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Texte zur gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise


Handlungsbedarf

Offener Brief an die InteressentInnen von EXIT! zum Jahreswechsel 2015/16

Flüchtlingskrise – unter diesem Begriff wurden ab der zweiten Hälfte des Jahres in den politischen und medialen Debatten all die Dramen gefasst, die hinter den Menschen stehen, die in Europa Zuflucht suchen. Dass es keine Flüchtlingskrise gibt, sondern sich in den Menschen, die sich zu Flucht gezwungen sehen, die Krise des Kapitalismus ausagiert, wird geflissentlich oder gleichsam zwanghaft übersehen. Der Sog des unmittelbaren Eindrucks durch Bilder – falsche Unmittelbarkeit – bestimmt die Wahrnehmung.

Die Bilder von chaotischen Zuständen an den europäischen Außengrenzen sowie in den Erstaufnahmeländern rührten die Herzen und weckten das Mitgefühl. Die Krönung war jenes Bild, auf dem ein Polizist zu sehen war, wie er den toten dreijährigen Aylan Kurdi aus dem Meer trägt. Die Bild-Zeitung (vom 3.9.2015) hatte es mit einem schwarzen Rahmen umgeben, ganzseitig abgedruckt und mit dem Text versehen: „Bilder wie dieses sind schändlich alltäglich geworden. Wir ertragen sie nicht mehr, aber wir wollen, wir müssen sie zeigen, denn sie dokumentieren das historische Versagen unserer Zivilisation in dieser Flüchtlingsfrage.“ Nicht die Flüchtlinge sind das Problem, sondern dass „wir“ die Bilder nicht ertragen und das in ihnen dokumentierte „historische Versagen unserer Zivilisation“. Da entsteht Handlungsbedarf.

In Deutschland wurde etwas getan: Willkommenskultur hieß das Zauberwort. Auf Bahnhöfen sowie bei Festen der Begegnung ließ sich diese neue Willkommenskultur auch als Party-Event inszenieren. Es entstanden Bilder gegen die Schande und das historische Versagen, Gegen-Bilder zu den Bildern, die „wir“ nicht mehr „ertragen“ können. In Szene gesetzt wurde ein weltoffenes Deutschland, das sich auch noch locker und leicht gibt. Aus dem „Aufstand der Anständigen“ konnte die „Party der Anständigen“, aus „humanitären Interventionen“ durch Militär konnten Heerscharen von haupt- und ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen werden. Zu denen, die das schaffen sollen, gehören wesentlich Menschen, die in sozialen Einrichtungen in schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen immer wieder über die Grenzen physischer und psychischer Belastbarkeit hinaus ihren Arbeitsalltag zu bewältigen haben. Sie bilden den Hintergrund für das Bild eines offenen und menschenfreundlichen Deutschland, das nun gegen das hässliche Deutschland der dumpfen islamophoben Hassprediger und ihre Versteher aus der sog. Mitte der Gesellschaft steht.

In der euphorischen Party-Laune über das neue „Willkommens-Deutschland“ konnte vorübergehend einiges vergessen werden. Vergessen waren Zuschreibungen, rassistisch konnotierte Diffamierungen, Panikmache und Anschläge, in deren Rahmen zu Beginn der 1990er Jahre der sog. Asylkompromiss durchgesetzt worden war. Flüchtlinge waren alles andere als willkommen, sondern wurden aller Delikte verdächtigt, die geeignet sind, anständige Mittelschichtler in Angst und Schrecken zu versetzen: von schmarotzendem Müßiggang über Sozialmissbrauch bis hin zur Kriminalität1. „Bild“ – damals ganz ohne Herz für Flüchtlinge – sprach von Deutschland als „Container-Land“ und schürte Ängste: „Fast jede Minute ein neuer Asylant. Die Flut steigt – wann sinkt das Boot?“2

Vergessen war auch die systematische Abschottung der Grenzen der EU – u. a. mit jenem berüchtigten Nato-Stacheldraht, in dem Flüchtlinge sich verfangen und verbluten – , ebenso wie die Kriege und Zerstörungsprozesse, die Menschen systematisch ihre Lebensgrundlagen entziehen. Das Vergessen hatte bereits der zum Propheten der Postmoderne aufgestiegene Nietzsche als Voraussetzung des Glücks gepriesen und mit dem Genießen des Augenblicks verbunden3.

