Startseite Krise und Kritik der Warengesellschaft


In leicht veränderter Form erschienen in:
Denknetz Schweiz (Hg.): Jahrbuch Denknetz 2010.
Zu gut für den Kapitalismus. Blockierte Potenziale in einer überforderten Wirtschaft
Seite 12 - 19, Edition 8, Zürich 2010

Claus Peter Ortlieb

Die verlorene Unschuld der Produktivität

Der sogenannte technische Fortschritt und die mit ihm verbundene permanente Erhöhung der Produktivität werden regelmäßig als Potenz zum guten Leben und der Lösung aller Menschheitsprobleme kommuniziert. Da sich in den letzten 30-40 Jahren die Produktivität verdoppelt hat, in derselben Arbeitszeit sich also die doppelte Menge an Gütern herstellen lässt wie noch in den 1970er Jahren, müssten wir folglich seither dem guten Leben einen großen Schritt näher gekommen sein. Wer das freilich heute angesichts der gleichzeitig sich auftürmenden Umwelt-, Ressourcen-, Wirtschafts- und Finanzkrisen behaupten wollte, würde zurecht als Phantast gelten. Irgend etwas kann an der Rechnung und dem in ihr enthaltenen Versprechen also nicht stimmen.

Wo liegt der Fehler? Ein erstes Indiz zur Beantwortung dieser Frage liefert ein Stichwort, das in diesem Zusammenhang regelmäßig genannt wird, die Wettbewerbsfähigkeit nämlich. Die Bedeutung der Produktivität liegt zunächst und vor allem in ihrem Komparativ: Der produktivere Betrieb kann seine Produkte billiger herstellen und anbieten und verdrängt seine Konkurrenten vom Markt. Der produktivere Standort kann es schon mal zum Exportweltmeister bringen, während der weniger produktive sich womöglich gefallen lassen muss, dass seine Industrie abgewrackt wird. Insofern ist klar, dass die in der Regel ungleichmäßige Erhöhung der Produktivität nicht allen Wirtschaftssubjekten gleichermaßen zugute kommt und vielen sogar schaden kann. Und klar ist auch, dass unter Konkurrenzbedingungen die Produktivitätserhöhung sich nicht einfach für eine allgemeine Verringerung der Arbeitszeit einsetzen lässt, sondern vielmehr zur Folge hat, dass weniger Beschäftigte mehr produzieren müssen.

Damit ist allerdings die Frage noch nicht beantwortet, welche Wirkung die andauernde, durch die Konkurrenz induzierte Produktivitätserhöhung auf das kapitalistische Weltsystem als Ganzes hat. Nach der liberalen Fortschrittsideologie, die in diesem Zusammenhang gern Darwins „survival of the fittest“ oder Schumpeters Prinzip der „schöpferischen Zerstörung“ ins Feld führt, soll die Dynamik der Konkurrenz nicht nur den technischen, sondern zugleich den gesellschaftlichen Fortschritt vorantreiben. Dass diese Ideologie durch den Weltlauf gründlich desavouiert wurde, ist spätestens zu Beginn des 21. Jahrhunderts offensichtlich; weniger offensichtlich sind womöglich die Gründe dafür, die im Folgenden in den Fokus gerückt werden.

Produktivität, Wert und stofflicher Reichtum

Von allen anderen Gesellschaftsformationen unterscheidet sich der Kapitalismus darin, dass in ihm eine andere Form des Reichtums dominiert, nämlich der abstrakte oder wertförmige Reichtum, der im Geld dargestellt ist und sich in der zur Produktion einer Ware erforderlichen Arbeitszeit bemisst. Stofflicher Reichtum ist zwar notwendiges Beiwerk kapitalistischen Wirtschaftens, aber nicht sein Ziel. Dieses besteht vielmehr in der Verwertung des Werts, der Vermehrung abstrakten Reichtums: Ich werfe Geld in den Produktionsprozess in der Erwartung, am Ende mehr Geld zu haben (Mehrwert). Eine wirtschaftliche Tätigkeit, die diese Vermehrung abstrakten Reichtums nicht zumindest erwarten lässt, findet gar nicht erst statt.

Die hier getroffene Unterscheidung der beiden Reichtumsformen ist keineswegs selbstverständlich. Im kapitalistischen Alltag spielt sie keine Rolle, dort gibt es nur „Reichtum schlechthin“. Kritik am Kapitalismus ist dann vor allem Kritik an der Verteilung des Reichtums. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie ist dagegen wesentlich Kritik dieser besonderen, verrückten und maßlosen Form des Reichtums (vgl. Postone 2003: 55f), von deren Funktionieren wir unser aller Leben abhängig gemacht haben. Sie funktioniert aber – auch nach ihren eigenen Kriterien – immer weniger.

Im Begriff der Produktivität liegt der Fokus auf den quantitativen Verhältnissen zwischen beiden in der Warenproduktion geschaffenen Reichtumsformen. Sie liegen zwar zu jedem Zeitpunkt fest, sind aber, wie Marx (MEW 23: 60f) feststellt, ständig im Fluss:

  • verändert sich der (in Arbeitszeit gemessenen) Wert der an einem Arbeitstag produzierten Warenmenge nicht,
  • vergrößert sich dagegen der an einem Arbeitstag produzierte stoffliche Reichtum
  • und sinkt daher der Wert des Einzelprodukts.

