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Historische Entwicklung & Ende der Modernisierung


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erschienen in: Folha 12/03

Robert Kurz

 

Die neue historische Gleichzeitigkeit

Das Ende der Modernisierung und der Beginn einer anderen Weltgeschichte

 

Die Debatte über die Globalisierung scheint gegenwärtig einen Zustand der Erschöpfung erreicht zu haben. Das liegt aber nicht daran, daß der zu Grunde liegende gesellschaftliche Prozeß erschöpft wäre, sondern es sind die Ideen der Interpretation, denen die Luft ausgegangen ist. Fast niemand wagt es, vom Ende einer Geschichte der Modernisierung zu sprechen. Es sind inzwischen zwar schon ganze Bibliotheken darüber geschrieben worden, daß die Globalisierung des Kapitals (die transnationale Zerstreuung der betriebswirtschaftlichen Funktionen) die Trennung zwischen Nationalökonomie und Weltmarkt und damit den ganzen bisherigen Bezugsrahmen aufgelöst hat. Aber die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis sind bislang weitgehend ausgeblieben. Die alten Begriffe werden weitergeschleppt, obwohl sie der neuen Wirklichkeit nicht mehr entsprechen.

Lange Zeit galt es als Ausbund an kritischer Reflexion, gegenüber der abstrakten Allgemeinheit der modernen kapitalistischen Produktionsweise die nationale Besonderheit geltend zu machen. In den 70er Jahren behauptete der so genannte Eurokommunismus, die marxistische Theorie sei oft zu allgemein geblieben und müsse deshalb endlich national "konkretisiert" werden, um einen populären Sozialismus "in den Farben" Frankreichs, Deutschlands, Italiens usw. zu kreieren. Aber diese Aussage war schon zum Zeitpunkt ihrer Formulierung reaktionär. Im Prozeß der Globalisierung hat sich das Verhältnis umgekehrt. Die nationale Besonderheit ist selber zur leeren Abstraktion geworden, zwar noch gegenwärtig, aber nur als Sediment einer bereits abgelaufenen Zeit. National ist Geschichte nur noch als Geschichte der Vergangenheit, nicht mehr als Geschichte der Zukunft. Es gibt von jetzt an keine französische, keine deutsche, keine brasilianische, keine chinesische Geschichte mehr. Die historische Konkretion im unmittelbaren Bezugsraum der Weltgesellschaft wird sich in Zukunft nicht mehr auf nationale, sondern auf transnationale Besonderheiten und Zusammenhänge beziehen. Das gilt auch und gerade für kulturelle Identitäten, soziale Bewegungen und "postpolitische" Konflikte.

Die nationale Zwangsgemeinschaft ist aber nicht das einzige wesentliche Merkmal der vergangenen Epoche, das obsolet wird. Die räumliche Struktur der voneinander abgegrenzten nationalen Besonderheiten war auch eingefaltet in eine zeitliche Struktur der voneinander abgegrenzten Stufen kapitalistischer Entwicklung. Das Universum der Nationen war ein Universum der historischen Ungleichzeitigkeit. Weil sich das moderne warenproduzierende System erst allmählich von Europa aus verbreitet hatte, standen im 19. und 20. Jahrhundert verschiedene Zeitalter des Kapitalismus unmittelbar nebeneinander. Was für die einen noch Zukunft war, das war für die anderen Gegenwart oder sogar schon Vergangenheit. Dieses Gefälle der historischen Zeit brachte wie von selbst das Paradigma der "Entwicklung" hervor, das sich als Aufholjagd der historischen Nachzügler innerhalb der kapitalistischen Kategorien darstellte. Eine entsprechende "nachholende Modernisierung" durchliefen im 19. Jahrhundert Deutschland und die anderen kontinentaleuropäischen Länder gegenüber Großbritannien; im 20. Jahrhundert versuchten Rußland, China und die ehemaligen Kolonialländer des globalen Südens gegenüber dem Westen dasselbe noch einmal. Die Nation wurde hier zum spezifischen Raum der historischen Ungleichzeitigkeit.

