Die Philosophie der Kurzsichtigkeit. „Shareholder value“ als neuer Modebegriff des Managements
Philosophie, ein Begriff aus der griechischen Antike, bedeutet soviel wie „Liebe zur Weisheit“. Ursprünglich war damit die Lehre gemeint, wie man gut und richtig leben soll. Seit der Aufklärung galt Philosophie als eine Art säkularisierte Theologie, um das Weltganze und die menschliche Vernunft zu erklären. Heute ist der Begriff der Philosophie inflationär geworden. Tricks und Kniffe, wie man sich durchsetzt und andere hereinlegt, sexuelle Marotten, persönliche Wahnvorstellungen, Methoden der Gymnastik oder der Haarwäsche und sogar Eßgewohnheiten werden als „Philosophie“ bezeichnet. Wenn jemand schon morgens Schnaps trinkt oder umgekehrt Abstinenzler ist, lieber in den Bergen oder lieber am Meer Urlaub macht, mit oder ohne Hose badet, dann nennt er das hochtrabend seine Philosophie. Tennisspieler, Fußballstars, Politiker und Schlagersänger können stundenlang über ihre Philosophie reden, und die Medien sind voll davon.
So kann es nicht ausbleiben, daß auch die Manager inzwischen eine Philosophie haben müssen. Die Management-Philosophie ist sogar zum Trendsetter in der galoppierenden Inflation der Philosophien geworden. Kein Produzent von Kosmetik, Autos, Nudeln oder Porno-Heftchen kommt mehr ohne eine besondere Philosophie aus. Und seitdem jeder Mensch seine eigene Betriebswirtschaft geworden ist und sich selbst vermarkten muß, braucht auch jedes Individuum seine eigene Self-Management-Philosophie. Die „Liebe zur Weisheit“ firmiert jetzt als „Liebe zum Verkaufen“. Damit ist zwar die niederste Stufe des menschlichen Denkens erreicht, aber für den Kapitalismus ist es „der Weisheit letzter Schluß“. Philosophie heißt also jetzt die Lehre, wie man gut und richtig verkauft: sich selbst und den Schrott, den man der Menschheit andrehen muß.
Philosophien dieser Art kommen meistens aus den USA, sind aber längst nichts „typisch US-amerikanisches“ mehr, sondern entsprechen dem globalen Zeitgeist. Sie werden normalerweise schneller gewechselt als die Unterwäsche, und die Gurus der Management-Philosophie durchlaufen ebenso schnell ihre Konjunkturen. Es gibt eine Sommer- und eine Herbstmode dieser Philosophie, und das Management hat inzwischen viel zu tun, um alles rechtzeitig mitzubekommen. Da bleibt für das Managen selbst kaum noch Zeit übrig. So löst ein geistiger Flop den anderen ab und die Welt der Ökonomie ist schon ganz schwach im Kopf. Aber wenn die Management-Philosophie auch nicht so tief wie das Meer, sondern höchstens so tief wie eine Pfütze ist, so kann sie doch ziemlich grundsätzlich werden. Neuerdings bringt sie sogar eine eigene Ethik hervor. Denn wie Immanuel Kant hat nun auch die Management-Philosophie der Welt einen „kategorischen Imperativ“ geschenkt. Diese Maxime heißt „Shareholder value“.
In der deutschen Wirtschaftspresse wurde der Begriff Shareholder value zum „Modewort der Bilanzsaison 1996“ gekürt. Und wie man auf dem europäischen Kontinent im Zeitalter des Neoliberalismus alles, was aus der angelsächsischen Welt kommt, ehrfürchtig beriecht und darüber rätselt, so ist nun die Interpretation von Shareholder value zum Gegenstand des wirtschaftsphilosophischen Diskurses geworden. Was also ist Shareholder value? Das erste Gebot dieser neuen philosophischen Ethik des Managements lautet: Du sollst keinen anderen Gott haben als deinen Aktionär. Shareholder value bedeutet also eine rabiate Orientierung der Geschäftspolitik von Unternehmensgesellschaften an den Interessen der Aktionäre. Dies sei, so verraten uns Investment-Banker, eine Bewegung „back to the roots“, nämlich zur ursprünglichen Aufgabe des Managements, den Aktionären maximale Gewinne zu verschaffen. Allzu lange sei dieses ethische Urgebot der Ökonomie durch die „Interessen gesellschaftlicher Gruppen“ (Gewerkschaften, Politik usw.) überlagert worden.
