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Daniel Späth

Europäischer Rassismus
oder
Die inhumane Kontinuität aufklärungsideologischen Denkens

Meterhohe Wellen, die in immer neuen Schüben unaufhaltsam den Erdball überrollen; Erdbeben, welche kilometerlange Risse in den Boden reißen und ganze Häuserlandschaften wie lose Pappgestelle in die Tiefe ziehen. Im Zeitalter der Fundamentalkrise ist das bürgerliche Bewusstsein besonders anfällig für Katastrophenszenarien, wie die oben skizzierten des Filmes mit dem „provozierenden“ Namen „2012“, in denen sich paradigmatisch eine zutiefst projektiv entladene Angst vor dem sukzessiven Verfall der eigenen Gesellschaft ausdrückt – im Fall Roland Emmerichs garniert mit dem Augenzwinkern des Kinoproduzenten, der um die neurotische Affinität des Krisensubjekts zu diesen Schreckensbildern weiß.

Es mag daher mehr als eine bloß oberflächliche Analogie sein, dass die Botschaft des Films glatt das Lebensmotto des Krisensubjekts sein könnte: Die Rettung naht!

Doch sie hinterlässt im Film einen bitteren Nachgeschmack: Es kann sich nur ein kleiner Teil der Menschheit vor den Fluten in eigens für ihn konzipierte „Archen“ flüchten, woraufhin sich bald die Selektionsfrage stellt; und es mag auch hier wiederum nicht nur Zufall sein, dass dieses Szenario in seinem Protagonisten von einem westlich-weißen Standpunkt dargestellt wird.

Dieser Selektionsimpuls, wie er sich sublimiert in der filmischen Gestaltung niederschlägt, tritt in der Realität des Krisensubjekts dagegen zunehmend und offenkundig mit voller Wucht zu tage. Die Fundamentalkrise ist eben wesentlich die Krise des männlich-weißen westlichen Subjekts (MWW), das im Begriff ist, von der Negativität der eigenen Vergesellschaftung zerquetscht zu werden; und die Ignoranz dieser Subjektform angesichts der immer tiefer um sich greifenden Krise kann nur durch ausgrenzende Ideologiebildung in einem hilflosen Kampf gegen die grauenhafte Wirklichkeit aufrechterhalten werden: Wieder einmal ist der Rassismus in Europa als breiter Konsens salonfähig geworden. Man hat ihn sogar direkt gewählt, und es mögen dem bürgerlichen Stinknormalo angesichts dieses heroischen Aktes demokratischer Musterpolitik Tränen in die Augen gestiegen sein: Der antiemanzipatorische Kern von Freiheit und Gleichheit zeigt sich in den Zeiten ihres Verfalls in Reinform.

Doch nicht nur das Minarett-Verbot der Schweiz, das allerdings kein einstimmiger Beschluss war, verweist auf den zunehmend unmittelbar sich artikulierenden Rassismus1. Auch ein Ereignis in Italien deutet an, wie das MWW im Zuge seines Unterganges die Fundamentalkrise zu bewältigen sich anschickt: So kam es dort zu der Situation, dass ein „Bürgerkomitee“ in Rosarno forderte, alle illegal eingewanderten Ausländer müssten aus der Stadt ausgewiesen werden. «Wir sind keine Rassisten, gegen legale Einwanderer haben wir gar nichts, wir wollen nur Sicherheit für die Bürger.»“2

Nein, Rassisten sind die guten Bürger natürlich nicht. Aber wenn diese Wanderarbeiter sich auch noch einbilden, sich zur Wehr setzen zu müssen, nachdem sie wie Vogelfreie mit Luftdruckgewehren3 gejagt werden, dann geht das natürlich entschieden zu weit. Und so freut sich der Normalbürger aller Klassen, wenn „solche Leute“ dann endlich polizeilich abtransportiert werden – alles ganz nach Vorschrift; in Europa ist es wieder gesetzlich erlaubt, Menschen zu deportieren.

