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Roswitha Scholz


erschienen im September 2008
in der linken Debattenzeitschrift "Phase 2" (Leipzig)

Roswitha Scholz

WASTE TO WASTE

Die Roma und “wir”

In Italien werden in der letzten Zeit verstärkt Pogrome gegen Roma veranstaltet. Seitdem Rumänien Anfang 2007 Mitglied der EU wurde, flüchten immer mehr Roma vor zunehmenden Diskriminierungen und äußerst schlechten Lebensbedingungen speziell für diese Gruppe nach Italien, wo sie am Rande der Städte wiederum unter Elendsbedingungen hausen. Der Reaktion des Mobs entspricht die Reaktion der rechten italienischen Regierung: Sie greift zu uralten Mitteln einer Bekämpfung der „Zigeunerplage“, also zu Sondermaßnahmen, die ausschließlich die Gruppe der Sinti und Roma betreffen sollen.

Falsch wäre es jedoch, das neue antiziganistische Syndrom allein in Italien lokalisieren zu wollen, auch wenn diese Art des Rassismus dort aktuell die schlimmsten Blüten im westlichen Europa treibt. Antiziganistische Übergriffe und eine verstärkte antiziganistische Propaganda seitens der Medien sind seit den frühen 90er Jahren auch hierzulande beobachtbar1, wobei die Massenvernichtung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus eher nebenbei eingeräumt wird. Man denke nur als herausragendes Beispiel an die pogromartigen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen 1992 samt der Konsequenzen staatlicherseits. Da das Gedächtnis auch bei Linken hier erfahrungsgemäß etwas eingetrübt ist, zur Erinnerung: „Am 24.9.92 – einen Monat nach dem Pogrom in Rostock, der sich hauptsächlich gegen Roma-Flüchtlinge aus Osteuropa richtete – unterschrieb die Bundesregierung ein Abkommen mit der rumänischen Regierung. Darin wurde Rumänien verpflichtet, abgelehnte AsylbewerberInnen wieder aufzunehmen, insbesondere solche, die nicht im Besitz gültiger Ausweispapiere waren“2. Diese Form der Diskriminierung hat eine lange Tradition, die kaum bekannt ist. Für Italien etwa ist das Phänomen des Antiziganismus weitgehend unerforscht3. Ebenso hat in Deutschland mit seiner einschlägigen nationalsozialistischen Geschichte die Beschäftigung mit diesem Thema spät begonnen, und erst in jüngster Zeit liegen einige Ergebnisse vor.

Moderne und Antiziganismus

Bis zur Aufklärung changierte das Bild des Zigeuners mit dem des Bettlers, Vagabunden und des „unflätigen“ fahrenden Volks überhaupt. Im 18. Jahrhundert kam es dann zu einer eindeutigen „Rassifizierung“ des Zigeunerstereotyps. Bekanntlich setzte sich in der Aufklärung die Meinung durch, dass nur die „weiße Rasse“ zur Zivilisation fähig sei. „Zigeuner“ wurden nun zu einer „primitiven Rasse“ gemacht und Kant stellte fest, dass sie schon aufgrund ihrer „indischen Hautfarbe“ keine Anlage zur Tätigkeit hätten5. Soziale und rassistische Diskriminierung verschränkten sich in der Folge wesentlich im Zigeunerstereotyp. Gleichzeitig hatte dieses Stereotyp schon immer deutlich romantische Elemente. „Zigeuner“ standen auf diffuse Weise für ungehemmte Freiheit6. Nicht zuletzt über Musik und Tanz (Stichwort „Carmen“) speiste sich diese romantische Dimension. Was die geschlechtliche Konnotation des Antiziganismus betrifft, so wurde die „Zigeunerin“ als Gegenbild zur züchtigen Hausfrau, Ehefrau und Mutter konstruiert, die im Reproduktionsbereich komplementär zum Ideal des disziplinierten Lohnarbeiters gedacht wurde. Die „Zigeunerin“ stellte man sich dabei in erster Linie als sexuell verführerisch und hexenhaft vor7.

