Der Wurzelsepp des Kapitals
Bundespräsident Köhler philosophiert über Nächstenliebe und das solide Wertefundament der europäischen Zivilisation
Je spürbarer die Krise des kapitalistischen Weltsystems, je grausamer, katastrophaler und unabweisbarer die weltweiten Konsequenzen seiner immer hysterischer wütenden Destruktivkräfte, desto intensiver die Beschwörungen und öffentlich verbreiteten Bannformeln der geistigen Krisenreaktionskräfte aus den Reihen des politischen, wissenschaftlichen und publizistischen Modernisierungsmönchstums.
Ein wahres Highlight in diesem Zusammenhang lieferte Bundespräsident Köhler am 1. Dezember 2004 mit einer Rede vor der von dem Theologen Hans Küng gegründeten „Stiftung Weltethos“ in Tübingen. Diese Rede sei, so der allgemein als „kritischer Geist“ gefeierte Rhetorikprofessor Walter Jens, „sehr sympathisch“ gewesen, „sehr präzise, sehr zum Lernen anregend.“ Und in der Tat: Lernen kann man aus dieser Rede einiges. Erstens und vor allem belehrt sie einen darüber, dass Zynismus, Aufklärungspathos und religiöse Inbrunst, wenn sie denn vom Staatsoberhaupt höchstselbst zu einer moralinsauren Suppe verrührt werden, offenbar eine sehr wohlschmeckende und die Nerven beruhigende Vorspeise für das Hauptgericht kommender Katastrophen darstellen. Wie unmenschlich es in der Vergangenheit manchmal auch zugegangen sein mag, verkündet der Präsident, „(i)mmer wieder hat sich Europa daran erinnert, wo seine guten Wurzeln liegen.“ Ja, und wo liegen die? Erstens natürlich im Prinzip der christlichen Nächstenliebe, die immer dann wirksam wird, wenn die durch den „Prozess der Zivilisierung“ geläuterten Europäer jemanden leiden sehen. Dann erwachen in ihnen der barmherzige Samariter, Sankt Martin, der Mantelteiler, aber auch Franz von Assisi oder Albert Schweitzer. Mutter Teresa und Dietrich Bonhoeffer komplettieren die Aufzählung. Lasset uns beten! Gibt es nur diesen einen Heiligen Martin? Oder ist es nicht der Martin in uns allen? Und sanft umhüllt die Zuhörer der präsidiale Mantel der christlichen Nächstenliebe. Zugegeben, da waren unangenehme Zwischenfälle, aber letztlich siegte immer die „praktische Nächstenliebe“, welche zum „festen Wertebestand Europas gehört.“ Gewiss, die Modernisierung, Köhler nennt sie den „Prozess der Zivilisierung“, „ging nicht ohne fürchterliche Rückfälle in Gewalt und Grausamkeit ab, gerade auch im Namen des Christentums. Aber das Gebot der Nächstenliebe, die den Fremden einschließt und besonders den Ärmsten im Blick hat, das ist nicht mehr verschwunden: Es bleibt das Gewissen Europas.“ Nicht der destruktive Prozess der Modernisierung als solcher ist also das Problem, sondern einzig peinliche „Rückschläge“ und Betriebsunfälle im Verlauf der wuchernden Ausbreitung jener „guten Wurzeln“, die in der besten Tradition protestantischen Muckertums im „Gewissen Europas“ ihre Verankerung finden. „Dass uns der Fremde, der Arme, der Hungernde etwas angeht, das gehört zur Seele Europas.“ Keine Frage danach, warum es sie massenhaft gibt, die Fremden, die Armen und die Hungernden, und dass ihre Existenz vielleicht ein Ergebnis des gefeierten Zivilisationsprozesses sein könnte. In Afrika vor allem muss der Geist der guten Wurzel aus Europa sich bewähren. „Die Menschlichkeit dieser Welt entscheidet sich am Schicksal Afrikas.“ Da dürfen wir gespannt sein, weil es ja tatsächlich so ist, dass aller gutwurzelnden Liebe zum Trotz der Fortschritt der Zivilisation „Europa – und Deutschland zumal – nicht davon abgehalten (hat), immer wieder in grausame Barbarei und Unmenschlichkeit zurückzufallen.“ Am grundsätzlichen Bestand und an der universellen Gültigkeit des wurzelmetaphysisch begründeten Gutseins lässt dies jedoch keinen Augenblick zweifeln. Die hungernden und sterbenden Afrikaner werden wohl kaum Gelegenheit finden, den Präsidenten an seinen Worten zu messen.
Das Skandalon dieses Zynismus, welcher in dem moralisch untermauerten Aufruf zur Hilfe für Afrika seinen Ausdruck findet, liegt nicht unmittelbar in diesem selbst, sondern darin, dass er dem Redner als solcher mit Sicherheit gar nicht bewusst ist. Der an sich gute „Zivilisierungsprozess“ soll munter weiter gehen, während die aus dessen perverser Logik heraus zu Verlierern, ja zu Todgeweihten gemachten Menschen das aus dem „christlichen Gewissen Europas“ resultierende Mitleid verdienen. Als „Partner“ solle man die Afrikaner sehen, sagt der Präsident und setzt sich für Hilfen ein und natürlich für eine bessere „Entwicklungspolitik“. Mit anderen Worten: Das Spiel geht weiter! Und nur nicht an die Wurzeln gehen, denn die sind ja gut – die in diesem Sinne wohl gut gemeinte Kritik bleibt in den Ästen hängen, die vom Sturm der „Entwicklung“ geschüttelt werden. Ein Grund mehr, die wirklich radikale Kritik weiter zu treiben und nicht als Wurzelsepp des Kapitals ein paar moraldurchsetzte Krokodilstränen verdrücken über dem zerstörerischen Gewächs der ach so segensreichen Modernisierung. Es gibt Texte, bei deren Lektüre einem das Lachen, welches sie zunächst auslösen, im Gesicht einfriert.
