exit!-Seminar 2007: Überflüssige Menschen

Überflüssige Menschen

Dabei sind Exklusion und das Überflüssigsein von Menschen wahrlich keine neuen Phänomene, sondern sie gehörten zum Wesen des Kapitalismus von Anfang an. Zygmunt Baumann schreibt hierzu treffend: „Die Müllmänner sind die unbesungenen Helden der Moderne. Tag für Tag erneuern und bearbeiten sie die Grenzlinie zwischen Normalität und Pathologie, Gesundheit und Krankheit, dem Wünschenswerten und dem Abstoßenden, dem Akzeptierten und dem Zurückgewiesenen, dem, was sich schickt, und dem, was sich nicht schickt, der Innen- und der Außenseite des menschlichen Universums. Sie bedarf ihrer ständigen Wachsamkeit und ihres Fleißes, denn sie ist alles andere als eine >natürliche Grenze<: keine himmelhohen Berge, unergründliche Meerestiefen oder unpassierbare Schluchten trennen die Innen- von der Außenseite“.

Unter den Bedingungen der Weltkrise der 3. industriellen Revolution nimmt der Exklusionsprozess eine neue Dimension an, weil im Unterschied zum Aufstieg der Moderne an deren innerer Schranke der bloße Kampf um „Teilhaberechte“ (Thomas Marshall) auf dem Boden der gegebenen Ordnung ins Leere zu laufen droht. Wir wollen uns in diesem Seminar mit Aspekten und Mechanismen des Überflüssigseins beschäftigen. Dabei soll auch sichtbar gemacht werden, dass die Exklusionstendenzen im Kontext universeller Konkurrenz entstehen.

Das Programm:

FREITAG, 21. 9.

Anreise ab 16.00

18.00 – 19.00 Abendessen

19.00 – 21.00  Der Tod und der Wert (Martin Dornis)

Der Tod gilt gemeinhin als abseitiges, mystisches, gar esoterisches Thema, nicht unbedingt als eines für kritische Gesellschaftstheorie notwendiges. Das Referat will dagegen dieses Thema aus gesellschaftskritischer Perspektive beleuchten und seine zentrale Stellung bei der Untersuchung kapitalistischer Synthesis verdeutlichen. Einerseits vollzieht sich diese Synthesis sowohl durch die Köpfe der Individuen als auch über sie hinweg. Dabei entfaltet sich eine Dynamik, die zum Tretmühleneffekt einer „Dialektik von Arbeit und Zeit“ (Postone) führt, die in ihren Grundzügen im selbstwidersprüchlich zerrissenen Wesen der Ware auffindbar ist. In dieser sich verselbständigenden Dynamik produzieren die Individuen nicht nur eine sie beherrschende Welt, sondern damit zugleich auch ihre eigene Überflüssigkeit. Als bürgerliche Individuen generieren sie Verhältnisse, die sich soweit gegen sie selbst wenden können, dass sie liquidiert zu werden drohen. Das Grundgesetz der Kapitalakkumulation, die Polarisierung von Reichtum am einen, von Elend am anderen Pol, läuft daher in seiner Konsequenz auf physische Vernichtung hinaus. Andererseits tritt uns der Tod in der Warengesellschaft aber auch als systematisches bewusstes Morden entgegen. Der antisemitisch motivierte Massenmord der Deutschen und ihrer völkischen Helfershelfer an sechs Millionen Juden steht dafür so exemplarisch wie das heutige Ziel der Vernichtung Israels durch die islamistische Barbarei. Die Juden bzw. mit einem jüdischen Prinzip assoziierte Individuen stehen für die Verwerfungen der Warengesellschaft und sollen für sie dran glauben müssen. Al Quaida propagiert: „Ihr liebt das Leben und wir den Tod“. An diesem Punkt wird der Tod als Selbstzweck, Dreh- und Angelpunkt antisemitischer Ideologie deutlich. Dieser Denkweise ist auch im Kontext einer Kritik deutscher Ideologie seit Heidegger auf den Grund zu gehen, um in den Blick zu nehmen, wie im Zuge heutiger Zuspitzungen der Krisendynamik in verschiedener Hinsicht über den Tod in dieser Gesellschaft diskutiert wird. Schließlich steht zur Debatte, wie eine kritische Gesellschaftstheorie sich dieses Themas annehmen muss.

