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Die Metamorphosen des teutonischen Yuppie

Vorwort zur Neuveröffentlichung

Der Text „Die Metamorphosen des teutonischen Yuppie“ von 1995 soll hier noch einmal unter „Aktuelles“ veröffentlicht werden, da es auch in Diskussionen im Exit!-Kontext heute manchmal so erscheint, als sei der Rechtsruck der letzten Jahre plötzlich über uns gekommen. Nicht zuletzt dieser Text zeigt, dass manche Entwicklungen schon vorher absehbar waren, die heute – befeuert durch den Crash 2007/8 und die weltgesellschaftliche Krisendynamik, die notwendig gewaltige Flüchtlingsbewegungen mit sich bringen –, kulminieren und eine neue Stufe post-postmoderner Barbarei und des Zerfalls bedeuten. In der damaligen Krisis-Redaktion und dem entsprechenden Umfeld rief seine Erstveröffentlichung Mitte der 1990er Jahre viel Unmut hervor, mittlerweile gehört der „strukturelle Antisemitismus“ im Kontext von Globalisierungsprozessen schon jahrelang zum festen Bestand von Rest-Krisis. Der damalige Konflikt wird freilich mit keinem Wort erwähnt.

Der „teutonische Yuppie“- Artikel basiert u.a. auf damaligen Analysen Jürgen Elsässers, der mittlerweile querfrontartig nach rechts konvertierte, wie so manche (ehemalige) Linke. Seine in vielerlei Hinsicht durchaus zutreffenden Überlegungen aus den frühen 1990er Jahren bestätigen sich heute an ihm selbst: Er ist zu dem geworden, vor dem er zu jener Zeit vehement gewarnt hatte.

Aufgaben an die Wert-Abspaltungs-Kritik, die seinerzeit noch formuliert wurden, sind mittlerweile zwar nicht erledigt, aber doch umrissartig weiterentwickelt worden, gerade was den Vermittlungszusammenhang von „Rasse“/Antisemitismus, Klasse, Geschlecht bestimmt (etwa Scholz, Differenzen der Krise – Krise der Differenzen, 2005), wobei auch die zentrale Exklusions-Struktur im Hinblick auf den in der Linken weithin vernachlässigten Antiziganismus herausgearbeitet wurde (u.a. Scholz, Homo sacer und die Zigeuner, 2007).

Roswitha Scholz für die Redaktion exit!, November 2018

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Roswitha Scholz

Die Metamorphosen des teutonischen Yuppie
Wohlstandschauvinismus, 90er-Jahre-Linke und kasinokapitalistischer Antisemitismus


In den letzten Jahren und besonders in der jüngsten Zeit wird nach den rassistischen Pogromen gegen Asylbewerber, »Ausländer« usw. offen und latent eine zunehmende antisemitische bzw. proto-antisemitische Stimmung spürbar. Die »Spekulanten« z.B. sind ins Kreuzfeuer der Kritik geraten und auch in Esoterikzirkeln machen sich verstärkt antisemitische, rassistische und sozialdarwinistische Tendenzen breit.
In den 80ern hätten die wenigsten eine solche Entwicklung für möglich gehalten. Der autistische Konsumhedonist/die autistische Konsumhedonistin galten weithin als harmlose und friedliche Gesellen, die sich bestenfalls im Beziehungsgerangel selbst etwas zuleide taten, aber dann konnten sie ja auch ins lust`ge Single-Dasein überwechseln. Es ist deshalb langsam an der Zeit, die Metamorphosen der teutonischen Individuen in der kasinokapitalistischen Ära in den Blick zu nehmen und ebenso deren Stellenwert in einigen radikallinken Positionen zu untersuchen. Denn wie mir scheint, ist gerade die Kritik dieser Phase und der ihr entsprechenden Bewußtseinsformen als Konstituens für verstärkt auftretende rassistische und antisemitische Haltungen und Gewalttaten spätestens seit 89 bei etlichen Linken tabu.
Wenn ich dabei weiterhin ironisch in der männlichen Form vom »teutonischen Yuppie« spreche, als Kritik an dessen beschönigtem Bild in manchen linken Konzepten, und vom »deutschen Michel« etc., so will ich damit mitnichten behaupten, daß nur Männer rassistisch und antisemitisch seien und Haltungen wie Konkurrenzorientierung und Besitzstandswahrung zeigen könnten (siehe dazu auch meine Kritik an der Frauenbewegung - Scholz 1995). Da es sich dabei jedoch um feststehende Figuren handelt, soll das Maskulinum beibehalten werden. Umgekehrt dürfte auch nicht bloß von Kapitalismus, Kasinokapitalismus usw. wie im folgenden die Rede sein, sondern von patriarchalem Kapitalismus, patriarchalem Hightech-Kapitalismus etc.
Dieses Problem verweist darauf, wie sehr patriarchale Geschichte zur Sprache geronnen und wie schwierig es generell ist, einen nicht-patriarchalen, dennoch flüssigen Schreibstil zu entwickeln. Gerade diese Schwierigkeit deutet auf die grundsätzliche Berechtigung von »Political correctness« hin (auch wenn die Forderungen im sprachlichen Bereich bisweilen überzogen sein mögen); eine Position, die ja gerade in Deutschland, auch bei vielen Linken, auf besondere Abwehr stößt.
Um also meinen Gedankengang straight durchziehen zu können, verzichte ich manchmal auf die zusätzliche weibliche Form. In diesem Zusammenhang muß auch die Analyse der Beziehungen zwischen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus auf eine andere Gelegenheit vertagt werden; ebenso bleibt die Veränderung der Geschlechterbeziehungen in den letzten Jahrzehnten in ihrer Bedeutung für neurechte nationalistische Tendenzen zunächst einmal ausgeblendet. Diese wichtigen Bemerkungen vorausgesetzt, sollen nun die Metamorphosen des teutonischen Yuppie in Augenschein genommen werden.



1.

Die 80er Jahre waren bekanntlich die Hoch-Zeit des »Kasinokapitalismus«. Im Zuge von Thatcherismus, Reaganomics und Kohlschem Aussitzer-Konservativismus in der alten BRD, kurz der konservativ-liberalen Wende, traten wieder Leistungsbereitschaft, Konkurrenzorientierung, Tüchtigkeit, Erfolgsstreben und ähnliche bürgerliche Tugenden auf den Plan, gepaart mit einem demonstrativen Protz- und Luxusgehabe, die mit der gleichzeitigen Zunahme der sogenannten »neuen Armut« einhergingen. Egal ob der Yuppie nun bloß ein Medienphänomen war oder nicht, seine Gestalt steht für gewisse Haltungen, die die 80er Jahre generell charakterisieren und quer durch alle Klassen und Schichten gingen, samt ihren postmodernen Metamorphosen in differente »Milieus«, wie es seither bezeichnenderweise kultursoziologisch heißt. Auch Kultur, Streitkultur, Eßkultur, Wohnkultur, »Ethnie«, die »Ästhetik« überhaupt haben in den verschiedensten Farben und Formen seitdem Karriere gemacht. Sicherlich begann dies schon zu Zeiten der Alternativbewegung mit der Rede von den »zwei Kulturen«, wie Wolfgang Pohrt feststellt (vgl. Pohrt 1993 a, S. 127 ff), als auch das Schlagwort von der »Pluralisierung der Lebenswelten« überhaupt die Runde machte; auf jeden Fall aber blühte diese Erscheinung erst zu einer Zeit richtig auf, in der die Pflege eines »kultivierten Lebensstils« absolut »trendy« zu werden begann und »die Mode« Mode wurde.
Auch in Stadtteilen von London z.B., in denen hauptsächlich »Schwarze« leben, können solche Tendenzen beobachtet werden: »In den 70er und auch noch in den frühen 80er Jahren zählte die Demonstration des Nichtstuns zur Kultur der schwarzen Viertel. Die Leute standen den ganzen Tag an einer Ecke oder vor einem Plattenladen und weigerten sich, sich für fragwürdige Konsumgüter für andere zum Idioten zu machen. Trotz der hohen Arbeitslosigkeit siehst Du heute niemanden mehr an der Ecke stehen. Viele Leute haben einen oder gar zwei Jobs in der Schattenwirtschaft. Alle arbeiten wie verrückt, sind mit legalen und/oder illegalen Geschäften beschäftigt. Junge jamaikanische Männer finden nichts mehr dabei, bei McDonalds die Klos zu putzen, wenn sie davon nur den neuen Volvo oder die Klamotten bezahlen können. In Brixton spielen harte Drogen heute eine Rolle, und es kam wiederholt zu Gang-Rivalitäten mit tödlichem Ausgang. Der Thatcherismus hat seine Spuren hinterlassen. Das amerikamische Reproduktionsmodell - Konsum gegen Wohlverhalten - hat sich durchgesetzt« (Jacob, 1993 a, S.89).
Was der »schwarze« Popmusiker Linton Kwesi Johnson hier in einem Interview mit Günther Jacob 1991 als »amerikanisches Reproduktionsmodell« bezeichnet, ist indes so amerikanisch nicht. »Konsum gegen Wohlverhalten« gilt in der wohlfahrtsstaatlich bei weitem besser ausgebauten BRD wohl noch mehr, besonders in den kasinokapitalistischen Ausprägungen der 80er Jahre.
Ich erinnere mich noch an mein Sozialpädagogikstudium, das in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zu Ende ging. Sogar bei »den Sozialpädagogen«, die ja selbst heute noch für gewöhnlich körneressend, bärtig, langhaarig, in Jeans und Schlapper-Shirts imaginiert werden, mit erhobenen Händen und hoher Stimme unentwegt »Frieden - Frieden« predigend, gab es durchaus Leute, die trotz ausreichendem Bafög-Bezug oder genügender Bezuschussung durch die Eltern sich noch Zusatzjobs suchten, weil sie einfach mit dem Taxi nach dem Besuch der sündteuren Nobel-Kneipe heimfahren wollten statt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. 15 Stunden stickige Fabrikluft wöchentlich, umgeben von Leuten, die man nicht abkann, wurden in Kauf genommen, um sich ein bestimmtes »Niveau« leisten zu können. Noch vor kurzem erzählte mir ein 20jähriger Fabrikarbeiter bei »Quelle«, der auf »Joop«-Produkten besteht, es sei »unter seinem Niveau« mit der U-Bahn zu fahren. Statt daß sich die Leute für zwei-Mark-fuffzig eine Karte kaufen, sich ein Buch unter den Arm klemmen und in aller Ruhe in die U-Bahn setzen, werden die absurdesten Strapazen auf sich genommen, um sich einen angeblich »kultivierten Lebensstil« leisten zu können. In gewisser Weise war also der mittlerweile vielbeschworene und auch denunzierte »Achtzigerjahrespaß« (Bodo Morshäuser) hart erarbeitet.1
In der ersten Zeit sah es so aus, als sei die konservativ-liberale Wende in der alten BRD gar keine solche. Kohl plazierte Geißler und Süßmuth auf zentrale Plätze. In Wirklichkeit hatten die 68er doch den Sieg errungen - so schien es. Der Modesoziologe der 80er (und auch noch der 90er), Ulrich Beck, imaginierte so eine Individualisierung, deren Schwierigkeit vor allem in der Qual der Wahl bestand. Eine »echte« konservativ-liberale Wende - kann danach doch nicht mehr kommen! In der »lust'gen Risikogesellschaft« kann sich letztlich doch alles nur noch »demokratisch« zum besseren wenden, angeschoben durch die neuen Protestbewegungen, die sanft im reformerischen Einspruch die Gesellschaft in eine Phase der »reflexiven Modernisierung« schippern. Aber nein, die davon selbst schon durch und durch affizierte Gesellschaft schipperte dahin. Dem Motto von Margaret Thatcher »Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen« kam Beck insofern nach, als er für seine aus traditionellen Bindungen freigesetzten Individuen keinen übergreifenden gesellschaftstheoretischen Bezugsrahmen mehr gelten ließ. All dies jedoch grün-sozialdemokratisch eingefärbt.
Nicht wenige mittlerweile schick und bewegungsmüde gewordenen (Ex-)Protestler ließen sich nun von dem sozialwissenschaftlichen Sandmännchen Beck mit seinem La-Le-Lu-Gesang endgültig einschläfern bzw. seine Bücher entsprachen dieser Stimmung, die allgemein verbreitet war, und kamen vermutlich auch deshalb so gut an.
Damit konnte man/frau die verstärkt auftretende Konkurrenzorientierung im Zuge der immer mehr greifenden konservativ-liberalen »Individualisierung« - wider die eigene Erfahrung und eigenes Wissen - vor sich selbst verbergen und sich sogar noch einbilden, als Altbewegte zur »Liberalisierung« der Gesellschaft Kolossales beigetragen zu haben. Aus den Altbewegten wurden so mehr und mehr Lebensweltyuppies, die in Markt und Staat geschickt Nischen auszufüllen verstanden. Nicht wenige von ihnen wurden seitdem endgültig zu dem, was linke KritikerInnen ihnen schon immer nachsagten: Kleinbürger, die stolz auf ihr Geschäft, ihr (sozialstaatlich gefördertes) »Projekt«, ihre Kneipe usw. sind, mit einer postmodernen, kasinokapitalistischen Wirts- und Bäckermeistersmentalität, die von der eigenen Tüchtigkeit durchdrungen ist und z.B. gern die Asylrechtskompromiß-SPD-Honoratioren der Stadt vertraulich und geschäftsbeflissen als Gast/Kunde begrüßt.
Schleichend, langsam und klammheimlich verband sich ein Nationalismus, der teilweise schon in den »neuen sozialen Bewegungen« zu finden war, mit der neu entdeckten und zunächst euphorisch gefeierten - von Beck völlig entdramatisiert dagestellten - konkurrenzorientierten Individualisierung. In den 80er Jahren nahm gleichzeitig die Gewalt in Familien wieder zu, rassistische Gewalttaten stiegen an und rechtsextreme Organisationen bekamen wieder mehr Zulauf.