Das Glück der Party-Laune war jedoch nur von kurzer Dauer. Noch mitten im Willkommenstaumel meldete sich die Krise des Kapitalismus mit ihren hässlichen Seiten zurück: Genau an dem Wochenende um den 13.9., an dem die Vereine der deutschen Bundesliga – von wenigen Verweigerern abgesehen – auf Initiative von „Bild“ mit einem Willkommens-Logo auf die Plätze liefen, machte die Bundesregierung die Grenzen nach Österreich dicht. Politiker forderten Sanktionen gegen die Unwilligen, die sich weigerten, aus Deutschland abgeschobene Flüchtlinge aufzunehmen. In den Tagen danach wurden die fehlende Steuerbarkeit der Willkommens-Euphorie und die damit einhergehenden Gefahren für die innere Stabilität und das vermeintlich christliche Abendland wieder entdeckt. Rassistische Hetze und Anschläge gehen weiter bzw. nehmen sogar zu.

„Die Bürger machen sich Sorgen, die Probleme sind nicht wegzudiskutieren“, äußerte sich ein sächsischer Landtagsabgeordneter der CDU (vgl. jw vom 21.9.2015). Solche Sorgen der Bürger verlangen – wie in den Zeiten der Änderung des Grundrechts auf Asyl – eine Antwort, die ihnen – im wörtlichen Sinn – Recht gibt. Da tauchen sie dann auch wieder auf, die bekannten Instrumente der Repression, mit denen Flüchtlinge von den Grenzen ferngehalten, schneller abgeschoben oder über gesetzliche Steuerung der Einwanderung in willkommene Nützliche und in Überflüssige selektiert werden sollen: Grenzkontrollen, die angesichts von Gefahren für die öffentliche Ordnung und die innere Sicherheit wieder eingeführt werden, schnellere Asylverfahren und Abschiebungen auch ohne Terminierung, Einschnitte bei Sozialleistungen bis hin zu Sachleistungen statt Geld für Asylsuchende, um Einreiseanreize zu senken, und gegen aus dem Osten drohende Gefahren die Ausweitung sicherer Herkunftsländer, zu denen neben Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina (seit 2014) nun auch Albanien, Kosovo und Montenegro gehören. Eine Milliarde Euro soll zusätzlich mobilisiert werden, um die Außengrenzen der EU gegen den Ansturm von Flüchtlingen effizienter zu sichern.

Unabhängig von der Absicht vor allem der Helferinnen und Helfer, Flüchtlinge willkommen zu heißen, wird im politisch-ökonomischen Zusammenhang das Willkommen auf die Flüchtlinge reduziert, mit denen Arbeitsmarktlücken vor allem mit Blick auf fehlende Facharbeiter geschlossen werden können. Sie sind so sehr willkommen, dass sie einer neuen Verfolgung ausgesetzt sind: der durch Headhunter, die in Flüchtlingsunterkünften nach Fachkräften fahnden. Für ihre Integration in die Arbeitswelt sollen bürokratische Hemmnisse beseitigt werden.

Weder der kalkulierende Blick auf die Verwertbaren noch Merkels mütterliches Festhalten an den verbliebenen Resten des Asylrechts noch das humanitäre Engagement derer, die versuchen, das Leben der Flüchtlinge etwas zu erleichtern, kann darüber hinwegtäuschen, dass die sich in den Flüchtlingsdramen ausagierende Krise des Kapitalismus weder humanitär noch politisch zu lösen ist. Das vollmundige „Wir schaffen das“ stößt auf objektive Hürden, die auch mit dem besten aller Willen nicht zu überspringen sind. Vor aller Suche nach Auswegen und Perspektiven steht das Begreifen, die theoretische Anstrengung. Zu verstehen wäre auch die Grenze, an der jeder Wille scheitern muss. Bilder sind da eher hinderlich. Sie täuschen eine Unmittelbarkeit vor, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Entsprechend rät Adorno antiidealistisch zum Bilderverbot. „Objekt der Theorie ist kein Unmittelbares, dessen Abguß sie nach Hause schleppen könnte; Erkenntnis besitzt nicht, wie die Staatspolizei, ein Album ihrer Gegenstände.“ (Adorno, Theodor W., Negative Dialektik, Frankfurt am Main 2003: 206) Begreifen kann nur, wer das empirisch sichtbare im Zusammenhang des kategorialen Rahmens zu begreifen sucht, in dem es erscheint. Angesichts der sog. Flüchtlingskrise wäre an den kategorialen Rahmen zu erinnern, in dem Robert Kurz (vgl. Kurz, Robert, Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung, Bad Honnef 2003) die Phänomene des Zerfalls von Staaten, das Ende der Souveränität und die damit verbundenen neuen Kriege analysiert hatte.