Antiziganistische Maßnahmen in Deutschland

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurden systematisch Akten über „Zigeuner“ angelegt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts sollten möglichst alle Sinti und Roma registriert werden, wobei Lichtbilder gemacht und Fingerabdrücke genommen wurden. 1926 trat das bayerische „Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“ in Kraft. Danach konnte jeder Sinto oder Rom, der keiner regelmäßigen Arbeit nachging, für zwei Jahre in einer „Arbeitsanstalt“ untergebracht werden9. Im Nationalsozialismus ging man vor dem Hintergrund rassistischer Annahmen davon aus, dass die „Zigeuner“ ohnehin nicht mehr „reinrassig“ seien, so der prominente NS-„Zigeunerforscher“ Robert Ritter. Hervorgegangen aus der Paarung von Zigeunern mit „erbminderrassigen“ Deutschen seien insbesondere die „Zigeunermischlinge“ überwiegend asozial. Nach einem Gesetz von 1933 wurden Sinti und Roma zwangssterilisiert und für „sozial schwachsinnig“ erklärt. Auch wurden die zunächst nur auf Juden bezogenen Nürnberger Rassegesetze auf diese Bevölkerungsgruppe ausgeweitet. 1935 ging man dazu über, Sinti und Roma in sogenannten „Zigeunerlagern“ zu internieren10.

1938 ordnete Himmler die „endgültige Lösung der Zigeunerfrage (...) aus dem Wesen der Rasse heraus“ an. Dabei galten noch Personen mit nur einem „Zigeuner“-Urgroßelternteil als „Zigeunermischlinge“11. Der systematische Mord an Sinti und Roma begann nach dem Angriff auf Polen 1939. Im Dezember 1941 wurde angeordnet, dass die Zigeuner in der Behandlung mit den Juden gleichgesetzt werden sollten. Entscheidungen wurden den Kommandeuren der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes überlassen, mit dem Resultat, dass viele Sinti und Roma sofort erschossen wurden. Im Juli 1944 fand die letzte Vergasung in Auschwitz statt, wohin sie seit Anfang 1943 aus zahlreichen Ländern deportiert worden waren.

In der Nachkriegszeit wurden Sinti und Roma häufig in heruntergekommenen Notunterkünften untergebracht und am Stadtrand angesiedelt. Sogenannte Zigeunerexperten wurden in die Amtstuben mit übernommen; ebenso wurde mit Beständen aus dem Aktenmaterial der NS-Zeit gearbeitet – die Sondererfassung der Sinti und Roma ging weiter. In verschiedenen Städten gab es Strategiepapiere, um den Aufenthalt von „Zigeunern“ auf jeden Fall zu verhindern.

„Zigeunerwissenschaftler“ wie Robert Ritter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen bzw. freigesprochen und arbeiteten ungehindert weiter. Die Gutachter der Wiedergutmachungsanträge von Sinti und Roma waren die ehemaligen Mitarbeiter des Reichsgesundheitsamts. 1963 wurde mit Verspätung ein Urteil des Bundesgerichtshofes von 1956 aufgehoben, wonach Sinti und Roma erst seit 1943 und nicht schon seit 1938 rassistisch verfolgt wurden (womit endlich die rassistische Verfolgung und nicht „Asozialität“ als Grund galt). In den 80er Jahren wurden neue Richtlinien erlassen und geringe Wiedergutmachungsleistungen gewährt, wobei zu sagen ist, dass manchen Sinti und Roma die deutsche Staatsbürgerschaft nicht mehr zurück gegeben wurd12. Voraussetzung für diese Wiedergutmachungsleistungen waren Protestaktionen der Sinti und Roma selbst, die auch dazu führten, dass sie mittlerweile als ethnische Minderheit in Deutschland anerkannt sind.

