exit!-Seminar 2008: Dimensionen des Fetischismus

 Dimensionen des Fetischismus

In den letzten Jahren ist „Fetischismus“ zu einer Art Modethema geworden. Ihm widmen sich verschiedene (Buch-)Publikationen und Seminare; es hat es bis ins Feuilleton geschafft, und wie man hört, sind etliche Doktoranden mit diesem Gegenstand schwer beschäftigt. Eine erfreuliche Entwicklung, könnte man meinen: Dass die Welt (k)eine Ware ist, diese Einsicht hat sich scheinbar von den globalisierungskritischen Bewegungen bis hin zur Linkspartei, ja bis in die Spitzen von Ökonomie und Politik, von Kanzlerin Merkel bis zum US-Notenbankchef Bernanke, herum gesprochen. Hinter einer Anprangerung der „Gier“ des Marktes und der Spekulanten, der „Heuschreckeninvasion“, des „Karawanenkapitalismus“ etc. verbirgt sich aber eine äußerst problematische, strukturell-antisemitische „Kapitalismuskritik“. Das ist in den letzten Jahren zwar häufig konstatiert, aber nur unzureichend verarbeitet worden.

Wir wollen nun in unserem Seminar als Kontrast zu einer bloß oberflächlichen Fetischismuskritik einige strukturelle und historische Tiefendimensionen der Fetischproblematik aufzeigen, die nicht nur das „Ökonomische“ umfassen. Dabei kann es sich freilich bloß um Stichbohrungen handeln. Unser Problem bei der Planung war, dass das Thema „Fetischismus“ nun wahrlich ein weites Feld darstellt und wir uns entschließen mussten, Schwerpunkte zu setzen. Hinzu kommt, dass wir diesmal nur vier Veranstaltungen anberaumt haben, nachdem fünf Referate plus Diskussion die vorigen Male als sehr anstrengend empfunden wurden. Es soll ja auch Zeit für informelle persönliche Gespräche bleiben. Wir hoffen, dass in der Diskussion noch einige ausgeblendete Aspekte angesprochen werden. Die Seminarplanung sieht im einzelnen wie folgt aus:

Freitag, 27.6.: Anreise 16 Uhr

19:00  Fetischismus-Diskurse (Claus Peter Ortlieb)

„Fetischismus“ ist bei Marx eine Metapher, mit der er die Warenform kritisch als ein gesellschaftliches Verhältnis kennzeichnet, das die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von mit eigenem Leben begabten Dingen annimmt. Er wendet damit den auf die „unaufgeklärte Vormoderne“ bezogenen Fetischismus-Diskurs seiner Zeit polemisch gegen seine aufgeklärten Urheber. Zugleich wird mit der Kenntlichmachung des Fetischcharakters der Waren ein systemischer Begriff des Fetischverhältnisses eröffnet, der über die Ding-Fetische, an die ursprünglich ausschließlich gedacht war, weit hinausgeht. In aktuellen Fetischismus-Diskursen (u.a. in dem viel besprochenen Buch „Fetischismus und Kultur“ von Hartmut Böhme und in den Texten des Postoperaisten John Holloway) wird dieser Unterschied oft eingeebnet, die Verwendung des Fetischbegriffs inflationiert und die Marxsche Fetischkritik affirmativ oder verharmlosend umgebogen. In Auseinandersetzung mit derartigen Diskursen soll versucht werden, zu genaueren Begriffsbestimmungen zu kommen.

Samstag, 28.6.

10:00  Die Bedeutung der Kritik des fetischistischen Mensch-Natur-Verhältnisses bei Marx für die Kritik kapitalistischer Geschlechterverhältnisse (Micha Böhme)

Ziel des Vortrages ist es, den Marxschen Naturbegriff und sein Verständnis von Gesellschaft in ihrer fetischistischen Verkehrung für die Kritik des patriarchalen Geschlechterverhältnisses fruchtbar zu machen. Einerseits gebärdet sich die Gesellschaft scheinbar wie Natur. Gesellschaftlich Gewordenes verschleiert ideologisch seine soziale Herkunft. Andererseits bedeutet das: Natur immer als gesellschaftlich geformte und auch gesellschaftlich vermittelt wahrgenommene zu begreifen. In der biologischen Erklärung gesellschaftlicher Zusammenhänge wird gesellschaftlich Entstandenes für natürlich gehalten und damit legitimiert. Dies betrifft nicht zuletzt das Verhältnis der Geschlechter, das ungeachtet aller modernen Veränderungen als ein hierarchisches, asymmetrisches und patriarchales gelten muss. Die feministische Kritik versuchte mit den Begriffen sex und gender die soziale Begründung dieses Geschlechterverhältnisses aufzudecken: Sex galt diesem Ansatz als natürliches und gender als gesellschaftliches Geschlecht. Dabei wurde aber einerseits das biologische Geschlecht unhinterfragt stehengelassen, andererseits tendierte die Debatte dazu, mit dem sex die Körperlichkeit zum unwichtigen Substrat zu degradieren. Mittels der Marxschen Analyse des Mensch-Natur-Verhältnisses soll im Vortrag Natürlichkeit und Gesellschaftlichkeit vor dem Hintergrund der Sex-Gender-Debatte (und im Anschluss an bzw. in Auseinandersetzung mit Carmen Gransee, Judith Butler und Barbara Duden) vermittelt aufeinander bezogen werden: Welche Bedeutung hat das Marxsche Verständnis von der Natürlichkeit der Gesellschaft und der Gesellschaftlichkeit des Natürlichen für die aktuelle Kritik an patriarchalen Geschlechterverhältnissen?