Die internationale Kritik an diesen Vorfällen war so hilflos wie vorhersehbar: So forderten die „Uno-Sonderberichterstatter für die Rechte von Migranten und gegen Rassismus, Jorge Bustamante und Githu Muigai“, es „müsse eine Einwanderungspolitik betrieben werden, die den «internationalen Normen in Bezug auf die Menschenrechte» entspreche.“4 Dem wird eine schon längst kapitalistisch domestizierte Linke nicht viel hinzuzufügen haben.

Diese Beispiele zeigen auf der empirischen Ebene freilich nur, dass die Krise auch da angekommen ist, wo niemand es für möglich gehalten hat: in den europäischen Kernstaaten. Und es scheint, dass eine Linke getroffen wird, die theoretisch und damit natürlich auch praktisch dieser Krise und den aus ihr hervorgehenden Barbarisierungsprozessen nichts entgegenzusetzen hat. Im Gegenteil stimmt sie, sogar wo sie sich radikal gebärdet, in diese falsche Unmittelbarkeit mit ein: Es ist im wertabspaltungskritischen Kontext öfters darauf hingewiesen worden, dass der antiislamische Rassismus, wie er auch in der antideutschen Ideologie zum Ausdruck kommt, eine grundlegend ideologische Reaktionsform des untergehenden MWW darstellt und damit auf ein tiefgreifendes Syndrom der Subjektform insgesamt verweist: eben die exponentielle Zunahme des europäischen Rassismus im Zuge der Krise westlicher Subjektivität.5 Dies veranschaulicht die sogenannte „Heitmeyer-Studie“ aus dem November letzten Jahres, welche konstatiert, dass JedeR zweite EuropäerIn aus diesen Ländern den Aussagen «Es gibt zu viele Einwanderer» und «Der Islam ist eine Religion der Intoleranz» zu[stimmt]. 43 Prozent der Befragten halten Homosexualität für unmoralisch, fast ein Drittel geht von einer «natürlichen Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Menschen» aus, ein Viertel unterstellt, dass «Juden zu viel Einfluss» haben.“6

Es bedürfte nicht zuletzt einer starken Linken, um diesem Wahnsinn entgegentreten zu können; denn die Studie zeigt, dass im Alltagsbewusstsein der Konkurrenzverhältnisse ganz unterschiedliche und selbst gegensätzliche Zuschreibungen als ideologischer Bodensatz durchaus konform gehen. Was die „Antideutschen“ einerseits und die israelfeindlichen Antiimperialisten andererseits nicht sehen wollen, kommt dabei klar zum Ausdruck: nämlich die Gleichzeitigkeit von rassistischen und antisemitischen Denkmustern (ohne dass beides gleichgesetzt werden kann).

In der Tat bedürfte es also einer Linken, die sich ihrer ideologischen Herkunft mit kritischer Schärfe bewusst ist. Denn bekanntlich hat der Rassismus (neben dem Antisemitismus und Sexismus) eine lange europäische, vor allem auch deutsche Geschichte: Seine knallharte Begründung und ideologische Durchsetzung findet er im Rassismus der Aufklärungsideologen. Es sei hier besonders an die rassistischen Ausfälle Kants und Hegels erinnert, bei ersterem (nicht nur) in Form der Hetze gegen „faule Neger“ , bis hin zu dem subtilen Rassismus einer Linken, wie er seine theoretische Legitimation z.B. bei Rudi Dutschke in seinem Werk „Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen“ erfahren hatte, welcher das Scheitern der Russischen Revolution aus den „asiatischen“ Produktionsverhältnissen und Mentalitäten zu erklären versucht, die eine negative Produktionsweise sui generis darstellen würden7 – eine ganz ähnliche ideologische Argumentationsfigur, wie sie heutzutage der antiislamische Rassismus formuliert, die nicht verwechselt werden darf mit einer notwendigen radikalen Kritik am antisemitischen Gehalt des postmodernen Islamismus. Doch die Linke scheint aus ihrer eigenen Geschichte nichts gelernt zu haben und so kann es ihr vor lauter Drang nach falscher Unmittelbarkeit sehr schnell geschehen, dass sie plötzlich sich selbst nicht mehr versteht. So besetzt sie von Attac über die Linkspartei bis zu den Antideutschen in Krisenzeiten mehr denn je die bürgerlichen Kategorien von „Freiheit, Gleichheit, Demokratie“, die sie mit einem unglaublich naiven Enthusiasmus verkündet, und läuft damit Gefahr, zunehmend selbst in einen „strukturellen Rassismus“ zu verfallen. Die Dichotomie von Rassismus und Menschenrechten, wie sie von den Uno-Sonderberichterstattern für die Rechte von Migranten und gegen Rassismus aufgemacht wird und wie sie sich in ähnlicher Akzentuierung auch bei den Antideutschen findet (nur dass bei diesen die westliche Werte gegen die antisemitische islamische Welt ausgespielt werden), ist ein ideologisches Blendwerk. Gelingt es nicht, dieses durch die Negativität radikaler Kritik aufzusprengen, so wird man dem Rassismus nichts entgegensetzen können, da man ihn nicht in seinem strukturellen Bedingungszusammenhang ergründen kann.

