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EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft 9/2012 (Archiv)


EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft
Heft 9, März 2012

Inhalt

Editorial

Offener Brief

Elmar Flatschart
ZUR KRITIK DER (POLITISCHEN) UMSONST-ÖKONOMIE

Robert Kurz
Kulturindustrie im 21. Jahrhundert
Zur Aktualität des Konzepts von Adorno und Horkheimer

Georg Gangl
AUFGEKLÄRTE DIFFERENZEN
Ein Rezensionsessay zum Poststrukturalismus anhand seiner antideutschen Kritik

Karina Korecky
WO DIE LIEBE ZU DEN GESETZEN IM STAATE RUHT
Über den Zusammenhang von Weiblichkeit und Nation

Daniel Späth
DAS ELEND DER AUFKLÄRUNG:
SEXISMUS BEI IMMANUEL KANT

Carsten Weber
IHR KOMMT HIER NICHT REIN
Die prekarisierte Mittelschicht und ihre Subjekte als verängstigte Wachhunde ihres Humankapitals

Udo Winkel
WEDER ALY NOCH WEHLER
Vom Historikerstreit als Duell

Gerd Bedszent
MALTHUS RELOADED

Udo Winkel
PARIS – STADT DER REBELLEN


Editorial

In den letzten Monaten waren in den Medien Bilder „sozialer Bewegungen“ ungewöhnlich stark präsent. Seit dem Ende der großen „Bewegungssubjekte“ des 20. Jahrhunderts – ArbeiterInnenbewegung, Frauenbewegung, Antikoloniale Bewegung – scheint die Wahrnehmung von Revolten und Aufständen nie so groß gewesen zu sein. Für kritische Theorie stellt sich nun die Frage, wie diese Veränderung zu begründen ist. Während in den 1990ern noch die Reste der alten Großsubjekte abgewrackt wurden – was niemanden interessierte –, wurden die Anti-Globalisierungsbewegungen der 2000er von der bürgerlichen Öffentlichkeit eher sporadisch und unter „ferner liefen“ behandelt. Das qualitativ Neue von so unterschiedlichen Phänomenen wie den Revolten des „Arabischen Frühlings“, dem Online-Aktivismus einer pluralisierten Internet-Community, für den sinnbildlich „Anonymous“ steht, oder zuletzt auch die weltweite „Occupy-Bewegung“ scheint in zweierlei Tatsachen begründet zu sein: Einerseits stellen diese neuen Bewegungen einen gewissen Teilbereich der kapitalistischen Vergesellschaftung zumindest nominell radikal in Frage; andererseits kommen ihre Proponenten dabei aber nicht nur aus der „Mitte der Gesellschaft“, die sich inzwischen globalisiert hat, sie distanzieren sich auch strikt von den versprengten Resten der mehr oder weniger etablierten organisierten Linken. Die Praxen sind im Einzelnen natürlich reduktionistisch geblieben und transzendieren in ihren Forderungen das System nicht maßgeblich. So waren die Revolten in der arabischen Welt stets auf eine neue politische Regulation ausgerichtet, hinterfragten aber weder andere gesellschaftliche Aspekte noch die grundsätzliche Voraussetzung kapitalistischer Ökonomie. Die Internetbewegung reagierte auf autoritäre Tendenzen und die zunehmende Versicherheitlichung des Alltags mit einer Art naiven anything-goes Anarchismus, der sich mit „materiellen“ Aspekten sozialer Verhältnisse überhaupt nicht auseinandersetzte. Die Occupy-Bewegung schließlich fokussierte einseitig auf eine Infragestellung einiger kapitalistischer Prinzipien, ist jedoch blind für andere gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen und Ideologien.