2.

Die deutsche Vereinigung brachte dann eine »Renationalisierung« auf breiter Front mit sich, mit der viele nicht gerechnet hatten, als nach der Währungsumstellung in Ostdeutschland und dem neoliberalen Rausch schon bald der Katzenjammer folgte. Rostock, Mölln, Solingen und die Entwicklung danach sprechen für sich. »Kohl erweist sich als Kanzler des Kasinokapitalismus, dem zum Schluß noch ein großer Coup gelungen ist. Als nach der deutschen Einigung die Rechnung bezahlt werden muß, wird der Ruf nach der Politik wach« (Bude, 1993, S.446).
Plötzlich stand der jahrelang gehätschelte teutonische Yuppie gar nicht mehr so gut da beim Establishment, das sich jetzt kurzerhand zu einfachen »Bürgern« umdefinierte: »Vieles hängt von uns, den Bürgern ab. Wir müssen uns ändern. Ein Wandel der Maßstäbe ist notwendig. Das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft ist als Wirtschaftsprinzip unentbehrlich, aber es darf nicht als Entschuldigung für Nichthandeln mißbraucht werden. Das Gemeinwohl muß wieder an die erste Stelle rücken. Es ist ein Skandal, daß Gewalt, Korruption und ein egoistischer Bereicherungstrieb als normal angesehen werden, während ein unter Umständen sich regendes Unrechtsbewußtsein kurzerhand mit dem Hinweis auf die "Selbstregulierung des Marktes" beschwichtigt wird. Wir haben es satt, in einer Raffgesellschaft zu leben, in der Korruption nicht mehr die Ausnahme ist und in der sich allzu vieles ums Geldverdienen dreht. Es gibt wichtigeres im Leben des einzelnen wie auch im Leben der Nation« (Dönhoff u.a. 1992, S. 18f.).
In dem von Dönhoff und Co. verfaßten Manifest »Weil das Land sich ändern muß« wird Kapitalismuskritik zugunsten der Nation betrieben unter ausdrücklicher Beibehaltung des Kapitalismus, der nunmehr zuförderst dem Zweck des »Volkswohls« dienen und dementsprechend an die Kandare genommen werden soll. Der seit 89 erst recht forcierte neoliberale Kapitalismus ist dem Establishment über den Kopf gewachsen, die mit ihm notwendig einhergehende Individualisierung muß nun durch eine nationalistische Kapitalismuskritik »von oben« gedämpft werden. Der Angriff auf den »individuellen Bereicherungstrieb« dient dem Ausbau des Nationalstaats und der »Festung Europa«: »Ohne Besinnung auf die Tugenden der Vergangenheit, ohne Selbstbescheidung und Sparsamkeit, ohne Verzicht und Solidarität gefährden die Deutschen sich selbst und ihre Nachbarn« (Klappentext). Fremde sollen dabei durchaus »hereingelassen« werden, solange dies dazu dient, daß die Deutschen nicht aussterben.
Internationale Wirtschaftsverflechtungen werden durchaus in Rechnung gestellt, mit dem Ziel, dabei für »Deutschland« in der Krise das Beste herauszuholen. Ebenso wird implizit für einen kleinbürgerlichen Alltag plädiert, in dem alles seine Ordnung hat. Dem entspricht die Kritik an der permissiven Gesellschaft und der Rekurs auf »Tradition, Religion, soziale Gewohnheiten« als notwendige soziale Bindemittel (S. 104). Der Einzelne soll bei Dönhoff und Co. zwar marktkonform handeln, im Grunde aber wie in der Armee sich dem Kollektivzweck, dem »Gemeinwohl«, das nun an erster Stelle kommen soll, unterordnen. Ausgerechnet auf diese paradoxe Weise soll der zivilisatorische Standard von Individualität gewahrt werden. Nicht zuletzt macht auch die Verwendung des Terminus »Raffgesellschaft«, der an die Unterscheidung zwischen raffendem und schaffendem Kapital erinnert und somit vielleicht ein antisemitisches Ressentiment beinhaltet, die Manifest-Position zu einer nationalkonservativen und fragwürdigen.
Nun, das »Manifest« kam in »deutschen Landen« bis auf wenige kritische Rezensionen allenthalben gut an. Die Auflagen schnellten in die Höhe und ein hoher Stoß liegt noch heute in vielen Buchhandlungen auf. Sollte sich der teutonische Yuppie, der für die Gesamtstimmung spätestens seit Mitte der 80er und erst recht Anfang der 90er Jahre nach der Vereinigung, dem DM-Taumel und der neoliberalen Euphorie stand, nun auf einmal ganz einfach eines anderen, besseren besonnen haben? Sollte unser teutonischer Kosmopolit sich plötzlich zum deutschnationalen und gleichzeitig altruistischen Gutmenschen gewandelt haben? Hat sich sein »individueller Bereicherungstrieb« so schnell und plötzlich verflüchtigt? Wohl kaum. Vieles spricht dafür, daß er sich eher dahin zurückzuziehen versucht, wo die Bedingungen für ihn aufgrund der veränderten ökonomischen Verhältnisse günstiger scheinen, wo er glaubt, sich nun bei zunehmend enger werdendem Handlungsspielraum immer noch am besten entfalten zu können: ins nationale Körbchen.
Ist sein Besitzstand gefährdet, wendet sich sein im Zuge der Individualisierung entstandener konkurrenzorientierter Differenzhedonismus gegen die »Anderen«, die keinen deutschen Paß besitzen und nicht dem Bild des mitteleuropäischen Menschen entsprechen. Und er denkt daran, daß doch schon mal zu Friedensbewegungszeiten vom »Nationalen« die Rede war und entwickelt vaterländische Gefühle. Der jähe Absturz der vorher (besonders nach der Vereinigung) geweckten hochfliegenden Prosperitätserwartungen im Osten wie im Westen Deutschlands (wer erinnert sich nicht an die ostdeutsche Parole: »Helmut nimm uns an der Hand und führ uns ins Wirtschaftswunderland«) in der ökonomischen Krise und die damit einhergehenden Existenzängste führten schließlich dazu, daß die kasinokapitalistischen Individuen zu Amokläufern wurden und zu rassistischen und antisemitischen Gewalttätern - bzw. sie delegierten bewußt oder unbewußt »bestimmte Aufgaben« an ihre als unzurechnungsfähig geltenden Gewaltkids.
Es entstand also eine Situation, die in mancherlei Hinsicht jener ähnelt, wie sie Hannah Arendt für die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen beschrieben hat. Der »alteingewöhnte Individualismus hatte ... zur Folge, daß die monotone Gleichgültigkeit, mit der das gleiche Schicksal Massen von Individuen befallen hatte, diese nicht daran hinderte, an sich selbst nach wie vor die Maßstäbe der konkurrierenden Erwerbsgesellschaft anzulegen und sich selbst in Vorstellungen von individuellem Erfolg zu be- und verurteilen (...) Aber selbst diese egozentrische Bitterkeit, die individuell psychologisch gesehen das Kennzeichen einer ganzen Generation wurde, war nicht etwas, was sie gemeinsam hatten, obwohl alle individuellen Unterschiede schließlich in einem allgemeinen Ressentiment untergingen; der Egozentrismus konnte keine gemeinsamen Interessen entstehen lassen, und er war daher sehr oft mit einer typischen Schwächung des Instinkts der Selbsterhaltung verbunden. Selbstlosigkeit, nicht als Güte, sondern als Gefühl, daß es auf einen selbst nicht ankommt, daß das eigene Selbst jederzeit und überall durch ein anderes ersetzt werden kann, wurde ein allgemeines Massenphänomen« (Arendt, 1991, S. 510 f).
Wie sehr gilt das, was Hannah Arendt hier beschreibt, erst für heute, wo durch die wohlfahrtsstaatliche Entwicklung und die sie schließlich überlappende kasinokapitalistische Phase Individualisierungsprozesse viel weiter fortgeschritten sind als zu Zeiten der Weimarer Republik? Ein »konkurrierender Egozentrismus« paart sich heute umso mehr mit einer haltlosen Selbst-Indifferenz. Und genau dies ist die Stunde für autoritäre Ordnungsstifter und für Manifestler, die sich in deren Nähe befinden.



3.