Im Namen von Shareholder value werden also wahre Orgien der Massenentlassung und der Kostensenkung gefeiert, um aus einem Minimum von Beschäftigten ein Maximum an Leistung herauszupressen und sich um die gesellschaftlichen Konsequenzen nicht mehr zu scheren. Profitmaximierung war schon immer das Ziel; nur handelt es sich jetzt um eine zunehmende Radikalisierung dieses Willens gegen alle anderen Interessen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Insofern entspricht das Konzept des Shareholder value der Radikalisierung des bornierten betriebswirtschaftlichen Standpunkts im Zeichen der Globalisierung des Kapitals. Das gesamte menschliche Leben, alle sozialen Kompromisse, die Reste der Kultur und sogar die Eigeninteressen der Staatsbürokratie sollen der „Erwirtschaftung atraktiver Renditen für die Anteilseigner“ untergeordnet und notfalls auf diesem Altar geopfert werden. Die Menschheit samt ihrem naturalen Ambiente wird in die Geiselhaft der großen privaten und institutionellen Aktionäre genommen.
Für eine altbackene politische Linke könnte diese Entwicklung wieder einmal Anlaß sein, über die bösartige Macht und Herrlichkeit des kapitalistischen Geistes zu räsonieren, der den schnöden Profitinteressen nun auch noch einen ethischen Heiligenschein verleiht. Aber die Philosophie des Shareholder value verrät keinen gesunden Zustand, sondern eine fundamentale strategische Schwäche des Kapitals. Das Problem liegt im Verhältnis des Aktionärs zum praktischen Unternehmer bzw. zum Management. Ein Aktionär ist bekanntlich ein Geldanleger, der Aktien kauft, also Beteiligungen an einem Unternehmen; und zwar mit dem Ziel, einen entsprechenden Anteil vom Gewinn dieses Unternehmens zu bekommen. Der Aktionär, und das ist wichtig, ist selbst kein Unternehmer. Zwar wird die Entscheidung, Aktien eines Unternehmens zu kaufen, Gründe haben, die sowohl gefühlsmäßiger als auch rationaler Natur sein können und auf irgendwelchen Informationen beruhen (z.B. über den Geschäftserfolg dieses Unternehmens). Aber weil der Aktionär nicht selber der Manager ist und sich daher nicht aktiv mit Produktion und Absatz des Unternehmens beschäftigt, kann er diesem auch keine Strategie und kein bestimmtes Geschäftsgebaren vorschreiben; er kann nicht über Investitionen, Reorganisation, Personalpolitik, Marketing usw. entscheiden.
Mit anderen Worten: kapitalistischer Rationalität gemäß muß der Aktionär als bloßer Geldanleger sein Vertrauen in die Strategie, in die Inhalte, Ziele und Möglichkeiten eines produzierenden Kapitals und in dessen Management setzen. Dieses Vertrauen ist sein Risiko. Obwohl die kapitalistische Produktionsweise von Anfang an grundsätzlich durch den abstrakten Funktionalismus des Geldes deformiert war, ging es dabei in der Vergangenheit doch gewissermaßen um den Rest einer qualitativen Zielsetzung, nämlich immer um Herstellung und Verkauf eines bestimmten (bewährten oder innovativen) konkreten Gebrauchswerts. Vertrauen und Risiko des geldgebenden Aktionärs bezogen sich also nicht bloß auf die Seriosität in den Methoden des Managements, sondern auch auf die Qualität und Marktgängigkeit des unternehmerischen Produkts und seiner Nützlichkeit.
