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Thomas Meyer


Tranlation [pt]: Big Data e o novo mundo inteligente como estádio supremo do positivismo

Thomas Meyer

Big Data und die smarte neue Welt als höchstes Stadium des Positivismus

Erscheint in exit! Nr. 15 Krise und Kritik der Warengesellschaft.

1. Einleitung: Die Vermittlung von Theorie und Empirie als konkrete Totalität

Ein Einzelnes steht nie unmittelbar für sich selbst, sondern ist, bedingt durch die fetischistische Prozessdynamik der kapitalistischen Gesellschaft, vermittelt durch das fetischistische Ganze. Unmittelbarkeit der Fakten deutet darauf hin, dass keine Kritik an diesen versucht wird, sondern es wird einer Kritik ausgewichen, um es sich beispielsweise im Wissenschaftsbetrieb gemütlich einzurichten. Empirische Befunde sind ohne theoretische Begriffe nicht zu verstehen, wobei beide, Begriffe und die Empirie in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen. Adorno schrieb in seiner Kritik an einer empirisch orientierten Soziologie: »Theoretische Gedanken über die Gesellschaft insgesamt sind nicht bruchlos durch empirische Befunde einzulösen […]. Eine jede Ansicht von der Gesellschaft als ganzer transzendiert notwendig deren zerstreute Tatsachen. Die Konstruktion der Totale hat zur ersten Bedingung einen Begriff von der Sache, an dem die disparaten Daten sich organisieren. Sie muß, aus der lebendigen, nicht selber schon gesellschaftlich installierten Kontrollmechanismen eingerichteten Erfahrung […]; aus der unbeirrten Konsequenz der eigenen Überlegung jenen Begriff immer schon ans Material herantragen und in der Fühlung mit diesem ihn wiederum abwandeln. Will Theorie aber nicht trotzdem jenem Dogmatismus verfallen, über dessen Entdeckung zu jubeln die zum Denkverbot fortgeschrittene Skepsis stets auf dem Sprung steht, so darf sie dabei nicht sich beruhigen. Sie muß die Begriffe, die sie gleichsam von außen mitbringt, umsetzen in jene, welche die Sache von sich selber hat, in das, was die Sache von sich aus sein möchte, und es konfrontieren mit dem, was sie ist. Sie muß die Starrheit des hier und heute fixierten Gegenstandes auflösen in ein Spannungsfeld des Möglichen und des Wirklichen: jedes von beiden ist, um nur sein zu können, aufs andere verwiesen.« (Adorno 2003, 197)

Die Empirie ist also an theoretische Begriffe heranzutragen, welche selbst in Konfrontation mit dieser Empirie geschärft werden sollten. Denn jede Theorie hat ihren »Zeitkern« und Begriffe haben selbst eine Geschichte. Die Empirie nicht zur Kenntnis zu nehmen, kann einen »anachronistischen Zug« zur Folge haben, und die Theoriebildung reduzierte sich dann auf Nostalgie und die Exegese »heiliger Schriften«. Schlimmstenfalls landet man dann bei einer ahistorisch und existentialistisch anmutenden »Begriffshuberei«.1 Auf der anderen Seite ist die Empirie aber nicht in einer Unmittelbarkeit zur Kenntnis zu nehmen, dergestalt, dass jeder Fakt als positiv gegebene Tatsache für sich selbst steht und seine historische Konstitution und Vermittlung mit der gesellschaftlichen Prozessdynamik ausgespart wird. So gibt es zweifellos viele Untersuchungen, die den Wahnsinn kapitalistischer Produktionsweise deutlich beschreiben (wie die Plastikproduktion oder die industrielle Landwirtschaft), aber diese Empirie aufgrund fehlender ökonomie- und gesellschaftstheoretischer Grundierung nur unzureichend erklären können; dementsprechend hilflos und verkürzt fallen dann oft die praktischen Schlussfolgerungen aus. Wenn in solchen Untersuchungen selbst der gesellschaftskritische Impetus noch fehlt, landet man in einer »Faktenhuberei«, die schlussendlich nur noch anerkennen will, was sich durch Graphiken, Statistiken und Zahlen ausdrücken lässt.

In Abgrenzung zur Fakten- und zur Begriffshuberei ist aber darauf zu beharren, empirische Tatsachen in Beziehung zu setzen zur fetischistischen Prozessdynamik des Kapitals, spricht zur Totalität; und zugleich sind die Begriffe, durch die die Totalität ausgedrückt werden soll, auf die Empirie zu beziehen, so dass die Begriffe jenes, auf die sie rekurrieren sollen, mit Schärfe erfassen und es ermöglichen, den inneren und historischen Zusammenhang des Empirischen zu erkennen. Die Totalität ist somit konkret zu denken. (Scholz 2009) Dabei ist zur Kenntnis zu nehmen, dass das Empirische in den Begriffen nicht aufgeht, und im Rahmen der Wert-Abspaltungs-Kritik ist insbesondere zu betonen, dass den verschiedenen Gegenstandbereichen auch eine Eigenqualität zuzuerkennen ist, die nicht unter einer Totalität subsumiert werden können; vielmehr ist von einer gebrochenen, historisch-dynamischen Totalität auszugehen.

Im Folgendem soll es darum gehen, Facetten von Big Data, der Sozialphysik, dem Internet der Dinge und die daran anschließende, eher linksbürgerlich anklingende Kritik auf einer weitgehend phänomenologischen bzw. empirischen Ebene zu skizzieren, die auch zur Kenntnis zu nehmen und nicht einfach nebensächlich ist. Allerdings soll es nicht bei dieser Kritik bleiben; es soll über diese hinaus der Blick auf den gesamtgesellschaftlichen Form- und Prozesszusammenhang entfaltet werden.

2. Einige kritische Gedanken zu der Verwendung von Mathematik in den (Sozial)wissenschaften

Mathematik erhält in der (entwickelten) Moderne den Status von Objektivität, Stringenz und Wertefreiheit. Dieser Status wird auch jenen verliehen, die sich durch sie ausdrücken. Eine Aussage, die sich durch eine Zahl ausdrücken lässt, gilt in unserer modernen Welt als Inbegriff von Wahrheit. Ein Argument hat umso mehr Aussage- und Überzeugungskraft, wenn es auf Quantitäten, also Zahlen und Graphiken, verweisen kann. (Ortlieb 2011) So gelten die Wissenschaften, die mathematisch verfasst sind, wie prototypisch die Physik, als »exakt« und jenen, die es nicht sind, haftet der Makel des Nichtexakten, des bloßen Meinens, ja der Ideologie an.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und spätestens dann im 20. haben verschiedene Wissenschaften angestrebt, sich an der Methodik der Physik zu orientieren, an mathematische Modellierung und Experiment, um damit auch den Status der Exaktheit und der Objektivität zu erlangen mit dem Ziel, den Erfolg der Physik auch auf ihr Métier zu übertragen. Die Vorstellung, den Erfolg des einen Faches durch Übernahme seiner Methodik in ein anderes einfach wiederholen zu können, ist nicht unproblematisch. Denn der Erfolg (wie auch immer dieser bewertet werden mag) hat gewisse Voraussetzungen, die in einem anderen Gegenstandsbereich möglicherweise nicht gegeben sind. In der Regel wird darüber auch nicht reflektiert, denn dazu müsste sich mit der Funktionslogik der Wissenschaften und ihren »Erkenntnisinteressen« (Habermas) bzw. ihren »Erkenntnisidealen« (K. M. Meyer-Abich) auseinandergesetzt werden. Wie wir sehen werden, ist ein unreflektierter Umgang mit Mathematik alles andere als stringent.2

Ein besonders deutlicher Fall dafür ist die Entstehung der Neoklassik seit den 1870er Jahren. Sie hatte es sich zum Ziel gesetzt, die klassische bürgerliche Ökonomie zu überwinden und sich als »exakte« Universitätsdisziplin zu etablieren. Sie orientierte sich an der Physik, genauer gesagt an der klassischen Mechanik. Wie der Neoklassiker Irving Fisher (1867–1947) darlegte, ging es darum, einen an der Hamiltonischen Mechanik3 angelegten Formalismus zu entwickeln, indem gewisse begriffliche Analogien gesetzt werden (Teilchen = Individuum, Energie = Nutzen usw.). (Mirowski 1989, 222f.) Dieser Anspruch und seine Umsetzung hat aber schon einige Kritik erfahren (auch schon vor über 100 Jahren wie von Mirowski beschrieben).

Die Unmöglichkeit des Experiments, das eine mathematisch formulierte Theorie verifizieren oder falsifizieren oder überhaupt die Situation erst herstellen könnte, in der das Modell Gültigkeit unterstellt, ist ein entscheidendes Argument, warum diese Übertragung so nicht funktionieren kann. Daraus folgt zwar nicht, dass Mathematik in der Wirtschaftstheorie nicht doch sinnvoll und Erkenntnis bringend verwendet werden könnte; es ist aber zur Kenntnis zu nehmen, dass mathematische Modelle in der Wirtschaftstheorie im Allgemeinen nicht die gleiche Aussagekraft und Reichweite haben können wie die in der Physik. Allerdings ist bereits auf der Ebene der Modellbildung selbst ein schwerwiegendes Problem festzustellen: Schaut man sich gängige Lehrbücher der VWL an, so kann festgestellt werden, dass Modellannahmen oft nicht ausgewiesen oder überprüft werden, wenn ein Modell auf eine neue Situation angewandt wird. Zudem werden die Modellannahmen immer so gelegt, dass sie in das Konzept des Marktgleichgewichtes passen: ein starres Gleichgewichtsschema wird auf diese Weise allen erdenklichen Phänomenen übergestülpt. Die Modellannahmen werden daher dergestalt gewählt, dass wir immer einen Schnittpunkt zweier gegenläufiger Tendenzen erhalten, dargestellt durch das sog. Marshall-Kreuz4 (würden Modellannahmen ein wenig realistischer gewählt werden, erhielten wir eventuell keinen Schnittpunkt, also kein Gleichgewicht, vgl. Ortlieb 2004a). Weiterhin vermitteln diese Modelle und ihre Annahmen ein ökonomisches Bild, das mit dem realen Kapitalismus, mit industrieller Massenproduktion usw. nichts zu tun hat. Es sind eben kaum mehr als »Marktmärchen«. (Ortlieb 2004b) Von neoklassischer Wirtschaftstheorie wird daher zurecht gesagt, sie sei »mathematisierte Scharlatanerie«. (Ortlieb 2006) Ein möglicher Grund, der die Erklärung liefern sollte, warum eine ganze Wissenschaftsdisziplin methodisch so fragwürdig vorgeht, wurde von Alan Freeman geliefert. (Freeman 2006) So ist ihm zufolge die Neoklassik weniger eine Wissenschaft, die Tatsachen der äußeren Welt erforscht und feststellt, als vielmehr eine quasi-religiöse Lehre, die das Dogma der Harmonielehre des Marktgleichgewichtes zum Inhalt und daher rechtfertigenden Charakter für den Kapitalismus hat. Dieses Dogma ist Freeman zufolge vergleichbar mit dem »Himmel« im Mittelalter. Damit ist aber auch schon angedeutet, dass, wenn angestrebt wird, die Wissenschaften zu kritisieren, es unzureichend wäre, sich nur auf eine immanente Kritik, eine Kritik der Methoden und Ansprüche, zu beschränken.

Objektivität im modernen Sinne, wie sie sich vor allem Naturwissenschaften für sich verbuchen, ist aber nicht gleichzusetzen mit Wahrheit, Gewissheit oder Faktenorientierung. Wie Lorraine Daston und Peter Galison feststellten, heißt objektiv zu sein, »auf ein Wissen auszusein, das keine Spuren des Wissenden trägt«. (Dasten; Galison 2007, 17) Objektivität ist also eine Form von Praxis, die die Subjektivität aus dem Erkenntnisprozess eliminieren soll. Die so verstandene Objektivität ist damit Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und erkennende Praxis der bürgerlichen Subjektform. Der Schein dieser Objektivität besteht gerade darin, dass die wissenschaftliche Praxis scheinbar nichts mit dem erkennenden Subjekt zu tun hat.

Üblicherweise wird über Objektivität und ihre historische bzw. gesellschaftliche Genesis im Wissenschaftsbetrieb nicht oder kaum reflektiert und schon gar nicht wird sie in Frage gestellt.5 Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der »Exaktheit«, dessen Bedeutung sich genau so wenig klar gemacht wird.

Herbert Auinger zufolge ist nicht einzusehen, warum eine nichtmathematische Sprache nicht exakt sein soll, also exakt in dem Sinne, dass die Sprache das, auf was sie verweist, mit klaren Worten und begrifflicher Schärfe trifft. Ironischerweise monieren Philosophen wie Gottlob Frege (1848–1925) die Unvollkommenheit bzw. Unklarheit der Sprache mit sehr klaren Worten. (Auinger 1995)

Wenn von Exaktheit mathematischer Sprache die Rede ist, dann wird sich auf die Kompaktheit des mathematischen Ausdrucks und seine bequeme Handhabung konzentriert. Eine mathematische Sprache sei daher präzise und eindeutig und eine nichtmathematische sei es nicht (unbedingt).

Allerdings ist zu betonen, dass diese Exaktheit sich nur mit jenen Phänomenen verbinden lässt, die einer mathematischen Beschreibung bzw. quantifizierenden Betrachtungsweise zugänglich sind (vgl. den Artikel »Mathematikwahn« von Claus Peter Ortlieb in diesem Heft).

Ein Umschwenken auf die Mathematik und die Handhabung sozialwissenschaftlicher oder ökonomischer Sachverhalte durch Mathematik, auch wenn sie methodisch sauber geschieht, ist aber nicht zu verwechseln mit einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit jenen Sachverhalten, denen eine mathematische Form verliehen werden soll: Auinger zufolge monierten verschiedene Sozialwissenschaftler/innen, die eine Mathematisierung anstrebten oder zu begründen versuchten, dass es so viele verschiedene Theorien in den Sozialwissenschaften gibt, was aber erst einmal inhaltlich nicht gegen sie spricht. Durch Mathematisierung sollte dieser verwirrenden Vielfalt Einhalt geboten werden; für die Wahrheit des Restes bürgen dann Mathematik und formale Logik. Eine Mathematisierung kann daher ihren Grund darin finden, dass sich inhaltlich mit diesen verschiedenen Theorien und ihren Problemen gar nicht (mehr) auseinandergesetzt werden will (oder kann). Das Rechnen kann daher möglicherweise auch als Ersatz für das Denken angesehen werden (bzw. Denken wird auf Quantifizierbares oder zu Quantifizierendes beschränkt). Sicherlich ist die Anwendung der Mathematik in bestimmten Bereichen sinnvoll und dem entsprechenden Gegenstandsbereich angemessen. Aber die Zahlengläubigkeit unserer Zeit kann auch dazu führen, die Mathematik und ihre Anwendung zu überschätzen und alles Andere, das sich womöglich nicht berechnen ließe, der subjektiven Willkür zu überlassen und es als bloße »Spekulation« abzutun.