Warum jedoch teilen all diese Phänomene nicht das Schicksal früherer Revolten einer post-modernen „Mosaiklinken“? Die Antwort ist wohl nicht allein in den konkreten Praxen selbst zu suchen, sondern auch in ihrem historischen Kontext. Die schon lange schwelende Krise des warenproduzierenden Patriarchats hat mit der globalen „Wirtschaftskrise“ seit 2007 endgültig die Oberflächenebene der Erscheinungen und manifesten Transformationen erreicht. Es ist nun nicht mehr nur die Logik der Wert-Abspaltung, welche ihre Grenzen erreicht hat; die Empirie und somit das Alltagsleben der Menschen bringt die Schranken dieser Vergesellschaftungsweise nun schubhaft zur Geltung. Dies ist zwar kaum jemandem bewusst, da ironischerweise gerade die kulturelle und theoretische „Postmoderne“ – selbst ein Affekt der sich abzeichnenden Krise und somit gewissermaßen ein gesellschaftlicher Prolog der eigentlichen Eruptionen – die Vorstellung jeglicher Teleologie und Finalität aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht hat; dennoch macht sich ein Unbehagen breit, das mit einer versteckten Verzweiflung und dem Unglauben an herrschende Lösungsangebote verknüpft ist. Dieses fast immer gänzlich bewusstlose Unbehagen artikuliert sich nun auf viele Arten und Weisen. Zumeist natürlich – der immanenten und reflexionslosen Verfasstheit geschuldet – in ideologischen Verarbeitungsformen, die u.a. den (populistischen) Schwenk nach rechts, reaktionäres Beharren auf längst Überholtem und realitätsfremden, regressiven Tendenzen ganz allgemein bedingen. Jedenfalls aber wird der herrschenden Politik (zumindest implizit) nicht mehr zugetraut, dass sie die Sache wieder „richten“ kann. Dieser Unglaube an die Politik richtet sich nun nicht nur gegen die tatsächlichen institutionellen EntscheidungsträgerInnen, sondern auch gegen die Linke. Es ist eben kein Zufall und stellt eine qualitative Veränderung dar, dass selbst noch die radikaleren Teile der Krisenbewegungen sich von den politisch organisierten Kräften klar distanzieren. Dies ist verknüpft mit einer neuen Massenbeteiligung, welche die radikalere Linke ihrerseits vor den Kopf stößt. Schließlich konnte letztere sich nun bereits lange genug in ihrer gesellschaftlichen Ghettoisierung wohlfühlen und weiß nicht mehr viel mit nicht-subkulturell Sozialisierten anzufangen. Die Reaktionen gingen demgemäß von verblüfftem Danebenstehen über zwanghafte (und erfolglose) Intervention gemäß „alter Muster“ bis hin zur gehässigen Abwehr. All diese Reaktionen – und ganz besonders die letzte – sind nicht wirklich maßgeblich darauf zurückzuführen, dass es tatsächliche inhaltliche Differenzen gäbe: Große Teile der Linken sympathisieren ja noch mit den verkürztesten Forderungen jener Bewegungen bzw. bringen selbst wenig elaboriertere hervor. Aber auch eine abwehrende, oberflächlich-ideologiekritische politische Positionierung blamiert sich letztlich selbst, da sie bloß das ohnehin von vornherein Klare – die Reproduktion von (Alltags-)Ideologien und zu wenig radikalen Forderungen in spontanen Massenbewegungen – wiederkäut und in eigene Selbstversicherung ummünzt. Die Reaktionen sind deshalb vielmehr maßgeblich davon geprägt, dass die Linke mit diesen neuen Erscheinungen endgültig nichts mehr anzufangen weiß. Die Inkompatibilität der althergebrachten Codes, Subkulturen, politischen Agitations- und Verhaltensformen mit den neuen Protesten ist eine kategoriale, da sie aus der politischen Verfasstheit der Linken selbst hervorgeht. Die Linke hat sich en gros im Grunde nie vom Schock des Endes der großen politischen „Bewegungssubjekte“ erholt und hält durchgängig weiterhin an politischen Mustern fest, die bloß Verfallsprodukte der Krise des Alten sind. Dies ist intrinsisch verknüpft mit der „postmodernen“ theoretischen Pluralisierung, die eigentlich bloß für die eigene Ratlosigkeit in der kritischen Analyse steht: die Komplexität einer krisenhaften Fragmentierung der Gesellschaft lässt „einfache“, empirisch fassbare strukturelle Regularitäten in weite Ferne rücken. Da jedoch die Ebene einer die Totalität erfassenden kategorialen Kritik nicht mehr erreicht wird, ist die Verwunderung groß und der Effekt der Besinnung auf das Kleinteilige, Kontigente naheliegend. Diese postmoderne Pluralisierung lenkt jedoch gleichzeitig davon ab, dass die bestehenden Handlungsweisen und Reaktionsformen im Grunde die alten geblieben sind. Sie treten nun bloß verwaschener und ver(w)irrter auf. Derart ist die Linke seit langem handlungsunfähig, zumindest wenn es um die Ebene gesamtgesellschaftlicher Transformation geht. In ihrer mangelnden Selbstkontextualisierung unterscheidet sie sich dabei wenig von den anderen ArtistInnen im Politzirkus, ist eben wirklich austauschbar mit politischen Positionen.

