Überproduktion

erschienen im Neuen Deutschland
am 11.12.2009

Die Krise bringt es an den Tag, dass im Kapitalismus „zu viel“ produziert wurde. Die abstrakte ökonomische Logik macht dabei keinen Unterschied zwischen notwendigen Gebrauchsgütern wie Lebensmitteln, Kleidung, Wohnung usw. und Luxusgütern oder sogar rein destruktiven Produkten wie Kriegswaffen. Bekanntlich kommt es nicht auf den Inhalt der Bedürfnisse an, sondern allein auf die Kaufkraft zwecks Kapitalverwertung. Ein hartnäckiges Vorurteil unter Marxisten bestimmt die Überproduktion so, dass der produzierte Mehrwert mangels Kaufkraft nicht mehr ausreichend „realisiert“ werden könne. Daraus folgt z.B. die systemkonforme gewerkschaftliche Argumentation, die Kaufkraft müsse gestärkt werden, um die Konjunktur anzukurbeln. Aber Kaufkraft folgt allein aus der Schöpfung von Mehrwert. Wenn genügend Mehrwert produziert wurde, kann er auch realisiert werden. Mangelnde Kaufkraft heißt in Wirklichkeit, dass zu wenig Mehrwert produziert wurde. Darin besteht das Wesen der Krise.

Exemplarisch lässt sich das Problem am Schlüsselsektor der Automobilindustrie zeigen. Die qualitative Seite besteht darin, dass die Mobilität einseitig auf den Individualverkehr ausgerichtet wurde, weil die Autoproduktion ein bedeutendes Segment realer Kapitalverwertung bildete. Damit entstand ein Schwerpunkt von Schadstoffemissionen und Klimazerstörung. Die öffentlichen Verkehrsmittel dagegen wurden ausgedünnt, weil sie als Staatskonsum die Kapitalverwertung eher belasteten. Die quantitative Seite besteht darin, dass die Produktivkraftentwicklung in der 3. industriellen Revolution mehrwertschöpfende Arbeitskraft in beispiellosem Umfang wegrationalisiert hat. Um denselben Profit zu erzielen, musste eine immer größere stoffliche Masse von Autos produziert werden. Das gilt auch für die kapitalistische Gesamtproduktion. Schließlich verminderte sich die gesellschaftliche Mehrwertmasse, was sich in fallenden Profiten gerade auch der Autoindustrie ausdrückte. Einerseits wurde das Problem durch Kreditfinanzierung und Leasing sowohl der Produktion wie des Konsums hinausgeschoben. Andererseits wurden die restlichen öffentlichen Verkehrsmittel mit den bekannten Folgen privatisiert bzw. der betriebswirtschaftlichen Profitrationalität unterworfen, um sie auf Biegen und Brechen der realen Kapitalverwertung einzuverleiben und deren Notstand zu mildern.

Der Crash des aufgeblähten Kreditsystems ist noch gar nicht in vollem Umfang realisiert, aber das Finanzbeben hat bereits den mangelnden Mehrwertgehalt der stofflichen Überproduktion manifest gemacht. Wiederum mit besonderer Deutlichkeit in der Autoindustrie, weil sich die mangelnde reale Kaufkraft dort schneller als bei unmittelbar lebensnotwendigen Gebrauchsgütern niederschlägt. Die panikartigen staatlichen Rettungsmaßnahmen bezogen sich daher neben dem Bankensektor vor allem auf die Autokonzerne, die als ebenso „systemrelevant“ gelten. Aber das Problem der stofflichen Überproduktion gemessen an der Verwertungsfähigkeit wird auf diese Weise nicht aus der Welt geschafft. Die Überkapazitäten müssen nach kapitalistischen Kriterien stillgelegt werden. Der Bankrott großer Autokonzerne ist überfällig; GM und die Tochter Opel sind nur Tote auf Urlaub. Eine „Bereinigung“ in diesem Sinne eröffnet aber nicht automatisch einen neuen Wachstumspfad, sondern droht eine Kettenreaktion fallender Profite, damit aber weiter fallender Kaufkraft und fallender Absatzmöglichkeiten auszulösen. Die Autoindustrie wird zum Schlüsselsektor der ökologischen wie der ökonomischen Krise des Kapitalismus.