15:00  ZWISCHEN HAMMER UND AMBOSS. Die Fetischverhältnisse der christlich-europäischen Kultur als komplementäre Unterdrückungs- und Indoktrinationsmechanismen (Carsten Weber)

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Fetischverhältnissen. So hat die Wertabspaltungskritik bisher in Abgrenzung zur altmarxistischen Theorie postuliert, ohne dies auch für die Vormoderne eingehend zu belegen. Während die Beschäftigung mit dem warenproduzierenden Patriarchat als dem Fetischverhältnis der Neuzeit bereits ein recht umfängliches Schrifttum produziert hat, steht die Darlegung vorneuzeitlicher Fetischverhältnisse noch aus. Im Referat, dem eine ausführliche Verschriftung im nächsten EXIT!-Heft folgt, wird zunächst thesenhaft erörtert, auf welchen materiellen und religiös-philosophischen Grundlagen im christlichen Europa eine sich verselbständigende apriorische Matrix allumfassender hierarchischer Ungleichheit entstand, die allen dem Christentum unterworfenen Menschen zur zwingenden Norm wurde. Dabei erweist sich, dass diese Matrix, zumindest in wesentlichen Teilen und in neuen Amalgamierungen, sich in der Moderne bis weit ins 20. Jahrhundert fortsetzte, so dass die Menschen zwischen zwei Fetischverhältnissen, einem modulierten alten und einem mit rasanter Dynamik sich entwickelnden neuen, historisch beispiellos schweren Bedrückungen ausgesetzt waren, also gewissermaßen zwischen Hammer und Amboss gerieten. Als Beleg und Veranschaulichung schließt das Referat mit der Verlesung zweier Entscheidungen des Bundesgerichtshofs aus den Jahren 1954 und 1962, in denen deutlich wird, in welcher Weise vormoderne autoritäre Vorstellungen bis in die allerjüngste Vergangenheit fortwirkten.

Sonntag, 29.6.

10:00  FETISCHVERNUNFT ODER KATEGORIALE KRIKTIK? – Die Tiefendimension in der Kritik der politischen Ökonomie (Robert Kurz)

Im Partei- und Bewegungsmarxismus werden die zentralen Kategorien der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie weitgehend positivistisch missverstanden. Es geht dann bei der Kapitalismuskritik nur um die bessere Einsicht in ontologische Daseinsbestimmungen. Die Marxsche Theorie zielt dagegen mit der Stufenleiter der Begriffe von Warenfetisch, Geldfetisch und Kapitalfetisch auf die Abschaffung dieser Kategorien. Eine so verstandene Kritik der modernen Fetisch-Konstitution ist zu erweitern auf die Begriffe von Arbeitsfetisch, Geschlechtsfetisch, Rechtsfetisch, Staats- und Politikfetisch, Demokratie- und Nationalfetisch. Daraus ergibt sich auch eine Veränderung des geschichtstheoretischen Paradigmas einer soziologisch verkürzten „Geschichte von Klassenkämpfen“ zu einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“. Epistemisch ist dabei schon in der Marxschen Theoriebildung die Kritik des ontologischen Denkens überhaupt impliziert, die nicht nur den Begriff des Subjekts als einen für die moderne Fetisch-Konstitution spezifischen bestimmt, sondern auch den Begriff der Vernunft selbst als Zusammenhang der „objektiven Gedankenformen“ (Marx) von Fetischverhältnissen historisiert. Erst so ergibt sich über Adorno hinaus für die kapitalistische Widerspruchsbewegung eine konsequente negative Dialektik, die mit dem immanenten Aufhebungsbegriff der positiven Hegelschen Dialektik bricht und die Marxsche theoretische Revolution zu Ende führt. Die reale Einlösung wäre allerdings erst die praktische Überwindung der modernen Fetischvernunft.



Datum

27.6. – 29.6.2008

Zum Tagungsort

Haus Mühlberg (Tagungs- und Freizeitstätte der Ev. Kirche der Pfalz)

Anreisebeschreibung
Am Mühlberg 17
67677 Enkenbach-Alsenborn (Ortsteil Enkenbach)
Tel.: 06303 – 2337

Vom Bahnhof kommend erreicht man das Haus Mühlberg zu Fuß in ca. 10 Minuten: man verlässt den Bahnhof nach links, an der Hauptstrasse wieder links über einen Bahnübergang und einen Kreisverkehr hinweg; ca. 200 m nach dem Kreisverkehr (der mit einem Elefanten aufwartet) links den Berg hoch (Haus Mühlberg ausgeschildert).

Mit dem Auto von der Autobahn kommend fährt man bis zur Kreuzung mit Ampel in der Ortsmitte, dort rechts und dann weiter über besagten Bahnübergang und Kreisverkehr.

Teilnehmerkosten pro Person mit Übernachtung und Verpflegung
Freitag bis Sonntag:

Doppelzimmer o. Dusche/WC (auf dem Flur): 95 Euro

Einzelzimmer o. Dusche/WC (auf dem Flur): 100 Euro

Doppelzimmer m. Dusche/WC: 100 Euro

Teilnahme nur am Seminar: Tagungsbeitrag 15 Euro

Ermäßigung

Anmeldung:

Roswitha Scholz für die EXIT!-Redaktion