Startseite Krise und Kritik der Warengesellschaft


Der folgende Text ist aus einer lokalen Auseinandersetzung in Tübingen entstanden, die uns allerdings exemplarisch zu sein scheint. Er mag als Argumentationshilfe für ähnliche Auseinandersetzungen an anderen Orten dienen, geht aber über diesen potentiellen Zweck weit hinaus.

Daniel Späth

Spiel mit dem Feuer
oder
Zahme Linke und der kleinste gemeinsame Nenner des Israel-Hasses

Vorbemerkung

Einleitung:
Tertium non datur. Die deutsche Linke zwischen Antiimperialismus und Antideutschtum, Antisemitismus und Rassismus

Der Gaza-Krieg Israels spaltete die deutsche Linke wie wohl kaum ein anderes Ereignis der letzten Jahre. Gut sechs Dekaden nach dem Holocaust gab es sowohl (eher minoritäre) Demonstrationen für den Krieg gegen die im Gazastreifen herrschende Hamas, vor allem von Seiten der antideutschen Linken, als auch eine Mehrzahl von Demonstrationen gegen diesen Krieg, getragen hauptsächlich von den antiimperialistischen Teilen.

Diese Dichotomizität der deutschen Linken bildete sich latent bereits spätestens seit den Kriegen der westlichen Länder unter Führung der Vereinigten Staaten gegen Afghanistan und den Irak aus, wobei beide Positionen sich im Prozess der Zuspitzung der Weltkrise, die mittlerweile auch auf der empirischen Ebene zunehmend deutlich in Erscheinung tritt, immer schärfer differenzierten; nicht nur, was ihre strategische Ausrichtung anbelangt, sondern vor allem, was ihren ideologischen Gehalt betrifft.

Schimmerte in den antiimperialistischen Demonstrationen nicht selten ein klammheimheimlicher antijüdischer Hass zwischen den gar nicht so klammheimlichen „Allahu Akbar“-Rufen hervor, fabulierte die antideutsche Bahamas-Redaktion bereits vor der militärischen Operation Israels gegen die „Hilfsflotte von Gaza“ von einer „Verschwörung gegen Amerika?“, in der sich eine strukturell antisemitische Verschwörungstheorie und ein offener Rassismus die Hand geben.1

Antisemitismus und Rassismus, neben dem Sexismus das von der Aufklärungstradition unkritisch übernommene Erbe der Linken, werden im Zuge des Kollaps des globalen Kapitalismus nicht etwa simultan bekämpft, sondern verteilen sich auf eben diese beiden Strömungen, die, unter dem Bann der Alternative stehend, die eine Ideologie gegen die andere auszuspielen sich nicht zu schade sind.

Dass der Fluch dieser Alternative auch die „Marxistische Aktion Tübingen“ erfasst hat, war vielleicht aufgrund der antiimperialistischen Ausrichtung vorherzusehen, bestätigte sich nun jedenfalls mit der schriftlichen Stellungnahme „Wer ist „verlogen“?“ zu einem Vortrag Tilman Tarachs in Tübingen, sowie mit dem Redebeitrag der Antiimperialisten während der anschließenden Diskussion, wobei eine wortgetreue Wiedergabe natürlich nicht möglich ist. Diese Dokumente illustrieren zur Genüge das Hineinschlittern der „Marxistischen Aktion“ in eine Position, deren Solidarität mit antisemitischen Gruppen böses erahnen lässt.

Israel als Vorhut des Imperialismus?

Dieser Realwiderspruch des jüdischen Staates scheint für eine durch die Identitätslogik der Aufklärungsphilosophie zurechtgestutze Linke schier unerträglich zu sein: Während die antideutsche Bewegung Israel als einen Staat nicht von dieser Welt halluziniert und damit in die Gefahr gerät, die realen Widersprüche irgendwann an „die Juden“ zurückzudelegieren, scheinen die Antiimperialisten aus Auschwitz überhaupt keine kritische Konsequenz gezogen zu haben: Sie subsumieren den Staat Israel einfach unter seine kapitalistische Form, ohne Reflexion auf den Antisemitismus, auf seine Kulmination in der Singularität von Auschwitz als Ursprung der Staatsbildung und ohne den ansteigenden globalen Antisemitismus in ihre „Analyse“ auch nur in irgeindeiner Art und Weise miteinzubeziehen.

Ein Indiz für diese Ignoranz ist die bei der antiimperialistischen Linken weitverbreitete Meinung, Israel sei selbst Schuld an dem Hass, dem es von Seiten vieler PalästinenserInnen und vieler arabischer Staaten ausgesetzt ist. In einer Stellungnahme zu dem Vortrag Tilman Tarachs schlägt die „Marxistische Aktion Tübingen“ in eben diese Kerbe, wenn sie schreibt: „Dass die umliegenden arabischen Staaten die Palästinenser_innen als „Manövriermasse“ (eine von Tarachs Lieblingsvokabeln) für ihre eigenen politischen Ziele missbrauchen, dass sie sie misshandeln und dass von ihnen keine Lösung des Konflikts zu erwarten ist, hat nie ein seriöser Antiimperialist geleugnet. All dies ist anzusprechen und unmissverständlich zu verurteilen. Allerdings sollte man Ursache und Wirkung nicht verdrehen: Die Palästinenser_innen wurden von Israel vertrieben, ihr Land wird von Israel besetzt und Israel ist es, das allein in Gaza ca. 1,5 Mio. Menschen unter katastrophalen Bedingungen gefangen hält – von ständigen größeren oder kleineren Militäraktionen der IDF (Israelische Armee), die regelmäßig viele Tote unter palästinensischen Zivilisten fordern, ganz zu schweigen. Für all das ist nicht die Arabische Liga zur Verantwortung zu ziehen, sondern Israel und seine Verbündeten in Europa, Nordamerika und dem Nahen Osten.“2

Man und frau können dieses Zitat und seinen suggestiven Charakter nicht verstehen, wenn es nicht kontextualisiert wird. Tarach verwies in seinem Vortrag auf die Tatsache, dass den PalästinenserInnen in allen Ländern der arabischen Liga die Staatsbürgerschaften verweigert werden, und dass auch die UNO an dieser Verweigerung ein Interesse hat, um sie als „Faustpfand“ (so seine Formulierung) gegen den Staat Israel einzusetzen. In diesem Sinne sprach Tarach von der palästinensischen „Manövriermasse“. Dieser Ausdruck validiert also nicht etwa seine Haltung gegenüber den PalästinenserInnen, sein pejorativer Charakter soll im Gegenteil auf den realen Umgang mit den PalästinenserInnen aufmerksam machen, wie er von Seiten der Arabischen Liga und der UNO nach Tarach praktiziert wird.

