Promis und Frommis – Zur fetischistischen Formatierung des Individuums in der Erlebnisgesellschaft
Dieser Aufsatz ist ein Auszug aus dem neu erschienenen Buch
„Masken und Metamorphosen des Heiligen„
von Jörg Ulrich, erschienen im Verlag Ulmer Manuskripte
Eines der herausragenden Phänomene bzw. Symptome der grassierenden geistigen Verwirrung im Zeitalter des sich vollendenden Kapitalismus besteht in der großen Aufmerksamkeit, welche den so genannten Promis zuteil wird, Mitmenschen also, die allgemein bekannt sind und deren Leben deshalb bis ins Detail zum Gegenstand medialer Verwurstung wird. Was einst Kultur hieß, verkommt zunehmend zu einem immer weiter nach unten entgleisenden Starkult, in dem die jeweiligen Personen das repräsentieren, was alle anstreben: Glück, Erfolg, Reichtum, perfekte Körperlichkeit usw.
Horkheimers und Adornos Kritik an der „Aufklärung als Massenbetrug“1 inszenierenden Kulturindustrie ist heute vom hohlen Klamauk in der Realität der Erlebnis- und Eventgesellschaft längst überholt worden, denn von Betrug kann keine Rede mehr sein, wo die einst bestehende Grenze zwischen der Welt der „Normalen“ und dem Reich der Reichen und der Schönen sich aufgelöst hat in den grundsätzlich alle Gesellschaftsmitglieder einbeziehenden Tanz um Selbstvermarktung, Selbstinszenierung und Sensationsproduktion. Betrüger und Betrogene sind zur Einheit eines ihnen gemeinsamen, sie egalisierenden Wahns verschmolzen. Sie tun es – und sie wissen auch, was sie tun: inszenieren, vermarkten, verkaufen der eigenen Person, was das Zeug hält.2
Die nahezu restlos auf sich selbst zurückgeworfenen „Kinder der Freiheit“ (Ulrich Beck) in der individualisierten „Kultur des neuen Kapitalismus“ (Richard Sennett), die mobilisierten und flexibilisierten, bis ins Innerste kapitaladäquat zugerichteten nomadischen Monaden sehen in den Prominenten nicht mehr nur Objekte der Bewunderung oder Idole, denen nachzueifern man sich bemüht, sondern mehr oder weniger gleichrangige Konkurrenten im Kampf um Erfolg und vor allem Geld. Die Erfolgreichen und die Erfolglosen repräsentieren nur zwei Seiten desselben gesellschaftlichen Wahnsystems. Der Promi ist die entpuppte, die gleichsam gehäutete Form des Frommis, desjenigen mithin, der offen oder insgeheim daran glaubt, dass alle, vor allem aber er oder sie selbst, „es“ schaffen können. Das um ein subjektloses Ich zentrierte Bewusstsein der gerade durch und in ihrer Vereinzelung umfassend warenförmig vergesellschafteten Individuen ist auf Erfolg ohne nähere Bestimmung programmiert, Erfolg schlechthin – auch wenn dieser in keiner Beziehung steht zu einer nachvollziehbaren Leistung. Wer Erfolg hat, ist clever, nicht unbedingt leistungsstark auf irgendeinem Gebiet. Und clever ist, wer es auf dem kürzesten Wege schafft, möglichst viel Geld einzusacken. Das lässt den klassischen Promi oder Star ein wenig verblassen, der als Schauspieler, Sänger, Fußballer oder Moderator bekannt geworden ist, gegenüber den gemachten Promis, den direkt von den Medien systematisch produzierten Retortenstars.
Das so genannte Casting steht hier für die jedermann und jederfrau gegebene Chance, berühmt zu werden und mitmischen zu können beim großen Spiel der eitlen Selbstdarstellung. Von der noch recht harmlosen Verheißung des schnellen Reichtums beim Lotto („Morgen du!“) über den Big-Brother-Container und andere bis zur kompletten Entwürdigung einzelner Teilnehmer getriebenen Erlebnisshows ähnlichen Strickmusters bis zu „Deutschland sucht den Superstar“ werden sämtliche sozialen und moralischen Barrieren sowie alle eventuell noch vorhandenen Bestände an Selbstachtung zu Gunsten der Konkurrenz und des Erfolgs niedergerissen und eingeschmolzen.