Die Zwänge der abstrakten Reichtumsproduktion

Das Kapital, das ja nur an einer möglichst großen Akkumulation von Mehrwert ein Interesse hat, schneidet sich mit der permanenten Erhöhung der Produktivität insofern ins eigene Fleisch, als der zur Erzielung eines bestimmten Mehrwerts erforderliche stoffliche Aufwand immer größer wird. Die Frage ist also, warum das Kapital anscheinend gegen das eigene „Interesse“ handelt. Die Antwort liegt darin, dass sich die Angelegenheit aus der Sicht der Einzelkapitalien anders darstellt: In der Konkurrenz (der Betriebe, Standorte, Nationalökonomien) erringt dasjenige Einzelkapital einen Vorteil und kann sein Marktsegment erweitern, das den anderen gegenüber einen Produktivitätsvorsprung hat. Daraus ergibt sich die paradoxe Situation, dass gerade diejenigen Einzelkapitalien ihr Tortenstück am gesamtgesellschaftlichen Mehrwertkuchen am stärksten vergrößern können, die die Gesamtgröße dieses Kuchens am stärksten verringern. Hieraus resultiert der von Marx bereits vor 160 Jahren konstatierte „prozessierende Widerspruch“, dass das Kapital, indem es bloß seiner eigenen Logik folgt, die ihm adäquate Reichtumsform untergräbt. Wer sich daran, also an der Verdrängung der Arbeit aus der Produktion, nicht beteiligt, wird vom Markt gefegt.

Da das Ziel allen Wirtschaftens im Kapitalismus die Erzielung von Mehrwert ist, die in den Produktionsprozess geworfene Geldmenge sich am Ende also vergrößert haben muss, ist eine funktionierende Marktwirtschaft ohne Wachstum nicht zu haben, denn ohne Wachstumsperspektive würde niemand mehr ökonomisch tätig werden. Das sollten sich alle wohlmeinenden Leute ins Stammbuch schreiben, die da meinen, die Volkswirtschaften müssten sich um des Wohls der Umwelt und der Menschheit willen in Zukunft daran gewöhnen, ohne Wachstum auszukommen, vom Ende des Kapitalismus aber nicht reden wollen.

Was wächst da so zwanghaft? Aus der Sicht des Kapitals ist es der abstrakte Reichtum, der wachsen muss, und mit ihm der Mehrwert, der sich ja mit wachsender Kapitalakkumulation auf einer immer größeren Kapitalstock bezieht. Bei zunehmender Produktivität heißt das aber, dass der stoffliche Output noch schneller wachsen muss als der Mehrwert. Denn selbst eine konstante Mehrwertproduktion würde ein stoffliches Wachstum erfordern, das dem der Produktivität entspricht.

Die Produktion des abstrakten Reichtums unterliegt also dem doppelten Zwang zum Wachstum des Mehrwerts und zur Erhöhung der Produktivität, die ein nochmals höheres Wachstum auf der stofflichen Seite bedingt. Historisch ist der Kapitalismus dem ihm immanenten Wachstumszwang durch zwei ungeheure Expansionsbewegungen nachgekommen (vgl. Kurz 1986: 30f):

  • der Expansion nach „außen“ durch die schrittweise Eroberung der schon vor dem Kapitalismus bestehenden Produktionszweige, die Überführung der Arbeitsbevölkerung in die Lohnabhängigkeit und die Eroberung des geografischen Raums,
  • der Expansion nach „innen“ durch die Schaffung neuer Produktionszweige und – damit zusammenhängend – neuer Bedürfnisse, durch die Produktion für den Massenkonsum und durch das Eindringen in den abgespaltenen „weiblichen“ Raum der Reproduktion der Arbeitskraft.

Die innere und die äußere Schranke der kapitalistischen Produktionsweise

Auf der Erscheinungsebene stellt sich die so bestimmte innere Schranke der kapitalistischen Produktion als Verdrängungskonkurrenz und strukturelle Arbeitslosigkeit dar, so etwa exemplarisch auf dem Automarkt, dessen Situation in DIE ZEIT vom 16.10.08 in einem Artikel von D.H. Lamparter unter der Überschrift Notbremsungen recht gut beschrieben wird. Dort heißt es:

Neben dieser inneren wird mit den ökologischen Grenzen des Wachstums eine äußere Schranke wirksam, die als Schranke der kapitalistischen Produktionsweise aber noch nicht hinreichend zur Kenntnis genommen wird, wie die Phantasmen einer „Marktwirtschaft ohne Wachstum“ zeigen. Bereits Anfang der 1990er Jahre hat Postone (2003: 469f, amerikanisches Original 1993) auf diesen Zusammenhang hingewiesen:

Das von mir skizzierte Muster lässt darauf schließen, daß es in einer Gesellschaft, in der die Ware totalisiert ist, zu einem grundlegenden Spannungsverhältnis zwischen ökologischen Erwägungen und den Imperativen des Werts als der Form des Reichtums und der gesellschaftlichen Vermittlung kommt. ... Das Spannungsverhältnis zwischen den Erfordernissen der Warenform und den ökologischen Notwendigkeiten verschärft sich, wenn die Produktivität steigt, und stellt insbesondere während ökonomischer Krisen und Zeiten hoher Arbeitslosigkeit ein schweres Dilemma dar. Dieses Dilemma und die Spannung, in der es seine Ursache hat, sind dem Kapitalismus immanent. Eine endgültige Lösung wird es, solange der Wert die bestimmende Form gesellschaftlichen Reichtums bleibt, nicht geben.“

 

Anmerkung

Literatur