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Daniel Späth


Daniel Späth

Die Dialektik des Triebs in der Postmoderne

I. Das linksradikale Subjekt als Unternehmer seiner selbst oder die Exstirpation des Triebbegriffs

Die Psychoanalyse ist out; das gilt vor allem für den Linksradikalismus. Dass die Sexualität ehedem als Einspruch gegen die vom Kapital gestiftete Zwangsvergesellschaftung ins Feld geführt wurde, vermag eine weithin postmodernisierte Linke bestenfalls als ein Relikt aus grauer Vorzeit zu fassen. Freie Liebe, einst zur Chiffre „revolutionärer Praxis“ auserkoren, wurde längst von der polyamorösen „Beziehungsarbeit“ substituiert und auch die pittoreske Utopie friedvollen Kommune-Daseins ist durch unzählige Workshops sowie Evaluationen aller Art gründlich ersetzt worden. Der sich in derartigen institutionalisierten „Selbstkonzeptionen“ niederschlagende Erfahrungsgehalt eigener Individualität speist sich aus einer permanenten „Arbeit am eigenen Selbst“, der ökonomischen Verwertung des eigenen Ichs qua beständiger Flexibilität und anhaltendem Kompetenzerwerb, die nicht zufällig aus der (post)68er-Linken hervorgebracht und von betriebswirtschaftlicher Seite aus Effizienzgründen erfolgreich adaptiert wurde. Wenn bis in linksradikale Kontexte hinein gruppendynamische Konflikte durch Supervision einer „friedlichen Lösung“ zugeführt werden sollen, kristallisiert sich die Wendung der gesellschaftlich produzierten Wut gegen das eigene Ich als Rationalisierung des universellen Leidens in ihrem unerbittlichen Selbstzwang heraus.

Der gesellschaftliche Erfahrungsgehalt dieser kollektiven Unfähigkeit zum Umgang mit den Leiden an der eigenen fetischisierten Existenz hat sich zweifelsohne seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts desto mehr zugespitzt, je heftiger die fundamentale Krise sich schubweise bahnbrach. Wie die Individuen als Arbeitskraft zunehmend objektiv überflüssig werden, so verschiebt sich die „abstrakte Arbeit“ als Tätigkeitsform von einem isolierten unternehmerischen Raum hin auf die gesamte Lebenszeit, wobei die Menschen, „begleitet“ durch staatliche Zwangsverordnungen, zur 24-stündigen „Arbeit am eigenen Selbst“ angehalten werden.

Diese seit der Postmoderne noch einmal vollzogene Verinnerlichung der Subjektform reißt buchstäblich jedwede Distanz zur gesellschaftlichen Formbestimmtheit nieder, sodass die ökonomische Verwertungslogik bis in die Alltaghandlungen der Individuen und in ihre zwischenmenschlichen Verhältnisse hinein in Form eines permanenten Zwangs fortwuchert. Wenn schon die Aufmerksamkeit zur Ökonomie mutiert ist, deutet sich die kolossale Beziehungsunfähigkeit postmoderner Individualität an, deren Begehren sich nicht mehr auf konkrete Menschen, sondern einzig auf austauschbare Exemplare richtet: Gilt an der Person alleinig ihr Aufmerksamkeitswert, den sie dem eigenen Ich einzubringen imstande ist, und bedarf es zur notwendigen Verwertung der eigenen „Aufmerksamkeitsökonomie“ einer flexiblen Kalkulation mit verschiedenen Subjekten, ist der Trieb letztlich zum warenförmigen „Bedürfnis“ dissoziiert.