Die Berufung auf die westlichen Werte ist nämlich nicht etwa ein probates Gegenmittel gegen rassistische Ausfälle, sondern letztere sind in ersteren angelegt. Diese Berufung ist deshalb selber ein ideologisches Rückzugsgefecht gegen die Konsequenz der eigenen falschen Voraussetzungen.

Die suggerierte Universalität der bürgerlichen Rechte und ihrer Werte von Freiheit und Gleichheit ist in Wahrheit nur ein Moment der historischen Ausgrenzungsverhältnisse, eine Partikularität innerhalb der Totalität des „automatischen Subjekts“ und dem von ihm abgespaltenen Bereich der Haus- und Liebesarbeit. In den rituellen Beschwörungszeremonien dieser Werte sowie der „ewigen Menschenrechte“ drücken sich die Ansprüche des bürgerlichen Zirkulationssubjekts aus, das sich seines eigenen gesellschaftlichen Bedingungszusammenhangs nicht bewusst ist. Innerhalb der sich vermittelnden Bewegung von Produktion und Zirkulation kann man im dialektischen Sinne von der Determiniertheit des Rechts- und Staatssubjekts durch das Konkurrenz- und Arbeitssubjekt sprechen, insofern allein letzteres Quelle der realfetischistischen Substanz von „abstrakter Arbeit“ auf der Ebene der Produktionsform selbst ist.8 Wird dieser immanente Zusammenhang bürgerlicher Subjektivität nicht auf den Begriff gebracht, kann auch der fetischistische Abspaltungszusammenhang auf der allgemeinsten Ebene gesellschaftlicher Totalität nicht erkannt werden, da er in einem notwendigen dialektischen Bezug zu dieser bürgerlichen Subjektivität steht.

Die auf einen positiven Subjektbegriff bezogene bürgerliche und zunehmend auch die entsprechende linke Unkritik des Rassismus verfällt demnach dem realen gesellschaftlichen Schein, der dadurch erzeugt wird, dass „die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, [und so] erscheinen auch die spezifisch gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches. Oder die Privatarbeiten betätigen sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittelst derselben die Produzenten versetzt. Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.“9 Wirft Marx bereits Ricardo und Smith, die immerhin noch an einem – wenn auch insuffizienten – Wertbegriff festhielten, vor, diese würden durch die Verwechslung von fixem und zirkulierendem Kapital mit variablen und konstantem Kapital „die Verwandlung des kapitalistischen Produktionsprozesses in ein vollständiges Mysterium glücklich vollbracht haben“, wobei „der Ursprung des im Produkt vorhanden Mehrwerts gänzlich dem Blick entrückt“10 sei, so gilt dies für das virtualisierte postmoderne Bewusstsein in potenziertem Maße, das die strukturelle Abkopplung der Finanzmärkte von der Produktionsform seit den 1980er Jahren nicht kritisch aufgearbeitet hat. Der Substanzlosigkeit der Akkumulationsbewegungen des Kapitals entspricht die Substanzlosigkeit der theoretischen Reflexion. Damit scheint auch das linke Bewusstsein endgültig, flankiert und ergänzt durch die „roh empirische Art“ (Marx) des akademischen Betriebes, auf den Standpunkt der „sachliche[n] Verhältnisse der Personen“, also auf reine Zirkulationskategorien zurückgeworfen zu sein, was zur Folge hat, dass es dem zunehmenden Rassismus ohnmächtig gegenüber steht.