Der Einwand, dass die Mathematik und die mathematischen Wissenschaften, das quantifizierende Denken nicht zu überschätzen seien, wurde auch schon in früheren Zeiten ausgesprochen. So äußerte sich bereits Hegel6 in seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften: »Hieran schließt sich dann die weitere Betrachtung, daß, indem die Quantität, ohne durch das Denken vermittelt zu sein, unmittelbar aus der Vorstellung aufgenommen wird, es leicht geschieht, dass dieselbe hinsichtlich des Umfangs ihrer Gültigkeit überschätzt, ja selbst zur absoluten Kategorie gesteigert wird. Dies ist in der Tat der Fall, wenn nur solche Wissenschaften, deren Gegenstände dem mathematischen Kalkül unterworfen werden können, als exakte Wissenschaften anerkannt werden. […] Es wäre in der Tat übel beschaffen mit unserem Erkennen, wenn von solchen Gegenständen wie Freiheit, Recht, Sittlichkeit, ja Gott selbst, darum, weil dieselben nicht gemessen und berechnet oder in einer mathematischen Formel ausgedrückt werden können, wir uns, mit Verzichtleistung auf eine exakte Erkenntnis, im allgemeinen bloß mit einer unbestimmten Vorstellung zu begnügen hätten und dann, was das Nähere oder Besondere derselben betrifft, dem Belieben einen jeden Einzelnen überlassen bliebe, daraus zu machen, was er will.« (HW 8, 210f., hier zitiert nach Auinger 1995, 16)

Auch in späterer Zeit wurde sich kritisch zu einer Überschätzung der quantifizierenden Denkweise geäußert, so schrieb Friedrich Nietzsche in der fröhlichen Wissenschaft: »Ebenso steht es mit jenem Glauben, mit dem sich jetzt so viele materialistische Naturforscher zufrieden geben, dem Glauben an eine Welt, welche im menschlichen Denken, in menschlichen Werthbegriffen ihr Äquivalent und Maass haben soll, an eine ›Welt der Wahrheit‹, der man mit Hülfe unserer viereckigen kleinen Menschenvernunft letztgültig beikommen möchte – wie? wollen wir uns wirklich dergestalt das Dasein zu einer Rechenknechts-Uebung und Stubenhockerei für Mathematiker herabwürdigen lassen? Man soll es vor Allem nicht seines vieldeutigen Charakters entkleiden wollen: das fordert der gute Geschmack, meine Herren, der Ehrfurcht vor allem, was über euren Horizont geht! Dass allein eine Welt-Interpretation im Rechte sei, bei der ihr zu Rechte besteht, bei der wissenschaftlich in eurem Sinne […] geforscht und fortgearbeitet werden kann, eine solche, die Zählen, Rechnen, Wägen, Sehn und Greifen und nichts weiter zulässt, das ist eine Plumpheit und Naivität, gesetzt, dass es keine Geisteskrankheit, keine Idiotismus ist. […] Gesetzt, man schätze den Werth einer Musik darnach ab, wie viel von ihr gezählt, berechnet, in Formeln gebracht werden könne – wie absurd wäre eine solche ›wissenschaftliche‹ Abschätzung der Musik! Was hätte man von ihr begriffen, verstanden, erkannt! Nichts, geradezu Nichts von dem, was eigentlich an ihr ›Musik‹ ist!...« (Nietzsche 2009, 285f.)

Hegel und Nietzsche sammeln hiermit Punkte auf, die in einer Kritik einer Überschätzung mathematischer Wissenschaft genannt werden.7 Sie argumentieren dabei allerdings rein erkenntnistheoretisch und eben nicht bezogen auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene und verbleiben damit an der Oberfläche. Demgegenüber ist darauf zu beharren, nicht nur eine unreflektierte und eventuell methodisch unsaubere Anwendung von Mathematik bzw. des quantifizierenden Denkens zu monieren, sondern auch den gesellschaftliche Kontext, in dem diese Anwendung stattfindet, zu kritisieren.

Eine Kritik der mathematischen Naturwissenschaften, allerdings bezogen auf eine gesellschaftstheoretische Ebene, formulierte Claus Peter Ortlieb in seinem Text »Bewusstlose Objektivität«. (Ortlieb 1998) Dort wird u. a. mit Bezug auf Evelyn Fox Keller festgestellt, »dass wir aus irgendeinem Grund vergessen haben, unser eigenes Überleben in die Zielsetzungen wissenschaftlicher Erkenntnis einzubringen.« Das Grundproblem liegt also weniger in einem bloß unreflektierten Umgang mit Mathematik und den »hard sciences«, sondern in einer gesellschaftlich produzierten Objektivität, sprich der fetischistischen Dynamik des Kapitals, die den Lebensinteressen von Mensch und Natur gleichgültig gegenüber steht und alle Welt nur als Substrat für ihre Verwertungsbewegung ansieht.

Mit den mathematischen Wissenschaften, und dem aus ihnen folgenden Fortschreiten in der Erkenntnis, ist eine spezifische Entwicklung von Technologie verbunden, die ja in der Regel in einer Anwendung jener Naturgesetze, Strukturen oder Prinzipien besteht, die durch entsprechende Wissenschaften entdeckt und erforscht werden. Allerdings steht die technische Entwicklung selbst in einem spezifisch gesellschaftlichen Kontext: Dieser besteht unter anderem darin, dass die fetischistische Dynamik des Kapitals solche technischen Entwicklungen begünstigt, die zu einer Einsparung abstrakter Arbeit führen, so dass eine entsprechende Anwendung derselben eine Verbilligung der Produkte und/oder eine Erschließung neuer Märkte zur Folge hat (nicht zu vergessen sind das Militär: Kriegsforschung usw.).8 Die technische Entwicklung erfolgt in genau der Form, samt der dazugehörigen Grundlagenforschung, jedenfalls der Tendenz nach, dass sie Entwicklungen dem Verwertungsimperativ des Kapitals entspricht oder ihm wenigstens entgegenkommt. Dazu gehört aber auch die Setzung des abgespaltenen Bereichs, der die stumme Voraussetzung der Wertverwertung bildet; so wäre beispielsweise der Fordismus wohl kaum ohne die entsprechende Durchsetzung kleinbürgerlicher Familienstruktur möglich gewesen.

Es ist also bei einer durchaus nachvollziehbaren Kritik der Technik darauf zu beharren, dass es hier ursächlich nicht um die »Technik« schlechthin geht, wie es beispielsweise in den Werken von Günther Anders anklingt (vor allem in Antiquiertheit des Menschen I /II), sondern vielmehr um die ihr zugrundeliegende fetischistische Dynamik. So muss etwa aus einer Ablehnung des Individualverkehrs noch lange nicht die Abschaffung des Verbrennungsmotors als solchem folgen. Und dass die ganze Welt mit Mikroelektronik zugeschüttet wird, folgt eben nicht notwendig aus der Erfindung des Transistors, vielmehr liegt die Ursache und Begründung im warenproduzierenden Patriarchat selbst und seiner Gleichgültigkeit gegenüber dem stofflichen Inhalt, den Eigenlogiken der Natur und seiner Grenzenlosigkeit, die Ausdruck findet in der Marxschen Formel G-W-G’ usw. (Cunha 2016, Heintz 1992) Dieser »technologische Totalitarismus«, wie es im bürgerlichen Feuilleton stellenweise heißt, ist daher selbst ein Ausdruck und Folge des Totalitarismus des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses. Das bedeutet aber nicht, dass die Technik nur vom Kapitalfetisch »befreit« werden müsste, ohne selbst bedeutende Änderungen zu erfahren, da ihre Entwicklung und Verwirklichung bereits durch die Verwertungsbedürfnisse des Kapitals geformt sind. Das zeigt sich insbesondere in der teils unsinnigen betriebswirtschaftlichen Umsetzung eines sog. Gebrauchswertes: So wird zwecks Umsatzerhöhung auf einen geplanten Verschleiß, bzw. auf eine geplante Obsoleszenz gesetzt. Beispielsweise wurden reißfeste Strumpfhosen oder langlebige Glühbirnen aus dem Verkehr gezogen, als klar wurde, dass der Markt sonst viel zu schnell gesättigt wäre. (Reuß & Dannoritzer 2013)

Es ist durch die fetischistische Dynamik des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses ein spezifischer Zweck in die Technik gesetzt, der natürlich verändert oder gar obsolet wird, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse und die ihnen entsprechende Subjektform der Menschen im Kapitalismus überwunden werden. Bei manchen Gebrauchswerten bzw. Technologien mag es schwer vorstellbar oder gar absurd erscheinen, dass sie Verwendung in einer befreiten Gesellschaft finden könnten, seien es der Individualverkehr oder Nuklearwaffen. Bei anderen jedoch ist es, aus unserer heutigen Perspektive, nicht unbedingt klar. Das bedeutet, dass Technologien und ihre Umsetzung zwar formvergiftet sind, aber ihre Möglichkeiten in der gesellschaftlichen Form, in die sie hineingezwängt sind, nicht unbedingt aufgehen. Die Fragestellung ist auch deswegen komplex, weil die Vorstufe zur Technologie ein gesellschaftlich vermitteltes Auseinandersetzungsverhältnis mit der unbelebten und/oder belebten Natur ist, das seinen Ausdruck in den heutigen Naturwissenschaften und ihren Denkformen und Praxen findet; es handelt sich um ein Verhältnis zu einem äußeren Natursubstrat, dem aber eine Eigenständigkeit zuzusprechen ist, ein Nichtidentischsein, das sich nicht auf Diskurse, menschliche Interpretation und Zwecksetzungen reduzieren lässt. Andernfalls würde eine totale Verfügbarkeit der Natur beansprucht, die aber nichts anderes ausdrückt, als dass die Natur dem kapitalistischen Verwertungsimperativ überstellt werden soll. Eine Technikkritik ist also mit einer Kritik der Naturwissenschaften verbunden, und beide sind in Beziehung zu setzen mit dem gesellschaftlichen Kontext, in dem diese stattfinden. Ein Anerkennen einer Eigenständigkeit der Natur (die aber nicht mit einer »Naturromantik« zu verwechseln ist) führt mit einer Kritik der gesellschaftlichen Form, die diese negiert, zu einer Art »dialektischen Realismus« (Roswitha Scholz); im Unterschied zu einem »neuen Materialismus« oder einem »neuen Realismus«, der sich zwar vom Poststrukturalismus und seiner Diskursfixiertheit abgrenzt, aber die gesellschaftliche Totalität nicht zur Kenntnis nimmt und daher nicht zu einer Kritik des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses kommt (vgl. dazu den Artikel von Roswitha Scholz in diesem Heft).

So wie die mathematische Wirtschaftstheorie bereits kritisiert wurde, so soll dies im Folgenden auch getan werden bezüglich einem neueren Trend in der Wissenschaftslandschaft: Big Data und die darauf basierende Sozialphysik. Dazu soll zuerst der Anspruch und die Begründung dieser Disziplin angeschaut und dann einer Kritik unterzogen werden.

3. Die Sozialphysik von Alex Pentland

Alex Pentland ist wohl einer der derzeit bekanntesten und einflussreichsten Computerwissenschaftler, die sich mit Big Data beschäftigen. Mit Big Data meint man das Sammeln und Auswerten von Datenmengen in einem Ausmaß, in dem sie in der Geschichte bisher noch nie zur Verfügung standen und daher mit traditioneller Statistik auch nicht mehr handhabbar sind. Alex Pentland stellt nun allgemeinverständlich in seinem Buch »Social Physics – how social networks can make us smarter« dar, was alles so Schönes mit Big Data gemacht und wozu damit geforscht werden kann.

Der Einsatz von Big Data hat das Ziel, das Soziale zu verstehen; die entsprechende wissenschaftliche Disziplin wird dann »social physics« bzw. Sozialphysik genannt. Da sie aber vom menschlichen Inneren abstrahiert, sind ihre Aussagen, wie Pentland anmerkt, grundsätzlich nur probabilistisch. (Pentland 2015, 16) Nichtsdestotrotz ist das Ziel »to build quantitative, predictive models of human behavior in complex, everyday situations«. (Pentland 2015, 12)

Doch wie genau geht das vonstatten und welche Versprechen werden gemacht?

Es ist zunächst ganz simpel: es werden Unmengen an Daten gesammelt »by collecting digital bread crumbs from the sensors from cell phones, postings on social media, purchases with credit cards, and more«. (Pentland 2015, 9) Dazu werden, wie Pentland immer wieder betont, auf den »Smartphones« der Probanden der durchgeführten Studien spezielle Programme installiert, die alles Mögliche aufzeichnen. Auf diese Weise können die Probanden über einen längeren Zeitraum in Echtzeit beobachtet werden, und dabei werden unzählige Gigabytes an Daten produziert. Diese Daten sollen dann helfen zu verstehen, wie eine Idee zwischen Menschen zirkuliert und wie dieser Fluss der Ideen (idea flow) zusammen mit Informationen dazu führt, dass menschliches Verhalten sich ändert (oder geändert werden kann). Dazu wurde auch ein Gerät gebaut, das die vielen Informationen aus verschiedenen Quellen zusammenführt: das »Sozioskop«. Dieses soll Pentland zufolge das Studium des menschlichen Verhaltens genauso revolutionieren, wie etwa das Mikroskop die Biologie revolutioniert hat. (Pentland 2015, 10)

Der entscheidende Unterschied zur herkömmlichen statistischen Soziologie ist, dass hier im Prinzip Millionen Menschen in Echtzeit über einen längeren Zeitraum beobachtet werden können.

Darüber hinaus soll die Sozialphysik einen verstehen lassen, »how this flow of ideas ends up shaping norms, productivity, and creative output of our companies, cities, and societies. It enables us to predict the productivity of small groups, of departments within companies, and even of entire cities. It also helps us tune communication networks so that we can reliably make better decisions and become more productive.« (Pentland 2015, 4)

In der auf Big Data basierenden Sozialphysik geht es darum, aus den Daten Korrelationen herauszufiltern und diese dann mathematisch zu modellieren. Auf diese Weise soll u. a. menschliches Verhalten (oder der Verkehr) prognostiziert und optimiert werden. Dazu werden die Daten von vielen Einzelpersonen und ihrer jeweiligen »peer group« angeschaut, also das unmittelbare soziale Umfeld, die Cliquen usw.

Pentland zeigt einen unbegrenzten Optimismus über die zu erwartenden Resultate der Sozialphysik: »For the first time, we will have the data required to really know ourselves and understand how our society evolves. By better understanding ourselves, we can potentially build a world without war or financial crashes (!), in which infectious disease is quickly detected and stopped, in which energy, water, and other resources are no longer wasted, and in which government are part of the solution rather than part of the problem.« (Pentland 2015, 18f.)