Es ist also den neuesten sozialen Bewegungen nicht zu verdenken, dass sie sich von der Linken abkehren, ja stellt gewissermaßen eine notwendige (wenn auch unbewusste) Reaktion auf die historische Überholtheit von großen Teilen jener Linken dar. Im Einzelnen und v.a. was die Inhalte betrifft, lassen sich die Proteste natürlich nicht kausal auf bloße Krisenerscheinungen reduzieren. Je nach Abstraktionsebene ergeben sich auch unterschiedliche Räume der Kontingenz und der tatsächlichen Verkettungen einer nicht mehr rein auf das automatische Subjekt reduzierbaren Praxis. Diese Unmöglichkeit einfacher Kausalbeziehungen sollte jedoch auch nicht dazu führen, dass jener historische Kontext einfach ignoriert wird oder noch schlimmer, in projektiver Verkehrung behauptet wird, dass die Krise ja selbst Resultat der Kämpfe ist. Eine differenzierte Analyse müsste die Entwicklungen einer synchronen historisch-systemischen Logik des Werts und ihrer diachronen Brüche in Politik und Alltagspraxis gemeinsam und in ihrer Widersprüchlichkeit betrachten. Ähnlich wie in bisherigen Krisensituationen öffnen sich also durchaus neue Möglichkeitsräume; anders als in früheren zyklischen Krisen ist jedoch eine Rückkehr zu bestehenden Formen bzw. zu einem erneuten Durchsetzungsschub innerhalb des kapitalistischen Formkorsetts unwahrscheinlich. Selbst wenn also keine „systemische Rekonvaleszenz“ mehr anzunehmen ist, bleibt die zunehmende Verwilderung und Barbarisierung der Verhältnisse die realistischste Version, so keine maßgebliche Veränderung lanciert wird.