Übersehen wird dabei nämlich, dass zusammen mit der Verwertungsfähigkeit des Kapitals auch jene rechtlichen Verhältnisse des Warensubjekts obsolet werden. Vor allem in der Verkehrung des Verhältnisses von Rechts- und Arbeitsfähigkeit perpetuiert linkes Denken die aufklärungsideologische Doktrin der Universalität der Vernunft; und so verdampft jeder kritische Impuls in einem hilflosen Moralismus (eben jenem Einfordern der bürgerlichen Rechte, das gegen die Wirklichkeit ausgespielt wird), der bereits den ersten Schritt in die alltägliche Barbarei darstellt. In diesem Sinne ist die Berufung auf die bürgerlichen Werte für kritisches Bewusstsein im besten Falle pure Ohnmacht – im schlechtesten Fall ist sie selber strukturell rassistisch, da sie den notwendigen Zusammenhang von entsprechenden Ideologiebildungen und nur scheinbarer Universalität der bürgerlichen Rechte und Werte nicht aufheben kann und sich somit zur gedanklichen Oszillation zwischen diesen beiden dichotomisch gegenübergestellten Polen verdammt.

War der Prozess der „Entmenschlichung der Menschen“ im Zuge der Fundamentalkrise bisher zum großen Teil auf die nicht-europäischen Teile der Welt beschränkt (auch wenn sich zum Beispiel bei der Behandlung von Hartz-IV-Empfängern dieser Verfall rechtlicher Ansprüche bereits in Deutschland zeigt und die „Auffanglager“ von „illegalen Einwanderern“ um Europa herum ein Musterbeispiel dieser Rechtlosigkeit darstellen), so dringt nun die Tendenz zum Überflüssigwerden der Menschen auch in die europäischen Kernländer vor. Es ist im erwähnten Fall von afrikanischen Wanderarbeitern in Italien grausame Ironie, dass diese ausgerechnet für ihr „Recht auf Arbeit“ demonstrierten und sich damit bereits hilflos der in sich zusammenfallenden Verwertungsmaschine ausliefern, was ebene jene tendenzielle Rechtlosigkeit zur Folge hatte, wie sie real an ihnen praktiziert wurde.11

Der steigende „Rassismus nach außen“ ist aber nicht die einzige Form rassistischen Denkens – er verschränkt sich mit einem „Rassismus nach innen“, der analog zu ersterem bereits offen propagiert wird. Rüttgers Hassrede gegen die Rumänen artikulierte bereits einen „strukturellen Antiziganismus“ in Reinform (der Anteil von Roma ist in Rumänien überdurchschnittlich hoch), wie er bereits in vielen europäischen Ländern zu pogromartigen Ausschreitungen gegen Sinti und Roma geführt hat, wobei freilich zu bemerken ist, dass dieser Reflex als unbewusster Impuls auf eine „Ziganisierung“ der Verhältnisse reagiert, in der potentiell jeder, in der Fundamentalkrise mehr denn je, das Gefühl haben kann, in den Status des „Zigeuners“ zu rutschen – denn der Antiziganismus drückt ja das ohnmächtige Bedürfnis aus, gerade in Krisenzeiten der eigenen Prekarisierung durch eine Abgrenzung nach unten ideologisch zu entrinnen.