Der Frommi als potenzieller Promi ist ein Gläubiger in eigener Sache. In der Identität und zugleich der Differenz zwischen Promi und Frommi implodiert gewissermaßen das fetischistisch vollendete Gesellschaftliche. Im Verschwinden aller Qualitäten, die sich nicht in Geld messen lassen, manifestiert sich der Glauben ans abstrakte Allgemeine, dem die Individuen bereits hoffnungslos anheimgefallen sind. Einem handelsüblichen Computer ähnlich sind diese bereits vorformatiert und spielen nur noch auf der Benutzeroberfläche mit den Konnotationen von Glück, Erfolg und Reichtum.
Über die Vermittlung durch die Medien rückt der Frommi dem Promi auf den Pelz, ist ihm ganz nahe und erkennt im massenhaft verbreiteten Klatsch und Tratsch das Menschlich-Allzumenschliche an denen, die „es“ geschafft haben. Die öffentlich ausgebreiteten Schwächen der „Stars“ kann man sich so selber zugestehen, ohne im Gefühl der eigenen Ohnmacht und Nichtigkeit zu versinken. Eigenes Unvermögen und Scheitern, gespiegelt im Gegenbild des Prominenten, werden auf diese Weise in Stärken verkehrt und der Summe der eigenen (nicht realisierten) Möglichkeiten addiert. Darin liegt die immanente Transzendenz der postmodernen Individuen: Permanente Selbstüberschreitung als Blick auf die prinzipiell unbegrenzte Zahl der halluzinierten eigenen Möglichkeiten fixiert die oberflächlich scheinbar umfassend dynamisierten und mobilisierten Individuen an ihr immer schon gegebenes und gleichzeitig im wechselnden Widerschein der Prominenz oszillierendes Noch-Nicht.
In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass die Promis im Medienzirkus nicht jeweils für sich selbst als Person stehen, sondern für eine Reihe von Abstrakta, die sie nur verkörpern. Eben dadurch verlagert sich ihr Verhältnis zum bewundernden und/oder nacheifernden „Fan“ in die Sphäre des Sakralen. Zunächst scheint sich hier ein Widerspruch zu ergeben zu der klassischen Definition des Heiligen von Rudolf Otto. Für Otto nämlich ist das Heilige das Un-Menschliche, im Sinne von „nicht zum Menschen gehörig“ und seine Welt übersteigend, so dass es seinem „Wesen inkommensurabel ist und vor dem (er) deshalb in erstarrendem Staunen zurückprallt“.3 Dass die Prominenten zugleich Objekte einer intensiven Attraktion sind wie Objekte der von Otto beschriebenen Repulsion, macht sie in der Einheit eben dieses Widerspruchs zu Hierophanien, zu Erscheinungen des Heiligen in der Welt.4 Im Heiligen kristallisiert sich die unbestimmte Ungeheuerlichkeit, dass die Welt durch ein Höheres transzendiert und bestimmt wird. Dieses „Höhere“ wird in der Berührung mit dem Heiligen erfahrbar und erfüllt daher die Funktion einer Vereinigung mit der Transzendenz. Da aber die reine Transzendenz keinen Menschen affizieren kann, muss es Gegenstände bzw. Personen geben, an denen sie festgemacht werden kann. Diese Gegenstände oder Personen werden so zu Hierophanien, also zu Verkörperungen alles dessen, was Menschen nicht sind, was sie nicht haben oder nicht erreichen können. Mit anderen Worten: Gegenstände oder Personen, die das Heilige verkörpern, sind Fetische. Sie repräsentieren etwas anderes als das, was sie an sich selbst sind.