Der Sozialphysik werden wir auch »[a] much better government« zu verdanken haben (Pentland 2015, 138), und dabei kann, wenn ich Pentland richtig verstehe, vom traditionellen Mittel eines politischen Diskurses abgesehen werden. Pentlands Standpunkt kann daher als Indiz dafür gesehen werden, dass die »Gestaltungsfähigkeit« des Kapitalismus durch politischen Diskurs historisch an Grenzen stößt und damit der politische Diskurs als solcher gegenstandslos wird, da dieser sich in den kapitalistischen Realkategorien bewegt und diese heute an ihre absolute Schranke stoßen und sie daher »Gestaltungspotential« nur noch in ihrer Verwilderung mobilisieren können. Robert Kurz sprach daher konsequenterweise von einem »Ende der Politik«. (Kurz 1994)

Unter einer »Idee«, von der oben schon die Rede war, versteht Pentland folgendes: »An idea is a stragegy (an action, outcome, and feature that identify when to apply the action) for instrumental behavior. Compatible, valuable ideas become ›habits of action‹ used in ›fast thinking‹ responses.« (Pentland 2015, 20) Deutlicher lässt sich der instrumentelle Charakter dieser ganzen Veranstaltung gar nicht ausdrücken. Es überrascht auch nicht, wie an verschiedenen Stellen im Buch angeführt, dass durch Anreize (incentives) Menschen dazu gebracht werden sollen, ihr Verhalten zu ändern bzw. zu optimieren. Kritiker/innen sehen genau darin eine intendierte Verhaltensmanipulation. Das intendiert Manipulierende zeigt sich eben darin, wie Pentland mehrfach ausführt, dass das Datensammeln und das Studium der Dynamik in den sozialen Netzwerken es auch ermöglicht, intervenierend einzugreifen »to change the social network«. (Pentland 2015, 5)

Es ist bereits hier leicht ersichtlich, dass sich die Sozialphysik aufgrund des recht engen Horizontes ihrer Begriffe und Methoden nie Gedanken um Emanzipation machen (können) wird; um eine fetischismuskritische Gesellschaftsanalyse erst recht nicht, die für ein adäquates und kritisches Verständnis dieser Gesellschaft notwendig wäre. Es wird sich nur der angeblich objektiv unmittelbar vorliegende Einzelne angeschaut, der dabei nur als ein Informations- und Reizverarbeitungssystem angesehen wird. Der Zugang, durch den beansprucht wird, den Menschen zu verstehen, ist damit ein verdinglichter, einer, der einen Hang zum Totalitären aufweist. Es wird auch davon ausgegangen, dass Menschen als bloße Reizverarbeitungsmaschinen sich passiv manipulieren bzw. sich in eine gewünschte Richtung steuern lassen (sowohl von der Sozialphysik als auch von einigen ihrer Kritiken). Das würde aber bedeuten, dass angenommen wird, dass Herrschaft dem Subjekt nur äußerlich ist und nichts mit einem aktiven Eigenanteil in ihm selbst zu tun hat. Durch dieses Ausblenden der sozialpsychologischen Ebene und das Sich-Kaprizieren auf den Einzelnen und seinen Daten gerät die gesellschaftliche Totalität vollständig aus dem Blick, die für Leute wie Pentland sicherlich nichts anderes als metaphysischer Unsinn ist. Es ist auch konsequent, wenn, wie oben erwähnt, vom menschlichen Inneren abstrahiert wird, da sich dieses wohl kaum mathematisch modellieren oder formalisieren ließe. Es verhält sich ähnlich wie mit dem Behaviorismus früherer Tage. Der Mensch wurde von diesem auch nur als eine zu steuernde und zu kontrollierende Ansammlung von Fleisch angesehen. Nicht zufällig plädiert Pentland dafür, entsprechende größere Feldversuche durchzuführen: »We need to construct living laboratories – communities willing to try a new way of doing things or, to put it bluntly, to be guinea pigs (!) – in order to test and prove our ideas.« (Pentland 2015, 186) Diese Hybris ist nicht allzu überraschend für eine technokratische Weltsicht, wenn Menschen ganz offen und unverblümt als Meerschweinchen bezeichnet werden! Das ist aber kaum als farbige Metapher, sondern viel mehr als eine Drohung zu verstehen. Menschen als Meerschweinchen zu bezeichnen, sie damit zu entmenschlichen, heißt aber nichts anderes, als dass beansprucht wird, sie auch als solche zu behandeln. Dieses Phänomen kennt man auch aus medizinischen Studien, in denen Menschen, die an Experimenten teilnahmen, kollektiv als »Material« bezeichnet und in der Regel entsprechend behandelt wurden. (Pappworth 1967, XI) In besonderer Deutlichkeit zeigte sich diese durch Wissenschaft gestützte Entmenschlichung des Menschen in der Psychiatrie, in der die Menschen effektiv zu einem Stück Gemüse reduziert wurden (bzw. werden9).

Es geht Pentland mit seiner Sozialphysik, wie schon angedeutet, vor allem um Produktivität und wie diese optimiert werden kann. So ist durch entsprechende Studien festgestellt worden, dass der Ideenfluss umso besser ist, je mehr die Leute miteinander kommunizieren bzw. interagieren, was sich positiv auf die Produktivität des Unternehmens auswirkt. (Pentland 2015, 93f.) Wer hätte das gedacht? Auch fällt das Buch durch weitere bahnbrechende Erkenntnisse auf: So ist eine Familie mobiler und interagiert mit einer größeren Vielfalt an Leuten, wenn sie mehr Geld hat. (Pentland 2015, 164) Diese überaus tiefsinnigen Forschungsergebnisse wirken schon einigermaßen lächerlich und trivial angesichts des Elans und des Anspruchs, mit dem Pentland die Big Data-Sozialphysik propagiert. Dieses Phänomen ist ohnehin auffällig und erklärungsbedürftig, dass Wissenschaften, wenn sie mit ihrem technischen und mathematischen Instrumentarium mit Elan beanspruchen, Mensch und Gesellschaft jetzt endlich verstehen zu können, oft mit eher trivialen Resultaten enden, wenn sie nicht gar mehr oder weniger »Mythologie« produzieren, wie es etwa im Fall der Neurowissenschaften festgestellt wurde. (Hasler 2012) Das fiel auch bereits Stanislaw Andreski (1919–2007) auf, der seinerzeit eine Polemik gegen die damaligen Sozialwissenschaften verfasste, hier speziell gegen den Behaviorismus Skinners, die sich auch m. E. auch gegen den digitalen Behaviorismus Pentlands vorbringen ließe: »Das Problem, auf welche Weise das Verhalten von Menschen und Tieren durch Strafen und Belohnungen zu kontrollieren sei, ist in unzähligen Abhandlungen über Strafgesetzkunde, Gesetzgebung, Erziehung, Management und Tiererziehung behandelt worden, angefangen von den Werken von Aristoteles und Konfuzius, um nicht von den zahllosen Sprichwörtern und Weisheiten des Volksmunds zu reden. Es ist immer möglich, etwas Wichtiges und Neues über diesen Gegenstand zu sagen, aber es ist auch sehr schwierig. Aber ein Stückchen pseudowissenschaftlicher Terminologie kann die Leute verwirren und einschüchtern, so dass sie eine höchst vereinfachte und daher weniger gültige Version alter Volksweisheit für eine bedeutende Entwicklung halten.« (Andreski 1977, 72)

Ein Grund, warum ein hoher Anspruch dann doch in eher trivialen Resultaten endet, mag darin bestehen, dass eine technokratische und mathematische orientierte Herangehensweise ihrem zu untersuchenden Gegenstand nicht gerecht wird. Pentland lehnt es zudem ab, sich gesellschaftliche Strukturzusammenhänge anzuschauen. Er lehnt Kategorien wie »Markt« und »Klasse« ab, weil diese ihm zu simpel sind. Natürlich geht es hier nicht darum zu fordern, dass Kategorien wie Klasse oder Markt wieder stark zu machen sind, das würde bestenfalls nur eine Gesellschaftsanalyse und -kritik traditionsmarxistischer Provenienz ergeben. Es ist aber wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, dass Teile der bürgerlichen Intelligenz dabei sind, sich von gesellschaftlichen Begrifflichkeiten endgültig zu verabschieden. Wir sehen damit, dass bei Pentland ein deutlich ausgeprägter methodologischer Individualismus vorliegt. Durch diesen wird aber die Sicht versperrt, soziale Verhältnisse als historisch gewordene zu betrachten, und es ist damit nicht möglich, die gesellschaftlichen Verhältnisse und erst recht die fetischistische Konstitution derselben zu analysieren und in Frage zu stellen. Der Zugang, der einem die Sozialphysik ermöglicht, ist folglich ein technokratischer und herrschaftsaffirmativer, da dieser vor allem jegliches geschichtliches Denken unmöglich macht. Das Feststellen des geschichtlichen Gewordenseins »sozialer Tatsachen«, das eine Grundvoraussetzung für ihre Kritik bilden würde und damit auch die Möglichkeit emanzipatorischer Überwindung derselben, geraten einem durch die Sozialphysik nicht in den Blick.

Das fällt auch einigen Vertretern der bürgerlichen Intelligenz auf. So schreibt der Journalist und Internetkritiker Nicholas Carr zu dieser Herangehensweise, dass »[a] statistical model of society that ignores issues of class, that takes pattern of influence as givens rather than as historical contingencies, will tend to perpetuate existing social structures and dynamics. It will encourage us to optimize the status quo rather than challenge it«. (Carr 2014)

Auch von linker Seite wird moniert, dass durch die Sozialphysik »Herrschaftsverhältnisse unsichtbar« gemacht werden würden (Wagner 2016, 149). Allerdings ist ein Herrschaftsbegriff, wie er insbesondere bei vielen Linken Verwendung findet, der oft eher als ein äußerlicher oder personeller verstanden wird, zurückzuweisen. Dieser klingt auch in diversen linken Kritiken, wie der Wagners, gegen Big Data usw. an. Herrschaftsverhältnisse sind aber vielmehr als Fetischverhältnisse zu begreifen. So schreibt Robert Kurz in dem Text »Subjektlose Herrschaft«: »Die ›Herrschaft des Menschen über den Menschen‹ ist also nicht im kruden subjektiv-äußerlichen Sinne zu verstehen, sondern als umfassende Konstitution einer zwanghaften Form des menschlichen Bewusstseins selbst. […] Der Herrschaftsbegriff ist insofern nicht einfach zu verwerfen, um an seine Stelle den Begriff der Fetisch-Konstitution zu setzen, die das Subjekt und seine Äußerungen zur bloßen Marionette herabsetzen würde. Vielmehr müssen der Begriff der Herrschaft und der Begriff ihres Mediums ›Macht‹ als die Begriffe der allgemeinen Erscheinungsform von Fetisch-Konstitutionen abgeleitet werden, die ihrerseits wieder in verschieden Formen und auf verschiedenen Ebenen praktisch und sinnlich als Spektrum der Repression bzw. Selbstrepression erscheint. Die dem Bewusstsein unbewusste Form seiner selbst erscheint als Herrschaft auf allen Ebenen. In Gestalt der Herrschaft geht das Subjekt als fetischkonstituiertes Wesen real mit sich selbst und mit anderen um. Die objektivierten Kategorien der Konstitution bilden dabei das (jeweilige) Muster oder die Matrix der Herrschaft.« (Kurz 2004, 206f.)

Herrschaftskritik, ob nun im verkürzten Sinne oder als Kritik der Fetisch-Konstitution, ist Pentlands und anderer Sozialphysiker/innen Sache grundsätzlich nicht. Pentland sieht aber immerhin (!), dass die Datenmengen auch missbraucht und gegen die Menschen verwendet werden könnten. Das gilt auch für anonymisierte Daten, da diese meist relativ leicht deanonyminisiert werden können. (Pentland 2015, 228, 204) Deswegen schlägt er allen Ernstes einen »New Deal on Data« vor. (Pentland 2015, 180f.) Also eine Reihe von Maßnahmen, die sicherstellen sollen, dass der einzelne Mensch Souverän seiner Daten bleiben soll, also dass jeder/jede Einzelne verfügt, was mit den eigenen Daten zu geschehen hat. Die Möglichkeit, dieses exorbitante Datensammeln prinzipiell infrage zu stellen und es zumindest denkmöglich zu machen, es womöglich zu beenden (so wie eine Infragestellung des Individualverkehrs seine Abschaffung denkmöglich macht), erwähnt er aber nicht. Stattdessen wird der Eindruck vermittelt, dass technische und wissenschaftliche Entwicklungen als unumgängliche Naturtatsache zu akzeptieren seien, die bestenfalls durch den Staat reguliert werden könnte.

Grundsätzlich wären diese von Pentland skizzierten Maßnahmen schon sinnvoll und das Engagement dafür anzuerkennen. Andererseits ist sein Plädoyer für eine Verteidigung der Privatsphäre (die aufgrund der technischen und sozialen Entwicklung ohnehin am Erodieren ist) wenig glaubhaft, schaut man sich einige der möglichen Anwendungen an: Im Prinzip lässt sich alles überwachen. Für so Etwas sind diese Techniken geradezu prädestiniert, und genau das ist eine wichtige Motivation für ihre Entwicklung. In einem Interview mit »Spiegel-Online« antwortet er auf die Frage, ob er intervenieren würde, wenn eine Familie gesehen wird, in der der Vater zu viel trinkt: »No, never. But we might in the future. The more science is moving forward and the better we understand human behavior, the more you get the obligation to act«. (Pentland 2014) Da deutet sich etwas an, das man als »digitalisierten Paternalismus« bezeichnen könnte; eine Geisteshaltung, die auch im sog. »Nudging« (anstupsen) eine große Rolle spielt. Ich komme weiter unten darauf zurück.

Eine vermutlich in der Tat sinnvolle Sache (oder vielmehr negativ sinnvolle), die mit Big Data gemacht werden könnte, bestände darin, die real existierenden stofflichen Wege der materiellen Produktion zu verfolgen. Allerdings nicht mit dem Ziel, sie kapitalistisch zu »optimieren«, sondern erst einmal ihre vollkommene Verrücktheit festzustellen und zu denunzieren: Es ist an einigen Stellen schon untersucht worden, welche absurden stofflichen Distributionsketten der Kapitalismus aufgrund seiner prozessierenden Dynamik fertig bringt, so etwa bei dem Anbau von Äpfeln, oder der Produktion von Joghurt, wie es Stefanie Böge herausgearbeitet hat. (Böge 1992, 2001)

Das Ziel kapitalistischer Produktionsweise besteht bekanntlich in einer erfolgreichen Kapitalverwertung. Ein Einzelkapital leistet dies, indem es versucht, durch Konkurrenz einen möglichst großen Anteil der gesamtgesellschaftlich produzierten Wertmasse auf sich zu ziehen. Die Konsequenz ist, wie es Marx schon beschrieb, eine wachsende Konzentration des Kapitals. Mit »Je ein Kapitalist schlägt viele tot« wurde es von ihm auf den Punkt gebracht. (Marx 2005, 790) Heute ist dieses Phänomen speziell im Kontext der Globalisierung der letzten Jahrzehnte zu betrachten, d. h. anders als zu Marxens Zeiten sind Kapitalkonzentrationen und Fusionen nicht als Ausdruck eines expandierenden Gesamtkapitals zu verstehen, sondern als Rationalisierungsinvestition im Zuge einer Kontraktion des Gesamtkapitals, als Modus seines Krisenverlaufs. (vgl. Kurz 2005, 288f.)

Aus dieser fusionierenden Dynamik folgt aber auch, dass der »Sieger« den Marktanteil des Totgeschlagenen übernimmt, was zur Folge hat, dass der siegreiche Apfelproduzent dann alle Welt mit Äpfeln beliefert, die eigentlich auch »vor Ort« angebaut werden könnten. Auf diese Weise entstehen immer größere Transportwege mit dem entsprechenden Ressourcenverbrauch, was aber achselzuckend und fatalistisch in Kauf genommen wird. Diese Verrücktheit besteht in stofflicher Hinsicht, nicht in betriebswirtschaftlicher: verwertungslogisch ist diese Absurdität durchaus nicht absurd; sie hat ihren Ursprung in der betriebwirtschaftlichen »Vernunft«, und ihr entsprechend wird diese Welt produktiv verunstaltet.