Antisemitismus, Antiziganismus und andere Rassismen

Dabei ist hervorzuheben, dass es sich beim Antiziganismus im Gegensatz zum Antisemitismus um einen „romantischen Rassismus“ (Wulf D. Hund) handelt. Es wäre sogar zu erwägen, inwieweit nicht „der Zigeuner“ noch viel mehr den (verdrängten) Glücksvorstellungen der Massen – zumindest im Fordismus – entsprochen hat als „der Jude“. Vieles, was mit dem Zigeunerstereotyp in Verbindung gebracht wird, das gefühlvolle Volkslied, der Rummelplatz, der Zirkus, das „Auf- und Davon-Gehen“, war gewiß den Glücksempfindungen der „einfachen Leute“ in der fordistischen Phase näher als die Stereotype hinsichtlich der als reich und mächtig imaginierten Juden, die auch für eine fremde bürgerliche Kultur standen, selbst wenn sich der gemeinsame Nenner im Vorwurf des „arbeitsscheuen Parasiten“ finden lässt. Im Gegensatz zu anderen „Wilden“ (Indianern, Südseeinsulanern usw.), die ebenfalls mit Natur gleichgesetzt werden, ist der „Zigeuner“ aber seit langem Bestandteil der eigenen Kultur und Gesellschaft, in der man lebt. Deshalb, und weil er sich – im Gegensatz zum „Schwarzen“ – nicht versklaven lässt, wird er verfolgt; verbunden mit der immerwährenden Angst vor dem eigenen Abgleiten in die „Asozialität“, an die der „Zigeuner“ stets erinnert.

Homo sacer und die Zigeuner

In den Verfolgungs- und Internierungsstrukturen der Moderne, extrem zugespitzt im NS, drückte sich Ähnliches aus. Dabei sieht Agamben gerade heute wieder den Ausnahmezustand in einem krisenhaften Verfallsprozess hervortreten, so etwa bei der Zersetzung staatlicher Organisationen in den ehemaligen Ostblockstaaten, die zur Errichtung von Lagern und zu „illegitimen Übergriffen“ (wie zum Beispiel Massenvergewaltigungen) führt; Erscheinungen, die laut Agamben gerade ursprüngliche Voraussetzung für das Recht sind – ein Menetekel für die ganze Welt. Potentiell sind wir für Agamben somit alle homines sacri15.

Agamben verbleibt mit seinen Thesen reduktionistisch auf einer rechtstheoretischen Ebene. Um dem gesellschaftlichen Ganzen gerecht zu werden, wäre es jedoch notwendig, das Verhältnis von Rechtsform und Ausschluß mit Überlegungen zur „Konstitution von Politik und Ökonomie, von abstrakter Arbeit und Staatsmaschine“ in der Moderne zusammen zu denken: Der Raum der „ausschließenden Einschließung, der Reduktion auf das nackte Leben“ hatte in der Frühmoderne noch den Namen des „Hauses“: „Das Armenhaus, Arbeitshaus, Zuchthaus, Irrenhaus, Sklavenhaus – die >Häuser des Schreckens<, in denen exemplarisch für die Gesamtgesellschaft die Einübung in die fremdbestimmte abstrakte Arbeit stattfand, ein in den Lagern der späteren Modernisierungs- und Krisendiktaturen verschärfter Vorgang. Dieser ursprüngliche Ausnahmezustand ist zum modernen Normalzustand geworden, der aller Rechtsstaatlichkeit zugrunde liegt“16.

Die Weltkrise der dritten industriellen Revolution heute unterscheidet sich von früheren Krisen dadurch, dass sich jetzt auch die Souveränität selbst zu „verflüssigen beginnt, weil auch der Raum der einschließenden Ausschließung sich auflöst (...) Die Souveränität in dem Maße, wie sie noch weiter existiert, reagiert darauf reflexhaft mit ihren gewohnten Krisenmaßnahmen, obwohl diese ins Leere laufen“17. Zwangsarbeit, Billiglohn, das Lager, Menschenverwaltung etc. werden nun für die Überflüssigen in der Krise der Arbeitsgesellschaft auf einem neuen Verfallsniveau reaktiviert. Dabei drückt sich jedoch die allgemeine Bedrohung dennoch in Unterschieden der ausgrenzenden Maßnahmen und Ideologien aus. Auch heute wieder „vollzieht sich die einschließende Ausschließung (...) im polaren Muster von Rassismus und Antisemitismus“18.