Damit dient dieses Stereotyp jedoch nicht nur dazu, binneneuropäische Ressentiments, sondern auch einen innerstaatlichen Rassismus zu mobilisieren, wie Roswitha Scholz in ihrem Text „Homo Sacer und Die Zigeuner“ ausführt:

Leider scheint Roswitha Scholz in ihren Analysen Recht zu behalten und die Aussage Roland Kochs fällt genau in die von ihr prognostizierte Denunziation von Hartz-4-Empfängern: „Da es in Deutschland notfalls (!) auch ein Leben lang Leistungen gebe, müssten Instrumente eingesetzt werden, «damit niemand das Leben von Hartz IV als angenehme Variante ansieht», sagte Koch. Es könne kein funktionierendes Arbeitslosenhilfe-System geben, das nicht auch ein Element von Abschreckung enthalte. «Sonst ist das für die regulär Erwerbstätigen, die ihr verfügbares Einkommen mit den Unterstützungssätzen vergleichen, unerträglich.»“13 Die politische Charaktermaske hat die betriebswirtschaftlichen Kriterien nahezu reibungslos verinnerlicht; dem ideologischen Angebot dürfte eine große Nachfrage gegenüberstehen, wie Roswitha Scholz verdeutlicht: „Heute ist in gewisser Weise jeder und jede, selbst und gerade in der berühmten Mittelklasse, vom Absturz bedroht. Man könnte fast von einer «Ziganisierung» der sozialen Verhältnisse sprechen, wäre es nicht so abgedroschen, und wäre nicht geradezu inflationär von einer «Beirutisierung», «Balkanisierung» usw. die Rede. Jedoch zielt der Terminus «Ziganisierung» auf eine historisch-theoretische Tiefendimension, auf die tatsächlichen Wurzeln der heutigen Zustände im Innern der modern-kapitalistischen Geschichte und Gesellschaft.“14 Die Kritik der im politischen Diskurs so hochgelobten Mittelschicht, die Roswitha Scholz eng an ihre Analyse des „strukturellen Antiziganismus“ koppelt, scheint notwendiger denn je: Die zunehmende Arbeitslosigkeit (v.a. auch bei akademisch Beschäftigten, die als nicht mehr verwertbares, aber „hochqualifiziertes“ Humankapital besonders anfällig für eine „Ideologie gegen unten“ im skizzierten Sinne zu sein scheinen15) potenziert sich die Wirksamkeit antiziganistischer Stereotypen, wobei die abstürzende Mittelschicht diese zunehmend real exekutiert: Der für die Deportation der afrikanischen Wanderarbeiter verantwortliche nette Bürgerverein in Rosarno mag zum großen Teil aus politisch engagierten Mittelschichtsbürgern bestanden haben. In der Dialektik von Partikularität und Universalität des Kapitals wird dieses im Zuge der Fundamentalkrise mehr und mehr auf den regionalen Bereich zurückgeworfen, da mit der Entsubstantialisierung des Werts auch dessen internationale und binnenstaatliche metamorphotische Vermittlung zunehmend obsolet wird: Wenn die Krise auch nicht deterministisch in ihren Verlaufsformen vorhergesehen werden kann, so mag Rosarno doch nicht nur ein zufälliges Ereignis sein, sondern auf eine mögliche Zukunft verweisen, in der sich in kleinen genossenschaftlich-regionalen Gruppen demokratische „Bürgerkomitees“ organisieren, die sich hauptsächlich aus einen „politisch engagierten Mittelstand“ rekrutieren und die Not der auseinanderbrechenden Vermittlung gesellschaftlicher Produktion zur rassistischen Tugend machen – auch hierauf hätte kritische Theorie im Sinne der Analyse einer „konkreten Totalität“ (Roswitha Scholz) zu reflektieren und gegen derartige Tendenzen zu intervenieren. Dass dieses Szenario bereits Aktualität in sich birgt, zeigt auch die Situation in Griechenland. Die wenigen afrikanischen Flüchtlinge, die in Griechenland landen und sich anschließend noch nach Athen durchschlagen können – so fern sie nicht bereits in den Küstenstädten in Lager interniert worden sind – versuchen in Abbruchhäusern Unterkunft zu finden; doch „wer kein Bett findet, schläft draußen auf einer Parkbank. Tagsüber, nicht nachts, dann ist es zu gefährlich. Bürgerwehren machen Jagd (!).“16