Spätestens seit Marx müsste in diesem Zusammenhang sofort auffallen, welche Gemeinsamkeiten zwischen der magisch-religiösen Weltbewältigung vormoderner Zeiten und jener „Religion des Alltagslebens“ (Marx) bestehen, welche die Wirklichkeit warenproduzierender Gesellschaften kennzeichnet. Das paradoxe religiöse Welterleben setzt sich undurchschaubarer denn je fort in einer Welt, in der die Individuen „von Abstraktionen beherrscht werden, während sie früher voneinander abhingen“5 und ihre Freiheits- und Erlösungshoffnungen in den Himmel projizierten. Die Transzendenz wird hier zu einer rein weltimmanenten Angelegenheit, zur Selbstüberschreitung bzw. „Selbstverwirklichung“ als Realisierung von Möglichkeiten, welche dem Frommi medial gefiltert aus der Glitzerwelt der Promis entgegenstrahlen. Die auf abstrakter Wertschöpfung basierende Ökonomie enthält den Individuen das ihr inhärente Freiheits- und Erlösungsversprechen, die „Verheißung des absoluten Reichtums“6, in demselben Maße vor, in dem sie es in der Form jener „ungeheuren Warensammlung“ (Marx), in welcher die kapitalistischen Gesellschaften nach der Feststellung von Marx sich darstellen, durchgehend zu erfüllen scheint.
Im Verhältnis zwischen Frommi und Promi gewinnt der Warenfetisch menschliche Konturen. Die zu vereinzelten Verwertungspartikeln heruntergekommenen Individuen nehmen, wie dies bereits Walter Benjamin konstatierte, „immer rückhaltloser den Ausdruck der Ware an. Die Ware sucht sich selbst ins Gesicht zu sehen.“7 Der Promi wird zum Inbegriff erfolgreicher Selbstverwertung und damit zum alter ego des Frommis, der daran zu glauben nicht aufhören kann. Walter Benjamins These, die Ware feiere solchermaßen ihre Menschwerdung in der Hure8, in deren Gestalt die Käuflichkeit selbst als Subjekt auftritt, gilt daher aktuell für alle Individuen unter dem allgemeinen Zwang zur Selbstverwertung, also zur Prostitution.9
Was heute als „Erlebnisgesellschaft“ bezeichnet und in den Medien als Gipfelpunkt einer allgemeinen hedonistischen „Selbstverwirklichung“ gefeiert wird, während gleichzeitig die Prekarisierung der gesellschaftlichen Arbeitssubjekte unaufhaltsam voran schreitet, ist nichts weiter als die durchgängige fetischistische Formatierung der Individuen, die mit allen möglichen Inhalten aufgefüllt werden kann, sofern diese ihrerseits in dem auf Ewigkeit angelegten Kreislauf der Verwertung ihre Funktion erfüllen.
Viele Erscheinungsformen unseres postmodernen Lebens geben bei genauerer Betrachtung den Blick frei auf die metaphysischen Abgründe einer Gesellschaft, die in ihrem Wahn der sinnlosen Vermehrung abstrakten Reichtums die Individuen bereits bis in ihr Innerstes ergriffen und deformiert hat. Die Promi-Frommi-Konstellation ist eine dieser Erscheinungsformen, die besonders hervor tritt, weil sich in ihr die ganze dumpfe Idiotie des zur gesellschaftlichen Religion gewordenen Verwertungszwanges besonders eindrucksvoll zeigt. Im Fernsehen lassen sich abgehalfterte Schlagersänger von Ungeziefer bekrabbeln, und mehrfach geliftete Damen, die im Showgeschäft nicht mehr in ausreichendem Maße gefragt sind, wälzen sich in Dreck und Unrat, um noch einmal auf sich aufmerksam zu machen. Das Publikum fiebert mit verhaltensgestörten Jünglingen und grotesk aufgeputzten jungen Frauen, die im Gesangswettbewerb „Deutschland sucht den Superstar“ nach Berühmtheit streben. Das alles ist „hammermäßig“, um es mit Oberselbstverwertungskasper Dieter Bohlen zu sagen. Auf den Papiertüten des Bäckers, bei dem ich mein Brot kaufe, steht zu lesen „Ihr Erlebnisbäcker“. Wer sollte darüber nicht manchmal von der Furcht davor heimgesucht werden, den Verstand zu verlieren?
