exit!-Seminar 2005: Ideologiebildung und Rechtsruck in der Linken

Ideologiebildung und Rechtsruck in der Linken

unser diesjähriges Seminar soll das Thema vom letzten Jahr – Krisenideologie und Krisenverarbeitung – mit neuen Beiträgen fortsetzen. Anlaß dazu gibt es mehr als genug. Nach den Hartz IV-Protesten mit z.T. fragwürdigen ideologischen Begründungen und dem Desaster von Rot-Grün (unabhängig vom Wahlergebnis) hat sich eine neue Linkspartei etabliert, die vor (rechts-)populistischen Parolen nicht zurückschreckt und uns nationalstaatlich bornierte Phrasen als Lösung für den globalen Krisenkapitalismus andienen will. Die Basis der neuen Protestbewegungen entspricht dieser Parteigründung weitgehend, wenngleich sie auch nicht mit ihr identisch ist. Aber auch innerhalb der theoretischen Gesellschafts- und Arbeitskritik machen sich „rechte Leute von links“ bemerkbar. Die Grenzen verschwimmen. Uns geht es nicht um eine pauschale Aburteilung der sozialen Proteste, wohl aber sollen ideologische Fallstricke aufgezeigt werden, die radikal gesellschaftskritischen Intentionen entgegenstehen.

Dabei reicht es aber nicht aus, oberflächlich einige rechte Muster etwa bei Lafontaine festzustellen. Vielmehr wollen wir den Bedingungen für regressive Ideologiebildung in der Krise genauer nachgehen und dabei auch den Ideologiebegriff selber untersuchen. Es ist falsch, Ideologien im wesentlichen als bloßen „Reflex“ auf objektivierte Verhältnisse und Entwicklungen aufzufassen, wie dies noch einer alten, objektivistisch verkürzten Wertkritik entspricht. Stattdessen geht es darum, Ideologie als eigene Ebene zu begreifen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Dem wollen wir anhand der Seminarthemen „Keynesianismus“, „Frieden“, „Ideologiebildung im warenproduzierenden Patriarchat“ sowie „Absturz der neuen Mittelklasse und Ende der Deutschland-AG“ nachgehen.

Wir haben uns bemüht, die Veranstaltungsdichte diesmal etwas zu begrenzen, damit auch genug Zeit für persönliche Gespräche und Kennenlernen bleibt.

Das Programm:

Freitag, 4.11. Anreise

Samstag, 5.11.

10.00 – 12.00 KEYNES REDIVIVUS?- Gegen eine populäre Form der Krisenideologie (Hanns von Bosse)

Die Absurditäten des in Politik und Wirtschaftswissenschaften dominierenden neoliberalen Konsens haben eine schon totgesagte Kritik in der Linken und weit darüber hinaus wiederbelebt, die gern als Kapitalismuskritik mißverstanden wird, aber mit ihrem Gegenstand gemeinsam hat, dass sie sämtliche fetischistischen Formen kapitalistischer Vergesellschaftung blind voraussetzt: den Keynesianismus. Exemplarisch dafür wäre das überaus erfolgreiche Buch „Die Reformlüge“ von Albrecht Müller, aber auch die wachsende Resonanz von Ökonomen wie Bofinger, Flassbeck u.a. zu nennen. Sie liefern WASG, Teilen von attac und den meisten sozialpolitischen Initiativen die geistige Wegzehrung. Eine intervenierende Kritik an diesem Revival kann sich nicht auf bloße Denunziation („keynesianische Nostalgie“) beschränken, sondern hat die wesentlichen argumentativen Schwächen dieser Ideologie herauszuarbeiten.

Referat und Diskussion

14.00 – 16.00 „FRIEDEN“. Zu historischer Genese und Aktualität eines Begriffs (Petra Haarmann)

Der Begriff des Friedens ist so schillernd wie sein jüngstes Symbol, die Regenbogenfahne, welche allüberall von den Bewegten in die Kameralinse geschwenkt wird. Nicht nur, dass sich jedes Subjekt den Inhalt des Begriffs höchstselbst zurechtlegt (was es als Konkretion des Abstrakten immer zu tun gezwungen ist); es weiß sich hier zudem an jenem besonderen Ort der „wahren Freiheit“ des modernen Individuums – seinem Gewissen. Und das Gewissen plaudert. Ob es sich nun um religiös anmutende Entlehnungen aus der Vormoderne handelt, die als Ausübung individueller Glaubensfreiheit gerade nicht auf eine gemeinsame Verbindlichkeit verweisen, ob die modernen Menschenrechte angerufen werden, um Kriegshandlungen zu unterbinden, oder ob umgekehrt die „Anderen“ vermittels bellizistischer Interventionen erst mit Frieden überzogen werden sollen: Immer ist es das Subjekt, das den Staat anruft oder gegen andere Staaten vorgeht, um seinen Status zu bewahren.

In diesem als WORKSHOP konzipierten Seminarbeitrag möchte Petra Haarmann mit den Teilnehmern der Frage nachspüren, warum „Frieden“ trotz des beliebigen Begriffsinhalts in der Moderne auf den Dreiklang Subjekt-Status-Staat beschränkt bleibt und das bunte, fahnenschwenkende, marschierende Gutmenschengedusele dieses Verhältnis geradezu zementiert.

Die zum Seminar angemeldeten Teilnehmer erhalten zur Vorbereitung Textmaterial und ein Thesenpapier.