Entsprechend feilscht das postmoderne Zerfallssubjekt um sein Begehren wie um einen Gebrauchtwagen, dessen Wert sich durch einen perennierenden Aushandlungsprozess festsetzen lasse, gewissermaßen der „linguistic turn“ der immer unerträglicher sich gestaltenden Alltagspraxis. Ob man/frau mit Martina sodann wirklich Sport machen, sich mit Hans an philosophischen Gesprächen und Körpernähe erfreuen, sowie mit Tina „Sex haben“ kann, ob also das eigene implodierende „Bedürfnis“ sich wirklich realisieren lässt, hängt natürlich von den „Bedürfnissen“ Martinas, Hans und Tinas ab, sodass die polyamoröse „Beziehungsarbeit“ in einer andauernden verbalen Aushandlungsmühle mündet, die das Endlos-Schleifen an der eigenen Identität zum allgegenwärtigen Lernprozess ausdehnt. Dabei kann das Gerede über „Sex haben“ nicht darüber hinwegtäuschen, dass die durch das bevorzugte Rationalisierungskonzept des „self-empowerments“ gejagte Triebhaftigkeit ihrer konkreten Zielhaftigkeit genauso verlustig gegangen ist wie die Objektwahl ihrer nicht-identischen Anteile, die als Schwächen und Macken der identitätsstiftenden „Selbstarbeit“ anheim gestellt und damit getilgt werden; eine sich in der Triebstruktur der Individuen sedimentierende Destruktivität, für die trotz aller „Differenzen“ der Begriff der Nicht-Identität einzig als zu Exorzierender Relevanz besitzt.

Diese Destruktivität einer zunehmenden „Desexualisierung des Sexus“ (Adorno) setzt das Verhältnis der Individuen in Bezug auf ihre eigene Sexualität in einen sie zerreißenden Widerspruch, wobei beide Extreme dialektisch insofern sind, als sie sich notwendig bedingen, ineinander umschlagen: Einerseits scheint der Trieb so weit abgeschliffen zu sein, dass Gewalt und Sexualität an sich kompatibel zu werden drohen1; jegliches erotische Moment wird in der Krise androzentrischer Subjektivität der dem Triebaufschub nicht mehr fähigen Sexualität subordiniert, die in ihrer Unmittelbarkeit die strukturelle Matrix androzentrischer Übergriffigkeit abgibt. Eine gesellschaftliche Tendenz, deren Wurzel in einem tiefen Verunsicherungs- und Ohnmachtsgefühl des androzentrischen Unbewussten wurzelt. Andererseits und simultan dazu gibt sich in dem „Diskurs“ des „Unternehmerischen Selbst“ eine beständige Triebverleugnung zu erkennen, die dem eigenen Begehren fortdauernd entsagen muss; eine Rückwendung des Triebes gegen sich selbst, die jenen Charaktertypus passiv aggressiver FormalistInnen hervorbringt, die jede noch so gerechtfertigte polemische Gesprächsäußerung als „Angriff auf die Persönlichkeit“ mokieren. Unmittelbar sexualisierte Gewalt und die formalisierte Wendung des Triebs gegen sich selbst bedingen sich so grundsätzlich wechselseitig.

Wer angesichts einer derart entlibidinierten Gesellschaft von Trieb spricht, macht sich also von Vornherein verdächtig; und da der Linksradikalismus noch postmoderner als die bürgerliche Mehrheitsgesellschaft zu werden sich anstrengt, trifft dies insbesondere auf ihn zu. Dabei verweist die realgeschichtliche Entwicklung darauf, dass die Exstirpation des Triebbegriffs mit der Herausbildung eines postmodernen Sozialcharakters Hand in Hand geht, dessen Begehrensstruktur längst schon zur leeren Bedürfniskategorie geronnen ist und damit zur absoluten Verinnerlichung der eigenen Wertförmigkeit neutralisiert wurde. Gerade weil sowohl die poststrukturalistische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse als auch diese selbst jener Desexualisierung der individuellen Triebstrukturen in Theorie und Praxis Vorschub leisten, ist der Triebbegriff Einspruch gegen die Zumutungen warenproduzierend-patriarchaler Vergesellschaftung im Zeitalter ihrer Fundamentalkrise. Diese geschichtliche Paradoxie zwingt zu einer dialektischen Fassung des Triebbegriffes.