In manchen linken Positionen wird der Zusammenhang zwischen konservativen und nationalistischen Momenten in den »neuen sozialen Bewegungen«, kasinokapitalistischer Entwicklung in der BRD, konkurrenzorientiertem Egozentrismus in den 80ern und 90ern, Absturz der ökonomischen Situation, massivem Rechtsruck und - damit zusammenhängend - Egozentrismus und »Selbstlosigkeit« (im obigen Sinne Hannah Arendts) in den letzten Jahren zu wenig bzw. gar nicht berücksichtigt. Zwar werden nicht selten der Konservativismus und Nationalismus der »neuen sozialen Bewegungen« kritisiert; es fällt aber auf, daß gerade die kasinokapitalistische Yuppie-Phase mit ihrer Arbeits-, Tüchtigkeits- und Luxusemphase und eine damit gekoppelte Ichbezogenheit unter den Tisch fallen.2 Gerade die Berücksichtigung dieser Phase erscheint mir aber unentbehrlich, sollen ein rassistischer Wohlstandschauvinismus und ein neuer kasinokapitalistischer Antisemitismus (auf den ich später eingehe) geklärt werden.
So kritisiert z.B. der »Konkret«-Redakteur Wolfgang Schneider zwar nicht zu Unrecht am Manifest von Dönhoff und Co., daß es sich hierbei »um eine Sammlung von Gemeinplätzen aus dem Repertoire einer faschismuskompatiblem Kultur- und Gesellschaftskritik (handelt)«(Schneider, 1994, S. 170). Und er konstatiert weiterhin zutreffend: »es sollten doch bitte konsequenterweise alle diejenigen, die es "satt haben", in einer "Raffgesellschaft" zu leben, die gleichwohl aber weder deren Eigentumsverhältnisse umstürzen noch nach Grönland oder Papua-Neuguinea auswandern wollen, sich schleunigst aufhängen« (S. 173). Dennoch bleibt aufs Ganze gesehen nach dem Lesen seines Textes der Eindruck zurück, als sei die Kritik des »kapitalistischen Strebens nach Profit«, der »Aufruf zum Verzicht« und das »Ressentiment gegen den Wohlstand«, wie sie bei Dönhoff und Co anzutreffen sind, schon immer nur eine rechte Kritik. In der undifferenzierten Betrachtung - und damit zusammenhängend pejorativen Formulierung - bleibt dabei ausgeblendet, daß ein derartiges Räsonnement erst im Verbund mit dem Ziel des »Volksganzen«, mit autoritären Annahmen, mit der Klage über den Verfall traditioneller Werte und dem Affekt gegen das »Sozialschmarotzertum« etc. zu einem rechtskonservativen wird.
Herbert Marcuses Kritik an den »falschen Bedürfnissen« und die Kritik daran, »sich für fragwürdige Konsumgüter für andere zum Idioten zu machen«, wie sie Linton Kwesi Johnson im obigen Interview übt, wird aus einer Sicht wie der von Schneider eigentlich unmöglich. Und ebenso unmöglich wird dann eine Kritik am Wohlstandschauvinismus, der auf Kosten »der Anderen« leben will.3 Es kann nicht mehr gefragt werden: Welcher Wohlstand? Was heißt das überhaupt? Auf wessen Kosten geht er unter den gegebenen Umständen? Die Kritik an einem autistisch selbstbezogenen und in mancherlei Hinsicht auch inhaltlich fragwürdigen Wohlstandsverständnis in den hochentwickelten Industrienationen wird so implizit schon immer dem rechten »Ressentiment gegen den Wohlstand« gleichgesetzt. Wie in der warenförmigen Gesellschaft üblich, wird in der Kritik Schneiders nur die Quantität und das »Überhaupt« des Wohlstands berücksichtigt, qualitative Gesichtspunkte geraten demgegenüber ins Hintertreffen.
Nun ist es ja durchaus richtig, rechte Verzichtsvorstellungen anzugreifen. Daß es in den hochentwickelten Industrienationen mittlerweile massive Verarmungs- und Verelendungstendenzen gibt und das soziale Gefälle größer wird, pfeifen längst die Spatzen von den Dächern. Deswegen erübrigt sich allerdings nicht die Frage, ob dabei der Lebensstil der »Nichtdarbenden« nicht auch groteske Züge trägt, und ob er als verallgemeinerter erstrebenswert ist. So z.B. schon bei bestimmten Segmenten der postmodernen Mittelschichten wie etwa dem vielbemühten Luxus-Single mit seiner 5-Zimmer-Wohnung oder bei manch teurer Sportart, die wohl nicht selten bloß aus Statusgründen betrieben wird.
In der undifferenzierten Polemik von Schneider gerät (implizit) fast schon die Konsumkritik der »Frankfurter« in die rechte Ecke, auf die man sich als 68er doch einmal positiv und durchaus zu Recht berufen hatte. Dabei ist es ein Hohn, wird der »Konsumterror« der 60er und 70er mit dem der 80er Jahre verglichen, bei gleichzeitig wachsender Armut besonders seit der konservativ-liberalen Wende. Aus dem Blick gerät dabei auch, daß die Entwicklung von der Produktions- zur Konsumorientierung seit den 50er Jahren (was eine mehr oder minder starke Arbeitsorientierung in verschiedenen Phasen dieses Zeitabschnitts nicht ausschließt) ein kapitalismusinterner Prozeß war, der in der neoliberalen Zeit der 80er und Anfang der 90er seinen Höhepunkt erreichte. Sogar Wolfgang Pohrt, der doch schon vor Jahren u.a. wegen seiner Angriffe auf die Konsumkritik der Alternativbewegung berühmt-berüchtigt war, in der er (angesichts auch nationaler Bestrebungen in den neuen Protestbewegungen vielleicht nicht ganz unberechtigt) antiamerikanische Haltungen witterte, fühlte sich bemüßigt zu schreiben: »Der Westen glänzte nicht mehr, sein Stern sank schon lange, als er 1989 unverhofft noch mal schnuppern durfte, was ihm wie Morgenluft riechen mußte. Erstmals in der Geschichte wurde das Kapital ein Massenidol. Seiner Verkörperung in der Leitwährung DM jubelte die Menge zu, daß es aussah, als habe Bunuel die Bibelgeschichte vom "Tanz ums Goldene Kalb" verfilmt. Die Nacht der Währungsumstellung bot gotteslästerliche Szenen religiöser Verzückung. Für den Westen war der Rausch im Osten die Droge, die ihn einen Moment lang seine eigenen Depressionen und seine Dekadenz vergessen ließ« (Pohrt, 1993 b, S. 10).
Die Jagd nach dem von manchen Rechten wie Linken als »undeutsch« konstruierten »Mammon« und neu-nationalistische Sehnüchte gehen also durchaus zusammen. Die rechtskonservative Ausrichtung in den 90ern stellt dabei noch in der Kritik an der neoliberalen Reagan-Thatcher-Kohl-Ära (letzterer ist ja bezeichnenderweise heute noch an der Macht) bloß deren Verlängerung dar, wobei heute die nach wie vor existierende, ja sogar noch härter werdende Rambo- und Sigurd-Konkurrenzorientierung durch eine rückwärtsgewandte Gemeinschaftsgesinnung abgefedert werden soll. Die in den 80ern und Anfang der 90er im Kontext einer konservativ-neoliberalen Politik entstandenen Pseudo-Wohlstandsvorstellungen, basierend auf einer Luxus-Leistungs-Ideologie und -Mentalität, können also nicht einfach als das relativ »Gute«, das relativ »Nichtreaktionäre«, »Undeutsche« usw. den rechtskonservativen, völkischen Tendenzen der Jetzt-Zeit gegenübergestellt oder wenigstens ungeschoren gelassen werden. So klingt es aber bei manch linkem Kritiker, wobei in der impliziten Argumentation gerade auch der harte Leistungsaspekt in den »goldenen neoliberalen Achtzigern« häufig unterschlagen wird .
Dem entspricht, daß eine Kritik am neoliberalen egozentrischen Individualismus bei Schneider letztlich tabu bleibt: »alle traktieren sie mehr oder weniger ausgiebig die Frage, wie denn im Angesicht der Krise gegen die destruktiven Tendenzen der kapitalistischen Entwicklung, die natürlich nicht einfach so, sondern "Individualisierung" genannt werden, die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft aufrecht zu erhalten sei« (Schneider, 1994, S.174). Es ist vollkommen o.k., daß Schneider hier die Intention einer Aufrechterhaltung der bürgerlichen Ordnung in der Krise beim Großteil der derzeitigen Individualisierungs-KritikerInnen attackiert und den kapitalismuskritischen Bezugsrahmen einklagt. Trotzdem hat man das Gefühl, als dürfe der egozentrische Individualismus der 80er Jahre nicht als solcher benannt werden. Dabei käme es doch gerade darauf an, diese »schräge« Form des Individualismus in seinem kapitalistischen Gewordensein und damit auch im heutigen (kasino-)kapitalistischen Kontext zu verorten, anstatt ihn in nicht näher bestimmten »destruktiven Tendenzen der kapitalistischen Entwicklung« aufgehen zu lassen und ihn dadurch letztendlich zu vernebeln. Weil die Kritik an den Individualisierungstendenzen der letzten Jahre auch von Rechtskonservativen bis hin zu zivilgesellschaftlich-kommunitaristischen Light-Verfechtern einer Gesellschaftskritik geübt wird, ist sie aber nicht allein schon deswegen völlig falsch.
Schneider verbaut sich so eine explizite eigene Kritik am konkurrenzorientierten Egozentrismus der (bürgerlichen) Erwerbsgesellschaft im Sinne Hannah Arendts, die auf das neu erreichte gesellschaftliche Niveau in der kasinokapitalistischen Phase modifiziert bezogen werden müßte.
Wolfgang Pohrt dagegen weiß sehr wohl um die Analyse Hannah Arendts in dem Band »Harte Zeiten« und sieht die Parallele zur heutigen Zeit. Dennoch schleicht er um eine angemessene Kritik der neoliberal-kasinokapitalistischen Yuppie-Ära, sieht man von wenigen Ausnahmen wie der oben zitierten Stelle ab, merkwürdig herum. Er vermeidet es im allgemeinen, sie klar und systematisch zu benennen und den Bezug zu der davor liegenden Phase der »neuen sozialen Bewegungen« herzustellen. Höchstens nebenbei und unscheinbar geht er darauf ein. So in folgender Passage: »Nicht von der Idee der Rettung, sondern von der des Untergangs waren die apokalyptischen Massenbewegungen der 80er Jahre inspiriert - erkennbar daran, daß an die Stelle von love-ins nun die-ins getreten waren, kindische Inszenierungen eines Massensterbens mit Särgen, Leichentüchern und Grabkreuzen als Requisiten. Im makabren Klamauk drückte sich die Todesgewißheit von Menschen aus, die das Leben mit den Augen des Massenmörders betrachten, unter dem Aspekt seiner möglichen Vergiftung, Verseuchung, Verstrahlung. "Genieße den Tag, denn wer weiß, was der morgige bringt", hieß komplementär dazu das unausgesprochene Motto der zeitgleich auftauchenden konsumfreudigen Alternativ-Hedonisten."Nach mir die Sintflut" war die Geschäftsphilosophie des unter Reagan und Thatcher gebildeten kurzlebigen Reichtums« (Pohrt, 1993 b, S. 10). Pohrt rekurriert sehr wohl auf die »Weltlosigkeit« und »Verlassenheit« der vermassten Individuen im Rückgriff auf die Überlegungen Hannah Arendts; der Hinweis auf den damit gleichzeitig einhergehenden konkurrenzorienten Egozentrismus, herübergekommen aus der bürgerlichen Erwerbsgesellschaft, fehlt aber, obwohl dieser doch gerade heute ins Auge sticht.
Irgendwie sollen wohl wie bei Schneider die neoliberale Phase und ihr ausgeprägter Ego-Kult aus der Schußlinie genommen werden. Der deutsche Michel muß unbedingt einseitig als Gemeinschafts-Gemütlichkeits- und Zucht-Michel phantasiert werden, zwanghaft pflanzenessend, Müll sortierend, Pendel schwingend und scheinheilig gutmenschenartig.
Daß der deutsche Michel auch ein Konkurrenz-Hedonismus-Karriere-Aktienspieler-Michel ist, der das erreichte Vergesellschaftungsniveau seit Ende des Zweiten Weltkriegs und den damit verbundenen »weltmännischen« Lebensstandard und -stil durchaus schätzt, paßt einfach nicht richtig ins Pohrt/Schneidersche Konzept. Die teutonische Entwicklung vom Zupfgeigenhansel zu Madonna, vom Pumphosen-Roots-Stil zu den Rodierklamotten, vom bauchigen Psycho- zum technisch besessenen Computerfreak, vom Bahro-Fan zum Baudrillard- und Butler-Fan wird nicht mitreflektiert bzw. die Amalgamierung der jeweiligen Gegensatzpaare wird nicht gesehen: es lassen sich nämlich auch in Rodierklamotten vorzüglich Tarotkarten legen, auch als gestylter Single-Yuppie kann man Müll sortieren und auch als Computerfreak bevorzugt man nicht unbedingt die boden-lose Tomate. Und in diesem Zusammenhang wird auch nicht erkannt, daß gerade dieser Konkurrenz-Öko-Hedonismus-Esoterik-Hightech-Michel, in seinen komplizierten Verwerfungen, sich in ökonomisch brenzlig werdenden Zeiten, um seine Haltungen zumindest leidlich wahren zu können, zu eben jenen nationalistischen Gemeinschaftsideologien flüchtet, die Dönhoff und Co vertreten.


4.

