Lebenslänglich Arbeit?

erschienen in der Wochenzeitung „Freitag“
am 4.11.2005

Wie marode die kapitalistische Reproduktion der Gesellschaft geworden ist, zeigt sich an zwei diametral entgegengesetzten Imperativen: „Wir“ müssen immer mehr werden, und gleichzeitig müssen „wir“ immer weniger werden. Immer mehr, denn wer soll sonst die Renten der verteufelt langlebigen Alten bezahlen? Und immer weniger, denn wo sollen unter den Bedingungen von dritter industrieller Revolution und Globalisierung die Arbeitsplätze für neue Baby-Boom-Generationen herkommen? Rentenversicherung und Arbeitsmarkt treten in einen unversöhnlichen Gegensatz. Diese Schizo-Argumentation ist längst ins Massenbewusstsein eingesunken. Kinderlose heterosexuelle Paare werden von Nachbarn schon mal angemacht, weil sie keinen dereinst sozialversicherungspflichtigen Nachwuchs hecken. Gleichzeitig sind Eltern verbittert, weil ihre Kinder keine Lehrstellen, ja noch nicht einmal unqualifizierte Jobs bekommen und in eine prekarisierte Zukunft hineinwachsen. Die Basis der kapitalproduktiven Arbeit schmilzt ab, während die Masse der Transferempfänger anschwillt. Das kann nicht gut gehen und verweist auf den inneren Widerspruch der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise.

Ein Ansatz für die sozialpolitische Quadratur des Kreises ist die Verlängerung der Lebensarbeitszeit; zunächst bis 67 Jahre, womöglich bis 70, wie es der neoliberale Diskurs vorgezeichnet hat. Schon länger im Gespräch, wird diese grandiose Lösung nun in den Vereinbarungen der Großen Koalition auf den Weg gebracht, wenn auch mit sozialdemokratischen Bauchschmerzen. Das war freilich noch nie ein Hinderungsgrund, denn die Sozialdemokratie lebt geradezu von ihren Bauchschmerzen. Dass eine Gesellschaft mit der höchsten Produktivität der Weltgeschichte alte Menschen länger als im Mittelalter an die Produktion fesselt, regt sowieso die wenigsten mehr auf. An die Paradoxien dieser besten aller Welten hat man sich gewöhnt. Allerdings handelt es sich nur um eine Problemverschiebung. Denn dieselbe Produktivität macht nun einmal Arbeit im großen Maßstab überflüssig, während trotzdem nur essen soll, wer arbeitet. Wenn die Rentner in spe zur Nachspielzeit verdonnert werden, blockieren sie natürlich die rar gewordenen Arbeitsplätze für die nachrückenden Generationen. Die Krisenverwaltung stopft Löcher nur, um neue aufzureißen. Der politische Pragmatismus führt sich selbst ad absurdum.

Offiziell haben die Arbeitgeberverbände ihre verantwortungsbewusste Zustimmung bekundet. Real wollen die Unternehmen aus Kosten- und Effizienzgründen aber weder ausbilden noch Leute einstellen, die älter als 40 Jahre sind. Gefordert sind die berüchtigten dynamischen und hochmotivierten Olympiakämpfer um 25 mit Diplom und Berufserfahrung. Wo die herkommen sollen und wer ihre Ausbildung bezahlt, gilt als das Problem der Gesellschaft, nicht der Unternehmen. Diese Anspruchshaltung wird man ja als wählerischer Arbeitskraftkäufer wohl noch haben dürfen in der Globalisierung. Die zwangsverpflichteten Greise in der Produktion sind da nur Auslaufmodelle und Ballast, den man so schnell wie möglich los werden muß. Tatsächlich gibt es also einen Interessenkonflikt zwischen gesellschaftlicher Krisenverwaltung und betriebswirtschaftlicher Rationalität. Bis vor kurzem entledigte man sich der menschlichen „Exkremente der Produktion“ in der Luxusvariante durch Frühverrentung; inzwischen in der Elendsvariante durch betriebsbedingte Kündigungen und Verschub in das Hartz-IV-Schicksal. Das wird so weitergehen, im Zweifelsfall durch Auslagerung der Produktion nach Osteuropa oder China. Damit werden dann nicht nur die Austragsbauern des Wirtschaftswunders entsorgt, sondern auch die zu teuren heimischen Olympiakämpfer.

Überhaupt gibt das Dorado des wilden Kapitalismus im Osten die Richtung vor. Dort stehen hochmotivierte junge Billigmannschaften und -frauschaften zur Verfügung, während die Lebenserwartung drastisch gesunken ist und die unbrauchbaren Alten klaglos den Löffel abgeben. Das ist ein Zukunftsmodell. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit hierzulande kann als Übergangsprogramm gewertet werden. Wenn man die Alten schon im Produktionsprozeß mitschleppen muß, sind sie der Leistungshetze und dem allgegenwärtigen Mobbing auszusetzen. Das hält niemand lange durch, der keinen fitten Körper mehr hat. Die Zweiklassenmedizin tut ein übriges. Die Rede vom „sozialverträglichen Frühableben“, die einem Ärztekammerpräsidenten herausrutschte, macht Epoche. Das Lebensende wird vorverlagert in den Alltag der Berufstätigkeit. Keine hedonistischen Rentner mehr, sondern Soldaten der Verwertung, die gewissermaßen in den Stiefeln sterben. Was kann es Schöneres für einen deutschen Menschen geben? So löst sich das soziale Dilemma auf, zumindest für die staatliche Krisenverwaltung. Die jungen Generationen haben zwar nichts davon, weil ihre potentiellen Arbeitsplätze erst recht wegrationalisiert werden; dafür bekommen die altfordistischen Arbeitsplatzbesitzer das Urteil „lebenslänglich“. Das ist kapitalistische Gerechtigkeit.