II. Narzissmus und Desexualisierung. Zum Wandel des Sozialcharakters in der Postmoderne

So legt die feministische Theoretikerin Lili Gast in ihrer sehr ansprechenden Monographie „Narzissmus und Libido. Vom Verlust des Sexuellen im psychoanalytischen Diskurs“ dar, wie die Desexualisierung der Psychoanalyse sich primär über die theoretische Ausformulierung der Narzissmusfigur erstreckte. Sei es die Tradition der Objektbeziehungstheorie (und der später sich daraus entwickelnden interaktionistischen Psychoanalyse), sei es diejenige der Ich-Psychologie oder schließlich die beide Stränge zusammenführende Selbstpsychologie, sie alle lehnen die Freudsche Libidotheorie mit dem Argument ab, sie eigne sich nicht für die klinische Erfassung und Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen.2 Allerdings geht damit auch jenes dialektische Moment der drei Freudschen Triebtheorien verloren, so Gast, wodurch sein anspruchsvolles Narzissmus-Konzept eine inhaltliche und reflexive Verflachung erfahre.

Verbleibt die analytische Dimension Gasts noch ganz im Rahmen einer gewissermaßen geistesgeschichtlichen Untersuchung, fand der Narzissmus seine Entsprechung seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts auch in der Realität. Schon im Jahr 1958 konstatierte der amerikanische Soziologe David Riesman eine Veränderung im Sozialcharakter der amerikanischen Mittelschicht, der nicht mehr der innen-geleiteten, sondern nun mehr einer außen-geleiteten Persönlichkeit entspräche, deren oberflächliche Geschmackswahrnehmung sich durch eine gewisse Anerkennungssucht auszeichne und die sich statt Inhalten und objektiven Maßstäben einzig der zwischenmenschlichen Kommunikation in ihren modischen und medial stimulierten Zyklen hingebe. Neben Mitscherlichs „Vaterloser Gesellschaft“, die auch als eine psychoanalytische Präzisierung der von Riesman wahrgenommenen Veränderungen verstanden werden kann, prägte im Jahr 1979 der amerikanische Psychoanalytiker und Sozialtheoretiker Christopher Lasch mit seinem „Zeitalter des Narzissmus“ das psychoanalytische Verständnis postmoderner Subjektivität in der Tradition Kritischer Theorie.

So habe sich in der klinischen Praxis nach Lasch das Krankheitsbild der PatientInnen von den alten Hysterien und Sexualneurosen hin zu narzisstischen Persönlichkeitsstörungen verschoben, wobei deren prägenitale Über-Ich-Struktur zunehmend aggressive Anteile aufweise, die mit einem sadistisches Strafbedürfnis verwoben sei, das seinerseits wiederum mit einer starken Idealisierung und archaischen Größenphantasien korreliere. Dieser neue Sozialcharakter entziehe sich durch ein immerwährendes Gefühl innerer Leere und einer grundsätzlichen Unfähigkeit, Bindung sowie Abhängigkeitsverhältnisse einzugehen, nicht selten der Therapierbarkeit. Weise die Persönlichkeitsstruktur narzisstischer Menschen zwar eine intellektuelle Reife aus, die sie gekonnt in Szene zu setzen vermögen, stünde diese jedoch in keinerlei Korrespondenz mehr mit den unbewussten Anteilen des Seelenlebens, sodass in dem therapeutischen Prozess gewonnene Erkenntnisse der Selbstidentität zwar einverleibt, dem Individuationsprozess jedoch völlig äußerlich bleiben würden – ein Prozess permanenter Rationalisierung. Dass seit dem Ende des 20. Jahrhunderts das psychische Formprinzip des Narzissmus gesellschaftliche Individuen hervorbringt, deren Sozialisationssinn von den eigenen, ich-fixierten Zwängen gewissermaßen durch ihre Individuation hindurch okkupiert und somit exkommuniziert wird, wie Lasch darstellt, gibt eine, nicht unbedingt optimistische, Facette der Dialektik des Triebs in der Postmoderne ab.