Von einem ähnlichen Paradigma war auch die klassische westliche Arbeiterbewegung bestimmt; nur bezog sich hier die "nachholende Modernisierung" nicht oder nicht in erster Linie auf die Stellung der eigenen Nation gegenüber weiter fortgeschrittenen Nationen, sondern vor allem auf die juristische und politische Stellung der Lohnarbeiter gegenüber anderen sozialen Klassen innerhalb derselben Nation. Dabei ging es um die "Anerkennung" der Lohnabhängigen als Rechtssubjekte ihrer Arbeitskraft und als volle Staatsbürger. Allgemeines und gleiches Wahlrecht, Rechtsgleichheit der Frauen, Streikrecht, Koalitionsfreiheit, Versammlungsfreiheit und Tarifautonomie bildeten wichtige Inhalte dieser auf die gesellschaftlichen Binnenverhältnisse bezogenen "nachholenden Modernisierung", die selbst in den fortgeschrittensten westlichen Ländern erst im Lauf des 20. Jahrhunderts abgeschlossen wurde. Der äußeren Anerkennung der historischen Nachzügler im Osten und Süden als Nationen auf dem Weltmarkt entsprach die innere politische und juristische Anerkennung der Lohnabhängigen als Staatsbürger und Rechtssubjekte.

Diese Anerkennung war aber in gewisser Weise eine historische Falle. Denn indem die Gesellschaften der verschiedenen Weltregionen wie die einzelnen Lohnabhängigen als formale Subjekte des Kapitalismus bestätigt und fixiert wurden, waren sie damit auch in diese nationalen und sozialen Formen des modernen warenproduzierenden Systems alternativlos eingebannt. Die Staaten der "nachholenden Modernisierung" ebenso wie die nationalen Arbeiterparteien und Gewerkschaften mutierten zu Exekutoren der ökonomischen Pseudo-"Naturgesetze" dieses Systems. Unter den Bedingungen der Globalisierung bleibt ihnen heute allesamt nichts anderes übrig, als die kapitalistische Krise mehr oder weniger repressiv zu verwalten. Was die westliche Sozialdemokratie schon seit dem Ersten Weltkrieg vorexerziert hatte, wiederholt sich nun im globalen Maßstab.

Man sollte meinen, daß durch diese negative Entwicklung der Ruhm der "nationalen Befreiung" und der nationalen Arbeiterparteien verblaßt. In gewisser Weise ist das auch der Fall. In der ganzen Welt schwelt eine gewaltige Unzufriedenheit mit den politischen Instanzen der traditionellen Linken, die ihre oppositionelle Qualität ausgerechnet in der neuen Weltkrise völlig eingebüßt haben, weil sie an die gegenstandslos gewordenen Paradigmen der "nachholenden Modernisierung" gebunden bleiben. Aber diese Paradigmen sind so tief verankert, daß sie auch bei den Unzufriedenen selber immer noch wirksam sind. Es hat etwas Gespenstisches an sich, wie die neue Opposition gegen die alte, in die Repräsentanz des herrschenden Systems eingegangene Ex-Opposition blindlings an den obsolet gewordenen Mustern aus dem untergegangenen Universum der historischen Ungleichzeitigkeit festhält. Die Kritik an der Mitverwaltung der Krise durch die zur Macht gelangten ehemaligen nationalen Befreiungsbewegungen und traditionellen Arbeiterparteien erweist sich so als schwach und unglaubwürdig, weil sie inhaltlich immer noch einmal wiederholen will, was doch objektiv längst gescheitert ist.

Am augenfälligsten ist das bei der weltweiten Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung mit ihren Demonstrationen, Sozialforen und Konferenzen von Porto Allegre bis Paris, Florenz, Berlin usw. Diese Bewegung ist einerseits transnational organisiert, aber paradoxerweise gehören zu ihren Mitgliedern neben unmittelbar transnational operierenden Gruppen weiterhin nationale politische Parteigliederungen; darunter sogar solche, deren Mutterorganisationen sich an der Regierung befinden und genau jene "ökonomischen Gesetze" exekutieren, gegen deren Wirkungen die globale soziale Bewegung kämpft.