Samstag, 22.9.

10.00 – 12.00  Die Wiederkehr der alten Männer. Geschlechterontologische Verarbeitungsformen der Krise (Frank Rentschler)

Die Krise von Arbeit und Politik berührt auch die männliche Subjektform und das abgespaltene Weibliche. Werden diese Faktoren jedoch als unüberschreitbar gesetzt, führt dies zwangsläufig zur Legitimierung destruktiver Krisenverarbeitungsformen. Neben dem Sexismus werden Rassismus und Antisemitismus zentrale Bausteine der ideologischen Gebilde. Im Einzelnen unterscheiden sich allerdings die Begründungsmuster und Schlussfolgerungen. Dies soll an drei Fallbeispielen gezeigt werden, denen gemeinsam ist, dass hier alte Männer ihr Überflüssigwerden thematisieren. Besprochen werden Schriften von Gunnar Heinsohn (Söhne und Weltmacht), Frank Schirrmacher (Der Methusalem-Komplex, Minimum) und Manfred Pohl (Das Ende des weißen Mannes). Diese Bücher sind in den bürgerlichen Medien (FR, Süddeutsche) durchaus kritisiert worden. Da jedoch die Kritiker genauso wenig an den geschlechtlichen Grundkategorien des Kapitalismus rütteln wie die Kritisierten, deuten die zu besprechenden Werke mögliche reale Verlaufsformen der Krise an, die wahrscheinlicher sind als die liberalen Illusionen. Deswegen sind diese Schriften trotz (oder vielleicht sogar wegen) ihrer Durchgeknalltheit ernst zu nehmen.

12.00 Mittagessen

13.00 – 15.00  Selektion im Namen der Selbstbestimmung. Die individualisierte Eugenik (Andrea Truman)

Gastreferentin Andrea Truman, Mitautorin des (in Exit 4 ausführlich besprochenen) Buches „Das Leben lebt nicht“, setzt sich mit einem Aspekt der sogenannten Biopolitik auseinander. Gemeinhin gilt „Biopolitik“ als eine Angelegenheit des Staates, der mit repressiven Maßnahmen das generative Verhalten und die Zusammensetzung der Bevölkerung zu beeinflussen versucht. Werden jedoch die gegenwärtigen Diskurse z.B. um Schwangerschaftsvorsorge betrachtet, ist ein offen autoritär auftretender Staat nicht sichtbar. Vielmehr werden postmoderne feministische Vorstellungen von „Selbstbestimmung“ aufgegriffen und mit Maßnahmen der pränatalen Diagnostik verknüpft. Im Resultat führt das zu einer „individualisierten Eugenik“, indem als „behindert“ geltende Kinder von ihren Müttern als „selbstbestimmter“ Akt abgetrieben werden. In dem Referat soll gezeigt werden, dass dieser Sachverhalt sich mit postmodernen feministischen Theorien genau so wenig zureichend kritisieren lässt wie mit älteren, auf Identität und Körperlichkeit rekurrierenden feministischen Ansätzen. Notwendig wird vielmehr ein Ansatz, der individualistische Kindererziehung und kapitalistische Arbeitsteilungen gleichermaßen kritisch ins Blickfeld bekommt.

