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EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft 8/2011 (Archiv)


EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft
Heft 8, Juli 2011

Inhalt

EDITORIAL

Trotz aller vordergründigen Entwarnungsrhetorik vom „Ende der Krise“ und „neuen Aufschwung“ pfeifen es - ganze fünfundzwanzig Jahre nach dem Erscheinen der „Krise des Tauschwerts“ von Robert Kurz - die Spatzen und mancherlei andere Vögel von den Dächern, dass unsere Produktions-  und Wirtschaftsweise sich nicht mehr lange wird aufrechterhalten lassen. Eine Melodie wird daraus freilich eher selten, weil weitgehend Unklarheit darüber herrscht, worin diese Produktionsweise denn eigentlich besteht.

Da sind auf der einen Seite die VertreterInnen des „nachhaltigen Wachstums“ einer „ökologischen Marktwirtschaft“, die zwar - wie etwa der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann im SPIEGEL vom 16.5.2011 - zurecht darauf hinweisen, dass es kein dauerhaft tragfähiges Vorgehen zur Heizung des Wohnzimmers sein kann, dessen Dielen zu verfeuern, dann aber hinsichtlich der Frage, warum denn wohl unsere ach so effektive Marktwirtschaft nach genau dieser Methode vorgeht, die Schuld beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) als falschem Wachstumsindikator suchen und glauben, die Welt käme schon wieder in Ordnung, wenn wir erst die richtige Maßeinheit für Wachstum gefunden hätten. Weshalb denn auch in aller Welt und auf verschiedenen Ebenen Kommissionen mit dem Auftrag eingesetzt wurden und werden, nach dieser Maßeinheit zu suchen.

Das erscheint doch ein bisschen zu simpel. Warum um Himmels willen sollte das aus allen Fugen geratene kapitalistische Weltsystem in seinem zerstörerischen Selbstlauf einhalten, nur weil wir die Methode ändern, mit der er gemessen wird? Offensichtlich handelt es sich bei der Suche nach der neuen Maßeinheit um eine Ersatzhandlung: Wenn wir schon eine Transformation der herrschenden Gesellschaftsordnung für undenkbar halten, weil wir ihre Kategorien (wie Arbeit, Warenform, Wert, geschlechtliche Abspaltung), wo sie uns denn überhaupt ins Bewusstsein treten, als naturgegeben ansehen, dann putzen wir uns doch erst einmal die Brille, das kann ja immerhin nicht schaden.

Nützen wird es allerdings auch nichts. Denn wie immer die Alternative zum BIP am Ende auch aussehen mag, sie wird nichts daran ändern können, dass das Ziel allen kapitalistischen Wirtschaftens in der Erzielung möglichst hoher einzelbetrieblicher Profite liegt, erfolgreiches Wirtschaften also Wachstum voraussetzt, und zwar Wachstum der gesamtgesellschaftlichen Wert- und Mehrwertmasse, das jedoch - bei wachsender Produktivität - in noch stärkerem Maße ein Wachstum des stofflichen Outputs und Ressourcenverbrauchs erforderlich macht. Oder umgekehrt: Nachhaltigkeit auf der stofflichen Ebene ließe sich nur durch Inkaufnahme eines sinkenden Arbeitsvolumens erreichen, damit aber eben auch einer sinkenden Wert- und Mehrwertmasse, schließlich ist Arbeit die Substanz des Kapitals. Aber das erzähle mal einer den Grünen. Die schwadronieren lieber von der neuen deutschen Weltmarktführerschaft bei den grünen Produktlinien und - auf Arbeit, Arbeit, Arbeit fixiert wie alle anderen auch - den vielen neuen Arbeitsplätzen, die daraus „bei uns“ entstehen.

Die nicht erst seit dem Crash 2008 verbreitete Ahnung, dass die nur noch durch immer höher sich auftürmende Schulden am Leben gehaltene Weltwirtschaft jederzeit abstürzen kann, hat auf der anderen Seite eine Kritik hervorgebracht, die sich selbst als „fundamentale Kapitalismuskritik“ versteht oder jedenfalls in Rezensionen als solche gehandelt wird, zentrale kapitalistische Kategorien (s. o.) aber gar nicht zur Kenntnis nimmt, geschweige denn zum Gegenstand der Kritik macht. Paradigmatisch sei dafür das Anfang 2011 erschienene Buch „Das Ende des Geldes“ der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Franz Hörmann und Otmar Pregetter genannt, das sich positiv auf das „Zeitgeist Movement“ und das damit verwandte „Venus Project“ bezieht, Internet-Bewegungen mit einer nach eigenen Anhaben in die Hunderttausende gehenden Anhängerschaft.

