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Kritik & Krise des Werts und des Geldes


erschienen in der Printausgabe
der Wochenzeitung „Freitag“
am 23.07.2009

Robert Kurz

KAPITALISMUS OHNE MEHRWERT?

Eine zu kurz greifende Debatte über die Grenzen des Wachstums

Der aktuelle Zusammenbruch des globalen Wirtschaftswachstums wirft die Frage nach den Konsequenzen auf. Unübersehbar sind die ökonomischen, politischen und wissenschaftlichen Eliten von der Jahrhundertkrise des Kapitalismus auf dem falschen Fuß erwischt worden. Nach dem Ende der staatsbürokratischen Planwirtschaft im Osten galt jede gesellschaftliche Alternative als erledigt. Gefeiert wurde das Urvertrauen in die ewig regenerationsfähigen „Marktkräfte“ eines selbsttragenden Wachstums. Trotz des Schocks geben die offiziellen Institutionen auch jetzt noch die Parole aus: „Augen zu und durch“. Mit Hilfe von Rettungspaketen, Konjunkturprogrammen und ein wenig mehr Regulierung hofft man auf ein baldiges Ende der Krise, um aus dieser laut Angela Merkel „gestärkt hervorzugehen“ und zum alten Wachstumspfad zurückzufinden. Diese Option ist derart begründungslos, dass sie keine Glaubwürdigkeit mehr beanspruchen kann.

Gegen dieses „Weiter so“ macht sich unter dem Eindruck der Krise verstärkt eine Kritik an der Wachstumslogik selbst bemerkbar. Unbegrenztes Wirtschaftswachstum sei auf Dauer unmöglich. Diese Einsicht ist nicht gerade neu. Schon 1972 hatte der „Club of Rome“ die berühmte Studie von Donella und Dennis L. Meadows über die „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht. Die Argumentation bezog sich vor allem auf den Verbrauch von Rohstoffreserven, die schon von Marx thematisierte Erschöpfung des Bodens durch Agro-Industrien und die Zerstörung von Lebensräumen. In einer endlichen Welt ist keine unendlich gesteigerte Vernutzung der Ressourcen möglich. Diese eindringliche Langzeitstudie wurde von den bekanntlich kurzfristig orientierten ökonomischen „Machern“ ignoriert, während die ökologischen Bewegungen sich darauf beriefen. Dabei rückte vor allem die äußere Naturschranke des Raubbaus (inzwischen die Klimakatastrophe) ins Blickfeld.

Heute verbinden sich aber die Erschöpfung der energetischen Ressourcen und die ökologische Krise mit der neuen Weltwirtschaftskrise, die gleichzeitig auf eine innere ökonomische Schranke der herrschenden Produktionsweise hindeutet. Diese Doppelkrise verlangt eine Kritik der ökonomischen Voraussetzungen des Wachstumszwangs, die bisher unterbelichtet geblieben waren. Deshalb taucht nun die Idee einer „Wirtschaft ohne Wachstum“ auf. Die Krise soll als „Chance“ in diesem Sinne verstanden werden. Dabei ist allerdings das Problem zu lösen, die Lebensbedürfnisse der 7 Milliarden Menschen dieser Erde von der abstrakten Wachstumslogik zu befreien statt sie im Namen der „knappen Ressourcen“ erst recht zu unterdrücken. Wenn schon Wachstum mit Armut einhergeht, kann seine bewusste Begrenzung nicht mit noch mehr Armut erkauft werden.

Die Frage der ökonomischen Kriterien könnte den Rückgriff auf die ausgemusterte Marxsche Kritik der politischen Ökonomie nahe legen. Das Programm einer „wachstumslosen Wirtschaft“ beruft sich stattdessen großenteils auf einen Aspekt der keynesianischen Doktrin. Keynes steht gewöhnlich gerade für die Rettung des Wachstums durch staatliche Konjunkturspritzen. Aber schon in den 30er Jahren hatte er darüber hinaus eine Stagnationstheorie formuliert, die ein abnehmendes und schließlich ganz ausbleibendes Wachstum des „reifen“ Kapitalismus prognostizierte, weil sich der Kapitalstock nicht beliebig erhöhen lässt. Auf diesen Gedanken hat z.B. jüngst der kritische Ökonom Karl Georg Zinn hingewiesen. Das war für Keynes freilich kein Anlass, die ökonomischen Kategorien in Frage zu stellen. Gegen die drohende Massenarbeitslosigkeit bei versiegendem Wachstum empfahl er schlicht Arbeitszeitverkürzungen, um die Beschäftigung zu erhalten. Dem Kapital geht es aber nicht um Beschäftigung schlechthin, sondern um die Produktion von Mehrwert auf dem von der Konkurrenz erzwungenen und ständig steigenden Produktivitätsniveau, das (wie Keynes durchaus sah) Arbeitskraft auf wachsender Stufenleiter überflüssig macht. Erhalt der Beschäftigung ist also nur möglich durch zusätzliche Mehrwertproduktion, die einen wachsenden Kapitalstock und damit eben ökonomisches Wachstum einschließlich eines permanent steigenden Ressourcenverbrauchs voraussetzt. Keynes argumentierte unvermittelt mit dem „gesunden Menschenverstand“, ohne die innere Logik der Kapitalverwertung in Rechnung zu stellen.