III. Die Entgrenzung des bürgerlichen Subjekts in der Fundamentalkrise – kursorische Reflexionen zur Metapsychologie

Wenn einerseits also die psychischen Strukturen und Prozesse einer eigenen Tendenz unterworfen sind, die sich im Medium soziologischer Veränderungen nicht begreifen lassen, so existiert andererseits doch eine Vermittlungsschwelle zwischen gesellschaftlicher Totalität und psychischer Formiertheit, die, auf einer allerdings abstrakten Ebene, eine freilich in sich gebrochene Verwobenheit von objektiver Wert-Abspaltungs-Form und Konstitution des psychischen Apparats anzeigt. Freud selbst spricht vom gesellschaftlichen „Zwang zur Kulturarbeit“, wobei sowohl die darin angelegte Ontologisierung als auch ihre aufklärungsideologische Idealisierung („Kulturarbeit“) nicht darüber hinwegzutäuschen vermögen, dass der Zwang zur „abstrakten Arbeit“ (Marx) und damit zum Triebaufschub eine genuin moderne Voraussetzung bürgerlicher Individualität darstellt.

Wie hängen nach Freud nun „Zwang zur Kulturarbeit“ und psychisches Formprinzip der in sie hineinsozialisierten Menschen zusammen? Durch den kulturell-symbolisch vermittelten Zwang zum Triebaufschub wird der Trieb, der unmittelbar auf Befriedigung drängt, aufgeschoben, sodass im Individuum eine Spannung entsteht, die sich als Unlust manifestiert. Die derlei verdrängten Triebrepräsentanzen müssen durch Vermittlung des Ichs mit der Außenwelt in Einklang gebracht werden, um dem Subjekt ex post eine Triebbefriedigung und somit den Abbau des Spannungszustands zu ermöglichen; allerdings nun in „realitätsgerechten“ Formen. Es ist hier nicht der Ort, die drei verschiedenen Triebtheorien in ihrer Entfaltung durch das Freudsche Oeuvre hindurch in Beziehung zueinander zu setzen, dennoch sei hier auf den zentralen Aspekt dieses Kulturzwangs für die ökonomische Ebene des psychischen Apparats hingewiesen: Die den Triebaufschub gewährleistende Verdrängung sowie die auf diesem Weg induzierte Spannung von Unlust stellt so etwas wie eine sozialpsychologische Substanz her, deren libidinöse Qualität es in Abgrenzung zur ich-psychologischen These einer „neutralen Ichenergie“ herauszustreichen gilt. Es versteht sich, dass sie die ökonomische Bedingung der Möglichkeit eines irgendwie „funktionierenden“ psychischen Apparates ist3.

Wenn sich nun diese libidinöse Substanz über den Zwang zum Triebaufschub aufbaut, was bedeutet dies im Zeitalter der Fundamentalkrise, in der die objektive Zwangsform „abstrakter Arbeit“ zwar bestehen bleibt, ihre inhaltliche Verwertung jedoch an eine „innere Schranke“ (Marx) stößt? Was bedeutet die Entwertung der Arbeit im Stand ihrer planetarischen Obsoletheit für die Herausbildung dieser libidinösen Substanz durch Triebaufschub? Der Triebaufschub durch „Kulturarbeit“ bleibt als psychisches Formprinzip bestehen, während er gleichzeitig aufgrund des Abschmelzen dieser Arbeit nicht mehr zu leisten ist, was die widersprüchliche Konsequenz zur Folge hat, dass der Triebaufschub, obwohl der Form nach Bedingung des Ich, nicht mehr gelingt: Die libidinöse Substanz, die sich durch den Differenzbetrag von Triebspannung und deren Abfuhr bemisst, wird durch die Unfähigkeit zum Triebaufschub kontinuierlich aufgerieben. Diese regressive Tendenz schlägt sich in jener allerorten zu greifenden „Desexualisierung des Sexus“ nieder.4 Die eigentümliche Virtualisierung des postmodernen Bewusstseins hat in diesem Abbauprozess libidinöser Substanz ihren Grund, nicht etwa in dem Siegeszug medialer Stimulanz, auch wenn beide sich gegenseitig bedingen.

