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Tomasz Konicz


Dieser Text erschien bereits am 13.05.2018 auf Telepolis.
Übersetzung [pt]: Marx é que está a dar, no trabalho, no desporto e a brincar

Tomasz Konicz

Marx macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel

Die aktuelle Marx-Jubiläum legt vor allem eins offen: den zunehmenden Konservatismus innerhalb einer Linken, die sich verstärkt dem reaktionären Zeitgeist anpasst.

Endlich, beim Blick zurück ins 19. Jahrhundert, scheint die Linke zumindest kurzfristig so etwas wie öffentliche Relevanz zu erfahren. Karl Marx würde 200 Jahre alt – und da müssen schon alle relevanten Medien, die ansonsten die üblichen Sachzwänge legitimieren, irgendeine Form von Würdigung veröffentlichen.

Der Hype um Marx, befeuert durch einen krisenhaften Spätkapitalismus, der alle antikapitalistischen Klischees früherer Jahrhunderte zu bestätigen scheint, geht einher mit den üblichen Strategien der Domestizierung eines kritischen Theoretikers, wie sie der Mainstream routinemäßig bei solchen Anlässen einschlägt. Es wird der Fokus aufs Biographische, auf den „Menschen“ Marx gelegt, wie etwa bei der ZDF-Produktion zu Karl Marx, die den Verfasser der Deutschen Ideologie1 - ganz im rechtspopulistischen Zeitgeist - als einen „deutschen Propheten“ bezeichnete. Man erfahre in dem Dokudrama viel über die Familie, über seine Geldsorgen, die Todesfälle und den „immerwährenden Vorwurf, Marx habe sich mehr um seine Studien und die Politik gekümmert als um die Seinen“, hieß es in einer Rezension.2 Marx Werk – das gerade diesen Theoretiker berühmt machte – wurde in der ZDF-Produktion hingegen „sehr vernachlässigt“.

Der Marx von nebenan

Dieses kulturindustrielle Bemühen, dem Medienpublikum Marx als Menschen „näherzubringen“, geht somit mit einer inhaltlichen Unschärfe bezüglich seiner Theorie einher, sodass ziemlich jeder auf den Marx-Zug aufspringen kann. Zumeist reichen die Verweise auf Irgendwas mit sozialer Ungleichheit, Globalisierung oder den Krisen des Kapitalismus, um dann Teil des Medienhypes zu werden. Sobald diese formelle positive Bezugnahme auf Marx erfolgt, ist Heutzutage – wo kurze Youtube-Videos3 die mühselige Textarbeit an den Originalen ersetzen - so ziemlich alles möglich.

Selbst die SPD will nun Marx wiederentdeckt haben, der laut Andrea Nahles „die Notwendigkeit einer demokratischen Politik der schrittweisen Verbesserung der Lebensverhältnisse“ gesehen haben solle.4 Der „Kommunismus“ in der Ära des Kalte Krieges habe diese angebliche Erkenntnis des Autors des Kommunistischen Manifests nur „verdunkelt“, so die orwellsche SPD-Marxistin, die in einem Tweet5 auch noch behauptete, dass Marx die Hartz-IV-Partei SPD „wie kein anderer“ geprägt habe.

Weitaus weiter links als die SPD (und weite Teile der Linkspartei) steht derzeit die katholische Kirche unter Papst Franziskus, der - im Gegensatz zu Nahles oder Lafontaine - immerhin eine einigermaßen brauchbare Kapitalismuskritik formulieren kann.6 Folglich schien es gerade die Namensverwandschaft mit dem kämpferischen Atheisten („Religion als Opium des Volkes“) zu sein, die Kardinal Reinhard Marx dazu prädestinierte, in Zeitungsinterviews seinen Namensvetter als „scharfsinnigen Analytiker des Kapitalismus“ zu preisen – und zugleich Werbung für die katholische Soziallehre zu machen, die „ja die marxistische Analyse des Kapitalismus und der Gefährdungen, die daraus entstehen, nie bestritten“ habe.7

