Kontext der Kritischen Theorie, erschienen bei Frank & Timme/Berlin 2025 sowie Das Groteske ist Mimesis ist Allegorie: Eine wertkritische Revision literaturwissenschaftlicher Begriffe am Beispiel der Erzählungen von Gogol beim Lit-Verlag/Münster 2025 sowie von Norbert Walz: Verdrängte Philosophie: Zur Bedeutung einer Metatheorie von Marx’ Kritik der politischen Ökonomie, erschienen im Schmetterling-Verlag/Stuttgart 2025.
Roswitha Scholz für die exit!-Redaktion im Januar 2026.
1In: Kurz: Robert: Der Letzte macht das Licht aus – Zur Krise von Demokratie und Marktwirtschaft, Berlin 1993, 58–73.
2Meier, Nils: Dostoevskijs Studien zum autoritären Charakter: Der Roman Prestuplenie i nakazanie im Kontext der Kritischen Theorie,Berlin 2025.
3Ausführlich in dem Buch: Walz, Norbert: Verdrängte Philosophie: Zur Bedeutung einer Metatheorie von Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie, Stuttgart 2025.
4Auf Deutsch in: exit! – Krise und Kritik der Warengesellschaft, Nr. 4, 177–227, sowie auf exit-online.org.
5Dies ist eine Übersetzung aus dem Englischen (2009): https://mediationsjournal.org/articles/patriarchy-and-commodity-society.
