Mutanten der Krise

Ulrich Beck, Franz Kafka und die Globalisierung

Den Deutschen geht es in der mit der Globalisierung hereingebrochenen Krise wie Gregor Samsa in Kafkas „Verwandlung“. Nicht das Elend der Verwandlung als solches ist das Problem, sondern die Weigerung, die veränderte Situation zu akzeptieren. So zumindest verhält es sich nach der Kafka-Interpretation Ulrich Becks, die er kürzlich in der Reihe „Standpunkte“ der Frankfurter Rundschau publiziert hat.*

Wie Samsa mit seinen Käferbeinchen, so müssen wir uns damit abfinden, dass es fortan weniger Wachstum gibt und weniger Arbeitsplätze, dafür aber mehr Risiko und vor allem mehr Freiheit. Ja, so steht es da und so meint Beck es auch: Globalisierung bedeutet Freiheit, Käferfreiheit sozusagen. Die Leute müssen es nur kapieren, dass sie frei sind, wenn sie auf dem Rücken liegen und verzweifelt mit den Beinen zappeln. Immerhin hat sich deren Anzahl vervielfacht. Wenn man Beck folgt, sind es ihrer 25, denn Europa ist die Lösung aller Probleme, nicht der scharf kritisierte rückwärtsgewandte Nationalismus und auch nicht das Märchen von Wachstum und Vollbeschäftigung, das uns die plural organisierte Einheitspartei aus SPD, CDU/CSU, FDP, Grünen und „Linkspartei“ immer wieder neu erzählt.

Oh ja, Not und Gefahr sind groß, aber wir sollten wissen, da wächst das Rettende auch. Wir müssen es nur sehen. Alles ist eine Frage der Wahrnehmung. Die Mutanten der Krise müssen ihre Verwandlung in umfassend konkurrenzdynamisch mobilisierte Selbstverwertungsmonaden nur dankbar annehmen, damit sich alles zum Guten wendet: Es entsteht eine immer größere Diskrepanz zwischen unserer Lage und unseren Begriffen von Wirklichkeit und Normalität. Und der Käfer strampelt so lange mit seinen dünnen Beinchen hilflos in der Luft herum, wie er sich weigert, die neue Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen.

Kaum bestreitbar, dass das Bild der kapitalistischen Moderne in ihrem Zerfall kafkaeske Züge aufweist. Beck aber, und dies konterkariert die Wahrnehmung der Situation als eine kafkaeske bis zur Lächerlichkeit, positiviert den Niedergangsprozess der Moderne, ja verniedlicht ihn zur strukturellen Ironie der zweiten Moderne. Und was bedeutet „zweite Moderne“? Nichts anderes als Radikalisierung der Prinzipien der ersten Moderne – Autonomie des Individuums, Markt, Rationalisierung etc. Dass die „zweite Moderne“ der ersten „den Boden entzieht“, ist für Beck kein Kennzeichen der selbstdestruktiven Logik der Moderne insgesamt, sondern schiere Freiheit, mit der wir nur umzugehen lernen müssen, auch wenn es dabei allen zunehmend schlechter geht. Konkret gesagt heißt das für viele, dass es gemessen an den bisherigen Prosperitätsstandards für sie bergab geht. Nicht das sich selber und seine gesellschaftlichen TrägerInnen verschlingende System der abstrakten Arbeit gilt es zu kritisieren, sondern die mangelnde Bereitschaft aller Betroffenen, sich nach neuen Aktivitäts- und Identitätsformen jenseits der Erwerbsarbeit umzusehen. Die Sünde der Welt, das ist die nicht vorhandene Bereitschaft zum „kosmopolitischen Realismus“, welcher eben darin besteht, die Globalisierung wie eine Art Naturgesetz einfach zu akzeptieren. Und da gibt es nur eine einzige Möglichkeit des Verhaltens, die nach der aus der Kafka-Perspektive formulierten Einsicht Becks hierzulande nicht zur Kenntnis genommen wird: Es fehlt in Deutschland vor allem an einem: an Öffnung für die globalisierte Welt.

Mit einem Käfer, dem VW-Käfer, der übrigens bereits ein Symbol der nazistischen „Volksgemeinschaft“ war, hatte sie einst angefangen, die Illusion vom sozialstaatlich befriedeten Kapitalismus und vom Wohlstand für alle. Mit einem Käfer, dem Kafka-Käfer, scheint sie nun zu enden, wenn man den Thesen Ulrich Becks denn Glauben schenken sollte. Keinen Boden unter den Füßen, aber den Blick zum Himmel gewandt. Machtlos, aber realistisch. Hier ist nicht nur eine Welt, nein, hier ist ein ganzer Kosmos zu gewinnen. „Kosmopolitischer Realismus“ – Käfer Gottes, der du hinweg nimmst die Sünde der Welt…

Ulrich Beck bringt das sacrificium intellectus dar und steht damit für den Großteil der heutigen Intellektuellen, die sich überhaupt noch zur Krise des globalisierten Kapitalismus äußern, heißen sie nun Peter Sloterdijk, Jürgen Habermas oder wie auch immer. Das pseudokritische, demokratie- und europaselige „Deutschland, erwache!“, das Beck hier den Leserinnen und Lesern aus vier Zeitungsspalten entgegen schleudert und mit Kafkas Käfer garniert, ist einfach nur abstoßend und in seinem biedermännischen Realismus wirklich nichts weniger als Ekel erregend. Das Vertrauen in die Gestaltungsmacht der Politik ist verloren gegangen. Vielleicht könnte das ja etwas damit zu tun haben, dass es diese Gestaltungsmacht gar nicht mehr gibt…

Die Absage an intellektuelle Krisenreaktionskräfte á la Ulrich Beck jedenfalls, die nichts weiter repräsentieren als den „Geist geistloser Zustände“ (Marx), ist längst überfällig.


* Alle folgenden Zitate aus: Ulrich Beck, Blind für die Wirklichkeit, in: Frankfurter Rundschau Nr. 205 vom 3. September 2005, S. 9