Und auch die FDP weiß Karl Marx als den großen liberalen Denker zu würdigen, der hochaktuell bleibe.8 In einem Zeitungsinterview erklärte der FDP-Politiker Kubicki, er möge Marx wegen seines Hangs zum Freihandel. Laut der FDP-Größe würde Marx heutzutage „für Freihandelsabkommen wie Ceta“ stimmen. Dennoch scheute Kubicki auf Nachfrage davor zurück, Karl Marx posthum die FDP-Mitgliedschaft zu verleihen: „Das wäre wohl etwas übertrieben.“

Marx in der Kritik

Nur der Springer-Verlag wollte beim großen Marx-Kuscheln nicht mitmachen, das nun – quasi klassenübergreifend – das Marx-Gedenken in der Bundesrepublik prägt. Die Angestellten Friede Springers (geschätztes, sicherlich sehr hart erarbeitetes Vermögen: 5,4 Milliarden Dollar)9 schimpften Marx einen Schmarotzer,10 dessen Texte „Knoten im Gehirn“ verursachten - und der für hunderte von Millionen Toten verantwortlich sei, die seine Thesen verursacht haben sollen.

Dabei wäre eine kritische Auseinandersetzung mit dem widersprüchlichen marxschen Theoriegebäude - gerade angesichts der aktuellen Marxwelle, die alles in postmoderner Beliebigkeit zu ertränken droht - von zentraler Bedeutung für eine radikal antikapitalistische Theorie und Praxis. Doch kann diese theoretische Arbeit, bei der anachronistische Teile der marxschen Theorie entsorgt würden, nur von der Linken in dem Bemühen geleistet werden, den Marxismus auf die Höhe des 21. Jahrhunderts zu heben.

Wenn ihm der Tag lang wurde, konnte nämlich auch ein Karl Marx viel Unsinn von sich geben. Und das nicht zu knapp: Die Marx’sche Teleologie, wonach der Sozialismus/Kommunismus den Kapitalismus mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes quasi automatisch beerben würde, wirkt angesichts der jüngsten Geschichte – wie auch der aktuellen, ins Barbarische tendierenden Krisenentwicklung – eigentlich nur noch peinlich. Der Klassenkampf, von Marxisten aller Couleur als zentraler zur Hebel zur Überwindung des Kapitalismus postuliert, erweist sich selbst bei einem flüchtigen Blick auf die Sozialgeschichte der vergangenen 200 Jahre als binnenkapitalistischer Verteilungskampf - und somit als ein Mittel zur Integration der Arbeiterklasse in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft in deren historischer Aufstiegsphase.

Und es lässt sich folglich mit Fug und Recht fragen, wann sich das werte Proletariat endlich dazu bequemen wird, seiner historischen Mission als revolutionäres Subjekt nachzukommen, die ihm Marx und Engels zugewiesen haben. Viel Zeit, besagte „historische Mission“ zu vollenden, bleibt der lieben Arbeiterklasse angesichts rasch voranschreitender Automatisierung nicht. Die gegenwärtige krisenhafte Entwicklungstendenz kulminiert ja eher im Aufkommen einer ökonomisch überflüssigen Menschheit – siehe Flüchtlingskrise.

Marx is‘ muss

Und dennoch: Marx is‘ muss. Ohne die Mar‘xsche Theorie ist die gegenwärtige spätkapitalistische Welt schlicht nicht zu begreifen. All die disparat erscheinenden Verwerfungen, all die verwirrenden Krisentendenzen, all das um sich greifende Chaos (Massenelend, Kriegsgefahr, Flüchtlingskrise Neue Rechte, Klimachaos) – sie lassen sich dank des klassischen Kerns Marx’scher Theoriebildung auf einen theoretischen Nenner bringen. Die große theoretische Erzählung, deren bloße Möglichkeit in der Postmoderne mit ihrer »neuen Unübersichtlichkeit« (Habermas) rundweg geleugnet wurde, sie kann eine Marx’sche Theorie auf der Höhe des 21. Jahrhunderts immer noch leisten. Und es ist keine schöne Story – aber dafür ist es eine wahre Story.