In der Art und Weise wie die „seriösen Antiimperialisten“ hingegen den Ausdruck Tarachs in ihren Text einfließen lassen, wird ihm eine abwertende, geradezu rassistische Konnotation eigen, evoziert durch den in Klammern gestellten Satz „eine von Tarachs Lieblingsvokabeln“. Dieser suggestive Duktus verweist bereits auf einen Sachverhalt, der den ganzen Text (und übrigens auch den Redebeitrag von Seiten der „Marxistischen Aktion“ nach dem Vortrag) wie einen roten Faden durchzieht: Hier geht es nicht um Ideologiekritik, die sich in den Gegenstand versenkt, um ihn aus der Immanenz heraus der Unwahrheit zu überführen, sondern um das Zurechträsonieren der Wirklichkeit gemäß dem eigenen prädisponierten Bewusstsein, wobei diese Kluft zwischen Wirklichkeit und eigener Wahrnehmung durch rein „taktische“ Mittel gekittet werden kann, die alles in sich begreifen, nur keine inhaltliche Auseinandersetzung: Der Vorwurf des Rassismus ist (so wie er hier angeführt wird) unbegründet, weswegen Zitate gegen besseres Wissen aus Kontexten herausgelöst, verändert und schließlich sinnentfremdet werden. Diese theoretische Unredlichkeit verweist bereits auf den ideologischen Impetus der „Marxistischen Aktion“.

Darüber hinaus differenziert diese überhaupt nicht zwischen dem Antisemitismus vieler PalästinenserInnen und dem realen Handeln der Juden und Jüdinnen, als ob es zwischen diesen Momenten einen Kausalnexus gäbe. Dass Antisemitismus sich unabhängig von dem realen Handeln der Juden und Jüdinnen entwickelt, scheint sich noch nicht bis zu den KlassenkämpferInnen herumgesprochen zu haben – ein Armutszeugnis für eine linke Gruppe. Bevor ich die Position der „Marxistischen Aktion“ zum Nahost-Konflikt im Folgenden einer Kritik unterziehen werde, muss zunächst einmal ihr „theoretisches“ Fundament, wenn es denn als ein solches bezeichnet werden kann, offengelegt werden, um einen Bezugspunkt der Kritik entfalten zu können.

Zahme Linke

Vor diesem Hintergrund entbehrt bereits die Selbstdarstellung der „Marxistischen Aktion Tübingen“ mit dem Titel „Wer wir sind & was wir wollen“ jeglicher Radikalität der Kritik, wie zum Beispiel folgender Satz verdeutlicht: „Weil nun zwar Theorie ohne Praxis leer, ebenso aber Praxis ohne Theorie blind ist, sehen wir dieses Engagement untrennbar verbunden mit der kollektiven, undogmatischen Aneignung der Geschichte und Theorie der ArbeiterInnenbewegung, der antiimperialistischen und antikolonialistischen Befreiungskämpfe und anderer revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen.“4

Höchstwahrscheinlich wissen die Theoretikerlein der „Marxistischen Aktion“ nicht, an wen sie sich mit dieser Redewendung anlehnen, und es ist insofern wohl eine eher unfreiwillige Ironie, dass sie mit ihr den eigenen bürgerlichen Charakter desavouieren: Es war Immanuel Kant, der ach so große Aufklärer, der den berühmten Satz „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind“5 prägte. Und tatsächlich erinnert die Selbstdarstellung der „Marxistischen Aktion“ mehr an Kant als an Marx. Dies zeigt sich auf einer primären Ebene der Kritik in einer unkritischen Distanzlosigkeit zum akademischen Betrieb und zur Wissenschaft als Form überhaupt: „Der Kapitalismus und seine Apologeten treiben den Kampf um die Köpfe der Menschen an allen Fronten voran, besonders (!) in der Wissenschaft und im Bildungssystem. Marxistische und andere linke Intellektuelle werden systematisch aus den Universitäten verdrängt, kapitalismuskritische Inhalte aus Schulen und Hochschulen verbannt.“6 Das will geändert werden; schließlich würde man selbst gerne der beste aller Wissenschaftler sein. Zumindest in dem suggestiven Duktus, der bewussten Verdrehung von Sachverhalten und der unterirdischen Reflexionshöhe ihrer Texte sind die Akteure der „Marxistischen Aktion“ schon auf dem besten Weg dorthin. So verwundert es auch nicht weiter, dass mit der ersten Frage an Tarach nach dessen Vortrag postwendend die eigenen Ambitionen zur Schau gestellt wurden: „Halten Sie ihr Buch und ihren Vortrag für wissenschaftlich, für wissenschaftlich korrekt?“ Die Frage ist eine rhetorische, versteht sich. Denn die „Marxistische Aktion“ hält den Vortrag selbstverständlich für unwissenschaftlich. Und das ist in Sachen Reflexion nun wirklich ein Verstoß gegen jeglichen bürgerlichen Kodex. Wissenschaftskritik scheint im Gehege der „Marxistischen Aktion“ schlicht eine meroitische Hieroglyphe zu sein, die feministische wohl allzumal7.

Vielleicht haben sich die Quacksalber der „Marxistischen Aktion“ ja insgeheim längst damit abgefunden, dass die biographische Stunde ihrer Jugendsünde schlägt, an die man später als stinknormaler Familienvater, stolzer Hausbesitzer und akademisches Theoretikerlein unter abgeklärtem, oder besser aufgeklärtem Gruseln zurückdenken wird wie an pubertäre Schulstreiche. Der Weg von bekennenden „wissenschaftlichen Sozialisten“ scheint unumkehrbar beschritten worden zu sein. Denn eins ist klar: „Die Revolutionäre Bewegung nimmt ihren Anfang nicht im akademischen Elfenbeinturm.“8 Nein, das nicht, aber oftmals endet sie dort. Falls doch noch Bedenken bezüglich des Karriereaufstiegs in den Reihen der WissenschaftsfetischistInnen existieren sollten, können sie völlig beruhigt sein – sie sind durchaus unbegründet. Die ersten Stufen sind bereits gemeistert worden, und das sind immerhin die schwierigsten. Durch die Kooperation mit der Partei „Die Linke“ sind wichtige Kontakte bereits geknüpft und auch inhaltlich sind man und frau voll auf Kurs: Erstrebt wird eine Gesellschaft, „in der die Produktionsmittel allen gehören und ihre Anwendung demokratisch und planmäßig geregelt ist.“9 Demokratie heißt das Zauberwort; und wieder glotzt der Kant mit seinem todernsten Blick zwischen den Zeilen hervor. Als wären es der bürgerlichen Phrasen nicht genug, wird noch eine oben drauf gesetzt. Der demokratische Stoßtrupp hat es sich nämlich auf die Fahnen geschrieben „für eine Gesellschaft der Gleichheit“10 zu streiten. Na klar, einer der heiligsten aller bürgerlichen Werte darf nicht fehlen.

Mag sich dabei auch bei dem einen oder der anderen die dumpfe Ahnung melden: „Gab es da nicht mal irgendwo irgendeine Kritik an dieser Gleichheit?“, so wird diese dunkle Erinnerung geflissentlich verdrängt. Frau und man haben zwar zusammen das Kapital gelesen, aber zur Kritik des Äquivalenzprinzips hat es einfach nicht gereicht, denn „bewähren kann sich die Theorie immer nur in der Praxis.“11 Und in der Praxis ist halt um das Äquivalenzprinzip einfach nicht herumzukommen.

