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Marxismus – Feminismus – Kritische Theorie heute ... und die Wert-Abspaltungs-Kritik

Zur problematischen Insistenz auf Erfahrung, Praxis, Empirie, Subjekt, Klasse und die „gelebten Realitäten“ von Frauen im Verfall des kapitalistischen Patriarchats

Roswitha Scholz

Einleitung

Seit dem letzten Jahrzehnt haben der Marxismus-Feminismus und das Thema Kritische Theorie und Feminismus Hochkonjunktur. Es wurden viele Kongresse hierzu veranstaltet und Sammelbände herausgegeben; etliche linke und feministische Zeitschriften hatten dementsprechend einen „materialistischen Feminismus“ zum Thema (2022 soll ein Band „Kritische Theorie und Feminismus“, herausgegeben von Karin Stögner und Alexandra Colligs, im Suhrkamp-Verlag erscheinen). Dem bisher hegemonialen Dekonstruktivismus wird vorgeworfen „unmaterialistisch“ zu sein (siehe etwa Trumann 2018). Versuche etwa, Butler und einen traditionellen Marx zu verheiraten, gibt es zwar noch, obwohl die Prämissen beider eigentlich unvereinbar sind (vgl. etwa Meißner 2010, Adamczak 2017, 2018, Colligs 2021). Aufs Ganze gesehen hat jedoch ein Schwenk zum Materialismus stattgefunden. Die Diskussionen heute drehen sich ebenso, wenn vielleicht nicht sogar mehr um Care, Klasse, Subjekt u.ä.; selbst gestandene Dekonstruktivistinnen bzw. Standpunkt-TheoretikerInnen kommen nicht umhin, dem „Materiellen“ einen zentralen Platz einzuräumen. Dabei erhebt auch ein anachronistisch gewordener Arbeiterbewegungsmarxismus, der im Gegensatz von Arbeiter- und Kapitalistenklasse den gesellschaftlichen Grundwiderspruch sieht, wieder sein Haupt.

Ganz allgemein ist ein Praxis- und Bewegungshype um Klimabewegung, Wohnungsfrage, (Queer-)Feminismus usw. festzustellen. Theorie und übergreifende strukturelle Gesichtspunkte sind dabei in den Hintergrund gerückt bzw. sie bewegen sich häufig von vorherein im Deutungshorizont sozialer Bewegungen und Politik. Somit wird auch gegen eine Theorie, die die Wert-Abspaltung als gesellschaftliche Basisform bestimmt, eingewandt, dass es sich um „eine in sich selbst ambivalente Form [handelt], die umkämpft ist und deren Gestaltung auch Ergebnis von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen ist“ (Scheele/Wöhl 2018, siehe auch meine Auseinandersetzung mit Beatrice Müller weiter unten). Dementsprechend müsse sie abgewandelt bzw. in ihrer Radikalität verworfen werden.

Nach einem Fetischhype in der Linken – vermittelt vor allem durch eine „neue Marxlektüre“ – kehrt im Fortgang des kapitalistischen Verfalls ein Klassenkampfmarxismus zurück, ungeachtet des Niedergangs des Ostblockmarxismus seit 1989. Rückwärtsgewandte und autoritäre Tendenzen werden nicht nur von rechts sichtbar, sondern auch in der Linken. Man schreckt auch nicht vor einem Bezug auf den verblichenen Staatssozialismus, Lenin usw. zurück. Aber auch feministische Gruppen, die (ehemals) an die Kritische Theorie anschlossen, betonen heute wieder die Empirie, die Erfahrung, die (politische) Praxis, und versuchen einen Klassenkampf-Feminismus wieder zu beleben, wie ich zeigen werde. Zu Verschwörungstheorien in der Corona-Pandemie haben die Linke und linke Feministinnen so auch das Ihre beigetragen, indem sie personifizierte Herrschaftsverhältnisse im Sinne der „herrschenden Klasse“ als das grundlegende Problem sehen. Aus der Sicht der Wert-Abspaltungs-Kritik will ich mich nun mit einigen dieser neueren feministisch-marxistischen Konzeptionen, die seit den nuller Jahren entstanden sind, auseinandersetzen.1


1Bei meinen Ausführungen zu Silvia Federici, Tove Soiland und Beatrice Müller greife ich im Folgenden auf bereits veröffentlichte, z. T. umgearbeitete Passagen in früheren exit!-Artikeln zurück (Scholz 2014, 2016, 2020).


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