Hierfür muss Marx als Theoretiker begriffen werden.11 Die Überwindung des Marxismus als hippes identitäres Modeutensil, oder als anachronistische orthodoxe Ideologie, in der der Wortlauf der »heiligen« Marx’schen Schriften buchstabengetreu wiedergegeben und als der Weisheit letzter Schluss verkauft wird, bildet somit eine Grundvoraussetzung der Marx’schen Renaissance im 21. Jahrhundert. Das Marx’sche Gedankengebäude muss somit zuallererst als widersprüchlich zur Kenntnis genommen werden. Marx war einerseits ein Kind seiner Zeit, das der damals noch stark anwachsenden Arbeiterklasse eine historische Mission zuwies und den allgemeinen Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts mit einem kommunistischen Überbau versah. Andererseits war er der Klassiker und Visionär, der die grundlegenden Formen kapitalistischer Vergesellschaftung kritisierte und die ihnen innewohnenden, entscheidenden Widersprüche offenlegte.

Es gilt somit, den klassischen, theoretischen Kern der Marx’schen Theorie von der anachronistischen Schlacke zu befreiten, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hat. Den Kern des widerspruchsvollen Marx’schen Theorie- und Gedankengebäudes bildet seine Analyse des kapitalistischen Systems. Präziser: die Analyse der »Bewegungsgesetze« des Kapitals, somit die Marx’sche Wertformanalyse, wie sie in seinem Hauptwerk »Das Kapital« geleistet wurde. Die Bestimmung der abstrakten Lohnarbeit als der Substanz des Werts, als des Inhalts der Wertform, sowie der durchschnittlichen gesellschaftlichen Arbeitszeit als der eigentlichen Wertgröße einer Ware, machten Marx zum Klassiker. Dieser Kern seiner Kapitalanalyse bleibt somit gültig, solange der Gegenstand seiner Analyse besteht – das Kapital.

Mehr noch: Marx benannte auch den entscheidenden Widerspruch zwischen dem realabstrakten Wert und dem konkreten Gebrauchswert einer Ware (eigentlich schon im berühmten, visionären »Maschinenfragment« in den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie)12, der der gegenwärtigen chaotischen Periode spätkapitalistischer Krisenentfaltung zugrunde liegt. Da der Gebrauchswert nur als Träger abstrakten und selbstzweckhaften Werts von Belang ist, tendiert das instabile System zur permanenten Expansion – und perspektivisch zur Selbstzerstörung. Die Verfeuerung der realen Welt zwecks uferlosen Wachstums abstrakten Werts, der Akkumulation immer größere Mengen abstrakter Arbeit, sie resultiert aus diesem inneren Widerspruch des Kapitals selber, der schon jeder Ware als der „Elementarform“ kapitalistischen Reichtums innewohnt.

Ohne Übertreibung kann somit konstatiert werden, dass etwa die voll einsetzende Klimakrise13 ohne ein adäquates Verständnis des dargelegten inneren Widerspruchs des Kapitalverhältnisses nicht begriffen werden kann. Der autodestruktive Wachstumszwang eines spätkapitalistischen Systems, bei dem letztendlich für die Müllhalde produziert wird, um die stotternde Verwertungsdynamik des Kapitals zu prolongieren – er kann ohne die marxsche Wertformanalyse nicht auf seien präzisen Begriff gebracht werden.

Der Marx’sche Fetischismusbegriff14 – der gerade keine »Illusion«, sondern einen sehr realen gesellschaftlichen Vorgang beschreibt – ermöglicht es zudem zu begreifen, wieso der spätkapitalistische Mensch dieser verselbständigten Verwertungsdynamik des Kapitals und ihren verheerenden Folgen ohnmächtig gegenüberzustehen scheint, sie als eine Art Naturphänomen wahrnimmt, obwohl er sie unbewusst alltäglich buchstäblich erarbeitet. Wie gesagt, es ist keine schöne Story, die eine Marx’sche Theorie auf der Höhe des 21. Jahrhunderts liefern würde. Und dies ist wohl einer der Gründe, wieso sich diesem Vorhaben so viele Widerstände in den Weg stellen. Doch es ist notwendig, die »Wüste des Realen« (Matrix) zu durchschreiten, falls doch noch, aller Evidenz zum Trotz, Wege aus dieser Wüste gefunden werden sollten.