Die sich in der Affirmation von Demokratie und Gleichheit ankündigende Affinität zum bürgerlichen Zirkulationssubjekt ist hierbei durchaus eine gewollte: Denn das hehre Ziel der besseren Demokratie ist sich der Anschlussfähigkeit an jede noch so traurige Figur sicher, der man und frau begegnen, wenn sie sich mal wieder identitär im Auftrag der proletarischen Revolution auf der Straße bewegen. Denn gemäß ihrer programmatischen Auffassung ist es, da „die Massen das revolutionäre Bewusstsein nicht von sich aus entwickeln (…) [, die] Aufgabe der KommunistInnen, es in sie hineinzutragen.“12 – Wenigstens in ihrer Fantasie sind die Theoretikerlein durch die Erhöhung ihrerselbst als theoretischer Avantgarde der ProletarierInnen bereits im akademischen Elfenbeinturm angekommen.13

Selbstverständlich sind die Werte von Freiheit und Gleichheit alles andere als emanzipatorische Werte.14 Es handelt sich bei diesen Werten ausschließlich um die repressive, abstrakte Freiheit und Gleichheit des Warensubjektes: Als KundInnen sind bekanntlich selbst Afro-Amerikaner, Juden und Frauen willkommen. Der kleine Makel an dieser schönsten aller Welten ist die Reduktion aufs „nackte Leben“ (Giorgio Agamben) derjenigen, die nicht an diesem anti-gesellschaftlichen Prozess des Kaufens und Verkaufens teilnehmen können, wie man und frau sich in den Auffanglagern am Rande Europas vergegenwärtigen können. Der Positivierung der bürgerlichen Zirkulation und ihrer (Menschen-)Rechte sind Rassismus, Antisemitismus und Sexismus strukturell inhärent.

Dass schon Marx gegen diese bürgerlichen Tugenden von „Freiheit, Gleichheit, Bentham“ und ihre partikulare Instituierung polemisierte, haben die Bewegungslinken im Eifer der „Aneignung“ seiner Theorie wohl einfach übersehen:

„Die Sphäre der Zirkulation oder des Warentausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, ist in der Tat ein wahres Paradies der angeborenen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham. Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z. B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie schließen den Arbeitsvertrag als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechts-ausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Gleichwertiges für Gleichwertiges. Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den anderen kehrt, vollbringen alle, infolge einer prästablierten Harmonie der Dinge oder unter den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzens, des Gesamtinteresses.“15

Haben man und frau sich erstmal in der Sekurität wissenschaftlicher Gediegenheit, demokratischer Floskeln und repressiver Gleichheitspostulate warm und wohlig eingerichtet, sind sie aus ihr so schnell nicht wieder rauszubekommen. Eine Kostprobe der Verinnerlichung der Aufklärungsideologie gefällig? „Aber immerhin: Tarach gesteht ein, dass sogar Araber_innen vereinzelt dem Einfluss von Vernunft und Aufklärung zugänglich sein können.“16 Putzig, wie die anti-westliche „Marxistische Aktion“ mit Inbrunst die allzu westliche Aufklärung und ihre mörderische Vernunft beschwört. Als ob diese nicht etwa die Quelle und verantwortlich für die knallharte Durchsetzung von Antisemitismus, Rassismus und Sexismus in der kapitalistischen Modernisierungsgeschichte sei, sondern als zivilisatorischer Maßstab zur Bewertung emanzipatorischer Gesinnung zu gelten habe. In ihrer Haltung gegenüber den Juden und Jüdinnen demonstriert die „Marxistische Aktion“ eindrucksvoll, dass sie sich auf dem Weg befindet an diese Tradition nahtlos anzuknüpfen.

Ein infantiles Weltbild

Natürlich richtet sich das gegen die Grundposition von Marx, vor allem die des älteren Marx in den drei Bänden des Kapitals (, wobei auch schon der junge Marx in der „Kritik des Hegelschen Staatsrechts“ und in „Zur Judenfrage“ zur Kritik der Politik als negativer Form vorgedrungen ist). In seinen Spätwerken stellt Marx den Kapitalismus keinesfalls als eine Gesellschaftsformation dar, in der die Kapitalisten als souveräne Akteure der gesellschaftlichen Entwicklung die ArbeiterInnen ausbeuten, um den ihnen abgepressten Mehrwert dekadent zu verputzen. Keine Interpretation wäre falscher als diese; aber genau über diesen Horizont ist die Linke in weiten Teilen und ist auch die „Marxistische Aktion“ einfach nie hinausgekommen. Nichts von „Fetisch“, nichts von „Charaktermasken“, „objektiven Gedanken- und Daseinsformen“ oder gar „automatischem Subjekt“ und „Verwertung des Werts“, sondern immer wieder Ausbeutung, Ausbeutung, Ausbeutung, ganz gleich, wenn die Wirklichkeit sich durch diese Kategorie nicht im Mindesten erklären lässt. So wird der Kapitalismus als ein Vergesellschaftungsmodus wahrgenommen, „in de[m] (…) eine Minderheit die große Mehrheit ausbeutet und beherrscht und den größten Teil der knappen Ressourcen kontrolliert.“17 Konfrontieren wir dieses Zitat mit dem Marxschen Kapital, um herauszustellen, dass es sich hier wohl eher um eine „Antimarxistische Aktion“ als eine „Marxistische Aktion“ handelt. Im ersten Band des Kapitals schreibt er: „Ihre eigene gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie [die Warenbesitzer, DS] die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren (!).“18

Da man und frau Marx nicht etwa über sich hinausgetrieben, sondern seine theorieimmanenten Widersprüche neutralisiert haben, regredieren sie auf ein krud interessen-materialistisches Herrschaftsverständnis, das in der Tat weit hinter das Marxsche Begriffsraster der Fetischkritik zurückfällt.

Denn Herrschaft bedeutet für die „Marxistische Akion“ eine Aufteilung der Welt nach einem simplen Schema. Da tummeln sich dann gute ausgebeutete und böse ausbeutende Nationen. Während so auf der einen Seite der westliche Imperialismus als böse gilt, werden alle antiwestlichen, antiimperialistischen Staaten als prinzipiell gut eingestuft, was die Theoretikerlein der „Marxistischen Aktion“ nicht daran hindert, ihren achso beliebten eurozentristischen Hardcore-Ideologen Kant immer wieder rauf und runter zu zitieren, dass es einem bald schlecht wird. In dem Infoheft „Von der Utopie zur Wissenschaft. Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Sozialismus“ heißt es: „Immanuel Kant war kein Sozialist, aber er war einer der Begründer der Aufklärung, deren Kerngedanken er damit benannte, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“19 Es ist schon ein Kunststück, die Schizophrenie in der eigenen „Theorie“ zu konservieren, auf der einen Seite eine antiwestliche Rhetorik zu fahren, gleichzeitig aber sich die Blöße zu geben, den Oberideologen des Westens immer wieder affirmativ, gleichsam als „politisches Erbe“ geadelt, zu zitieren. Hier müsste doch irgendeine Vermittlung zwischen diesen konträren Auffassungen stattfinden; dass das nicht geschieht, verweist bereits auf den unbewussten, ideologischen Charakter des Weltbildes dieser KlassenkämpferInnen. Beruhigend ist hier einzig die Erkenntnis, dass mit diesem „theoretischen“ Fundament die sehr unwahrscheinliche „Zukunft des Sozialismus“ ohne die „Marxistische Aktion“ stattfinden wird.