Es gilt also von Seiten kritischer Theorie weiterhin zu intervenieren und auch gewagte Interpretationen nicht zu scheuen. Hinsichtlich der neuesten Bewegungen ist die angelegte umfassendere Ablehnung der Politik interessant. Ich denke, dass diese durchaus auch als Resultat der Krisenvergesellschaftung (die natürlich schon länger andauert und sich eben nun bloß aktualisiert) betrachtet werden kann. Die Politik wird auf gewisse Weise in ihrer fetischistischen Beschränktheit und Verwiesenheit auf das „automatische Subjekt“ von Wert und Abspaltung abgelehnt. Die Ablehnung ist dabei gar keine inhaltliche mehr (denn hier hätte die Linke ja oftmals trotzdem recht), sondern eine, die sich auf die Form selbst bezieht. Die Subsumption unter die repräsentativ-symbolische Politikform, ihre immanente Logik der Hegemonie und abstrakten Distanzierung von der Alltagswelt wird dabei als Affront wahrgenommen. Ähnliche Reflexe gab es freilich schon früher, in derart konzertiert und bestimmter Weise sind sie jedoch zweifellos neu und nur im Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Formkrise zu verstehen. Das Problem bleibt freilich, dass alle Reaktionen der neuesten Bewegungen eben niemals auch nur annähernd überlegt erfolgen bzw. selbst noch in ihren Widersprüchlichkeiten nachvollzogen werden. Sie beruhen auf einer „instinktiven“ Abwehr einer zunehmend untragbarer werdenden Inkongruenz von Realität und Realitätsbild. Hiermit müsste sich die Linke auseinandersetzen, sie müsste kritische Interventionen wagen, die gerade jene Infragestellung auch ihrer eigenen Form nicht abwehrt, sondern kritisch rezipiert. Sporadisch mag dies passieren, aber auf jener aggregierten Ebene, welche die soziale Form linker „Politik“ tangiert, ist davon nichts zu merken. Hier herrschen vielmehr weiterhin Gestaltbarkeits- und Kampfillusionen vor, die in keiner Weise jene Hinterfragung der Politikform mitmachen. Dabei gibt es schlicht immer weniger zu gestalten. Die Linke schafft sich mit ihrer Ignoranz der Krisenhaftigkeit ihres eigenen Rahmens also letztlich nur selbst ab.

Dass der Rahmen immanenter politischer Gestaltbarkeit immer enger wird und dies von den neuesten Bewegungen wahrgenommen wird, bedingt aber noch lange keine alternativen Auswege, geschweige denn eine radikale und systematische Infragestellung des systemischen Ganzen in seiner widersprüchlichen Verbundenheit. Um wirklichen Auswegen näher zu kommen, reicht also natürlich der „spontane Impuls“ von Masseneruptionen nicht aus; es bedarf weiterhin der Organisation, ja auch des Handelns in der Politikform, und hier sind linke Kritiken bzw. das Beharren auf Erfahrungshintergründe nicht fehl am Platz. Damit aber diese Erfahrungen überhaupt noch ernst zu nehmen sind, muss endlich die radikale Selbsthinterfragung und Formkritik auch linker Politik zum Repertoire emanzipatorischer AkteurInnen werden. Ein solcher Selbsttransformationsprozess kann freilich nicht ohne Brüche von statten gehen und ist leichter gesagt als getan. Er setzt aber v.a. eines voraus: einen neuen und radikalen Umgang mit Widersprüchen. Diese sind in ihrer systemischen Gesetztheit zu verstehen sowie zu bearbeiten und nicht zwanghaft-identitätslogisch aufzulösen, wie es in der politischen Linken Usus war und ist. Denn diese Art von Auflösung ist der Dreh- und Angelpunkt von gesellschaftlichen Ideologien, welche die Linke wie auch neuere Proteste gleichermaßen (jedoch auf unterschiedliche Art) durchziehen. Ideologiekritik ist dann auch die Hauptaufgabe Kritischer Theorie, wenn es um die Auseinandersetzung mit linken Diskursen, Bewegungen und konkreteren Praxen geht. Sie hat dabei schonungslos die Notwendigkeit wie die Falschheit von Bewusstsein (bzw. eigentlich den unbewussten Motiven hinter mehr oder minder bewussten Praxen und diskursiven Interventionen) zu dechiffrieren, auch und gerade dann, wenn es ungemütlich wird. Als „theoretische Praxis“ ist sie folglich selbst eine der wichtigsten Imperative von Emanzipation. Dies sollte jedoch keineswegs als Absage an emanzipatorische Handlung im engeren Sinne verstanden werden, denn weder wird sich die Welt durch reine Theoriearbeit verändern, noch kann Kritische Theorie überhaupt „positive“ Aussagen über konkrete Praxen machen. Würde sie das tun, klar („politisch“) Stellung beziehen und sich unisono in den linken Kanon einordnen, verkäme sie selbst zur Ideologie, da sie ihre eigene Situierung als bestimmte Praxis vergäße und die damit verbundenen Widersprüche vereinseitigend sistierte.