Ebenso schwach thematisiert bleibt die kasinokapitalistische Ära und vor allem der ihr entsprechende Egozentrismus bei den hedonistischen Linken, die zur Zeit so viel von sich reden machen. Das vielleicht gerade deshalb, weil diese linke Variante selber ein typisches Produkt der kasinokapitalistischen Ära ist. Es fällt auf, daß sich Selbstreflexionen der popkulturellen Linken häufig, was ihre Existenz in den 80ern angeht, gewissermaßen subkulturimmanent auf das eigene »Kulturarbeitermilieu« beziehen und/oder auf ihr Verhältnis zu anderen linken Gruppierungen; die eigene Einordnung in einen größeren historischen und sozialökonomischen Zusammenhang dagegen findet bestenfalls nur am Rande statt: »Was in der Hausbesetzer-Bewegung das eigene "selbstbestimmte" Leben jenseits und gegen Staat und Konsumgesellschaft sein sollte, war in der Boheme-Linken der Selbstversuch, in der Postmoderne auszunutzen und auszukosten, was an Selbstverwirklichungs-, Verfeinerungs-, und Differenzierungsmethoden im Angebot war. Das Zauberwort hieß "strategisch" - alles was man tat, konnte man dadurch rechtfertigen, daß es im Hinblick auf einen Erkenntnisgewinn, eine Umcodierung, eine semantische Erschütterung, eine Dekonstruktion hin erfolgreich sein könnte, die die symbolische Seite der Verhältnisse als notwendigen ersten Schritt erschüttern könnte« (Diederichsen, 1994 a, S. 150).
Man nahm hier also die kasinokapitalistischen Verhältnisse bewußt an und versuchte sie mit den eigenen Mitteln zu schlagen. Dem Spiel mit den Zeichen in bestimmten Szenen entsprach das zeitgleich modisch werdende Spiel an der Börse in der »offiziellen« Gesellschaft. Im Spiel mit den Zeichen, einer im Grunde bloß kontemplativen Dekonstruktion, wird (nicht zuletzt gegen den »Kulturpessimismus« der Franfurter Schule gerichtet) offensichtlich das »Genieße den Tag, denn wer weiß, was der morgige bringt« und die »Geschäftsphilosophie« des konservativen Neoliberialismus »Nach mir die Sintflut« quasi-politisch offensiv und lebensfreudig-hedonistisch zu wenden versucht. Dem entspricht auch, daß man einen »Luxese«- Lebensstil pflegte: »auf Zeiten der ausschließlichen Ernährung durch Bier folgten solche des gehobenen Geschmacks« (Diederichsen, 1994 a, S. 174). Die Konzentration auf das »Hier und Jetzt« ist offensichtlich.
Deswegen wurde die »abstrakte Arbeit« aber nicht grundsätzlich abgelehnt bzw. man stand diesem Bereich, wo man (weniger »frau«, denn bei der popkulturellen Linken handelt es sich in erster Linie um eine männliche Boheme) seine kreativen Fähigkeiten (das »kulturelle Kapital« - Bourdieu) in die Waagschale werfen konnte, in einer typisch postmodernen Mischung affirmativ-oppositionell gegenüber. Der »große Kompromiß (Widerspruch, Symptom) der 80er (war) der, der sagte: Wir bleiben radikal, aber wir arbeiten auch mit dem Markt zusammen, sonst werden wir weltfremd (oder auch: es ist viel radikaler, mit dem Markt zusammen zu arbeiten)« (Diederichsen, 1994 a, S. 157). Daß sich viele (ex-)radikale linke und alternative Vettern spätestens seit der 2. Hälfte der 80er Jahre ebenfalls dazu entschlossen, mit Markt und Staat zusammenzuarbeiten und konsumhedonistisch »drauf kamen«, zunehmend ohne sich - realistischerweise - einzubilden, man sei dabei immer noch radikaloppositionell, nahm die popkulturelle Linke offensichtlich weithin gar nicht zur Kenntnis. Um sich abzugrenzen, braucht man eben - so mein Verdacht - das Watschenbild einer »puritanischen Linken«, dessen Realität im Grunde nur noch in Kümmerformen existiert.
Das postmoderne Subjekt wurde in der hedonistischen Linken, in gewisser Weise ähnlich wie bei Beck, dem Star der sich etablierenden Alternativen, zum einseitig zivilisationsfördernden, in vielerlei Hinsicht »verfeinerten« zurechtgeschminkt, auch wenn dabei mit radikal individualistischem Gestus subjekt- und »selbstlose« (!) Medientheorien, die in der popkulturellen Linken besonders beliebt waren/sind, vertreten wurden. Die Konkurrenzorientierung und der Egozentrismus des kasinokapitalistischen Individuums und die Problematik eines darüber vermittelten Hedonismus werden dabei nicht gesehen. Was diesen Punkt angeht, so wird die Selbstreflexion in den 90ern sogar eher durch ein noch lauteres »hedonistisches« Trommeln ersetzt, wie sich z.B. an der Zeitschrift »Die Beute« zeigt. Ausgerechnet auf diese paradoxe Weise soll den Rechtstendenzen in den 90ern begegnet werden. Gleichzeitig sollen so wohl auch durchaus »konservativ« die prekär gewordenen Besitzstände aus den kasinokapitalistischen 80ern erhalten und in den 90ern erweitert werden. Dafür stehen die »Zeichen« der Zeit allerdings günstig: Popkultur, Medientheorien u.ä. sind große Themen im bürgerlich-teutonischen Gesamtdiskurs der 90er.
Damit soll nicht gesagt werden, daß die popkulturelle Linke nicht in vielerlei Hinsicht auch sehr sympathische Züge trägt wie übrigens auch andererseits die »Alternativen« in manchem; die Ökologiethematik etwa wurde in neuerer Zeit erst von ihnen zur Diskussion gestellt und das Problem der Frauenunterdrückung von der neuen Frauenbewegung erst massiv in die Diskursarena eingebracht. Bei der popkulturellen Linken ist es etwa die »Pflege« eines Selbstdenkertums, das gegen die »dogmatische Linke« gerichtet (und gleichwohl auch ein neoliberales Produkt) ist, nichtsdestotrotz aber überschießende Momente in sich trägt. Oder aber die Insistenz auf den »Genuß«, wenngleich ihr Hedonimusverständnis auch leicht zum Hedonismuß, zur Ideologie, zu werden droht und damit auch repressive Momente aufweist. Ihr Rekurs auf Party, Disco usw. deutet auch auf das »Andere«, das in einer postmonetären Gesellschaft möglich wäre, hin.
Dazu müßte allerdings - und das würde derartige Konzepte in ihren Grundfesten erschüttern - von der Vorstellung einer Dissidenz in der Affirmation und einer weithin undifferenzierten »Massenverfeinerung« (Diedrich Diederichsen) in ihren jetzigen Formen Abstand genommen werden. Denn in solchen Annahmen und somit in einer »falschen Unmittelbarkeit« droht die Gefahr einer massiven Selbstauslieferung an die gegebenen Verhältnisse. Der in popkulturellen Szenen propagierte Differenzhedonismus könnte im Grunde erst dann fruchtbar werden, wenn er nicht mehr durch das Nadelöhr der warenförmig-konkurrenten Vermittlung hindurch müßte.
In diesem Zusammenhang ist auch ein diffuser prinzipiell positiv besetzter Hedonismusbegriff problematisch, wie er bisweilen anzutreffen ist; und zwar keineswegs bloß bei Linken, die der popkulturellen Szene zugerechnet werden können. Es besteht die Gefahr, daß dabei kleinbürgerlich-postmoderne Erlebnisbedürfnisse, die Ausdruck eines gänzlich unoppositionellen kasinokapitalistischen Egozentrismus sind, mit »gedeckt« werden. Gerade in den kasinokapitalistischen 90ern gilt die Gleichung hedonistisch = schon immer nicht-spießig längst nicht mehr. Der zumindest in seiner Freizeit in Ausschweifung lebende Techno-Fan z.B kann zugleich eben auch ein (wohlstandschauvinistischer) Normalo sein. Ebenso kann ich (abgesehen vom linken Gemeinplatz, den sogar Adorno vertreten hat, daß selbst im warenförmigen »vulgären« Konsumgenuß noch nicht-warenförmige Momente enthalten sind) beim besten Willen z.B. am teutonischen Kilimandscharo-Touristen keine oppositionellen Momente entdecken, um noch ein weiteres Beispiel anzuführen. Dieser unterzieht sich auf seiner Suche nach »Kitzel« Gewalttouren, begleitet von schwarzen Lastenträgern, separiert von der übrigen exotisch-verelendeten afrikanischen Umgebung, die dem Wohlstandsbürger nicht schmeckt. Geplagt-hedonisch-erlebnishungrig hechtet er, sich das große Geschäft einstweilen verdrückend, von einem Kilimandscharo-Scheißhaus zum anderen, das extra für ihn nach europäischen Maßstäben installiert wurde, bis er den exotischen Gipfel erstürmt, sich doch bloß selbst immer nur mitnehmend. Zum Schluß beschwert er sich über die vom Tourismus »verdorbenen Schwarzen« am für ihn extra abgegrenzten Strand, deren Miene verrät, daß sie sich, ob ihrer Butlerdienste, wohl ein besseres Trinkgeld ausgerechnet hätten. Adäquates gilt etwa für die Touristen-Separees in allen möglichen Teilen der Welt, wo der Teutone immer nur auf sich selbst trifft.
Derlei »lebensechte« Beispiele könnten noch mehr angeführt werden. Sie zeigen auch, daß der teutonische »Fußgängerzonen-Mensch« (Diedrich Diederichsen) die in ihn vor allem in den 80ern hineinprojizierten Fortschrittspotentiale nicht so ohne weiteres erfüllt.4 Vielmehr ist der teutonisch-weltmännische Anspruch, sich all dies in seiner Borniertheit leisten zu können, selbst ein Grund, andere auszugrenzen, die zu »uns« kommen, wie die rassistischen Ausschreitungen der letzten Jahre bezeugen. »Sich als Bürger einer reichen Exportnation mit legitimen weltweiten Interessen zu verstehen, das ist die allgemeine Grundlage des deutschen Überlegenheitsgefühls, das durch das verdrängte kollektive Wissen um die faschistische Vergangenheit noch eine spezifische Prägung erhält. Bevor man diesen ganzen Zusammenhang in Frage stellt, schlägt man lieber jene tot, die als Opfer des Weltmarktes in die reichen Zentren kommen« (Jacob, 1993 b, S, 217).
Sowohl der Position von Schneider als auch der von Pohrt und Diederichsen ist also gemeinsam, daß sie mehr oder minder explizit die »deutsche Ideologie« - durchaus auch zurecht, allerdings nichtsdestotrotz reduziert - bloß in der Gemeinschaftsduselei, der Naturromantik, dem Affekt gegen den (als »amerikanisch« konstruierten) Kommerz usw. sehen und dabei den konkurrenzorientierten teutonischen Yuppie mit seinen Besitzstandswahrungs-Interessen im Endeffekt »schützen«. Werden konsumistische Haltungen und Ansprüche bei Pohrt und Schneider implizit fast schon als Schild gegen deutschnationale und faschistische Tendenzen gesehen und dürfen sie deshalb zumindest nicht direkt angegriffen werden, so sind sie bei der hedonistischen Linken im Grunde die subjektive Basis von Gesellschaftsveränderung überhaupt.
Gerade in diesem Zusammenhang wird in bestimmten Teilen der Linken generell kaum thematisiert, daß Deutschland schließlich zu den führenden Wirtschaftsnationen gehört, daß dies ein hohes »Kommerzniveau« beinhaltet, das man sowohl individuell als auch national-gesellschaftlich zu erhalten trachtet - und daß gerade aus diesem »Niveau« der postmoderne Teutone sein Selbstbewußsein bezieht. Es ist paradox, daß dabei in linken Argumentationen nicht selten gleichzeitig der »dritte Griff nach der Weltmacht« in Rechnung gestellt wird. Gesetztenfalls man teilt diese Annahme, ginge dies heutzutage doch nur, wenn ein bestimmter hoher ökonomischer und technologischer Standard Deutschlands auf dem Weltmarkt vorausgesetzt wird und damit auch ein hoher Konsumlevel mit der dazugehörigen Bedürfnisstruktur bei den teutonischen Subjekten, also nicht etwa eine ideologische Orientierung an reduzierten Konsumbedürfnissen unterstellt wird, wie sie einem niedrigeren Vergesellschaftungs- und Technologiegrad entsprechen würde.
Eines scheint mir sicher: den Hightech-Teutonen am Ausgang des 20. Jahrhunderts zieht's nicht mehr in schlichte germanische Hütten; zwar schenkt er rechtskonservativen Hochkulturschranzen wie Botho Strauß oder Syberberg sein Ohr, zunehmend lieber beschäftigt er sich jedoch auch mit popkulturellen Theorien, die aus »den USA« kommen, und eine Doktor-Eisenbart-Gesundheitsversorgung möchte er auch nicht mehr haben (auch wenn er vielleicht zu partiellen finanziellen Abstrichen in der Krise bereit ist). Und das ist auch gut so, schließlich geht es nicht um ein Zurück zum Ochsenkarren, und es muß ja nun wirklich nicht immer bloß Goethe sein. Dennoch ist dies nicht unbedingt ein Trost, weil darüber auch ein chauvinistisches »Haben-Wollen« (Günther Jacob) vermittelt ist, andererseits gerade in der Popmusik auch (pseudo-?)parodistisch »der Berg ruft« und tatsächlich sich gerade der Hightech-Teutone in den letzten Jahren immer mehr in angeblich historische Anhöhen und Haine zurückzieht, um bei teuren Quacksalbern New-Age-Spielchen zu veranstalten. Der Rekurs auf diese Zusammenhänge, auf die kasinokapitalistische Ära, auf den ihr entsprechenden konkurrenzorientierten Egozentrismus (samt der sich dabei entwickelnden Spielerleidenschaft seit den 80er Jahren) ist aber gerade auch deshalb notwendig, um den neu aufkeimenden, nunmehr selber postmodernen Antisemitismus zu begreifen.


5.

Dem kasinokapitalistisch-egozentrischen Subjekt wird mehr oder weniger deutlich nicht nur in den bisher behandelten Positionen zuviel Schonung oder gar Ehre zuteil. Auch in Artikeln und Schriften von Autoren der »Krisis« finden sich dementspechende Hinweise auf eine eher positive Einschätzung des teutonischen Yuppie. Stellvertretend sei hier der Aufsatz von Johanna W. Stahlmann angeführt: »Pretty Woman. Reflexionen über einen Kinobesuch und warum dem Überdruß des Raffens keine Renaissance des Schaffens folgt« (»Krisis« Nr. 10), auch weil er für das im folgenden interessierende Problem einer Analyse des neuen Antisemitismus einschlägig ist:
»Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich also geändert, was nichts anderes heißt, als daß sich ihre menschlichen Protagonisten verändert haben, ihr Bewußtsein einer veränderten Wirklichkeit angehört. In diesem Zustand nun gehen sie ins Kino, nicht wissend, daß ihnen die Moral vergangener Zeiten vorgebetet wird (in dem Film »Pretty Woman«, wo der Spekulant im Gegensatz zum »schaffenden Kapitalisten« schlecht wegkommt, R.S.), verpackt in die Gewänder der neuesten Entwicklungen, sei es der Mode, sei es der Finanzmärkte. Daß die Folge nicht Haß gegen die im Film personifizierte Spekulation sein kann, Raiderpogrome nicht die soziale Folge, dürfte schon aus der einfachen Tatsache klar sein, daß vielleicht ein nicht unbeträchtlicher Teil der zumeist jungen Kinobesucher selbst spekuliert oder zumindest mit Geld und Aktien konfrontiert wird. In der BRD sind 60% der Berufstätigen im Dienstleistungsbereich tätig, was nichts anderes bedeutet, als daß sie Unschuldigen Versicherungen aufschwatzen, Aktienportefeuilles verwalten, verdünnten Alkohol oder schlechtes Essen verkaufen und zu horrenden Preisen Haare schneiden. Sie haben schon als Kinder ihre Oma nur besucht, um Kohle abzuzocken und haben seit ihrem 15ten Lebensjahr einen Überziehungskredit auf ihrem Girokonto. Sie sind auch jederzeit bereit, dieses letzte bißchen Berufsethos aufzugeben, zu studieren und dabei BaFög oder Sozialhilfe zu kassieren, um anschließend Broker oder Werbefachmann zu werden« (Stahlmann, 1990, S. 70).
Dieser Text hat im Gegensatz zu manch anderer linken Veröffentlichung den Vorzug, daß er mit der kasinokapitalistischen Entwicklung rechnet, gerade auch mit ihren ökonomischen Implikationen (prekärer Finanzüberbau, Obsoletwerden der »abstrakten Arbeit« etc.), daß er sie in einen historischen Rahmen stellt und dabei gerade auch das Bewußtsein der kasinokapitalistischen Subjekte mitthematisiert. Letzteres geschieht jedoch meines Erachtens in völlig falscher Weise. Denn diese Position rechnet nicht im mindesten mit dem wiederholten Zutagetreten auch nur irgendwie gearteter völkischer Tendenzen in der kasinokapitalistischen Ära - der teutonische Yuppie macht's einfach unmöglich! Auch so kann sich aber »das verdrängte kollektive Wissen um die faschistische Vergangenheit« äußern, eben als Verdrängtes. Aus der objektiven Tatsache, daß wertschaffende Tätigkeiten zunehmend weniger werden und daß heute die meisten im »unproduktiven« Dienstleistungssektor beschäftigt sind, wird gefolgert, daß der Durchschnitts-Normalo-Spekulant zu Raider- oder anderen Pogromen nicht mehr fähig ist und antisemitische Haltungen, wie sie in dem Klischee Jude = Spekulant enthalten sind, damit unmöglich geworden sind.
Es ist wieder einmal die heitere 80er-Jahre-Mentalität, wie sie auch bei Ulrich Beck und Diedrich Diederichsen festgestellt werden kann, die uns hier gegenübertritt und die sich grundsätzlich dadurch auszeichnet, daß sie suggeriert, die konkurrente kasinokapitalistische Existenz sei doch letztlich im Kinder»spiel« zu bewältigen und in diesem Zusammenhang das teutonische Spieler-»Spekulanten«-Beliebigkeits-Individuum als wie immer »progressives« hochlobt oder es doch zumindest als »harmlos« konzipiert: »Das neue Alltagsbewußtsein muß eher seine Existenz als spekulierendes und spekulativ (beliebig) werdendes Individuum rechtfertigen, als seine Existenz als werteschaffender Arbeiter. Freilich erweist sich dies als um einiges schwieriger als die Ehrenrettung des Proletariers, was zu jener seltsamen Erscheinung führt, daß es jenen Jungmonaden oft eher peinlich ist, Bankangestellter, Sozialpädagogikstudent, Friseurlehrling oder Bekleidungsfachverkäufer zu sein, der Sprung ins angebotene Beliebigkeitsjobberdasein leicht fällt« (Stahlmann, S.70 f.).
Diese Zeitaufnahme der 80er-Jahre-Stimmung wird nun einfach in die Zukunft verlängert. Obwohl gerade die »Krisis«-Position lange vor allen anderen dramatische Krisenentwicklungen voraussah, wird hier dennoch davon ausgegangen, daß das (implizit) tolerant konzipierte Beliebigkeits-Subjekt der 80er, wie es geschönt auch in den Medien und in manchen Theorien konstruiert wurde, so bleibt wie es ist und auch in der Krise weiterhin seine sanguinische Haltung zeigt. Dementsprechend müssen die Indizien in dem Film »Pretty Woman«, die in eine andere Richtung weisen, unbedingt so hininterpretiert werden, daß sie der 80er-Jahre-Leichtigkeit entsprechen. Damit sitzt dieser Text auch dem ideologischen Selbstmißverständis der 80er Jahre auf. Die sich vor allem in der 2. Hälfte dieser Dekade wieder verstärkende Konkurrenz- und Leistungsorientierung und ein damit zusammenhängender Egozentrismus, damals noch beschwichtigt durch Multikulti-Heiner und Süßmuth-Sanftmut, werden auch hier ignoriert.
Dabei weiß doch auch Stahlmann, »daß der Phase der arbeitseinsaugenden Innovation eine Periode spekulativen Kampfes um die letzten Stückchen Kuchen gefolgt ist« (a.a.O., S. 68). Schon in den 80ern begann die niederträchtige Asyldebatte verstärkt die Öffentlichkeit zu beschäftigen und kamen die Republikaner ins Europaparlament. Zu was der teutonische Normalo-Spekulant-Yuppie alles fähig ist, bewies er spätestens zwei Jahre nach dem Erscheinen des »Pretty Woman«-Artikels angesichts von Rostock und den darauf folgenden rassistischen und antisemitischen Gewalttaten, zu denen er schwieg oder klammheimlich und sogar offen klatschte. Denn der Sozialstaat ist nun einmal nationalstaatlich verfaßt (auch wenn er über Kreditaufnahmen mit dem globalen spekulativen Finanzüberbau verbunden ist), und wenn dann »andere« vom »Kuchen« etwas haben wollen, wird der teutonische Yuppie ungehalten; ebenso versteht er keinen Spaß, wenn es um seine Jobs geht, die - so aus seiner Sicht - ihm die »Anderen« wegnehmen könnten. Und dabei ist es ihm ziemlich egal, ob er nun im Produktions- oder im Dienstleistungssektor beschäftigt ist.
So verwundert es keineswegs, daß schließlich in den 90ern auch der »echte« Spekulant in die Schußlinie gerät und sich damit auch wieder ein antisemitisches Ressentiment verbinden könnte, ganz im Gegensatz zur Stahlmannschen Theorie, die annimmt, daß die Ideologie vom raffenden und schaffenden Kapital nur zu früheren Zeiten greifen konnte, solange sich die wertschaffende Arbeit noch in Ausdehnung befand (vgl. Stahlmann, 1990, S. 66).
Das antisemitische Ressentiment macht sich dabei (noch?) nicht offen Luft, in vielen Darstellungen und Kommentaren in der letzten Zeit (unter anderem zum »Fall« Leeson und der Baring-Bank) war es dennoch mit Händen zu greifen. So z.B. in zahlreichen Zeitungskommentaren wie dem folgenden: »Notenbanken und Finanzpolitiker haben (...) auf die Gefahr, die sich aus der Zusammenballung der finanziellen Macht in den Händen von weltweit vielleicht nur 200 oder 300 Großspekulanten ergibt, (keine Antwort gefunden). Solche Großanleger haben die italienische Lira aus dem Europäischen Währungssystem geschossen und 1987 den Börsencrash ausgelöst. Wenn sie das Vertrauen in die politische Führung eines Landes verlieren und ihr Kapital abziehen, zwingen sie dessen Währung in die Knie. Wem sie das Vertrauen schenken, dessen Währung heben sie auf das Podest, ob dies nun tatsächlich gerechtfertigt ist oder nicht. Politiker und selbst die Notenbankchefs haben dem in Zeiten ungehinderten Kapitalverkehrs und offener Grenzen wenig entgegenzusetzen, müssen sich ihr Handeln immer öfter von Spekulanten aufzwingen lassen, die eigennützige, nicht dem Gemeinwohl dienende Zwecke verfolgen. Es ist Zeit, daß sich das ändert, soll es nicht eines Tages auch im globalen Finanzsystem zum Kollaps nach Baring-Art kommen« (Nürnberger Nachrichten, 28. 2. 1995, S. 2).
Von solch kurzschlüssigen Argumenten ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Wahn von der »jüdischen Weltverschwörung«, auch wenn in manch anderen Zeitungsartikeln sich der ehrliche Handy-Dandy umso mehr betont. Sicherlich ist ein derartiger Spekulantenschimpf nun nichts speziell »deutsches«. Problematisch ist aber, daß er hierzulande quer durch die gesamte Medienlandschaft geistern kann, ohne daß bei irgendjemandem Erinnerungen an die nationalsozialistische Ver- gangenheit mit ihren antisemitischen Stereotypen wach werden, die implizit mitprojiziert sind.