Der projektive Standpunkt einer Pseudokritik des Westens spinnt den halluzinierten Faden weiter, indem Israel als Vorhut des Imperialismus bezeichnet wird. Auf die Frage „[w]arum der Fall Westsahara für Linke in Deutschland kein dem Nahostkonflikt vergleichbares Agitationsfeld darstellt“ ist die allererste Antwort: „Israel ist ein im Wesentlichen westliches Land, Marokko ein Land des Trikont.“20 Da man und frau insgeheim wissen, dass die eigene Position einem einzigen Hirngespinst entspringt, muss die Aussage im selben Atemzug ihrer Artikulation relativiert werden. Heraus kommt eine Einschränkung, die dem Satz jeden Sinn nimmt. Was ein „im Wesentlichen“ westliches Land sein soll, wird das Geheimnis der „Marxistischen Aktion“ bleiben. Geographisch kann Israel nicht als westlich bezeichnet werden, auch politisch nicht, partizipierte der Staat doch militärisch weder am „Weltordnungskrieg“ (Robert Kurz) des Westens gegen den Irak, noch an dem gegen Afghanistan. Hebt dieses Zitat auf eine kulturelle Identität zwischen dem Westen und dem israelischen Staat ab, reiht sich die „Marxistische Aktion“ in eine Argumentationskette einer „jüdisch-christlichen Kultur“ ein, die mittlerweile schon, nur von der anderen Seite aus besetzt, von Rechtspopulisten geführt wird.21

Stellt für diese Rechtspopulisten „der Islam“ das negative Objekt dar, das es durch eben jene „jüdisch-christliche Kultur“ zu bekämpfen gelte (wobei gleichzeitig der Antisemitismus Grundtenor der Gesinnung bleibt), dreht die „Marxistische Aktion“ den Spieß um und positiviert vor allem die PalästinenserInnen bedingungslos, unabhängig von deren politischen Einstellungen. Schließlich definiert sie sich als Teil des „Spektrum[s] der Solidarität mit den Palästinenser_innen“22.

Und hier fängt nun die ganze Sache an richtig eklig zu werden. Denn der Schuldige des Nahost-Konflikts ist bereits ausgemacht: „Die völkischen und rassistischen Konsequenzen solch einer verdrehten Logik springen ins Auge. Sie sind Folge davon, dass die Araber_innen für unfähig erklärt werden, friedlich mit den Jüdinnen und Juden zusammenzuleben. Denn, so das Denken der Tarachs, nicht die aktuelle Unterdrückungspolitik Israels und die ständige Gefahr, die es durch seine Außenpolitik für die Umgebung darstellt, sind der Grund für Hass auf beiden (!) Seiten. Nein, da muss schon eine metaphysische Natur des Arabers her, um das zu erklären. Blöd nur, wenn alle arabisch-stämmigen Diskutanten aus dem Publikum bestreiten, irgendetwas gegen Jüdinnen und Juden zu haben.“23 Da das Äquivalenzprinzip bei der „Marxistischen Aktion“ besonders hoch im Kurs steht, wird schlicht von einem „Hass auf beiden Seiten“ schwadroniert, ohne zwischen dem konsensualen eliminatorischen Antisemitismus vieler PalästinenserInnen sowie weiten Teilen der islamistischen Bewegungen einerseits und einem partikularen Rassismus gegenüber PalästinenserInnen in Israel andererseits zu distinguieren, wobei letzterer übrigens auch von weiten Teilen der Juden und Jüdinnen in Israel selbst heftig kritisiert wird.

Mit Differenzen kann die „Marxistische Aktion“ eben nicht allzuviel anfangen. Stürzen man und frau sich doch gemäß dem Weltbild „seriöser AntiimperialstInnen“ identitätslogisch auf die PalästinenserInnen als Teil jenes halluzinierten „revolutionären Subjekts“ der Unterdrückten, wie sonst manch eine/r ihrer VertreterInnen wohl nur auf seine/ ihre Note der letzten Bachelor-Klausur. Übrig bleibt am Ende das perennierende Gestammel: Die PalästinenserInnen sind die vom Leid betroffenen und deshalb die Guten, ergo ist Israel der Böse – ein Reflexionsniveau, das sich nicht mal auf der intellektuellen Höhe eines gymnasialen Mittelstufenaufsatzes befindet.

Geschichte des islamistischen Antisemitismus

Seinen Ursprung hat der islamistische Antisemitismus, dessen Entwicklung hier nur kusorisch angedeutet werden kann, in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, also bereits vor der Staatsgründung Israels. Schon zu diesem Zeitpunkt gab es antijüdische Hetzen in Palästina. Ich möchte mich hierbei auf die Rolle des Muftis von Jerusalem beschränken, einer der wichtigsten Personen für die islamistischen Bewegungen bis heute. Als Präsident des Muslimischen Oberrats prägte er den Nahostkonflikt wie kaum ein anderer.24 Interessant ist für unseren Zusammenhang die Kooperation zwischen Nazi-Deutschland und dem Mufti ab 1937. Im April 1939 intensivierten die Nationalsozialisten die Zusammenarbeit mit dem Mufti, gründeten einen „Arabischen Klub“ in Damaskus, „in dem deutsche Nazis Rekruten für die Aufstandsbewegung des Mufti trainierten…“25 Da der islamischen Welt der antisemitische Wahn Europas, die pathologische Vorstellung einer „jüdischen Weltverschwörung“ und der daraus sich speisende eliminatorische Antisemitismus fremd waren, erhöhten die Nazis ihre Bemühungen einer ideologischen Propaganda.

Aus diesen skizzenhaften Betrachtungen wird deutlich, dass schon vor der Staatsgründung Israels Antisemitismus in der arabischen Welt existierte; weder soll hier eine bruchlose Übernahme des Antisemitismus seitens großer Teile der Arabischen Welt von den Nationalsozialisten suggeriert – der Antisemitismus des Islamismus heutiger Zeit ist ein postmodernes Amalgam und nicht mit den Ideologiebildungen der ökonomischen Bedingungen und der weltgesellschaftlichen Konstellation um den Zweiten Weltkrieg herum gleichzusetzen –, noch soll die eigene Anteil des postmodernen Islamismus an dieser Ideologiebildung geleugnet werden, vielmehr soll hier auf das Wesen des Antisemitismus selbst das Augenmerk gerichtet werden: Er funktioniert auch ohne den Staat Israel und seine Politik, was seinerseits nicht daran hindert, auf der Basis einer grundsätzlichen Solidarität mit Israel, politische Fehlentwicklungen in dem Staat zu kritisieren; festzuhalten jedenfalls ist, dass der Antisemitismus sich unabhängig vom realen Handeln der Juden und Jüdinnen konfiguriert – es ist traurig diese Grundlage von Ideologiekritik als solche in linken Kontexten exponieren zu müssen.