16.00 – 18.00  Exklusion und Mittelschichtsvergesellschaftung (Roswitha Scholz)

Heute herrscht Verwirrung darüber, ob der Klassenbegriff für die sozialen Verhältnisse noch taugt. Häufig wird dabei versucht, die neuen sozialen Ungleichheiten partout in ein wie immer modifiziertes traditionelles Klassenkampf-Schema zu pressen, ohne die gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen sozialer Lagen ausreichend zu erfassen. Das heißt aber nicht, dass die spezifischen Interessenlagen und Konkurrenzverhältnisse keine Rolle mehr spielen würden. Widersprochen wird deshalb nicht nur Auffassungen, die glauben die Klassenkampf-Kategorie für emanzipatorische Zielsetzungen remobilisieren zu müssen, sondern auch allzu simpel gestrickten Annahmen, wie sie im wertkritischen Spektrum zu finden sind: nämlich jedes Individuum sei in der gleichen Weise von „Deklassierung“ bedroht. In dem Referat wird dagegen die These vertreten, dass wir bis in die 90er Jahre hinein in einer individualistisch geprägten, pluralisierten Mittelschichtsgesellschaft lebten. Seither bestimmen Exklusionsängste zunehmend auch die Befindlichkeit der sogenannten „neuen Mitte“, die jedoch affirmativ und selber ausgrenzend verarbeitet werden. Vor dem Hintergrund einer kurzen Skizze der Exklusionsgeschichte im Kapitalismus soll gezeigt werden, dass Exklusion heute nicht deshalb „schlecht“ und „bedrohlich“ ist, weil sie nun auch die gesamtgesellschaftlich stabilisierende „Mitte“ betrifft, sondern weil Exklusion konkurrenzvermittelt schon immer zur Grundstruktur des Kapitalismus gehört (Frauen, Migranten, Behinderte, sogenannte „sozial Schwache“ etc.). Dies galt auch noch für die Zeiten wohlfahrtsstaatlicher fordistischer Prosperität. Not tut deshalb eine radikale Kapitalismuskritik jenseits eines – wie immer auch verschwiemelt daherkommenden – Interessenstandpunkts der neuen Mittelschichten bzw. ihrer Segmente.

18.00 – 19.00 Abendessen

19.00 – 20.00 Mitgliederversammlung des Fördervereins EXIT!

ab 20.00  Kulturprogramm: Auswege und Verhängnisse. Carsten Weber liest aus Grimms Märchen und den Erzählungen Franz Kafkas

In der europäischen Geschichte waren diejenigen, die nicht zu den Herrschenden bzw. zu den Funktionseliten des Kapitalismus gehörten, immer wieder gezwungen, Auswege aus den Verhängnissen der jeweiligen Fetischverhältnisse zu suchen, um zu überleben. Diese existentiellen Zwangslagen fanden selbstverständlich ihren Niederschlag auch in der erzählenden Literatur. Präsentiert werden soll eine Auswahl aus Grimms Märchen sowie aus Franz Kafkas Erzählungen, die den bisweilen odysseischen Listen der Erniedrigten und Enteigneten einen angemessenen Ausdruck verleiht. Dabei soll keineswegs einer Apotheose der „kleinen Leute“ Vorschub geleistet werden, die allzu oft das antisemitische und das antiziganistische Ressentiment bedient (wie leider gerade auch in vielen Märchen, „Hänsel und Gretel“ bietet mit der Kinder fressenden Hexe ein unrühmliches Paradebeispiel). Vielmehr soll einer literarischen Ausdrucksform zu ihrem Recht verholfen werden, die in ihren besten Momenten – eine entsprechend strenge Auswahl wird für die Lesung verbürgt – den Bedrängnissen der Geschlagenen in Sprache, Atmosphäre und Handlung gerecht wird und sich sowohl den von bürgerlichen Ideologien geprägten Verbiegungsleistungen insbesondere der Brüder Grimm selbst, die einem erheblichen Teil der von ihnen gesammelten Märchen eine teilweise sinnentstellende Sonntagswäsche verpassten, als auch Vereinnahmungsversuchen durch linkspopulistische Ideologien sperrt.