Die schwierige Gratwanderung Kritischer Theorie zwischen eigener (linker) Situierung und radikaler Ideologiekritik ist der Kern der Tätigkeit eines Zusammenhangs wie EXIT. In diesem Sinne ist nicht nur die Weiterentwicklung eines gesellschaftstheoretischen Korpus von zentraler Relevanz; zugleich müssen auch die ideologischen Verarbeitungsformen auf den verschiedenen Abstraktionsebenen und durch die Stratifikation gesellschaftlicher Verhältnisse hindurch kritisiert werden. Das vorliegende Heft legt konsequenterweise seinen Schwerpunkt auf die Ideologiekritik, die aus unterschiedlichen Perspektiven verfolgt wird.

Der erste Text „ZUR KRITIK DER (POLITISCHEN) UMSONSTÖKONOMIE“ von Elmar Flatschart versteht sich als auf konkretere Ansätze zielende ideologiekritische Aufarbeitung von linken Praxen sowie „Theorien der Praxis“ und setzt sich dahingehend mit alternativökonomischer Versuchen der Schaffung einer geldfreien Ökonomie auseinander. Nach einem Prolog über das Verhältnis von Theorie und Praxis wird zuerst in einer Begriffsbestimmung der Gehalt des Konzepts der „Umsonstökonomie“ untersucht. Aufbauend darauf wird eine immanente Kritik der Umsonstökonomie entwickelt, die sich im Wesentlichen an die Kritik der Politischen Ökonomie Marxens bzw. deren Rezeption durch neuere wert-abspaltungs-kritische Debatten anlehnt. Hierbei werden zentrale Schwachstellen bisheriger Praxen ebenso thematisiert wie die bereits im Konzept angelegte Auslassungen und Vereinseitigungen. Wesentlich erscheint dabei die Fixierung auf Reproduktion bzw. „Ökonomie“ im weitesten Sinne, welche eine Unterberücksichtigung der politischen Seite emanzipatorischer Praxis und ihrer Theorie impliziert. Dem folgen einige Überlegungen zur Vergeschlechtlichung umsonstökonomischer Praxen, wie sie im Anschluss an eine wert-abspaltungs-kritische Position zu erfolgen haben. Abschließend wird die Ebene der meta-theoretischen Kritik schließlich partiell verlassen um mögliche Stärken und Perspektiven der Umsonstökonomie als emanzipatorischer Bewegungspraxis darzulegen.

Im folgenden Artikel „KULTURINDUSTRIE IM 21. JAHRHUNDERT“ wird der Fokus weg von unmittelbaren Praxen hin zu ideologischen Phänomenen im Kontext des breiteren Phänomens „Postmoderne“. Der Beitrag geht auf ein Referat zurück, das Robert Kurz 2010 bei einem Kongress zu diesem Thema in Brasilien gehalten hat. Die zum kritischen Essay erweiterte Fassung versucht den immanenten Gegensatz von bildungsbürgerlichem Kulturpessimismus und postmodern-technologischem Kulturoptimismus als zwei Seiten derselben ideologischen Medaille kenntlich zu machen. Der Kult der Oberflächlichkeit verhält sich komplementär zum Kult der Innerlichkeit. Beide Seiten verleugnen gleichermaßen ihre öde Affirmation der kapitalistischen Verfasstheit von Kultur. Für die Einsicht in diesen Zusammenhang gibt die alte Analyse von Adorno und Horkheimer trotz ihrer politökonomischen Defizite immer noch mehr her als die inzwischen selber alt gewordene Pop-Linke wahrhaben will. Das gilt sogar für die kulturindustrielle Mutation des Internet zur „hohnlachenden Erfüllung des Wagnerschen Traums vom Gesamtkunstwerk“, gerade auch im technologisch „interaktiven“ Charakter des Web 2.0. Über Adorno und Horkheimer hinaus kann die Kritik der virtualisierten Ökonomie als Einsicht in die innere Schranke des Kapitals auch die Grenzen der totalitären digitalen Kulturindustrie im 21. Jahrhundert aufzeigen. Der Text versteht sich als vorläufiger Beitrag zu einer noch ausstehenden umfassenden Kritik des postmodernen Kulturalismus, seiner Episteme und seiner sozialökonomischen Bedingungen.