Der postmoderne Charakter des Islamismus

Robert Kurz hat in seinem Buch „Weltordnungskrieg“ auf diese strukturelle Analogie des männlichen Gewaltsubjekts zwischen Berlin und Teheran im Rückgriff auf die Theoretikerin Roswitha Scholz hingewiesen: „Alle ideologischen Kostüme, soweit sie überhaupt noch getragen werden, sind mehr als fadenscheinig geworden, ideelle und metaphysische Bezüge nur noch Vorwand. Das gilt selbst für den bewussten Rückgriff auf scheinbar vormoderne Weltanschauungen. Der sogenannte „islamische Fundamentalismus“ etwa hat so gut wie gar nichts mit den wirklichen islamischen Kulturen der Vergangenheit zu tun; er ist vielmehr die typische Erscheinungsform einer „postmodernen Verwilderung des Patriarchats“ (Scholz 2000). Längst sind die Übergänge zwischen Mafia, Sekte, ethnischem Seperatismus, Nazi-Bande, Räuberhorde, Guerilla etc. fließend geworden. Und der Phänotyp der Gemetzel ist überall derselbe: der moralisch und kulturell verwahrloste, völlig bindungslose „junge Mann“ zwischen 15 und 35 als Exekutor der Krisenkonkurrenz…“26

Die Verleugnung des islamistischen Antisemitismus als Ausdruck des eigenen Judenhasses

Dies gilt, erweitern wir diese Pespektive, auch für den „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, dem in keinsterweise eine emanzipatorische Perspektive inhärent ist. Und auch hier kneift die „Marxistische Aktion Tübingen“ alle Augen zu, vor allem gegenüber dem aufkommenden Antisemitismus lateinamerikanischer Prägung. Genannt seien hier nur zwei Beispiele: Chàvez, Identifikationsfigur auch der tübinger Antiimperialisten, paktiert bekanntlich nicht nur ganz unverhohlen mit dem bekennenden Holocaust-Leugner Ahmadinejad (auch hier zeigt sich wieder die notorische Verharmlosung gegenüber den globalen antisemitischen Tendenzen seitens der „Marxistischen Aktion“); darüber hinaus kam es nach dem Gaza-Krieg der israelischen Regierung zu antisemitischen Reaktionen in Venezuela, laut Medien durch Chàvez-Anhänger, wie Verwüstungen von Synagogen.27

Solche Vorfälle sind den „seriösen Antiimperialisten“ höchstwahrscheinlich keinen Pfifferling mehr wert, würde doch das ganze Weltbild ihres „an sich“ revolutionären Subjekts eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ zusammenfallen.28 Was jedoch nicht sein soll, darf im Weltbild neurotischer Existenzen bekanntlich nicht sein: Nicht nur, dass die „Marxistische Aktion“ nie zur Kritik des postmodernen Gehalts des Islamismus und dem unemanzipatorischen Charakter der lateinamerikanischen Bewegungen vorgedrungen ist, sie leugnet darüber hinaus notorisch den globalen Antisemitismus, vor allem islamistischer Couleur.

Als „Beweis“, dass es den Antisemitismus auf Seiten der PalästinenserInnen bzw. der Arabischen Welt nicht gibt, wird in dem Text, der den Tarach-Vortrag kommentiert, angeführt: „Blöd nur, wenn alle arabisch-stämmigen Diskutanten aus dem Publikum bestreiten, irgendetwas gegen Jüdinnen und Juden zu haben (Tarach meint wahrscheinlich jetzt, dass die sicher nur ihre wahre antisemitische Natur verbergen).“29 Man und frau müssen sich schon fragen, was sie in ihren Kapital-Lesekreisen eigentlich reflektiert haben, wenn ein derart „grober Empirismus“ (Marx) ernsthaft als „Begründung“ für eine scheinbar neutrale Gesinnung der arabischen Welt gegenüber den Juden und Jüdinnen in Betracht gezogen wird. Seht her! Die drei Hanseln haben es doch selbst gesagt! Ironischerweise reproduziert die „Marxistische Aktion“ damit exakt jenes Argumentationsmuster, das sie Tarach in seiner Analyse als insuffizient vorwirft, dessen „Methode [ü]berhaupt (…) im Wesentlichen darin [besteht], mit Zitaten von Einzelnen, in der Regel 5-6 Personen, die kollektive Gesinnung ganzer Bevölkerungsgruppen zu beweisen zu versuchen.“30 Wäre der Hintergrund kein so verdammt ernster, wäre es geradezu belustigend, sich diese permanenten argumentativen Delegitimierungen der eigenen Position seitens der „Marxistischen Aktion“ zu Gemüte zu führen.

Entgegen dem eigenen Räsonnement von frustrierten Kleinbürgern gibt es übrigens in der Tat einen Antisemitismus, der „nur [seine] wahre antisemitische Natur verb[irgt]“31. Nicht in dem Sinne des kruden Interessenmaterialismus der „Marxistischen Aktion“, aber sehr wohl in Form eines „strukturellen Antisemitismus“, der nicht manifest in Erscheinung treten muss. Da die „Marxistische Aktion“ die Synthese von antiimperialistischen bzw. antiwestlichen Gebilden wie der Hamas und deren antisemitischem Wahn nicht in ihrer ideologischen Weltauffassung vereinigen kann, verkommt sie zum Vorposten der Antisemitismus-Leugner: „Wie bei Israel-Apologeten üblich, halluziniert Tarach eine Weltverschwörung gegen das Judentum herbei, an der fast alle beteiligt sind: Die UNO, die Muslime, die „deutsche Linke“, die Nazis, linke Juden wie Ilan Pappe und Noam Chomsky - dem „Hohepriester der Israelhasser“ - sowie Amnesty International.“32 Offensichtlich soll damit gesagt werden, dass all die aufgezählten Personen bzw. Institutionen mit Antisemitismus nichts am Hut haben würden. Fangen wir mit der UNO an (wobei es vielsagend ist, dass ausgerechnet Antiimperialisten das Bedürfnis haben die UNO zu verteidigen, wenn es um den Stellenwert des globalen Antisemitismus geht): Vor ziemlich genau zwei Jahren durfte der bekennende Holocaust-Leugner Ahmadinejad, der Israel als „one bomb land“ titulierte, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen mit Verschwörungstheorien gegen Juden und Jüdinnen reüssieren, die, so seine Worte, „in einer tückischen, komplexen und verstohlenen Art und Weise einen wichtigen Teil der finanziellen Zentren sowie der politischen Entscheidungszentren einiger europäischer Länder und der USA [beherrschen, DS].“33 Selbstverständlich war allen Beteiligten zuvor klar gewesen, dass der iranische Präsident diese internationale Bühne für seine antisemitische Hetze benutzen werde – was niemanden dazu veranlasste die Rede zu verhindern.