Vor allem aber bleibt der Inhalt der meisten Forderungen dem Prozeß der Globalisierung ganz äußerlich. Die ihrer Form nach zumindest teilweise transnationale Bewegung möchte eine "politische Regulation" der Finanzmärkte und der allgemeinen Bedingungen von Warenproduktion und Distribution erreichen, obwohl die Logik einer solchen Regulation an den nationalstaatlichen Rahmen gebunden ist. Es soll also ausgerechnet jenes Verfahren, das auf der ihm einzig entsprechenden nationalstaatlichen Ebene bereits historisch gescheitert ist, nunmehr sogar auf globaler Ebene wiederbelebt werden. Das ist eine hoffnungslos anachronistische und irreale Option.

Diese verkürzte Kritik geht implizit immer noch davon aus, daß die Gesellschaften weiterhin in den Rahmen der bürgerlichen Moderne "hineinwachsen" könnten, obwohl Globalisierung und 3. industrielle Revolution diesen Rahmen bereits gesprengt haben. Das gilt auch für die ökonomischen und philosophischen Hintergrundannahmen, die sich als ebenso anachronistisch erweisen.

In ökonomischer Hinsicht ist es die Erwartung, daß die riesige Masse der billigen globalen Arbeitskraft weiterhin ein Reservoir für die Verwertung von Kapital darstellen würde; jetzt eben nicht mehr in Form einer nationalen Entwicklung, sondern in Form des transnationalen globalisierten Kapitals. Die einen hoffen es und die anderen befürchten es, daß daraus noch einmal eine Ära der traditionellen Ausbeutung hervorgehen könnte. Teilweise stützt sich diese Option auf den Begriff der "gesellschaftlich durchschnittlichen Produktivität". Dieser durchschnittliche Grad der technologischen Verwissenschaftlichung der Produktion ist in den kapitalistisch entwickelten Ländern relativ hoch, in den Ländern der Peripherie relativ niedrig. Es wird nun erwartet, daß sich mit zunehmender Globalisierung ein neuer Durchschnitt der Produktivität auf Weltebene herstellt, der im Vergleich zum jetzigen westlichen Durchschnitt niedriger und zum jetzigen östlichen und südlichen höher liegt. Auf der Basis dieses neuen Standards soll es möglich sein, erhebliche Teile des momentan brachliegenden Reservoirs globaler Arbeitskraft erneut in den Prozeß der Kapitalverwertung einzusaugen.

Aber diese Rechnung geht nicht auf. Denn woran mißt sich der Durchschnitt der Produktivität? Er wird gemessen nach dem durchschnittlichen Grad der technologischen Verwissenschaftlichung der Produktion. Entscheidend ist aber, auf welchen Rahmen sich dieser Durchschnitt eigentlich bezieht. Es ist ganz eindeutig die nationalökonomische Ebene der gesellschaftlichen Reproduktion. Denn nur im Binnenraum einer Nationalökonomie gelten gemeinsame Rahmenbedingungen, die so etwas wie einen "gesellschaftlichen Durchschnitt" überhaupt herstellen können. Dazu gehört ein gemeinsamer Grad von Entwicklung der Infrastruktur, des Systems der Ausbildung usw. Auf der Ebene des Weltmarkts existieren jedoch keine derartigen gemeinsamen Rahmenbedingungen. Deshalb kann sich auch kein globales Durchschnittsniveau der Produktivität herausbilden. Das Verhältnis der Nationen oder Weltregionen auf dem Weltmarkt stellt kein Analogon zum Verhältnis der Unternehmen innerhalb einer Nationalökonomie dar. So setzt sich auf der globalen Ebene zwangsläufig das Produktivitätsniveau der älteren, kapitalistisch höher entwickelten westlichen Industrieländer durch. In demselben Maße, wie der nationale Raum durch die Globalisierung objektiv obsolet wird, bildet dieses Niveau unmittelbar und ungefiltert den globalen Maßstab für alle Marktteilnehmer. Die Hoffnung, daß im neuen transnationalen Bezugssystem der gesellschaftlich gültige Durchschnitt der Produktivität sinken und die Wiedereingliederung brach liegender Arbeitskraft in die Produktion erleichtern wird, ist illusorisch.

