Eine depperte Kritik
Es soll hier nicht um eine Rezension von Frank Deppes mehrbändigem Werk über das „Politische Denken im 20. Jahrhundert“ (Bd. 1: Die Anfänge, Hamburg 1999; Bd. 2: Politisches Denken zwischen den Weltkriegen, Hamburg 2003; Bd. 3/Teil 1: Die Konfrontation der Systeme, Hamburg 2006; Bd. 3/Teil 2: Systemkonfrontation, Golden Age, antiimperialistische Befreiungsbewegungen, Hamburg 2008) gehen, zumal der letzte 4. Bd. zum Ende es 20. und Beginn des 21. Jahrhunderts noch aussteht – sondern um eine bestimmte Passage im Bd. 3/Teil 2. Deppe behandelt hier seinen Lehrer Wolfgang Abendroth als Vertreter des „Arbeiterbewegungsmarxismus“, der historisch geworden sei.
Hier folgt in einer Fußnote (sic!) 70 (S. 137) folgende Passage: „Einer der schärfsten Kritiker des >Arbeiterbewegungsmarxismus< ist der Schriftsteller Robert Kurz, dessen Schriften – z. B. über den >Kollaps der Modernisierung< oder sein >Schwarzbuch Kapitalismus< – teilweise große Auflagen erzielten. Er gehört jener Strömung eines intellektuellen Marxismus an (Na, da sei doch der „Arbeiterphilosoph“ Marx vor. Woher kommt es wohl, dass manche Marxisten ihn mit dem Autodidakten Josef Dietzgen verwechselt haben, der ja den „Diamat“ vor dem „Diamat“ erfunden hat, U.W.), die die Bedeutung der Marxschen Analyse des >Kapital< darin sehen, dass dieser das Kapitalverhältnis selbst als den Motor seiner eigenen Aufhebung erkannt hat (Wahrlich großartig, wie Deppe hier die Wert-Abspaltungs-Kritik in einem Satz darstellen kann, das hätte Abendroth nicht geschafft, U.W.). So gelangt Kurz zu außerordentlich grotesken und belustigenden Schlussfolgerungen, wenn er in Zeiten des Zusammenbruchs von Sozialismus und Kommunismus gleichzeitig den >Kommunismus< (der aus dem Zusammenbruch des Systems der Warenproduktion hervorgeht) als reale Entwicklungstendenz der modernen westlichen Gesellschaft hervortreten sieht (Wenn man tatsächlich in der Sowjetunion und dem Ostblock den Sozialismus verwirklicht sah, dann erscheint der Sieg des Kapitalismus als überwältigend. Wenn man dagegen darunter Modernisierungsregimes versteht, denen der „klassische Weg“ zum Kapitalismus versperrt war, dann könnte man mit Lenin vom Brechen der schwächsten Kettenglieder sprechen; wobei dieser, wie die frühen Bolschewiki, nie vom Aufbau des Sozialismus gefaselt hat, U.W.). In der ehemaligen DDR wurden seine (Robert Kurz‘, U.W.) Schriften – als eine Art >Wundbalsam< – besonders geschätzt (Jetzt wird die Katze aus dem Sack gelassen. Wohin kommen wir denn, wenn man aus dem Zusammenbruch des „Realsozialismus“ etwas lernen könnte. Aber es wird noch besser, U.W.). Solche Überlegungen erinnern stark an das in der II. Internationale vorherrschende Marxismus-Verständnis. Der Kapitalismus selbst würde die Vergesellschaftungstendenz – als objektives, quasi >Naturgesetz< – selbst bis zu dem Punkte treiben, an dem der >Kollaps< (Bebel sagte: >Kladderadatsch<) die neue Gesellschaftsordnung auf die Tagesordnung der Geschichte setzt. Mit solchem Theoriegepäck ließ sich gut opportunistische Politik treiben.“
Da rotiert Kautsky aber in seinem Grab. Er würde sich, aus seiner Sicht zurecht, von den wertkritischen Radikalinskis distanzieren. Da steht uns schon Rosa Luxemburg näher, die während des 1. Weltkrieges die Alternative „Sozialismus oder Untergang in die Barbarei“ proklamierte. Denn Kollaps, Kladderadatsch oder Zusammenbruch des funktionierenden Kapitalismus werden, wenn es nicht gelingt, Perspektiven über ihn hinaus zu entwickeln, barbarische Formen hervortreiben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Doch Menetekel sind durchaus sichtbar. Darum, entgegen Deppe: Leute, lest Robert Kurz, es ist ungefährlich, wenn auch nicht unbedingt für die eigene Selbstveränderung. Im Gegensatz zum Vatikan hat das untergegangene „dritte Rom“ nicht mehr die Macht, euch zu exkommunizieren, wie es in der Vergangenheit nicht die schlechtesten Köpfe der deutschen kommunistischen Bewegung betroffen hat. Von Paul Levi über Brandler und Thalheimer bis zu Korsch oder später Kofler, Bloch, Hans Mayer, Harich, zeitweise Lukács und übrigens auch Wolfgang Abendroth.