In einer Kritik der materiellen Resultate des Kapitalismus ist also darauf zu beharren, dass es nicht die stoffliche Ebene schlechthin ist, die zur Umweltzerstörung, zu Ressourcenverschwendung usw. führt, sondern die gesellschaftliche Form, in der die »Gebrauchswerte« sich bewegen müssen, wobei dazu der stoffliche Inhalt der Form gemäß zugerichtet wird. Die wachsende Konzentration des Kapitals und erst recht der »Widerspruch zwischen Stoff und Form« (Ortlieb 2009) kommen einem aber nicht in den Blick, wenn nur der Datenschrott von vielen Einzelnen analysiert wird und alle Welt nur »Optimierung« im Kopf hat.

Wie wir im Weiteren noch mit Deutlichkeit sehen werden, ist die Funktion von Big Data und seinen Anwendungen naheliegend eine sozialrepressive (staatlicherseits und auch seitens des Einzelkapitals), wie es bereits durch Pentland offen und unverblümt angedeutet wurde. Big Data wird daher längst folgenreich als ein Repressionsinstrument eingesetzt, wie die Mathematikerin Cathy O’Neil phänomenologisch in ihrem Buch »Weapons of math destruction« zeigte.10

4. Angewandte Mathematik als Mittel der Repression

In unserer digitalen schönen neuen Welt werden allerhand Daten gesammelt, die dann Platz finden in riesigen Datenbanken. Ausgewertet werden sie durch bestimmte Algorithmen bzw. mathematische Modelle. Auf diese Weise soll errechnet werden, ob ein bestimmter Mensch kreditwürdig ist, ob der/die Bewerber/in eingestellt werden sollte, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, ob ein/eine Verbrecher/in wieder rückfällig wird (!) (und entsprechend fallen Gerichtsurteile aus), wie wahrscheinlich es ist, ob in einem bestimmten Viertel Verbrechen geschehen werden (!). Durch Algorithmen werden auch Evaluationen vorgenommen, die über die weitere Zukunft einer Anstellung als Lehrkraft entscheiden. O’Neil bringt in ihrem Buch allerhand Beispiele vor. Das Perfide an den Algorithmen ist, dass das, was sie tun und wie sie es tun, in der Regel Betriebsgeheimnis bleibt. Das Urteil des Algorithmus ist also absolut, und ein Widerspruch ist nicht möglich. Das bleibt auch in der Regel so, da oftmals diese Algorithmen kein »error feedback« (O’Neil 2016, 133) haben (oder halt nur ein positives Feedback auf sich selbst, »pernicious loop feedback«), das gegenprüfen könnte, ob ein Algorithmus tatsächlich richtig lag. Es ist klar, dass diese Algorithmen damit äußerst repressive Konsequenzen für viele Menschen haben, daher nennt O‘Neil sie auch »weapons of math destruction« (WMD). Diese »Waffen« sind »by design, inscrutable black boxes; [t]hey define their own reality and use it to justify their results. This type of model is self-perpetuating, highly destructive – and very common.« (O’Neil 2016, 29, 7)

Ein Problem dabei ist, dass vielen Menschen (angewandte) Mathematik nicht zugänglich ist und sie daher den Urteilen eines solchen Modells oft hilflos gegenüber stehen. Dazu tragen vielleicht auch die Zahlengläubigkeit und das unkritische Ansehen der »objektiven Wissenschaften« unserer Zeit bei. Aber Modelle dieser Art sind alles andere als objektiv: »A model´s blind spots reflect the judgements and priorities of its creators. […] Models are opinions embedded in mathematics. […] these models are constructed not just from data but from the choices we make about which data to pay attention to – and which to leave out.“ (O’Neil 2016, 21, 218, Hervorh. TM)

O’Neil weiter: »Nevertheless, many of these models encoded human prejudice, misunderstanding […] Like gods, these mathematical models were opaque, their workings invisible to all but the highest priests in their domain: mathematicians and computer scientists. Their verdicts, even when wrong or harmful, were beyond dispute or appeal.« (O’Neil 2016, 3)

Darüber hinaus ist die tatsächliche Vorhersagekraft mancher dieser Modelle äußerst schlecht. So kritisiert Andreas von Westphalen: »Eine aufwendige Studie von Pro Republica […] belegt, dass zumindest ein häufig verwendeter Algorithmus aufgrund der Hautfarbe diskriminiert. Die Studie zeigt auch, dass Genauigkeit der Risikoberechnung zu wünschen übrig lässt: Nur 20 Prozent der Menschen, für die eine Gewalttat vorhergesagt worden war, begingen in den nächsten zwei Jahren tatsächlich ein Gewaltverbrechen. Pro Republica urteilt ironisch, dass – selbst wenn alle Straftaten und Ordnungswidrigkeiten miteinbezogen würden – die Prognose nur unwesentlich genauer als ein Münzwurf sei.« (von Westphalen 2016, 63f.)11

Das entscheidende Problem solcher Algorithmen bzw. Modelle ist, dass sie oft selbstreferentiell sind. So z.B. bei der präventiven Verbrechensbekämpfung. Aus den Datenbanken geht hervor, dass in schwarzen »Problemvierteln« eine hohe Anzahl von Verbrechen festgestellt wurden, vor allem sog. »Drogendelikte«. Der Algorithmus sagt also eine hohe Wahrscheinlichkeit für Verbrechen in diesen Vierteln voraus. Also reagiert die Polizei mit entsprechender Präsenz – und siehe da – es werden zahlreiche Verbrechen festgestellt und damit war der Algorithmus »erfolgreich«. Der Algorithmus schafft sich also eine Interpretation von der Welt, die sich immer selbst bestätigt. Es ist klar, dass hier eine positive Rückkopplung vorliegt, die zu noch mehr Polizeipräsenz führen wird. Auf diese Weise werden die Betroffenen für ihre bloße Existenz gestraft, ihre Armut wird kriminalisiert: »In this system, the poor and nonwhite are punished more for being who they are and living where they live. […] The result is that we criminalize poverty, believing all the while that our tools are not only scientific but fair.« (O’Neil 2016, 97, 91)

Rassistische Strukturen und soziale Verhältnisse werden daher durch Big Data und Algorithmen reproduziert und zementiert, obgleich der Anspruch dieser Algorithmen eigentlich der sein soll, »objektiv« oder gar »fair« zu sein, wie vor allem im Justizwesen angestrebt; ein Algorithmus könne beispielsweise gar nicht rassistisch »urteilen«. Allerdings wird hier vergessen, dass es Menschen sind, die diese entwickeln, die durchaus rassistisch sein können; und selbst wenn sie es nicht explizit sind, wird durch sie eine rassistische und sozialrepressive Realität mathematisch modelliert und mit gewissen gemachten Annahmen wird diese damit reproduziert. (O’Neil 2016, u. a. 24–27) Beispielsweise kalkulieren Risikobewertungsalgorithmen die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls eines Delinquenten, etwa durch Auswertung von Fragebögen. Diese Fragebögen sind aber derart aufgebaut, dass jemand, der in einem »Problemviertel« aufwuchs, notwendigerweise ein höheres Risiko errechnet bekommt. Es mag eingewendet werden, dass rassistische Resultate zwar nicht notwendigerweise aus der Methodik folgen; aber – und das ist entscheidend – bei welchen Annahmen und Fragebögen auch immer, Ziel ist es mit diesen Methoden eine rassistische Realität zu modellieren, mit dem Ziel einer effizienteren und kostengünstigeren Strafverfolgung.

Daher denke ich, dass Big Data und seine Anwendungen an dieser Stelle wohl nur von sekundärer Bedeutung sind; denn hohe Polizeipräsenz in schwarzen »Problemvierteln«, ein »Krieg gegen die Drogen«, eine Masseninhaftierung von Armen (vgl. Wacquant 2013, Meyer 2017) usw. gab es bereits vor Big Data-Zeiten. O’Neils Fokus liegt nicht in der deutlichen Analyse der gesellschaftlichen Ursachen von Rassismus und Kriminalität; sie moniert zwar, dass Big Data und ihre Anwendungen oder einige von ihnen, d.h. die »weapons of math destruction«, die Demokratie gefährden würden; sie stellt aber nicht die Frage, ob Demokratie nicht selbst bereits ein Herrschaftssystem ist und inwieweit angewandte Algorithmen nur eine technische Verlaufsform darstellen, wie der kriselnde Kapitalismus mit seinen Delinquenten, Armen und Herausgefallenen umgeht.

Ähnlich verhält es sich mit dem extrem konservativen Charakter, den das Datensammeln als soziale Konsequenz den Menschen zuweist. Denn durch das Sammeln aller Daten wird der Mensch auf seine Vergangenheit festgelegt: »Big Data processes codify the past. They do not invent the future. Doing that requires moral imagination, and that‹s something only humans can provide.« (O’Neil 2016, 204) Das hängt damit zusammen, dass »mathematical models, by their nature, are based on the past, and on the assumption that patterns will repeat“. (O’Neil 2016, 38)

So konnte jemand einen Job nicht bekommen, nur weil er vor einigen Jahren einen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik hatte. Ein entsprechender Algorithmus filtert solche Kandidaten heraus. Auch dem ist aber zu entgegnen, dass solche Praktiken in früheren Zeiten ebenso üblich waren und ein Algorithmus hier deswegen nicht das primäre Problem sein kann. Heute mag das noch krasser ausfallen, da viel mehr Daten von viel mehr Menschen viel schneller verfügbar sind. Verwertungslogisch ist es allerdings durchaus nachvollziehbar, warum Menschen mit (ehemals) schweren emotionalen Problemen als Bewerber abgelehnt werden, da sie für den Betrieb in der Tat dysfunktional sind oder es sein könnten. Jedes Einzelkapital muss in der Konkurrenz bestehen, was aber auch bedeutet, dass die Personalkosten, wie alle anderen auch, möglichst niedrig gehalten werden sollten. Das Problem ist also nicht ein Algorithmus im ursächliche Sinne (egal wie zutreffend er auch »urteilen« mag), sondern die Anforderung, als Arbeitskraftbehälter bestehen zu müssen und üblicherweise aussortiert oder verwahrt zu werden (auch in »gut gemeinter« pädagogischer und resozialisierender Absicht), wenn dem nicht entsprochen werden kann.

Diese Praxis von algorithmisch bestimmter Herausfilterung ist bei Bewerber/innen mittlerweile üblich: »Such tests now are used on 60 to 70 percent of prospective workers in the United States, up to 30 to 40 percent about five years ago […].« (O’Neil 2016, 108)

Interessanterweise geht es aber oft gar nicht darum, durch das Aussortieren den besten Kandidaten zu finden, sondern vor allem darum, möglich viele schnell und billig loszuwerden. (O’Neil 2016, 109)

Der Kostenvorteil, der dabei anfällt, ist für eine Anwendung dieser Algorithmen das treibende Moment: »For most companies, those WMD’s are designed to cut administrative costs and to reduce the risk of bad hires […]. The objective of the filters, in short, is to save money. […] Replacing a worker earning $50,000 a year costs a company about $10,000, or 20 percent of that worker‹s yearly pay, according to the Center for American Progress. Replacing a high-level employee can cost multiples of that – as much as two years of salary.« (O’Neil 2016, 118)

Allerdings verbleibt O‘Neil auf dieser phänomenologischen Ebene und sucht nicht nach einer Erklärung, warum die Mobilisierung eines Arbeitsplatzes immer höhere Vorauskosten einfordert, warum eine anscheinend überaus große Anzahl von Bewerbungen Unternehmen überfluten und sich als Störfaktor erweisen.

O’Neil stellt, wie erläutert, den sozialrepressiven Charakter von Big Data fest und schreibt folgerichtig, dass Big Data den gleichen Weg zu gehen droht, den die Phrenologie vor einigen Jahrhunderten ging (O’Neil 2016, 121f.), also sich zu einer repressiven Maschinerie fortzuentwickeln (oder wie es besser heißen sollte: die bisherige Repressionsmaschine digital aufzurüsten). Nicht nur deswegen, weil das ganze Prozedere undurchsichtig ist (Betriebsgeheimnis12), sondern weil in vielen Algorithmen bzw. Modellen fragwürdige Annahmen oder Vorurteile mit eingehen, die schlussendlich sozialrepressive Konsequenzen haben. Big Data ist also zurecht, wenigstens zum Teil, als »mathematisierte Scharlatanerie« (Ortlieb 2006) zu bezeichnen.

Nehmen wir an, es würden Algorithmen und Modelle entwickelt, die tatsächlich richtig liegen und das Verhalten von Menschen zutreffend wiedergeben: Was wäre dadurch gewonnen in Hinblick auf die Kritik sozialer Repression? Spätestens dann sollte ins Auge springen, dass eine immanente Wissenschaftskritik, bei aller Notwendigkeit, ihre Grenzen hat und durch eine darüber hinaus gehende Kritik zu erweitern ist. Diese muss eine Kritik der gesellschaftlichen Subjekt-Objekt-Dialektik beinhalten muss, die man in solchen immanenten Kritiken vergeblich suchen wird. So wird beispielsweise in einer Kritik am Modell des homo oeconomicus zwar moniert, dass Menschen sich auf dieses Menschenbild nicht reduzieren lassen, es folglich nicht realistisch sei; andererseits wird daraufhin entgegnet, dass viele Menschen sich tatsächlich in vielen Situation genau so verhalten, als handeln sie diesem Modell entsprechend (andernfalls müssten sie ökonomische Nachteile in Kauf nehmen). (Baumbach 2015, 297f.) Wie ist nun diese »Tatsache« zu verstehen? Der positivistische Wissenschaftsbetrieb würde sich nur bestätigt fühlen, die Modellannahmen wären zutreffend und diese äußere Tatsache wäre damit so sicher wie die frühere Existenz der Dinosaurier oder die Kugelgestalt der Erde. Allerdings ist es eine Tatsache, wobei die Menschen in dieser doch nicht aufgehen, die erst durch das gesellschaftliche Handeln der Menschen selbst hergestellt wurde, und auf sie als Zwang zurückwirkt, sprich eine Tat-Sache, die ihnen als Objektivität gegenüber tritt.

Beschränkt man sich jedoch auf eine immanente Kritik und folgert aus dieser nur, dass naiv oder falsch angewandte Methoden nur mit besseren oder stringenter angewandten konfrontiert werden sollten, dann führt das fast zwangsläufig zu einer anhaltenden Affirmation bestehender Verhältnisse. So ist bekannt, dass diverse Kritiker/innen der Neoklassik schlussendlich nur in der »postautistischen« oder »heterodoxen« Ökonomie landeten, die zwar, ihrem Anspruch nach, realistischere Modellbildung entwickeln wollen, aber genau wie die Neoklassik die bürgerlichen Verkehrsformen, die Arbeit usw. und auch die üblichen wissenschaftlichen Denkformen nicht in Frage stellen.