Zwar wird inzwischen auch im politischen Mainstream ganz selbstverständlich von „zerfallenden Staaten“ gesprochen. Militärische Interventionen beschleunigen den Zusammenbruch, erst recht wenn wie in Syrien regionale und globale staatliche Akteure im Gemetzel um die Zerfallsprodukte mitmischen. Während die militärischen Interventionen in bürgerlichen und linken Kreisen oft unmittelbar für die Prozesse der Auflösung verantwortlich gemacht werden, und ebenso unmittelbar nach Frieden gerufen wird, bleiben die objektiv ablaufenden Krisenprozesse außerhalb des Bewusstseins. Unbegriffen bleibt, dass sie das Ergebnis des einbrechenden „waren produzierenden Patriarchats“ (Roswitha Scholz) sind, das infolge des nicht mehr kompensierbaren Verlusts an Mehrwert schaffender Arbeit nun auch historisch an die Grenze seiner Reproduktionsfähigkeit stößt. Damit geraten auch Staaten, die ja vom Wertschöpfungsprozess abhängig sind, an das Ende ihrer Möglichkeiten. Die Staaten der Peripherie sind die ersten Opfer des kollabierenden kapitalistischen Weltsystems. Sie zerfallen, verschwinden jedoch nicht einfach von der Bildfläche.

Die Zerrüttungen erfahren Menschen, die ihr Leben in den Formen von Warenproduktion und Staat nicht mehr reproduzieren können. In den Leerräumen machen sich Plünderungsökonomien und terroristische Subkulturen breit. Kriegerische Auseinandersetzungen, in denen die Zerfallsprodukte aufeinander einschlagen – Warlords, die sich die Herrschaft über verwertbare Überbleibsel einstiger Strukturen sichern wollen, Terrorbanden und intervenierendes Militär – können nicht von diesem Zusammenhang abgelöst betrachtet werden. Deshalb lässt sich der Schalter auch nicht – halt mit etwas mehr gutem Willen – auf Frieden umlegen. So wird es im Rahmen des erodierenden Weltsystems dabei bleiben, dass auch noch primitive Reste der Subsistenzsicherung zerstört werden. Die Folgen liegen auf der Hand und werden auch in Europa immer sichtbarer: „Wer noch brachliegende Tatkraft besitzt und nicht zum Aktivisten der Plünderungsökonomie wird, macht sich allein oder mit Kind und Kegel auf in die gelobten Länder und Regionen der globalen Marktwirtschaft.“ (a.a.O.: 157) Dies ist oft nur unter Rückgriff auf sog. Schlepperbanden möglich. Sie sind ihrerseits wiederum Produkte des zerfallenden Weltsystems und zugleich Ziel seiner militärischen Interventionen. Wie die Interventionen in Zusammenbruchsregionen, so zielen auch sie darauf ab, doch noch die Hoheit über den eigenen Zerfall zu gewinnen.

Wenn Staaten sich auflösen, verlieren sie das Gewaltmonopol, mit ihm die Herrschaft über ein Territorium und damit ihre Souveränität. Sie brechen ein, weil ihre Grundlage – der Formzusammenhang von abstrakter Arbeit, (Mehr-) Wert und Abspaltung – einbricht. Der Zusammenbruch staatlicher Souveränität geht einher mit dem „Ende der modernen Rechtsform“, die ebenso gebunden ist „an das Fetisch-System von abstrakter Arbeit und Verwertung des Werts“ (a.a.O.: 324). Der Bruch des Völkerrechts zeigte sich bereits im Zusammenhang des Krieges gegen Rest-Jugoslawien und der darauf folgenden Kriege und Interventionen mit dem Ergebnis, dass sich Krisenpotentaten, Terroristen und staatliche Kriegsverbrecher auf Augenhöhe begegnen. In der aktuellen Krisensituation dürfte der Angriff auf das Krankenhaus in Kundus sich als Bruch des Völkerrechts herausstellen. Das Krankenhaus stand schon länger im Fadenkreuz der Geheim- und Sicherheitskräfte. Es hatte sich erdreistet, humanitär zu handeln, und bei der Versorgung von Verletzten nicht zwischen Talibankämpfern, Soldaten und Zivilisten zu unterschieden.