In philosophischer Hinsicht bestimmt eine ganz ähnliche anachronistische Erwartung das Denken der Unzufriedenen. Denn die Philosophie der so genannten Aufklärung, deren Grundlagen im 18. Jahrhundert gelegt wurden, gilt weiterhin als unüberschreitbarer Horizont der Ideen. Es wird so getan, als könnte die Welt auch in diesem Sinne immer noch in den Rahmen der bürgerlichen Moderne hineinwachsen. Die neue Opposition geht dabei erst recht keinen Schritt über die alte hinaus. Aber das Paradigma der Aufklärung ist ebenso erschöpft wie die Ökonomie des modernen warenproduzierenden Systems, dessen philosophischer Ausdruck sie nur war. Die zentralen aufklärerischen Ideen der "Freiheit" und "Gleichheit" des "autonomen Individuums" und seiner "Selbstverantwortung" sind ihrem Begriff nach auf die kapitalistische Form des Subjekts von "abstrakter Arbeit" (Marx), Betriebswirtschaft, totalitärem Markt und universeller Konkurrenz zugeschnitten. Freiheit und Gleichheit im Sinne der Aufklärung waren immer identisch mit der Selbstunterwerfung der Menschen unter die gesellschaftlichen Formen des kapitalistischen Systems.

Der Kampf der klassischen Arbeiterbewegung und der nationalen Befreiungsbewegungen um die juristische und politische "Anerkennung" konnte sich auf die Philosophie der Aufklärung berufen, weil er nur auf das Hineinkommen und Hineinwachsen in diese Formen abzielte, deren gesellschaftliche Rahmenbedingung genau wie in ökonomischer Hinsicht durch die Nation gebildet wurde. Es gibt nur nationale Systeme des bürgerlichen Rechts. Indem die Globalisierung den nationalen Rahmen sprengt, macht sie nicht nur die ökonomische, sondern auch die juristische und politische Form des bürgerlichen Subjekts obsolet. Damit ist die Philosophie der Aufklärung historisch erledigt. Es hat keinen Sinn, noch einmal den Idealismus der bürgerlichen Freiheit zu beschwören, denn für diese Art der Freiheit gibt es keinen Spielraum der Emanzipation mehr. Das gilt auch für die Weltregionen, die über die diktatorischen Anfänge einer Verallgemeinerung der modernen Subjektform nie hinausgekommen sind. Wie die ökonomische Produktivität, so wird auch die bürgerliche Subjektivität am einheitlichen globalen Standard gemessen, aus dem die meisten Menschen herausfallen.

Die neue soziale Bewegung in der ganzen Welt hat diese Bedingungen ganz offensichtlich noch nicht realisiert. Die Herausbildung transnationaler Strukturen des Kapitals ist identisch mit einer Epoche der historischen Gleichzeitigkeit. Obwohl die aus der Vergangenheit ererbten Ausgangslagen unterschiedlich sind, können die Probleme der Zukunft nur noch als gemeinsame einer unmittelbaren Weltgesellschaft formuliert werden. Sowohl der Form als auch dem Inhalt nach sind die alten Paradigmen der Linken obsolet: Nation, politische Regulation, bürgerliche Anerkennung, Aufklärung. Die Kritik muß tiefer gehen und die repressiven Voraussetzungen dieser Begriffe selbst erfassen statt deren Ideale einzufordern; sonst wird sie wirkungslos verpuffen.




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