Anmerkungen:
1 Vgl. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main 1971, S. 108 ff
2 Der Betrugs- bzw. Manipulationstheorie sitzt meines Erachtens Franz Schandl (Fan und Führer. Anregungen zu einer Typologie des affirmativen Unwesens, in: Krisis. Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft, Heft 28, Münster 2004, S. 15 bis 63) vollständig auf, wenn er psychologisierend mit einer großen Portion Freud zuzüglich je einer Prise Le Bon, Adorno, Elias Canetti und Günther Anders eine mit wertkritischem Vokabular „getunte“ Massenpsychologie entwirft, die über eine ziemlich platt wirkende Entgegensetzung von „Fan und Führer“ nicht hinaus kommt. Da verwundert es kaum noch, dass der Autor bei bürgerlichen Erziehungsweisheiten landet und seine Tochter vom Fernsehapparat zum Cello jagt, von der Passivität in die Aktivität, um sie vor dem manipulativen Zugriff des Mediums zu schützen, damit sie ihre „kreative Potenz“ (S. 40) entfalte und sich der „tatsächlichen Schwierigkeit“ (Ebd.) stelle, statt sich der Leichtigkeit des Fernsehkonsums hinzugeben. Erziehung als Fitnesstraining für den gesellschaftlichen „struggle for life“! Man wird ähnliche Formulierungen über die Bewältigung von Schwierigkeiten und die Entfaltung kreativer Potenzen griffiger in den Unterlagen für Management-Seminare lesen können, ohne durch die kritische Bemäntelung solchen „affirmativen Unwesens“ irritiert zu werden. Überhaupt gibt sich der Text „Fan und Führer“ sehr pädagogisch, gewissermaßen deutschlehrerhaft aufklärerisch – etwa nach dem Motto: „So, liebe Kinder, heut’ simmer mal wieder medienkritisch und gehen auf das teuflische ’Kastl’ los“. Konsequent endet der Text denn auch mit einem Aufruf zu krudester Praxishuberei. „Subversive ’Nein-Programme’ sind zu entdecken und zu entwerfen. Das System ist nicht nur anzugreifen, es ist auch zu unterlaufen.“ (S. 62) Was soll dabei heraus kommen? Etwa eine Neuauflage des langen Marsches durch die Institutionen, auf dem, wie wir wissen, die Marschierer massenweise fußkrank werden? Oder gar der gute alte Klassenkampf? Heute nämlich, anders als unter der nationalsozialistischen Barbarei, haben die Opfer dank demokratischer Errungenschaften die Möglichkeit dagegen zu halten und zu Kämpfern zu werden, die den Spieß umdrehen und die Täter zu Opfern machen können. „Im Kampf […] muss jeder potenzielle Täter damit rechnen auch zum Opfer zu werden.“ (Ebd.)
Soweit einer der hier nun nicht weiter zu kommentierenden jüngsten „Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft“.
3 Rudolf Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen, Breslau 1918, S. 30
4 Vgl. Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG). Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, in Gemeinschaft mit Hans Frhr.v. Camphausen, Erich Dinkler, Gerhard Gloege und Knut Løgstrup herausgegeben von Kurt Galling, Tübingen 31986, Band 3, S. 147: „Jede Erscheinungsform der natürlichen Welt kann Chiffre des Heiligen sein.“
5 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 81 f
6 Vgl. Christoph Deutschmann, Die Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus, Frankfurt am Main/New York 22001
7 Walter Benjamin, Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main 1977, S. 239
8 Vgl. ebd.
9 Damit ist nichts gegen Huren als konkrete Menschen gesagt, sehr wohl aber etwas gegen das Prinzip, unter welchem Hure zu sein nichts anderes bedeutet als eine von vielen Möglichkeiten der Selbstverwertung. Übrigens scheint es so nur konsequent, daß der „Beruf“ der Hure unter den Bedingungen eines individualisierten Kapitalismus durch Anerkennung als „Beruf“ von dem Makel des moralisch Verwerflichen befreit und gesetzlich anderen „Berufen“ gleich gestellt wird.
