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Robert Kurz


erschienen in der Wochenzeitung „Freitag“
am 30.06.2006

Robert Kurz

HOFFENTLICH ALLIANZ-VERSICHERT

Radikale Schnitte in der Versicherungs- und Finanzindustrie

Die schlechte Nachricht platzte mitten in die schwarzrotgoldene falsche Euphorie. Während in der Münchner Allianz-Arena der Fußball-Patriotismus tobte, gab es für die Beschäftigten des großen Versicherungs- und Finanzkonzerns nichts zu feiern. Drei Tage zuvor hatte Deutschland-Chef Gerhard Rupprecht einen massiven Umbau verkündet, der das Betriebsergebnis um mehr als 1 Milliarde Euro steigern soll. Bis 2008 werden elf Standorte ganz oder teilweise geschlossen, darunter die komplette Kölner Niederlassung mit 1.300 Vollzeitstellen. Insgesamt fallen 7.500 Jobs weg, 5000 im Versicherungsgeschäft und weitere 2.500 bei dem Tochterunternehmen Dresdner Bank, deren Belegschaft sich damit seit der Übernahme durch die Allianz vor fünf Jahren halbiert haben wird. Die Allianz ist längst ein transnationales Großunternehmen; von 178.000 Beschäftigten weltweit sind im Inland nur noch 72.000 tätig. Und abgespeckt wird überall, denn die Programme der Reorganisation sollen den Gesamtkonzern erfassen.

Die Versicherungsbranche galt bisher als Nachhut der Rationalisierung. Im Gegensatz zur verarbeitenden Industrie und zu den Banken hatten sich die Strukturen der Nachkriegszeit in diesem Bereich länger halten können. Unter dem Druck der Globalisierung kommen erst jetzt die radikalen Schnitte, indem die Potentiale der mikroelektronischen Revolution abgerufen werden. Die bei der Allianz bislang getrennten Bereiche von Lebens-, Kranken- und Sachversicherung sollen sich unter einer gemeinsamen EDV-Plattform vereinigen. In einem „riesigen Technikprojekt“ (Wirtschaftswoche) werden 12 Informatik-Systeme integriert. Dieser Umbau betrifft vor allem den Innendienst. Dabei fallen nicht nur Tausende von Stellen weg, sondern der Leistungsdruck erhöht sich durch totale Kontrolle von „gläsernen Mitarbeitern“. Jeder Vorgang wird vom Computer aufgezeichnet und durch Symbole den Gruppenleitern signalisiert, etwa wie lange ein Kundengespräch dauert (vier Minuten sollen nicht überschritten werden) und wann es beendet ist, sodass der nächste Anruf weitergeleitet werden kann. Wer in der täglichen Bewertung unter den Durchschnitt fällt, wird zum Rapport bestellt.

Diesem mikroelektronischen Rationalisierungs-Schub entspricht spiegelbildlich die forcierte Orientierung an der Finanzblasen-Ökonomie, wie sie aus der inneren Schranke der realen Kapitalverwertung hervorgegangen ist. Vor allem diesem prekären Sektor entstammen die derzeit beschworenen „hohen Gewinne“. Zum erneuten Umbau der Allianz-Tochter Dresdner Bank gehört die Abkoppelung des normalen Firmen-Kreditgeschäfts vom Investment-Banking, das nun unter dem Namen „Dresdner Kleinwort“ operiert. Dort sollen von 12.000 Firmenkunden nur noch die 2.000 größten konzentriert bleiben, die für finanzkapitalistische Transaktionen auf dem „Unternehmensmarkt“ interessant sind. Dafür werden einige hundert zusätzliche Stellen für hochqualifizierte „Asset-Mathematiker“ geschaffen, denen ein Abbau der standardisierten Verwaltungs- und Abwicklungsdienste in zehnfacher Größenordnung gegenübersteht. Darin zeigt sich die allgemeine Tendenz zum gesellschaftlich nicht mehr integrationsfähigen Minderheits-Kapitalismus.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Versicherungs- und Finanzbranche als einer der Hoffnungsträger der kommenden „Dienstleistungsgesellschaft“ hochgejubelt wurde. In diesen Bereichen, so die Erwartung, würden genügend neue qualifizierte Jobs entstehen, um den Arbeitsschwund in den Fertigungsindustrien auszugleichen. Jetzt platzt diese Illusion wie alle anderen; nach den Banken gehen auch die Versicherungen den Weg der „alten Industrien“ (Stahlproduktion, Bergbau, Autoindustrie) und schmelzen die reguläre Arbeit ab. Gerade die Versicherungs-Angestellten galten oft als ein Reservat der Angestellten-Kultur, wie sie Siegfried Kracauer für die Zwischenkriegszeit beschrieben hatte. Sie werden nun zusammen mit den ständischen Gruppen (Anwälten, Medizinern) und den bildungsbürgerlichen Restbeständen in Wissenschaft, Medien und Erziehungswesen vom „Absturz der neuen Mittelklassen“ in der Krise der dritten industriellen Revolution erfasst. Wenn die soziale Degradierung realisiert wird, droht gerade bei diesen Schichten der anlässlich der WM plötzlich zur Mode gewordene Fähnchen-Patriotismus in „deutsche Ideologie“ mit antisemitischen Untertönen gegen die „Heuschrecken“ umzuschlagen, also in das Gegenteil emanzipatorischer Kapitalismuskritik.




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