Zudem stellt eine ernsthafte Marx-Lektüre das beste Gegengift gegen populistische Verkürzungen, eine platte »Bonzenkritik« und Sündenbocksuche dar. Der Marx’sche Begriff der ökonomischen Charaktermaske macht klar, dass auch die mächtigsten Kapitalisten ihre scheinbare Macht nur aus der subjektiven Optimierung des objektiven systemischen Zwanges zur Kapitalverwertung schöpfen. Marx befördert ein systemisches Denken, dass derzeit in einer mit populistischen Verkürzungen kontaminierten Linken dringend notwendig wäre.

Marx hat zudem erkannt, dass es nicht um bloße sozialdemokratische »Umverteilung« gehen kann, sondern dass das System als solches auf den Müllhaufen der Geschichte gehört – das Kapitalverhältnis also in seiner gesamtgesellschaftlichen fetischistischen Eigendynamik überwunden werden muss. Letztendlich muss der kapitalistische Fetischismus aufgebrochen werden, müssen die Menschen tatsächlich zu einer bewussten Gestaltung ihres gesellschaftlichen Reduktionsprozesses übergehen, der derzeit unbewusst kapitalgetrieben »hinter dem Rücken« (Marx) der Marktsubjekte vonstattengeht. Dies wäre ein revolutionärer Ausgang aus der fetischistischen »Vorgeschichte der Menschheit«, wie es Marx nannte.

Das Gedankengebäude des Karl Marx muss somit letztendlich ernst genommen werden. Es sollte als ein theoretisches Werkzeug begriffen werden, das dazu dient, die Welt zu begreifen. Hierzu müsste die anachronistische Hülle abgestreift und der relevante Kern der Marx’schen Theorie gehoben werden. Die Marx’sche Theorieschule der Wertkritik, wie sie maßgeblich vom Philosophen Robert Kurz geformt wurde, ist bislang am weitesten diesen Weg gegangen. Und klar: Dies ist kein einfacher Weg, wie die bloße Reproduktion orthodoxer Ideologie oder die Zurichtung des Marxismus zu einer pseudolinken Identität, einem identitären Mode-Utensil für Hipster (Allein diese tollen Bärte15 – ein feuchter Hipstertraum!), wie es durch eine hippe Identitätslinke derzeit praktiziert wird.

Back to the rotten roots

Kritische Analyse und Entschlackung marxscher Theorie, Überwindung aller Momente von Ideologie innerhalb des „Marxismus“, die sich nicht an der krisenhaften gesellschaftlichen Realität ausrichten - kaum etwas hiervon wurde anlässlich des Marx-Jahrestages geleistet.

Stattdessen geht die historische Rückschau bei den Marx-Festspielen mit einer rückwärtsgewandten Orientierung der Linken einher, die ihre anhaltende Erfolglosigkeit mit dem Verlust alter, simpler Wahrheiten erklärt, die irgendwo im 19. oder 20. Jahrhundert verloren gingen. Der Blick zurück, er dient nicht der Analyse, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Stattdessen ist man auf der Suche nach einfachen, alten Gewissheiten, die man irgendwo in der Vergangenheit zu finden glaubt. Eigentlich sucht die Linke in der eigenen Geschichte nach einer Identität. Die Parallelen zum rechten Identitätswahn der Neuen Rechten und des Islamismus sind hier evident.

Hierbei werden das Proletariat, der Klassenkampf, die „soziale Frage“ gewissermaßen wiederentdeckt – und dies scheint auf den ersten Blick nur zu folgerichtig. Der Kapitalismus führt sich auch in vielen Zentren des Weltsystems wieder so brutal auf, wie in dem 19. oder 18. Jahrhundert. Breite Bevölkerungsteile, wie etwa die Mittelklasse in den USA, versinken im Pauperismus, während eine dünne Schicht von Milliardären sagenhaften Reichtum akkumuliert, der die Schere zwischen Arm und Reich in absurde Dimensionen treibt. Arbeit schützt auch in den verbliebenen Wohlstandsinseln längst nicht mehr vor Armut. Hinzu kommt die zunehmenden Kriege, die an die Hochphase des Imperialismus im 19. Jahrhundert erinnert, oder auch polizeistaatliche Tendenzen, mit denen die soziale Spaltung der Gesellschaft gewaltförmig aufrechterhalten würde. Und dennoch ist dies eine Illusion.