Der durchgängige Eindruck, den das Werk auf einen unbefangenen und jedenfalls mit dem Buchtitel sympathisierenden Leser wie mich macht, ist der einer großen Verwirrung auf Seiten seiner Verfasser, die diese durch die forsch vorgetragene Pose des Tabubruchs zu überdecken versuchen. Offenbar handelt es sich bei den Autoren um Leute, die an der eigenen Wissenschaft irre geworden sind, was ja erst einmal für sie spricht. Nur haben sie es dann versäumt, sich ernsthaft nach Alternativen umzusehen, also etwa in der wirtschaftswissenschaftlichen Dogmengeschichte ein wenig zurück zu gehen, die Lektüre von Marx oder auch nur Ricardo wäre sicher hilfreich gewesen. Stattdessen ersetzen sie die zurecht für untauglich befundenen Erklärungen der herrschenden Lehre durch solche des „gesunden Menschenverstands“, der dazu zu neigen scheint, sich all die schwer zu durchschauenden Gegenwartserscheinungen damit zu erklären, dass hier Betrug am Werke sein muss. Ein ganzes Kapitel heißt denn auch „Die Betrugsmodelle des Kapitalismus“.

Der kommt bei Hörmann/Pregetter ohne Produktion und ohne Arbeit aus, es geht - wie in der  neoklassischen Lehre auch - allein um den Markt, nur dass dieser nicht so perfekt funktioniert, wie es die Rede von der „unsichtbaren Hand“ suggerieren soll. Der Tausch werde vielmehr durch das dazwischentretende Geld gestört, das von den Banken „aus Luft“ generiert werde und für das sie Zinsen fordern, so dass Lohnabhängige und Unternehmer über ihre eigentliche Intention hinaus arbeiten müssen, um die Zinsen zu bedienen, was wiederum den „Wachstumszwang“ und die damit verbundene Verschwendung von Ressourcen begründet. Die Realwirtschaft unter der Knute betrügerischer Machenschaften des Finanzsektors, dieses strukturell antisemitische Muster ist nur allzu bekannt. Den Autoren ist allerdings zugute zu halten, dass sie immer wieder darauf hinweisen, dass es ihnen um „die geistigen Grundlagen des Gesellschaftssystems“ gehe und nicht um die persönlichen Verfehlungen Einzelner. Und, immerhin, sie fordern nicht die Abschaffung des Zinses, sondern prognostizieren den Zusammenbruch des Geldsystems.

Die Frage allerdings, warum ein auf „mittelalterlichen Denkweisen“ (römisches Recht und doppelte Buchführung werden hier genannt) basierendes Betrugssystem sich so lange hat halten können und ausgerechnet heute sein Ende finden soll, wird weder gestellt noch beantwortet. Ganz offensichtlich haben die Autoren den aktuellen Modus kapitalistischer Vergesellschaftung mit seiner Dominanz des Finanzkapitals in die Vergangenheit projiziert, bis ins späte Mittelalter zurück verlängert und daraus ein Wesensmerkmal des Kapitalismus im Allgemeinen gemacht. Daraus resultiert der Fehlschluss, dass der Kapitalismus überwunden sei, wenn man nur das Geld in seine Schranken weist.