17.00 -19.00 IDEOLOGIEBILDUNG UND IDEOLOGIEKRITIK IM WARENPRODUZIERENDEN PATRIARCHAT (Martin Dornis)

Im Kontext der Wert-Abspaltungskritik werden die Ansätze zum Ideologiebegriff bei Marx, Lukács und Adorno im Hinblick auf Subjektkonstitution, Identität und Ideologie untersucht. Dabei soll der Zusammenhang zu Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Ideologien sozialer Ungleichheit hergestellt werden. In diesem Kontext wird auch das Verhältnis Gesellschaft – Individuum in Augenschein genommen.

Ideologien wandeln sich im gesellschaftlichen Prozeß und verändern dementsprechend ihr Gesicht. Nicht zuletzt auch darum soll es in dem Vortrag gehen. Stichworte hierzu wären: Vom sekundären zum neuen Antisemitismus, vom Biologismus zum Kulturalismus, von der Möglichkeit radikaler Gesellschaftsveränderung vor 1989 zur Ideologie des immerwährenden Kapitalismus (Lob des „Risikos“, Wachstums u.ä.) heute. Die hier eingenommene Position grenzt sich von einer Ausblendung oder Reduktion der Ideologiekritik, wie sie der „herkömmlichen Wertkritik“ zu Recht vorgeworfen wird, genauso ab wie von einem ideologiekritischen Reduktionismus etwa nach dem Muster der „antideutschen“ Szenen.

Referat und Diskussion

Sonntag, 6.11.

10.00 – 12.00 DAS ENDE DER DEUTSCHLAND-AG UND DER ABSTURZ DER NEUEN MITTELKLASSEN (Robert Kurz)

Während große Teile der traditionellen (und der postmodernen) Linken politische Morgenluft wittern und die Rückkehr zum Klassenkampf ausrufen, liegt diesen scheinbaren Aufbrüchen etwas ganz anderes zu Grunde: Das Ende des korporatistischen nationalen Finanzkapitals im Krisenprozeß der Globalisierung, die Abwicklung der Deutschland-AG und der Absturz der neuen Mittelklassen. Daraus resultiert eine regressive Ideologiebildung, die nur vordergründig traditionsmarxistisch ist, in Wirklichkeit aber eine neo-kleinbürgerliche, verkürzte Kapitalismuskritik mobilisiert, die als Matrix eines strukturellen Antisemitismusbezeichnet werden kann. Die spezifisch deutsche Geschichte und Konstitution des Fordismus spielt dabei ebenso eine Rolle wie die allgemeine Metamorphose des ehemaligen „Klassensubjekts“ im Kapitalismus. Erst aus der Analyse dieser tiefer liegenden Zusammenhänge können Kriterien für eine kritische Intervention entwickelt werden.

Referat und Diskussion

 


Datum

4.11.-6.11.2005

Kosten für das Seminar

Variante A
2 Übernachtungen mit Vollpension
im Doppelzimmer mit Dusche und WC
+ Tagungsbeitrag
Gesamt: 90,00 Euro

Variante B
2 Übernachtungen mit Vollpension
im Mehrbettzimmer
+ Tagungsbeitrag
Gesamt: 75,00 Euro

Variante C
Teilnahme nur am Seminar
Tagungsbeitrag 15.- Euro

Anreisebeschreibung zum Naturfreundehaus Elmstein

Anreise mit dem Auto ist günstiger, da Elmstein etwas abseits der nächsten Bahnlinie liegt.

Anreise per Bahn:

Nächstgelegener IC/ICE-Bahnhof ist Neustadt an der Weinstraße (an der Linie Mannheim-Saarbrücken). Es empfiehlt sich, nur bis hierher zu fahren (obwohl es mit der Regionalbahn noch ein bißchen näher heranginge – nämlich bis Lambrecht), da der 1. Vorsitzende in seiner unendlichen Güte bereit ist, die Ankömmlinge hier abzuholen. Er bittet jedoch, die Ankunftszeiten in Neustadt einigermaßen zu koordinieren und ihm rechtzeitig durchzugeben, damit nicht länger als nötig gewartet bzw. öfter als nötig gefahren werden muß.

Anreise per Auto:

Hier gilt es, zunächst das Autobahnkreuz Mutterstadt zu erreichen, das sich an der A 61 zwischen dem Hockenheimer Dreieck und dem Frankenthaler Kreuz befindet.

(Von Süden/Osten über die A 5 bzw. A 6 zum Kreuz Walldorf und weiter zum Hockenheimer Dreieck, wo man unschwer die A 61 Richtung Koblenz/Saarbrücken gewinnt. Von Köln/Koblenz kommend ist man eh auf der A 61; von Ffm über die A 67 zum Viernheimer Dreieck und weiter über die A 6 bis Kreuz Frankenthal, wo man die A 61 (Richtung Karlsruhe) nimmt.

Am Kreuz Mutterstadt wechselt man auf die A 65 Richtung Neustadt/Landau und fährt bis zur Ausfahrt Neustadt a.d.W. -Nord.

Nun auf der B 39 durch Neustadt Richtung Kaiserslautern bis Lambrecht.

Kurz hinter Lambrecht links ab Richtung Elmstein/Johanniskreuz.

Im Ortsteil Elmstein-Appenthal, direkt an der Ruine der Klosterkirche, biegt man rechts ab in ein Seitental Richtung Harzofen.

Nach ca. 2 km liegt am Ende des Tales (zuletzt der Hauptrichtung links-bergauf folgend der Parkplatz des Naturfreundehauses; unmittelbar darüber dieses selbst.

ANMELDUNG:

Per E-mail: seminar + @exit-online.org (bitte manuell zusammenfügen und das Pluszeichen dabei weglassen)

Per Post:
Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften
Postfach 210721
42357 Wuppertal

 

Roswitha Scholz für die Redaktion