Die Illusion vom Rohstoff-Boom
erschienen im Neuen Deutschland
am 18.03.2005
Die demoralisierte traditionelle Linke entdeckt in ihrer Verzweiflung immer seltsamere Lichtgestalten. Dazu gehört neuerdings auch Hugo Chavez, populistischer „Maximo Leader“ und Linksnationalist in Venezuela. Eigentlich ein Anachronismus in Zeiten der Globalisierung. Chavez hat tatsächlich Sozialprogramme aufgelegt und muckt gegen die USA auf. Aber dahinter steht kein Programm der gesellschaftlichen Umwälzung, sondern einzig der hohe Ölpreis. Die wolkigen Ideen von Chavez sind so wenig nachhaltig wie ihre ökonomische Grundlage. Es ist ein zweifelhaft aufgeblähter Reichtum, der rein äußerlich von der Situation des Weltmarkts genährt wird, aber keine innere Entwicklung auf den Weg bringt. Sozial populäre Verteilungsprogramme á la Peron und Einkauf von Waffensystemen haben nichts mit sozialer Emanzipation zu tun, aber viel mit Glücksrittertum in den Nischen der Globalisierung.
Eine solche Nische wird durch den gegenwärtigen Rohstoff-Boom gebildet. Wie sich populistische „Führer“ an der Peripherie des Weltmarkts in Zeiten des Kalten Krieges durch geschicktes Lavieren zwischen den Supermächten einen politisch-ökonomischen Spielraum buchstäblich erkaufen konnten, so heute durch die explodierenden Rohstoffpreise, insbesondere den Ölpreis, im Zuge der Globalisierung. Damit kehrt ein Typus des Dritte-Welt-Führers wieder, der schon historisch erledigt schien. Aber diese Figuren stehen ebenso auf tönernen Füßen wie ihre Vorgänger. Kein Land kann sich auf der Basis von Rohstoff-Exporten einen Platz an der Sonne des Kapitalismus erkämpfen. Im Gegenteil handelt es sich um ein strukturelles Dilemma. Die Kapitalkraft ist zu schwach, um Anschluß an die industrielle Entwicklung der Zentren zu finden. Deshalb sind alle nationalen Entwicklungsprojekte im 20. Jahrhundert letztlich gescheitert. Die Dritte Welt wurde zum Rohstofflieferanten degradiert. Das bedeutete, dass diese Länder auf dem Weltmarkt stets teurer einkaufen mussten (Fertigprodukte und Produktionskomponenten), als sie verkaufen konnten (vorwiegend Rohstoffe). Diese Diskrepanz zwischen Import- und Exportpreisen (terms of trade) führte zur Außenverschuldung und schließlich zum Kollaps.
Was hat sich nun geändert? In der Globalisierung gibt es keine nationale Entwicklung mehr, sondern nur noch Wertschöpfungsketten der transnationalen Konzerne, die das globale Kostengefälle ausnutzen. Während in Ländern wie China, Indien oder Brasilien die Massenarmut steigt und die Binnenökonomie teilweise abstirbt, haben dort gleichzeitig „Inseln“ von billiger Teilfertigung und globalen Dienstleistungen einen nominellen Wachstumsschub ausgelöst. Was aber als Exportindustrialisierung erscheint, ist nichts als die Einbindung bestimmter Zonen als Drehscheiben globaler Konzerne. Dieser Boom, der nirgendwo mehr ein ganzes Land entwickelt, sondern vielmehr die Bevölkerung brutal aufspaltet, ist seinerseits von globalen Defizitkreisläufen abhängig, insbesondere von der auf Verschuldung beruhenden Export-Einbahnstraße in die USA. Im Zuge dieser strukturellen Umwälzung des Weltmarkts und des damit verbundenen einseitigen Booms in bestimmten Weltregionen explodierten die Rohstoffpreise. Und im Windschatten dieser defizit-genährten Globalisierung können etliche rohstoff- und insbesondere erdölexportierende Länder, denen unverhofft Geld in die Kassen gespült wird, auf einmal eine protzige Nischenpolitik betreiben.
Mit der Herrlichkeit wird es bald wieder vorbei sein. Der nicht bloß konjunkturell hohe Ölpreis etwa, der auch von mangelnder Förderqualität und Grenzen der Exploration gekennzeichnet ist, nützt dann nichts mehr, wenn die globale Defizitkonjunktur einbricht und die Widersprüche in China, Indien usw. die Gesellschaft zerreißen. Für die Armen in Venezuela und anderswo, denen inzwischen noch einmal ein wenig Brot und Spiele geboten werden, bedeutet dies immerhin eine vorübergehende Linderung ihrer Leiden. Das ist auch an Chavez anzuerkennen. Aber eine gesellschaftliche Perspektive der Befreiung hat damit leider nicht das mindeste zu tun.