In diesen Erörterungen fehlt allerdings das spezifisch antiziganistische Syndrom. Neben den Juden waren es aber eben gerade die „Zigeuner“, die nicht nur wie diese als fremdrassig galten, sondern über Jahrhunderte hinweg immer wieder genau im Agambenschen Sinne als vogelfrei erklärt wurden. Über Sinti und Roma wurde in der Moderne eigentlich ein permanenter Ausnahmezustand verhängt, weil man sie als absolutes Gegenbild zum neuzeitlichen Disziplinierungsprozess und zur „protestantischen Ethik“ in der eigenen Gesellschaft konstruiert hat. Obwohl also die Zigeuner „homines sacri“ par excellence sind, wie ihre Verfolgungsgeschichte beweist, werden sie in aller Regel selbst noch in kritischen Darstellungen des Rassismus vergessen; und gerade in diesem Vergessenwerden drückt sich der Umstand aus, dass der „Zigeuner“ gewissermaßen den Homo sacer des Homo sacer darstellt.

Der Antiziganismus ist sozusagen noch der Paria unter den Rassismustypen, und der „Zigeuner“ in der Konstruktion von „Asozialität“ und „Fremdrassigkeit“ der „Abschaum der Menschheit“ (wie es schon im 18. Jahrhundert der „Zigeunerexperte“ der Aufklärung, Heinrich Moritz Gottlieb Grellmann, propagiert hatte) – also „Müll“, der noch unter den Überflüssigen überflüssig ist. Er stellt somit das abschreckende Beispiel schlechthin für den „Normalen“ dar; er zeigt ihm, wohin er kommt, wenn er nicht funktioniert und pariert, sondern sich „wie die Zigeuner“ verhält. Dementsprechend findet man im Hybriditätsdiskurs der Postmoderne kaum die Beachtung von Sinti und Roma. Das Individuum wird auch im Alltag unter einem Schuttberg von Stereotypen begraben, wenn es „zugibt“, zu dieser Gruppe zu gehören. Mag schon in jüdischen Kontexten gelten: „Sag niemand, dass du jüdisch bist“, so gilt dies in bezug auf eine „zigeunerische“ Herkunft erst recht. Laut einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 1994 wollen 68% der befragten Deutschen keinen „Zigeuner“ als Nachbarn haben, jüdische Nachbarn wollen 22% und Afrikaner 37% nicht akzeptieren19.

Struktureller Antiziganismus

Es geht dabei jedoch gleichzeitig um weiter gefasste soziale Prozesse der Krisenverwaltung und der Erfindung von Delinquenz. Heute ist gewissermaßen jeder und jede, selbst und gerade in den berühmten Mittelschichten, vom Absturz bedroht. Eine gewisse Verallgemeinerung des Zigeunerstereotyps in der Krisenverwaltung zeigt sich nicht bloß bei der Denunziation von Hartz-IV-Empfängern und einer Allroundüberwachung (angeblich zum Schutz vor Terroristen) inklusive physiometrischen Ausweisen und digitalisierten Fingerabdrücken. Heute befürchtet potentiell jeder, sich als Bettler oder Vagabund im Elendsviertel wieder zu finden. Es kommt zu einer „Zwangsbohemisierung“ (Diedrich Dietrichsen), aber mit der Verpflichtung zur Zwangsarbeit. Im Kontext der neuen Massenmigration sind Flüchtlinge, die „Stütze“ brauchen, per se schon in der klassischen Zigeunerposition. Auch das Problem der „Papierlosigkeit“ ist in der antiziganistischen Politik bereits vorweg genommen: „Die Methode der Ausgrenzung der Roma in die papierlose Illegalität scheint ein zentrales Strukturmerkmal des Antiziganismus zu sein“21.

Hier verschränken sich allgemeine und spezifisch antiziganistische Maßnahmen der Krisenverwaltung mit einer antiziganistischen Massenideologie. Je mehr die Mittelschichten in die Gefahr des Absturzes geraten, desto mehr erkennen sie sich selber im Prototyp des Überflüssigen und Vogelfreien in den europäischen Gesellschaften, dem „Zigeuner“, wieder22. Wie von einem strukturellen Antisemitismus gesprochen werden kann, der sich nicht zuletzt im Angriff auf die Finanzmärkte und in der Imagination einer Weltverschwörung zeigt, auch wenn von Juden noch gar nicht die Rede ist, so wäre auch von einem strukturellen Antiziganismus zu reden, wenn in der Angst vor dem eigenen Absturz, der Deklassierung, dem Abgleiten in die Asozialität und Kriminalität das antiziganistische Stereotyp implizit wirkt, auch wenn von „Zigeunern“ noch gar nicht die Rede ist. Das Changieren zwischen sozialer Diskriminierung und rassistischer Ausgrenzung macht das Zigeunerstereotyp hierzu besonders geeignet.