6.

Ein zentraler Gedanke von Moishe Postone zur in der Geschichte einzigartigen planmäßigen und massenhaften Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus besagt, daß die Juden mit dem »Wert« identifizert wurden (siehe zu den folgenden Ausführungen Postone, 1988). Danach läßt der »Doppelcharakter« der Ware als Wert (der im Geld in Erscheinung tritt) und als Gebrauchswert (der im Produkt in Erscheinung tritt) die »Arbeit« fälschlicherweise als ontologisches Moment erscheinen und die Ware als bloßes Gebrauchsding. In der Wahrnehmung werden beide nicht mehr als Ergebnis gesellschaflicher Beziehungen gesehen, das sie in Wirklichkeit sind. Durch den »Doppelcharakter« des Kapitals als Arbeits- und Verwertungsprozeß erscheint so auf der logischen Ebene des Kapitals die industrielle Produktion als nur noch materieller schöpferischer Prozeß im Gegensatz zum unproduktiven Finanzkapital. Konkretes und Abstraktes stellen sich so als Gegensatz dar. Der Kapitalismus erscheint nur noch im »Abstrakten«, wohingegen das »Konkrete«, obwohl es genauso kapitalistisch geformt ist, hypostasiert wird. Dementsprechend werden im Nationalsozialismus sowohl »Blut«, Boden, Natur, Volk usw. wie auch die Industrieproduktion als Gegenprinzipien zum Abstrakten gesehen. Das Konkrete erscheint jetzt als »natürlich«, es erfolgt ein einseitiger und daher falscher Angriff auf die abstrakte Vernunft, das abstrakte Recht, gegen das Geld, das Finanzkapital usw. Und dieses Abstrakte erscheint nun in der antisemitischen Denkform in der Gestalt »des Juden«. Dabei repräsentiert er nicht nur das Abstrakte, sondern dieses ist in ihm personalisiert.
Alle Charakteristika des Werts, nämlich Unfaßbarkeit, Abstraktheit, Universalität, Mobilität etc. werden mit »dem Juden« identifiziert. Somit werden die Juden im Nationalsozialismus nach der Deutung von Postone nicht nur mit dem Geld und der Zirkulationssphäre gleichgesetzt, sondern mit dem Kapitalismus schlechthin, wobei die konkreten Anteile wie Technologie und Industrie herausgenommen werden und der Kapitalismus sich eben nur noch im Abstrakten darstellt. Für eine Reihe gesellschaftlicher Veränderungen (explosive Verstädterung, Verfall traditioneller Werte, Untergang der traditionellen Schichten und Klassen, die Ausprägung einer materialistisch-modernen Kultur usw.), wie sie gerade auch vor 1933 beobachtet werden konnten, wird ausschließlich »das Abstrakte« zur Rechnung gezogen. Die Juden wurden nun zu »Personifikationen der unfaßbaren, zerstörerischen, unendlich mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals«; so gesehen war Auschwitz - paradoxerweise - »eine Fabrik zur "Vernichtung des Werts"« (Postone, 1988, S. 221 und 224).
Moishe Postone versucht, den Antisemitismus in seiner Bedeutung für den Nationalsozialismus zu begreifen. Wie aber könnte sich der Antisemitismus heute äußern, nachdem das Produktivkraftniveau ein völlig anderes ist, die abstrakte Arbeit immer mehr abnimmt, sich die Gesellschaft nicht zuletzt durch konsumhedonistische Haltungen auszeichnet und »der Wert« somit längst obsolet zu werden begonnen hat? Daß es die Möglichkeit eines neuen Antisemitismus gibt, räumt in einem anderen »Krisis«-Artikel Ernst Lohoff (»Krisis« Nr. 11) ein: »Das antisemitische Ressentiment überlebt als eine mögliche Reaktionsbildung bei jenen, die in den Konkurrenzkämpfen der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft auf der Strecke bleiben« (Lohoff, 1991, S. 72). Lohoff sieht also den konkurrenzorientierten Egozentrismus, von dem Hannah Arendt spricht, durchaus; gerade auch in seinen »postmodernen Potenzen« für das antisemitische Ressentiment. Richtig insistiert Lohoff darauf, daß der neue Antisemitismus heute eben etwas »Neues« ist im Gegensatz zum Nationalsozialismus. Meines Erachtens darf dieses Pochen auf kritische Historisierung jedoch nicht dazu führen, daß die geschichtliche Linie im »Neuen« verwischt und somit der Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit eine Chance geboten wird. So klingt es ein wenig bei Lohoff in seinem Text. Auch das qualitiativ »Neue« im historischen Ausgang des Wertverhältnisses hat seine Vorgeschichte. Es ist nicht einsehbar, weswegen hier das eine gegen das andere gesetzt werden soll. In Rechnung gestellt werden muß dabei gerade auch, daß schon seit dem Historikerstreit in der öffentlichen Debatte an einer Verharmlosung der nationalsozialistischen Vergangenheit gearbeitet wird.
Jürgen Elsässer dagegen meint: »Schon wenn die deutsche Volkswirtschaft vom zweiten auf den fünften Platz in der Weltbestenliste abrutscht, schon wenn die Triebabfuhr über den Autowahn nicht mehr unbegrenzt möglich ist, werden sich die Landsleute als Sklaven der Wallstreet beweinen und zielsicher im Arsenal der kollektiven Erinnerung nach den Schuldigen für die Misere fahnden (...) In Deutschland trifft dieser primäre Antisemitismus auf den bisher vorherrschenden sekundären Antisemitismus« (Elsässer, 1994, S. 391).5
Es ist absurd, bedenkt man, daß noch bis Anfang der 90er die Lokale »Freudenpark« oder »Wallstreet« hießen: mittlerweile gibt es tatsächlich Anzeichen, daß sich »die Landsleute als Sklaven der Wallstreet« fühlen, in einer Situation, in der Deutschland noch nicht einmal in der Weltmarktposition so sehr zurückgefallen ist. Sowohl Lohoff als auch Elsässer gehen davon aus, daß mit zunehmender Krise der im Osten längst schon in größerem Maßstab um sich greifende Antisemitismus auch im Westen verstärkt manifest wird.
In diesem Zusammenhang halte ich es für entscheidend, daß die Ökonomie schon lange gewissermaßen simulativ über »fiktives Kapital« (Marx) vermittelt ist und sich die weitere Krisenentwicklung heute nicht zuletzt auch verstärkt auf der (Oberflächen-)ebene der Finanzmärkte zeigt. Bei Banken- und Finanzkrächen werden dabei nicht die Systemzusammenhänge als »Schuldige« beleuchtet und dabei klargestellt, daß jede und jeder das System ist, sondern wie jetzt schon in den Medien deutlich wird, werden dingfest zu machende »Schuldige« gesucht: die »Spekulanten«.
Es ist also gerade umgekehrt wie J. W. Stahlmann meint: gerade weil heute die meisten im »unproduktiven« Dienstleistungssektor tätig sind, ökonomisch vermittelt über Staatskredite, unproduktives Kapital usw., und sich dementsprechend die Krise gerade in den »höheren Sphären der Finanzmärkte« bemerkbar macht, sind Pogrome und damit verbundene antisemitische Tendenzen in Zukunft nicht ausgeschlossen. Daß dabei die »ehrliche Arbeit« des »kleinen Mannes«, auch wenn er Unschuldigen Versicherungen aufschwatzt, zu alt-neuen Ehren kommt, wird schon heute ersichtlich. Gerade weil die Erwerbsarbeit ohne erkennbare Möglichkeit zu einem »besseren Leben« im Abnehmen begrffen ist, hat sie mittlerweile (wieder) einen hohen Stellenwert. So sehnen sich z.B. heute auch viele ehemalige linke »Bürgerschrecks« nach nichts mehr, als ein stinknormales, unauffälliges Leben in der Tretmühle führen zu können. Die Verhausmeisterung der Gesellschaft schreitet voran.6
Und auch heute schon wird deutlich, daß damit auch das »schaffende Kapital«, obwohl bzw. gerade weil es an Bedeutung im ökonomischen Gesamtzusammenhang verloren hat, als moralischer Wert beschworen wird: »Der Hasardeursdrang, aus Geld im Handumdrehen mehr Geld zu machen - und zwar ohne den mühseligen Umweg über die Herstellung und den Vertrieb nützlicher Dinge (gemeint ist wohl der Produktions- und Konsumptionsschrott, der kapitalistisch hergestellt Mensch und Natur kaputtmacht, R.S.) -, hat sich in den seriösesten Banken und Industriekonzernen ausgebreitet. Statt ihre voluminösen Cash-Zuflüsse und Überschüsse in die reale Wirtschaft und neue Arbeitsplätze zu investieren wie einst in der solid-sozialen Ludwig-Erhard-Marktwirtschaft, haben Börsianer und Finanzdirektoren die Kapitalmärkte in hochgestochene Wettbüros und Spielkasinos umgewandelt« (Spiegel, Nr. 37, 12.9.1994, S. 99). Als läge es an seinem guten Willen, soll sich hier das Kapital, wie in romantisiert guten-alten Zeiten doch wenigstens »schaffend« gebärden, wenn wir in den 90ern schon im »Casino Capitalsm« (a.a.O., S. 100) leben.
Sollte es tatsächlich zu einem großen Finanzkrach kommen, ginge alles »drunter und drüber«. Panik machte sich breit (in Amokläufen, Sektenanschlägen und nicht zuletzt in rassistischen Gewalttaten und Bürgerkriegen macht sie ohnehin schon längst weltweit auf sich aufmerksam), und zwar auch bei denen, die bislang noch keine Verlierer waren. Dabei ist die Annahme von den Gewinnern und Verlierern insofern problematisch, als in der postmodern-kasinokapitalistischen Ära eben nicht mehr unbedingt von »festen Gruppen« ausgegangen werden kann (noch sehr viel weniger als in der Weimarer Republik), wie z.B. die Kahlschläge im mittleren Management in den letzten Jahren im Zuge der »lean production« zeigen. Potentiell ist der Gewinner von heute schon der Verlierer von morgen. Es ist gerade diese die Gesamtgesellschaft umfassende Grundunsicherheit, die für Pogrome anfällig machen könnte. In so einer Situation wäre die »Selbstlosigkeit«, von der Hannah Arendt spricht, perfekt. Alte antisemitische Sterotypen könnten wieder schamlos und unverhohlen hochkommen.
Im Falle eines »Finanzmarkt-GAU« könnte heute das antisemitische Ressentiment, festgemacht an den »Spekulanten«, bei einigen sogar soweit gehen: »Der Jude« macht »unser« Wirtschaftssystem kaputt und entzieht so der ganzen Welt die Lebensbasis. In diesem Zusammenhang könnten auch Verschwörungstheorien, wie sie im obigen Kommentar in den Nürnberger Nachrichten anklingen, gefährlich werden. Schon heute sieht man manchen - nach dem verflogenen neoliberalen Rausch jetzt etwas verkatert wirkenden - teutonischen Yuppie, den man bis vor kurzem nichtsdestoweniger für halbwegs zurechnungsfähig gehalten hat, bei der Lektüre eines verschwörungstheoretischen Wälzers dasitzen, ob seines Ertapptwerdens verschämt eine Entschuldigung murmelnd. Die bauchtänzelnde Frau aus dem Naturkostladen drückt einem einen Prospekt zu einem dicken Verschwörungsschmöker in die Hand mit den Worten »hoch interessant«. Die »Silvio-Gesellerei« (Robert Kurz), nach der der Zins die Wurzel allen Übels ist, breitet sich in erschreckendem Maß aus, ebenso bekommen alle möglichen New-Age-Richtungen und »alte« Esoterikzirkel wie die Anthroposophen etc. immer mehr Zulauf. Es wird nun endgültig sichtbar, daß sich so manche Anfang der 80er zunächst nur schrullig wirkenden Esoterikmarotten in den »neuen sozialen Bewegungen« langsam in sozialdarwinistische, antisemitische und rassistische Richtungen auswachsen - im Verbund mit einer zunehmenden Konkurrenzorientierung und um sich greifenden Existenzängsten in der Gesellschaft überhaupt.
Die Psycho-Esoterik-Körperwelle, die im Grunde ja schon seit Mitte der 70er Jahre immer mehr anschwillt, kann dabei in ihrem einseitigen Abkippen in der Kritik auch als Flucht ins Abstrakt-Pseudokonkrete gesehen werden, als selber bloß abstrakte Verneinung des Abstrakten. Schon in den 80ern und davor wurden ja dramatische gesellschaftliche Umbrüche sichtbar; der Kapitalismus wurde seit Mitte der 70er Jahre zum Hightech-Kapitalismus, was sich in einer nahezu allumfassenden Computerisierung, Medialisierung und auch weiteren Kommerzialisierung der sozialen Verhältnisse zeigte. Diese Entwicklungen gingen in atemberaubender Geschwindigkeit vonstatten. Nicht von ungefähr fallen die Individualisierungsdebatten in diesen Zeitraum. Auch wenn sich der teutonische Yuppie längst an seinen Computer gewöhnt hat (und nicht nur der männliche), ja gar nicht so selten geradezu in ihn vernarrt ist, und alle möglichen Annehmlichkeiten der Hightech-Entwicklung schätzt (von der Auswahl der Fernsehprogramme bis hin zu den Fernreisen): gerade der Zulauf, den New-Age-Zirkel und verschiedenste Esoteriksekten und Psychogruppen haben, deutet darauf hin, daß er mit dieser extrem dynamisierten Entwicklung letztendlich doch nicht so gut zurechtkommt.
Es kommt offenbar zu einer Spannung im teutonischen Yuppie. In akuten Krisensituationen könnte das in Verbindung mit Verschwörungstheorien womöglich dazu führen, daß die raschen Umbrüche des Hightech-Kapitalismus von manchen mit »den Juden« identifiziert werden. Ähnlich wie schon einmal, könnte »das Netz dynamischer Kräfte, die, weil sie nicht durchschaut (...) werden (...) in Gestalt des internationalen Judentums wahrgenommen werden« (Postone, 1988, S. 246). Antisemitische Tendenzen könnten sich dabei heute nicht nur daraus ergeben, daß »der Jude« mit dem Wert gleichgesetzt wird, sondern gerade daraus, daß der Wert eben in und durch die ihm eigene Abstraktion (auf der Oberflächenebene z.B. in der arbeitsplatzeinsparenden mikroelektronischen Entwicklung sichtbar) selbst zum (substantiellen) Verschwinden gebracht wird, ohne daß gleichzeitig seine Zwänge und Kriterien aufgehoben werden. Zwar erscheint es als unwahrscheinlich, daß sich eine staatlich organisierte Vernichtung der Juden wie im Nationalsozialismus noch einmal wiederholt; dem stehen die Globalisierung, internationale Verflechtungen usw. entgegen. Pogrome, Friedhofsschändungen, weitere Verfolgungen und Diskriminierungen in größerem Maßstab sind aber nach wie vor möglich.