Aber auch aus einem anderen Blickwinkel sind die Mittelschichten als zunehmender Träger rassistischer Ideologien zu decamouflieren: Ihrer intrinsischen Struktur nach bestehen sie zu einem großen Teil aus staatlich angestellen Berufsgruppen, die ihre Existenz dem fordistischen Boom verdankten. Seit dessen Ende ist auch das Überflüssigwerden dieser gesellschaftlichen Gruppen absehbar, die aber aufgrund ihrer sozialen Stellung immer schon eine Affinität zum demokratischen Rechtsstaat und dessen Wertsetzungen haben, also qua ihrer Position im fetischistischen Vergesellschaftungszusammenhang zur Zirkulationsideologie und dem sie begleitenden Rechtsfetischismus. Es besteht die Gefahr, dass die lediglich vermittelte Abhängigkeit dieser sozialen Schicht von der Mehrwertproduktion, in der Unmittelbarkeit der Krise mehr denn je, zu einem völligen Überbordwerfen einer Kritik der „abstrakten Arbeit“ führt (sofern diese noch in einer dumpfe Erinnerung an das Marxsche „Kapital“ existiert), und die ideologisch naheliegende Berufung auf die bürgerlichen Werte die immer deutlich werdende, aber theoretisch nicht durchdrungene Partikularität dieser Werte in Form eines „Rassismus nach außen“ verwirklicht. Zweifelsohne bedingen sich hierbei der „Rassismus nach außen“ und der antiziganistische Rassismus gegenseitig und vermischen sich mit anderen Ideologemen: Das Steigen des Antisemitismus ist wohl zu einem beachtlichen Teil ebenfalls auf die Krise der Mittelschichten zurückzuführen, die in ihrem Selbstverständnis als „produktives Kapital“ immer schon strukturell anfällig für eine Argumentation gegen die „unproduktiven Spekulanten“ sind.

Dass diese Stellung der Mittelschichten, welche durch ihre prekäre gesellschaftliche Position für die rapide um sich greifende „Dialektik der Ideologien“ nahezu prädestiniert sind, in der deutschen und europäischen Linken bisher kaum thematisiert wurde, ist zwar Teil der bestehenden theoretischen Defizite, hat aber genau deswegen einen guten oder besser: sehr schlechten Grund. Zu einem großen Teil gehört die linke Intelligentsia, vor allem in ihrer akademischen Facon, eben dieser Mittelschicht an.

Eine kritische Analyse der rassistischen Barbarei, die Kerneuropa nun endgültig erreicht hat, würde an diese Linke jenen Anspruch Adornos stellen, den zu erfüllen sie unfähiger denn je, auch in ihrer demokratisch verkommenen Form einer „Adorno-Orthodoxie“, zu sein scheint: „Erheischt negative Dialektik die Selbstreflexion des Denkens, so impliziert das handgreiflich, Denken müsse, um wahr zu sein, heute jedenfalls, auch gegen sich selbst denken.“17 Für eine die bürgerliche Subjektivität verherrlichende Linke, die Gefahr läuft, durch die masochistische Unterwerfung unter die kapitalistischen Kategorien mit diesen selbst heillos zu zerschellen, mag dieser Satz Adornos eine einzige Hieroglyphe bleiben: Und so scheint die Zeit gekommen, dass die von tiefster projektiver Angst erfüllten Bilder weltzerstörender Naturgewalten gesellschaftliche Realität zu werden beginnen – mit dem Unterschied, dass diesmal keine rettenden „Archen“ zur Verfügung stehen.

Anmerkungen