Die Gefahr einer zunehmenden sozialen Kontrolle, die von Big Data ausgeht, ist auch an anderen Stellen zunehmend in der Diskussion. So haben vor einiger Zeit eine Reihe von Wissenschafltern/innen das »Digital Manifest« veröffentlicht.13 Dieses Manifest möchte auf die totalitären Entwicklungswege aufmerksam machen, die durch Big Data möglich werden. So wird ermahnend auf China und Singapur geblickt, welche uns eine Vorstellung davon geben, wohin die Reise der Digitalisierung führen könnte: »Das nun in China umgesetzte Konzept eines Citizen Scores gibt uns eine Vorstellung davon: Durch Vermessung der Bürger auf einer eindimensionalen Rankingskala ist nicht nur eine umfassende Überwachung geplant. Da die Punktezahl einerseits von den Clicks im Internet und politischem Wohlverhalten abhängt, andererseits aber die Kreditkonditionen, mögliche Jobs und Reisevisa bestimmt, geht es auch um die Bevormundung der Bevölkerung und ihre soziale Kontrolle.« (Digital Manifest 17)

Dabei wird festgestellt, dass wenn Ähnliches auch in den westlichen Demokratien zu Stande kommen würde, es unerheblich wäre, ob es durch den Staat oder durch Privatunternehmen (so wie Google!14) käme. Leider scheint diesen Leuten zu entgehen, dass im Westen solcherart Dinge, wie sie im Zitat angedeutet wurden, schon längst im Gange sind, was nicht erst eine Cathy O’Neil darlegte. (von Becker 2017) Natürlich wird auch nicht zur Kenntnis genommen, dass die sog. Demokratien längst »Postdemokratien« (Colin Crouch) sind, überwachende Ausnahmezustandsregime, in denen tendenziell jedem qua Existenz der Verbrecherstatus verliehen wird; überaus deutlich einzusehen in all den mannigfaltigen Maßnahmen, die nach 9/11 angegangen worden sind. (vgl. Kurz 2003b, Trojanow; Zeh 2010)

Zwei brisante und überaus deutliche Beispiele aus der wunderbaren Welt der Demokratie sollen dazu zitiert werden. Seit 2009 wird in der EU am Projekt namens INDECT gearbeitet und geforscht: »Das computergestützte Überwachungssystem soll automatisiert ›abnormales Verhalten‹ erkennen und Verdächtige per Gesichtserkennung und Datenbankabgleich identifizieren. Dazu werden das Internet und der vorrangig urbane Raum nahtlos überwacht. Informationen aus sozialen und privaten Netzwerken werden mit anderen Datenbanken wie etwa polizeilichen Registern verknüpft, die automatisierte Gesichtserkennung durch Kameraüberwachung kommt zum Einsatz, und auch biometrische Daten aus Personalausweis und Reisepass, die in digitalisierter Form vorliegen sollen, werden herangezogen. […] INDECT ist damit eine weitere Form der Künstlichen Intelligenz. Die konkrete Vernetzung und Auswertung der Daten geschieht – wie könnte es anders sein – hinter verschlossenen Türen. ›Abnormales Verhalten‹ setzen die Projektverantwortlichen mit ›kriminellem Verhalten‹ gleich.«

Dies besteht nicht erst darin, kurz vor dem Knopfdruck »Allahu Akbar« schreiend in die Kamera zu blicken, sondern u. a. »zu schnelles oder zu langsames Gehen, Schreien oder Fluchen, Bewegung in die falsche Richtung, ›Herumlungern‹, Treffen mit vielen Menschen, zu langer Aufenthalt in direkter Nähe eines bestimmten Objektes […]. Ist ein Verdächtiger – und wer würde angesichts der als ›abnormal‹ bezeichneten Verhaltensweisen nicht verdächtig sein? – in das Visier von INDECT geraten, sollen kleinste ferngesteuerte Überwachungsdrohnen mit eingebauten Hochleistungskameras zum Einsatz kommen, die den Verdächtigen identifizieren und verfolgen. Diese Drohnen sind untereinander vernetzt und sollen miteinander ›intelligent und autonom‹ kooperieren, also Drohnenschwärme bilden.« (Jansen 2015, 109f.)

Der nächste logische Schritt wäre es, derartige Drohnen zu bewaffnen und den automatisierten Krieg, wie er u. a. in Afghanistan geführt wird, im goldenen Westen selbst fortzusetzen.

Die »bevölkerungsreichste Demokratie der Welt« – Indien – hat sich Folgendes einfallen lassen: »Das weltweit größte Biometrieprojekt eines einzelnen Staates wird in Indien durchgeführt. Geschätzte 1,2 Milliarden Menschen, ein sechstel der Weltbevölkerung, werden auf dem asiatischen Subkontinent digital erfasst. Das Projekt heißt ›Aadhaar‹ […]. Das Biometrieprojekt sieht konkret vor, dass jedem Inder, ob Paria oder gesellschaftliche Elite, digitale Scans der zehn Fingerabdrücke und beider Irisse sowie ein Foto des Gesichts abgenommen, weiterverarbeitet und in einer digitalen Datenbank gespeichert werden. Jeder Inder soll außerdem mit einer zwölfstelligen ›Unique Identification Number‹ versehen werden. […] Mit der Nummer sind nicht nur biometrische, sondern auch demografische Informationen, wie zum Beispiel Name, Alter, Geschlecht oder auch die Kastenzugehörigkeit (!) verknüpft. Was die nach wie vor rassistische Trennung der Inder in verschiedene Kasten nur noch weiter zementiert […]«. (Jansen 2015, 105f.)

Die zahlreichen Überwachungsmöglichkeiten des Big Data in Kombination mit »künstlicher Intelligenz« eignen sich wunderbar für den permanenten Ausnahmezustand, die soziale Kontrolle und die (präventive) Aufstandsbekämpfung. Dabei ist der Unterschied zwischen der EU und China etwa nur ein gradueller. Den Autoren/innen kommt aber allerdings nicht in den Sinn, dass der digitalisierte Kapitalismus für die oben beschriebenen Zwecke geradezu prädestiniert ist und ein digitaler Kapitalismus ohne diese wohl nicht zu haben sein wird – angesichts der real existierenden sozialen Verwerfungen und der krisenhaften Bedingungen, in denen diese Techniken und ihre Entwicklungen stehen. Dies alles wird aber nicht zur Kenntnis genommen. Totalitär sind halt immer nur die anderen! (vgl. Kurz 2001, 2002a)

Hier ist allerdings noch Folgendes zu betonen: Obgleich diese zahlreichen Überwachungstechnologien die Verwirklichung eines totalen Staates à la George Orwells 1984 suggerieren, sollte dieses Moment auch nicht überbewertet werden. Denn erstens werden diese Technologien vor allem auch von privaten Unternehmen genutzt, spielen also auch auf der Ebene des Einzelkapitals eine große Rolle, und zweitens befindet sich die staatliche Souveränität selbst in Erosion und Verwilderung. Dies zeigt sich zum einen daran, dass der staatliche Sicherheitsapparat verfällt durch das Sich-Angleichen an private Terrorbanden etwa, wie man es beispielsweise in der dritten Welt deutlich sehen kann.15 Zum anderen steht auch der Gewaltapparat unter Finanzierungsvorbehalt, der seine Funktionsfähigkeit wohl kaum unberührt lassen kann: so wird bei gleichzeitiger Ausweitung von Kameraüberwachung immer wieder von Personalmangel geredet, d. h. zum Teil können die Techniken der Überwachung usw. auch als Rationalisierungsmaßnahme verstanden werden. Im Militär ist das noch deutlicher: so wurde in den letzten Jahren der »Drohnenkrieg« deswegen forciert, weil dieser preisgünstiger ist als eine reguläre Intervention, da die »Weltordnungskriege« offenbar an die Grenzen ihrer Finanzierbarkeit stoßen.

Im Fall der Fälle würden diese Technologien zwar genutzt werden, um Aufstände niederzuschlagen und um die »Sicherheit« aufrecht zu erhalten, jedenfalls der Intention nach; aber ob das dann tatsächlich so aufgehen wird, ist mehr als fraglich; nach dem Aufstand würde sich der Ausnahmezustand nur fortsetzen, eine bürgerliche Normalität von »Recht und Ordnung« würde sich wohl kaum einstellen, vielmehr ist ein molekularer Bürgerkrieg, eine Notstandsdiktatur o. ä. zu erwarten. Die Allmacht des Großen Bruders endet in seiner mangelnden Finanzierbarkeit.

Es ist allerdings klar, auch wenn die Autoren/innen es nicht aussprechen, dass diese »filter bubbles« dem Neoliberalismus und seiner Ideologie sehr entgegen kommen, nach der es ohnehin keine Gesellschaft gibt, sondern nur Einzelne, die sich konsumierend auf Märkten bewegen. Und auch dem narzisstischen Sozialcharakter bietet diese Technik einige Wohlfühl-Vorteile; nämlich sich nicht mehr mit der Außenwelt außerhalb des eigens zusammengestrickten Paralleluniversums auseinandersetzen zu müssen. Zu betonen ist, dass auch hier der Technologie nicht ursächlich diese Wirkung angelastet werden sollte, sie verstärkt und setzt fort; narzisstisch und konfliktunfähig sind die Menschen aber auch bereits vorher, und genau das befähigt sie dazu, in ihrer virtuellen Welt, in ihrer »Echokammer« als »User« existieren zu können, ohne dabei zu kotzen.16

Trotz einer gewissen Kritik stellen die Autoren/innen des »Digital Manifests« die Digitalisierung grundsätzlich nicht in Frage (und den Kapitalismus sowieso nicht); denn, wie insbesondere ein gewisser Professor Weikum in einem Interview sagt, ist die »Digitalisierung an sich […] ein evolutionäres Phänomen, das sich schon lange abzeichnet.« Obwohl Andere totalitäre Tendenzen immerhin (!) sehen und kritisieren und daher eine Aussprache für eine gewisse »Regulierung« befürworten, spricht sich Weikum gegen sie aus: »Wissenschaft darf nicht reguliert werden; das wäre wie Zensur im Journalismus oder das Verbot anatomischer Studien durch die Kirche im Mittelalter.« (Digital Manifest 49f.)

Evolution und Mittelalter sind wohl genau die Schlagworte, die mobilisiert werden, wenn der Wissenschaftsbetrieb sich sonst anders nicht zu rechtfertigen weiß. Selbstverständlich wäre es mit einer »Regulierung« nicht getan, aber es ist doch deutlich, wie schnell die Grenze zumutbarer Kritik bei manchen bereits erreicht ist.

Somit meint Digitalisierung de facto die Umsetzung von digitaler Technologie auf allen Ebenen der Gesellschaft (Finanzierbarkeit vorbehalten). Dieser durch die fetischistische Dynamik des Kapitalismus befeuerte »technologische Totalitarismus« ist aber wohl abzulehnen und grundsätzlich in Frage zu stellen!

5. Das Internet der Dinge und die Idiotie des abstrakten Individuums

Ein weiteres Betätigungsfeld für Big Data ist das sogenannte »Internet der Dinge«, zu dem vor allem allerhand Gerätschaften gehören, die sich durch ihre »Smartheit« auszeichnen. Diese besteht darin, dass auf Grund der enormen Verbilligung von Sensoren es nun möglich wird, alle erdenklichen Geräten in der Industrie und privat mit Sensoren auszustatten (und zwar milliardenfach!). Diese kundschaften den Status des Gerätes und seiner Umgebung aus und zeichnen alles auf, was sich durch Sensoren (oder Kameras) aufzeichnen lässt. Durch eine entsprechende Verbindung zum Internet ergibt sich das »Internet der Dinge«.

Auf diese Weise ergeben sich smarte Uhren, smarte Mülleimer und smarte Wasserkocher, smarte Kühlschränke usw. Die Entwicklung derartiger Geräte dient in der Tat dazu, den Konsum möglichst »nachhaltiger« zu gestalten, behaupten zumindest ihre Hersteller. So schreibt Evgeny Morozov in seinem Buch Smarte neue Welt zu smarten Mülleimern: »BinCam, ein neues Projekt britischer und deutscher Forscher, möchte unseren Umgang mit Müll dadurch modernisieren, dass unsere Mülleimer smarter und – Sie haben es erraten – sozialer gemacht werden. Und so funktioniert’s: An der Innenseite eines Mülleimerdeckels wird ein kleines Smartphone angebracht, das jedes Mal ein Foto schießt, wenn jemand den Deckel schließt – natürlich um zu dokumentieren, was da gerade weggeworfen wurde. Eine Gruppe schlecht bezahlter Menschen, die über Amazons Website Mechanical Turk rekrutiert werden, wertet dann jedes Foto aus. Wie viele Dinge sind darauf zu sehen. Wie viele davon können recycelt werden? Wie viele Nahrungsmittel sind dabei? Zusammen mit diesen Informationen wird das Foto auf die Facebook-Seite der Person geladen, der der Mülleimer gehört. Dort können andere User sie anschauen. Die Schöpfer von BinCam hoffen, wenn es in vielen Haushalten smarte Mülleimer gibt, könnte man mit der Hilfe von Facebook aus dem Recycling einen spielerischen Wettbewerb machen. Wöchentlich werden die Ergebnisse errechnet, und wenn die Mengen ans Nahrungsmitteln und recycelbarem Material abnehmen, bekommen die Besitzer (symbolische) Blätter und Goldbarren. Wer die meisten Blätter und Barren sammelt hat gewonnen. Mission erledigt, Planet gerettet!« (Morozov 2013, 20)

Nicht nur dass jede Lebensäußerung von Jedem dokumentiert wird, so ist auch jeder Mensch dazu angehalten, sich und den eigenen Konsum nachhaltigkeitstechnisch (und gesundheitstechnisch) zu optimieren. Weil das noch nicht genug ist, wird daraus auch noch ein infantiles Spielchen gemacht. Letzteres Phänomen nennt Morozov auch »Gamification«. Was eigentlich Gegenstand kritischen Diskurses sein sollte, wird in ein infantiles Verblödungsspiel übersetzt, beispielsweise indem es darum geht, die Menschen dazu anzuhalten, Strom zu sparen, und zwar durch einen in Technik gegossenen » ›Dialog[es] ohne Worte‹ […]. Eines davon ist die Caterpillar (Raupe) – ein Verlängerungskabel (in Form einer kleinen Raupe), das seinen Benutzer zum Nachdenken darüber anregen soll, wie viel Energie durch Geräte im Stand-by-Modus verschwendet wird. Die Raupe hat drei Betriebsmodi: Wenn das eingesteckte Gerät […] angeschaltet ist, atmet die Raupe langsam und stetig; ist es abgeschaltet, tut sie gar nichts; befindet es sich jedoch im Stand-by-Modus, beginnt die Raupe sich wie unter Schmerzen zu krümmen und zu zucken. Werden die Besitzer den Bedürfnissen der Raupe nachkommen, als wäre sie ein Lebewesen?« (Morozov 2013, 539)

Morozov bringt noch mehr Beispiele. Wie smarte Wasserkocher, die rot aufleuchten, wenn sie nicht benutzt werden sollten, da die Belastung des Stromnetzes in dem Moment sonst zu groß wäre. Die smarten Dinge helfen uns also dabei, Strom zu sparen und obendrein etwas für die Umwelt zu tun! Gottlob!

Morozov nannte so einen technokratisch-reduktionistischen und zugleich sozial und historisch vollkommen ignoranten Blick, wie er in dem hier Genannten durchscheint, »Solutionismus«: Die Borniertheit des Solutionisten macht sich dadurch deutlich, dass dieser nur seinen Hammer kennt und überall nur Nägel sieht. (Morozov 2013, 25f.)