Es hat nichts mit einer Verharmlosung des Antisemitismus zu tun, auch von einem strukturellen Antiziganismus zu reden. Beide Formen der ideologischen Projektion verweisen vielmehr in ihrer jeweiligen Spezifik aufeinander, wobei der strukturelle Charakter des antiziganistischen Syndroms jedoch schwerer zu erkennen ist; eben weil es kaum zum Thema gemacht bzw. allenfalls marginal behandelt wird. Müsste sich das moderne Subjekt dabei doch mit seiner Homo-sacer-Angst im Spiegel erkennen. Deshalb schaut es von vornherein weg. Andererseits weiß es schon immer, dass der "Zigeuner" der „Allerletzte“ ist und macht diesem „Wissen“ in Befragungen auch ungeniert Luft. Zwar kommt der „Zigeuner“ so in jedem zum Ausdruck, aber nicht jeder ist ein „Zigeuner“ und wird wie dieser martialisch verfolgt.

Die Linken und der Antiziganismus

Im Kontext einer neuen Barbarei der vom Absturz bedrohten Mittelschichten sprach der italienische Kulturwissenschaftler Claudio Magris vom „Lumpenbürgertum“, noch bevor die antiziganistischen Pogrome virulent geworden waren. Maßgaben der EU gegen diese „Zigeunerpolitik“ dürften wirkungslos bleiben, weil letztlich die einzelnen EU-Staaten zuständig sind, die fast alle mit der „Mittelschichtsdämmerung“ zu kämpfen haben, und ein Bündnis von „Mob und Elite“ (Hannah Arendt) bekanntlich keineswegs ausgeschlossen ist. Man sollte sich auch keine Illusionen machen, was die Linke an Kritik des antiziganistischen Syndroms zu leisten bereit wäre. Man denke bloß an Oskars Fremdarbeitertiraden, die jederzeit antiziganistisch aufladbar sind. Wiederholt ging durch die Presse, dass die aktuelle antiziganistische Ideologie in Italien gerade auch in Stadtvierteln mit hoher „Linkseinstellung“ anzutreffen ist. Dies hat viel mit der traditionellen Zentrierung der Linken auf den biederen und anständigen Lohnarbeiter zu tun, mit dem Affekt gegen das sogenannte Lumpenproletariat als Bodensatz der Gesellschaft, und damit eben auch gegen die „Zigeuner“, die in der rassistischen Aufladung sogar noch unter den „einheimischen“ Lumpenproletariern standen. Derartige Traditionen wirken bis in den heutigen, brüchig werdenden Mittelschichtskontext fort, und zwar nicht bloß in Deutschland und Italien.

Wolfgang Wippermann konstatiert: „Mein Berufsstand, Professoren und Historiker, haben sich mit den Sinti und Roma nicht beschäftigt, weil es als unfein galt und immer noch gilt. Auch die kritische Intelligenz hat versagt, weil sie die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt deutscher Geschichte viel zu lange versäumt hat. Das gleiche gilt für linke Gruppen, denen das Schicksal der Sinti und Roma nicht sehr interessant erscheint“23. Es wird höchste Zeit, dass sich das ändert. Wie man mit dem „Roma-Problem“ in der Linken umgeht, könnte dabei eine Art Lackmustest für eine emanzipatorische Bewegungsrichtung sein. In Italien wurde aktuell einmal mehr deutlich, zu was die von Postoperaisten hochgehaltene „Multitude“ fähig ist24. Der Rekurs auf die „geliebte Bevölkerung“ in der Linken generell sollte jedoch in Deutschland besonders stutzig machen. Und es sollte auch beachtet werden, dass in der Geschichte ein Anschwellen des Antiziganismus auch immer ein Ansteigen des Antisemitismus zur Folge hatte und umgekehrt25.

Anmerkungen




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