Dass der postmoderne Islamismus antisemitisch ist, können man und frau nun jede Woche selbst studieren und da die „Marxistische Aktion“ selbst bestes Zeugnis für die Nähe der deutschen Linken zum Antisemitismus abgibt, wenden wir uns Chomsky und Pappe zu. Chomskys antisemitische Attitüde ist relativ leicht zu belegen, bezeichnet ihn doch der Verschwörungstheoretiker Norman Finkelstein explizit als seinen Mentor34 und dem Sachverhalt, dass ein Interview Pappes über Israel in der rechtsextremen „Nationalzeitung“ abgedruckt wurde, muss wohl nichts mehr hinzugefügt werden.35

Viel beängstigender aber ist, dass die „seriösen Antiimperialisten“ aus Tübingen zwar immer ihre Solidarität mit den PalästinenserInnen bekunden, aber das barbarische Gebilde der Hamas mit keinem Satz kritisch erwähnen: „Dieser „Heilige Krieg gegen die Juden“ besteht darin, dass sich die palästinensischen Flüchtlinge unter der schützenden Hand der UN, von der sie sich schamlos „aushalten lassen“, rasend schnell vermehren – und das alles mit dem einzigen Ziel, durch massenhafte Rückkehr in ihre ehemalige Heimat den jüdischen Charakter des Staates Israel „auszulöschen“. Da ist bei Tarach sogar (!) von „Vernichten“ die Rede, man beachte die gewollte Unschärfe des Begriffs und die unschönen Assoziationen (!), die er hervorruft.“36

Hier kündigt sich nun die völlige Verharmlosung des Antisemitismus vieler PalästinenserInnen an. Hätten die Theoretikerlein sich die Charta der Hamas vergegenwärtigt, wäre ihnen vielleicht aufgefallen, dass dort ein eliminatorischer Antisemitismus in Reinkultur gepredigt wird. Die PalästinenserInnen und ihre politische Repräsentation, die Hamas, die von einer Mehrheit der Einwohner des Gaza-Streifens gewählt wurde, streben in der Tat danach Israel zu vernichten – und zwar ohne Anführungszeichen. Aber an der Hamas darf natürlich nichts zu kritisieren sein. Ist sie doch Identifikationsobjekt der „Marxistischen Aktion“ eines „an sich“ guten revolutionären Subjekts und zudem noch demokratisch gewählt worden. Wie übrigens auch Hitler demokratisch zur Macht gelangte. Aber das ist in den Augen der Antiimperialisten wahrscheinlich schon eine Gleichsetzung der PalästineserInnen mit den Nationalsozialisten (Tarach wurde diese Gleichsetzung in der Diskussion dann auch vorgeworfen).

Diese barbarische Verharmlosung gegenüber der Hamas findet ihren Kulminationspunkt, wenn schließlich supponiert wird, „[f]indet man fünf (!) antisemitische Palästinenser_innen, kann man den Eindruck eines kleinen, bedrängten Staates erwecken.“37 Es ist wirklich der Gipfel der Hemmungslosigkeit dieser Gruppe, dass sie den grassierenden Antisemitismus der Hamas und vieler PalästinenserInnen in einer derart unverfrorenen Untertreibung leugnet. Eine so hemmungslose Leugnung des Antisemitismus und unverblümte Solidarisierung mit seinen TrägerInnen rauszuhauen und am nächsten Tag auf antifaschistische Demos gehen, zeugt wahrlich von einer vollkommenen Verwahrlosung der eigenen politischen Identität. In der faktischen Solidarisierung mit den Palästinenser_innen gegen Israel, die auf eine Unterstützung der Hamas rausläuft, findet ein Dammbruch aber auch jeglicher Form von emanzipatorischer Reflexion und Kritik statt – solidarisieren man und frau sich hier schließlich nicht nur mit einem Vernichtungsantisemitismus der übelsten Sorte, sondern ebenfalls mit extremstem Sexismus und heftigster Homophobie, sowie der Verfolgung und Ausrottung marxistischen und linken Denkens.38 Eine Solidarisierung mit einer politischen Macht also, die gegen all das steht, für was kommunistisches und emanzipatorisches Denken jemals eingestanden ist. Im Gaza-Streifen müssen Frauen physische Konsequenzen, Schläge, soziale Verachtung befürchten, alleine wenn sie Shisha rauchen und sich als schwul zu outen, ist nahezu lebensgefährlich.

Es ist wirklich ein schlechter Witz, eine Genderisierung der Sprache vorzunehmen und simultan dieser Hamas und ihrer brutalen „Verwilderung des Patriarchats“ (Roswitha Scholz) etwas abgewinnen zu können. Aber als androzentrisches Theoretikerlein kommt es auf solche „Nuancen“ nun wirklich nicht an. Gerade auch an dem fadenscheinig feministischen Anspruch zeigt sich, dass die „Marxistische Aktion“ im Sumpf des Traditionsmarxismus stecken geblieben ist, was zur Folge hat, dass jegliche feministische Kritik am warenproduzierenden Patriarchat krampfhaft ignoriert wird. Die einzige Spalte auf ihrer Homepage, die sich dort mit dem Androzentrismus der Wertvergesellschaftung beschäftigt, ist als „Frau und Klasse“ kategorisiert. Dem darin enthaltenen Aufruf „Weltfrauentag – gemeinsam für den Kommunismus“ sind wenige Zeilen hinzugefügt, in denen es heißt, „Ob Internationaler Frauentag”, “Tag der Werktätigen” oder “Tag der Sozialistin” – der 8.März hat sich im vergangenen Jahrhundert als ein bedeutendes Datum für den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung weltweit etabliert und feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum.“39

In einer typisch androzentrischen Ableitungslogik wird dem Klassenkampf, der bekanntlich ja wesentlich eine sehr männliche Sache war, die Frauenfrage hintendrangehängt und damit als unwesentlich degradiert, so dass man weiter das Heft in der Hand hat. Die „Marxistische Aktion“ hat eben auch in Fragen des Feminismus alle kritischen Entwicklungen verpennt, angefangen von der Kritik Simone de Beauvoirs an der Arbeiterbewegung und ihren Protagonisten. Was sie Engels vorwirft, gilt auch für die Theoretikerlein der „Marxistischen Aktion“: „Engels berücksichtigt auch nicht die Einzigartigkeit dieser Unterdrückung [der Frauen durch die Männer, DS]. Er hat versucht, den Gegensatz zwischen den Geschlechtern auf einen Klassenkonflikt zurückzuführen, allerdings ohne große Überzeugung: die These ist nicht haltbar.“40 In der Tat ist die „Wert-Abspaltung“ (Roswitha Scholz), also die nicht nur kultursymbolische und sozialpsychologische, sondern auch realpolitische Inferiorsetzung der Frauen, auf der höchsten Abstraktionsebene der gesellschaftlichen Totalität angesiedelt und nicht ein nachgeordneter Nebenwiderspruch.