Ähnlich gelagert ist auch die Optimierung des Konsums durch »Self-Tracking«, also durch das Aufzeichnen persönlicher Daten, Lebensfunktionen, wie Schlaf usw., das uns dann ermöglichen soll, den persönlichen »CO2-Footprint zu überwachen und unsere eigenen Kohlenstoffdioxidemissionen zu minimieren, indem wir effizientere Produkte kaufen und grünere Transportmittel nutzen.« (Morozov 2013, 546)17

Dass der Konsum nicht »optimal« ist, nicht unbedingt gesund, ist allseits bekannt. Längst wird allerdings nicht mehr dem einzelnen Menschen überlassen, wie viel und was konsumiert wird, sondern es gibt die Tendenz, die längst die Form politischer Maßnahmen oder Agitation angenommen hat, den Menschen durch »subtile Manipulationen« in die vermeintlich »richtige Richtung« (zum Beispiel, indem »ungesunde« Schokoriegel in den Regalen schwer erreichbar werden, im Gegensatz zum »gesunden« Salatblatt, so dass erstere mutmaßlich weniger gekauft werden) zu »schupsen« (Nugding). Es wird von seinen/ihren Anhängern/innen damit begründet, dass die Menschen dazu neigen, sich »falsch« zu entscheiden, und weil sie ohnehin nur Dummköpfe sind, die angeleitet gehören, damit sie vor sich selbst geschützt werden! So offen und unverblümt könnten jedenfalls die Begründungen zusammengefasst werden. Auf diese Weise wird, wie Kritiker/innen monieren, ein neuer, ein »sanfter« oder »libertärer Paternalismus« forciert, der den Bürger/die Bürgerin »entmündigt« und ihn/ihr eine neoprotestantische Askese aufnötigt (mit Kostenvergünstigungen bei Krankenkassen, wenn durch Self-Tracking nachgewiesen wird, dass tatsächlich gesund gelebt wird und jeden Tag mindestens 1000 Schritte gegangen werden). Ein Paternalismus, der den Menschen alles abspenstig machen will, was angeblich oder tatsächlich ungesund ist (wie fettige Currywurst oder Zigaretten). Die sog. »Volksgesundheit« ist demnach nur eine Sache des individuellen Konsums, nicht der Produktion und schon gar nicht der Bedingungen und sozialen Verhältnisse in der Arbeits- und Reproduktionswelt!

Diese unmittelbar abstrakt-individuelle Perspektive, wie sie im Nudging durchscheint, findet sich aber nicht nur in der Sozialphysik oder in der Verhaltensökonomie, sondern auch in den Kritiken des Nudgings, die oft liberale sind. So wird in diesen, um es zusammengefasst zu formulieren, in der Regel auf die »Mündigkeit« des Einzelnen gepocht, auf die »Freiheit der Entscheidung«, es wird statt »Manipulation« »politischer Diskurs« und »Aufklärung« eingefordert: der Einzelne würde dann am besten wissen, was für ihn am besten wäre..18 Aber auch diese Positionen kranken meist daran, dass der Konsum und seine Inhalte auf die vermeintliche Wahlfreiheit des Einzelnen, des »mündigen Verbrauchers«, also auf die Idiotie des abstrakten Individuums heruntergebrochen werden. Was von den Liberalen leider nicht gesehen wird, ist, dass die wunderbare bürgerliche »Mündigkeit« ja auch gerade darin besteht, die Zwangsverhältnisse des Kapitalismus zu verinnerlichen und ihren Imperativen gemäß zu handeln, ohne dass dazu noch ein staatlicher Gewaltapparat notwendig wäre. Die Wahlfreiheit des »mündigen Verbrauchers« ist schlussendlich die Freiheit eines Geknechteten.

Diese hochgehaltene bürgerliche Freiheit ist einerseits inhaltlich beliebig und zugleich zutiefst eindimensional: »Die Freiheit des Denkens, des Produzierens und des Konsumierens enthält […] einerseits eine absolute Beliebigkeit […]. Auf den Inhalt kommt es wieder mal überhaupt nicht an. Insofern sind die Freiheit, das Denken, die Meinung und die Kritik immer schon qualitativ leer; oder ihr Inhalt ist zufällig, äußerlich und im wahrsten Sinne des Wortes unwesentlich. Andererseits enthält dieselbe abstrakte Freiheit aber eine gnadenlose Beschränkung und Ausgrenzung. Ihre gesellschaftliche Form ist in gar keiner Weise beliebig, sondern völlig eindimensional festgelegt; sie definiert alle Beziehungen, denn sie ist, wie Marx eben richtig sagte, zugleich Existenzform und Denkform in dieser Produktions- und Lebensweise. Ihr gegenüber ist nicht mal ein Funken an Kritik zugelassen. Wer sie verletzt, wird eingesperrt; wer sie in Frage stellt, wird für verrückt erklärt. Man darf nur deswegen fast alles, weil man gerade das eine nicht darf, nämlich das Aufbrechen dieses ›Gehäuses der Hörigkeit‹ (Max Weber), der eisernen Form des Dürfens. Die Beliebigkeit des Inhalts von Waren- und Geldbeziehungen bildet ein Zwangsverhältnis ohnegleichen. Das ist das Geheimnis aller Demokratie und Freiheit der Moderne.« (Kurz 2017, 78)

Die Form und der Inhalt des Konsums, des Energieverbrauchs, des Transportwesens usw. sollten in der Tat Gegenstand eines kritischen Diskurses sein. Mit der smarten Technik und auch dem damit einhergehenden Nudging werden diese Probleme allerdings auf die Ebene des Einzelnen und des individuellen Konsums verlagert, somit jeder Kritik entzogen; eine andere Ebene kommt diesen hochgradig unsmarten Leuten nicht in den Blick. Eine Kritik des Konsums oder genauer eine Kritik der materiellen Resultate des Kapitalismus lassen sich aber nur unter Einbeziehung der gesamtgesellschaftlichen Ebene sinnvoll kritisieren, wobei die Formbestimmung und Inhaltszurichtung durch das Kapitalverhältnis, durch die Verwertung des Werts und durch die geschlechtliche Abspaltung, zur Kenntnis zu nehmen sind.

Eine Kritik des Konsums des Einzelnen führt zu nichts, wenn sich nicht einmal angeschaut wird, wie tatsächlich produziert wird. So führte beispielsweise der technische Fortschritt in der Landwirtschaft in den Vereinigten Staaten, genauer gesagt in der Maisindustrie, seit den 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts, nicht nur zu einer Verbilligung von Mais, sondern es ergaben sich »Maisberge«, die nun irgendwie Absatz finden »mussten«. Also wurde von nun an aus Mais ein Zuckerkonzentrat hergestellt, das einer Unmenge von Nahrungsmittel beigemengt wurde. Dieses soll für das hohe Ausmaß an Fettleibigkeit und Diabeteserkrankungen in der US-Bevölkerung verantwortlich sein. Tomasz Konicz schreibt dazu: »Produktivitätssteigerungen in der kapitalistischen Agrarindustrie führen somit nicht zu einer Schonung der begrenzten natürlichen Ressourcen, sondern zum Bemühen, auf Biegen und Brechen neue Nachfragefelder zu schaffen, um den Verwertungsprozess aufrechtzuerhalten – und wenn es der menschliche Körper sein muß, der als Fruchtzuckerhalde mißbraucht wird.« (Konicz 2013, 19)

Der Südwesten der Vereinigten Staaten leidet seit Jahren unter Wasserknappheit. In der Landwirtschaft werden aber nach wie vor genau jene Feldfrüchte angebaut (so wie Mandeln), für die ein hoher Wasserverbrauch von Nöten ist. Statt dass aufgrund der Dürre genau dieser Anbau zurückgefahren und auf andere, weniger wasserintensive Feldfrüchte umgestellt wird, bleibt es trotzdem bei jenen, weil sie eben die profitabelsten sind! (vgl. Konicz 2014)

Es ist also offensichtlich, dass es vollkommen sinnlos ist, im Streben nach Nachhaltigkeit, Gesundheit usw. sich nur den konsumierenden Einzelnen oder das zu kaufende Endprodukt zu betrachten, ohne dabei die gesellschaftliche Ebene miteinzubeziehen. Eine Orientierung am Individuellen, am »Verbraucher«, blickt am Wesentlichen vorbei.

Franziska Baumbach schreibt in ihrer Kritik an der Anthropologie des bürgerlichen Individuums, dabei sich auf Marx beziehend, folgendes: »Gesellschaft als eine Aneinanderreihung von Einzelpersonen zu verstehen, übersieht, dass gesellschaftliche Struktur gerade durch die Verkehrsform, in der die Menschen miteinander umgehen, bestimmt wird. In einer Gesellschaft der freien Konkurrenz, in der die vereinzelten Privatproduzierenden einander sozial durch den Tausch ihrer Waren begegnen, erscheint der Mensch als ein völlig unabhängiges Individuum. Dieses Resultat kapitalistischer Produktionsweise, vereinzelte Einzelne, führt zu einem Weltbild, das sich, Ursache und Wirkung verkennend, ein Bild vom einzelnen Menschen machen will, ohne die gesellschaftlichen Umstände mit zu betrachten.« (Baumbach 2015, 160, Hervorh. TM)

Über Baumbachs Ausführungen hinaus ist mit Robert Kurz zu festzustellen: »Wenn aber dieses Ganze oder der ›Gesamtprozess‹ als Kapitalfetisch oder ›automatisches Subjekt‹ die wirkliche Voraussetzung [ist] und damit die ihren eigenen Akteuren gegenüber verselbstständigte, ihnen entglittene Wesensbestimmung ihres Verhältnisses bildet, dann sind auch die scheinbar ›voneinander unabhängigen‹ Privatproduzenten oder Einzelkapitale in Wirklichkeit ›hinter ihrem Rücken‹ bereits vergesellschaftet, bevor sie empirisch auf dem Markt in Beziehung treten. Sie können als die realen Akteure erst im Nachhinein durch den Markt vollziehen, was objektiv im Vorhinein existiert, nämlich die allseitige Vermitteltheit, wechselseitige Abhängigkeit und tief gestaffelte Funktionsteilung der gesellschaftlichen Reproduktion. Es ist ein umfassender Verkettungszusammenhang von vielfach gegliederten, ineinander greifenden Teilproduktionen, Zulieferungsbeziehungen und Infrastrukturen, der sich durch das Kapital als apriorischer Gesamtkomplex herausgebildet hat. […] Denn auf der Ebene des Einzelkapitals scheint es sich noch um eine handlungstheoretisch erfassbare, im subjektiven Kalkül einigermaßen aufgehende Veranstaltung zu handeln, in der sich unmittelbar Akteure des Interesses gegenüberstehen. Das, was diese Akteure selber konstituiert und was in ihrer bornierten Wahrnehmung nicht als distinkter Gegenstand erscheint, nämlich die vorausgesetzte Entität des ›Gesamtprozesses‹, verschwindet in einer unmittelbaren Tatsachenwelt. […] Was die handelnden Subjekte übersteigt und die reale Verwertungsbewegung ausmacht, ist jedoch das Ganze des ›automatischen Subjekts‹, das konstitutive und transzendentale Apriori, das im Einzelkapital nur erscheint, aber dieses nicht kategorial ist.« (Kurz 2012, 173, 177f.)

Auf der Gesellschaftlichkeit des Individuellen und seine Formbestimmung durch das fetischistische Ganze, ist vor allem dann zu beharren, wenn jede Verantwortung dem Individuum als Einzelnem überantwortet und dabei die gesellschaftliche Totalität unter den Tisch fallen gelassen wird, wie das in den ganzen Debatten um Nugding, Nachhaltigkeit usw. offensichtlich passiert.

Die Einsatzmöglichkeiten smarter Produkte scheinen unerschöpflich, so schreibt Morozov weiter: »Heutzutage können schon Sensoren allein, ohne Verbindung zu sozialen Netzwerken oder Datenspeichern, eine ganze Menge. Für ältere Menschen beispielsweise können smarte Teppiche und smarte Klingeln, die feststellen und melden, wenn eine Person gestürzt ist, eine große Hilfe sein.« (Morozov 2013, 23)

Damit ist auch ein weiterer Bereich für den Einsatz von digitaler und smarter Technik angedeutet: der Pflege- und Reproduktionsbereich. So formuliert Gisela Notz: »Schon sind von japanischen Firmen entwickelte Pflegeroboter mit starken Armen und großen Kulleraugen, die ältere Menschen aus dem Bett hieven und auf den Rollstuhl setzen können, im Einsatz. Es gibt Teddybären mit elektronischem Kern, mit denen Demente kuscheln können, mit künstlicher Intelligenz und Stimmenerkennungstechnologie ausgestattete humanoide Puppen und Plüschtiere, die singen, streicheln und sprechen können und den von interessierter Seite gestreuten Berichten zu Folge von den alten Menschen geliebt werden. Gibt es Probleme, kann der Pflegeroboter das Pflegepersonal informieren.« (Vgl. den Artikel von Andreas Urban in diesem Heft.) Auch ist von smarten Küchen »für die Köchin(!)« die Rede. Damit werden jedoch »[s]tereotype Geschlechterbilder […] nicht abgebaut, sondern modernisiert und neu fixiert.« (Notz 2016, 31)

Natürlich ist auch gerade die Industrie daran interessiert, möglichst viele Gerätschaften mit Sensoren auszustatten. Der Sinn liegt wieder einmal darin, Kosten einzusparen, denn eine Echtzeitüberwachung von Geräten ermöglicht es Firmen, »ihre Aktivposten stärker auszuquetschen. Zweitens besteht […] die Möglichkeit, die zukünftige Zuverlässigkeit der Maschinen und Komponenten vorherzusagen und somit ihre Instandhaltung besser zu gewährleisten.« (Woudhuysen; Birbeck 2016)

Auch Morozov stellt fest, dass Kosten einzusparen ein treibendes Motiv für die Einführung smarter Produkte ist: »Ein Start-up-Unternehmen mit dem hübschen Namen BigBelly Solar möchte die Müllbeseitigung durch Mülltonnen revolutionieren, die mittels Solarenergie und eingebauter Sensoren die Entsorgungsunternehmen darüber informieren, wie voll sie sind und wann sie geleert werden müssen. Damit lassen sich die Wege der Müllfahrzeuge optimieren, was Benzin spart. Die Stadt Philadelphia experimentiert seit 2009 mit solchen Mülltonnen. Mittlerweile hat sie die Zahl der Müllabfuhren von 17 auf 2,5 pro Woche reduziert und die Zahl der Beschäftigten von 33 auf gerade einmal 17. In einem einzigen Jahr brachte das Einsparungen in Höhe von 900000 Dollar.« (Morozov 2013, 23f.)