Dabei resultiert das gegenwärtig zunehmende Massenelend aus der voll einsetzenden Auflösung der Arbeiterklasse im globalen Maßstab, die aus dem Reproduktionsprozess des Kapitals zunehmend ausgestoßen wird. Das gegenwärtige Elend spiegelt somit seitenverkehrt den Pauperismus in der Aufstiegsphase des Kapitalismus im 19. und 18. Jahrhundert, als das Proletariat rasant anwuchs. Nun schmilzt es in der historischen Abstiegsphase des Kapitals ab – und der Preis der zunehmend überflüssig werdenden Ware Arbeitskraft sinkt dementsprechend aufgrund mangelnder Kapitalnachfrage in den Keller. Das Ergebnis dieses gegenwärtigen Krisenprozesses ist somit nicht die Proletarisierung der Bevölkerung – auf die Marx noch im 19. Jahrhundert hoffen konnte – sondern in der globalen Tendenz die Entstehung einer überflüssigen Menschheit. Komplementär hierzu verhält es sich mit den Fantastzillionen, die die globale Oligarchenkaste inzwischen akkumuliert hat: Sie sind Ausdruck einer Überakkumulation an - größtenteils fiktiven - Kapital, das kaum noch rentable Verwertungsmöglichkeiten in der Warenproduktion findet.

Bei der gegenwärtig modischen Fokussierung der Linken auf die Arbeiterklasse samt Klassenkampf und sozialer Frage werden somit die Verfallsformen der in Geschichte übergehenden Arbeiterklasse wieder zum revolutionären Subjekt deklariert. Es ist ja auch bequem, sich eine „Klasse an sich“ zu imaginieren, die qua ihrer bloßen Stellung im Reproduktionsprozess zur glorreichen Revolution berufen sei - auch wenn alle konkrete Empirie bezüglich der Geschichte und Gegenwart der Lohnabhängigen, die sich nicht anders als andere Bevölkerungsschichten verhalten, dagegen spricht. Die reale Tragik der Krisenrealität wird hingegen gerne in diesem Milieu ausgeblendet: es gibt schlicht keine „revolutionäre Klasse“ - und zugleich ist eine Überwindung des Amoklaufenden Kapitals zivilisatorisch überlebensnotwendig. Dies will aber kaum ein „Marxist“ wahrhaben.

Ähnlich verhält es sich bei der sozialen Frage, die von der sozialdemokratisch orientierten Linken – versetzt mit zunehmender Deutschtümelei - verstärkt gestellt wird. Eine ehrliche Antwort hierauf lautet schlicht: Die Soziale Frage ist im gegenwärtigen Krisenkapitalismus schlicht nicht lösbar. Dies will zwar kaum jemand wahrhaben, aber angesichts der zunehmenden Krisentendenzen – ökonomisch, ökologisch, politisch – ist dies eigentlich evident. So zu tun, als ob die Zeit zurückgedreht werden könnte, ist eine bloße Lüge. Man belügt sich selbst – und die Menschen, die daran glauben wollen, dass es ein Zurück zur „Sozialen Marktwirtschaft“ der 70er geben könne. Populismus, der in der Postsozialdemokratie mit einer verstärkten Orientierung auf den Nationalstaat einhergeht, ist keine Theoriebildung.

Marxsche Theorie auf der Höhe des 21. Jahrhunderts, die den Krisenprozess ins Zentrum der theoretischen Reflexion rückte, wäre aber nicht nur zum Verständnis, sondern auch zur Antizipation der Krisendynamik befähigt. Stattdessen dominiert im deutschsprachigen Raum eine identitär-deutschtümmelnde, postsozialdemokratische Linke, die als Nachgeburt des reaktionären Zeitgeistes agiert.





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