7.

Antisemitische Denkmuster unterscheiden sich von rassistischen Ressentiments. Jürgen Elsässer differenziert, wohl im Rekurs auf Moishe Postone, zwischen einem »westlichen Nationalismus«, dem der Wohlstandschauvismus entspricht und der sich in der kolonialistischen Tradition rassistisch gegen »die Untermenschen« richtet, und einem »völkischen Nationalismus«. Der völkische Nationalismus richtet sich im Gegensatz zum westlichen Nationalismus gegen »Ausländer« generell, auch wenn sie ökonomisch etwas »einbringen«, was den westlichen Nationalismus zu ihrer Duldung veranlassen würde. Der Hauptgegner des völkischen Nationalismus sind die Juden, die im Gegensatz zur »eigenen Nation« als Weltmarktgewinner und als »Übermenschen« imaginiert werden und denen eine »jüdische Weltverschwörung« unterstellt wird (vgl. Elsässer, 1994, S.390). Im Hinblick auf die 80er und 90er Jahre wäre jedoch meines Erachtens nach dem Zusammenhang von wohlstandschauvinistischem Rassismus und dem (neuen) antisemitischen Ressentiment zu fragen.
Wie am Text von Johanna W. Stahlmann gut zum Ausdruck kommt, war gerade der neoliberale Zeitgeist der 80er Jahre durch eine allgemeine Spekulationseuphorie auf verschiedensten Ebenen geprägt (zentral wäre hier auch noch das allgemeine Beziehungs-Tingel-Tangel zu nennen, das bis heute unvermindert anhält). Das, was dem Klischee nach als »typisch jüdisch« gilt, Geschäftemachen, Börsenspekulation, »Raffgier«, ein kosmopolitischer Gestus u.ä., fand der teutonische Yuppie damals ganz besonders neckisch; ganz zu schweigen von der Raffgier vieler Ostdeutscher, die sich heute bisweilen als so »kommerzgeschädigt« sehen. Nach der sozusagen »ruralen Phase« in den 70ern und auch Anfang der 80er badete der teutonische Yuppie nun geradezu in der »Abstraktion«. Die Luxusemphase bis Anfang der 90er steht damit natürlich in einem Zusammenhang. Denn sie war zentraler Ausfluß des Scheinbooms einer defizitfinanzierten Weltkonjunktur, die derartige Haltungen benötigte.
Seitdem jedoch diese Konjunktur mit ihrem hohen Hightech- und Konsumniveau in den hochindustrialisierten Ländern zu Ende ist, schlägt der wohlstandschauvinistische teutonische Yuppie um sich und macht seine Grenzen gegenüber Asylbewerbern dicht; er will sich ein möglichst hohes Konsumniveau unter den verschlechterten ökonomischen Bedingungen unbedingt erhalten. Dabei gehört es gewissermaßen zum »Wesen der rechten Reaktion«, daß sie die fiktiven Grenzen von Innen und Außen, von »Fremden« und »Einheimischen« auch nach »innen« zieht. Deshalb kann es ironischerweise z.B. auch Politikern passieren, daß sie wie Sozialhilfeempfänger wegen Sozialschmarotzer- bzw. Korruptionsverdacht gleichsam mit einem Gitterwagen nackt durch die Stadt gezerrt werden und der Henker mit glühenden Kohlen auf sie wartet. Alle diejenigen, denen nachgesagt wird, daß sie nicht »anständig« ihr Geld verdienen oder »unproduktiv« Kosten verursachen, geraten nun plötzlich in die Schußlinie. Das ohnehin schwachsinnige Motto des Kapitalismus: Freie Fahrt dem »Tüchtigen«, gilt jetzt erst recht.
Im Fortgang der weiteren Krise kommt es nun natürlich - in derselben weltökonomischen Fallinie - zu allerlei Turbulenzen auf den Finanzmärkten, zu »Baupleiten«, scheinbar verschuldet durch »gemeine« Spekulanten (Schneider), zu Bankenkrächen (zuletzt bei Baring) usw. Längst schon wurden die Negativfolgen der neoliberal-konkurrenten Hightech-Individualisierung erkennbar, z.B. in der Jugendgewalt. Und nun, nachdem er Exorzismusprozesse á la Dönhoff und Co. durchlaufen hat, was seine üppigen konkurrenzorientierten »Spekulantenanteile« in der prosperierenden neoliberalen Phase angeht, kann der teutonische Yuppie jetzt auch auf die »echten« hinterhältigen und egoistischen Spekulanten losgehen, mit denen er ja nun nichts mehr zu tun hat, und einem mehr oder weniger offen werdenden Antisemitismus frönen. Jetzt entdeckt er »Raubritter in Glaspalästen« (Hans G. Möntmann) und führt - massiv unterstützt durch eine breite Öffentlichkeit - einen Kampf »Allein gegen die Banken« (Christa Lobner). Der konsumfreudige und sorglos Kredit aufnehmende Häusle-Bauer-Yuppie fühlt sich nun durch die Banken und durch »Wüstenrot« bedroht. Man könnte daher sogar fast sagen, daß der teutonische Yuppie soweit ging, mit dem Spekulantendasein bloß zu spielen, nach dem Motto: s'war ja nicht so gemeint, ich hab' bloß so getan »als ob«!
Dieser Exorzismusprozeß begann jedoch schon in den 80ern, z.B. eben in jenem Film »Pretty Woman«. Insofern hat J.<|>W. Stahlmann tatsächlich recht, obgleich auch nur zur Hälfte, wenn sie an folgender Stelle über das postmodern-spekulierend-beliebige Subjekt schreibt: »eins allerdings können diese Subjekt-Objekte keinesfalls: ihren Frieden schließen mit der Wertvergesellschaftung, indem sie irgendeine Perspektive in ihr finden, sie werden beim besten Willen keine schaffenden Helden mehr werden, höchstens selbst die Personifikation des raffenden Geldhechts. Letztere ist allerdings eine schale, kurzatmige, deren Ende sich bereits aktuell in den kleinen und großen Farcen der Finanzmärkte abspielt. Aus diesem Blickwinkel heraus erklärt sich auch, warum jener unterhaltsame Film nichts weiter als das Lächeln der Beliebigkeit zeigen konnte. Er ist gemacht von und für Menschen, die sich selbst peinlich sind« (Stahlmann, 1990, S. 73). Eben! Vielleicht sind gerade diejenigen die schlimmsten, die dem Geld »raffgierig« hinterherlaufen und sich dabei selbst peinlich sind, besonders dann, wenn es zunächst einmal ins Unbewußte gerutscht ist, daß einem schon die Alten signalisiert haben, daß so ein Verhalten »jüdisch« sei. Das Gefühl der Peinlichkeit ist eben pein-lich und will verdrängt werden, und auf diese Weise gedeiht vielleicht gerade das antisemitische Ressentiment.
Die postmoderne 80er-Jahre-Mär vom harmlos-genießenden Konsumenten (bei J.W.Stahlmann mit »Abzockermentalität«), wie sie häufig anzutreffen war/ist, stimmt dabei auch insofern nicht, als dieser seine konsumhedonistischen Haben-Wollen-Haltungen (nicht erst) in der Krise ohne weiteres zur Privatsache erklären kann; mit den »gemeinwohlschädigenden« Haben-Wollen-Haltungen in der öffentlichen Großsphäre, z.B. der (implizit jüdisch konstruierten) Spekulanten, hat er dann nichts mehr zu tun. Dies kann sogar soweit gehen, daß er z.B. selbst Steuern hinterzieht und dabei öffentlich gleichzeitig nach strengeren Steuergesetzen schreit. Erst recht hält ihn dann nichts davon ab, z.B. gegen »Asylanten« zu wettern, wenn er selbst Sozialhilfe bezieht (es soll ja auch schon konservative Richter in Abtreibungsprozessen gegeben haben, die drakonische Strafen verhängten, ihre Freundin aber nichtsdestoweniger selbst zur Abtreibung gedrängt haben). Diese kapitalistische Grundstruktur, die aus der Trennung in öffentliche und private Sphäre resultiert, greift durchaus auch in postmodernen Zeiten noch. Auch deshalb geht die Rechnung J.W. Stahlmanns nicht auf.
Dementsprechend schickt der sich nun »bieder« gerierende teutonische Yuppie in den 90ern seine Psychologen aus, um die »pathologische Spekulantenseele« zu ergründen und von sich selbst absehen zu können: »Bei vielen Spekulanten sind bestimmte Persönlichkeitseigenschaften besonders ausgeprägt. Sie sind extrem leistungsmotiviert, konkurrenzorientiert und materialistisch - gelegentlich sogar gewinnsüchtig. Ihre Bereitschaft zum Risiko ist besonders groß, da Risiko in ihrem Umfeld geradezu als soziale Norm gilt. Probleme und Mißerfolge werden verdrängt, weil letztendlich nur Gewinner zählen. Ferner folgen die meisten Spekulanten einer Machbarkeitsideologie, so daß sie anfällig sind für sogenannte Kontrollillusionen: Sie überschätzen ihre Möglichkeit, Ereignisse an den Finanzmärkten erklären, vorhersagen und beeinflussen zu können. Dabei paaren sich häufig Selbstglorifizierung und Angst zu einer paradoxen Mischung« (Carsten Lüthgens/Stefan Schulz-Hardt: Spiel ohne Grenzen, in: Die Zeit Nr. 12, 17. März 1995).
Zwar wird in diesem Artikel auch bemerkt, daß derartige Eigenschaften auch andere Menschen besäßen, bloß eben nicht so ausgeprägt. Gerade dadurch aber eignet sich dieser Text gut für Projektionen des teutonischen Durchschnitts-Yuppie, der seine eigene Leistungs- und Konkurrenzorientierung, materielle Ausrichtung usw. in Absetzung von der angeblich »besonderen« Pathologie der Spekulanten nun auch noch als »gesund« und »normal« ansehen kann. Im Grunde zeigt aber das obige Zitat zur »Spekulantenseele« den Zustand des freigesetzten Individuums in der »Risikogesellschaft« (Ulrich Beck) und im »Zeitalter des Narzißmus« (Christopher Lasch) wie in einem Brennglas, wobei dieses Zeitalter überhaupt, vor allem in Krisenzeiten, sowohl individuell als auch kollektiv zwischen Allmachts- und Ohnmachtsphantasien schwankt. »Risiko« gilt heute ja nun weiß Gott fast für jede und jeden als »soziale Norm«. Seit der Reagan-Thatcher-Kohl-Wende zählen erst recht nur Gewinner und ist dementsprechend eine Gute-Laune-Miene angesagt, die »Probleme und Mißerfolge verdrängt«, um den »Erfolg« auf keinen Fall durch irgendwelche psychischen Instabilitäten zu gefährden. »Positives Denken« sozusagen, wie es in New-Age-Zirkeln nicht von ungefähr schon seit geraumer Zeit als Maxime ausgegeben wird und in Manager-Seminaren längst seinen festen Platz hat.
Konsum- und angebotsorientierte Haltungen und »Geldhechtereien« sowie ein damit verknüpfter - mehr oder weniger feiwillig gewählter - flexibler Lebensstil sind so gesehen eben mitnichten ein Bollwerk gegen den Antisemitismus, wie es z.B. bei Stahlmann erscheint, die naiv eine Identifikation des teutonischen Yuppie mit dem Bild »des Juden« voraussetzt und daraus schließt, daß er kein Antisemit mehr sein kann! Eher ist das Gegenteil der Fall. Gerade in der Krise bergen konsumhedonistische Haltungen im Zusammenhang mit Kokurrenz- und Besitzstandswahrungsinteressen sowohl das wohlstandsstandschauvinistisch-rassistische als auch das antisemitische Ressentiment gleichermaßen in sich. In seinen Projektionen sieht sich der teutonische Yuppie im Fortgang der weiteren Krisenentwicklung womöglich zunehmend »den Juden« gegenüber als »Untermensch«, wie er selbst Asylbewerber, Menschen mit anderer Hautfarbe, »Ausländer« als »Untermenschen« betrachtet, die ihm etwas wegnehmen könnten!