Diese paradoxe Diffusion von Triebaufschub und Triebabfuhr führt auch auf der topographischen Ebene zu einer Konstellation des psychischen Apparats, die noch Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts undenkbar war: Differenzierte Freud in seinem Instanzenmodell noch zwischen Lust und Gebot (zur Arbeit) bzw. Verbot (der Lust) anhand des Es’ und des Über-Ichs, verschmelzen in der postmodernen Partykultur beide Instanzen bis zur Unkenntlichkeit ineinander. Im Hedonismus, wie er auch im Linksradikalismus seine absonderlichen Blüten treibt, ist das Lustmoment grundsätzlich der Zwangsrationalisierung subordiniert, Arbeit und Lust streben aufeinander zu, werden immer indifferenter. Die linke Szene hat diese Tendenzen schon längst auf den Begriff gebracht, natürlich gänzlich unfreiwillig und durchweg affirmativ, wie ein bekannter Szene-Sticker kundtut: „Saufen ist auch Arbeit“. Der Konkurrenz-Hedonismus hat die „Arbeit am eigenen selbst“ individualisiert und totalisiert dadurch nur den einstmals räumlich und zeitlich begrenzten Zwang zur „abstrakten Arbeit“.

Auf dynamischer Ebene korrespondiert diesen Entgrenzungen des psychischen Apparats der narzisstische Sozialcharakter. Da das Ich in dem regressiven Prozess eines Aufeinander-Zustrebens von Über-Ich und Es geradezu zerdrückt wird und seiner synthetischen Funktionen verlustig geht, die immer schon in einem misslungenen Konflikt mit einer fetischistischen Wirklichkeit gründen, verschwindet das Freudsche Ich zunehmend, ohne dass es als notwendige Instanz überwunden wäre. Heraus kommt ein „präödipales Ich“, das seinen Objektbezug nur mehr durch das Medium seiner narzisstischen „Bedürfnisse“ gereinigt aufbauen kann und als bloß formale Hülle desto stärker sich geltend macht, je mehr es im Diffusionsprozess von Es und Über-Ich zermahlen wird. Ungefilterte, buchstäblich hemmungslose Triebabfuhr als gewaltsame Entäußerung und permanente Wendung des jedweder Vermittlung spottenden Triebs gegen das eigene Ich sind zwei Seiten derselben Medaille. In diesem Sinne spiegeln die Techniken des „Unternehmerischen Selbst“ sowie die polyamoröse „Beziehungsarbeit“ den Trend der gesamtgesellschaftlichen Desexualisierung.

Die hier nur kursorisch angedeuteten Regressionsprozesse auf ökonomischer, topographischer und dynamischer Ebene münden letztlich in eine Triebstruktur der Individuen, die vor allem in der oftmals als zu martialisch abgetanen oder aber affirmativ gewendeten dritten Triebtheorie Freuds zum Tragen kommt. Der unaufhaltsame Abbau libidinöser Substanz, die regressive Diffusion von Über-Ich und Es, sowie die ungefilterte Wendung des Triebes nach außen und gegen das narzisstische Ich konvergieren im kapitalistisch konstituierten Todestrieb, wie er die Delibidinisierung der Libido prägt. Keineswegs spiegelt sich im Phänomen der Selbstmordattentäter oder Amokläufer das Irregeleitet-Sein fanatisierter Einzelner wider, wie es in der Menschheitsgeschichte über die Zeit hinweg periodisch zu registrieren sei, seine jedem inhaltlichen Motiv spottende Sinnlosigkeit verweist im Gegenteil auf die kaum mehr zu ertragende Leere des verschwindenden Ichs, dessen Affekt- und Triebfeindlichkeit die im Begriff sich befindende Selbstvernichtung der Menschheit antizipiert.

