Bärentanz des Weltsystems
aus „Neues Deutschland“ vom 4. Sept. 98
Der Bulle, das Symbol der Hausse an der Börse, zieht den Schwanz ein; jetzt gibt der Bär den Ton an, das Symbol der Baisse. Und ausgerechnet der russische Bär ist es, der nun zum weltwirtschaftlichen Veitstanz aufspielt.
Mit Schweissperlen auf der Stirn stammeln die schlotternden Schreibtischtäter des kapitalistischen Staatsoptimismus etwas von „rein psychologisch“ bedingter Panik; die Russenkrise könne „uns“ doch eigentlich wenig anhaben, weil dorthin nur zwei Prozent der deutschen Exporte gehen und die westlichen Ökonomien kerngesund seien. Russland müsse endlich seine marktwirtschaftlichen Reformen umsetzen, auch um den Preis sozialer Härten.
Nach solchen – von nackter Angst belegten – Stimmen triumphiert jene gewohnheitsmässige Frechheit, die dazu gehört, von einem Land „schmerzhafte Einschnitte“ zu verlangen, in dem sich ein Grossteil der Bevölkerung bereits aus Schrebergärten und primitivem Tauschhandel ernährt, während die halbe Armee auf der Strasse bettelt. Dieser glorreiche Zustand ist nichts anderes als das Resultat der bisherigen marktwirtschaftlichen Öffnung, und jeder weitere Schritt nach Westen wird zur gesellschaftlichen Explosion führen.
Die Tatsachen beweisen nur eines: dass Russland ebensowenig wie die meisten anderen Regionen der Erde in das kapitalistische Weltsystem zu integrieren ist. Dieser Versuch konnte nur für wenige Jahre durch ein finanzkapitalistisches Simulationsmodell vorgegaukelt werden. Aehnlich wie in Asien und Lateinamerika suggerierte die Anbindung des Rubel an einen fixierten Dollarkurs die Stabilität des Geldwerts in einer vom Weltmarkt bereits zerstörten Realökonomie und zog kurzfristiges spekulatives Geldkapital an. Die unzurechnungsfähige Jelzin-Kamarilla wurde mit Milliarden gefüttert, um die Illusion eines kapitalistischen Junior-Partners im Osten zu nähren.
Diese Milliarden sind nicht bloss deswegen auf Schweizer Konten gelandet, weil die Mafia-Oligarchie der „jungen Marktwirtschaft“ so niederträchtig ist, wie sie eben ist, sondern weil es in Russland wie fast überall keine ausreichend „rentablen“ Anlagemöglichkeiten nach kapitalistischen Standards mehr gibt. Der Westen scheitert überall an seinen eigenen
ökonomischen Kriterien, die sich als verrückt erweisen.
Es ist klar, dass Russland kurz vor seinem zweiten, diesmal marktwirtschaftlichen Zusammenbruch steht. Im Unterschied zu Mexiko 1995 und Südostasien 1997 geschieht dies jedoch nicht vor, sondern nach den Rettungsversuchen des IWF. Dieses Desaster ist keineswegs bloss das Pech der Russen und betrifft auch nicht allein die Peanuts von ein paar lumpigen Milliarden realwirtschaftlicher Exporte und Hermes-Kredite.
Um die Realwirtschaft geht es sowieso schon lange nicht mehr. Der russische Offenbarungseid hat nicht nur über Nacht mindestens 50 Millarden Dollar westliches spekulatives Geldkapital in Rauch aufgelöst, sondern bringt das gesamte Kartenhaus des globalen Kasinokapitalismus ins Wanken. Die unaufhaltsame Abwertung des Rubel potenziert den Abwertungsdruck auf Asien ebenso wie auf Lateinamerika und beschleunigt die Flucht des Geldkapitals. Jetzt handelt es sich nicht mehr – wie bisher – um weltregional begrenzte Fälle, sondern um einen globalen Eskalationsprozess mit wechselseitigen Rückkoppelungen, der auch noch die resttlichen Hoffnungsträger ruiniert.
Damit wird nur sichtbar, dass die kapitalistische Expansion irreal geworden ist. Insgesamt hat die Finanzmarktkrise seit dem letzten Herbst schätzungsweise mehr als eine Billion Dollar Geldkapital vernichtet – und wenn die Börsen nicht mehr hochkommen, müssen diese Verluste demnächst realisiert werden. Schien es nach dem Einbruch in Südostasien noch so, als könne die aus dem „emerging markets“ fliehende Liquidität die westlichen Börsen zu neuen Höhenflügen führen, so ist nun auch diese Illusion geplatzt. Der Crash mitten im Sommerloch hat bereits 20 Prozent der fiktiv aufgeblähten Aktienwerte abgeschmolzen, und der heisse Herbst steht erst noch bevor.
Die Russlandkrise bringt es an den Tag, auf welch tönernen Füssen das westliche System selber steht. Das betrifft nicht zuletzt die letzte Weltmacht an der Spitze: 1998 wird das jähliche Handelsdefizit der USA die Rekordsumme von 240 Milliarden Dollar erreichen. 30 Prozent des US-Konsums speisen sich bereits aus dem breit gestreuten fiktiven Kapital der aufgeblähten Aktienwerte (soviel zur „robusten Konjunktur“). Nun geht der Dollar gerade wegen der neuen Krisendimension in die Knie. Werden aber die USA in den Strudel hineingezogen, dann gibt es kein Halten mehr, und die zwangsweise Reduktion des abgehobenen Finanzkapitals auf die dramatisch geschrumpfte realökonomische Basis treibt eine Weltwirtschaftskrise hervor, weitaus schlimmer als 1929. Im Unterschied zu Mexiko und Indonesien wird der russische Zusammenbruch nicht bloss Folgen auf den Finanzmärkten haben. Die atomar bewaffnete Mafia ist unberechenbar, und das Rüstungspotential des kollabierenden Russlands sickert in die sprunghaft sich ausweitenden Konfliktregionen ein, die der ökonomische Flächenbrand zurücklässt.
Die Hybris einer „unipolaren“ neuen Weltordnung mit einheitlichen wirtschaftsliberalen Spielregeln unter Führung der USA hat sich endgültig blamiert und droht im Inferno zu zu enden. Jetzt wäre die grosse sozialistische Alternative der Linken gefragt, die den unhaltbaren bürokratischen Staatssozialismus radikal kritisch aufgearbeitet hat. Aber leider haben sie alle auf Marktwirtschaft und Rentabilität, auf „freedom and democracy“ geschworen. Wie peinlich.