Sonntag, 23.9.

10.00 – 12.00  Das digitale Mittelschichts-Prekariat. Wie ein systemimmanentes Partikularinteresse zum Menschheitsstandpunkt aufgeblasen wird (Robert Kurz)

Der allgemeine Gegenstand der Wert-Abspaltungskritik ist die negative Vergesellschaftung der Moderne und deren absolute innere Schranke. Um die Perspektive einer radikalen Umwälzung zu gewinnen, ist der Formzusammenhang der gesamtgesellschaftlichen (heute weltgesellschaftlichen) Reproduktion einschließlich des Geschlechterverhältnisses grundsätzlich in Frage zu stellen. In der Weltkrise der 3. industriellen Revolution versucht sich dagegen ein Minderheitskapitalismus unter Ausgrenzung einer wachsenden Mehrheit als angebliche „Wissensgesellschaft“ auf schwankendem Boden neu einzurichten. Diese Ideologie grassiert als neokleinbürgerlicher Selbstbehauptungs-Standpunkt gerade unter prekarisierten Informatikern, Symbolanalytikern, Webdesignern und Freelancern von Werbeindustrie, Medien etc., teils firmierend als „Kybertariat“ (Mario Candeias). Gezeigt werden soll, wie dieses postmoderne Partikularinteresse sich auch in linken Theorien als „universelle gesellschaftliche Figur der neuen Produktions- und Lebensweise“ (Candeias) geltend machen will, wobei das Geschlechterverhältnis weitgehend ausgeblendet und die Massenverarmung unter den Betroffenheits-Gesichtspunkt einer sozialen Gruppe subsumiert wird. Einerseits handelt es sich um die direkte Ideologisierung von Selbstverwertung oder „Autovalorisazzione“ (Antonio Negri) durch eine „digitale Boheme“ (Holm Friebe/Sascha Lobo). Andererseits werden von etlichen „Wertkritikern“ Krise und Kritik der Warengesellschaft heruntergebrochen und verengt auf den virtuellen Raum als zirkulationsideologische Partikularutopie einer „freien Wissensvergesellschaftung“. Pate stehen dafür die haltlosen politökonomischen Konzepte der „immateriellen Arbeit“ (Negri) als neue Arbeitsontologie und der (digitalen) angeblichen „Universalgüter“ (Stefan Meretz), die schon „an sich“ die Warenform „partiell“ transzendieren sollen.

 


Datum
21. – 23. September 2007

Zum Tagungsort

Haus Mühlberg (Tagungs- und Freizeitstätte der Ev. Kirche der Pfalz)

Anreisebeschreibung
Am Mühlberg 17
67677 Enkenbach-Alsenborn (Ortsteil Enkenbach)
Tel.: 06303 – 2337

Vom Bahnhof kommend erreicht man das Haus Mühlberg zu Fuß in ca. 10 Minuten: man verlässt den Bahnhof nach links, an der Hauptstrasse wieder links über einen Bahnübergang und einen Kreisverkehr hinweg; ca. 200 m nach dem Kreisverkehr (der mit einem Elefanten aufwartet) links den Berg hoch (Haus Mühlberg ausgeschildert).

Mit dem Auto von der Autobahn kommend fährt man bis zur Kreuzung mit Ampel in der Ortsmitte, dort rechts und dann weiter über besagten Bahnübergang und Kreisverkehr.

Teilnehmerkosten pro Person mit Übernachtung und Verpflegung
Freitag bis Sonntag:

Doppelzimmer o. Dusche/WC (auf dem Flur): 90 Euro

Einzelzimmer o. Dusche/WC (auf dem Flur): 100 Euro

Doppelzimmer m. Dusche/WC: 100 Euro

Teilnahme nur am Seminar: Tagungsbeitrag 15 Euro

Ermäßigung

Anmeldung:

Roswitha Scholz für die EXIT!-Redaktion