Der Rezensionsessay „AUFGEKLÄRTE DIFFERENZEN“ von Georg Gangl bleibt im Themenbereich der Postmoderne, er visiert (falsche) Kritiken des Poststrukturalismus aus der „antideutschen“ Ecke an. Es wird dabei deutlich, dass in jenem Diskurs trotz (oder gerade auf Grund) der vermeintlichen Nähe zur wert-abspaltungskritischen Theoriebildung zahlreiche ideologische Schlacken zu finden sind.Anlass und quasi Negativfolie der theoretischen Analyse bietet der Sammelband „Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“, der vor kurzem im ça-ira-Verlag erschienen ist. Die Kernthese ist, dass die vertretene „antideutsche“ Position poststrukturalistischer Theoriebildung nicht gerecht wird, sondern vielmehr dazu tendiert, sie identitätslogisch auf doppelte Art und Weise zu verkürzen: Einerseits wird der Poststrukturalismus auf seine erkenntnistheoretische Problematik und schließlich deutsche Ideologie und Apologie des Islamismus reduziert, andererseits figuriert erkenntnistheoretisch unter dem Poststrukturalismus nur die Philosophie Jacques Derridas. Unter diesen Vorzeichen lassen sich die Meriten poststrukturalistischer Theoriebildung jedoch kaum mehr erfassen. Der Essay wählt deshalb einen historisch-kontextualisierteren Zugang zu poststrukturalistischer Theoriebildung und streicht in Ansätzen heraus, dass bestimmte theoretische Erkenntnisse des Poststrukturalismus durchaus anerkannt werden können, auch wenn sie in einem kritisch-dialektischen Theorierahmen anders konzeptualisiert werden müssten. Schließlich argumentiert der Text, dass die identitätslogischen Verkürzungen des Bandes sich hauptsächlich aus einer grundlegenden, aufklärungsideologischen Positionierung ergeben, die eine Art Ideal-Aufklärung und damit auch einen Ideal-Kapitalismus vor sich selbst retten will.

Der Beitrag „WO DIE LIEBE ZU DEN GESETZEN IM STAATE RUHT“ von Karina Korecky firmiert als ideologiekritische Dechiffrierung des androzentrischen Blicks zahlreicher Kritiken der Nation. Denn die linke Kritik an Staat und Nation glaubt üblicherweise ohne jene des Geschlechts auszukommen, das Geschlechterverhältnis spielt keine Rolle für die Kritik am Nationalstaat. Auf der Seite der feministischen Theorie verhält es sich nicht viel anders: Wo der Staat überhaupt zum Thema wird, sind Weiblichkeit und Nation so etwas wie »Strukturkategorien« oder auch »Diskurse«, die qua analytischer Trennung nur noch äußerlich aufeinander bezogen werden können. Der Artikel geht demgegenüber von der Betrachtung der bürgerlichen Gesellschaft als ganzer aus. Die Gesellschaft der Freien und Gleichen brachte in ihrem Werdegang ihr Widersprechendes hervor: die Frauen als Differente, die Nationen als bestimmte. Durch die Dialektik der Aufklärung hindurch reproduzieren sie sich permanent neu. In der politischen Theorie Jean-Jacques Rousseaus und anderen sind es die Frauen, in deren Händen »die Liebe zu den Gesetzen im Staate« ruht. Zur zweiten Natur gemacht, sollen Frauen zwischen dem bürgerlichen Mensch-Mann und dem, was ihn dazu macht, vermitteln. Sie lassen die Gesetze im Staate lieben, die Unterwerfung unter den Zwang als lustvoll erscheinen und die Notwendigkeit als Wunsch. Im Kontext der Nation ist Weiblichkeit das, woran deren Einigkeit bewiesen wird.