Nicht zufällig endet das Buch in einer schlechten Utopie. Das Geld, um dessen Ende es doch eigentlich gehen sollte, wird nicht etwa abgeschafft, sondern - unter dem berüchtigten Stichwort der „Schwarmintelligenz“ - demokratisiert, und zwar „nach dem Vorschlag der EURO-WEG-Bewegung (WEG = Wert-Erhaltungs-Geld).“ Offenbar geht es wohl doch eher um die Abschaffung des Zinses. Das „Konzept sieht vor, jeden Menschen schon von Geburt an mit einem eigenen Blanko-Kredit, »Geld aus Luft« auf einem persönlichen Konto, zu versehen“, das er eigenverantwortlich verwenden soll. Im Rahmen des von Hörmann/Pregetter verballhornten Mottos „jedem nach seinen Bedürfnissen - jeder nach seinen Möglichkeiten“, dessen Ursprung die Autoren womöglich gar nicht kennen, spielt dieses persönliche Konto eine wichtige Rolle (S. 224f): „Es gibt in diesem Konzept keine Kapitalgesellschaften mehr, in welchen Eigentümer ohne Leistung Schuldgeld vermehren, sondern nur noch natürliche Personen, welche sich über ihre wahren Leistungen vernetzen - jeder Mensch ein Unternehmer. Der Leistende erhält bei Rechnungsstellung sofort den Rechnungsbetrag gutgeschrieben - als Belohnung durch die gesamte Gesellschaft. Der Konsument erhält den gleichen Betrag dagegen von seinem Konto abgezogen.“ Welche Geldbeträge für welche Leistungen zu zahlen sind, wird nicht gesagt, entscheidet das am Ende der Markt? Wer dabei ins Minus rutscht, ist gehalten, das durch eigene Leistung, für die es aber auch Abnehmer geben muss, wieder auszugleichen. „Falls es ihm dennoch nicht gelingen sollte, sein Konto wieder auszugleichen, wird es auch zu keiner nachfolgenden Enteignung wie Pfändung, Zwangsversteigerung etc. kommen, denn schließlich war sein Kontominus ja die Voraussetzung  für das Kontoplus eines anderen Menschen. Die einzige Konsequenz eines lange währenden negativen Kontostands ist die intensivere Beratung durch die EURO-WEG-Begleiter, die Bankmitarbeiter der Zukunft. Diese werden versuchen, ihm Wege aufzuzeigen, wie er durch Tätigkeiten, die ihm wirklich Freude bereiten und die er selbst für schön und sinnvoll erachtet, in Zukunft nützliche Leistungen für die Gesellschaft erbringen kann, um sein Konto wieder auszugleichen.“ Da bieten sich doch „schöne und sinnvolle“  neue Tätigkeiten für ehemalige Banker und Mitarbeiter der Arbeitsagenturen an, mit denen diese dann wiederum ihre persönliche Leistungsbilanz ins Positive wenden können. Gruseliger geht es eigentlich kaum noch: Die Aufteilung der Bevölkerung in „Leistungsträger“ und „Versager“ wird präzise erfasst, und die neue Obrigkeit in Gestalt der „EURO-WEG-Begleiter“ weiß immer ganz genau, wer zu welcher Spezies zu zählen ist. Es bedarf schon einer gehörigen Portion Ignoranz, darin eine positive Utopie zu sehen.

Das Buch ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass ohne eine an die Wurzeln gehende Kritik, die die tiefer liegenden Schichten der bürgerliche Gesellschaft mit erfasst, nicht nur die schlechte Wirklichkeit, sondern auch die gut gemeinten (utopischen) Idealvorstellungen und Entwürfe in einer Art Wiederholungszwang immer wieder nur die Formen bürgerlicher Herrschaft reproduzieren können.

Weil diese Kritik in einem umfassenden Sinne keineswegs schon geleistet und von den vielen  karriereorientierten und daher möglichst dünne Bretter bohrenden Blendern und Wichtigtuern im politischen und akademischen Bereich in dieser Hinsicht nichts zu erwarten ist, wird das dicke Brett der radikalen theoretischen Kritik weiterhin unsere Aufgabe sein. Vorstellungen zu einer befreiten postkapitalistischen Gesellschaft mögen sich daraus ergeben, aber sie sind der Kritik des Bestehenden nicht vorgängig. Sie können ihr nicht vorauseilen, ohne sich in den Fallen der alten Gesellschaft zu verfangen.