Eine perfide Rabulistik – Die Denunziation von Israelfreunden als Verschwörungstheoretiker

Was in dem Text dabei unausgeführt bleibt, wurde in dem Redebeitrag eines Vertreters der Marxistischen Aktion nach dem Tarach-Vortrag deutlich: Die Quelle für diese Denunziation ist, man und frau mögen diese Dreistigkeit kaum fassen, der dezidierte Antisemitismuskritiker und Israelfreund Moishe Postone. Triumphierend wie ein kleines Kind, das sich einbildet seinen Lehrer bei einem Fehler ertappt zu haben, meldete sich das Theoretikerlein der „Marxistischen Aktion“ mit folgenden Sätzen nach Tarachs Vortrag zu Wort, die nicht wortgetreu wiedergeben werden: „Vielleicht kennen sie ja Moishe Postone? Er hat einen Artikel geschrieben über „Nationalsozialismus und Antisemitismus“. Und in dem beschreibt er einen zentralen Aspekt des Antisemitismus, nämlich die Vorstellung von der jüdischen Weltverschwörung. Was Sie hier in Ihrem Buch und ihrem Vortrag tun, ist, dass sie eine Verschwörungstheorie konzipieren, von Arabern, Palästinensern, Linken in Deutschland, Christen, der UNO, die eine demographische Vernichtung Israeals fordern würden…“ Um den Unsinn dieser Aussage verstehen zu können, muss im Folgenden erst einmal die Argumentation Postones rekapituliert werden, um sie auf die Ausführungen Tarachs beziehen zu können. Postone leitet seine Theorie des Antisemitismus in besagtem Text ein, indem er sich auf die Marxsche Analyse des Fetischbegriffs der Ware bezieht. Sein Ansatz knüpft an eine Debatte der „Kritischen Theorie“ und insbesondere an die Arbeiten Alfred Sohn-Rethels an, der bereits im Jahr 1936 versuchte, eine Interdependenz von „Warenform und Denkform“41 nachzuweisen. Allerdings, und das zeichnet Postone aus, überwindet er die zirkulationsaffinen Momente Sohn-Rethels und rückt ins Zentrum der Kritik den Marxschen Begriff der „Arbeit“. So heißt es in erwähntem Aufsatz: „Die dialektische Einheit von Wert und Gebrauchswert in der Ware erfordert, daß dieser „Doppelcharakter“ sich in der Wertform entäußert, in der er „doppelt“ erscheint: als Geld (die Erscheinungsform des Werts) und als Ware (die Erscheinungsform des Gebrauchswerts). Diese Entäusserung erweckt den Schein, als enthalte die Ware, die eigentlich sowohl Wert wie Gebrauchswert ausdrückt, nur letzteren, das heißt, sie erscheint als rein stofflich und „dinglich“. Weil die gesellschaftliche Dimension der Ware dabei entfällt, stellt sich das Geld als einziger Ort des Wertes dar, als Manifestation des ganz und gar Abstrakten anstatt als entäußerte Erscheinungsform der Wertseite der Ware selbst. Die dem Kapitalismus eigene Form vergegenständlichter gesellschaftlicher Beziehungen erscheint so auf der Ebene der Warenanalyse als Gegensatz zwischen Geld als Abstraktem einerseits und stofflicher Natur andererseits. Die kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen scheinen ihren Ausdruck nur in der abstrakten Dimension zu finden – etwa als Geld und als äußerliche, abstrakte, allgemeine „Gesetze“.

Ein Aspekt des Fetischs ist also, daß kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen nicht als solche in Erscheinung treten, und sich zudem antinomisch, als Gegensatz von Abstraktem und Konkretem, darstellen. Und weil beide Seiten der Antinomie vergegenständlicht sind, erscheint jede als quasi-natürlich: Die abstrakte Seite tritt in der Gestalt von „objektiven“ Naturgesetzen auf, und die konkrete Seite erscheint als reine stoffliche Natur.“42

Der Transpositionsmechanismus der Verdinglichung der „abstrakten Arbeit“ in die sachlichen Ausdrücke Wert und Geld produziert, so Postone, auf der Erscheinungsebene der Ware eine Dichotomizität von quasi-natürlicher, stofflicher Ware und der abstrakten Entität des Geldes. Diese empirische Dichotomizität zwischen Ware und Geld ist jedoch – und nichts anderes entfaltet Marx in den ersten Kapiteln des ersten Bandes des Kapitals – ein realer Schein (daher „Fetisch“), den es in der kritisch-theoretischen Analyse zu decamouflieren gilt, indem die dialektische Einheit von Wert und Ware offengelgt wird. Ware und Geld, Arbeit und Kapital, diese Kategorien dürfen eben nicht analog zur realfetischistischen Phänomenologie des Kapitalismus als verdinglichte Entitäten aufgefasst werden; ihre innere Identität ist jene „abstrakte Arbeit“, eine bei Marx rein negative Klassifizierung der substantiellen Grundlage dieser dialektischen Einheit.43

Der Weg dieser analytischen Verdinglichung, so Postone, führt notwendigerweise zur positiven Inanspruchnahme einer Partikularität und damit zum Gegenteil einer radikalen Kapitalismuskritik. Diese Identifizierung mit einer Partikularität kann hierbei von zwei verschiedenen Seiten beschritten werden: Entweder wird der gewaltsame, realabstrakte Prozess der „Verwertung des Werts“ (Marx), der jede menschliche Tätigkeit in eine „gespenstische Tätigkeit, eine bloße Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit“44 verwandelt in eine kulturelle bzw. reflexive Leistung umgebogen, wobei der reale Abstraktionsprozess der Arbeit als rein gedankliche Abstraktion erscheint, welche die Menschen dazu befähige, sich aus der Unmittelbarkeit der gegebenen Verhältnisse zu lösen. Das ist, holzschnittartig dargestellt, die Schiene der Aufklärungsideologen, wie man und frau bei Kant, dem Lieblingsphilosophen der „Marxistischen Aktion“, nachlesen können.45 Oder es wird gerade spiegelverkehrt vorgegangen und das „Konkrete“ affirmiert, um es von dem scheinbaren Fluch des Abstrakten zu erlösen. Es ist unschwer die „Blut- und Boden“-Ideologie der Nazis und ihre Parole des „schaffenden, arischen“ gegenüber dem „raffenden, jüdischen Kapital“ aus der Affirmation des scheinbar konkreten Moments der Ware zu deduzieren.46 Es ist nach Postone vor allem diese Affirmation des scheinbar Konkreten im Kapitalismus (Arbeit, Fabriken, Maschinen bis hin zur Blutsgemeinschaft), und das ist der Kern seiner Analyse, die in ihrer Struktur antisemitisch ist, da sie immer schon danach trachtet, das undialektisch als äußerlich aufgefasste Abstrakte, wie Geld, (Welt)Markt und Zirkulation überhaupt zu eliminieren, um das konkretistisch insinuierte „Eigentliche“ des Kapitalismus von diesem verdinglicht aufgefassten Abstrakten zu befreien. Und diese Elimierung des Abstrakten zielt, sei sie ausdrücklich formuliert oder nicht, fast immer auf die Juden: „Der moderne Antisemitismus besteht in der Biologisierung des Kapitalismus – der selbst nur unter der Form des erscheinenden Abstrakten verstanden wird – als internationales Judentum.“47

Die Präsenz des Antisemitismus von der Durchsetzungsgeschichte des Kapitalismus auf Seiten der Aufklärungsikonen über den Prozess der Nationsbildung (auf die Spitze getrieben in dem singularen Horror von Auschwitz) bis hin zur heutigen Reaktion der deutschen wie globalen Linken auf die pure Existenz des Staates Israel ist also das Ergebnis einer universalen Dimension des Antisemitismus. Der Nahost-Konflikt hat eine weltgesellschaftliche Ebene, wie man und frau sich an der globalen Disposition des Antisemitismus vergegenwärtigen können. Es gibt nur einen Antisemitismus, hingegen viele Rassismen (übrigens auch in den „antiimperialistischen“ Staaten). Der Antisemitismus unterscheidet sich also von den Rassismen durch seinen universalen, nicht-partikularen Charakter. Das bedeutet nicht, dass nicht beides bedingungslos bekämpft werden soll, im Gegenteil: Nur, wenn die Ideologien in ihren strukturellen Eigenheiten unterschieden werden, können sie in ihrer negativen Gleichzeitigkeit kritisiert werden.