8.

Dementsprechend hat der teutonische Yuppie in den Mittneunzigern trotz aller Erschütterungen nicht von seinem Yuppie-Sein gelassen, wenngleich sich auch das Spielniveau in der Krise geändert hat und der Börsen-highflow (wie er zumindest in der öffentlichen Gesamtstimmung in den 80ern da war) beim Möchtegern-Normalo-Yuppie nun vielleicht nicht mehr so hoch »im Kurs« steht. Dafür allerdings das Glücksspiel, der Jackpot, die Lotterie umso mehr, die weniger kostspielig sind. Seine »Raffgier« ist in vielerlei Hinsicht ungebrochen, auch wenn sich heutzutage der teutonische Yuppie hierfür freilich sogleich selbst in den Medien geißelt: »Inzwischen ist der vor das Spielervolk gehaltene Glücksbrocken ins Gigantische angewachsen. Das steigert die Gier und erhöht die Spiellust. Aber die greift ohnehin immer mehr umso sich: Nahezu allgegenwärtig ist die Jagd auch nach dem kleinen Schnäppchen - am deutlichsten im Fernsehen. Dort zählen Gewinnspiele zur Routine« (Spiegel, 37, 12.9.1994, S. 98).
Aber auch noch auf anderen Ebenen wird gespielt, was das Zeug hält. Im teutonischen Gesamtdiskurs der 90er Jahre steht dem Kollaps-, Katastrophen- und Apokalypsediskurs, der allem ein Ende macht, der Politik, der Vernunft, der Geschichte usw. und einem noch (?!) marginalisierten biologistischen Anthropologiediskurs gleichberechtigt ein »Gute Laune«- Diskurs gegenüber, der sich um keinen Preis verdrießen lassen will. Man hat geradezu den Eindruck, daß Existenzängste und Ratlosigkeit die Spielleidenschaft ungemein fördern und die spekulativ-beliebigen Spielindividuen, -wissenschaftler, -theoretiker und -philosophen die Möglichkeit eines Spiels ohne Grenzen annehmen lassen. Denn diese unbegrenzte Spielmöglichkeit ist der Ausgangspunkt vieler Zukunftsvisionen und 90er- Jahre-Utopien.
Demgegenüber polemisiert etwa Wolf Dieter Narr gegen zivilgesellschaftliche und kommunitaristische Entwürfe, aber auch gegen neuere Politik- und Demokratiedebatten, wie sie sich gerade auch bei Politikerfindungs-Beck in den 90ern finden, die von einer »schier unbeschränkten Kontingenz« ausgehen und sowohl empirisch und theoretisch als auch was ihre Realisierungsmöglichkeit angeht kaum einen Boden unter den Füssen haben: »Herrliche Zeiten scheinen ob dieses grenzverdämmernden Spielraums, handlungstheoretisch begriffen, anzubrechen. Der Chance nach jedenfalls. Die globalen Kontingenzen blüh'n, es ist eine Lust in einer solchen "postmetaphysisch" restlos offengemachten weltweiten Risikogesellschaft zu leben und zu forschen (...). Milan Kunderas Warnung, daß eine "unerträgliche Leichtigkeit des Seins" drohe, kann überhört werden, wenn die Leichtigkeit individualistisch entlasteten Seins überall möglich zu werden scheint. Die bewohnte Erde als quirliges Pluriversum« (Narr, 1994, S. 589). Rien ne va plus. In diesem Zusammenhang müssen natürlich auch die anderen »Spielernaturen« genannt werden, Erlebnisgesellschafts-Schulze und Multioptionsgesellschafts-Gross, die neben Risikogesellschafts-Beck in der phänomenologischen Abteilung der Uni Bamberg einsitzen bzw. ehedem einsaßen, und die die willige Teutonenwelt mit ihren Heile-Welt-Options-Konzeptionen schon seit geraumer Zeit beglücken - entbunden aller größeren gesellschaftskritischen Zumutungen.
Aber auch die Vorliebe für Medientheorien, das Spiel mit den Zeichen und den Identitäten sind - ausgehend von bestimmten popkulturellen Szenen, wo sie ein ideales soziales Biotop in den 80ern hatten - in den teutonischen Gesamtdiskurs geschwappt. Trotzig wird einer (früher) oft pauschalen und ressentimentgeladenen Medien- und Technikfeindlichkeit und einigen weniger radikalen, nachdenklichen Hinweisen auf eventuelle Negativfolgen einer umfassenden »Durchmedialisierung« der Gesellschaft nun eine ebenso pauschale, ins andere Extrem fallende Medieneuphorie entgegengesetzt. Die Medien selbst machen sich nun zu einem »aufgedrehten Medienthema« (Wolfgang Welsch). Cyberspace, Computersimulation und in dem Zusammenhang die Abkehr vom humanistischen Menschenbild sind die Stichworte, an die sich die Zukunftshoffnungen knüpfen. Dabei wird im »Technodiskurs« grundsätzlich davon ausgegangen, daß »die unbeschränkte Simulationsfähigkeit bloß eine Frage der Zeit sei. In den Worten Peter Weibels: "Dann wird die Realität zu einem Text der Macht, dann werden die Objekte zu Zeichen im Diskurs der Macht"« (Köster, 1993, S. 797).
Mit Hilfe einer allumfassenden Medialisierung und Ästhetisierung sollen jetzt alle Menschheitsprobleme gelöst und neue Formen einer selbstorganisierten und solidarischen Praxis gefunden werden, ohne im mindesten die kapitalistisch-warenförmige Basis in Frage zu stellen (vgl. zur Kritik auch Mayer, 1994).
Ebenso wird in den Debatten um das Trio Klasse, »Ethnie« und Geschlecht, die seit 89 sowohl die etablierten Verfechter einer grün-sozialdemokratischen Multi-Kulti-Bonsai-Gesellschaftsveränderung an den Universitäten als auch bestimmte Teile der verbliebenen linkradikalen Opposition gleichzeitig in Atem halten, beständig »umcodiert«, »dekonstruiert« und mit Identitäten und Zeichen gespielt bzw. Sinn und Unsinn solcher theoretischer und praktischer Strategien sind überhaupt Gegenstand der Diskussion.
Judith Butlers Buch »Das Unbehagen der Geschlechter« z.B. hat (nicht nur im Feminismus) großes Aufsehen erregt. Darin ruft sie zum institutionalisierten Spiel mit den Geschlechtsidentitäten auf, um die symbolische Geschlechterordnung zu stören. Transvestiten und Transsexuelle haben in der sozialwissenschaftlichen Forschung und in den Zeitgeistblättern Hochkonjunktur. Und so verwundert es auch nicht, daß unsere Johanna W. Stahlmann eigentlich »männlicher Natur« ist, aber ein weibliches Pseudonym verwendet, also ihrem Text getreu mit den Geschlechtsidentitäten spielt. Es soll hier nicht gänzlich in Abrede gestellt werden, daß das »Spiel mit Identitäten« in mancherlei Hinsicht auch etwas bringen kann; auf Ganze gesehen erweist es sich aber, auch nachdem es von einer breiten Medienöffentlichkeit entdeckt ist, in Krisensituationen vor allem als symbolische Entsorgung sozialer Probleme und als Verschleierung sozialer Disparitäten und Machtverhältnisse.7 In diesem Zusammenhang besteht auch die Gefahr, daß die bloß einseitige Kritik am (westlichen) Universalismus in poststrukturalistischen Konzepten antisemitisch aufgegriffen und zurecht-interpretiert werden könnte.
In etlichen Artikeln wird - in gewisser Weise zurecht - eine Bohemisierung der Gesellschaft konstatiert. Der Lebensstil einer früheren Avantgarde habe sich heute verallgemeinert. Fragwürdig ist es aber, wenn dabei das Problematische an der massenhaft prekären postmodernen (Arbeitslosen-)Existenz entdramatisiert und mit dem (freigewählten) Künstlerdasein verglichen wird: »Die Ähnlichkeit der Arbeits- und Lebensformen der Arbeitslosen und der Künstler wird immer auffälliger. Marginal sein heißt heute zum einen egal sein, immer häufiger aber auch für den Rest-Konsens als bedrohlich eingestuft zu werden« (Diederichsen, 1993 a, S.12). Durch den Vergleich mit dem Künstler wird so der unsicheren postmodernen Lebenssituation ein spitzwegscher Charme verpaßt und ihr eine spielerische Aura verliehen. Ganz abgesehen davon, daß doch gerade dem popkulturellen Künstler und Theoretiker, den Diederichsen wohl im Auge hat, in letzter Zeit im Teutonenreich nicht gerade wenig Aufmerksamkeit zuteil wird (von Marginalisierung kann da keine Rede sein).
Die durchaus auch vorhandenen kreativen Potenzen des Arbeitslosendaseins könnten sich meines Erachtens jedoch gerade erst dann entfalten, wenn sie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der individuellen und gesellschaftlichen Gesamtsituation (Obsoletwerden der abstrakten Arbeit etc.) zentral miteinschlössen und gerade nicht mehr durch Romantisierungen schöngezeichnet würden, die auf fragwürdigen Analogien basieren. Die vermasste prekäre Existenz bzw. auch nur die Angst davor enthält allemal auch die Gefahr des Umkippens ins Pogrom, gerade wenn sie im gesellschaftlichen Bewußtsein marginalisiert wird und zugleich konkurrent, denunziatorisch und gemein um Anerkennung und Integration ringt (daß dabei auch die »etablierten« Künstler früher und auch heute gegen rechtskonservative Tendenzen keineswegs gefeit sind, wie die Castorfs und Co. neuerdings wieder beweisen, lasse ich hier mal außer Betracht).
Es gibt sicherlich noch andere Spielebenen in den 90ern: das Spiel mit dem Tod wäre hier unbedingt zu nennen, nicht nur in Selbstdarstellungen von Aidskranken, sondern auch in den mittlerweile als schick geltenden hingeschminkten Augenringen des Topmodels Nadja Auermann z.B.; ein Spiel, das vielleicht den Mittler zwischen einer Kasino- und einer Katastrophenstimmung darstellt. Diese Aufzählung reicht jetzt aber erst einmal.
In den 80ern und Anfang der 90er war das Yuppie-Jüngelchen, klischeehaft dargestellt mit Financial Times unterm Arm, sündteurem Aktenköfferchen, postmodernem Hitlerjungenhaarschnitt (!) und Ring im Ohr, der Protagonist der neoliberalen Ära. Es hat etwas Perfides: Nicht lange nach dem Abklingen der kasinokapitalistischen Spekulations- und BWL-Hipness wird er nun in Handschellen abgeführt, wie der vom Spiegel denunziatorisch so genannte »Geld-Jongleur Leeson«. Die gesamte närrische 80er-Jahre-Gesellschaft vom »kleinen Mann« bis zum Establishment will nun von sich selbst nichts (mehr) wissen. Es ist der glücklose Glücksspieler mit seinen narzißtischen Omnipotenzphantasien im (angeblich) »quirligen Pluriversum« vor dem Hintergrund höchstwahrscheinlich weiterer krisenhafter Entwicklungen, dessen heitere 80er-Jahre-Miene sich nun zur verkniffen-teutonischen Kleinbürgervisage verzieht, der Zeigefinger streckt sich und es fehlt nicht viel, und der Ruf ertönt: »Schlagt ihn tot, er ist ein Spekulant!« Die Angst geht um, der (»richtige«, womöglich als »jüdisch« imaginierte) Spekulant könnte dem teutonischen Yuppie nun endgültig das Spiel verderben, das er seit Anfang der 90er u.a. auch als Palliativmittel benutzt und im Gegensatz zu den 80ern deshalb noch einmal - in Potenz - talmihaft betreibt.