Bei solchen einzelnen Punkten soll es aber nicht bleiben. Die Vision ist, dass wir alle irgendwann in »smarten Städten« leben werden (von »data-rich cities« schwärmt auch Alex Pentland). Allerdings ist sehr fraglich, wie Rainer Fischbach es darlegt, ob eine mit smarten Gerätschaften ausgestattete Gesellschaft tatsächlich den Energieverbrauch reduzieren würde, denn in die Rechnung miteinbezogen werden müssten auch ihre Produktion und die dazu entsprechende Infrastruktur. Abgesehen davon wäre eine versmartete Welt anfällig für Hackerangriffe, und ein entsprechender Schutz, der noch nicht existiert, wäre sehr aufwendig. (vgl. Fischbach 2015)

Allerdings sind Teile der Infrastruktur bereits »smart«, worauf Morozov ebenfalls verweist: »Autos, die nicht mehr anspringen, wenn der Fahrer betrunken ist; abgeschottete Gemeinden, die keine Eindringlinge dulden; Brücken, von denen man nicht springen kann; exakte Tarifsysteme in öffentlichen Bussen, dank derer der Fahrer kein Wechselgeld mehr benötigt und deshalb seltener überfallen wird […].« (Morozov 2013, 320f.) Oder dass im U-Bahnsystem von New York kein Mensch mehr Zutritt durch Ganzkörpersperren ohne Fahrschein bekommt; Schwarzfahren wird damit unmöglich. (Morozov 2013, 319f.) Letztendlich liegt das Ziel einer Versmartung der Städte vor allem in einer »situativen Kriminalprävention«. Verbrechen und abweichendes Verhalten soll nun dank der smarten Technik endgültig abschaffbar sein, wobei an den gesellschaftlichen Verhältnissen, die diesen womöglich zugrunde liegen, natürlich nichts geändert werden soll. Daran kann man mit Deutlichkeit sehen, dass die Big Data Technologien im Kontext eines Sicherheitsdiskurses und der entsprechenden Knüppelpraxis stehen. Die Konsequenzen einer smarten Infrastruktur bestünden, wie Morozov mit Deutlichkeit betont, einfach darin, dass abweichendes Verhalten und damit Gesetzesbruch zunehmend strukturell unmöglich würden. Dadurch würde Morozov zufolge die Möglichkeit für einen Menschen, moralisch zu handeln, stark eingeschränkt (vergleiche nachfolgenden Exkurs zur Ethik oder Moral in der Gesellschaftskritik). Die Möglichkeit für Gesetzesbruch und abweichendes Verhalten sind aber auf der anderen Seite, wie Morozov ausführt, notwendig, da sie Diskurse und politische Veränderungen anregen können, da in der Geschichte so manche Änderungen durch zivilen Ungehorsam und Widerstand möglich wurden19: In einer smarten Stadt hätte es beispielsweise eine Rosa Parks20 nicht geben können wie Morozov anmerkt. (Morozov 2013, 342f.)

Natürlich genügt es nicht, der Versmartung der Infrastruktur und der damit einhergehenden Einschränkung menschlicher Handlungsmöglichkeiten dadurch zu begegnen, dass auf ein moralisch frei oder autonom handelndes Subjekt verwiesen wird, wie es bei Morozov anklingt. Die Versmartung der Infrastruktur, das Internet der Dinge, die Digitalisierung der Politik sind vielmehr in Hinblick auf ihre Funktion im kriselnden Kapitalismus zu sehen. Die Versmartung hat viel mit Kostenersparnis und der famosen »Sicherheit« zu tun. Ohne Digitalisierung gäbe es angesichts der Krisenverhältnisse halt nur Polizeiknüppel ohne Beschleunigungssensor, was die Gesamtsituation wohl kaum besser machen würde.21

Ähnlich verhält es sich mit einer angestrebten »Automatisierung der Politik«. Dass politische Entscheidungen an Big Data und entsprechenden Computersimulationen herangetragen werden sollen, hat auch vor allem damit zu tun, dass die politische Sphäre als kapitalistische Regulationsinstanz in der Krise längst an ihre Grenzen gestoßen ist und an effektiver Wirkung verloren hat. Es ist vielmehr, wie schon erwähnt, von einem »Ende der Politik« (Robert Kurz) zu reden.

Mit Big Data scheint auch die Hoffnung verbunden zu sein, dass die »Wissenschaften« Politikern/innen Rezepte liefern würden, die bisher womöglich übersehen wurden, und/oder diese Rezepte auf Wirksamkeit durch Computersimulationen überprüfen (ob dadurch etwas Brauchbares herauskommt steht aber auf einem anderen Blatt). Dieses Vorgehen erinnert auch ein wenig an die Ideologie der Transhumanisten, die, um die Probleme der Welt zu lösen, eine Entwicklung künstlicher Intelligenz fordern, die den Menschen überflügeln und ihn ernsthaft als Spezies irgendwann ersetzen soll. (vgl. Meyer 2016)

Eine Kritik der Delegierung »gesellschaftlicher Verantwortung« an Big Data, wie Westphalen sie formuliert (von Westphalen 2016), ist zwar nachvollziehbar, führt aber zu nichts, wenn am Ende womöglich nur ein altbackener (Links-)Keynesianismus eingefordert wird. Vom diesem wird dann eine gewisse »politische Gestaltungsfähigkeit« erwartet. Abgesehen davon, dass auch der Keynesianismus nur dazu diente, die kapitalistische Maschinerie zu regulieren und zu erhalten, ist diese Perspektive längst obsolet und hat nichts mit einer sinnvollen gesellschaftlichen Verantwortlichkeit und Planung zu tun. Das zeigt insbesondere die absurde Wirtschaftspolitik in China, die in »politischer Verantwortung« der Krise, durch eine Investitionspolitik in die Infrastruktur beikommen wollte, die in wenigen Jahren mehr Beton verbrauchte, als in den USA im ganzen 20. Jahrhundert! (vgl. Konicz 2015)

Letztendlich ist eine derartige Entwicklung, wie wir sie beobachten können, aber nur konsequent für eine fetischistische Gesellschaft, die nur allzu blind sich selbst gegenüber ist und die sich selbst nicht zu rechtfertigen und zu begründen weiß (und es nicht einmal mehr versucht). Die smarte neue Welt ist im Endeffekt nichts anderes als der digitalisierte Ausnahmezustand, eine smarte Notstandsordnung, die jedem Problem oder Pseudoproblem22 mit noch mehr Sicherheit, Überwachung und digitaler Technik beikommen möchte. Die Digitalisierung ist kaum mehr als die Reproduktion des kapitalistischen Wahnsinns auf einer höheren Stufenleiter.

6. Exkurs: Zum Problem der Ethik oder Moral in der Gesellschaftskritik

Auch wenn bei Morozov das Problem der Moral im Zuge der Versmartung der Infrastruktur anklingt, kann ihm trotzdem wohl kaum ein moralisierender Standpunkt nachgesagt werden, da ihm in Auseinandersetzung mit dem »Solutionismus« die Komplexität gesellschaftlicher Probleme durchaus bewusst ist (wenn auch nicht im Sinne einer radikalen Infragestellung des Kapitalismus überhaupt).

Nichtsdestotrotz kann davon ausgehend auch auf eine grundsätzlich problematische Argumentationsweise verwiesen werden, nämlich der Appell an Ethik bzw. Moral.

Dieser Appell zeigt sich beispielsweise in den Debatten um »Wirtschaftsethik«, findet sich wieder in allerhand »Ethikkommissionen« (vgl. von Bosse 2010) und gipfelt in absurden Vorhaben, einer »künstlichen Intelligenz« Moral einzuprogrammieren.23

Bei Ethikdebatten ist grundsätzlich Skepsis angebracht. So wird durch diese dem Einzelnen oder einer Institution »Verantwortung« übertragen und ein ethisch korrektes Handeln nahegelegt, wobei die Sachzwänge und umfassenden Zumutungen des Kapitalismus dabei komplett unter den Tisch fallen gelassen werden. Ethik fungiert damit gewissermaßen als »unverzichtbare[s] Schmiermittel« (Scholz 2013, 30) zum Erhalt des warenförmigen Patriarchats und hat die Konsequenz einer Verschleierung oder Verdrängung von Herrschaftsverhältnissen und ihrer fetischistischen Konstitution: Denn Ethik im Sinne von der Propagierung moralischer Maximen des Handelns skandalisiert die Schlechtigkeit bestimmten menschlichen Handelns oder bestimmter technischer Entwicklungen oder Anwendungen derselben, ohne sich aber über die diesen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse auszusprechen. Das schließt allerdings nicht notwendigerweise aus, dass ethische Diskurse und worauf sie inhaltlich zu zielen beabsichtigen Momente des Zutreffenden aufweisen könnten.

Ethikkommissionen begutachten in der Regel jedoch Resultate technischer Entwicklung und schlagen Regulationen oder Einschränkungen vor, sofern sie nicht von vornherein eine legitimatorische Funktion haben, wenn nicht gar eine verharmlosende. Dadurch wird die Vorstellung bestätigt und bekräftigt, dass Forschung und Entwicklung erst einmal als neutral anzusehen, dass ethische Belange diesen nur äußerlich sind und dass sie dort auch nichts verloren haben.

Ähnlich verhält es sich mit Debatten oder Diskursen, in denen es um Gerechtigkeit geht oder um die fehlende Durchsetzung derselben. Auch dort wird eine Kritik des Kapitalismus und seiner realen Basiskategorien ausgespart, und eine Kritik beschränkt sich meist darauf, die fehlende Teilhabe bestimmter sozialer Schichten zu beklagen, wobei dabei weder die Krise der Arbeitsgesellschaft zur Kenntnis genommen, noch wird jenes grundsätzlich und inhaltlich in Frage gestellt, an dem die Benachteiligten teilzuhaben beabsichtigen.

Robert Kurz formuliert in seiner Kritik einer solchen »demokratischen Ethik« folgendes: »Der Ruf nach Gerechtigkeit leitet sich schon dem Namen nach vom Begriff einer funktionsfähigen Rechtssubjektivität ab. Ein ›Recht‹ auf Leben, Nahrung, Wohnung usw. aber ist an sich absurd; es macht nur Sinn in einem gesellschaftlichen Bezugssystem, das seiner Tendenz nach all diese elementaren Grundlagen menschlicher Reproduktion eben nicht selbstverständlich voraussetzt, sondern im Gegenteil ständig objektiv in Frage stellt. Die Rechtsförmigkeit und die Rechte des demokratischen Subjekts sind nur die komplementäre andere Seite des ›wölfischen‹ Wirtschaftssubjekts mit seinem jeder anderen menschlichen Regung baren Geldinteresse. In demselben Maße, wie jedoch mit der Totalisierung der Warenform und ihrer gleichzeitig manifest werdenden funktionellen Reproduktionsunfähigkeit immer mehr Menschen aufhören, Wirtschaftssubjekte dieses Systems zu sein, hören sie auch auf, Rechtssubjekte und damit überhaupt Menschen qua Systemdefinition zu sein. Zwar mag in den relativen Gewinnerökonomien noch eine Zeitlang der Schein von Rechtszuständen aufrechterhalten werden; dieser Schein ist jedoch an die Funktionsfähigkeit sozialer Umverteilungsnetze und damit an das ›erfolgreiche‹ Niederkonkurrieren anderer Weltmarktökonomien gebunden. Substantiell ist jeder Mensch, der auf Dauer kein marktförmiges Wirtschaftssubjekt mehr darstellen kann, nur noch ein Toter auf Urlaub. Die Zustände in den Verlierer- und Zusammenbruchsökonomien bestätigen diese barbarische Logik tagtäglich und in immer brutaleren Formen.« (Kurz 2013, 18)

Ethische oder moralische Debatten, Diskurse über Gerechtigkeit usw. können also als hilflose Versuche verstanden werden, den nicht auf den Begriff gebrachten und somit unverstandenen Barbareien genau dadurch beizukommen, dass durch solche Debatten die gesellschaftlichen Ursachen jener Barbareien verdrängt werden.

Der schizoide Charakter ethischer Debatten wird gelegentlich überaus deutlich: so wird auf der einen Seite immer das neoliberale Selbstunternehmertum propagiert, die Arbeit am Projekt »Ich«, die permanente Selbstoptimierung, um sich in der Konkurrenz vielleicht besser bewähren zu können, und auf der anderen Seite wird moralisch moniert, dass die Menschen so äußerst selbstzentriert sind, narzisstisch und immer wieder vollkommen gleichgültig gegenüber dem Anderen. Der Andere ist in dieser Gesellschaft eben kein Mitmensch, kein Freund, den man noch nicht kennt, sondern mit einem selbst nur ein weiterer Mitbewerber auf der Reise nach Jerusalem. Das auszusprechen wagt aber kaum jemand: immer sollen alle nur »nett« zueinander sein.

Den Kapitalismus theoretisch zu begreifen und radikal infrage zu stellen, geht aber ein »vortheoretisches Apriori« (Robert Kurz) voraus.24 Dieses besteht im Nichteinverstandensein mit den Verhältnissen, mit den Leiden und den umfassenden Zumutungen, die der Kapitalismus mit sich bringt. Aus dem Nichteinverstandensein folgt aber nicht notwendigerweise die Entfaltung einer radikalen Kritik. Es ist beispielsweise zu kritisieren, wenn dieses Nichteinverstandensein selbst die Form eines ethischen oder moralischen Anspruches annimmt. Würde aber ein ethischer Anspruch formuliert werden, dann wäre meines Erachtens nach der Stachel der Kritik zwar nicht notwendigerweise vollständig gezogen, aber doch ziemlich abgestumpft; ein ethischer Anspruch würde sich auf den Einzelnen und sein Handeln kaprizieren (oder auf Institutionen und ihre Mitgliedern) und damit den Horizont der Kritik beträchtlich einengen; schlussendlich käme man u. a. auf »ethisch korrekte Ernährung«, »politisch korrekte Sprache«, lokale Kommunen und Zusammenhänge, »Lifestyle-Anarchismus«25 usw., in denen vermeintliche Alternativen angeblich »herrschaftsfrei gelebt« werden.

Um den Gedanken zuzuspitzen: Auch noch das Nichteinverstandensein mit Auschwitz ethisch untermauern zu wollen, ist nichts anders als eine Perversion. Zwar folgt aus Auschwitz eine bestimmte Praxis, wie Adorno es darlegte, also das Denken und Handeln dergestalt einzurichten, dass Auschwitz oder etwas Ähnliches sich nicht wiederhole, was aber kein ethischer Anspruch ist. (Adorno 2003b, 358) Ethische Ansprüche wenden sich in der Regel an die Menschen als Einzelne, wobei die gesellschaftlichen Verkehrsformen und Verhältnisse vorausgesetzt werden, durch die sie genötigt werden, sich formentsprechend in ihnen zu bewegen; das Nichteinverstandensein mit diesen fordert aber deren radikale Kritik und praktische Überwindung. So ist auch Adornos »kategorischer Imperativ« zu verstehen.

Es sind, wie Marx schon formulierte, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein geknechtetes und gedemütigtes Wesen ist. Denn in der radikalen Kritik ist nicht der Einzelne oder eine Institution Adressat unter Absehung von allen gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern das jetzige Handeln der Menschen, sprich ihre Praxis, wird im Zusammenhang mit einer destruktiven gesellschaftlichen Objektivität gesehen, die eben durch diese Praxis (re)produziert wird, und es wird mit der Kritik beansprucht, dass genau jene Objektivität, sprich die fetischistische Dynamik des Kapitalismus samt der ihr zugrunde liegenden Subjektform, abgeschafft werden müssen. Nur dann ließe sich die Vorstellung eines »friedlichen Miteinanders« von Mensch und Natur verwirklichen.