IV. Fundamentalkrise des „warenproduzierenden Patriarchats“ (Roswitha Scholz), die „innere Schranke“ androzentrischer Subjektivität und die Verwilderung von Männlichkeit

Ihren repräsentativen Ausdruck findet die Krise der Männlichkeit u.a. in den vom kulturell-industriellen Betrieb symbolisierten Männlichkeitsimagines, die einer Verschiebung des androzentrischen Selbstverständnisses den Leitfaden vorgibt: Es ist der weiße, „normale“ Mittelschichtsmann, der sich im Zuge der verschiedenen Handlungen in einer eskalierenden Spirale von seiner Familie lossagt, mehr oder weniger kriminelle Wege einschlägt, um dann eine Art Amoklauf zu vollziehen, der von unspezifischer Gewalt und selbstbezüglicher Verantwortungslosigkeit geprägt ist. Der Bedingungszusammenhang dieses Motivs findet sich dabei in der Triebstruktur dieser Protagonisten, handelt es sich doch vorzugsweise um „präödipale Helden“. Wenn Hans-Christian Mennenga in seinem gleichnamigen Buch bei diesen Helden zuvorderst eine narzisstische, hedonistische und masochistische Disposition diagnostiziert, trifft er auf der deskriptiven Ebene den Sachverhalt, der ihm jedoch, einem Triebbegriff entbehrend, theoretisch aus den Fingern gleitet. Dass er in den „präödipalen Heldentypen“ gar „emanzipierte Formen männlicher Subjektivität“ zu entdecken glaubt, die es positiv zu besetzen gelte, scheitert bereits an dem im Buch dargebotenen filmischen Material, das von dieser Positivität, gelinde gesagt, wenig erahnen lässt.

So nimmt es nicht wunder, dass Mennenga beispielsweise die blutige Spur seiner Helden in „a clockwork orange“ über mehrere Seiten hinweg nachzeichnet, ohne dass dies seine „emanzipierte Männlichkeit“ ins Wanken bringen würden. Was der Autor hier in postmoderner Manier – eben um keinen Widerspruch verlegen – affirmiert, ist der androzentrische Narzissmus, dessen hedonistische Konkurrenzmentalität ebenso von seiner Gewaltförmigkeit zeugt wie seine masochistische Disposition, die im filmischen Material selbst mit einem unvermittelt aufbrechenden Sadismus einhergeht, wobei sich beide primär gegen Frauen richten. Keineswegs zufällig führt die filmische Inszenierung ihre jeweiligen Helden als defizitär, gleichsam als Opfer ein, die erst durch die Apotheose des männlichen Amoklaufs „aufzuheben“ sei.

Der hier explizierte Topos der „Präödipalität“ wird wohl seit Mitscherlich gemeinhin mit der „vaterlosen Gesellschaft“ assoziiert. Mitscherlich entfaltet in seiner Schrift die These, dass der Auflösungsprozess der Familie und somit die strukturelle Vaterlosigkeit der Gesellschaft die Individuen immer früher des staatlich oder medial vermittelten Zugriffs aussetze, wodurch das kindliche Austragen und schließlich das von Freud teleologisch antizipierte „Verschwinden des Ödipuskomplexes“ im Sinne seiner Überwindung konterkariert werde. Dadurch verlören die Individuen schließlich an reflexiver Distanzfähigkeit zu ihrer eigenen Vergesellschaftung: Gäbe die familiale Konfliktkonstellation, zumindest potentiell, noch die Möglichkeit einer Ausbildung reifer Sozialcharaktere an die Hand, werde das Individuum in der nur mehr „vaterlosen Gesellschaft“ in seinen Entwicklungskapazitäten beschnitten. Die daher rührende „repressive Entsublimierung“ (Marcuse) setze somit Gewaltformen frei, wie sie die bürgerliche Familie nicht gekannt habe.