Es ist kein Zufall, dass die Diskussion um die Flüchtlingskrise den Eindruck erweckt, es gehe um die Bewältigung eines Notstands. Schon bevor die Flüchtlingskrise in Deutschland real und medial sichtbar wurde, waren Grenzen als Todesstreifen, Menschenjagd auf Flüchtlinge, Internierung in Lagern und Selektion nach Ethnien, Abschiebung in Folterländer an der demokratischen Tagesordnung. Es ging darum, die vom Verwertungsprozess Ausgeschlossenen auch politisch und rechtlich auszuschließen und gleichzeitig unter Kontrolle zu halten, um die Funktionsfähigkeit des Systems in der Krise zu sichern. Dazu müssen die nichtverwertbaren Menschenmassen in den Zusammenbruchregionen in Schach gehalten und die Nicht-Verwertbaren in den Zentren halbwegs befriedet und zugleich repressiv verwaltet werden. Entsprechend werden Rechtsnormen passend gemacht oder ignoriert.

Wie sehr Demokratie und Rechtstaat mit dem Verwertungsprozess verbunden sind, wird an den Flüchtlingen und Migranten deutlich. An ihnen „wird in aller Offenheit exekutiert, was die innerste Logik des Kapitalismus überhaupt ist: die Tendenz nämlich, den Menschen auf seine ‚ökonomische Nützlichkeit‘ als Verausgabungseinheit von rentabler Arbeitskraft und ‚Leistung‘ zu reduzieren. Was bei den eigenen Staatsbürgern noch nicht mit letzter Konsequenz möglich ist, nämlich nur die rentabel vernutzbare Leistungsmaschine Mensch als Menschen ‚anzuerkennen’, nicht aber die aktuell unbrauchbaren Kinder, Alten und Kranken oder sonstwie nicht Leistungsfähigen, das tritt bei der Behandlung der Migranten in aller Brutalität zu Tage: sie müssen jung und gesund sein, am besten kinderlos, vaterlos, mutterlos, ohne Anhang und Verpflichtung außer der einen, ‚nützlich‘ zu sein für den hiesigen Verwertungsprozess. Und noch willkommener ist natürlich der ‚Investor’…“ (a.a.O.: 227).

Der Normalzustand des Rechts gilt für die (noch) Verwertbaren. Für den Rest bleiben die Not- und Zwangsmaßnahmen – nicht nur gegen Überflüssige von der Peripherie, sondern auch gegen die des Zentrums. Robert Kurz hat deutlich gemacht, dass der Normalzustand seine Fundierung im „Ausnahmezustand“ findet; denn wie Carl Schmitt ausgeplaudert hat: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ (Schmitt, Carl, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, Berlin 1996: 7; vgl. auch Kurz 2003: 337 ff.). Das Recht beruht nicht auf Wahrheit, sondern auf einer Willensentscheidung des Souveräns und damit letztlich auf Gewalt. Es gründet in der Ausnahme und kann jederzeit zur Ausnahme werden. In den Prozessen der äußeren und inneren Entrechtlichung beginnt „der demokratische Ausnahmezustand mit dem demokratischen Normalzustand zu verschmelzen“ (Kurz 2003: 343). Der Unterschied zum Ausnahmezustand, den die Nazis in Anspruch nahmen, besteht darin, dass er nicht ausgerufen und die Verfassung nicht formal außer Kraft gesetzt ist. Unter dem Vorzeichen des Zerfalls staatlicher Souveränität vermengt sich das diktatorische Moment „nicht nur mit dem demokratischen Prozedere, es mischt sich auch mit der postpolitischen, postsouveränen Anomie“ (a.a.O.: 344).

