Absurde Rationalität des ICE
aus „NEUES DEUTSCHLAND“, vom 12.6.98
Wenn das Menetekel an der Wand erscheint, wenn merkwürdige Unfälle sich ereignen in dieser unserer besten aller Welten – dann werden nicht etwa die gesellschaftlichen Weichen anders gestellt, sondern statt dessen läuft die Phrasendreschmaschine der Volksberuhigungskünstler auf Hochtouren. „Keine falschen Schlüsse aus der ICE-Katastrophe ziehen“, titelte das Handelsblatt. Und gemeint war: Bloss jede Diskussion sofort blocken, die das ICE-Konzept und vielleicht noch einiges mehr grundsätzlich in Frage stellen könnte. Für technische Systeme gebe es nun einmal keine hundertprozentige Sicherheit, also sei die Tragödie eben Restrisiko, Zufall, Kismet gewesen.
Tatsächlich war sie nichts anderes als die logische Konsequenz eines hemmungslosen Mobilitäts- und Risiko-Kapitalismus, dessen Katastrophenpotenz sich von Jahr zu Jahr verdichtet. Die arglistig verheimlichte Strahlenbelastung jenseits aller Grenzwerte durch die Castor-Transporte gehört in denselben Zusammenhang; und diese Höllenfracht wird von eben jener Bahn-AG befördert, die nun ganzseitige Todesanzeigen ihrer Passagiere veröffentlichen muss.
Die Geschichte, deren Endpunkt das Trümmer- und Leichenfeld von Eschede noch lange nicht war, hat eine lange Vorgeschichte in den Annalen des marktwirtschaftlichen Irrsinns. Ursprünglich gehörte die Eisenbahn zu den Muttertechnologien des Industriekapitalismus. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fiel sie jedoch in Ungnade, weil sich herausstellte, dass sie langfristig wegen der hohen Investitions- und Wartungskosten nur mit Mühe oder gar nicht rentabel zu betreiben war. Der kapitalistische „Weltgeist“ verfiel stattdessen auf die Idee, gleich das Verkehrsmittel selbst statt seine Benutzung zu verkaufen: jedem seine eigene kleine Lokomotive in Form des Automobils. Für das Strassennetz hatte der Staat zusorgen, und die Städte wurden „autogerecht“ verhässlicht. Und auf diesen Autostrassen findet seit langem der unerklärte 3. Weltkrieg statt mit einer alljährlichen Rate von Toten und Verstümmelten in der Grössenordnung mittlerer Kriege. Gerade Kinder werden bewusst auf dem Altar dieser abstrakten Selbstzweck-Mobilität geopfert.
Die Eisenbahn dagegen mutierte zum staatlich subventionierten Verkehrssystem für Minderbemittelte. Auch ihr Anteil am Frachtverkehr ging drastisch zurück, weil die privaten Lkw-Spediteure die Landschaft verpesten und ihre Fahrer bei Billigtarifen und laschen Kontrollen unverantwortlich belasten dürfen. Der Kapitalismus totaler Automobilmachung reagierte darauf artgerecht, das heisst mit einer Orgie der Strecken-Stillegung. Ganz Europa ist heute voll von verödeten Gleiskörpern und verwaisten Bahnhöfen, die sogar schon zum ästhetischen Sujet geworden sind. Die meisten kleinen Orte haben überhaupt keine öffentliche Verkehrsanbindung mehr. Und natürlich wurde der ausgeschlachtete Rest im Zuge der neoliberalen Kampagne privatisiert: Rentabilität um jeden Preis ist seither das Prinzip. Gleiskörper, Brücken und Unterführungen gehen in die Verantwortung der Gebietskörperschaften über, getreu der Devise: Sozialisierung der Kosten, Privatisierung der Gewinne (sollen die Kommunen doch bei der Sozialhilfe sparen). Aus dieser Denkweise wurde auch das nahezu geisteskranke ICE-Konzept geboren: nämlich durch teure Luxuszüge (deren Ausstattung übrigens so anheimelnd wirkt wie ein Wartezimmer beim Zahnarzt) auf wenigen Schnellstrecken mit dem Flugzeug zu konkurrieren!
Aber das alles reicht noch nicht, wenn die Finanzmärkte 20 Prozent Rendite vorgeben. Also wurde das Personal bis zur Grenze der Belastbarkeit vermindert. Im Zuge des „Outsourcing“ gab die Bahn immer mehr Systemkomponenten an Zulieferer ab und drückte die Preise. Und während für den schönen Schein der kapitalistischen „Verpackungskultur“ elektronische Anzeigen für verstopfte Toiletten und ähnliche Augenfälligkeiten zur ICE-Ausrüstung gehören, wurde von Ingenieuren vorgeschlagene teure Sicherheitstechnik wegen des „Mehraufwands“ abgelehnt – peinlicherweise ausgerechnet die elektronische Überwachung der zum Corpus delicti gewordenen Radreifen. „Bild“ als Instanz des Vulgärjournalismus enthüllt solche Tatsachen aber nur im Stil des Populismus, und dem geht es nie um System- und Gesellschaftskritik, sondern immer nur um die Suche nach Schuldigen. Schuld ist aber der Druck, der vom Konkurrenzsystem und seiner absurden betriebswirtschaftlichen Rationalität ausgeht.
Das Resultat dieser „Kosten“-Effizienz“ sind Tod und Chaos. Schon vor Eschede brach in Berlin der Schienenverkehr zusammen, das ausgedünnte Personal ist überfordert, die kostenmässig abgerüstete und durch „Outsourcing“ zersplitterte Technik versagt, Züge bleiben auf offener Strecke stehen, Panik geht um. Aber keine Sorge: Die Bahn-AG wird mit immer weniger Personal, das immer schlechter bezahlt und motiviert ist, weiterhin immer schneller fahren. Dass die mobile Gesellschaft „ihren Blutzoll fordert“ (Handelsblatt) und deshalb die Kundschaft gelegentlich von den Trümmern abgekratzt werden muss, dieses schöne Prinzip haben wahrscheinlich auch die 1. Klasse Passagiere des ICE-Conrad Röntgen“ mehrheitlich befürwortet. Was uns fehlt, meint die notorisch wirtschaftsliberale „Neue Zürcher Zeitung“, ist nicht die Einsicht in die Unhaltbarkeit einer rentablen Privatisierung öffentlichen Verkehrs, sondern das „Sprach- und Formenarsenal“ für eine „Liturgie des Todes“ um die „Katastrophen zu bemeistern“. Vielleicht sollte die Bahn an ihre Kunden Kärtchen mit trostreichen Bibelsprüchen austeilen. Das wäre immerhin kostengünstig.