Der Text „SEXISMUS BEI IMMANUEL KANT“ von Daniel Späth kann als Ideologiekritik im ideengeschichtlichen Kontext aufklärerischer Meta-Ideologie betrachtet werden. In dem zweiten Teil seiner Arbeit „Das Elend der Aufklärung“ versucht der Autor eine kritische Rekonstruktion der kantischen Weiblichkeitsimagines. Während das erste Kapitel mit der dritten „Kritik“ Kants, der „Kritik der Urteilskraft“, den Durchgang durch sein transzendentalphilosophisches System komplettiert, zielen die folgenden Kapitel darauf ab, dem genuinen Mechanismus der kantischen Mysogynie auf die Spur zu kommen. Vermittelt über die Kategorie des „Schönen“ wird dabei eine doppelte, sich ergänzende Bewegung konstatiert: Der „Sexismus der projektiven Differenz“ koinzidiert mit einem „Sexismus der vorenthaltenen Gleichheit“. Des Weiteren erfährt das bereits im ersten Teil der Arbeit angesprochene Verhältnis von Theorie und Praxis eine neuerliche kritische Darstellung, die mit der Frage der Situiertheit von Weiblichkeit unter der Vorherrschaft der „Wert-Abspaltung“ (Roswitha Scholz) in der kantischen Philosophie verbunden wird. Als verbindendes Glied dieser Reflexionen stellt sich dabei die Naturkategorie heraus, deren Kohärenz, wie auch Binnendifferenzierungen den Schlüssel zum Verständnis des kantischen Sexismus abgeben.

Der folgende Beitrag „IHR KOMMT HIER NICHT REIN“ von Carsten Weber setzt auf der Ebene von Alltagsideologien der sozialen Schichtung an und reflektiert dabei die Tatsache, dass die soziale Klassifizierung anhand von Lebensstilen seit Jahren einen ungeheuren Boom erlebt. Zum einen hat sich ein entleerter Begriff von „Bürgerlichkeit“ neu etabliert, zum anderen entdeckte man die Unterschicht als ideale Negativfolie zwecks eigenem Distinktionsgewinn und verächtlicher Abgrenzung zu „denen da unten“. In einem scheinbaren Gegensatz dazu befindet sich die Diskussion über die starke Abhängigkeit individueller Bildungschancen von der sozialen Herkunft, wie sie spätestens seit dem Scheitern der Hamburger Schulreform von bürgerlichen JournalistInnen mit irritierender kritischer Verve geführt wird. Freilich machten dieselben Medien vorher mit gleicher Verdammungslust bei der öffentlichen Bloßstellung der Unterschicht mit. Diese Heuchelei ist der thematische Kern des Aufsatzes. Damit schließt der Autor insofern an seinen Beitrag "Zwischen Hammer und Amboss" aus Heft 6 an, als er zeigt, wie die Behauptung einer qualitativen Verschiedenheit der Menschen auch im beginnenden 21. Jahrhundert aufrechterhalten wird. Dabei handelt es sich um ein Krisenideologem, mit dem die Angehörigen der prekarisierten Mittelschicht auf ihre zunehmende ökonomische Gefährdung in der Weltwirtschaftskrise reagieren.

Das Heft schließt mit drei kleineren Texten: Udo Winkels Glosse „WEDER ALY NOCH WEHLER“ über den zwischen den Kontrahenten erneut ausgetragenen „Historikerstreit als Duell“, Gerd Bedszents Rezension „MALTHUS RELOADED“ zur der malthusianischen Ideologie im Werk „Hat die Zukunft eine Wirtschaft?“ von Norbert Nicoll, schließlich Udo Winkels Rezension „PARIS – STADT DER REBELLEN“ über den gleichnamigen, sehr besonderen Reiseführer von Rámon Chao und Ignacio Ramonet.

Der von manchen LeserInnen sicher erwartete dritte Teil der kritischen Staatsthesen "Es rettet euch kein Leviathan" von Robert Kurz musste auf Heft 10 verschoben werden, das noch in diesem Jahr erscheinen soll.




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