7. Big Data und das »Ende der Theorie«

Mit »Big Data« ist von einigen konsequenterweise bereits das »Ende der Theorie« ausgerufen worden, und damit ist vermutlich das höchste und letzte Stadium des Positivismus angebrochen: Aufgrund der unglaublichen Datenmengen, die durch Big Data und die smarte neue Welt möglich werden, würden Korrelationen genügen; in Zukunft könnten die Zahlen für sich selbst sprechen; auf Theorie und Modellbildung könnte so verzichtet werden. Diesen Standpunkt vertritt Chris Anderson, der frühere Chefredakteur des Magazins Wired. (vgl. Anderson 2013) Natürlich gab es Widerspruch vom Wissenschaftsbetrieb: Wie in der Physik macht es keinen Sinn, einfach »drauf los zu messen«, es muss bereits ein theoretisches Denken geben, mit dem bestimmt wird, was und mit welchem Ziel gemessen werden soll. (vgl. z. B. Mazzocchi 2015, Boyd; Crawford 2012) So vertritt auch Gerhard Lauer (ein Vertreter der »Digital Humanities«), dass, je mehr Daten zur Verfügung stehen, umso mehr Theorie von Nöten sei. (Lauer 2013)

So anerkennenswert solche Einwürfe gegen das behauptete Ende von Theorie sein mögen, so wenig wird im Allgemeinen der methodologische Individualismus, die moderne Objektivität, die angebliche Neutralität und Ideologiefreiheit in Frage gestellt. Sicherlich gibt es Nischen, Einzelne und kleine Gruppen, die das zum Teil tun, aber bei wissenschaftlichen Großprojekten passiert so etwas ganz sicher nicht. So werden beispielsweise Milliarden investiert, damit die Neurowissenschaft psychische Störungen erforscht, die angeblich nur im Gehirn des Einzelnen ihre Ursache und nichts mit strukturellen Verhältnissen in der Gesellschaft zu tun haben. (Schleim 2016) Es würde daher nicht verwundern, wenn im Zuge der Digitalisierung des Denkens der Wissenschaftsbetrieb bzw. die unternehmerische Uni (und natürlich alle Privatunternehmen, die forschen und entwickeln) einer bodenlosen Ignoranz anheim fallen und sich damit von jeder kritischen Reflexion, oder gar einer bloßen Möglichkeit derselben, endgültig verabschieden. Allerdings war kritische Reflexion in der Wissenschaftslandschaft ohnehin nie hegemonial.

Kritische Einwände, die es gegen Big Data und ihre Anwendungen durchaus gibt (siehe das Digital Manifest), werden konsequenterweise wieder leicht kaschiert, wenn in Aussicht gestellt wird, wie viele ach so tolle neue Arbeitsplätze durch diese möglich werden. (z. B. Helbing; Pournaras 2015) Kritische Reflexion und eine fundamentale Infragestellung der gesellschaftlichen Verhältnisse sind leider nicht selbstverständlich und ergeben sich nicht automatisch durch methodisch saubere angewandte Mathematik oder durch formal logisch einwandfreie Manipulationen von Zeichenketten. Dass theoretische (immanente) Reflexion überhaupt am Verschwinden ist, legt den Verdacht nahe, wie Robert Kurz einmal schrieb, »daß die theoretische Reflexion deswegen verstummt, weil die ihr zugrunde liegende gesellschaftliche Dynamik erlischt.« (Kurz 2002b)26 Damit wäre verständlich, warum diverse Wissenschaftspropheten und Technikevangelisten sich von der Möglichkeit eines Diskurses über den Sinn und die Inhaltlichkeit von Technologie überhaupt verabschieden und meinen, alles sei durch Technik und eine quantifizierende Denkweise allein zu bearbeiten und alle Probleme damit zu lösen.

Das Ausrufen des Endes der Theorie erinnert fatal an das von Francis Fukuyama verkündigte Ende der Geschichte. Nach der Postmoderne scheint mit Big Data die spätbürgerliche Gesellschaft in ein neues Stadium der organisierten Verdummung eingetreten zu sein. Allerdings ist das meines Erachtens auch nicht weiter verwunderlich: Denn in der Postmoderne stürzte die Möglichkeit kritischer Reflexion bereits dermaßen ab, dass diese sich weitgehend auf die sprachliche Ebene beschränkte oder sich einer »Großtheorie« wegen angeblichen Totalitarismus verweigert wurde. Das postmoderne Beliebigkeitsdenken, das Umschwenken auf kulturalistische Argumentationsweisen, das Hypostasieren von Differenzen usw. waren kaum mehr als der Ausdruck geistiger Kapitulation vor den unverstandenen gesellschaftlichen Verhältnissen.

Dass Grundproblem an der forcierten Digitalisierung der Wissenschaften, dem mutmaßlichen »Ende der Theorie«, ist also weniger ein naiver Glaube an Mathematik, Technik und den vielen Daten, durch die angeblich alle Probleme zu lösen sind, sondern die Tatsache, dass es mit kritischer Reflexion, aufgrund der kriselnden Verhältnisse, ohnehin schlecht bestellt ist. Selbst da, wo gesellschaftskritische marxistische Theorie wieder Mode geworden ist, wird aufgrund längst prekärerer Verhältnisse gemäß dem blumigen Spruch »publish or perish« an der Universität einer radikalen Infragestellung der gesellschaftlichen Verhältnisse Abstand genommen, um es sich mit einer möglichen akademischen Karriere nicht zu verscherzen. So ist auch gerade eine durchökonomisierte und reflexionslos gewordene Wissenschaft für digitale Dummheiten gut qualifiziert: Es gilt hier aber nicht Ursache und Wirkung zu verwechseln, sondern es ist, um es nochmals zu betonen, wichtig, Big Data, die smarte neue Welt nicht nur auf einer wissenschaftsimmanenten Ebene zu kritisieren, sondern, wie es hier angegangen wurde, auch bezogen auf eine gesamtgesellschaftliche. Die Kritik würde dann über den Wissenschaftsbetrieb und seine Beschränktheit hinausweisen.

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1 Vgl. die Auseinandersetzung von Robert Kurz mit den Antideutschen: Kurz 2003.

2 Ein reflektierter Umgang mit Mathematik würde die Zurkenntnisnahme ihrer Grenzen und eine erkenntnistheoretische und philosophiegeschichtliche Auseinandersetzung mit ihr beinhalten, aber üblicherweise sind diese im heutigen Wissenschaftsbetrieb marginalisiert, vgl. beispielsweise Rießinger 2010; ausführlich: Bedürftig; Murawski 2015, sowie Heintz 2000.

3 In der Hamiltonischen Mechanik, benannt nach William Rowan Hamilton (1805–1865), wird ein mechanisches System durch die Hamiltonfunktion definiert, die gewissermaßen die Gesamtenergie des Systems darstellt, ausgedrückt in generalisierten Koordinaten und generalisierten Impulsen, vgl. Penrose 2007, 471f.

4 Benannt nach dem Ökonomen Alfred Marshall (1842–1924).

5 Dieser Punkt könnte noch weiter ausgeführt werden. Aus Platzgründen und weil das ein eigenständiger Text werden würde, kann das an dieser Stelle nicht geleistet werden. Mit der Eliminierung des subjektiven Faktors wird in der Regel das persönliche Vorurteil benannt, aber tatsächlich geht sie weit darüber hinaus: u. a. das Externalisieren von ethischen Belangen; eine (cartesische) Subjekt-Objekt-Spaltung, die Abspaltung des »Weiblichen« (Gefühle, Leib) usw. Vgl. dazu Ortlieb 1998, sowie beispielsweise: List 2008, Braun; Kremer 1987 und Pernkopf 2006.

6 Vgl. zu Hegel: Späth 2013 und 2014.

7 Das Nietzsche-Zitat bringt auch Evgeny Morozov in seinem Buch »Smarte neue Welt«, von dem später noch ausführlicher die Rede sein wird.

8 Es gibt noch weitere Zielsetzungen, die sich zwar aus dem Imperativ der Kapitalverwertung ergeben, aber sich nicht einfach unter dem Aspekt der Einsparung abstrakter Arbeit subsumieren lassen, vgl. Becker 2017.

9 Es mag sein, dass reformbedingt die Zustände in den Psychiatrien heute nicht mehr dergestalt sind, wie es etwa im Film »Einer flog über das Kuckucksnest« (1975) dargestellt wurde. Nichtsdestotrotz ist auch heute noch die Psychiatrie ein Instrument der Repression: etwa dann, wenn gegen nicht »vermittlungsfähige« Hartz-IV-Empfänger/innen psychiatrische Gutachten verfasst werden, vgl. Allex 2015.

10 Zu erwähnen und zu kritisieren wäre noch, dass O’Neil eine Aktivistin von Occupy Wall Street (war). Nichtsdestotrotz nehme ich ihre kritischen Ausführungen zur Big Data hier zur Kenntnis.

11 Vgl. auch das Radio-Interview: www.freie-radios.net/79689.

12 Es geht in der Kritik natürlich nicht darum zu verlangen, dass die Menschen freien Zugang zum Programmiercode selbst haben müssten, den Nichtexperten/innen ohnehin nicht nachvollziehen können. Es geht O’Neil aber darum zu kritisieren, dass in der Regel nicht klar ist, nach welchen Kriterien und Maßstäben überhaupt ein Algorithmus sortiert und beurteilt.

13 www.spektrum.de/pdf/digital-manifest/1376682.

14 Zur Kritik von Google vgl. Edel 2016.

15 Vgl. Konicz 2016, insbes. 51–80: »Der Zusammenbruch der Peripherie«, sowie Angaben in Fußnote 21.

16 Zum narzisstischen Sozialcharakter vgl. Wissen 2017.

17 Weiteres zum Self-Tracking, Life-Logging, der Quantified-Self-Bewegung vgl. beispielsweise: Selke 2014, Lupton 2016 und Schaupp 2016. Alle verbleiben zwar eher auf einer empirischen Ebene, Schaupp allerdings analysiert auch die geschlechtliche Konnotierung des Self-Trackings.

18 Vgl. dazu verschiedene Texte auf: www.novo-argumente.com/thema/nudging. Vgl. auch die »12 Thesen für den mündigen Verbraucher«, www.novo-argumente.com/unser_leben_gehoert_uns/manifest_fuer_den_muendigen_verbraucher.

19 Um Missverständnissen vorzubeugen sei es hier explizit noch einmal betont: Morozov geht es hier nicht um illegale Taten, die darauf abzielen, gesellschaftliche Veränderungen herbei zu bomben! Es geht darum, dass eine smarte oder automatisierte Infrastruktur die menschlichen Handlungsmöglichkeiten dahingehend einschränkt, dass bestimmte »Alltagssünden« unmöglich werden; oder auch Verstöße gegen die »Rassenordnung« oder vergleichbares. Denn solche Verstöße könnten einen Diskurs darüber ermöglichen, ob bestimmte Gesetze nicht doch sinnvollerweise geändert werden könnten, wie beispielsweise armutsbedingtes Schwarzfahren dazu führen könnte, den öffentlichen Verkehr steuerlich zu subventionieren o. ä., oder illegaler Alkohol- oder Cannabiskonsum zu einer Änderung einer Prohibitionspolitik führte oder führen könnte.

Das heißt aber nicht, dass das hier als Aufruf zu kriminellem Verhalten zu verstehen ist, obgleich es durchaus sinnvoll war oder wäre, den Straftatbestand bestimmter Handlungen infrage zu stellen oder abzuschaffen; wie es beispielsweise bei der Homosexualität der Fall war (oder ist, je nach dem wo); bis 1994 galt hierzulande bekanntlich §175 StGB.

Kritische Einwände zum bestehenden (Straf)Recht sollten aber in Zusammenhang mit einer grundsätzlichen Kritik dieser Gesellschaft verbunden werden, gerade wenn es darum gehen sollte, einer »populistischen Kriminologie« (Cremer-Schäfer; Steinert 2014) auf der einen Seite und zugleich auf der anderen Seite den sozialen Bedingungen und den sozialen Identitäten von Kriminellen mit Kritik zu begegnen. Kriminelles Verhalten (wie Eigentumsdelikte, Schwarzfahren) sind alles andere als »subversiv«, sondern nichts anderes als die Fortsetzung der Konkurrenz mit anderen Mitteln.

20 Rosa Parks (1913–2005) wurde am 1.12.1955 verhaftet, weil sie in einem Bus, ihren Sitzplatz, der für Weiße reserviert war, nicht verlassen wollte. Wäre der Bus damals »smart« gewesen, hätte sie sich auf einen »weißen Platz« womöglich nicht hinsetzen können, da so etwas technisch verunmöglicht würde, z. B. dadurch, dass der Sitz die Hautfarbe des Menschen durch entsprechende Sensoren erkennt, der beabsichtigt sich zu setzen. Direkte Verstöße gegen die »Rassenordnung« (und entsprechend dieser war die Infrastruktur ausgerichtet) waren ein wichtiger praktischer Bestandteil der Bürgerrechtsbewegung.

21 Eine Tendenz zum Ausnahmezustand ist bereits hergestellt durch die Bestimmung eines »Gefahrengebietes«, vgl. www.cilip.de/2014/10/05/gemeingefaehrlich-gefahrengebiete-bescheren-der-polizei-sonderbefugnisse, vgl. auch Montseny 2016. So etwas funktioniert bekanntlich auch ohne smarte Technik. Smarte Technik im Polizeibereich ist anzusehen als eine technische Rationalisierungsmaßnahme zur Unterstützung, Beschleunigung und Verbilligung von »Sicherheit und Ordnung«. Ohne diese Techniken würden der Polizeistaat und der Ausnahmezustand aber nicht verschwinden, da das »Sicherheitsproblem« Ausdruck der Krise des Kapitals ist. Das zeigt sich anhand der Banden- und Racket-Bildung in Problemvierteln der sozial Überflüssigen bis hin zum »failed state« usw., vgl. Pohrt 1997, sowie Bedszent 2014.

22 Morozov nennt auch Beispiele für Pseudoprobleme, also Probleme, die nur in den Köpfen der »Solutionisten« existieren. So ist beispielsweise durch Self-Tracking, Big Data usw. prinzipiell möglich, nahezu jedes Detail eines Lebens aufzuzeichnen. Auf diese Weise wird plötzlich die Möglichkeit des Vergessens überhaupt (!) als Problem angesehen, das abgeschafft gehört! Hierbei wird der autoritäre Anspruch eines totalitären und androzentrischen Verfügbarkeitswillens über alles deutlich. Es ist daher auch kein Zufall, dass die Agitatoren der »Life-Logging-Bewegung«, wie Garry Wolf, Steve Mann oder Gordon Bell, Männer sind.

23 Deutlicher kann Verdinglichung nicht sein, dass einer Maschine menschliche Qualitäten zuerkannt werden. Das hat aber auch damit zu tun, dass der wissenschaftliche Blick auf den Menschen ohnehin stark reduktionistisch ist, vgl. Bächle 2014.

24 Vgl. den Vortrag von Robert Kurz und die Diskussion »Die Geschichte der Wertkritik – Zum historischen Bedingungszusammenhang von Theoriebildung« (2010).

25 Allerdings wurde dieser von den Klügeren der Anarchisten/innen scharf kritisiert: So von Murray Bookchin (1921–2006) in: Bookchin 1995. Darüber hinaus kritisierte Bookchin u. a. die Theoriefeindlichkeit großer Teile der anarchistischen Szene, die Verkitschung angeblich ursprünglich und herrschaftsfrei lebender »Naturvölker«, und eine ahistorische »Technikkritik«, John Zerzans beispielsweise, die Technik als solche ablehnt und allen Ernstes zurück vor die neolithische Revolution (!) will.

26 Dass kritische (immanente) Reflexion am Verschwinden ist, heißt aber nicht, dass es auch für Ideologieproduktion gilt: vielmehr ist festzustellen, dass der Wissenschaftsbetrieb selbst zunehmend ideologisch verwahrlost bzw. verwildert. Festzustellen ist diese Behauptung beispielsweise an solchen Leuten wie Franz Hörmann, ein Ökonom, der inzwischen finanzpolitischer Sprecher der Partei »Deutsche Mitte« ist (Stand: Sommer 2017). Übrigens eine Partei mit ethischem Anspruch (!).




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