Der Zusammenhang von Ausnahmezustand und Normalzustand zeigt sich darin, dass der Rechtsstatus der Subjekte abhängig ist von ihrer Möglichkeit und Fähigkeit, sich dem kapitalistischen Produktions- und Reproduktionszusammenhang zu unterwerfen. In der Krise stoßen diese Möglichkeiten an ihre Grenzen, so dass Menschen aus dem Normalzustand herausfallen, während zugleich die staatlichen Souveräne an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen, den Ausnahmezustand mittels Repression zu exekutieren. Dabei entstehen „Übergangsformen der sozialen Repression“, die an den Punkt der Ausweglosigkeit führen: „Die ‚Überflüssigen‘ müssen … entweder bar jeder Reproduktionsmöglichkeit ihres Lebens ins Nichts entlassen werden wie im größten Teil der Peripherie… Oder sie müssen dort, wo die Souveränität noch fester gefügt ist wie in den westlichen Zentren … auf Dauer in Gefängnissen, Internierungslagern und KZ-ähnlichen Einrichtungen weggesperrt werden – ganz wie die ‚Illegalen‘ und Flüchtlinge.“ (a.a.O.: 357).

Während sich nicht zuletzt aufgrund der Macht der Bilder die Flüchtlingskrise in den Vordergrund drängte, konnten andere Krisenherde vergessen werden, wie z. B. die EU-Krisenländer, die Ukraine, die Währungskrise – aktuell sichtbar in fallenden Wechselkursen in den zu Lokomotiven der Weltwirtschaft erkorenen Schwellenländern und mit der Währungskrise einhergehenden hohen Leistungsbilanzdefiziten –, die perspektivlose Senkung der Leitzinsen und das Zurückschrecken der US-Notenbank vor ihrer Anhebung, das Anwachsen nationalistischer und rechtsextremer Bewegungen, denen die Nationen abhandenkommen, Großstädte voll Obdachloser und überforderte verschuldete Kommunen u. v. a.. In all dem Streit europäischer Staaten um die Bewältigung der Flüchtlingskrise werden zudem Risse offenbar, die weder durch harsche Kritik an fehlender Willkommenskultur und dem Ausagieren von Fremdenfeindlichkeit noch durch freundliche Ermahnungen zu europäischer Solidarität gekittet werden können.

Die Krise nimmt ihren Verlauf in dem vom kapitalistischen Formzusammenhang gesetzten Rahmen hinter dem Rücken der in ihm handelnden Akteure – unabhängig davon, ob sie begriffen wird oder nicht. Sie erscheint in widersprüchlichen Phänomenen und muss von in die Subjektform gebannten Individuen verarbeitet werden. Unmittelbare Weisen der Verarbeitung zeigen sich in den Extremen einer sich mit blindem Machen verbindenden Willkommenskultur ebenso wie in Panik, ohnmächtiger Wut und Leere, die ihren Hass an wechselnden Objekten ausagieren.

Die spezifische Verfassung des Subjekts, das die unbegriffene Krise verarbeiten muss, war aus psychoanalytischer Perspektive Focus des diesjährigen EXIT!-Seminars. Zur Debatte standen Zusammenhänge zwischen einem postmodernen narzisstischen Sozialcharakter ohne Objektbeziehungen und Krisenverleugnung und Krisenverdrängung.

Selbst die Tatsache, dass mit den Flüchtlingen die Krise unübersehbar in den abgeschotteten Zentren erscheint, löst keine krisentheoretische Reflexion aus. Die postmodernen Aversionen gegen inhaltliche und historische Bestimmtheit erweisen sich weiterhin als unirritierbar und verblüffungsresistent. In der Postmoderne hat sich einhergehend mit der Leugnung der Krise ein narzisstischer Sozialcharakter herauskristallisiert. Nicht zuletzt wird dieser sich in Anerkennungssucht, Verleugnung von Objektivität und Ohnmacht ausagierende narzisstische Sozialcharakter zur Barriere für die Rezeption radikaler Krisentheorie. Psychoanalyse als Gegenstand wert-abspaltungs-kritischer Theoriebildung kann mit ihrer Reflexion der psychodynamischen Implikationen des narzisstischen Sozialcharakters auch Barrieren und Widerstände aufhellen, die sich in der Linken, in sozialen Bewegungen und in den meisten Individuen der radikalen Krisentheorie entgegen stellen. Das Einbeziehen der psychoanalytischen Ebene ist ein wesentlicher Schritt in der Weiterentwicklung der Wert-Abspaltungs-Theorie – gerade angesichts der sich weiter dramatisch zuspitzenden und von Individuen zu verarbeitenden Krise.