Im ersten Teil seines Textes „DAS ELEND DER AUFKLÄRUNG -  Antisemitismus, Rassismus und Sexismus bei Immanuel Kant“ vermittelt Daniel Späth die kategorialen Bestimmungen der Kantischen Philosophie mit deren gesellschaftlichen Bezugspunkt, um auf diese Weise einen Begründungszusammenhang für die Genese der Ideologien des Aufklärers zu gewinnen.        Anhand eines Durchgangs durch die theoretische und praktische Philosophie Kants wird dabei gezeigt, dass die grundsätzlichen Begriffe seiner Philosophie einen Zusammenhang von „Transzendentalität und Zirkulationssubjektivität“ konstituieren. Um den gesellschaftlichen Bedeutungskern der Kantischen Transzendentalphilosophie  freizulegen, wird im ersten Kapitel des Textes das Transzendentalsubjekt in seiner erkenntnistheoretischen Stuktur immanent kritisiert, wobei diese Analyse auf die Kritische Theorie und deren Kant-Rezeption rekurriert, um, im Anschluss an diese, die Präzisierung einer Kant-Kritik voranzutreiben. Diese Präzisierung reflektiert im zweiten Kapitel auf das bereits in der „Kritik der reinen Vernunft“ thematisierte Verhältnis von Theorie und Praxis, wobei der dichotomische Charakter dieses Verhältnisses seinerseits auf eine reale Widersprüchlichkeit bürgerlicher Subjektivität verweist. Der kritischen Darstellung derselben auf der Ebene der Kantischen Philosophie im dritten Kapitel folgt deshalb im vierten Kapitel der Versuch ihren gesellschaftlichen Ursprung in abstracto zu antizipieren. Vor dem so gewonnenen Hintergrund der Durchdringung der Kantischen Philosophie in ihrer theoretischen und praktischen Dimension und der kritischen Restitution ihrer Begriffskonstellationen als Ausdruck gesellschaftlicher Beziehungen kann die negative Dialektik bürgerlicher Subjektivität analysiert werden. Ihre Begründung bei Kant wirft dabei zwangsläufig die Frage nach dem historischen Status des Transzendentalsubjekts auf, weshalb das fünfte Kapitel sich der Kantischen Geschichtstheorie zuwenden und schließlich mit einer abstrakten Reflexion auf die Negativität bürgerlicher Subjektivität unter wert-abspaltungs-kritischen Gesichtspunkten enden wird. Dieser an sich noch beschränkte Reflexionshorizont wird in dem für das nächste Heft vorgesehenen zweiten Teil erweitert, in dem der Kantische Antisemitismus, Rassismus und Sexismus im Fokus der Analyse stehen werden.

Tomasz Konicz unternimmt in seinem Text „EUROPAS HINTERHOF IN DER KRISE“ den Versuch, unter Rückgriff auf eine breite empirische Grundlage die wichtigsten Momente der ökonomischen Entwicklung Mittelosteuropas seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus nachzuzeichnen. Einen Schwerpunkt der Untersuchung bilden diejenigen Länder, die im letzten Jahrzehnt in die Europäische Union aufgenommen wurden und nun deren östliche Peripherie bilden. Dem Zusammenbruch folgte ein tiefgreifender Deindustrialisierungsprozess, der den mittelosteuropäischen Volkswirtschaften ihre Eigenständigkeit raubte und sie bestenfalls in die Rolle einer „verlängerten Werkbank“ westeuropäischer und vor allem deutscher Industriekonzerne trieb. Im Sinne der „Weltsystemtheorie“ Wallersteins ist Mittelosteuropa der „Semiperipherie“ zuzurechnen, jedenfalls bis zum erneuten Kriseneinbruch 2008/2009, durch den etlichen Volkswirtschaften sogar noch dieser halbperiphere Status verloren zu gehen droht.

Im zweiten Teil seines Textes „ES RETTET EUCH KEIN LEVIATHAN -  Thesen zu einer kritischen Staatstheorie“ stellt Robert Kurz, wie bereits im ersten Teil, die Geschichte der linken Staatstheorien im Kontext der kapitalistischen Entwicklung dar. Ausgangspunkt ist die relativ kurz abzufertigende anarchistische Staatskritik, die völlig überschätzt wird und das Problem in krude Ideologie auflöst. In einer Rückblende wird dann noch einmal die fragmentarische und begrifflich inkonsequente staatstheoretische Reflexion von Marx und Engels zwischen dem „Manifest“ und dem „Anti-Dühring“ kritisch beleuchtet, wie sie in der Auseinandersetzung mit den Bakunisten und um den Charakter der Pariser Kommune erscheint. Daraus ergibt sich eine Schwäche der Kritik am kapitalistischen Modus der Vergesellschaftung: Notorisch wird das Problem der gesellschaftlichen Synthesis verfehlt; die Ideen für eine Alternative zum Kapitalverhältnis bleiben grundsätzlich auf der (soziologisch verkürzt wahrgenommenen) Ebene des Einzelbetriebs stehen, während die Frage der bewussten gesellschaftlichen Planung wie von selbst in etatistische Bahnen mündet. Methodologisch folgt die linke Ideologie seither der Metamorphose der bürgerlichen Wissenschaft, die im Gegensatz zu ihren eigenen Klassikern eine Tendenz entwickelt, die gesellschaftlichen Kategorien in gewisser Weise zu individualisieren und zu subjektivieren; die sogenannten strukturtheoretischen Ansätze konterkarieren diese Tendenz keineswegs, weil sie eine „Objektivität“ nur als „Wechselwirkung“ und Resultante immanenter Handlungen verstehen, während der apriorische und transzendentale Charakter der gesamtgesellschaftlichen Formbestimmungen und des daraus abgeleiteten „allgemeinen Willens“ gar nicht mehr vorkommt. Von marxistischer Seite war schon frühzeitig keine zureichende Kritik an dieser bürgerlichen Regression von Gesellschafts- und Staatstheorie mehr möglich, die im Begriff des begründungslosen „Ausnahmezustands“ mündet und damit die spätkapitalistische Krisenpraxis widerspiegelt. Gerade der „Ausnahmezustand“ bildet seither das geheime Programm einer „politischen Reifeprüfung“ der Linken, die gleichzeitig in ihrer demokratischen Ideologie weitgehend dem Elend des Rechtspositivismus verfällt. Die positive Staatsgläubigkeit der Sozialdemokratie wird zum uneingestandenen Erbe auch der sogenannten radikalen Linken. Der Text wird mit seinem dritten Teil im nächsten Heft fortgesetzt.