Vergleicht man/frau die analytische Einordnung des postmodernen Sozialcharakters wie sie von einer postmodernen Kulturtheorie (Mennenga) auf der einen und Kritischer Theorie (Mitscherlich) auf der anderen Seite vorgenommen wird, schält sich eine gegenläufige Interpretation heraus, die allerdings prototypischen Charakter aufweist: Während der postmoderne Positivismus sich nicht zu blöde ist, der gewaltsam entgrenzten androzentrischen Krisensubjektivität noch eine „emanzipierte Männlichkeit“ anzudichten, verweist Kritische Theorie zwar auf die Barbarisierungstendenzen des postmodernen Narzissmus, größtenteils jedoch auf dem Boden des längst vergangenen fordistischen Subjekts, dessen anachronistisches Familienbild als die vielleicht doch bessere Alternative ins Rennen geschickt wird. Während die einen das historisch Entstandene in seiner ganzen Destruktivität affirmieren, trachten die anderen danach, dies Gewordene im Namen eines Vergangenen zurückzunehmen.

V. Präödipalität vs. Postödipalität: Zur Kritik einer identitätslogischen Opposition

So unzweideutig hierbei auch der kulturalistischen Triebverleugnung postmoderner Provenienz der Kampf angesagt werden muss, so wenig kann ihr im Zuge dessen eine altväterliche Familienromantik der „Verwilderung des warenproduzierenden Patriarchats“ (Roswitha Scholz) entgegensetzt werden. Der Trieb kann weder naiv über Bord geworfen noch ebenso naiv als abstraktes „Eingedenken der Natur im Subjekt“ apostrophiert werden, wobei gerade seine ahistorische und scheinbar geschlechtslose Hypostasierung auf den androzentrischen Unterbau verweist, der Kritischer Theorie bis heute eignet. Es bleibt ein zu durchdringender Gegenstandsbereich der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung, die psychoanalytischen Kategorien der gegensätzlichen Einseitigkeit zu entkleiden, die sie in der wechselseitigen Bezugnahme von postmodernem Positivismus und im weitesten Sinne Kritischer Theorie erfahren, indem sie mit ihrem historisch spezifischen Bedingungszusammenhang vermittelt werden, der ihre jeweils konkrete Formierung erst wesentlich konstituiert. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob das Verschwinden des Freudschen Ichs gutzuheißen oder ob es dagegen als zivilisierende Instanz stark zu machen sei als überflüssig heraus; weder wird die gewaltsame Diffusion von Über-Ich und Es und das dadurch induzierte Schwinden des Ich lange von Bestand sein können noch das alte Ich des Fordismus oder gar des 19. Jahrhunderts wiederkehren.

Auf die eine oder andere Weise, beide Interpretationsraster des postmodernen Sozialcharakters münden von ihren Prämissen her schlussendlich in eine Affirmation des „warenproduzierenden Patriarchats“; mal vom Standpunkt der Gegenwart, mal von dem der Vergangenheit aus. Beiden muss es deswegen fern liegen, den postmodernen Narzissmus als psychisches Formprinzip der Krisensubjekte zu begreifen, das jedwede sozialpsychologische Hemmschwelle im zwangsindividualisierten universellen Konkurrenzkampf immer weiter abzubauen sich anschickt. Das dialektische Wahrheitsmoment jenes „Altern der Psychoanalyse“ mag nur vor dem theoretischen Hintergrund einer radikalen Krisentheorie bewahrt werden.