Nur auf diese Weise konnten im 19. Jahrhundert die Erfinder-Kapitalisten wie Edison, Siemens, Benz usw. ihre Ideen verwirklichen (wie immer diese heute qualitativ zu beurteilen sein mögen): Sie brauchten Geldgeber, die an diese Ideen und deren möglichen Geschäftserfolg glaubten. Auch das größte kapitalistische Projekt des vergangenen Jahrhunderts, die Erschließung der Welt durch den Bau von Eisenbahnen, war nur durch das Risiko von Geldgebern möglich, die als Aktionäre der Eisenbahngesellschaften dem Management freie Hand ließen. So hat der italienische Filmregisseur Sergio Leone in seinem berühmten Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) die geradezu tragische Figur eines Eisenbahn-Managers gezeichnet, dem es gegen den bornierten Geld-Egoismus seiner Feinde wie seiner Mitarbeiter weniger um schnelle Gewinne als um den großen Traum geht, Ost- und Westküste der USA von Ozean zu Ozean durch den Schienenstrang zu verbinden.
Auch in der ökonomischen Theorie hat sich diese Funktion des praktischen Unternehmers oder des Managers niedergeschlagen. Schon der ökonomische Klassiker Adam Smith rechtfertigte den Anteil des Gewinns für den praktischen Unternehmer damit, daß dieser die „Produktionsfaktoren“ Arbeit, Boden und Sachkapital strategisch zusammenführen müsse. Auch der von Joseph Schumpeter theoretisch postulierte innovative Unternehmer und „schöpferische Zerstörer“ veralteter Produktionsstrukturen, der als Garant kapitalistischer Entwicklung gilt und heute wieder lauthals beschworen wird, setzt eine strategische Freiheit und eigenständige Geschäftspolitik des produzierenden Realkapitals gegenüber den Geldgebern voraus.
Das Konzept des Shareholder value stellt dieses klassische Verhältnis von Aktionären und praktischen Kapitalisten auf den Kopf. Je schwieriger die Verwertung des Realkapitals durch die hohe Meßlatte der globalen Produktivität und je abhängiger die reale Produktion von Geldspritzen der transnationalen Finanzmärkte wird, desto mehr verfällt auch die strategische Potenz der industriellen „Macher“. Die innovativen Unternehmer Schumpeters, so sehr sie in der Theorie gefordert werden, sind in der kapitalistischen Praxis seit Beginn der 90er Jahre zum Aussterben verurteilt. Steve Jobs war vielleicht einer der letzten seiner Art. Denn in der Philosophie des Shareholder value gibt es keinen Platz mehr für Leute wie ihn. Die Ideen und Strategien des realen industriellen Kapitals werden vom nackten Geldinteresse der Aktionäre verschlungen.
Das betrifft vor allem den Zeithorizont. Sich strategisch zu orientieren, bedeutet relativ langfristig zu denken und langfristige Ziele zu haben. Ein reales Produkt zu entwickeln und zu vermarkten, dauert auch mit den technologischen Potentialen der Mikroelektronik seine Zeit. Damit neue industrielle Ideen verwirklicht werden können, müssen Aktionäre und andere Geldgeber eine gewisse Geduld aufbringen. Sie dürfen nicht „attraktive Renditen“ hier und heute und sofort ohne jede Rücksicht auf notwendige Investitionen und andere mittel- bis langfristige Voraussetzungen zukünftiger Gewinne verlangen, wenn sie nicht Raubbau an der Substanz der Unternehmen betreiben wollen.
Während aber der Zeithorizont von industriellen Innovationen, Produktion und Transport nicht beliebig geschrumpft werden kann, diktiert heute die Geschwindigkeit der Finanzmärkte und ihrer Renditen das ökonomische Geschehen. David Vice von der Northern Telecom spricht von der „Nanosekunden-Kultur der 90er Jahre“. Und der ehemalige japanische Finanzminister Toyoo Gyohten berichtet in einer Anekdote: „Kürzlich sprach ich mit einem der erfolgreichsten japanischen Devisenhändler. Ich fragte ihn, welche Faktoren er beim Kauf und Verkauf berücksichtigt. Er antwortete: >Viele Faktoren, manche davon sehr kurzfristig, einige mittelfristig und andere langfristig<. Ich fand es sehr interessant, daß er auch langfristig dachte, und wollte wissen, was er darunter verstand. Er zögerte kurz und sagte dann vollkommen ernst: >Vielleicht zehn Minuten<. Mit diesem Tempo bewegt sich heutzutage der Markt“.