In einem Rezensionsessay „MESO-THEORIE DES STAATES OHNE KATEGORIALE KRITIK?“ zu Bob Jessops einflussreichen Buch „The Future of the Capitalist State“ verhandelt Elmar Flatschart den „State of the Art“ der englischsprachigen materialistischen Staatstheorie. Der Durchgang durch das Buch erweist, dass Jessop ein scharfer Analytiker der meso-strukturellen Veränderung des fordistischen Staates ist, der durchaus probate definitorische Raster zu entwerfen vermag und somit die komplexe Phänomenologie einer Veränderung von Staatlichkeiten recht gut erfasst. Auch wenn seine These über das Nachfolgermodell des fordistischen Staates, den „Schumpeterianischen Wettbewerbsstaat“, partiell hinterfragt werden müsste, kann auch aus den Vermutungen zu zeitgenössischen Tendenzen noch einiges an Erkenntnis gewonnen werden. Problematisch ist jedoch das fehlende Moment einer Kritik der bestehenden Formen überhaupt, was bereits die theoretischen Grundlagen des Buches nahelegen. Bei dieser rein analytischen, aber nicht kritisch-dialektischen - und somit auch nicht prozessorientierten - Perspektive bleibt die theoretische Anschlussfähigkeit auf der Strecke. Damit verbunden ist gleichzeitig auch eine wissenschaftstheoretische Inkonsistenz, auf die Elmar Flatschart im Zuge einer Kritik der kontingenztheoretischen Schlagseite des Jessop’schen „Gliederungsethos“ aufmerksam macht.

Unter dem Titel „KLEINE REFLEXION DES RE-THINKING MARX KONGRESSES“  gibt Elmar Flatschart einen (selektiven) Einblick in den Ablauf der damit bezeichneten Veranstaltung, die vom 20.-22. Mai 2011 in Berlin stattfand, und legt dabei einige inhaltliche Schwerpunkte dar. Eine umfassendere Behandlung findet das Themenfeld „Ideologiekritik“, das mit VertreterInnen der „neuen Frankfurter Schule“ im Anschluss an Jürgen Habermas stark präsent war. Flatschart weist in einer kurzen theoretischen Verhandlung des Themas auf die Fallstricke einer Position hin, die zwar einige progressive Momente des „esoterischen Marx“ aufnimmt, jedoch letztlich in ihrer verhandlungstheoretischen Auflösung affirmativ bleibt. Er zeigt, dass ein wesentliches Moment dieser Auflösung die Ineinssetzung von Fetischismus und Ideologie ist und pocht folglich auf die Bedeutung einer klaren Trennung von Ideologiekritik und Fetischkritik: beiden sind unterschiedliche erkenntnis- und gesellschaftstheoretische Rollen zuzuweisen.  

