Feilschen um die Henkersmahlzeit

Der letzte Kampf der Nürnberger AEG-Beschäftigten

erschienen in der Wochenzeitung „Freitag“
am 20.01.2006

Nach 80 Jahren kommt das Aus: 2007 wird das Nürnberger AEG-Werk geschlossen und die komplette Belegschaft „freigesetzt“. Für 1750 Menschen bricht die kapitalistische Lebensgrundlage weg. Die AEG, einst ein führender Weltkonzern, ist ohnehin nur noch ein leerer Firmenmantel und längst von der Globalisierung geschluckt. Die Entscheidung hat das Europa-Management des transnationalen Konzerns Electrolux mit Sitz in Schweden gefällt; die Produktion von Wasch- und Spülmaschinen wird nach Polen und Italien verlagert. Das restliche AEG-Management hatte gar nichts mehr zu sagen. „Brüssel hat sich eingemischt“, mutmaßt der lokale IG-Metall-Bevollmächtigte Jürgen Wechsler. Hilflos bleibt der Verweis darauf, daß das Werk schwarze Zahlen geschrieben habe. Darauf kommt es bei der Zerlegung transnationaler Produktionsmodule längst nicht mehr an; entscheidend sind die Differenzgewinne von Finanztiteln auf dem globalen „Unternehmensmarkt“.

Für eine weitere Kernbelegschaft ist die Zeit der Verzweiflung angebrochen. Der Krankenstand des Werkes in Nürnberg ist auf mehr als 20 Prozent gestiegen. Ein bis dahin gesunder Kollege von 40 Jahren, der sich „zu sehr aufgeregt“ hatte, starb letzte Woche durch Herzinfarkt, wie ein Betriebsratsmitglied mitteilte. Er hinterläßt Frau und zwei kleine Töchter. Moralische Anklagen verpuffen freilich wirkungslos. Aber nach einer befristeten Arbeitsniederlegung letzten Freitag steht nun nach Urabstimmung ein unbefristeter Streik ins Haus. Die Werksschließung ist nicht mehr zu verhindern, es geht gewissermaßen um die Henkersmahlzeit. Die IG Metall strebt einen Sozialtarifvertrag an; gefordert werden hohe Abfindungen, eine Beschäftigungsgesellschaft bis 2011 und ein finanzieller Ausgleich bis zur Rente für Beschäftigte über 53 Jahre. Nach ähnlichen Konflikten bei Infineon, Otis und Heidelberger Druck könnte nun die AEG zum Präzedenzfall werden: „Wer schließt, der zahlt“, so ein AEG-Beschäftigter. Obwohl ein Electrolux-Sprecher die Forderungen als „utopisch“ bezeichnet hat, stehen die Chancen nicht unbedingt schlecht: Der Streik würde die aktuelle transnationale Wertschöpfungskette unterbrechen und zu Lieferengpässen bei Geschirrspülern und vorgefertigten Teilen in Polen führen.

Wenn der Streik bei AEG auch nur zu Teilerfolgen kommt, könnte er Schule machen und einen neuen Typus von Stillegungs-Konflikten kreieren. Ein ähnlicher Streit über Produktionsverlagerungen zeichnet sich derzeit beim Autozulieferer Continental in Hannover ab. Damit ist die Lawine von Massenentlassungen nicht zu stoppen, aber durch Verteuerung vielleicht zu bremsen. Gegenwehr ist unter den gegebenen Bedingungen nur aus der Defensive möglich. Eine Verallgemeinerung solcher flexibler Widerstandsformen, die sich nicht in heroischer Aussichtslosigkeit erschöpfen, setzt allerdings eine strategische Umorientierung voraus. Für die Gewerkschaften stellt sich bei den Stillegungs-Konflikten einmal mehr die doppelte Frage nach einer transnationalen Organisation von Kampfmaßnahmen (schließlich kann es jede Belegschaft in jedem Land treffen) und nach einem Bruch mit der nationalen Krisenverwaltung.

Außerdem wird ohne Synergieeffekte mit anderen sozialen Konflikten wenig gehen. Aktuelle Beispiele: Der Streik von 50.000 Hafenarbeitern gegen die neue EU-Richtlinie für den freien Marktzugang bei Hafendiensten, der Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst der Länder oder, auf einer ganz anderen Ebene, der Kampf gegen Studiengebühren. Erst ein Blick über den Tellerrand des partikularen Interesses hinaus und ein Verbund von Konflikten könnten eine soziale Gegenlawine auslösen. Dazu gehört auch der Kampf um die Transfereinkommen, ohnehin die baldige Neusituierung für die beschäftigungsmäßig „Toten auf Urlaub“ bei der AEG. Eine solche Perspektive wäre jedenfalls etwas anderes als der schwache Versuch, bloß die Reste aus den Fleischtöpfen der untergehenden Deutschland-AG herauskratzen zu wollen. Und in der Ferne stellt sich die Frage nach einer neuen Kritik der an Grenzen stoßenden kapitalistischen Verwertungslogik und ihres obsolet gewordenen abstrakten Arbeitsethos, nach einer Diskussion um die gesellschaftliche Zukunft jenseits des alten staatssozialistischen Paradigmas. Ein schwacher Trost in der aktuellen Lage der AEG-Beschäftigten. Aber irgendwann müssen ja die niederschmetternden Erfahrungen einmal in den Köpfen offensiv verarbeitet werden, um zu einer weiter gehenden Konfliktfähigkeit zu gelangen.