Im Grunde wird bei solchen scheinbar plausiblen Überlegungen wie überhaupt in der Wirtschaftswissenschaft unterstellt, dass es „eigentlich“ um die Befriedigung von Bedürfnissen geht und die modernen ökonomischen Kategorien eben die „Naturgesetze“ dieses vermeintlichen Zwecks sind, die man in ihren Verlaufsformen „gestalten“ muss. Aber in Wirklichkeit ist die Befriedigung der Bedürfnisse bloß Abfallprodukt der abstrakten „Verwertung des Werts“ als gesellschaftlicher Selbstzweck. Die Produktion dient nicht der Herstellung einer ausreichenden Menge von Gebrauchsgütern, sondern sie ist „abstrakte Arbeit“ für den „abstrakten Reichtum“, also für die Verwandlung von Geld in mehr Geld, wie man von Marx lernen könnte. Und der Markt dient deshalb nicht dem Austausch der Gebrauchsgüter, sondern er ist einzig die Sphäre der „Realisierung“ des Mehrwerts, d.h. der Rückverwandlung der Waren in die (vermehrte) Geldform. Alle Beschäftigung, alle Einkommen, alle Marktprozesse sind abhängig von der gelingenden Mehrwertproduktion, die dem Wachstumszwang zugrunde liegt. Diese Basiskategorien des Kapitals haben gleichzeitig keinerlei Sensorium für ökologische und soziale Qualitäten. Sie sind per se gleichgültig gegenüber jedem Inhalt, wie man ebenfalls von Marx lernen könnte.

Die oberflächliche Wachstumskritik ignoriert leider den kapitalistischen Funktionszusammenhang und den destruktiven Charakter seiner Kategorien. Sie will auf einen Kapitalismus ohne Mehrwert hinaus, was ungefähr so erfolgversprechend ist wie die Quadratur des Kreises. Allerdings setzt der Kapitalismus selbst seinem Wachstum ein Ende, wenn er zu viel „abstrakte Arbeit“ überflüssig macht, damit die reale Mehrwertproduktion zum Stehen bringt und sich nur noch durch Kredit- und Finanzblasen am Scheinleben erhalten kann, die schließlich platzen müssen. Das führt zwar zu einem Stop des Ressourcenverbrauchs und der Schadstoffemissionen; aber nicht als bewusste Entscheidung der Gesellschaft, sondern als blinder Krisenprozess, wie es schon der Zusammenbruch der am Weltmarkt gescheiterten Industrien im Osten teilweise vorexerziert hat. Der Preis ist die soziale Massenverelendung. Denn die Krise lenkt die Produktion nicht in „sinnvolle“ Bahnen, sondern legt sie einfach still, weil sie den Selbstzweck der Verwertung nicht mehr erfüllen kann.

Der unüberwundene kapitalistische Wachstumszwang ohne reales Wachstum ist nur ein Katastrophenszenario. Damit dieser Zwang aufhört, ohne das gesellschaftliche Leben in die Agonie zu stürzen, müsste die Reproduktion vom Diktat des abstrakten Mehrwerts befreit werden. Das würde aber verlangen, dass es keine Ware Arbeitskraft und damit keinen Arbeitsmarkt mehr gibt, dass die Produktion ihren Charakter als „abstrakte Arbeit“ verliert und der gesellschaftliche Zusammenhang nicht mehr in den Formen von Geld, Markt und Konkurrenz hergestellt wird. Soll die Menschheit nicht auf den Trümmern dieser ökonomischen Kategorien verhungern, obwohl alle Ressourcen vorhanden sind, steht sie vor der Aufgabe jener von Marx postulierten „Verwaltung der Sachen“. Eine gesellschaftliche Planung wird erst „sinnvoll“, wenn sie sich auf den materiellen und sozialen Inhalt bezieht, ohne Lebensmittel und Kulturgüter weiterhin in die Form der „Wertgegenständlichkeit“ einzuschließen, die mangels Zahlungsfähigkeit unerreichbar wird.

Keynes hatte sich das Ende des Wachstums als relativ gemütliche Angelegenheit vorgestellt. Wenn der Staat das Wachstum nicht mehr stimulieren kann, soll er es einfach durch „öffentliche Güter“ ersetzen. Dass deren Finanzierung ihrerseits von der Kapitalverwertung und damit wieder vom Wachstum abhängig ist, ließ er im Dunkeln, weil er den Staatskredit anscheinend noch für nahezu unerschöpflich hielt. Mit Staatshilfe sollten die „abstrakte Arbeit“ alias Beschäftigung, die Geldeinkommen und der universelle Markt auch ohne die kapitalistische Bedingung ihrer Möglichkeit bis in alle Zukunft ungebrochen weitergehen. Dieses zu kurz greifende Programm droht sich in der neuen Weltwirtschaftskrise zu blamieren. Trotzdem bleibt die Kritik des Wachstumszwangs unabweisbar. Sie müsste allerdings durch die Kritik der bislang blind vorausgesetzten ökonomischen Formen konkretisiert werden, denn man kann den Pelz nicht waschen, ohne ihn nass zu machen.




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