In seinem Text „DIE SITUATIONISTEN UND DIE AUFHEBUNG DER KUNST“ befasst sich Anselm Jappe mit der Situationistischen Internationale, die heute wesentlich bekannter ist als während ihrer Existenz (1957-1972). Sie gilt oft als der historisch letzte Versuch, avantgardistische Kunst mit avantgardistischer Politik zu verbinden. In Wirklichkeit ging es den Situationisten jedoch um die „Aufhebung der Kunst“ in der Revolution. Kann sich irgendeine heutige Kunst- oder Politikform zu Recht darauf berufen? Sind die situationistischen Ideen nicht längst in das „Spektakel“ eingemeindet worden, vor allem in der Kunstwelt? Und war dieses Programm der Aufhebung nicht an einen Fortschrittsgedanken gebunden, der heute selber überholt wirkt, weil er an eine - vom Traditionsmarxismus ererbte - allzu positive Auffassung der Entwicklung der Produktivkräfte gebunden war? Vielleicht ist heute also eine Verteidigung der Kunst möglich, die Argumente Adornos mit „situationistischen“ Argumenten verbindet. Aber welcher Kunst?

Lars von Trier, einer der erfolgreichsten Regisseure des europäischen Autorenfilms der letzten 20 Jahre, ist immer wieder scharf für die patriarchalen Frauenrollen in seinen Filmen kritisiert worden. Im Mittelpunkt der Handlung steht zumeist ein von einer Frau mit außerordentlicher Leidensfähigkeit gebrachtes Opfer. Zu beachten hat die Kritik dabei, dass bei aller ästhetischen Überhöhung des Opfers auch die Gewalt dargestellt wird, die damit in Verbindung steht. Dies hat das Gerücht in Umlauf gebracht, dass es sich bei den Filmen auch um kritische Darstellungen handeln könnte. Anhand einer über weite Strecken gelungenen feministischen Kritik dieser Filme - Antje Flemmings „Lars von Trier. Goldene Herzen, geschundene Körper“ -, zeigt JustIn Monday in seinem Text „FRAUENBILD UND FRAUENBILDER - Zum Verhältnis von Kulturwissenschaft und Feminismus, aufbauend auf Antje Flemmings Kritik der Filme Lars von Triers“, welche Grenzen der Kritik gesetzt sind, wenn die aktuelle Orientierung an den gängigen, kulturwissenschaftlich geprägten Methoden der aktuellen Sozialforschung beibehalten wird. Während die inhaltliche Analyse von Bildsprache und anderen filmischen Mitteln erhellend ist, bleibt die Antwort auf die Frage nach den aktuellen Bedingungen, unter denen diese Mittel wirken können, hinter dem Notwendigen zurück. Immer wieder muss auf das Argument zurück gegriffen werden, von Triers Frauenbilder seien antiquiert. Dieser Eindruck entsteht, weil verfehlt wird, dass die Erneuerung der patriarchalen Tradition kein Problem des Inhalts, sondern eines der Abspaltung des Weiblichen von der gesellschaftlichen Form ist. Zu diesem Zweck versucht JustIn Monday, die Abspaltungskritik auf metapsychologischer Ebene fortzuführen und erörtert die ahistorischen Implikationen des postmodernen Geschichtsbegriff, mit denen Veränderungen nicht zu fassen sind. Im Kern des Problems liegt die Unmöglichkeit, die Formdifferenz zwischen realer und fiktiver Welt im Film zu verhandeln. Diese Kritik berührt zentrale Annahmen und Implikationen aktueller Macht- und Diskurstheorien, so dass der Text auch als Beitrag einer Kritik hieran zu verstehen ist.

Das Heft schließt mit vier kurzen Texten von Udo Winkel: Einer Rezension des Aufsatzbandes „DIVERGENZEN DES HELMUT DAHMER“, das sich zur Würdigung des Lebenswerks seines Autors eignet, einer weiteren Rezension des Buches „GELD IM MITTELALTER“ von Jacques Le Goff, in dem deutlich gemacht wird, dass von einem „mittelalterlichen Kapitalismus“ keine Rede sein kann, einer Würdigung von Alfred Schmidt zu dessen 80. Geburtstag unter der Überschrift „ZWISCHEN FEUERBACH UND DER KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE“ sowie schließlich einer Glosse „VON HEGEL ZU LUDWIG ERHARD“ über die programmatischen Metamorphosen der Sahra Wagenknecht.

Mit Beginn des Jahres 2011 hat die Redaktion personell zugelegt und sich damit zugleich drastisch verjüngt. Als neue Mitglieder hinzugekommen sind Johannes Bareuther, Elisabeth Böttcher, Elmar Flatschart, Georg Gangl und Daniel Späth.

Das SCHWARZBUCH KAPITALISMUS von Robert Kurz wird zur Zeit ins Englische übersetzt und soll, wenn die Verlage mitmachen, im nächsten Jahr in englischer Sprache erscheinen.




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