Der Erhellung bedarf auch ein Phänomen, das bereits 1997 in einer Kurzrezension des „Der Kollaps der Modernisierung“ (Kurz, Robert, Frankfurt am Main 1991) benannt wurde: „Die düstere Prognose von Kurz lähmt offensichtlich die Kraft der rationalen Auseinandersetzung.“ (Kern, Bruno, Literaturbericht Ökonomie, in: Concilium. Internationale Zeitschrift für Theologie, 2/1997, 282-286, 286.) Die Verweigerung einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der radikalen Krisentheorie hat sich in ihrer Verblüffungsfestigkeit auch durch die sich offensichtlich verschärfenden Krisenentwicklungen nicht irritieren lassen. Die dunklen Prognosen verschwinden in Entlastung versprechenden postmodernen Events. Ahistorisch und verewigt erscheint der Kapitalismus als ständige Wiederkehr des Gleichen von Krise und Aufschwung nach einer Phase schöpferischer Reinigung. Unbeirrt gilt dies auch dann noch, wenn ganz offensichtlich keine neue Wertschöpfung in Sicht ist und sich seit 2007 auch die Mittel, sie herbeizuführen, im Immer-Gleichen der Erhöhung der Geldmengen erschöpfen und in das immer gleiche Ergebnis münden: Es wird noch mehr Geld gebraucht, um die ausbleibende neue Wertschöpfung zu kompensieren. In der ahistorischen Logik des Immer Gleichen kann das Finale einer Entwicklung nicht gedacht werden – schon gar kein negatives.

Wer auf ein die Objektivität der Verhältnisse ebenso wie die Ohnmacht verleugnendes Machen statt auf theoretische Reflexion setzt, wird der Wahrnehmungsverweigerung sowie dem damit einhergehenden Handeln aus falscher Unmittelbarkeit nicht entkommen. Letzteres gilt sowohl für Willkommens-Euphoriker wie für Wut- und Hassbürger. Wer angesichts der sich zuspitzenden Krisen auf Aktionismus setzt, hat schon den reflexiven Anschluss an die immer wieder beschworene Realität verloren. Gemacht werden kann lediglich – und das auch nur befristet – Verwaltung der Krise. Sie changiert zwischen kurzfristigen Hilfen (Willkommen für wenige, vor allem Nützliche), verschärfter Repression – wo dafür noch die Grundlagen vorhanden sind – und um sich greifenden Prozessen der Barbarisierung. Gemacht werden können also auch Inszenierungen, in denen sich Wut und Hass entladen.

EXIT! steht für die Anstrengung, die Krise durch Reflexion zu begreifen. Kategoriale Kritik des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses verbindet sich mit der Analyse historischer Prozesse und Entwicklungen ebenso wie der Krisenverarbeitung durch Individuen. Zu begreifen, was auf dem Globus strukturell vor sich geht und mit Menschen geschieht, ist für die Verarbeitung der Krise ebenso wesentlich wie für die Frage nach der Überwindung der kapitalistischen Vergesellschaftung, die nur in der strikten Negation ihrer Kategorien realistisch ist.

Die Herausforderungen sind groß, unsere Mittel, sie zu bewältigen, äußerst begrenzt. Dies gilt nicht zuletzt auch für die finanziellen Mittel. Sie müssen aufgetrieben werden in einer Gesellschaft, die Gegenstand radikaler Kritik ist. In der Unbestimmtheit postmodernen Geistes und seiner Reflexionsverweigerung schreit der ‚Markt‘ – trotz aller ‚Unübersichtlichkeit‘ und wachsenden Problemdrucks – nicht gerade nach Orientierung durch ‚Angebote‘ radikaler Kritik. Weil letztere aber sinnvoll und notwendig ist, bleibt die mit dem Projekt EXIT! verbundene Wert-Abspaltungskritik auch auf finanzielle Unterstützung durch Mitgliedschaft und Spenden angewiesen. Um diese Unterstützung wollen wir unsere Leserinnen und Leser ausdrücklich bitten.

Herbert Böttcher für Redaktion und Vorstand


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Spenden zur Unterstützung des EXIT-Projekts sind steuerlich absetzbar und werden erbeten an

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