9.

Um in dieser Situation einer Stimmung zu begegnen, die antisemitische Tendenzen in sich enthält, wäre es deshalb notwendig, sowohl von einem infantilen »Gute Laune-Diskurs« als auch einem albern baßstimmig vergetragenen »Kulturpessimismus«, gerade auch in der Linken, Abstand zu nehmen (wie er auch Robert Kurz, einem Herausgeber dieser Zeitschrift, und seinem Stil schon nachgesagt wurde);8 beides, das mittlerweile vielbeschworene Spenglerbedürfnis und das ihm nicht selten entsprechende völkische Geraune, als auch der ebenso teutonische Easy-Life-Diskurs ergänzen sich nämlich und bilden die Extrem-Pole, die die 90er Jahre- Stimmung ausmachen. Sie gehören zu dem Gesamtsyndrom, das weitere Pogrome und irrationale Ausbrüche hervorbringen könnte. Stattdessen müßten ernsthafte Debatten geführt werden, was in der prekären Gesamtsituation der 90er zu tun ist, welche theoretischen und praktischen Handlungsalternativen sich in einer emanzipatorischen Perpektive eröffnen. In dieser Hinsicht ist es auch notwendig, die skizzierten Metamorphosen des teutonischen Yuppie in Rechnung zu stellen und von der Vorstellung eines bloß körneressenden Ruralteutonen mit autoritären Tendenzen und Potentialen (der übrigens auch in der Schweinsbraten-Variante existiert) abzugehen, wie sie manche Linke immer noch hegen.
Insbesondere wären, was die Lage auf den Finanzmärkten und die sozialen Probleme wie z.B. die Wohnungsnot usw. ebenso wie die Negativfolgen eines plötzlichen Hightech-, Medien- und Kommerzialisierungs-Schubs in den letzten Jahren angeht, die warenförmig-systemischen Zusammenhänge zu erhellen, um wenigstens den Versuch zu machen, der Suche nach Sündenböcken und einem damit einhergehenden antisemitischen Ressentiment den Boden zu entziehen. Dabei müßte der teutonische Yuppie, gewissermaßen als ein Subjekt-Objekt dieses systemischen Gesamtzusammenhangs, nachdrücklich mit sich selbst konfrontiert und auf die entsprechenden Projektionen aufmerksam gemacht werden mit Hinweis auf die nationalsozialistische Vergangenheit und deren Vorgeschichte, die sich bekanntlich schon einmal durch ein stahlgewittriges Runen-Raunen auszeichnete.
Gerade wenn man/frau um die »Grenzen der Aufklärung« (Detlev Claussen) und um die versteinerten gesellschaftlichen Verhältnisse mit ihren postmodernen Kleinbürger-Subjekten weiß, bleibt nichts anderes übrig, als diesen Verhältnissen ihre eigene Melodie vorzuspielen, um sie, wenn schon nicht großspurig zum Tanzen zu bringen, so vielleicht doch ein Stück weit aus ihrer gemeingefährlichen Bewegungsstarre aufzuscheuchen und zu provozieren.
Und genau die Einsicht in diese Grenzen verbietet es auch, Initiativen gegen Rassismus und Antisemitismus, sofern sie nicht in der nationalistischen Welle mitschwimmen, von vornherein abzulehnen, wenn sie nicht den »richtigen« wertkritischen und antikapitalistischen Standpunkt haben. Schon die »neuen sozialen Bewegungen« in den 70ern und 80ern, in deren Gefolge diese Initiativen stehen, gingen ja nie im Konservativismus auf, wie manche Linke mein(t)en. In der Krisensituation der 90er geht es meines Erachtens nämlich darum, mit all jenen zu rechnen, die noch bei Sinnen sind und sich ein Unrechtsbewußtsein und einen gesunden Menschenverstand im Sinne Hannah Arendts bewahrt haben, also diametral entgegengesetzt zu der heute wieder so beliebten Stammtischweisheit: »Der Ehrliche ist immer der Dumme« und dem sozialdarwinistischen Uralt-Gemeinplatz der bürgerlichen Gesellschaft: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«.

Manche der verbliebenen Restlinken werden sich in der zugespitzten Krise womöglich in einer traurigen alt-linken Tradition selbst jener bloß oberflächlichen und ressentimentgeladenen »antikapitalistischen« Stimmung der »dummen Kerle« anschließen, die antisemitische Tendenzen impliziert und - Personifizierungen erliegend - z.B. an der billigen Jagd auf »Spekulanten« teilnehmen. Andere Linke sehe ich schon beisammenstehen, offen oder klammheimlich um den teutonischen Yuppie-Puppi greinend. Wie war er doch so schön, geschleckt, kosmopolitisch, hedonistisch und tolerant, so undeutsch und uninnerlich in seine Maske verliebt - ganz im Gegensatz zu dem verkniffen-provinziellen Kleinbürger-Pöbel. Dabei - ist der teutonische Yuppie das selbst.

 

 

1 Diesen Aspekt habe ich in meinem Artikel »Die Maske des Roten Todes. Kasinokapitalismus, Frauenbewegung und Dekonstruktion« nicht genug betont und die hedonistische Seite der 80er Jahre zu sehr herausgestellt (Scholz 1995).

2 Freilich gilt dies nicht für alle Linken. So thematisiert z.B. Jürgen Elsässer diese Phase unter den Überschriften »Postfordismus und Postmoderne« und »Postmoderne und Antimoderne« und bezieht dabei auch die Überlegungen Hannah Arendts mit ein (Elsässer 1992, S. 115 ff.). Und auch die Redaktion der Zeitschrift »17C« fragt in ihrem Artikel »Gegen den deutschen Opferkult« in Abgrenzung zu altlinken Standpunkten, die Modernisierungsprozesse außer acht lassen und immer noch den »autoritären Charakter« für neuere Rechtsentwicklungen bemühen: »Zu welcher "Barbarei" ist der Hedonist fähig?« (Nr. 10, 1995, S. 26). In gewisser Weise ist die kasinokapitalistische Phase hier also mit angesprochen (vgl. dazu auch den Aufsatz von S.G.: »Geisterkunde. Die "Wiederkehr des Faschismus"« in demselben Heft).

3 Daß das Dilemma der sogenannten Dritten Welt heute gerade darin besteht, eben nicht mehr ausgebeutet zu werden, wie in letzter Zeit häufig zu hören ist, kann hier nicht ernsthaft geltend gemacht werden. Denn es ist ja, absurd genug, gerade dieser Umstand, der kriegerische Auseinandersetzungen und Flüchtlingsbewegungen hervorruft, der also bewirkt, daß »die Anderen« zu »uns« kommen. Wird der ökonomische Sachverhalt in einem derart wohlfeilen Sinne geltend gemacht, so äußert sich für mich darin selber schon der Wohlstandschauvinismus.

4 Diederichsen weiß in dem neueren Artikel »Die Elenden und die Erlebenden. Drogen, Techno, Sport« (1994 b) zumindest zum Teil um die hier aufgezeigten Zusammenhänge. Er trennt verschiedene Hedonismus-Varianten: einen protestantischen Geißler-Hedonismus, der erst in der Strapaze zu sich kommt, einen chemisch-leichten Junkie-Hedonismus und die Ekstase der Techno-Kids, wobei er freilich für die beiden letzteren Partei nimmt. Wohlstandschauvinistische Haltungen und problematische kasinokapitalistische Individualisierungstendenzen sind dabei bezeichnenderweise nicht sein Thema. Eine zunehmende Konkurrenz- und Arbeitsorientierung wird bloß am Rande thematisiert und ist der Argumentation eher implizit unterlegt. Stattdessen geht es Diederichsen darum, »mal kurz innezuhalten und nachzusehen, was der Mainstream in Bezug auf Lifestyle, Drogen, Ausgrenzung und Aufräumen, innere Sicherheit, Polizeivollmachten und Neubewertung von Ekstase zur Zeit an Konsensvorlagen verhandelt und demnächst verabschieden wird« (Diederichsen, 1994 b, S. 7). Ausgrenzungsabsichten werden dabei vor allem gegenüber als »Ausländer« konstruierten Dealern kritisiert und das damit verknüpfte Vergiftungs- und Verseuchungsphantasma aufgezeigt - beides meines Erachtens sehr berechtigt, aber nichtsdestoweniger reduziert von der analytischen Ausstattung her. Ein wenig entsteht so der Eindruck, daß die Angst um die eigenen Hedonismus- bzw. Ekstase-Möglichkeiten die Feder führt. Der in vieler Hinsicht durchaus auch sympathische Text von Diederichsen appelliert im Grunde an die »an sich« hedonistische Gesellschaft, sich dem repressiven 90er-Jahre-Staat entgegenzustellen, ohne zu fragen, wie das eine und das andere gleichzeitig möglich ist und zusammenhängt.

5 Unter »sekundärem Antisemitismus« versteht Elsässer dabei, wie in der Fachwissenschaft üblich, den »Antisemitismus wegen Auschwitz - also nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz. Dieser neuartige Antisemitismus äußert sich beispielsweise in der "Ausbeutungsthese": Israel wolle "mit den Schuldgefühlen der Deutschen ein Geschäft machen", in der daraus resultierenden Ablehnung der Wiedergutmachung und vor allem in der Forderung "endlich in Ruhe gelassen zu werden", nichts mehr hören zu müssen von der deutschen Schuld« (Elsässer, 1992, S. 72).

6 Daß die Figur des Hausmeisters in den 90ern zurückkehrt und wiederum ein neues Spießertum zum Vorschein kommt, weiß auch einer der teutonischen Oberyuppies: der »Trendforscher« Matthias Horx (1993, S. 118. ff).

7 So ist es mir z.B. mehr als suspekt, wenn weiße Heteromänner, die sich seit Jahr und Tag gegen feministische Zumutungen gewehrt haben, und für die weder Sexismus noch Homophobie in Diskussionen jemals ein ernstzunehmendes Problem darstellten, auf einmal zu glühenden Judith-Butler-Fans werden. Es drängt sich hier unweigerlich der böse Verdacht auf, daß man sich so aller Infragestellungen der weißen, männlichen Heterosexualität und der damit verbundenen männlichen Dominanz in der Gesellschaft entledigen will. Man eignet sich den Style, den Habitus von Frauen und Schwulen an und kann sich bei diesem (angeblich) subversiven Verfahren zur »Störung« der symbolischen Geschlechterordnung sogar noch auf ein feministisches Konzept berufen, ohne sich der Machtfrage aussetzen zu müssen (die im Sinne eines Herrschaftsverhältnisses in poststrukturalistischen Konzepten ja auch nicht mehr gestellt wird). In öffentlichen Diskussionen z.B., in denen das männliche Diskussionsverhalten kritisiert wird, kann man sich dann sogar darauf zurückziehen, daß eine derartige Kritik ja die symbolische Geschlechterordnung befestigen würde und nunmehr geradezu mit der Weihe der Fortschrittlichkeit darauf pochen, daß alles seine patriarchale Ordnung behält. Im übrigen (und nicht zuletzt) kann man in der Aneignung des Styles, des Habitus von Frauen seine (unaufgehobene) männliche Identität erweitern und sogar noch eine bessere Frau werden, nämlich als der überhaupt beste Mann (um die weiblichen Seiten bereichert). Eine Haltung, die von feministischen Forscherinnen schon an den Romantikern festgestellt wurde, und die in Krisenzeiten wie der heutigen, wo gerade das männliche Selbstwertgefühl sinkt, erst recht verlockend sein kann. Bei alledem geht man dann - höchst heterokonform - zuhause mit der Freundin ins Bett, die halt »als Person« und »ganz privat« nicht ganz so theoretisch, nicht ganz so politisch ist...Demgegenüber muß selbst Judith Butler in Schutz genommen werden, deren Konzept sich dem Anspruch nach noch immer gegen Sexismus und Zwangsheterosexualität richtet und sich, zumindest streng theoretisch genommen, der Beliebigkeitsvereinnahmung verweigert, auch wenn sie im »Unbehagen der Geschlechter« der Sprache nach einer derartigen Interpretation Nahrung gibt.

8 So schreibt z.B. auch Diedrich Diederichsen: »Gute Laune ist progressiver als Kulturpessimismus« (Diederichsen 1993 b, S. 114). Ich denke, daß weder das eine noch das andere die Perspektive sein kann.



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