Eine androzentrismuskritische Reformulierung der Psychoanalyse auf der Höhe der Zeit sähe sich somit, nur auf den ersten Blick paradox, vor die Aufgabe gestellt, der Therapeutisierung der Gesellschaft entgegenzutreten, die anhand den Techniken des „unternehmerischen Selbst“ auch dem Linksradikalismus zum eingefleischten Existenzial verkommen sind. Die Beharrlichkeit, mit der er sich auf adäquate „Mimiken und Gestiken“, „leise Techniken“ und adrette Umgangsformen qua Szenecodes stürzt, illustriert die postmoderne Triebverleugnung in ihrer kaum mehr verhohlenen Aggressivität. Die latent über allen Lagern schwebende Aufforderung zur möglichst netten Konfliktaustragung entspringt dem autoritären Harmoniezwang einer Mittelschichtslinken, deren diverse Fraktionen sich in ihrer ideologischen Verwahrlosung am liebsten mit Handkuss wechselseitig anerkennen würden, solange sie nur unter sich bleiben. Der hierfür gängige Charaktertypus, der jede noch so kontroverse Diskussion mit einem „Wir sind ja irgendwie doch auf der selben Seite“ beendet, wahlweise seine unausgegorenen Vorbehalte auf dem formal-organisatorischen Weg exekutiert, weil er die persönliche Auseinandersetzung scheut wie der Teufel das Weihwasser oder aber sich im Laufe einer Diskussion ob eines Auflachens des/der Gesprächspartners/in über seine Ausführungen dermaßen gekränkt fühlt, dass selbige nicht mehr weiter zu führen ist, stellt die wahre Plage des Linksradikalismus und den Totengräber jedweden radikal kritischen Zusammenhangs dar.

Dass sich solche pc-FanatikerInnen auch in Zukunft in den wert-abspaltungs-kritischen Kontext verirren mögen, liegt nicht nur an der Omnipräsenz dieses Sozialcharakters, sondern darüber hinaus an dem völligen Desinteresse, das diese Leute dem Inhalt an und für sich entgegenbringen, weswegen die theoretische Kritik in ihrem inneren Zusammenhang im Idealfall sekundäres Motiv des „Interesses“ bildet. Da ihnen jedes verbindliche Einlassen auf einen spezifischen Gegenstand von Vornherein ein Gräuel bleibt, benutzen sie den jeweiligen Gruppenkontext in erster Linie zum Austragen ihrer ihnen selbst völlig unklaren Bedenken, um deren grundsätzlichen Gehalt sie nichts desto trotz insgeheim schon von Anfang an wussten. Gerade jene Zusammenhänge, die vom Sog postmoderner Gleichgültigkeit noch nicht gänzlich aufgerieben worden sind, könnten insofern bevorzugtes Objekt dieser Plagegeister werden, als die narzisstische Nivellierung jedes Inhalts sich vornehmlich auf radikale Kritik einschießen dürfte, deren ideologiekritischen Schranken ihrer Allmachtsphantasie absoluter Grenzenlosigkeit und völligem Hemmungsabbau nur im Weg stehen können und dementsprechend plattgewalzt werden müssen.

Deshalb kann es nur eine weitere Aufgabe der wert-abspaltungs-kritischen Theorie sein, das (linksradikale) Krisensubjekt in seiner verleugneten Ohnmacht mit der soziohistorischen Ätiologie eben dieser Ohnmacht zu konfrontieren. In Zeiten, in denen der Leib als Arbeitskraftbehälter objektiv überflüssig geworden ist und die Individuen ihre Triebimpulse unmittelbar in die zwangsrationalisierende „Arbeit am eigenen Selbst“ überführen, bedeutet das Beharren auf dem Triebbegriff, die gesellschaftlich hergestellte Ohnmacht zum Ausgangspunkt radikaler Kritik zu machen. Auf dem Trieb zu insistieren, hält somit an der objektiv überflüssig gewordenen Leiblichkeit der Individuen fest. Genau darin besteht die Dialektik des Triebs in der Postmoderne.

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