In diesem Klima verdampfen die letzten Reste einer qualitativen, am Gebrauchswert orientierten Zielsetzung ebenso wie unternehmerische Strategien, die über einen ganzen oder sogar mehrere Konjunkturzyklen hinwegreichen. Sogar die Grundlagenforschung wird inzwischen von den Imperativen der kurzfristigen Maximalrendite erreicht. Die Philosophie des Shareholder value ist ein Konzept der extremen Kurzsichtigkeit, das keine Visionäre des Kapitals mehr braucht. An die Stelle der großen strategischen Akquisiteure treten die Ausschlächter und Kaputtsanierer. Überall wird das Geschäft auf Kernbereiche „gesundgeschrumpft“, immer schneller dreht sich das Rad.
Dabei steht längst nicht mehr die Rendite aus dem realen Geschäft im Vordergrund. Wie der Name schon sagt, geht es bei Shareholder value um den Wert (value), über den die Aktionäre (Shareholder) unmittelbar und kurzfristig verfügen können. Das ist der Kurswert der Aktien, nicht die Dividende. Eine Unternehmenspolitik, die der Maxime des Shareholder value folgt, ist somit weniger an realen und langfristig gesicherten Gewinnen orientiert als vielmehr an einer kurzfristigen Maximierung des Kurswerts ihrer Aktien, egal mit welchen Mitteln. Insofern ist die Philosophie des Shareholder value ein Produkt des simulativen Kasino-Kapitalismus. Während in der Vergangenheit Aktienpakete oft jahrzehntelang in demselben Besitz blieben und noch an die nächste Generation weitervererbt wurden, halten heute die meisten privaten und institutionellen Anleger kein langfristiges Portefeuille mehr, sondern spielen sich nach Tageskursen quer durch den Aktienmarkt.
Deshalb bleibt den Vorständen und Managern des Realkapitals nichts anderes übrig, als ihre Unternehmen nach Kamikaze-Manier zu steuern. Immer häufiger sehen sie sich gezwungen, die Substanz zu verschleudern. Im Interesse schneller Frisuren des Scheinerfolgs werden auch die stillen Reserven in die Bilanz gehoben. Viele Unternehmen verschulden sich hoffnungslos, um durch Rückkäufe ihrer eigenen Aktien die Kurse zu halten. Den eher konservativen Unternehmens- und Anlageberatern ist bei diesem tollen Treiben bereits schwindlig geworden und sie warnen vor einem bösen Ende. So erklärte der US-amerikanische Rating-Experte Edward Emmer im deutschen Fachmagazin „Wirtschaftswoche“: „Unter dem Deckmantel des Shareholder value haben sich bereits die unmöglichsten Exzesse ereignet. Vieles, was da getan wird, ist verantwortungslos…Es gibt Dutzende Fälle, in denen Unternehmen im Namen des Shareholder value in den Bankrott getrieben werden“.
Es ist aber nicht subjektives Fehlverhalten, das die Ideen der Manager auf das Kurzzeitgedächtnis der Finanzmärkte reduziert, sondern die innere Schranke der realen Kapitalverwertung selbst. Deswegen gehen die Mahnungen von konservativen Tugendwächtern des reellen Kapitalismus ins Leere. Durch Automatisierung, Rationalisierung und Globalisierung hat sich das Kapital eigenhändig die Nahrung menschlicher Arbeitskraft entzogen. Das vor Hunger nach Verwertung rasend gewordene System beginnt am eigenen Fleisch zu fressen. Und die strategische Kapitulation des industriellen Managements setzt sich quer durch die kapitalistischen Eliten fort. Auch in den Finanzimperien werden die Tycoons durch picklige Jüngelchen an Computer-Terminals ersetzt, die wie Kinder im Sandkasten mit der Weltwirtschaft spielen. Sogar der Zeithorizont der Politik fällt auf das Niveau von Video-Clips. Mit der Philosophie des Shareholder value hat sich der neoliberale Marktradikalismus selbst übertrumpft. Er arbeitet offenbar zielstrebig an seinem historischen Ruin.