Die Universalität des Antisemitismus verweist also gerade auf die Begriffslosigkeit weiter Teile der Gesellschaft. Die Heftigkeit der Manager-Schelte, die in der Metapher der „Heuschrecke“ ein oft bemühtes symbolisches Artefakt produziert hat, an das sich ein strukturell antisemitisches Bewusstsein im noch erlaubten Rahmen des politischen „common sense“ heften konnte, war Grundkonsens weiter Teile der bundesrepublikanischen Gesellschaft, aber auch, mit ähnlichen Akzentuierungen, der globalen Weltgesellschaft. Vor diesem Hintergrund zeigt sich die perfide Rabulistik der „Marxistischen Aktion Tübingen“, wie sie von einem bekennenden Antisemiten nicht besser hätte artikuliert werden können: Anstatt die negative Universalität des Antisemitismus als Ausdruck der Unkritik, auch der Linken, gegenüber den eigenen gesellschaftlichen Formen zu begreifen und radikal zu kritisieren (wie es ja Postone tat), wirft sie Tarach vor, seine Kritik eben dieses Antisemitismus bzw. Israelhasses würde selbst einer antisemitischen Argumentationsstruktur entspringen. Fehlt nur noch, dass die „Marxistische Aktion“ auch den Antisemitismuskritiker und Israelfreund Moishe Postone als strukturellen Antisemiten denunziert; kritisiert doch auch er den Hass auf Juden und Jüdinnen seitens der UNO und vor allem der deutschen Linken. So ganz jedoch können sich die Protagonisten der „Marxistischen Aktion“ der Realitätswahrnehmung dann doch nicht entschlagen. Da sie wissen, dass ihre Argumentation eine fiese Verdrehung ist, müssen sie Stärke und Souveränität demonstrieren, wo in Wirklichkeit nichts als der eigene affektive Standpunkt existiert: „Aus dem Publikum kam zu Recht der kritische Hinweis, dass auch der Antisemitismus mit solchen Verschwörungstheorien arbeitet, worauf der Referent nichts zu erwidern wusste.“48 Was hier großspurig als „Publikum“ bezeichnet wird, war in Wahrheit ein Theoretikerlein der eigenen Organisation. Das zeigt wiederum nur, dass es den Antiimperialisten nicht um theoretische Analyse (oder gar Kritik), sondern um rein suggestive Effekthascherei geht, deren Drang nach Zustimmung und Anbiederung an jegliche Form von „Kapitalismuskritik“ lediglich die eigene Ich-Schwäche von Pseudo-Linken exekutiert. Dass diese Zustimmung bei solch einer Leugnung des globalen Antisemitismus dann auch von Israel- und Judenhassern kommen kann, scheint hier mittlerweile völlig gleichgültig zu sein. Wahrscheinlich fühlte man sich auch noch besonders clever, als man Tarach mit Postone konfrontierte. Auf den Text „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ sind die Quacksalber der „Marxistischen Aktion“ dabei wohl nur durch eine israelsolidarische Veranstaltung einer Gruppe namens „Emanzipation und Frieden“ wenige Wochen vor dem Tarach-Vortrag aufmerksam geworden, die auch letzteren mit organisiert hat (der Text lag bei dieser Veranstaltung als Broschüre aus). Sollte dies der Fall sein, zeigt das, wie hier kurzfristig theoretische Inhalte eklektizistisch zur Legitimation der eigenen Praxis ausgeschlachtet werden, um sie dann anschließend unbegriffen wieder auszukotzen – die Postmoderne ist eben auch an der „Marxistischen Aktion“ nicht spurlos vorübergegangen. Dieses bewegungslinke Verfahren ist das genaue Gegenteil einer Marxschen Kritik, die in den drei Bänden des Kapitals und den „Theorien über den Mehrwert“ durch die Kritik der klassischen Ökonomie hindurchgeht, anstatt deren Theoreme so hinzubiegen, dass sie für irgendwelche Pseudo-Aktivitäten passen. Dieses Theorie-Praxis-Verständnis, das sich die „Marxistische Aktion“ auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist bereits in den sechziger Jahren des letzten Jarhunderts kritisiert worden: „Die Forderung der Einheit von Praxis und Theorie hat unaufhaltsam diese zur Dienerin erniedrigt; das an ihr beseitigt, was sie in jener Einheit hätte leisten sollen. Der praktische Sichtvermerk, den man aller Theorie abverlangt, wurde zum Zensurstempel. Indem aber, in der gerühmten Theorie-Praxis, jene unterlag, wurde diese begriffslos, ein Stück der Politik, aus der sie hinausführen sollte; ausgeliefert der Macht. Die Liquidation der Theorie durch Dogmatisierung und Denkverbot trug zur schlechten Praxis bei; dass Theorie ihre Selbstständigkeit zurückgewinnt, ist das Interesse von Praxis selber.“49 Statt immanenter Kritik betrieb das Cleverchen mit dem Vorwurf an Tarach, er wäre strukturell antisemitisch, nichts anderes als eine typisch rabulistische Verdrehung von Sachverhalten, wie man und frau sie sonst nur aus der rechten Szene kennen. Es ist augenscheinlich, dass hier zwei Ebenen durcheinandergeworfen werden, die auf völlig verschiedenen Abstraktionsniveaus angesiedelt sind, was vielleicht gar nicht so verwunderlich ist bei Leuten, deren „Kapitalismuskritik“ darin besteht, sich identitär auf der Straße zu bewegen, um sich bei Demonstrationen als Radikalinskis aufzuspielen.50

Die Ideologiegenese des Antisemitismus, sein Verschwörungscharakter, der letztlich auf einer gänzlich verkürzten Interpretation der Warenform basiert, wird hier einfach gleichgesetzt mit der Kritik an der globalen Existenz dieser Ideologie selbst. Das Ziel ist eindeutig: Die Ideologiekritik des Antisemitismus wird als erster Schritt zu seiner Entstehung denunziert: Alles nur VerschwörungstheoretikerInnen, diese AntisemitismuskritikerInnen! Deutlicher hätte man es nicht formulieren können. Dass die „Marxistische Aktion“ mit dieser Position gerade den emanzipatorischen Kräften innerhalb Palästinas und der Arabischen Welt den Rücken kehrt, ist die traurige Seite dieses Räsonnements.

Anmerkungen